Tradition Jesu vs. christliche Religion

Um das Christentum richtig zu verstehen, müssen einige Dinge auseinandergehalten werden, wie es auch die Mehrheit der Gelehrten zu tun pflegt. So ist es wichtig, zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens zu unterscheiden. Unter dem historischen Jesus versteht man den den Prediger und Propheten aus Nazareth, der tatsächlich zur Zeit des Kaisers Augustus und unter Herodes gelebt hat. Der Christus des Glaubens ist Predigtinhalt der Jünger, die in ihm den Sohn Gottes und den Erlöser sehen.

 Eine weitere wichtige Unterscheidung muss zwischen dem Reich Gottes und der Kirche vorgenommen werden. Das Reich Gottes ist die ursprüngliche Botschaft Jesu. Sie bedeutet eine umfassende Revolution, die die Beziehungen zwischen den Menschen und Gott (als Söhne und Töchter), mit den Mitmenschen (als Brüder und Schwestern), der Gesellschaft (der Arme im Mittelpunkt) und dem Universum (die Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde) neu definiert. Weil Jesus abgelehnt wurde und folglich das Reich Gottes nicht realisiert wurde, kam es zur Bildung der Kirche. Bei ihr handelt es sich um eine historische Konstruktion mit dem Ziel, die Sache Jesu in den unterschiedlichen Kulturen und Zeitepochen voranzutreiben. Ihre vorherrschende Ausprägung hat sie in der abendländischen Kultur, doch findet sie sich auch in der orientalischen Kultur, bei den Kopten u. a.

Ebenfalls ist es wichtig, die Tradition Jesu von der christlichen Religion zu unterscheiden. Die Tradition Jesu hat ihren Ursprung noch vor der Niederschrift der Evangelien, selbst wenn sie in diesen enthalten ist. Die Evangelien wurden 30 bis 60 Jahre nach Jesu Hinrichtung verfasst. In der Zwischenzeit waren bereits Gemeinden und Kirchen entstanden mit ihren Spannungen, internen Konflikten und Organisationsformen. Die Evangelien spiegeln dies wider und sind Teil dieser Situation. Sie sind keine Geschichtsbücher, sondern Bücher, die der Auferbauung dienen sowie der Verbreitung des Leben und der Botschaft Jesu als Welterlöser.

Was ist bei all dieser Verwirrung nun unter Tradition Jesu zu verstehen? Sie ist der harte Kern, wie das Innere einer Nussschale, der die ursprüngliche Absicht und Lebenspraxis Jesu (ipsissima intention et acta Jesu) repräsentiert, noch bevor eine Interpretation vorgenommen wurde. Sie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: An erster Stelle steht der Traum Jesu, das Reich Gottes, als eine wahrhafte Revolution der Geschichte und des Universums, ein konfliktbeladener Entwurf, der sich dem Reich Cäsars entgegenstellte. Danach seine persönliche Gotteserfahrung, die er seinen Jüngern vermittelte: Gott ist Vater (Abba), voll Liebe und Sanftmut. Seine Besonderheit ist seine Barmherzigkeit, seine Liebe zu den Undankbaren und Bösen (Lk 6,35). Dann predigt er die bedingungslose Liebe, die für ihn gleichrangig ist mit der Liebe zu Gott. Ein weitere Punkt besteht darin, die Armen und Kleinen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind die Ersten, an die sich die Botschaft vom Reich Gottes richtet und denen es zugute kommt. Nicht wegen ihrer moralischen Bedingungen, sondern weil man ihnen das Leben vorenthält, haben sie eine Vorrangstellung bei Gott. Durch unser Verhalten ihnen gegenüber entscheidet sich, ob wir Erben des Reiches werden oder nicht (Mt 25,46). Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gemeinde. Er wählte die Zwölf aus, um mit ihnen zu leben. Die Zahl Zwölf ist symbolisch: sie steht für die Sammlung der 12 Stämme Israels und die Versöhnung zwischen allen Völkern, die zum Einen Volk Gottes werden. Schließlich geht es um die Machtausübung. Ihr Gebrauch ist nur dann legitim, wenn sie zum Dienst der Gemeinde ausgeübt wird, und wer die Macht inne hat, muss sich selbst immer hintanstellen.

Diese Werte und Visionen bilden die Tradition Jesu. Wie man sehen kann, handelt es sich dabei nicht um eine Institution, eine Doktrin oder eine Disziplin. Jesus wollte lehren, wie man lebt; er wollte keine neue Religion gründen, keine Institution mit frommen Gläubigen. Die Tradition Jesu ist ein guter Traum, ein spiritueller Weg, der verschiedene Formen annehmen und auch Anhänger außerhalb des religiösen und kirchlichen Raums finden kann.

Im Lauf der Geschichte wurde aus der Tradition Jesu die christlichen Religion: eine religiöse Organisation in Form diverser Kirchen, insbesondere der römisch-katholischen Kirche. Kennzeichnend für sie ist, dass es sich bei ihnen um Institutionen mit Doktrinen, Disziplinen, ethischen Beschlüssen, rituellen Zelebrationsformen und einem juristischen Kanon handelt. Die römisch-katholische Kirche wurde speziell um die Kategorie der Heiligen Vollmacht (sacra potestas) strukturiert, die sich in den Händen einer kleinen Elite konzentriert, der Hierarchie mit dem Papst an der Spitze und unter Ausschluss von Laien und Frauen. Sie verfügt über die Entscheidungsgewalt und über das Monopol des Wortes. Dies ist hierarchisch und führt zu großen Ungleichheiten. Zu Unrecht erhebt sie den Anspruch, identisch mit der Tradition Jesu zu sein.

Diese Art geschichtlicher Transformation verdunkelt einen Großteil der Originalität und der Ausstrahlung Jesu. Daher befinden sich alle Kirchen in einer Krise, denn sie bereiten nicht die „Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll“ (Lk 2,11), wie es noch in ihren Anfängen der Fall war.

Jesus selbst sah diese Entwicklung voraus und warnte, dass es zu nichts nütze sei, die Gesetze zu achten und das „Wichtigste im Gesetz außer acht zu lassen: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen“ (Mt 23.23).

Kehren wir zur Gegenwart zurück: Wie kommt es, dass so viele fasziniert sind von der Person und den Worten Papst Franziskus’? Das liegt daran, dass er direkt an der Tradition Jesu anknüpft. Er bekräftigt, dass „die Liebe vor dem Dogma kommt und der Dienst an den Armen vor den Doktrinen steht“ (Civiltà Cattolica). Ohne diesen Einsatz verliert das Christentum „die Frische und den Duft des Evangeliums“. Es verwandelt sich dann in eine religiöse Ideologie und wird zu einer doktrinären Besessenheit.

Es gibt keinen besseren Weg, um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, die die römisch-katholische Kirche verloren hat, als zur Tradition Jesu zurückzukehren. In seiner Weisheit beschreitet Papst Franziskus diesen Weg bereits.

Siehe von L.Boff, Mein Glaube: Christsein in einem neuen Zeitalter, Herder,Freiburg 2013.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

O mundo em que vivemos é ecocida

     

No dia 27 de setembro os centenas de cientistas reunidos em Estocolmo para avaliar o nível de aquecimento global do planeta, o conhecido Painel Intergovernamental das Mudanças Climáticas (IPCC), nos transmitiram dados preocupantes: “Concentrações de dioxido de carbono (CO2), de metano (CH4) e de óxido nitroso (N2O), principais responsáveis pelo aquecimento global, agora excedem substancialmente as maiores concentrações registradas em núcleos de gelo durante os últimos 800 mil anos”. A atividade humana influiu nesse aquecimento com uma certeza de 95%. Entre 1951 e 2010 a temperatura subiu entre 0,5ºC e 1,3ºC e em alguns lugares já chegou a 2ºC. As previsões para o Brasil não são boas: poderemos ter a partir de 2050  um permanente verão durante todo o ano.

Tal temperatura poderá produzir efeitos devastadores para muitos ecossistemas e para crianças e idosos. Os cientistas do IPCC fazem um apelo ardente para que se iniciem no mundo todo imediatamente ações, em termos de produção e de consumo, que possam deter este processo e minorar seus efeitos maléficos. Como disse um dos coordenadores do relatório final, o suiço Thomas Stocker:”A questão mais importante não é onde estamos hoje, mas onde estaremos em 10, 15 ou 30 anos. E isso depende do que fizermos hoje”.

Pelo visto muito pouco ou quase nada se está fazendo de forma articulada e global. Os interesses econômicos de acumulação ilimitada à custa do esgotamento dos bens e serviços naturais  prevalecem sobre as preocupações pelo futuro da vida e pela integridade da Terra.

A percepção básica que se tem ao ler o resumo de 31 páginas é que vivemos num tipo de mundo que sistematicamente destrói a capacidade de nosso planeta de sustentar a vida. Nossa forma de relacionamento para com a natureza e a Terra como um todo é ecocida e geocida. A seguir por este rumo vamos seguramente ao encontro de uma tragédia ecológico-social.

O propósito de incontáveis grupos, movimentos e ativistas se concentra na identificação de novas maneiras de viver de sorte que garantamos a vida em sua vasta diversidade e que vivamos em harmonia com a Terra, com a comunidade de vida e com o cosmos.

Num trabalho que nos custou mais de dez anos de intensa pesquisa um pedagogo canadense e experto em moderna cosmologia Mark Hathaway e eu tentamos ensaiar uma reflexão atenta que incluisse a contribuição do Oriente e do Ocidente a fim de delinearmos uma direção viável para todos. O livro se chama :”O Tao da libertação :explorando a ecologia da transformação” (Vozes 2012). Fritjof Capra fez-lhe um belo prefácio e a  comunidade científica norteamericana o acolheu a edição inglesa benevolamente, pois o Instituto Nautilus nos conferiu em 2010 a medalha de ouro em Ciência e Cosmologia.

Nossa pesquisa parte da seguinte constatação: há uma patologia aguda inerente ao sistema que atualmente domina e explora o mundo: a pobreza, a desigualdade social, o esgotamento da Terra e o forte desequilíbrio do sistema-vida; as mesmas forças e ideologias que exploram e excluem os pobres estão também devastando toda a comunidade de vida e minando as bases ecológicas que sustentam o Planeta Terra.

Para sair desta situação dramática somos chamados, de uma maneira muito real, a nos  reinventar como espécie. Para isso precisamos de sabedoria que nos leve a uma profunda libertação/transformação pessoal, passando de senhores sobre as coisas a irmãos e irmãs com as coisas. Essa reinvenção implica também uma transformação/libertação coletiva através de um outro design ecológico. Este nos convence a respeitar e viver segundo os ritmos da natureza. Devemos saber o que  extrair dela para a nossa subsistência coletiva e como aprender dela pois ela se estrutura sistemicamente em redes de inter-retro-relações que garantem a cooperação e a solidariedade de todos com todos e conferem sustentabilidade à vida em todas as suas formas, especialmente à vida humana. Sem esta cooperação/solidariedade de nós com a  natureza e entre todos os humanos, não encontremos uma saída eficaz.

Sem uma revolução espiritual (não necessariamente religiosa) que envolva uma outra mente (nova visão) e um novo coração (nova sensibilidade) em vão procuramos soluções meramente científicas e técnicas. Estas são indispensáveis mas incorporadas dentro de um outro quadro de princípios e valores que estão na base de um novo paradigma civilizatório.

Tudo isso está dentro das virtualidades do processo cosmogênico e também dentro das possibilidades humanas. Importa crer em tais realidades. Sem fé e esperança humanas não construiremos uma Arca salvadora para todos.

 

Veja Leonardo Boff e Mark Hathaway, O Tao da Libertação:explorando a ecologia da transformação, Vozes 2012.

 

 

The Tradition of Jesus vs the Christian Religion

To adequately comprehend Christianity, one must make  some distinctions that are accepted by most scholars. Thus, it is important to distinguish between the historical Jesus and the Christ of the faith.  By historical Jesus is understood the preacher and prophet from Nazareth as he actually existed under Caesar Augustus and Herod. The Christ of the faith is the content of the preaching of his disciples, who see Him as the Son of God and Savior.

Another important distinction that must be made is between the Kingdom of God and the Church. The Kingdom of God is the original message of Jesus. It signifies an absolute revolution, redefining the relationships of human beings with God, (sons and daughters), of humans among themselves (all brothers and sisters), of humans with society (the centrality of the poor), and with the universe (the creation of a new heaven and a new Earth). The Church has been possible because Jesus was rejected and therefore, the Kingdom of God was not realized. The Church is a historical construction, that tries to carry on the cause of Jesus in different cultures and epochs. The dominant incarnation is in Western culture, but it is also found in Eastern culture, in the Copt and others.

It is also important to distinguish between theTradition of Jesus, and the Christian religion.  TheTradition of Jesus predates the writing of the Gospels, even though it is embodied in them. The Gospels were written from 30 to 60 years after the execution of Jesus. In the meantime, communities and churches were organized, with their tensions, internal conflicts and forms of organization. The Gospels reflect and are part of this situation.  The Gospels do not pretend to be historical books, but books for edification, and for the diffusion of the life and message of Jesus, as the Savior of the world.

What does theTradition of Jesus mean within this tangle? TheTradition of Jesus is that hard nucleus, the contents that fit in a nut shell and represent the original intention and praxis of Jesus (ipsissima intentio et acta Jesu) before the interpretations that were made of them. It could be summarized in the following: In the first place is the dream of Jesus, the Kingdom of God, as an absolute revolution of history and the universe, a conflictive proposition, because it opposed the kingdom of Caesar. Then, His personal experience of God, that He transmitted to His followers: God is Father (Abba), filled with love and tenderness. His special characteristic is to be merciful, God loves the ungrateful and the bad (Luke 6,35). Then He preaches and lives unconditional love, that He puts on the same level as the love of God. Another point is to give centrality to the poor and the invisible. They are the first addressed and beneficiaries of the Kingdom, not for their moral condition, but because they are deprived of life, which causes the living God to opt for them. Our conduct with them will determine whether or not we attain salvation (Matthew  25,46). Still another important point is community. He chose twelve to live with Him; the number twelve is symbolic: it represents the gathering of the 12 tribes of Israel and the reconciliation of all peoples, becoming The People of God. Finally, the use of power. The only legitimate use of power is that which serves the community, and the power holder must always seek to be in last place.

These values and visions form theTradition of Jesus. As can be seen, it is not about an institution, doctrine or discipline. Jesus wanted to teach how to live, not to create a new religion, an institution with pious parishioners. TheTradition of Jesus is a good dream, a spiritual path that can take many forms and also can have followers other than the religious and ecclesiastic.

TheTradition of Jesus transformed itself through history into a religion, the Christian religion: a religious organization consisting of different Churches, especially the Roman Catholic Church. These Churches are characterized by being institutions with doctrines, disciplines, ethical determinations, ritual forms of celebration and juridical canons. The Roman Catholic Church in particular was organized around the category of sacred power (sacra potestas), which it concentrated in the hands of a small elite, a hierarchy with the Pope at the head, to the exclusion of the laity and of women. The hierarchy holds on to the decision making, and a monopoly on the word. It is hierarchical, and creates great inequalities. The hierarchy illegitimately claims to be identified with theTradition of Jesus.

This type of historical transformation obscures the best of the originality and enchantment of theTradition of Jesus. It is why the Churches are all in crisis, because they are no longer “joy for all the people” (Luke 2,11), as they were at their beginnings.

Jesus, Himself, foresaw this development, warning that is of little use to observe the laws “and not worry about the most important, which is justice, mercy and faith; this is what is important, without excluding the other” (Matthew 23,23).

Returning to the present:  Wherein lies the fascination with the figure and speeches of Pope Francis? It is because he directly allies himself with theTradition of Jesus.  Pope Francis affirms that “love comes before dogma and service to the poor before doctrines” (Civiltà Cattolica). Without this inversion, Christianity loses “the freshness and the fragrance of the Gospel.”  It transforms itself into a religious ideology and becomes a doctrinarian obsession.

There is no way to regain the credibility the Roman Catholic Church has lost, other than to return to the Tradition of Jesus, as Pope Francis is wisely doing.

Free translation from the Spanish sent by
Melina Alfaro, alfaro_melina@yahoo.com.ar,
done at REFUGIO DEL RIO GRANDE, Texas, EE.UU.

Papst Franziskus und die „Entheidnisierung“ des Papsttums

 

       Die Innovationen in den Gewohnheiten und Ansprachen von Papst Franziskus hat die konservativen Kreise, die den Anweisungen der beiden vorherigen Päpste strikt Folge leisteten, in eine tiefe Krise gestürzt. Für sie war es vor allem inakzeptabel, dass der Papst einen der Initiatoren der „verdammungswürdigen“ Befreiungstheologie, den Peruaner Gustavo Gutiérrez, in einer Privataudienz empfing. Sie sind verblüfft über die Aufrichtigkeit des Papstes, mit der er die Fehler und Irrtümer der Kirche und seine eigenen zugibt und die Karrieresucht zahlreicher Prälaten anprangert, sowie den höfischen und einschmeichelnden Geist vieler Machthaber, die er als „vatikanozentrisch“ bezeichnet, als „leprös“ ablehnt. Was sie aber wirklich schockiert hat, ist die Umkehrung, die er vornahm, indem er der Liebe, der Barmherzigkeit, der Sanftmut, dem Dialog mit der Moderne und der Toleranz mit den Menschen, selbst mit den Geschiedenen und den Homosexuellen, den Vorrang gibt und Doktrinen und kirchliche Disziplinen hintanstellt.

 

      Die radikalsten Stimmen kann man schon vernehmen, die, „zum Wohle der Kirche“ (der Ihren natürlich), den Papst meinend, beten: „Herr, illuminiere ihn oder eliminiere ihn“. Die Beseitigung unbequemer Päpste war in der langen Geschichte des Papsttums keine Seltenheit. Zwischen den Jahren 900 und 1000 gab es eine Zeit, die als „Ära der Pornokratie“ bezeichnet wurde, des Papsttums, währenddessen fast alle Päpste vergiftet oder ermordet wurden.

 

    Die häufigsten Kritikpunkte, die in den sozialen Netzwerken dieser von der Geschichte überholten und rückständigen Kreise zirkulieren, beschuldigen den aktuellen Papst, er entheilige die Figur des Papstes, indem er sie verweltliche und banalisiere. Tatsächlich kennen sie nicht die Geschichte und sind einer weltlichen Tradition verhaftet, die wenig mit dem historischen Jesus und dem Lebenswandel der Apostel gemein hat, sondern vielmehr mit der allmählichen Heidnisierung und Verweltlichung der Kirche gemäß dem Stil der heidnischen römischen Kaiser und der Renaissancefürsten.

 

    Die ersten Schritte in diese Richtung wurden in der Zeit Konstantins (274-337) eingeleitet, der das Christentum anerkannte, und mit Theodosius (379-395), als das Christentum die einzige anerkannte Religion im römischen Reich wurde. Mit dem Untergang des römischen Reichs entstanden Bedingungen, unter denen die Bischöfe, vor allem der Bischof von Rom, Leitungs- und Kontrollfunktionen übernahmen. Genau dies geschah unter Papst Leo I. „der Große“ (440-461), der zum Bürgermeister Roms ernannt wurde, um der Invasion der Hunnen zu begegnen. Er war der erste, der den Namen „Papst“ benutzte, was einst den Kaisern vorbehalten war. Noch mehr Macht erhielt Papst Gregor der Große (540-604), ebenfalls Bürgermeister von Rom. Schließlich kulminierte der Machtgewinn mit Gregor VII. (1021-1085), der sich die absolute Macht auf religiösem und weltlichem Gebiet aneignete: vielleicht die größte Revolution im Bereich der Ekklesiologie.

 

    Die aktuellen kaiserlichen, fürstlichen und höfischen Gewohnheiten in der ganzen Hierarchie der Kardinäle und Päpste sind insbesondere auf Papst Silvester (334-335) zurückzuführen. Zu seiner Zeit entstand eine Fälschung, die sogenannte „Konstantinische Schenkung“, mit dem Ziel, die päpstliche Macht zu stärken. Diesem Dokument zufolge hätte Kaiser Konstantin dem Papst die Stadt Rom und den westlichen Teil des Reichs übereignet. Diese „Schenkung“, die durch Kardinal Nikolaus von Kues (1400-1460) als Fälschung aufgedeckt wurde, schloss auch die Verwendung der kaiserlichen Insignien und die purpurne Kleidung ein, den Papsttitel, den goldenen Hirtenstab, die mit Hermelin besetzte und mit Seide gesäumte Monzetta für die Schultern, die Errichtung eines Gerichts und das Leben in einem Palast.

 

    Von dort stammen die aktuellen fürstlichen und höfischen Gewohnheiten der römischen Kurie, der Hierarchie der Kirche und der Kardinäle, insbesondere des Papstes. Sie haben ihre Quelle im Stil der heidnischen römischen Kaiser und den fürstlichen Prunk aus der Renaissance. Daraus leitet sich ein Prozess der Heidnisierung und der Verweltlichung der Kirche als hierarchische Institution ab.

 

    Denjenigen, die zur rituellen Tradition um die Figur des Papstes zurückkehren wollen, ist dieser veraltete und abgeschlossene Prozess nicht einmal bewusst. Sie bestehen auf etwas, das den Maßstäben der Evangelien und dem Lebensstil Jesu nicht standhält.

 

     Was macht Papst Franziskus? Er ist dabei, dem Papsttum und der ganzen Hierarchie wieder zu ihrem  wahrhaften Stil gemäß der Tradition Jesu und der Apostel zu verhelfen. Genau damit kehrt er zu der ursprünglichsten Tradition zurück und entheidnisiert das Papsttum im Geist des Evangeliums, wie es der Hl. Franz von Assisi dank seiner Inspiration so sinnbildlich vorgelebt hat.

 

    Die authentische Tradition befindet sich auf Papst Franziskus’ Seite. Die Traditionalisten sind einfach nur Traditionalisten, nicht aber traditionell. Sie sind dem Palast des Herodes und des Kaisers Augustus näher als dem Stall von Bethlehem und dem Handwerker aus dem Hause Nazareth.

 

     Ihnen gegenüber steht die Lebenspraxis Jesu und seine Worte über Schlichtheit und Einfachheit, Demut und Macht als ein Dienst; nicht so, wie es die heidnischen Fürsten zu tun pflegen und die Großen, die sich andere unterordnen und dominieren wollen. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22,26). Papst Franziskus spricht von dieser ursprünglichen Tradition und der ältesten, nämlich der Tradition Jesu und der Apostel. Aus diesem Grund verunsichert er die Konservativen, denen ihrerseits die Argumente ausgehen.

 

   Siehe auch: Leonardo Boff, „Kirche: Charisma und Macht: 25 Jahre Befreiungstheologie“, Gütersloher Verlagshaus, 2009

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack