Leonardo Boff – zum 85. Geburtstag „Löscht den Geist nicht aus!“

     Bischof Erwin Kräuter, Xingu/Amazonasgebiet

„Löscht den Geist nicht aus“ (1 Thess 5,19), schreibt Paulus im Winter 50/51 von Korinth aus an die Gemeinde von Thessaloniki, der heutigen Hauptstadt des griechischen Mazedonien. Nach Philippi ist sie die zweite von ihm gegründete christliche Gemeinde in Europa. Dieser Appell findet sich in einer Serie von fünfzehn Ratschlägen, die der Apostel als Grundlage für eine lebendige Gemeindepraxis empfiehlt.

Der Österreichische Katholikentag in Salzburg, vom 1. bis 3. Juni 1962, stand unter diesem Leitwort. Karl Rahner hielt damals eines seiner denkwürdigsten Referate. „Uns alle muss die Sorge quälen, dass wir es sein könnten, die den Geist auslöschen“[1] gab er zu bedenken.  

Warum beginne ich einen Beitrag zum 85. Geburtstag meines langjährigen Freundes Leonardo Boff mit dieser Einleitung? Was hat das Pauluswort mit ihm zu tun? Es ist schlicht meine Überzeugung, dass dieser Appell des Apostels das Werk Leonardos besser charakterisiert als irgendeine andere Überschrift. Seit Beginn seiner Publikationen in den 60er Jahren bis heute war und ist es sein Anliegen, den „Geist der Wahrheit“ zu verkünden, „in dessen Kraft ‚auch ihr Zeugnis ablegen sollt‘ (Joh 15, 27), löscht ihn nicht aus!“. So schrieb Papst Johannes XXIII an die 1962 „in Salzburg versammelten Männer und Frauen sowie die uns teure Jugend“. Und wie Karl Rahner bei seinem Referat ganz unverhohlen über einen „Konservativismus“ klagte, „der nicht Gottes Ehre und Lehre und Stiftung in der Kirche verteidigt, sondern sich selbst, die alte Gewohnheit, das Übliche, das schon Gewohnte“[2], so nahm sich auch Leonardo nie ein Blatt vor den Mund. Seine mutige Haltung entfachte allerdings, insbesondere nach dem Erscheinen seines Buches „Kirche: Charisma und Macht“ (1981), das Missfallen kirchlicher Instanzen. Einer seiner ehemaligen Lehrer belegte ihn sogar mit dem Vorwurf der Häresie. Leonardo wurde nach Rom zitiert. Die damals von Kardinal Joseph Ratzinger geleitete Glaubenskongregation verordnete ihm, für ein Jahr, Rede- und Lehrverbot. Diese Verfügung wurde mit dem Doppelwort „Bußschweigen“ umschrieben. „Buße“ und „Schweigen“! War also Leonardo nun aufgefordert, im Büßergewand ein stummes Dasein hinter den Klostermauern zu verbringen? Nicht einmal die brasilianischen Kardinäle Paulo Evaristo Arns und Aloísio Lorscheider, beide Franziskaner wie Leonardo, konnten diese Maßnahme verhindern. Leonardo zog leider Konsequenzen, die ich bis heute bedauere. Dennoch kehrte er seiner Kirche nie den Rücken. Er schrieb weiterhin Bücher und Artikel, dozierte Ethik und Spiritualität an einer Hochschule in Rio de Janeiro und stand oft und oft für Vorträge und Seminare in Brasilien und im Ausland zur Verfügung. Bis heute erhalte ich, wie auch andere Bischöfe, mehrmals im Monat per E-Mail seine Meditationen oder Kommentare zu aktuellen kirchlichen Themen und Ereignissen in Brasilien und auf Weltebene.

Befreiungstheologie und „strukturelle Sünde“

 Wer den Namen Leonardo Boff hört oder liest, verbindet ihn sofort mit der „Befreiungstheologie“, die in Lateinamerika ihren Ursprung hat[3]. Leonardo ist tatsächlich einer ihrer wichtigsten und bekanntesten Vertreter.

Die Befreiungstheologie ist biblisch, ist in der Heiligen Schrift grundgelegt. Gott hat sich als ein befreiender Gott geoffenbart. Der Name Jesu bedeutet: Gott heilt, Gott befreit, „denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21). „Erlösen“ und „befreien“ sind Synonyme. Die Befreiungstheologie will betonen, dass Gott nicht ein Gott in weiter Ferne ist: „Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ meint Schiller in seiner „Ode an die Freude“, die Beethoven im vierten Satz der IX. Symphonie[4] vertont hat. Gott ist Immanu- El – Mit uns Gott! Mit uns unterwegs, an unserer Seite. „Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen“ (Ps 139,9-10). Gott offenbart sich in der Geschichte, „befreit“ sein Volk aus Sklaverei und Unterdrückung (vgl. Ex 3,7-8). „Mit dir erstürme ich Wälle, / mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (2 Sam 22,30) singt David in seinem Dankgebet „Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Befreier“ (2 Sam 22,2). In der Synagoge von Nazareth zitiert Jesus den Propheten Jesaja: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe (…) damit ich die Zerschlagenen befreie und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18-19).

Bis hier alles in Ordnung, meinen die Gegner der Befreiungstheologie. Aber diese Theologie spricht von einer „strukturellen Sünde“ und vergisst dabei, dass jede Sünde eine „persönliche Sünde“ ist, so ihr Urteil. Dass Sünde ein wissentliches, entschlossenes Handeln oder Nichthandeln wider die Liebe und die Zuwendung Gottes und wider den Nächsten ist, hat die Befreiungstheologie nie bestritten. Sie will jedoch nicht einen strafenden, rächenden, mit Fluchworten bis in die dritte und vierte Generation (vgl. Ex 34,7) heimzahlenden Gott verkünden. Jesus hat uns vom „Fluch des Gesetzes“ befreit (vgl. Gal 3,13). Neben dieser „persönlichen Sünde“ existiert aber auch die Sünde, die Leonardo Boff als „strukturelle Sünde“ bezeichnet.

Selbstverständlich hat die Kirche nicht die Aufgabe, zu detaillieren, wie sich die Welt in sozialer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auszurichten hat. Die Kirche „ist von Christus gesandt, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen“ (Ad gentes, 10). Und diese Verkündigung und Mitteilung der Liebe Gottes hat die prophetische Komponente, alle Formen struktureller Sünde und Übel anzuprangern, die dieser Liebe Gottes widersprechen. „Löscht den Geist nicht aus“ bedeutet gerade hier, die prophetische Dimension der Kirche beherzt wahrzunehmen und nicht aus Furcht auszuklammern, die Kirche könnte als politische Akteurin verschrien werden. Schweigen, wenn es um die Verteidigung der Menschenrechte und -würde geht, kommt einer politischen Rechtfertigung der strukturellen Sünde gleich. Alle Märtyrer Lateinamerikas waren Opfer ihres heroischen Mutes, ihre Mitmenschen vor Unrecht und die Mit-welt vor ihrer Zerstörung zu schützen, angefangen vom heiligen Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador (+ 1980) bis zu den Märtyrern unseres Bistums am Xingu Hubert Mattle (+ 1995), Ademir Alfeu Federicci (+2001), Dorothy Mae Stang (+2005).

Was ist also oder worum geht es bei dem von Leonardo Boff geprägten Begriff der „strukturellen Sünde“? Bei der II. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellín (Kolumbien) vollzogen die Kirchen Lateinamerikas 1967 einen Standortwechsel und erklärten ihre Option für die Armen. „Diese Haltung wird sich konkretisieren, wenn wir im Kampf gegen eine unerträgliche Situation, in der sich die Armen so oft befinden, Ungerechtigkeit und Unterdrückung anprangern“ (DM 14,10). In Medellín hat die Kirche nach den Ursachen der tragischen Realität gefragt. „Das Elend, als kollektive Tatsache, ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“ (DM 1,1), heißt es im Schlussdokument bereits im ersten Absatz und erklärt die „fehlende Solidarität als Ursache wahrhafter Sünden auf individueller und gesellschaftlicher Ebene, die sich in den  für Lateinamerika charakteristischen ungerechten Strukturen zeigen“ (DM 1,2).

Armut, Not und Tod sind vielfach die Folge wirtschaftlich und politisch ungerechter Strukturen, die von Regierungen und Wirtschaftsverantwortlichen dauerhaft aufrechterhalten werden. „Sünde“ ist zwar kein soziologischer oder juridischer Begriff, aus theologischer Sicht, aber, sind ungerechte soziale und wirtschaftliche Strukturen „sündhaft“.

Wenn die Schere zwischen reichen und armen Nationen immer mehr auseinanderklafft, wenn laut Statistik der Weltbank zur globalen Armut weltweit rund 70 Millionen Menschen von extremer Armut betroffen, also vom „Festmahl des Lebens“ ausgeschlossen sind, „zu dem alle Menschen von Gott eingeladen sind“[5] ist das eine „strukturelle Sünde“.

Es ist eine „strukturelle Sünde“, wenn Brasiliens Nationalkongress Gesetze erlässt, die es Großgrundbesitzern, Bergwerksgesellschaften, Holzhändlern und Goldsuchern ermöglichen, „legal“ in indigene Gebiete einzudringen, indigene Völker von Grund und Boden zu vertreiben und sie ihrer Heimat zu berauben. Nicht „An den Flüssen Babylons“ (Ps 137,1), sondern „in den Favelas oder entlang der Hauptstraßen Lateinamerikas sitzen wir in Schmutz und Elend und weinen, wenn wir an die Heimat denken, aus der wir vertrieben wurden“. Mit „Va, pensiero“ beginnt der vom Psalm 137 inspirierte Chor aus der Oper Nabucco von Giuseppe Verdi. Indigene Völker können bis heute, wie die hebräischen Sklaven im babylonischen Exil schluchzend die Worte singen: „O mia patria sì bella e perduta! O lembranza sì cara e fatal!“ [6].

Es ist eine „strukturelle Sünde“, wenn Milliarden und Abermilliarden in die Rüstungsindustrie fließen, während der Welthunger-Index die Hungerlage 2023 in 43 Ländern als ernst oder sehr ernst einstuft. Jesus identifiziert sich mit den Armen und die erste und grausamste Folge der Armut ist anhaltender Hunger (vgl. Mt 25,31-46).

Es ist die Folge einer „strukturellen Sünde“, wenn bei der 23. Klimakonferenz in Dubai der fehlende Wille der Großmächte, aber auch kleinerer Nationalstaaten, wieder einmal sichtbar wird, endlich Maßnahmen zu treffen, um der Klimaerwärmung entgegenzusteuern. Die Häufigkeit von Extremwetterereignissen sind inzwischen der untrügliche Beweis, dass es sich bei der Klimaerwärmung um ein „anthropogenes Phänomen“ (L. Boff) handelt, also um die Folge, der von Menschen bewirkten, schädigenden Eingriffe in die Natur.

Kirchliche Basisgemeinden

Medellín regte die lateinamerikanischen Kirchen an, zu „Kirchen der Armen und Unterdrückten“ zu werden. Das vom II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) entflammte neue Pfingsten fängt Feuer. Die befreiende Dimension des Evangeliums kommt zum Tragen. Unzählige kirchliche Basisgemeinden entstehen auf dem ganzen Kontinent. Die Kirche der Armen wird zur Realität. Die Befreiungstheologie übernimmt die an der Basis gelebte Praxis und Erfahrung in ihre Reflexion und vertieft ihren Glaubensgehalt. Eine Kirche entfaltet sich, die auf Dialog zwischen Glauben und Leben, zwischen Evangelium und Gerechtigkeit, gründet. Glauben und Leben sind nicht zwei Paar Schuhe!

Als ich 1985 das erste Mal dem Papst meinen „Ad limina“-Besuch abstattete, fragte mich Johannes Paul II, wie viele Priester und Ordenssleute am Xingu arbeiten. Er zeigte sich verwundert über die geringe Zahl, die ich im verriet. Da sagte ich: „Es gibt aber auch die Laien!“ Er reagierte prompt mit: „Basisgemeinden“. Ich weiß nicht, woher ich den Mut genommen habe, ihn zu korrigieren: „Santo Padre, Kirchliche Basisgemeinden, denn sie sind der Ort, an dem die Kirche lebt“. Im Laufe des 20. Jahrhunderts bis in die 60er Jahre wurden alle möglichen Impulse religiöser Vereinigungen aus Europa und Nordamerika nach Lateinamerika importiert. Wenn auch irgendwie den örtlichen Umständen angepasst, waren sie keine auf heimischen Boden gewachsene Gemeinschaften. Sie trugen alle so etwas wie ein Etikett: „Made in Spain“, „Made in Italy“, „Made in Germany“ oder „Made in USA“. Die kirchlichen Basisgemeinden sind jedoch eine genuin lateinamerikanische Art, Kirche zu sein. In Amazonien schossen sie nach dem Konzil, nach Medellín und insbesondere nach der wegweisenden Bischofsversammlung 1972 im amazonischen Santarém, wie Pilze aus dem Boden. Sie erinnern an die Apostelgeschichte: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42). Nur vom „Brechen des Brotes“, der Eucharistiefeier, dieser zentralen Feier einer jeden christlichen Gemeinde, sind die kirchlichen Basisgemeinden monate- wenn nicht gar jahrelang ausgeschlossen. Wir wollten bei der Amazonas-Synode[7] hier eine Wendung herbeiführen. Trotz Zweidrittelmehrheit bei der Abstimmung wurden unsere Vorschläge nicht berücksichtigt, ja im postsynodalen Schreiben des Papstes nicht einmal erwähnt. Kirchliche Basisgemeinden kennzeichnen sich durch vier Dimensionen: die samaritanische Dimension – gegenseitige Hilfe und Unterstützung, wo immer Not und Elend herrscht; die prophetische Dimension – Hinterfragen, Identifizierung und Anprangerung der „strukturellen Sünden“, Einsatz für Recht und Gerechtigkeit und Erhaltung der Schöpfung; die familiäre Dimension – die Kirche wird als Familie und nicht als eine mehr oder minder anonyme Versammlung erlebt; die feiernde, betende, kontemplative Dimension – Liturgie des sonntäglichen Wortgottesdienstes, Bibelrunden, Meditation und persönliches Gebet.

„Löscht den Geist nicht aus“ ist gerade auch im Hinblick auf die kirchlichen Basisgemeinden ein sehr aktueller Appell an die Diözesen Lateinamerikas. Die Botschaft an den Engel der Gemeinde von Ephesus im zweiten Kapitel der Offenbarung macht gerade heute einen besonderen Sinn: „Du hast ausgeharrt und um meines Namens willen Schweres ertragen und bist nicht müde geworden. Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Offb 2,3-4). Leider hat in den vergangenen Jahrzehnten die „Pentekostalisierung“ die kirchliche Landschaft in Lateinamerika sehr verändert. Die Priesterausbildung und die Orientierung vieler Bischöfe gehen in diese Richtung. Vor allem der junge Klerus ist anfällig für diesen Trend. Pompöse Zelebrationen mit teuren Paramenten verdrängen die einfachen Feiern der Kirche der Armen. Schade!

Lieber Leonardo,

Ich bin nur ein halbes Jahr jünger als du. Also haben wir die Geschichte unserer Kirche in den vergangenen Jahrzehnten gleichzeitig, jeder auf seine Weise, erlebt. Wir haben uns unendlich gefreut über das im II. Vatikanischen Konzil bewirkte Frühlingserwachen. Wir waren begeistert von den Aufbrüchen in unserer Kirche. Seit einigen Jahrzehnten leiden wir jedoch darunter, dass sich immer wieder Widerstand und Stagnation breitmachen und zum Rückzug geblasen wird, als ob das Konzil ein Desaster in der Kirchengeschichte gewesen wäre. Wir geben nicht auf. Es kann sein, dass wir mit unserer bereits „angehäuften Jugend“ die tatsächliche Applikation des Konzils nicht mehr erleben. Unsere Hoffnung stirbt dennoch nicht, dass die Kirche der Zukunft das wirkliche schon von Johannes XXIII erträumte  „Aggiornamento“ bewirkt, die Öffnung unserer Kirche für den Dienst an den Menschen aller Kontinente und Kulturen im Hier und Jetzt ihrer Geschichte.

Gleichzeitig möchte ich dir für deine Bücher und anderen Schriften danken, die mir stets eine Hilfe in meinem pastoralen Einsatz für die Menschen am Xingu und darüber hinaus waren.

Alles Gute und Gottes Segen zu deinem 85. Geburtstag.

Herzlichst,

Erwin Kräutler

Bischof em. vom Xingu

Altamira, 12. Dezember 2023

Fest U. L. Frau von Guadalupe


[1] Zitiert auf der Homepage von Paul M. Zulehner: Erfüllte Zeit, Pfingsten 2008, Pfingstsonntag.

[2] A. a. O.

[3] Als „Vater der Befreiungstheologie“ wird der peruanische Priester Gustavo Gutierrez O.P. bezeichnet. Er feierte am 8. Juni 2023 seinen 95 Geburtstag. In seinem Buch „Teologia de la liberación, Perspectivas“ entwickelte er die Befreiungstheoiogie. Der Begriff Theologie der Befreiung oder Befreiungstheologie wurde von ihm in einer Vorlesung von 1968 verwendet und geprägt:”Hacia una teología de la liberación”.

[4] Friedrich Schiller „Ode an die Freude“ aus dem Jahr 1785 wurde von Ludwig van Beethoven im Finale des 4. Satzes der am 7. Mai 1824 in Wien uraufgeführrten iX. Synphonie vertont.

[5] Johannes Paul II, Enzyklika „Sollicitudo Rei Socialis“, 39

[6] „O meine Heimat, du schöne, verlorene! O Erinnerung, du teure, verhängnisschwere!“ Der Text stammt von Temistocle Solera. Der Dichter inspirierte sich am Psalm 137 „An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, als wir dein gedachten, Zion“. Die Oper Nabucco von Giuseppe Verdi wurde am 9. März 1842 in der Mailänder Scala uraufgeführt. 

[7] Sondersynode im Vatikan vom  6. bis 27. Oktober 2019 mit dem Thema „Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie”.

Ist der sich in Kraft befindliche Kapitalismus bereits vom Todestrieb übernommen?

     Leonardo Boff

Die COP28, die in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfand, endete wie die vorangegangenen: mit einem Aufruf zur Reduzierung der fossilen Brennstoffe, wobei jedoch der Ausdruck “Ausstieg” aus der Nutzung von Erdöl gestrichen wurde und das Feld für dessen Nutzung und Ausbeutung offengelassen wurde. Es sei darauf hingewiesen, dass die Präsidenten der wichtigsten Länder in dieser Frage, nämlich der USA und Russlands, nicht anwesend waren. Die Zahl der Lobbyisten von Öl-, Gas- und Kohleunternehmen nahm jedoch zu.

Wie eine brasilianische Analystin (Cora Rónai) feststellte, “ist diese COP28 ein Schlag ins Gesicht der Menschheit, eine Verhöhnung derjenigen, die sich wirklich um die Auswirkungen unseres Handelns auf den Planeten sorgen” (O Globo, 7/12, zweiter Teil, 8). In der Tat zeigten die Tausenden Anwesenden nicht die nötige Sensibilität für das Drama, das durch den Anstieg der globalen Erwärmung verursacht wird, die bald zwei Grad Celsius oder mehr erreichen wird. Der Profit der Unternehmen, die systemische Logik des Wettbewerbs ohne jeden Hinweis auf eine wirksame Zusammenarbeit, der fortgesetzte Angriff auf die natürlichen Güter und Dienstleistungen, die Lockerung der Gesetze, die die Eingriffe in die Natur begrenzen, und die Schwächung der gesetzlichen Kontrollen in den vom neoliberal-kapitalistischen System beherrschten Gesellschaften führen dazu, dass es keinen Kurswechsel gibt, sondern allenfalls interne Korrekturen des Systems, die wie Pflaster auf die Wunden wirken, ohne deren Ursachen zu bekämpfen.

Wenn das System des Kapitals mit seiner unersättlichen Dynamik und seiner alle Bereiche umfassenden Kultur und erst recht die “Große Transformation” (Polaniy) von einer Marktgesellschaft zu einer totalen Marktgesellschaft aufrechterhalten wird, wird dies dazu führen, dass der Planet unbewohnbar wird. Der französische Genetiker Albert Jacquard (J’accuse l’économie triomphante, 1986) hat schon vor Jahren auf den selbstmörderischen Charakter des kapitalistischen Systems hingewiesen, auf seinen Todestrieb, weil es auf der Erschöpfung der Voraussetzungen beruht, die das Leben garantieren, und dessen treibende Kraft der Wettbewerb ist, der seine Konkurrenten gnadenlos verschlingt, immer mit der Aussicht auf mehr Geldgewinn.

Vielleicht kann uns diese kleine Geschichte aus dem Irak, der seit 2003 von Bush und seinen Verbündeten in einem ungerechten Krieg zerstört wurde, über die Risiken aufklären, die vor uns liegen.

Es heißt, dass “ein Soldat aus dem alten Basra im Krieg gegen den Irak, der von der US-Armee verwüstet wurde, voller Angst zum König ging und zu ihm sagte: “Mein Herr, rette mich, hilf mir, von hier zu fliehen; ich war auf dem Marktplatz und traf den ganz in Schwarz gekleideten Tod, der mich mit einem tödlichen Blick ansah; leihe mir dein königliches Pferd, damit ich schnell nach Samara fliehen kann, das weit von hier entfernt ist; ich fürchte um mein Leben, wenn ich in der Stadt bleibe”.

Der König machte sich über ihn lustig. Später traf der König den Tod auf der Straße und sagte ihm: “Mein Soldat hat sich erschrocken; er erzählte mir, dass er Ihnen begegnet sei und dass Sie ihn sehr seltsam ansahen”. “Oh nein”, antwortete der Tod, “mein Blick war nur der eines Erstaunens, denn ich fragte mich, wie dieser Mann nach Samara kommen würde, das so weit von hier entfernt ist, denn ich erwartete ihn dort heute Abend. Tatsächlich hat er ihn dort in der Nacht getroffen und ihm die Umarmung des Todes gegeben.”

Dieses Märchen trifft auf die Gegenwart zu. Wir sind Zeugen des Todes, des Endes unserer Art von Welt, die auf dem Raubbau an der Natur beruht, aber wir haben die Beschleunigung des unbegrenzten Wachstums nicht gebremst, obwohl die Wissenschaft uns versichert, dass wir bereits die erträglichen Grenzen der Erde erreicht haben und sie nicht mehr verkraften kann. Die Konsumgier der üppigen Länder, die im Allgemeinen im hohen Norden angesiedelt sind, beansprucht mehr als eineinhalb Erden, um ihren Bedarf zu decken.

Wir haben wenig Zeit und noch weniger Weisheit. Wir sind bereits in die neue Phase der Erde eingetreten, die kocht und überhitzt ist (das Anthropozän, das Nekrozän und das Pyrozän). Die Klimaforscher selbst sind größtenteils zu Techno-Fatalisten geworden und haben resigniert. Wissenschaft und Technik, so sagen sie, sind zu spät gekommen. Wir können den neuen Lauf der sich erwärmenden Erde nicht mehr aufhalten. Wir können die Menschheit vor den immer häufiger auftretenden Extremereignissen warnen und ihre schädlichen Auswirkungen abmildern, aber wir können sie nicht verhindern.

Die Folgen für die gesamte Menschheit, insbesondere für die vom Verschwinden bedrohten Inselstaaten des Pazifiks und speziell für die am stärksten vernachlässigten und ärmsten Länder, werden je nach Region mehr oder weniger schwerwiegend sein. Aber Tausende werden Opfer sein, sie werden auswandern müssen, weil ihre Gebiete zu heiß geworden sind, Ernten verloren gegangen sind, Hunger und Durst grassieren, Kinder und alte Menschen sich nicht anpassen können und schließlich sterben. Diese Phänomene werden die Planer dazu zwingen, den Grundriss der Städte neu zu definieren, insbesondere derjenigen, die an den Küsten der Ozeane liegen, deren Wasserstand erheblich steigen wird.

Nehmen wir allgemeine Beispiele. Ein Atomsprengkopf, der aus großer Höhe abgeschossen wird, kann nicht mehr aufgehalten werden. Sind die Dämme des Bergbauunternehmens Vale in Brumandinho-MG erst einmal gebrochen, ist es unmöglich, die Lawine von Tausenden von Tonnen Abfall, Schlamm und Wasser aufzuhalten, die auf kriminelle Weise 172 Menschen getötet und die Region verwüstet hat.

Das ist es, was mit der Erde geschieht. Die menschliche “Kolonie” verhält sich in Bezug auf den Erdorganismus wie eine Gruppe von Krebszellen. An einem bestimmten Punkt verlieren sie ihre Verbindung zu den anderen Zellen, beginnen sich chaotisch zu vermehren, dringen in das umliegende Gewebe ein und produzieren giftige Substanzen, die schließlich den gesamten Organismus vergiften. Haben wir das nicht auch getan, als wir 83 Prozent des Planeten bevölkerten?

Das Wirtschafts- und Produktionssystem hat sich drei Jahrhunderte lang entwickelt, ohne seine Vereinbarkeit mit dem ökologischen System zu berücksichtigen. Heute erkennen wir mit Verspätung, dass Ökologie und die industrielle Produktionsweise, die eine systematische Ausplünderung der Natur beinhaltet, im Widerspruch zueinander stehen. Entweder wir ändern uns, oder wir landen in Samara, wo etwas Unheilvolles auf uns wartet.

All diese Probleme würden eine globale Governance, globales Denken und globale Lösungen erfordern. Wir sind noch nicht reif für diese offensichtliche Anforderung. Wir sind nach wie vor Opfer der veralteten Souveränität jeder einzelnen Nation und schließen uns auf diese Weise blindlings dem Zug derer an, die auf das Massengrab zusteuern.

Leonardo Boff Autor von: Terra Madura:uma teologia da vida, Planeta, São Paulo 2023; Habitar a Terra:  qual o caminho para a fraternidade universal? Vozes 2022.

Der Irrsinn des Krieges: Wir sind kriegslüstern

Der verheerende und tödliche Angriff auf das von Anglikanern unterstützte Al-Ahli Baptist Hospital im Zentrum des Gazastreifens ist nach internationalem Recht ein eindeutiges Kriegsverbrechen. Es herrscht ein Krieg der Versionen darüber, wer ihn verursacht hat. Was wirklich zählt, sind die Hunderte von Menschenleben (471?), die auf verbrecherische Weise getötet wurden. Die Tatsache und die Szenen haben uns mit Entsetzen, Empörung und Solidarität mit den Betroffenen und mit dem palästinensischen Volk, dem Opfer einer Kollektivstrafe, erfüllt.

In der schmerzhaften Geschichte der Palästinenser auf der Suche nach einer Heimat gab es unzählige Massenmorde in Hebron (1929), Dier Jassin (1948), Kufer Qassem (1956), Hebron (1994) und das Massaker beim Marsch der Rückkehr (2018). Der perverse Terrorakt der Hamas in Israel am 7. Oktober, bei dem wahllos mehr als tausend Israelis, darunter Kinder und zweihundert Geiseln, ermordet wurden, darf niemals vergessen und muss verurteilt werden.

Die Vergeltungsmaßnahmen des israelischen Staates mit der skandalösen bedingungslosen Unterstützung der USA sind grausam und gnadenlos und treffen Tausende von Zivilisten, darunter 50 Prozent Kinder und Jugendliche. Israels totale Belagerung mit dem Abschneiden von Wasser, Nahrung und Energie stellt ein humanitäres Verbrechen dar.

Dieser völlig asymmetrische Krieg wirft die große Frage auf: Warum töten oder ermorden sich Menschen gegenseitig? Was sind die Ursachen für diese Perversität? Ist Frieden zwischen den Menschen und mit der Natur möglich?

Es würde zu weit führen, über die verschiedenen Interpretationen des dementen und kriegerischen Charakters des Menschen nachzudenken, was wir im vorherigen Artikel versucht haben. Hier fassen wir das Thema im Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud zusammen.

Am 30. Juli 1932 fragte Einstein Freud: “Gibt es einen Weg, den Menschen von der Fatalität des Krieges zu befreien? Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung so zu lenken, dass der Mensch fähiger wird, der Psychose des Hasses und der Zerstörung zu widerstehen?” (Natan & Norden, Einstein on Peace, 98).

Freud verwendet diese beiden Trieb-Begriffe, die er sein ganzes Leben und Werk hindurch beibehalten hat: Wir haben in uns den Todestrieb (Thanatos) und den Lebenstrieb (Eros). Beide koexistieren in jedem menschlichen Wesen. Der Todestrieb ist verantwortlich für alle Arten von Gewalt und Kriegen, die die persönliche und kollektive Geschichte der Menschheit prägen. Der Lebenstrieb äußert sich in Liebe, Freundschaft, Solidarität und Mitgefühl, die ebenfalls in jedem Menschen vorhanden sind.

Freud antwortete Einstein realistisch: “Es gibt keine Hoffnung, die Aggressivität des Menschen direkt unterdrücken zu können, aber man kann zu indirekten Mitteln greifen, indem man den Eros, das Prinzip des Lebens, gegen den Thanatos, das Prinzip des Todes, stärkt. Alles, was emotionale Bindungen zwischen den Menschen schafft, wirkt gegen den Krieg; alles, was den Menschen zivilisiert, wirkt gegen den Krieg” (Sämtliche Werke, III:3,215). Aber er warnt uns, dass diese beiden Triebe aufeinanderprallen und versuchen, sich gegenseitig auszugleichen, aber wir wissen nicht, welcher von ihnen den Vorrang vor dem anderen haben wird. Er endet mit einem geheimnisvollen und resignativen Satz: “Wenn wir hungern, denken wir an die Mühle, die so langsam mahlt, dass wir vor Hunger sterben könnten, bevor wir das Mehl erhalten“. Hier zeigt sich Freuds Pessimismus über den Verlauf unserer Geschichte. Wir erleben jetzt mit Entsetzen, was der große Psychoanalytiker geahnt hat.

Dennoch suchen wir weiterhin hartnäckig nach Frieden und werden niemals aufgeben. Wenn auch nicht als Dauerzustand, so doch zumindest als ein Geist, der uns den Dialog der Konfrontation vorziehen lässt, die herzliche Suche nach Gemeinsamkeiten der kriegerischen Konfrontation.

Die Grundvoraussetzung für den Frieden ist die Bejahung der Menschlichkeit in jedem einzelnen Menschen, unabhängig von seinem ethnischen, kulturellen, religiösen oder geschlechtlichen Status. Wir alle sollten uns gegenseitig menschlich behandeln. Leider ist dies nicht der Fall. So erklärte der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant in einem Interview mit internationalen Journalisten in einer typisch rassistischen Haltung: “Wir kämpfen gegen Tiere und handeln dementsprechend … wir setzen unsere gesamte Kriegsmacht ein, um Gaza-Stadt in Schutt und Asche zu legen”. Dies ist nur möglich, wenn man den Bewohnern des Gazastreifens die Menschlichkeit abspricht, da sie zu Unmenschen und, schlimmer noch, zu Tieren degradiert wurden.

So hinterlässt jede Unterwerfung eines Volkes durch Gewalt und Krieg eine Spur von Verbitterung, Hass und Rachegelüsten, die zu gewalttätigen Reaktionen, Angriffen und neuen Konflikten führen. Wie Prof. Oren Yiftachel, ein israelischer Jude von der Universität für Urbanistik der Ben-Gurion-Universität des Negev, sagte, hat Israel in den letzten zehn Jahren etwa 15 Mal mehr Zivilisten getötet als die Palästinenser getöten haben.   Wir müssen eine vertrauensvolle und herzliche Begegnung zwischen den verschiedenen Völkern anstreben. Daniel Barenboim, ein jüdischer Orchesterdirigent, gibt uns ein gutes Beispiel: In seinem Orchester und seiner Schule in Israel leben Israelis, Palästinenser und Juden zusammen und pflegen die Musik. Er sagt: “Das bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass es nur eine Lösung für den Konflikt geben kann: auf der Grundlage von Humanismus, Gerechtigkeit und Gleichheit und ohne Waffengewalt und Besatzung”. Frieden ist das Ergebnis und die Konsequenz einer solchen Haltung, die in der Erd-Charta gut zum Ausdruck kommt, wenn sie “anerkennt, dass Frieden die Fülle ist, die sich aus rechten Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Menschen, zu anderen Kulturen, zu anderem Leben, zur Erde und zu dem größeren Ganzen ergibt, von dem wir ein Teil sind” (IV,16f).

Es ist traurig zu sehen, dass im Land des Friedensfürsten Jesus von Nazareth so brutale Gewalt und verheerende Kriege herrschen, deren Opfer meist Zivilisten und unschuldige Mütter und Kinder sind.

Letztendlich liegt es an uns, Shalom, Salam, Pax et Bonum, Frieden und Güte zu verkünden.

Leonardo Boff ist Autor von: Cultura da paz num mundo em conflito, em Virtudes para outro mundo possível vol. III, Vozes 2006,73-131; Oração de São Francisco:uma mensagem de paz para o mundo atual,Vozes 2014.

Die Apokalyptischen Reiter sind ausgebrochen: der Hamas-Israel-Krieg

In diesen Oktobertagen haben wir mit Erstaunen den Ausbruch des Krieges zwischen der Terrorgruppe Hamas in Palästina und dem Staat Israel, der überraschend angegriffen wurde, sowie die heftige Vergeltung des Staates Israel beobachtet. Angesichts der Gewalt, der auf beiden Seiten Hunderte von Menschen zum Opfer fielen, vor allem Unschuldige, scheint es, als sei das Pferd der Apokalypse, das Pferd des Vernichtungskrieges (Offb 9,13-19), ausgebrochen.

Die Raketen, die Raketen, die Drohnen, die Panzer, die Bomber, die Kampfflugzeuge, die intelligenten Bomben und die Soldaten selbst, die zu kleinen Tötungsmaschinen gemacht wurden, sehen aus wie Figuren direkt aus dem Buch der Offenbarung.

Wir alle, die wir von einer pazifistischen Weltanschauung, von der Ökologie der harmonischen Integration von Gegensätzen, vom evolutionären Prozess, der als offen für immer komplexere, höhere und geordnetere Formen von Beziehungen konzipiert ist, und sogar von den Warnungen von Papst Franziskus vor ökologischem Alarm ausgehen, fragen uns voller Sorge: Wie ist es möglich, dass wir ein solches Ausmaß an Zerstörung erreicht haben? Wie können wir die Phänomene verstehen, die diesen Krieg begleiten, wie den Einmarsch der Hamas-Terroristen in Israel, das wahllose Töten von Zivilisten, die Entführung von Menschen, Kindern, älteren Menschen und Militärangehörigen, die Fake News, die gezielte Verdrehung von Tatsachen und die Manipulation von religiösen Überzeugungen? Es ist wichtig, die vielen Jahre der harten israelischen Herrschaft über die Gaza-Region und die Palästinenser im Allgemeinen nicht zu vergessen. Dies hat zu Ressentiments und viel Hass geführt, was die Ursache für die anhaltenden Konflikte in der Region ist. Doch all dies lässt die Frage nicht verstummen: Wie sind wir Menschen zu einer solchen Barbarei fähig?

Und Kriege sind zunehmend zu totalen Kriegen geworden, die mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung als unter den Kämpfern fordern. Max Born, Nobelpreisträger für Physik (1954), prangerte die hohe Zahl der zivilen Todesopfer in der modernen Kriegsführung an. Im Ersten Weltkrieg starben nur 5 % der Zivilisten, im Zweiten Weltkrieg 50 % und im Korea- und Vietnamkrieg 85 %. Und die jüngsten Zahlen zeigen, dass im Gegensatz zum Irak und dem ehemaligen Jugoslawien in der Ukraine 98 Prozent der Opfer Zivilisten sind. Im aktuellen Krieg zwischen der Hamas-Gruppe und Israel dürften die Zahlen ähnlich ausfallen, wie der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu drohend erklärte.

Laut dem Historiker Alfred Weber, dem Bruder von Max Weber, waren von den 3.400 Jahren der Menschheitsgeschichte, die wir mit Dokumenten belegen können, 3.166 Jahre Krieg. Die restlichen 234 Jahre waren mit Sicherheit kein Frieden, sondern ein Waffenstillstand und die Vorbereitung auf einen weiteren Krieg.

Angesichts dieses erschreckenden Dramas stellt sich eine radikale Frage: Was ist der Sinn des Seins, des Lebens und der Geschichte? Wie kann dieses Antiphänomen erhellt werden?

Wir haben keine andere Kategorie, um dieses Rätsel zu erhellen, als es zu erkennen: Es ist die Explosion und Implosion der Demenz, die dem Menschen, wie wir ihn kennen, eingeschrieben ist. Wir sind auch Wesen des Wahnsinns, des Exzesses, des Willens zu dominieren, zu erwürgen und zu morden. Das haben die Kriege des 20. Jahrhunderts mit 200 Millionen Toten, die spektakulären Taten des Terrorismus und des islamischen Fundamentalismus wie die Zerstörung der Zwillingstürme in den USA im Jahr 2001 und aktuell der überraschende und schreckliche Angriff der von den Palästinensern abgelehnten Terrorgruppe Hamas auf den Staat Israel deutlich gemacht.

Das Rätselhafte daran ist, dass diese Demenz immer mit Weisheit einhergeht. Weisheit ist unsere Fähigkeit zu lieben, sich zu kümmern, sich zu verzaubern und sich dem Unendlichen zu öffnen. Wir alle sind ausnahmslos sapiens und demens zugleich, also kluge und demente Menschen.

Das vorherrschende Paradigma unserer Kultur, das auf dem Willen zur Macht und zur Beherrschung beruht, hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich unser kollektiver Wahn kraftvoll manifestieren und durchsetzen kann. Dieser Geist des Krieges ist in der finanzgesteuerten Marktwirtschaft, im Krieg um Weizen, Mais, Autos, Computer, Mobiltelefone, religiöse Gruppen und sogar Forschungszentren präsent.

Auf der anderen Seite hat unsere weise Dimension nie aufgehört, zu jeder Zeit zu erscheinen. Überall auf der Welt füllen sich die Plätze mit Menschenmengen, die nach Frieden und nicht mehr nach Krieg rufen, wann immer die Gefahr eines Konflikts als Mittel zur Lösung von Problemen angesprochen wird. Politische, intellektuelle und religiöse Führer erheben ihre Stimme und fördern die helle und friedliche Seite des Menschen und lassen uns nicht verzweifeln. Jesus, der Heilige Franz von Assisi, M. Gandhi, Luther King Jr., Dom Helder Câmara und andere sind zu Vorbildern für die Bekämpfung von Gewalt und die Förderung des Friedens geworden.

Welche Lösung werden wir für dieses Problem mit den metaphysischen Dimensionen finden? Das wissen wir noch nicht genau.

Der realistischste und weiseste Ausweg scheint derjenige zu sein, der im Friedensgebet des Heiligen Franz von Assisi, des universellen Bruders der Natur, der Tiere, der Berge und der Sterne, zum Ausdruck kommt. In diesem Gebet, das durch die Makro-Ökumene, d.h. durch die Ökumene zwischen den Religionen und Kirchen, weithin bekannt gemacht und zu einem gemeinsamen Glaubensbekenntnis gemacht wurde, finden wir einen erhellenden Schlüssel.

Die Worte des Gebetes verdeutlichen das Bewusstsein der Widersprüchlichkeit des menschlichen Daseins, das aus Liebe und Hass, Weisheit und Dummheit besteht. Es geht von diesem Widerspruch aus, bejaht aber zuversichtlich den positiven Pol mit der Gewissheit, dass er den negativen Pol begrenzen und integrieren wird.

Die Lektion, die hinter dem Gebet des heiligen Franziskus steht, ist folgende: Demenz kann nur durch die Stärkung der Weisheit geheilt werden. Deshalb, mit seinen Worten: “Wo Hass ist, bringe ich Liebe; wo Zwietracht ist, bringe ich Einheit; wo Verzweiflung ist, bringe ich Hoffnung; wo Dunkelheit ist, bringe ich Licht”. Und es ist wichtig, “mehr zu lieben als geliebt zu werden, mehr zu verstehen als verstanden zu werden, mehr zu vergeben als vergeben zu werden, denn im Geben empfängt man, und im Sterben lebt man für das ewige Leben”.

In dieser Weisheit des Einfachen liegt vielleicht das Geheimnis der Überwindung des Willens, der Gewalt und Krieg als Mittel zur Lösung von Konflikten oder zur Durchsetzung der Interessen des einen gegen den anderen will, wie es im aktuellen Krieg zwischen Hamas und Israel geschieht.

Der Weg zum Frieden, so lehrte Gandhi, ist der Frieden selbst.  Nur friedliche Mittel schaffen Frieden. Frieden ist sowohl Ziel als auch Methode, Zweck und Mittel. Hoffen wir, dass dieser Geist am Ende über die brutale Gewalt im aktuellen, zutiefst asymmetrischen Krieg zwischen der kleinen und gewalttätigen Hamas-Gruppe und dem ebenfalls kleinen, aber mächtigen Staat Israel triumphiert.

Leonardo Boff, ist Ökotheologe, Philosoph und Schritsteller. Autor von: A busca da justa medida (I e II), Vozes  2023; A oração de São Francisco:uma mensagem de paz para o mundo atual,Vozes 2014; Fundamentalismo,terrorismo, religião e paz, Vozes 2009.