Warum wir dort sind, wo wir sind: planetarische Risiken

Leonardo Boff

 Niemand kann glauben, dass die Weltlage gut ist. Was wir in den digitalen/sozialen Medien sehen, sind Szenen des Krieges, unschuldige Kinder, die durch die Wut der Angriffe gegen die Hamas ermordet werden, die unrechtmäßige Opferung eines ganzen palästinensischen Volkes im Gazastreifen, der seit drei Jahren andauernde Krieg zwischen Russland und der Ukraine und 18 weitere Orte der Gewalt und Kriegsverbrechen in Afrika und anderswo.

Nach Angaben der renommierten Nichtregierungsorganisation Oxfam,2024, wird das Privatvermögen der 36 reichsten Personen der Welt im Jahr 2024 dem Einkommen von mehr als der Hälfte der Menschheit, nämlich 4,7 Milliarden Menschen, entsprechen. In Brasilien besitzen die reichsten 3.390 Personen (0,0016 %) 16 % des gesamten Reichtums des Landes, mehr als 182 Millionen Brasilianer (85 % der Bevölkerung).

Aus der gleichen Quelle erfahren wir, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen stirbt. Wer ist nicht in seiner minimalen Menschlichkeit von solchen dramatischen Szenen, von wahren menschlichen Tragödien, berührt? Wir scheinen die Grenzen der Endzeit erreicht zu haben. Es sind Szenen, die im Buch der Offenbarung stehen könnten.

Um die gegenwärtige Krise zu verstehen, müssen wir ins 17./18. Jahrhundert zurückgehen, als das Paradigma der Moderne aufkam. Die Gründerväter, Francis Bacon und insbesondere René Descartes und andere, brachen mit einer langen Tradition der Menschheit. Letztere verstanden die Natur, die Erde und den Kosmos selbst als etwas Lebendiges und Sinnvolles.

Dann kam Descartes und führte einen grundlegenden Dualismus mit schwerwiegenden historischen Folgen ein. Er unterschied die res cogitans, das denkende und geisttragende Wesen, von der res extensa, dem extensiven und materiellen Ding, den anderen Wesen. Einziger Träger des Geistes, res cogitans, ist der Mensch. Die res extensa, die anderen Wesen, handeln mechanisch und ohne erkennbaren Sinn. Damit führte er einerseits einen strengen Anthropozentrismus und andererseits einen groben Materialismus ein. Die Erde und die Natur haben nur insofern einen Sinn, als sie dem Menschen geordnet sind, der sie nach Belieben behandelt. Diese materialistische Auffassung von der nicht-menschlichen Welt hat Raum für alle Arten von Nutzung und Missbrauch und für die wissenschaftliche Forschung selbst eröffnet, ohne ethische Bedenken hinsichtlich der Folgen, die sich daraus ergeben könnten.

Daraus entstanden alle modernen Wissenschaften und ihre praktische Anwendung in einem technischen Betrieb. Die Technowissenschaft war das große Instrument im Dienste der einzigen Träger des Geistes, der Menschen, die in der Natur getrennt und “Herren und Herrinnen” (Descartes) über sie waren und dann zu Kolonisatoren, Sklavenhaltern und systematischen Zerstörern der Natur wurden. Die Wissenschaft wurde nicht in den Dienst des Lebens gestellt, sondern in den der Beherrschung der anderen und der Natur.

Aus diesem anfänglichen Dualismus haben sich andere Dualismen entwickelt: Geist und Materie, Kultur und Natur, zivilisiert und wild, Idealismus und Materialismus, die die menschliche Erfahrung auseinandergerissen haben. Die Vision der Totalität ist verloren gegangen.

Mit diesen Voraussetzungen wurde die Architektur des atomisierten Wissens entworfen, in der es keine Beziehung zwischen den einzelnen Erkenntnissen gibt, so dass wir immer mehr über immer weniger wissen.

Zweifellos hat dieses Paradigma der Moderne allen Bereichen des menschlichen Lebens große Vorteile gebracht: Es hat die Schmerzen gelindert, die Mittel zur Heilung verfeinert, die Instrumente zur Fortbewegung und die großen Wege der digitalen Kommunikation geschaffen und uns in den Weltraum gebracht, zum Mond und zum Mars und in die entferntesten Winkel des Universums, bereits außerhalb des Sonnensystems.

Dieses Paradigma konzentriert sich auf den Bereich der Mittel, ohne dass selten (oder nie kollektiv) der Zweck definiert wird, dem die Mittel dienen sollen. Der Kapitalismus hat das Problem gut verstanden und ein Ziel dafür definiert: unbegrenztes Wachstum durch die individuelle Anhäufung von Reichtum, in der Logik des größtmöglichen Wettbewerbs, wobei die Ressourcen der Natur so weit wie möglich ausgebeutet werden, in der falschen Annahme, dass die Erde ebenfalls unbegrenzte Ressourcen hat.

Ab 1972, mit dem Dokument Die Grenzen des Wachstums, wurde das kollektive Bewusstsein für die Grenzen der Erde und ihre Unfähigkeit, ein unbegrenztes Projekt zu unterstützen, geweckt. Das große Produktionssystem hat dieser Tatsache nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das Entscheidende ist, Profite und Reichtum zu garantieren.

Unternehmer und große Wirtschafts- und Finanzkonglomerate vertrauen auf die Allmacht der Wissenschaft, die für alle Probleme eine Lösung bereithält. Dies war und ist ihre große Illusion. Ihr global integriertes Wirtschafts- und Finanzsystem ist so gut geölt, dass es weder die Voraussetzungen noch den Willen hat, damit aufzuhören. Aufzuhören hieße, sein Ziel, die unbegrenzte Akkumulation, aufzugeben, von einem Verhältnis der Ausbeutung zu einem naturfreundlichen zu wechseln, mit anderen Worten, sich selbst zu verleugnen. Es wird jetzt deutlich, dass das Weltsystem angesichts der Veränderungen im Gesicht der Erde in Agonie ist.

Angesichts der Ungeheuerlichkeit des globalen Systems der Ausbeutung/Verwüstung der Natur hat die lebendige Erde auf verschiedene Weise reagiert: mit extremen Ereignissen, mit der Freisetzung von Viren, von denen einige mysteriös sind, wie das X-Virus, das zehnmal tödlicher ist als das Coronavirus und den gesamten Planeten bedeckt. Es hat die Grenzen zwischen den Nationen verwischt und die gesamte Menschheit auf gefährliche Weise in Mitleidenschaft gezogen.

In letzter Zeit scheint der Klimawandel einen unumkehrbaren Punkt erreicht zu haben. Die Erde hat sich aufgrund der unverantwortlichen Praktiken (Anthropozän) derjenigen verändert, die politische Entscheidungen treffen, die globalen Kapital- und Finanzströme kontrollieren und die Natur immer weiter zerstören. Es wäre ungerecht, diesen Klimawandel einfach den Aktivitäten der großen verarmten Mehrheiten zuzuschreiben, die im Vergleich zu den oben Genannten wenig dazu beitragen. Wir erleben die schädlichen Auswirkungen dieser Veränderungen weltweit: extreme Ereignisse. Wissenschaft und Technik werden nicht mehr in der Lage sein, diese Veränderung rückgängig zu machen, sondern nur noch vor bedrohlichen Ereignissen (Überschwemmungen, Stürme, Tsunamis, langanhaltende Dürren und furchterregende Schneestürme) zu warnen und ihre schädlichen Auswirkungen zu minimieren.

Jetzt können wir die Frage beantworten: Warum sind wir da, wo wir sind? Weil die dominierenden Länder des globalen Nordens vor drei Jahrhunderten beschlossen haben, die einzige gemeinsame Heimat, die wir haben, auf diese gefährliche und verheerende Weise zu bewohnen. Sie haben ihre Art zu leben, zu produzieren, zu konkurrieren und zu konsumieren allen aufgezwungen. Wir werden nicht als Bürger betrachtet, sondern als Kunden und Verbraucher.

Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem wir aufgrund der Häufung planetarischer Krisen und unserer Fähigkeit zur Selbstzerstörung mit Atomwaffen einen Punkt erreicht haben, an dem eine Rückkehr praktisch unmöglich ist. Wenn wir den vor Jahrhunderten eingeschlagenen Weg weitergehen, sind wir auf dem Weg in unser eigenes Grab.

Ich stimme dem alten Martin Heidegger zu: “Nur ein Gott kann uns retten”.

Leonardo Boff Autor von: A busca da justa medida: com equilibrar o planeta Terra, Vozes 2013;Cuidar da Terra-proteger a vida: como escapar do fim do mundo, Record, 2010.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Die Notbremse ziehen angesichts der Schwere der aktuellen Krise

Leonardo Boff  

Wir befinden uns inmitten einer allgemeinen und verheerenden Krise, was die Art und Weise betrifft, wie wir auf unserem Planeten leben und mit ihm umgehen. Dieser wurde durch Kriege mit großer Zerstörungskraft und durch Rassenhass und ideologischen Hass verwüstet und zerrissen. Darüber hinaus hat das Zeitalter der wissenschaftlichen Vernunft die Irrationalität des Prinzips der Selbstzerstörung hervorgebracht: Mit den Waffen, die wir bereits produziert haben, können wir unserem Leben und dem größten Teil der Biosphäre, wenn nicht der gesamten Biosphäre, ein Ende setzen.

Es gibt viele Analysten der Weltlage, die vor dem möglichen Einsatz solcher Massenvernichtungswaffen warnen. Der Grund dafür ist der Streit darüber, wer das Sagen über die Menschheit hat und wer das letzte Wort hat. Es geht um die Konfrontation zwischen der Unipolarität, die von den Vereinigten Staaten aufrechterhalten wird, und der Pluripolarität, die von China, Russland und schließlich von allen BRICS-Ländern gefordert wird. Wenn es zu einem Atomkrieg kommt, würde sich die Formel bewahrheiten: 1+1=0: eine Atommacht würde die andere zerstören und zusammen würden sie die Menschheit und einen großen Teil des Lebens vernichten.

Unter diesen Umständen sehen wir uns gezwungen, die Notbremse des Lebenszuges zu ziehen, weil er in einen Abgrund stürzen könnte. Wir befürchten, dass diese Bremse bereits oxidiert und unbrauchbar geworden ist. Können wir uns aus dieser Bedrohung befreien? Wir müssen es versuchen, wie Don Quijote sagte: “Bevor wir eine Niederlage akzeptieren, müssen wir jede Schlacht kämpfen”. Und das werden wir.

Ich verwende zwei Kategorien von Angst, um unsere Situation zu verdeutlichen. Die eine stammt von dem dänischen Theologen und Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1885), die andere von dem deutschen Theologen und Philosophen Hans Jonas (1903-1993), einem bedeutenden Schüler Martin Heideggers.

Die Angst ist für Kierkegaard (O conceito de angústia, Vozes 2013) nicht nur ein psychologisches Phänomen, sondern eine objektive Tatsache der menschlichen Existenz. Für ihn als Seelsorger und Theologe sowie als exzellenten Philosophen wäre es die Angst vor der ewigen Verdammnis oder der Errettung. Aber es gilt für das menschliche Leben. Das menschliche Leben ist zerbrechlich und kann jeden Moment sterben. Die Angst lässt den Menschen nicht untätig, sondern treibt ihn immer wieder an, die Voraussetzungen für den Schutz des Lebens zu schaffen.

Heute müssen wir diese Art von Existenzangst angesichts objektiver Bedrohungen unseres Schicksals, die tödlich sein könnten, aushalten. Das ist etwas Gesundes, das zum Leben gehört, und nicht etwas Ungesundes, das psychiatrisch behandelt werden muss.

Hans Jonas analysiert in seinem Buch Das Prinzip Verantwortung (Contraponto, Rio 2006) die Angst, an den Rand des Abgrunds gestellt zu werden und in diesen zu stürzen. Es geht nicht mehr um eine Ethik des Fortschritts oder der Verbesserung. Es geht darum, das Leben davor zu bewahren, vom Tod bedroht zu werden. Die Angst ist dabei gesund und lebensrettend, denn sie zwingt uns zu einer Ethik der kollektiven Verantwortung in dem Sinne, dass alle mithelfen, das menschliche Leben auf der Erde zu erhalten.

Die derzeitige Situation auf dem Planeten entzieht sich der menschlichen Kontrolle. Wir haben eine autonome künstliche Intelligenz geschaffen, die bereits unabhängig von unseren Entscheidungen ist. Wer kann sie mit ihren Abermilliarden von Algorithmen davon abhalten, die Menschheit zu vernichten?

Zuallererst haben wir eine Aufgabe zu erfüllen: Wir müssen die Verantwortung für den Schaden übernehmen, den wir dem Lebens- und dem Erdsystem zusehends zufügen, ohne ihn aufhalten oder verlangsamen zu können, sondern nur, um seine schädlichen Auswirkungen zu minimieren. Das energieverschlingende Weltproduktionssystem ist so gut geölt, dass es nicht aufhören kann und will. Es wird seine grundlegenden Mantras nicht aufgeben: unbegrenzte Steigerung des individuellen Profits, erbitterter Wettbewerb und Raubbau an den Ressourcen der Natur.

Darüber hinaus müssen wir auch die Verantwortung für das Übel übernehmen, das wir in der Vergangenheit weder physikalisch noch geistig verhindert haben und dessen Folgen unvermeidlich geworden sind, wie z. B. die zunehmende Erwärmung des Planeten und die Erosion der Artenvielfalt.

Die Angst, die wir empfinden, bezieht sich auf die Zukunft des Lebens und die Garantie, dass wir noch auf diesem Planeten leben können. Vor diesem Hintergrund formulierte Jonas einen kategorischen ethischen Imperativ:

Handle so, dass die Auswirkungen deines Handelns mit dem Fortbestand echten menschlichen Lebens auf der Erde vereinbar sind; oder, negativ ausgedrückt: Handle so, dass die Auswirkungen deines Handelns die künftige Möglichkeit eines solchen Lebens nicht zerstören; oder einfach gesagt, gefährde nicht den unbestimmten Fortbestand der Menschheit auf der Erde” (Op.cit. 2006, S. 47-48). Wir möchten hinzufügen: “Gefährden Sie nicht den unbestimmten Fortbestand aller Arten von Leben, der biologischen Vielfalt, der Natur und der Mutter Erde”.

Diese Überlegungen helfen uns, eine gewisse Hoffnung auf die Fähigkeit des Menschen zu haben, sich zu verändern, denn wir haben einen freien Willen und sind flexibel.

Da das Risiko jedoch global ist, brauchen wir ein globales und pluralistisches Gremium (Vertreter der Völker, der Religionen, der Universitäten, der einheimischen Völker, der Volksweisheit), um eine globale Lösung zu finden. Dazu müssen wir uns vom Nationalismus und den überholten Grenzen zwischen den Nationen verabschieden.Aber keine der Decisonmaker wollen das hören, obwohl dies sehr wichtig ist.

Wie zu beobachten ist, drängen die verschiedenen Kriege, die heute um die Grenzen zwischen den Nationen geführt werden, die Bekräftigung des Nationalismus und die Zunahme des Konservatismus und der rechtsextremen Politik die Idee eines kollektiven Zentrums zum Wohle der gesamten Menschheit immer weiter weg.

Wir müssen erkennen, dass diese Grenzkonflikte zwischen den Nationen losgelöst sind von der neuen Phase, in der die Erde unser gemeinsames Haus wird, und dass sie regressive Bewegungen darstellen, die dem unwiderstehlichen Lauf der Geschichte zuwiderlaufen, der das Schicksal der Menschen immer mehr mit dem Schicksal des lebendigen Planeten vereint.

Wir haben nur eine Erde und nur eine Menschheit, die gerettet werden müssen. Und zwar dringend, denn die Zeit läuft gegen uns. Ändern wir unser Denken und unsere Praktiken!

Leonardo Boff Autor von: Habitar a Terra, Vozes 2022; Terra madura: uma teologia da vida, Planeta 2023.

Die größte Bedrohung: der Klimawandel

                                                            Leonardo Boff

Es gibt mehrere Bedrohungen für die Zerstörung des Lebens, insbesondere des menschlichen Lebens, auf unserem Planeten: die nukleare Bedrohung, die Bedrohung durch den globalen Zusammenbruch des sozioökonomischen Systems, die Bedrohung durch die Überlastung der Erde (Mangel an natürlichen Gütern und Dienstleistungen, die das Leben erhalten), die Bedrohung durch eine weltweite Verknappung des Süßwassers und vieles mehr.

Das vielleicht heikelste Thema ist der Klimawandel, der ganze Bevölkerungen in Mitleidenschaft zieht. Damit verbunden ist die Wasserkrise, von der bereits ein großer Teil der Nationen der Welt betroffen ist. Ich erlebe dieses Wasserdrama persönlich. Am Rande meines Grundstücks gab es einen Bach mit reichlich Wasser. Ein kleiner Teil davon wurde kanalisiert, um einen Wasserfall zu erzeugen, der das ganze Jahr über von vielen Menschen besucht wurde. Langsam wurde der Fluss jedoch immer kleiner, und der Wasserfall verschwand, bis ein großer Teil des Flusses völlig austrocknete und später mit sichtbar abnehmendem Wasser wieder auftauchte. Der Fluss entspringt inmitten eines angrenzenden, vollständig erhaltenen Regenwaldes. Es gäbe also keinen Grund, dass sein Wasser abnimmt. Wir wissen jedoch, dass der Faktor Wasser systemisch ist, dass alles miteinander zusammenhängt. Weltweit gibt es eine zunehmende Knappheit an Trinkwasser.

Die nächste Gefahr mit schädlichen Folgen ist der Klimawandel anthropogenen Ursprungs, d. h. verursacht durch die Art und Weise, wie die Menschen, insbesondere die Besitzer großer Industrie- und Finanzkomplexe, die Natur in den letzten drei Jahrhunderten behandelt haben. Das Projekt, das diese Art des Lebens auf der Erde beflügelte und noch immer beflügelt, ist das des unbegrenzten Wachstums von Gütern und Dienstleistungen, in der Annahme, dass die Erde diese Güter auch unbegrenzt besitzen würde. Seit der Veröffentlichung des Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ im Jahr 1972 durch den Club of Rome ist jedoch klar, dass die Erde ein kleiner Planet mit begrenzten Gütern und Dienstleistungen ist. Sie kann kein unbegrenztes Wachstum verkraften. Heute brauchen wir mehr als anderthalb Erden, um die Nachfrage der Verbraucher zu befriedigen, was den Planeten unter Stress setzt. Er reagiert darauf, denn er ist ein Superwesen, das wie ein Lebewesen systemisch gesteuert wird, sich aufheizt, extreme Ereignisse hervorruft und immer gefährlichere, sogar tödliche Viren aussendet, wie wir am Coronavirus gesehen haben.

Fazit: Wir haben den kritischen Punkt überschritten. Wir befinden uns bereits in der globalen Erwärmung. Die ökologische Deregulierung hat stattgefunden. Die Treibhausgase, die die Erwärmung verursachen, haben exponentiell zugenommen. Schauen wir uns einige Fakten an. Im Jahr 1950 wurden jährlich 6 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen. Im Jahr 2000 waren es 25 Milliarden Tonnen. Im Jahr 2015 waren es bereits 35,6 Milliarden Tonnen. Im Jahr 2022/23 werden wir 37,5 Milliarden Tonnen pro Jahr erreichen. Insgesamt zirkulieren etwa 2,6 Billionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre, die etwa 100 Jahre lang in der Atmosphäre verbleiben. Die Tatsache, dass die Analysten die synergetische Wechselwirkung zwischen Pflanzenwelt, Landmassen, Ozeanen und Eis bei der Verschärfung der globalen Erwärmung noch immer nicht berücksichtigen, macht die Klimasituation dramatisch. Wir sind an die unüberwindbaren Grenzen der Erde gestoßen. Wenn wir weiter so handeln und konsumieren, ist das Leben bedroht oder die Erde will uns nicht mehr auf ihrer Oberfläche haben.

Das 2015 unterzeichnete Pariser Abkommen, in dem sich alle Länder zu Treibhausgasreduktionen verpflichten sollten, um zu verhindern, dass die Temperatur 1,5°C oder sogar 2°C über dem Niveau des Industriezeitalters liegt, wurde vereitelt. Die Länder haben ihre Hausaufgaben zu Hause nicht gemacht. Eine sofortige Senkung der CO2-Emissionen um 60-80 % war notwendig. Andernfalls bestünde die reale Gefahr irreversibler Veränderungen, die weite Regionen der Erde unbewohnbar machen würden. Die letzte COP28 in Dubei hat gezeigt, dass die Nutzung von fossiler Energie, Öl, Gas und Mineralien zugenommen hat.

Präsident Lula sagte auf der COP28 zu Recht: “Der Planet hat die Nase voll von nicht eingehaltenen Klimavereinbarungen. Wie viele Staats- und Regierungschefs engagieren sich wirklich für die Rettung des Planeten?“

Was vorherrscht, ist Leugnung. Es heißt, die Erwärmung sei die Folge von El Niño. El Niño spielt zwar eine Rolle, aber er erklärt nicht, sondern verschlimmert nur den laufenden Prozess, der bereits begonnen hat und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.  Die Wissenschaftler auf diesem Gebiet geben selbst zu, dass Wissenschaft und Technologie nicht in der Lage sind, diesen Wandel rückgängig zu machen, sondern nur vor seiner Ankunft zu warnen und seine schädlichen Auswirkungen zu mildern.

Es wurden jedoch zwei Ansätze vorgeschlagen, um die derzeitige Erwärmung zu bekämpfen: Der erste besteht darin, photosynthetische Organismen zu nutzen, um CO2 durch die Photosynthese der Pflanzen aufzunehmen und in Biomasse umzuwandeln. Das ist der richtige Weg, aber nicht ausreichend. Die zweite Möglichkeit wäre, Eisenpartikel in die Ozeane zu werfen, um ihre Photosynthesekapazität zu erhöhen. Diese Methode ist jedoch wissenschaftlich nicht zu empfehlen, da sie dem Leben in den Ozeanen absehbar schadet.

Um die Wahrheit zu sage: Wir haben keine praktikablen Lösungen. Sicher ist nur, dass wir uns an den Klimawandel anpassen und unser Leben, unsere Meeresstädte und unsere Produktionsprozesse so gestalten müssen, dass die unvermeidlichen Schäden verringert werden. Im Grunde genommen müssen wir zum Mythos der Fürsorge für uns selbst und für alle Dinge zurückkehren, wie ich es seit Jahren fordere, denn Fürsorge gehört zum Wesen des Menschen und aller Lebewesen.

Stellen wir uns vor, die Menschheit wird sich eines Tages bewusst, dass das Leben verschwinden könnte, und lässt die gesamte Weltbevölkerung ein Wochenende lang Bäume pflanzen, um so Kohlenstoff zu binden und die Voraussetzungen für das Überleben des Lebenssystems und der Menschheit zu schaffen. Das wäre ein Versuch, den wir umsetzen können und der uns vielleicht retten könnte. Das Unwägbare kann immer eintreten, wie die Geschichte gezeigt hat.

Die Warnung des bedeutenden deutschen Philosophen Rudolf-Otto Apel kommt zur rechten Zeit: “Zum ersten Mal in der Geschichte des Menschengeschlechts ist der Mensch praktisch vor die Aufgabe gestellt, für die Auswirkungen seines Handelns in einem Parameter, der den gesamten Planeten einschließt, Mitverantwortung zu übernehmen” (O a priori da Comunidade de Comunicação, São Paulo: Editora Loyola, 2000 S. 410). Entweder wir übernehmen ausnahmslos Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft, oder es kann passieren, dass wir nicht mehr zu den Lebewesen auf dem Planeten Erde gezählt werden.

Leonardo Boff ist Ökotheologe,Philosoph und Schriststeller aus Brasilien.Autor von: Saber cuidar: ética de lo humano-compasión  por la Tierra,Vozes 1999/2010; Cuidar la Tierra-proteger la vida: cómo escapar del fin del mundo, Record, RJ 2010; Tierra madura: una teología de la vida, Planeta, São Paulo 2023.

Übersetzung von Bettina Goldhartnacker

Das Ende aller Dinge:eine Bilanz des Ganzen

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, ziehen wir gewöhnlich Bilanz über den Verlauf des Jahres mit seinen Licht- und Schattenseiten. Diesmal verzichten wir auf diese Aufgabe und fragen uns etwas wirklich Radikales: Wie wird das Ende aller Dinge aussehen?

Wir wissen, wann das Universum begann, vor etwa 13,7 Milliarden Jahren. Können wir wissen, wann es enden wird, wenn überhaupt? Die Antwort hängt von der Wahl des Hintergrunds ab, die wir treffen. In den Wissenschaften über das Universum und die Erde gibt es heute zwei vorherrschende Tendenzen: die quantitative und lineare Sichtweise sowie die qualitative und komplexe Sichtweise.

Die erste Sichtweise stellt die sichtbare Materie (5 %) und die dunkle Materie (95 %), die Atome, die Gene, die Zeit, den Raum und die Geschwindigkeit des Energieverbrauchs in den Mittelpunkt. Sie begreift das Universum als die Summe der real existierenden Wesen.

Die zweite, qualitative, betrachtet die Beziehungen zwischen den Elementen, die Art und Weise, wie Atome, Gene und Energien strukturiert sind. Es reicht nicht aus, zu sagen: Dieser Fernseher besteht aus solchen und solchen Elementen. Was ein Fernsehgerät ausmacht, ist die Organisation dieser Elemente, die mit einer Energiequelle und einer Bildaufnahme verbunden sind. In diesem Verständnis besteht das Universum aus allen Beziehungen.

Jede dieser Optionen geht von etwas Realem und nicht von etwas Imaginärem aus und entwirft ihre Vision von der Zukunft des Universums.

Die quantitative Sichtweise besagt, dass wir uns in einem Universum befinden, das ein geschlossenes System ist, das sich jedoch ständig ausdehnt und durch die vier fundamentalen Kräfte – Gravitationskraft, elektromagnetische Kraft, schwache Kernkraft und starke Kernkraft – ausgeglichen wird. Wir wissen nicht, ob sich das Universum immer weiter ausdehnt, bis es sich völlig auflöst, oder ob es einen kritischen Punkt erreicht und beginnt, sich wieder auf seinen Ausgangspunkt zusammenzuziehen, der sehr dicht an Energie und konzentrierten Teilchen ist. Dem anfänglichen Big Bang (der großen Explosion) würde der abschließende Big Crunch (der große Zusammenbruch) gegenüberstehen.

Es spricht jedoch nichts dagegen, dass unser heutiges Universum die Expansion eines früheren Universums ist, das sich zusammenzog. Es wäre wie ein Pendel, das auf unbestimmte Zeit zwischen Ausdehnung und Rückzug hin und her schwingt.

Andere stellen die Hypothese auf, dass das Universum weder eine vollständige Expansion noch einen vollständigen Rückzug kennt. Es würde wie ein unermessliches Herz schlagen. Es würde Zyklen durchlaufen: Wenn die Materie einen bestimmten Verdichtungsgrad erreicht, würde sie sich ausdehnen; wenn sie dagegen einen bestimmten Verfeinerungsgrad erreicht, würde sie sich in einer ewigen Bewegung von endlosem Hin und Her zusammenziehen.

In jedem Fall hat das Universum nach diesem quantitativen Verständnis aufgrund des universellen Gesetzes der Entropie ein unvermeidliches Ende. Diesem Gesetz zufolge nutzen sich die Dinge unwiederbringlich ab: Unsere Häuser verfallen, unsere Kleidung zerreißt, wir verbrauchen unser Energiekapital, bis wir es ganz aufgebraucht haben, und dann sterben wir. Die Galaxien zerfallen in riesige Nebel, unsere Sonne wird in 5 Milliarden Jahren den gesamten Wasserstoff verbrannt haben, in weiteren 4 Milliarden Jahren dann das gesamte Helium. In diesem unheilvollen Zwielicht wird sie alle Planeten um sich herum, einschließlich der Erde, verbrannt haben. Und ihr Ende wird in einem Weißer Zwerg bestehen.

Mit anderen Worten, wir alle, das Universum, die Erde und jeder einzelne von uns, gehen unaufhaltsam auf den thermischen Tod zu, ein Szenario der Dunkelheit in einem praktisch leeren Raum, durchzogen von verlorenen Photonen und Neutrinos. Ein totaler Zusammenbruch aller Materie und aller Energie. Ein unglückliches Ende aller Dinge.

Aber ist dies das letzte Wort, erschreckend und hoffnungslos? Gibt es nicht eine andere mögliche Lesart der Entwicklung des Universums, die unseren Wunsch zu leben und alles im Sein zu belassen befriedigt?

Ja, es gibt eine solche Lesart, die sich nicht auf die Quantitäten, sondern auf die Qualitäten des Universums stützt, die durch den Fortschritt der verschiedenen zeitgenössischen Wissenschaften ans Licht gebracht wurden. Sie hat drei Mutationen hervorgebracht, die unsere Sicht der Realität und ihrer Zukunft verändert haben.

Die erste war die Relativitätstheorie von Einstein in Verbindung mit der Quantenmechanik von Heisenberg und Bohr. Sie machen uns klar, dass Materie und Energie gleichwertig sind. Im Grunde wäre alles Energie, die immer in Feldern strukturiert ist, wobei die Materie selbst eine kondensierte Form von Energie ist. Das Universum wäre ein unaufhörliches Spiel von Energien, die aus der Hintergrund-Energie (Quanten-Vakuum oder Abgrund, aus dem alles Existierende stammt) ausbrechen und in ständiger Wechselwirkung zueinanderstehen, so dass alle Wesen entstehen.

Die zweite, aus der ersten abgeleiteten Erkenntnis, war die Entdeckung des probabilistischen Charakters aller Phänomene. Jedes Wesen stellt die Konkretisierung einer Wahrscheinlichkeit dar. Aber selbst wenn dies der Fall ist, enthält es in sich selbst noch andere Wahrscheinlichkeiten, die ans Licht kommen können. Und wenn sie zum Vorschein kommen, dann im Rahmen der folgenden Dynamik: Ordnung – Unordnung – neue Ordnung. So wäre das Leben in einer Zeit hoher Komplexität der Materie entstanden, weit entfernt vom Gleichgewicht (in einer Situation des Chaos), die sich selbst geordnet hat und eine neue Ordnung einleitete, die Nachhaltigkeit und die Fähigkeit zur Selbstreproduktion erlangte.

Die dritte, die integrale Ökologie, begreift und artikuliert die unterschiedlichsten Ebenen der Wirklichkeit, indem sie sie als Hervorbringungen des einzigartigen und immensen kosmogenen Prozesses betrachtet, der allen Wesen im Universum zugrunde liegt. Sie hat einen systemischen, pan-relationalen und offenen Charakter in Richtung immer komplexerer Formen, die geordnet sind und immer höhere und bewusstere Sinne hervorbringen können. Dies wäre der Pfeil der Zeit und der Zweck des Universums: nicht einfach den Sieg des Stärkeren (Darwins Anpassungsfähigkeit), sondern die Verwirklichung der Virtualität auch des Schwächeren (Swimme).

Diese drei Stränge bieten uns eine andere Vision von der Zukunft des Lebens und des Universums. Ilya Prigogine hat die Existenz dissipativer Strukturen aufgezeigt, die Entropie abbauen, einfacher gesagt, die Müll in eine neue Energiequelle anderer Ordnung verwandeln. In diesem Verständnis befindet sich das Universum noch in der Entstehung, denn es ist noch nicht geboren. Es ist offen, selbstorganisierend, kreativ, expandierend, schafft Raum und Zeit. Der Pfeil der Zeit ist unumkehrbar und mit einem Ziel aufgeladen. Wohin werden wir gehen? Wir wissen es nicht. Er deutet auf die Existenz eines großen Anziehungspunktes hin (der grosse Atraktor) der uns in die Richtung seiner selbst zieht.

Wenn in dem System, das die Quantität und das geschlossene System bevorzugt, die Entropie vorherrschte, funktioniert hier, in dem offenen System, das die Qualität betont, die Syntropie, d. h. die Fähigkeit, Unordnung in eine neue Ordnung, Müll in eine neue Energie- und Lebensquelle zu verwandeln. So entsteht zum Beispiel aus dem Abfall der Sonne (aus den von ihr ausgesandten Strahlen) fast alles, was auf der Erde existiert.

Diese Vision steht mehr im Einklang mit der inneren Dynamik des Universums. Es bewegt sich vorwärts und schafft die Zukunft. Das Leben strebt danach, sich auf jede erdenkliche Weise fortzusetzen. Unsere dauerhafteste Sehnsucht ist es, länger und besser zu leben. Der Tod selbst wäre eine intelligente Erfindung des Lebens selbst, um sich von den raum-zeitlichen Grenzen zu befreien und das Spiel der Beziehungen von allem mit allem fortsetzen zu können und sich einer absoluten Zukunft zu öffnen.

Deshalb macht das Leben diese Reise von der Zeit in die Ewigkeit, um dort seinen Weg der Zukunft und der Expansion fortzusetzen. In einer theologischen Vision à la Teilhard de Chardin ist dies der Zeitpunkt, an dem wir, wie er sagte, “implodieren und explodieren” in der Höchsten Wirklichkeit (Omega-Punkt) die alles geschaffen hat. Alle Wesen werden ihr Ende kennen, nicht als Ende, sondern als ein erreichtes Ziel. Was ist das Ziel aller Wesen? Ihr Ziel, ihre volle Verwirklichung zu erreichen und so in die Arme von Gott-Vater-und-Mutter zu fallen und ein Leben zu leben, das keine Entropie mehr kennt, sondern nur noch die immer offene und endlose Zukunft.

Und dann wird es das reine Selbst in der strahlenden Pracht seiner Herrlichkeit sein.

Leonardo Boff schriebt zusamen mit dem Kosmologen Mark Hathaway, The Tao of Liberation: exploring a Ecology of Transformation.Vorwort von Fritjof Capra, Orbis Books, NY, 2010; deutsch Litverlag,Münster 2013.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack