Das Undenkbare denken: Leben und Zeit           

                  Leonardo Boff           

Wir müssen das Leben als höchsten Wert betrachten, über dem nur der Schöpfer allen Lebens steht, jenes Wesen, das allen Wesen Existenz verleiht. Wissenschaftler, insbesondere der bedeutendste unter ihnen, der sich mit dem Thema Leben befasste, der russisch-belgische Wissenschaftler Ilja Prigogine, stellten fest: Wir können die physikalischen, chemischen und ökologischen Bedingungen kennen, die vor 3,8 Milliarden Jahren die Entstehung des Lebens ermöglichten. Was dieses Leben jedoch ist, bleibt ein Rätsel.

Doch selbst wenn wir nicht begreifen können, was das Leben ist, können wir ihm dennoch Sinn geben. Der Sinn des Lebens ist zu leben, einfach zu leben, selbst unter einfachsten Bedingungen. Leben heißt, in jedem Augenblick die Feier dieses geheimnisvollen Ereignisses des Universums zu begreifen, das in uns und vielleicht auch in vielen anderen Teilen des Universums pulsiert.

Das Leben ist immer ein Leben mit und ein Leben für. Leben mit anderen Leben, mit menschlichen Leben, mit Leben in der Natur und mit Leben, die zufällig im Universum existieren und eines Tages mit uns kommunizieren können. Und das Leben ist dazu da, sich anderen Leben hinzugeben und sich mit ihnen zu vereinen, damit das Leben weiterlebt und sich immer wieder reproduzieren kann.

Das Leben wird von einem inneren Impuls angetrieben, der sich nicht zügeln lässt. Es will sich ausbreiten, entfalten und anderen Leben begegnen. Leben ist nur dann wirklich Leben, wenn es ein Leben mit und für andere ist.

Ohne „mit“ und „für“ gäbe es das Leben, wie wir es kennen, das von umfassenden Beziehungsnetzwerken umhüllt ist, die sich in alle Richtungen erstrecken, nicht.

Der unbändige Drang des Lebens bedeutet, dass es nicht nur dies oder jenes will. Es will alles. Es will sogar die Totalität, die Unendlichkeit. Letztlich will das Leben ewig sein, wie Nietzsche bereits sinnierte.

Sie trägt ein unendliches Projekt in sich. Dieses unendliche Projekt macht sie glücklich und unglücklich zugleich. Glücklich, weil sie anderen Leben und allem um sich herum begegnet, sie liebt und feiert; unglücklich, weil alles, was sie erlebt, liebt und feiert, endlich ist, langsam vergeht, der Entropie zum Opfer fällt und schließlich verschwindet. Trotz dieser Endlichkeit schwächt sie in keiner Weise ihre Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen.

Bei der Begegnung mit dieser Unendlichkeit findet sie Ruhe und erfährt eine Fülle, die ihr niemand geben kann, die aber nur sie selbst genießen und feiern kann. Die Unendlichkeit in uns ist das Echo einer größeren Unendlichkeit, die uns stets ruft und uns zu sich zieht.

Das Leben ist ganz und doch unvollständig. Es ist ganz, weil alles in ihm enthalten ist: das Reale und das Potenzial. Doch es ist unvollständig, weil das Potenzial, noch im Raum-Zeit-Kontinuum, noch nicht Wirklichkeit geworden ist. Und da das Potenzial grenzenlos ist, kann ein begrenztes Leben das Grenzenlose nicht umfassen. Deshalb ist es niemals wirklich vollkommen. Der Mensch ist ein Wesen im Ungleichgewicht. Doch er bleibt offen und wartet auf eine Vollkommenheit, die er sich wünscht und die eines Tages eintreten muss. Es ist eine Leere, die gefüllt werden will. Andernfalls hätte das Leben keinen Sinn. Ist der Tod nicht der Moment, in dem das Endliche dem Unendlichen begegnet?

Unser Leben entfaltet sich stets im Laufe der Zeit. Was ist Zeit? Niemand hat sie bisher definieren können, nicht einmal die klügsten Denker wie Augustinus und Heidegger. Ich für meinen Teil wage zu sagen: Zeit ist das Warten auf das, was geschehen mag. Dieses Warten ist unsere Offenheit, die uns fähig macht, das Kommende willkommen zu heißen. Diese Zeitspanne wäre die Zeit.

Wir müssen jeden Augenblick intensiv erleben! Die Vergangenheit existiert nicht mehr, weil sie vergangen ist, die Zukunft existiert noch nicht, weil sie noch nicht da ist. Nur die Gegenwart existiert. Lebe sie mit absoluter Intensität, schätze jeden Augenblick; er bringt die Zukunft in die Gegenwart und bereichert die Vergangenheit.

Jeder Augenblick ist ein Einbruch der Ewigkeit. Ich erkläre es Ihnen: Die Gegenwart lässt sich nur erleben. Sie lässt sich nicht fassen, einsperren oder aneignen. Sie ist einfach. Einst war sie (die Vergangenheit), und eines Tages wird sie sein (die Zukunft). Von der Zeit kennen wir nur die Vergangenheit. Die Zukunft ist uns unzugänglich, weil sie noch nicht da ist. Wir aber erleben das „Sein“ der Gegenwart, das wir niemals begreifen dürfen. Es durchdringt uns einfach und ist vergangen. Es besitzt die Natur der Ewigkeit, die ein beständiges „Sein“ ist. Zeit bedeutet somit einen Augenblick der flüchtigen Gegenwart der Ewigkeit. Wir sind in die Ewigkeit eingetaucht, weil wir in die Gegenwart eingetaucht sind.

Man muss dieses „Sein“ so leben, als wäre es das Erste und das Letzte. Dadurch wird der Mensch in gewissem Sinne ewig. Und indem man ewig wird, hat man Anteil an dem, was immer ist, ohne Vergangenheit und Zukunft: dem Wesen der Göttlichkeit.

Wir können über Zeit sprechen, doch es ist undenkbar. Wir brauchen Zeit, um über die Zeit nachzudenken. Dies ist ein Augenblick der Ewigkeit, verbunden mit dem, was die spirituellen und religiösen Traditionen der Menschheit als Mysterium, Tao, Shiva, Allah, Olorum, Jahwe, Gott bezeichnen – Namen, die in kein Wörterbuch passen und unser Verständnis übersteigen. Angesichts dessen ertrinken Worte. Nur edles Schweigen ist angemessen.

Dennoch hat jeder Einzelne, durch die flüchtige Gegenwart, Anteil am Wesen des Göttlichen, selbst wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Indem sie in das Bewusstsein eintauchen, ergeben sie sich dieser höchsten Wirklichkeit. Sie geben ihr den Namen, der ihre Teilhabe an ihr ausdrückt. Dieser Name ist in ihr gesamtes gegenwärtiges Wesen eingeschrieben, pulsiert aber besonders in ihrem Herzen. Dann bilden ihr Herz und das Herz dessen, der ewig ist, ein einziges, unermessliches Herz: Es ist das All in seiner strahlenden Fülle.

Leonardo Boff Theologe, Philosoph und Autor von:  Tempo de Transcendência:o ser humano com projeto infinito, Vozes 2009; com Anselm Grün, O Divino em nós,Vozes 2017; com Frei Betto.Mística e espiritualidade, Vozes 2010.

Übersetxt von Bettina Gold-Harnack

Über den Amazonas: was er ist und was nicht

Leonardo Boff

Auf der COP 30 in Belém rückte der Amazonas aufgrund seiner Bedeutung für das Klimagleichgewicht und die Verlangsamung der globalen Erwärmung in den Mittelpunkt. Über den Amazonas wurden alle möglichen Meinungen geäußert. Schauen wir uns einmal an, was er ist und was er nicht ist.

Zunächst einmal muss gesagt werden, dass der Amazonas das größte Wasser- und Gen-Erbe der Erde beherbergt. Von einem unserer besten Wissenschaftler, Enéas Salati, wissen wir: „Auf wenigen Hektar des Amazonas-Regenwaldes gibt es mehr Pflanzen- und Insektenarten als in der gesamten Flora und Fauna Europas.“ Dieser üppige Wald ist jedoch äußerst empfindlich, da er auf einem der kargsten und ausgelaugtesten Böden der Erde wächst. Wenn wir die Abholzung nicht eindämmen, könnte sich der Amazonas in wenigen Jahren in eine riesige Savanne verwandeln. Darauf weist uns der renommierte Experte Carlos Nobre immer wieder hin.

Es handelt sich nicht um unberührtes Neuland. Dutzende indigene Völker, die dort lebten und leben, haben sich als echte Umweltschützer betätigt. Ein großer Teil des gesamten Amazonas-Regenwaldes, insbesondere der Auen, wurde von den Indigenen bewirtschaftet, die „Ressourceninseln” förderten und günstige Bedingungen für die Entwicklung nützlicher Pflanzenarten wie Babassu, Palmen, Bambus, Kastanienwälder und Früchte aller Art schufen, die für sich selbst und für diejenigen, die zufällig dort vorbeikamen, gepflanzt oder gepflegt wurden. Die berühmten „schwarzen Böden der Indianer” sind ein Hinweis auf diese Bewirtschaftung.

Die Vorstellung, dass der Indio ein genuin natürliches Wesen sei, ist eine falsche Ökologisierung, die aus der Vorstellung der Stadtbewohner resultiert, die von der Künstlichkeit des Lebens ermüdet sind. Er ist ein kulturelles Wesen. Wie der Anthropologe Viveiros de Castro bestätigt: „Der Amazonas, den wir heute sehen, ist das Ergebnis jahrhundertelanger sozialer Interventionen, ebenso wie die dort lebenden Gesellschaften das Ergebnis jahrhundertelanger Koexistenz mit dem Amazonas sind”. Dasselbe sagt er in seinem lehrreichen Buch E.E.Moraes „Wenn Amazonas in den Pazifik mündete“Quando o Amazonas corria para o Pacífico” (Vozes 2007): „Es gibt nur noch wenig unberührte und vom Menschen unveränderte Natur im Amazonasgebiet”. 1.100 Jahre lang beherrschten die Tupi-Guarani ein riesiges Gebiet, das sich von den Ausläufern der Anden am Amazonas bis zu den Becken des Paraguay und Paraná erstreckte.Ein wahrer Reich.

Die Beziehungen zwischen den Indigenen und dem Wald sind nicht natürlicher, sondern kultureller Natur und bestehen aus einem komplexen Geflecht von Wechselbeziehungen. Sie empfinden und erleben die Natur als Teil ihrer Gesellschaft und Kultur, als Erweiterung ihres persönlichen und sozialen Körpers. Für sie ist die Natur ein lebendiges Wesen voller Absichten. Sie ist nicht wie für uns moderne Menschen etwas Objektives, Stummes und Geistloses. Die Natur spricht, und die Indigenen verstehen ihre Stimme und ihre Botschaft. Deshalb lauschen sie stets der Natur und passen sich ihr in einem komplexen Spiel von Wechselbeziehungen an. Sie haben ein subtiles sozioökologisches Gleichgewicht und eine dynamische Integration gefunden, obwohl es auch Kriege und regelrechte Ausrottungen gab, wie die der Sambaquieiros und anderer Stämme.

            Aber es gibt wichtige Lehren, die wir angesichts der aktuellen Umweltbedrohungen von ihnen lernen müssen. Es ist wichtig, die Erde nicht als etwas Unbelebtes mit unbegrenzten Ressourcen zu verstehen, das das kapitalistische Projekt des unbegrenzten Wachstums unterstützt. Sie ist in ihren natürlichen Gütern und Dienstleistungen begrenzt. Als etwas Lebendiges muss die Mutter der Indianer in ihrer Integrität respektiert werden. Wenn ein Baum gefällt wird, wird ein Entschuldigungsritual durchgeführt, um das Bündnis der Geschwisterlichkeit und der gegenseitigen Zugehörigkeit wiederherzustellen.

Wir brauchen eine symphonische Beziehung zur Lebensgemeinschaft, denn wie sich gezeigt hat, hat Gaia ihre Belastungsgrenze bereits überschritten. Wir brauchen mehr als eineinhalb Erden, um den menschlichen Konsum und den krankhaften Konsum der wohlhabenden Klassen zu befriedigen.

Allerdings müssen wir zwei Mythen widerlegen. Der erste lautet: Der Amazonas als die Lunge der Welt. Experten behaupten, dass sich der Amazonas-Regenwald in einem Klimaxzustand befindet. Das bedeutet, dass er sich in einem optimalen Lebenszustand befindet, in einem dynamischen Gleichgewicht, in dem alles genutzt wird und sich daher alles im Gleichgewicht befindet. So wird die von den Pflanzen durch die Wechselwirkungen der Nahrungskette gebundene Energie vollständig genutzt. Der tagsüber durch die Photosynthese der Blätter freigesetzte Sauerstoff wird nachts von den Pflanzen selbst und den anderen Lebewesen verbraucht. Deshalb ist der Amazonas nicht die Lunge der Welt.

Aber sie fungiert als großer Filter für Kohlendioxid. Im Prozess der Photosynthese wird eine große Menge Kohlenstoff absorbiert. Nun ist Kohlenstoff der Hauptverursacher des Treibhauseffekts, der die Erde erwärmt. Würde der Amazonas eines Tages vollständig abgeholzt, würden jährlich etwa 50 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen. Es käme zu einem Massensterben von Lebewesen.

Der zweite Mythos: Der Amazonas als Kornkammer der Welt. So dachten die ersten Entdecker wie von Humboldt und Bonpland und die brasilianischen Planer zur Zeit der Militärherrschaft (1964-1983). Das ist nicht der Fall. Untersuchungen haben gezeigt, dass „der Wald von sich selbst lebt” und   zum großen Teil „für sich selbst” (vgl. Baum, V., Das Ökosystem der tropischen Regenwälder, 1986, 39). Er ist üppig, aber auf humusarmem Boden. Das scheint ein Paradoxon zu sein. Der große Amazonas-Experte Harald Sioli hat es gut erklärt: „Der Wald wächst tatsächlich auf dem Boden und nicht aus dem Boden” (A Amazônia 1985, 60). Und er erklärt es so: Der Boden ist nur die physische Stütze eines komplizierten Wurzelgeflechts. Die Pflanzen verflechten sich mit ihren Wurzeln und stützen sich gegenseitig an der Basis. Es entsteht ein riesiges, ausgewogenes und rhythmisches Gleichgewicht. Der ganze Wald bewegt sich und tanzt. Wenn daher ein Baum gefällt wird, reißt er mehrere andere mit sich.

Der Wald bewahrt seinen üppigen Charakter, weil es einen geschlossenen Nährstoffkreislauf gibt. Nicht der Boden nährt die Bäume, sondern die Bäume nähren den Boden. Das Wasser aus den Blättern und Stämmen wäscht und transportiert die Exkremente der baumbewohnenden Tiere und größeren Tierarten sowie der unzähligen Insekten, die in den Baumkronen leben. Über die Wurzeln gelangt die Nahrung zu den Pflanzen und sorgt so für die überwältigende Üppigkeit des Amazonas-Regenwaldes. Es handelt sich um ein geschlossenes System mit einem komplexen und empfindlichen Gleichgewicht. Jede noch so kleine Abweichung kann katastrophale Folgen haben.

Der Humus ist in der Regel nicht dicker als 30 bis 40 Zentimeter. Bei starken Regenfällen wird er weggespült. Nach kurzer Zeit kommt der Sand zum Vorschein. Der Amazonas ohne Wald könnte sich in eine riesige Savanne verwandeln. Deshalb kann der Amazonas niemals die Kornkammer der Welt sein. Aber er wird weiterhin der Tempel der größten Artenvielfalt bleiben.

        Ich schließe mit einem Zitat von Euclides da Cunha, einem klassischen Schriftsteller der brasilianischen Literatur und einem der ersten Analysten  der Realität des Amazonasgebiets zu Beginn  des 20. Jahrhunderts, der sagte: „Die menschliche Intelligenz würde die Last der gewaltigen Realität des Amazonasgebiets nicht ertragen können. Sie muss mit ihr wachsen, sich an sie anpassen, um sie zu beherrschen” (Um paraíso perdido: Vozes l976,15).  Chico Mendes, Märtyrer des ökologischen Kampfes im Amazonasgebiet und typischer Vertreter der Waldvölker, sah mit äußerster Klarheit diese Notwendigkeit, dass der Mensch mit dem Wald wachsen muss, indem er behauptete, dass nur eine Technologie, die sich den Rhythmen des Amazonasgebiets unterwirft, und eine Entwicklung, die sich am Abbau der unermesslichen Waldreichtümer orientiert, dieses ökologische Erbe der Menschheit bewahren können. Alles andere ist unangemessen und bedrohlich.

Leonardo Boff  schrieb Schrei der Erde-Schrei der Armen, Patmos 2002; mit Mark Hathaway, Befreite Schöpfung: Kosmologie, Ökologie,Spiritualität,Butzon&Bercker 2016.

Die Wurzeln aus unserer eigenen Quelle bewässern

LeonardoBoff  

Es lässt sich nicht leugnen, dass wir uns im Zentrum einer gewaltigen globalen Krise befinden. Niemand weiß, wohin wir steuern. Es ist ratsam, Historiker zu konsultieren, die in der Regel eine ganzheitliche Sicht und ein feines Gespür für die großen Trends der Geschichte besitzen. Ich zitiere einen meiner inspirierendsten Autoren: Eric Hobsbawn in seinem bekannten Übersichtswerk „The Age of Extremes“ (1994). Am Ende seiner Überlegungen kommt er zu folgendem Schluss:

Die Zukunft kann keine Fortsetzung der Vergangenheit sein … Unsere Welt ist von Explosion und Implosion bedroht … Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Eines ist jedoch klar: Wenn die Menschheit eine lebenswerte Zukunft will, kann sie dies nicht durch die Verlängerung der Vergangenheit oder der Gegenwart erreichen. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf diesem Fundament aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis des Scheiterns, d. h. die Alternative zum gesellschaftlichen Wandel, ist Dunkelheit.“ (S. 562) Dunkelheit könnte das Ende der Spezies Homo bedeuten. Max Weber sagte etwas Ähnliches in seiner letzten öffentlichen Konferenz, in der er (endlich!) den Kapitalismus als in ein „Stahlhartes Gehäuse“ eingeschlossen bezeichnete, das er selbst nicht durchbrechen kann. Daher kann es uns in eine große Katastrophe führen: „Was uns erwartet, ist nicht die Blüte des Herbstes, sondern eine Polarnacht, eisig, dunkel und mühsam“ (Vgl. M. Löwy, La jaula de hierro: Max Weber y el marxismo weberiano, Mexiko 2017). Und schließlich warnt Papst Franziskus selbst in der Enzyklika Fratelli tutti (2020): „Wir sitzen im selben Boot, entweder werden wir alle gerettet oder niemand wird gerettet“ (Nr. 32).


Im ökologischen Bereich und unter namhaften Analysten der globalen Geopolitik ist die Überzeugung weit verbreitet: Im kapitalistischen System, das das unbegrenzte (ungerechtfertigte) Streben nach finanziellem Profit in den Vordergrund stellt und zwei Ungerechtigkeiten schafft – eine soziale (die unermessliche Armut verursacht) und eine ökologische (die Zerstörung der Ökosysteme), gibt es keine Lösung für die aktuelle Krise. Einstein wird der Satz zugeschrieben: „Das Denken, das die Krise verursacht hat, kann nicht dasselbe sein, das uns aus ihr herausführen wird; wir müssen uns ändern.“

Da die vielversprechenden Zukunftsvisionen der Vergangenheit über die Zukunft der Menschheit gescheitert sind, können sie uns keine neuen Wege aufzeigen, außer vielleicht den planetarischen Ökosozialismus, der nichts mit dem einst existierenden und gescheiterten Sozialismus zu tun hat. Oder die Rückkehr zur Lebensweise der Ureinwohner, deren überliefertes Wissen oder das „bien vivir y convivir” der Andenbewohner uns noch eine Zukunft auf diesem Planeten sichern würden. Aber es scheint mir, dass wir uns so sehr in unserer systemischen Blase verstrickt haben, dass dieser Vorschlag, so reizvoll er auch sein mag,  global gesehen undurchführbar ist.

Wenn wir am Ende der gangbaren Wege angelangt sind und nur noch den Horizont vor Augen haben, scheint es mir, dass uns nur noch bleibt, uns für uns selbst zu entscheiden und noch nicht ausprobierte Möglichkeiten zu erkunden. Wir sind von Natur aus ein unendliches Projekt und ein Knotenpunkt  von Beziehungen in alle Richtungen. Wir müssen in uns selbst eintauchen und unsere  Wurzeln in der Quelle tränken, die immer in uns in Form von unerschütterlicher Hoffnung, großen Träumen,  realisierbaren Mythen und innovativen Projekten für einen anderen Weg vor uns sprudelt.

Wenn ich den Menschen als strukturierende Referenz nehme, denke ich nicht an eine Anthropologie der Anthropologen und Anthropologinnen oder an die immer bereichernden Wissenszweige über den Menschen. Ich denke an den Menschen in seiner unergründlichen Radikalität, die sich um den Bereich des Geheimnisses rankt, das sich, je näher wir ihm kommen, umso weiter entfernt und tiefer präsentiert. Und es bleibt ein Geheimnis in jedem Wissen. Das war die Erkenntnis, die der Heilige Augustinus über sich selbst gewann: factum sum mysterium mihi: „Ich bin mir selbst ein Geheimnis geworden”. Dieses Geheimnis ist Ausdruck eines größeren Geheimnisses, nämlich des Universums selbst, das sich noch in der Entstehung und Expansion befindet. Daher ist der Mensch als Geheimnis niemals von diesem Prozess, dessen Teil er ist, getrennt, was über eine rein individualistische Sichtweise des Menschen hinausgeht. Es ist wichtig, niemals zu vergessen, dass er ein Wesen mit unbegrenzten Beziehungen ist, sogar mit dem Unendlichen. Lassen Sie uns einige Daten aufzählen, die zu unserem Wesen gehören und auf deren Grundlage wir neue Zukunftsvisionen entwickeln können.

Zunächst ist es wichtig, den Menschen als intreligente und gefülvole Erde zu verstehen, die in einem Moment ihrer Komplexität zu fühlen, zu denken, zu lieben, zu pflegen und zu verehren begann. So brach der Mensch, Mann und Frau, in den kosmogenischen Prozess ein. Nicht ohne Grund wird er Homo oder Adam genannt, was beides bedeutet: „aus Erde gemacht“ oder fruchtbares, bebaubares Land.

Im Mittelpunkt des menschlichen Wesens steht die Liebe, die, wie F. Maturana und J. Watson gezeigt haben, seine biologische Grundlage bildet. Watson sagt in seinem berühmten Buch DNA: The Secret of Human Life (2005): „Liebe lässt uns füreinander sorgen; es ist die Liebe, die unser Überleben und unseren Erfolg auf diesem Planeten ermöglicht hat; dieser Impuls, so glaube ich, wird unsere Zukunft sichern; ich bin sicher, dass die Liebe in unserer DNA verankert ist“ (S. 414). Es wird keine menschliche Transformation oder Revolution geben, die nicht von Liebe durchdrungen ist.

Zusammen mit der Liebe entsteht die Fürsorge, die seit langem als Wesen des Menschen verstanden wird. Da sie kein spezielles Organ hat, ist es die Fürsorge für sich selbst, für andere und für die  Natur, die uns das Leben sichert.

Es war die Solidarität/Kooperation des gemeinsamen Essens, die uns einst den Sprung vom Tierischen zum Menschlichen ermöglichte. Was gestern wahr war, ist auch heute noch wahr und wesentlich, wenn auch rar. Als relationales Wesen sind Solidarität und Kooperation die Grundlage jeglichen Zusammenlebens.

Neben der Intelligenz des neokortikalen Gehirns gibt es die Emotionen des limbischen Gehirns, das vor Millionen von Jahren entstand und der Sitz von Liebe, Empathie, Mitgefühl, Ethik und der gesamten Welt der Exzellenz ist. Wir sind fühlende Wesen. Ohne eine emotionale Bindung zwischen uns Menschen und der Natur verfällt und verkümmert alles.

Tief in uns lebt die natürliche Spiritualität, wie die new science behauptet,die ebenso anerkannt wird wie Intelligenz und Emotionen. Sie ist älter als jede Religion, denn sie ist die Quelle, aus der alle schöpfen, jeder auf seine Weise. Spiritualität ist unser Wesen und drückt sich in bedingungsloser Liebe, Solidarität, Transparenz und allem aus, was uns menschlicher, beziehungsfähiger und offener macht.

Spiritualität lässt uns begreifen, dass unter allen Lebewesen eine kraftvolle und liebevolle Energie existiert, die Kosmologen den Abgrund nennen und die alles Existierende hervorbringt und erhält. Der Mensch kann sich dieser tiefen Energie öffnen, mit ihr kommunizieren und Staunen und Ehrfurcht vor der Erhabenheit des Universums und seines Schöpfers empfinden.

Realistisch betrachtet gehen mit solchen Werten auch ihre Gegensätze einher – wir sind Sapiens und Demens –, die nicht unterdrückt werden können, sondern in Grenzen gehalten werden müssen. Indem wir unsere Wurzeln in dieser ursprünglichen Quelle nähren, können wir eine andere Zukunft gestalten können in der Liebe, Solidarität und BienVivir die Grundlage bilden.

Leonardo Boff Ökotheologe. Philosof un Schriststeller.

Übersetzung: Bettina Gold-Hartnack

Gibt es Grenzen für menschliche Grausamkeit?

Leonardo Boff

Das Polizeimassaker vom 28. Oktober in den Wohnkomplexen Alemão und Penha in Rio de Janeiro war ein äußerst brutales Verbrechen, begangen von Staatsbeamten, dem 121 Menschen zum Opfer fielen. Erschreckend ist, dass 57 % der Bevölkerung das Massaker, bei dem Köpfe abgetrennt, Gliedmaßen abgetrennt und Leichen verstümmelt wurden, gutgeheißen haben. Cláudio Castro, der Gouverneur von Rio, der das Massaker anordnete, wurde in den wohlhabenden Vierteln der Südzone Rios bejubelt. Seine Zustimmungswerte sind sprunghaft angestiegen.

Namhafte Analysten wie Paulo Sérgio Pinheiro, ehemaliger Menschenrechtsminister und UN-Sonderberichterstatter für Verbrechen in Syrien, erklären die wahre Bedeutung: „Das Massaker in Rio muss in einem breiteren politischen Kontext verstanden werden, der von Castro und anderen rechtsextremen Gouverneuren orchestriert wurde. Nach der Verurteilung und Inhaftierung ihres Machthabers und seiner Verbündeten versuchen diese politischen Akteure, den Diskurs des Drogenkriegs zu nutzen, um den Bundesstaat zu destabilisieren und ihre Chancen bei den nächsten Wahlen zu verbessern. Darüber hinaus versuchen sie, sich dem kontinentalen Narrativ der Drogenbekämpfung anzuschließen, das derzeit von Präsident Trump angeführt wird.“

Diese wahlpolitische Manipulation schlimmster Art offenbart den völligen Verfall der Ethik und das Fehlen jeglichen Mitgefühls für die Opfer, von denen viele unschuldig sind und nichts mit Drogenhandel zu tun haben. Es ist Nekropolitik in Reinkultur, denn die Armen, Schwarze, Quilombola-Gemeinschaften und Favela-Bewohner zählen nichts, wie sie selbst glauben und behaupten. Sie sind wirtschaftlich wertlos und entbehrlich.

Doch diese Barbarei mit ihrem kriminellen und politischen Kern wirft eine metaphysische und sogar theologische Frage auf, die eine furchtbare Herausforderung darstellt: Wie können Menschen nur so grausam und böse sein? Wie weit kann ihre Unmenschlichkeit gehen? Angesichts der aktuellen Völkermorde in Gaza, der Ukraine und dem Sudan fragen wir uns als Theologen und andere mit Entsetzen:

„Wo war Gott unter diesen schrecklichen Umständen? Warum hat er den Triumph der Barbarei zugelassen? Warum hat er geschwiegen? Warum hat er zugelassen, dass in anderthalb Jahrhunderten seit Beginn der europäischen Kolonialisierung/Invasion laut neuesten Untersuchungen 61 Millionen Menschen der Ureinwohner des Kontinents Abya Yala ums Leben kamen? Und was ist mit den ermordeten Kongolesen, die der wahnsinnige König Leopold II. von Belgien, der diese Länder zu seinem persönlichen Landgut gemacht hatte, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ermorden ließ, 10 Millionen Menschen, darunter verstümmelte Kinder ohne Hände und Beine. Wer erinnert sich an diese Grausamkeit? Und warum leiden wir darunter, dass diese Millionen von schwarzen Männern und Frauen nicht auch seine Söhne und Töchter waren, geboren in der Liebe Gottes? Warum hat er ihnen nicht geholfen, obwohl er es hätte tun können, und warum hat er es nicht getan?

Die Theologie hat keine Antworten; sie schweigt leidend, doch wie Hiob kann auch sie nicht anders, als Gott zu hinterfragen, der in liturgischen Gesängen und in den Basisgemeinden als der gütige und barmherzige Herr der Geschichte verkündet wird. Wenn der Glaube verstummt, bleiben nur noch die Schreie der Hoffnung, die sich in Klagen äußern, wie sie zahlreich in den Psalmen zu finden sind. Selbst Christus rief am Kreuz: „Eli, Eli, lama sabachthani?“: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ergeben übergab er seinen Geist Gott, und zog sich in tiefste Verborgenheit zurück.

Doch es ist nicht nur ein theologisches, sondern auch ein philosophisches Problem. Wer ist letztlich der Mensch, und wie kann er so unmenschlich und gnadenlos gegenüber seinen Mitmenschen sein? Seit Jahrhunderten, seit Urzeiten, ist Kain stets Teil der Geschichte. Das Böse ist allgegenwärtig und in die menschlichen Gesellschaften integriert. Wie die Philosophin Hannah Arendt bemerkte: „Das Böse mag banal sein, aber niemals unschuldig.“ Es ist die Frucht einer perversen Absicht, die den anderen hasst, ihn erwürgen und ermorden will, sei es im Familienleben, im gesellschaftlichen Leben oder in den Kriegen, die es seit jeher gegeben hat. Alle Religionen, spirituellen und ethischen Wege versuchen, das Ausmaß des menschlichen Bösen einzudämmen. Doch es bleibt immer bestehen.

Es heißt, es gehöre zur conditio humana, dass wir Wesen sind, die gleichzeitig intelligent und wahnsinnig sind, vom Todestrieb und vom Lebensdrang besessen, Wesen des Lichts, begleitet von Schatten, der Satan der Erde und auch ihr Schutzengel. Es stimmt, wir sind all das. Aber diese Feststellungen beschreiben phänomenologisch eine unbestreitbare Tatsache, erklären diese aber nicht. Warum muss das so sein? Könnte es nicht anders sein?

Hier stoßen wir an die Grenzen der Vernunft, die nicht alles erfassen kann. Ein tieferes Verständnis des Bösen entspringt nicht, wie oben erläutert, der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft. Das bedeutet: Das Böse ist nicht dazu da, verstanden, sondern um bekämpft zu werden. Indem wir es bekämpfen, gewinnen wir ein gewisses Verständnis, denn die Menschen lernen, ihrer Boshaftigkeit Grenzen zu setzen und so die Dimension des Lichts und des Guten zu stärken. Pepe Mujica, der ehemalige Präsident Uruguays, hinterließ uns eine inspirierende Botschaft: „Ich wurde besiegt, mit Füßen getreten, gefoltert und dem Tode nahe zurückgelassen. Doch ich stand immer wieder auf und gab meinen Traum vom Kampf für eine bessere Welt für alle nie auf.“ Vielleicht ist dies der richtige Weg angesichts der Herausforderung menschlicher Grausamkeit. Nicht anders erging es Jesus von Nazareth, der aufgrund seiner Vision eines Reiches der Gerechtigkeit, der Geschwisterlichkeit, des Friedens und eines Gottes, der alle willkommen heißt, hingerichtet wurde.

In Anlehnung an den Weg jener spirituellen Meister aller Kulturen glauben wir weiterhin, dass das Leben mehr wert ist als Profit und Wahlpolitik und dass es stets als der höchste Wert der Welt geachtet werden sollte.
Leonardo Boff Theologe, Philosoph, Schriftsteller
Autor von: Die Suche nach dem rechten Maß. Wie der Planet Erde wieder ins Gleichgewicht kommt, LIT Verlag 2023