Die größte Bedrohung: der Klimawandel

                                                            Leonardo Boff

Es gibt mehrere Bedrohungen für die Zerstörung des Lebens, insbesondere des menschlichen Lebens, auf unserem Planeten: die nukleare Bedrohung, die Bedrohung durch den globalen Zusammenbruch des sozioökonomischen Systems, die Bedrohung durch die Überlastung der Erde (Mangel an natürlichen Gütern und Dienstleistungen, die das Leben erhalten), die Bedrohung durch eine weltweite Verknappung des Süßwassers und vieles mehr.

Das vielleicht heikelste Thema ist der Klimawandel, der ganze Bevölkerungen in Mitleidenschaft zieht. Damit verbunden ist die Wasserkrise, von der bereits ein großer Teil der Nationen der Welt betroffen ist. Ich erlebe dieses Wasserdrama persönlich. Am Rande meines Grundstücks gab es einen Bach mit reichlich Wasser. Ein kleiner Teil davon wurde kanalisiert, um einen Wasserfall zu erzeugen, der das ganze Jahr über von vielen Menschen besucht wurde. Langsam wurde der Fluss jedoch immer kleiner, und der Wasserfall verschwand, bis ein großer Teil des Flusses völlig austrocknete und später mit sichtbar abnehmendem Wasser wieder auftauchte. Der Fluss entspringt inmitten eines angrenzenden, vollständig erhaltenen Regenwaldes. Es gäbe also keinen Grund, dass sein Wasser abnimmt. Wir wissen jedoch, dass der Faktor Wasser systemisch ist, dass alles miteinander zusammenhängt. Weltweit gibt es eine zunehmende Knappheit an Trinkwasser.

Die nächste Gefahr mit schädlichen Folgen ist der Klimawandel anthropogenen Ursprungs, d. h. verursacht durch die Art und Weise, wie die Menschen, insbesondere die Besitzer großer Industrie- und Finanzkomplexe, die Natur in den letzten drei Jahrhunderten behandelt haben. Das Projekt, das diese Art des Lebens auf der Erde beflügelte und noch immer beflügelt, ist das des unbegrenzten Wachstums von Gütern und Dienstleistungen, in der Annahme, dass die Erde diese Güter auch unbegrenzt besitzen würde. Seit der Veröffentlichung des Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ im Jahr 1972 durch den Club of Rome ist jedoch klar, dass die Erde ein kleiner Planet mit begrenzten Gütern und Dienstleistungen ist. Sie kann kein unbegrenztes Wachstum verkraften. Heute brauchen wir mehr als anderthalb Erden, um die Nachfrage der Verbraucher zu befriedigen, was den Planeten unter Stress setzt. Er reagiert darauf, denn er ist ein Superwesen, das wie ein Lebewesen systemisch gesteuert wird, sich aufheizt, extreme Ereignisse hervorruft und immer gefährlichere, sogar tödliche Viren aussendet, wie wir am Coronavirus gesehen haben.

Fazit: Wir haben den kritischen Punkt überschritten. Wir befinden uns bereits in der globalen Erwärmung. Die ökologische Deregulierung hat stattgefunden. Die Treibhausgase, die die Erwärmung verursachen, haben exponentiell zugenommen. Schauen wir uns einige Fakten an. Im Jahr 1950 wurden jährlich 6 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen. Im Jahr 2000 waren es 25 Milliarden Tonnen. Im Jahr 2015 waren es bereits 35,6 Milliarden Tonnen. Im Jahr 2022/23 werden wir 37,5 Milliarden Tonnen pro Jahr erreichen. Insgesamt zirkulieren etwa 2,6 Billionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre, die etwa 100 Jahre lang in der Atmosphäre verbleiben. Die Tatsache, dass die Analysten die synergetische Wechselwirkung zwischen Pflanzenwelt, Landmassen, Ozeanen und Eis bei der Verschärfung der globalen Erwärmung noch immer nicht berücksichtigen, macht die Klimasituation dramatisch. Wir sind an die unüberwindbaren Grenzen der Erde gestoßen. Wenn wir weiter so handeln und konsumieren, ist das Leben bedroht oder die Erde will uns nicht mehr auf ihrer Oberfläche haben.

Das 2015 unterzeichnete Pariser Abkommen, in dem sich alle Länder zu Treibhausgasreduktionen verpflichten sollten, um zu verhindern, dass die Temperatur 1,5°C oder sogar 2°C über dem Niveau des Industriezeitalters liegt, wurde vereitelt. Die Länder haben ihre Hausaufgaben zu Hause nicht gemacht. Eine sofortige Senkung der CO2-Emissionen um 60-80 % war notwendig. Andernfalls bestünde die reale Gefahr irreversibler Veränderungen, die weite Regionen der Erde unbewohnbar machen würden. Die letzte COP28 in Dubei hat gezeigt, dass die Nutzung von fossiler Energie, Öl, Gas und Mineralien zugenommen hat.

Präsident Lula sagte auf der COP28 zu Recht: “Der Planet hat die Nase voll von nicht eingehaltenen Klimavereinbarungen. Wie viele Staats- und Regierungschefs engagieren sich wirklich für die Rettung des Planeten?“

Was vorherrscht, ist Leugnung. Es heißt, die Erwärmung sei die Folge von El Niño. El Niño spielt zwar eine Rolle, aber er erklärt nicht, sondern verschlimmert nur den laufenden Prozess, der bereits begonnen hat und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.  Die Wissenschaftler auf diesem Gebiet geben selbst zu, dass Wissenschaft und Technologie nicht in der Lage sind, diesen Wandel rückgängig zu machen, sondern nur vor seiner Ankunft zu warnen und seine schädlichen Auswirkungen zu mildern.

Es wurden jedoch zwei Ansätze vorgeschlagen, um die derzeitige Erwärmung zu bekämpfen: Der erste besteht darin, photosynthetische Organismen zu nutzen, um CO2 durch die Photosynthese der Pflanzen aufzunehmen und in Biomasse umzuwandeln. Das ist der richtige Weg, aber nicht ausreichend. Die zweite Möglichkeit wäre, Eisenpartikel in die Ozeane zu werfen, um ihre Photosynthesekapazität zu erhöhen. Diese Methode ist jedoch wissenschaftlich nicht zu empfehlen, da sie dem Leben in den Ozeanen absehbar schadet.

Um die Wahrheit zu sage: Wir haben keine praktikablen Lösungen. Sicher ist nur, dass wir uns an den Klimawandel anpassen und unser Leben, unsere Meeresstädte und unsere Produktionsprozesse so gestalten müssen, dass die unvermeidlichen Schäden verringert werden. Im Grunde genommen müssen wir zum Mythos der Fürsorge für uns selbst und für alle Dinge zurückkehren, wie ich es seit Jahren fordere, denn Fürsorge gehört zum Wesen des Menschen und aller Lebewesen.

Stellen wir uns vor, die Menschheit wird sich eines Tages bewusst, dass das Leben verschwinden könnte, und lässt die gesamte Weltbevölkerung ein Wochenende lang Bäume pflanzen, um so Kohlenstoff zu binden und die Voraussetzungen für das Überleben des Lebenssystems und der Menschheit zu schaffen. Das wäre ein Versuch, den wir umsetzen können und der uns vielleicht retten könnte. Das Unwägbare kann immer eintreten, wie die Geschichte gezeigt hat.

Die Warnung des bedeutenden deutschen Philosophen Rudolf-Otto Apel kommt zur rechten Zeit: “Zum ersten Mal in der Geschichte des Menschengeschlechts ist der Mensch praktisch vor die Aufgabe gestellt, für die Auswirkungen seines Handelns in einem Parameter, der den gesamten Planeten einschließt, Mitverantwortung zu übernehmen” (O a priori da Comunidade de Comunicação, São Paulo: Editora Loyola, 2000 S. 410). Entweder wir übernehmen ausnahmslos Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft, oder es kann passieren, dass wir nicht mehr zu den Lebewesen auf dem Planeten Erde gezählt werden.

Leonardo Boff ist Ökotheologe,Philosoph und Schriststeller aus Brasilien.Autor von: Saber cuidar: ética de lo humano-compasión  por la Tierra,Vozes 1999/2010; Cuidar la Tierra-proteger la vida: cómo escapar del fin del mundo, Record, RJ 2010; Tierra madura: una teología de la vida, Planeta, São Paulo 2023.

Übersetzung von Bettina Goldhartnacker

Das Ende aller Dinge:eine Bilanz des Ganzen

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, ziehen wir gewöhnlich Bilanz über den Verlauf des Jahres mit seinen Licht- und Schattenseiten. Diesmal verzichten wir auf diese Aufgabe und fragen uns etwas wirklich Radikales: Wie wird das Ende aller Dinge aussehen?

Wir wissen, wann das Universum begann, vor etwa 13,7 Milliarden Jahren. Können wir wissen, wann es enden wird, wenn überhaupt? Die Antwort hängt von der Wahl des Hintergrunds ab, die wir treffen. In den Wissenschaften über das Universum und die Erde gibt es heute zwei vorherrschende Tendenzen: die quantitative und lineare Sichtweise sowie die qualitative und komplexe Sichtweise.

Die erste Sichtweise stellt die sichtbare Materie (5 %) und die dunkle Materie (95 %), die Atome, die Gene, die Zeit, den Raum und die Geschwindigkeit des Energieverbrauchs in den Mittelpunkt. Sie begreift das Universum als die Summe der real existierenden Wesen.

Die zweite, qualitative, betrachtet die Beziehungen zwischen den Elementen, die Art und Weise, wie Atome, Gene und Energien strukturiert sind. Es reicht nicht aus, zu sagen: Dieser Fernseher besteht aus solchen und solchen Elementen. Was ein Fernsehgerät ausmacht, ist die Organisation dieser Elemente, die mit einer Energiequelle und einer Bildaufnahme verbunden sind. In diesem Verständnis besteht das Universum aus allen Beziehungen.

Jede dieser Optionen geht von etwas Realem und nicht von etwas Imaginärem aus und entwirft ihre Vision von der Zukunft des Universums.

Die quantitative Sichtweise besagt, dass wir uns in einem Universum befinden, das ein geschlossenes System ist, das sich jedoch ständig ausdehnt und durch die vier fundamentalen Kräfte – Gravitationskraft, elektromagnetische Kraft, schwache Kernkraft und starke Kernkraft – ausgeglichen wird. Wir wissen nicht, ob sich das Universum immer weiter ausdehnt, bis es sich völlig auflöst, oder ob es einen kritischen Punkt erreicht und beginnt, sich wieder auf seinen Ausgangspunkt zusammenzuziehen, der sehr dicht an Energie und konzentrierten Teilchen ist. Dem anfänglichen Big Bang (der großen Explosion) würde der abschließende Big Crunch (der große Zusammenbruch) gegenüberstehen.

Es spricht jedoch nichts dagegen, dass unser heutiges Universum die Expansion eines früheren Universums ist, das sich zusammenzog. Es wäre wie ein Pendel, das auf unbestimmte Zeit zwischen Ausdehnung und Rückzug hin und her schwingt.

Andere stellen die Hypothese auf, dass das Universum weder eine vollständige Expansion noch einen vollständigen Rückzug kennt. Es würde wie ein unermessliches Herz schlagen. Es würde Zyklen durchlaufen: Wenn die Materie einen bestimmten Verdichtungsgrad erreicht, würde sie sich ausdehnen; wenn sie dagegen einen bestimmten Verfeinerungsgrad erreicht, würde sie sich in einer ewigen Bewegung von endlosem Hin und Her zusammenziehen.

In jedem Fall hat das Universum nach diesem quantitativen Verständnis aufgrund des universellen Gesetzes der Entropie ein unvermeidliches Ende. Diesem Gesetz zufolge nutzen sich die Dinge unwiederbringlich ab: Unsere Häuser verfallen, unsere Kleidung zerreißt, wir verbrauchen unser Energiekapital, bis wir es ganz aufgebraucht haben, und dann sterben wir. Die Galaxien zerfallen in riesige Nebel, unsere Sonne wird in 5 Milliarden Jahren den gesamten Wasserstoff verbrannt haben, in weiteren 4 Milliarden Jahren dann das gesamte Helium. In diesem unheilvollen Zwielicht wird sie alle Planeten um sich herum, einschließlich der Erde, verbrannt haben. Und ihr Ende wird in einem Weißer Zwerg bestehen.

Mit anderen Worten, wir alle, das Universum, die Erde und jeder einzelne von uns, gehen unaufhaltsam auf den thermischen Tod zu, ein Szenario der Dunkelheit in einem praktisch leeren Raum, durchzogen von verlorenen Photonen und Neutrinos. Ein totaler Zusammenbruch aller Materie und aller Energie. Ein unglückliches Ende aller Dinge.

Aber ist dies das letzte Wort, erschreckend und hoffnungslos? Gibt es nicht eine andere mögliche Lesart der Entwicklung des Universums, die unseren Wunsch zu leben und alles im Sein zu belassen befriedigt?

Ja, es gibt eine solche Lesart, die sich nicht auf die Quantitäten, sondern auf die Qualitäten des Universums stützt, die durch den Fortschritt der verschiedenen zeitgenössischen Wissenschaften ans Licht gebracht wurden. Sie hat drei Mutationen hervorgebracht, die unsere Sicht der Realität und ihrer Zukunft verändert haben.

Die erste war die Relativitätstheorie von Einstein in Verbindung mit der Quantenmechanik von Heisenberg und Bohr. Sie machen uns klar, dass Materie und Energie gleichwertig sind. Im Grunde wäre alles Energie, die immer in Feldern strukturiert ist, wobei die Materie selbst eine kondensierte Form von Energie ist. Das Universum wäre ein unaufhörliches Spiel von Energien, die aus der Hintergrund-Energie (Quanten-Vakuum oder Abgrund, aus dem alles Existierende stammt) ausbrechen und in ständiger Wechselwirkung zueinanderstehen, so dass alle Wesen entstehen.

Die zweite, aus der ersten abgeleiteten Erkenntnis, war die Entdeckung des probabilistischen Charakters aller Phänomene. Jedes Wesen stellt die Konkretisierung einer Wahrscheinlichkeit dar. Aber selbst wenn dies der Fall ist, enthält es in sich selbst noch andere Wahrscheinlichkeiten, die ans Licht kommen können. Und wenn sie zum Vorschein kommen, dann im Rahmen der folgenden Dynamik: Ordnung – Unordnung – neue Ordnung. So wäre das Leben in einer Zeit hoher Komplexität der Materie entstanden, weit entfernt vom Gleichgewicht (in einer Situation des Chaos), die sich selbst geordnet hat und eine neue Ordnung einleitete, die Nachhaltigkeit und die Fähigkeit zur Selbstreproduktion erlangte.

Die dritte, die integrale Ökologie, begreift und artikuliert die unterschiedlichsten Ebenen der Wirklichkeit, indem sie sie als Hervorbringungen des einzigartigen und immensen kosmogenen Prozesses betrachtet, der allen Wesen im Universum zugrunde liegt. Sie hat einen systemischen, pan-relationalen und offenen Charakter in Richtung immer komplexerer Formen, die geordnet sind und immer höhere und bewusstere Sinne hervorbringen können. Dies wäre der Pfeil der Zeit und der Zweck des Universums: nicht einfach den Sieg des Stärkeren (Darwins Anpassungsfähigkeit), sondern die Verwirklichung der Virtualität auch des Schwächeren (Swimme).

Diese drei Stränge bieten uns eine andere Vision von der Zukunft des Lebens und des Universums. Ilya Prigogine hat die Existenz dissipativer Strukturen aufgezeigt, die Entropie abbauen, einfacher gesagt, die Müll in eine neue Energiequelle anderer Ordnung verwandeln. In diesem Verständnis befindet sich das Universum noch in der Entstehung, denn es ist noch nicht geboren. Es ist offen, selbstorganisierend, kreativ, expandierend, schafft Raum und Zeit. Der Pfeil der Zeit ist unumkehrbar und mit einem Ziel aufgeladen. Wohin werden wir gehen? Wir wissen es nicht. Er deutet auf die Existenz eines großen Anziehungspunktes hin (der grosse Atraktor) der uns in die Richtung seiner selbst zieht.

Wenn in dem System, das die Quantität und das geschlossene System bevorzugt, die Entropie vorherrschte, funktioniert hier, in dem offenen System, das die Qualität betont, die Syntropie, d. h. die Fähigkeit, Unordnung in eine neue Ordnung, Müll in eine neue Energie- und Lebensquelle zu verwandeln. So entsteht zum Beispiel aus dem Abfall der Sonne (aus den von ihr ausgesandten Strahlen) fast alles, was auf der Erde existiert.

Diese Vision steht mehr im Einklang mit der inneren Dynamik des Universums. Es bewegt sich vorwärts und schafft die Zukunft. Das Leben strebt danach, sich auf jede erdenkliche Weise fortzusetzen. Unsere dauerhafteste Sehnsucht ist es, länger und besser zu leben. Der Tod selbst wäre eine intelligente Erfindung des Lebens selbst, um sich von den raum-zeitlichen Grenzen zu befreien und das Spiel der Beziehungen von allem mit allem fortsetzen zu können und sich einer absoluten Zukunft zu öffnen.

Deshalb macht das Leben diese Reise von der Zeit in die Ewigkeit, um dort seinen Weg der Zukunft und der Expansion fortzusetzen. In einer theologischen Vision à la Teilhard de Chardin ist dies der Zeitpunkt, an dem wir, wie er sagte, “implodieren und explodieren” in der Höchsten Wirklichkeit (Omega-Punkt) die alles geschaffen hat. Alle Wesen werden ihr Ende kennen, nicht als Ende, sondern als ein erreichtes Ziel. Was ist das Ziel aller Wesen? Ihr Ziel, ihre volle Verwirklichung zu erreichen und so in die Arme von Gott-Vater-und-Mutter zu fallen und ein Leben zu leben, das keine Entropie mehr kennt, sondern nur noch die immer offene und endlose Zukunft.

Und dann wird es das reine Selbst in der strahlenden Pracht seiner Herrlichkeit sein.

Leonardo Boff schriebt zusamen mit dem Kosmologen Mark Hathaway, The Tao of Liberation: exploring a Ecology of Transformation.Vorwort von Fritjof Capra, Orbis Books, NY, 2010; deutsch Litverlag,Münster 2013.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Leonardo Boff – zum 85. Geburtstag „Löscht den Geist nicht aus!“

     Bischof Erwin Kräuter, Xingu/Amazonasgebiet

„Löscht den Geist nicht aus“ (1 Thess 5,19), schreibt Paulus im Winter 50/51 von Korinth aus an die Gemeinde von Thessaloniki, der heutigen Hauptstadt des griechischen Mazedonien. Nach Philippi ist sie die zweite von ihm gegründete christliche Gemeinde in Europa. Dieser Appell findet sich in einer Serie von fünfzehn Ratschlägen, die der Apostel als Grundlage für eine lebendige Gemeindepraxis empfiehlt.

Der Österreichische Katholikentag in Salzburg, vom 1. bis 3. Juni 1962, stand unter diesem Leitwort. Karl Rahner hielt damals eines seiner denkwürdigsten Referate. „Uns alle muss die Sorge quälen, dass wir es sein könnten, die den Geist auslöschen“[1] gab er zu bedenken.  

Warum beginne ich einen Beitrag zum 85. Geburtstag meines langjährigen Freundes Leonardo Boff mit dieser Einleitung? Was hat das Pauluswort mit ihm zu tun? Es ist schlicht meine Überzeugung, dass dieser Appell des Apostels das Werk Leonardos besser charakterisiert als irgendeine andere Überschrift. Seit Beginn seiner Publikationen in den 60er Jahren bis heute war und ist es sein Anliegen, den „Geist der Wahrheit“ zu verkünden, „in dessen Kraft ‚auch ihr Zeugnis ablegen sollt‘ (Joh 15, 27), löscht ihn nicht aus!“. So schrieb Papst Johannes XXIII an die 1962 „in Salzburg versammelten Männer und Frauen sowie die uns teure Jugend“. Und wie Karl Rahner bei seinem Referat ganz unverhohlen über einen „Konservativismus“ klagte, „der nicht Gottes Ehre und Lehre und Stiftung in der Kirche verteidigt, sondern sich selbst, die alte Gewohnheit, das Übliche, das schon Gewohnte“[2], so nahm sich auch Leonardo nie ein Blatt vor den Mund. Seine mutige Haltung entfachte allerdings, insbesondere nach dem Erscheinen seines Buches „Kirche: Charisma und Macht“ (1981), das Missfallen kirchlicher Instanzen. Einer seiner ehemaligen Lehrer belegte ihn sogar mit dem Vorwurf der Häresie. Leonardo wurde nach Rom zitiert. Die damals von Kardinal Joseph Ratzinger geleitete Glaubenskongregation verordnete ihm, für ein Jahr, Rede- und Lehrverbot. Diese Verfügung wurde mit dem Doppelwort „Bußschweigen“ umschrieben. „Buße“ und „Schweigen“! War also Leonardo nun aufgefordert, im Büßergewand ein stummes Dasein hinter den Klostermauern zu verbringen? Nicht einmal die brasilianischen Kardinäle Paulo Evaristo Arns und Aloísio Lorscheider, beide Franziskaner wie Leonardo, konnten diese Maßnahme verhindern. Leonardo zog leider Konsequenzen, die ich bis heute bedauere. Dennoch kehrte er seiner Kirche nie den Rücken. Er schrieb weiterhin Bücher und Artikel, dozierte Ethik und Spiritualität an einer Hochschule in Rio de Janeiro und stand oft und oft für Vorträge und Seminare in Brasilien und im Ausland zur Verfügung. Bis heute erhalte ich, wie auch andere Bischöfe, mehrmals im Monat per E-Mail seine Meditationen oder Kommentare zu aktuellen kirchlichen Themen und Ereignissen in Brasilien und auf Weltebene.

Befreiungstheologie und „strukturelle Sünde“

 Wer den Namen Leonardo Boff hört oder liest, verbindet ihn sofort mit der „Befreiungstheologie“, die in Lateinamerika ihren Ursprung hat[3]. Leonardo ist tatsächlich einer ihrer wichtigsten und bekanntesten Vertreter.

Die Befreiungstheologie ist biblisch, ist in der Heiligen Schrift grundgelegt. Gott hat sich als ein befreiender Gott geoffenbart. Der Name Jesu bedeutet: Gott heilt, Gott befreit, „denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21). „Erlösen“ und „befreien“ sind Synonyme. Die Befreiungstheologie will betonen, dass Gott nicht ein Gott in weiter Ferne ist: „Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ meint Schiller in seiner „Ode an die Freude“, die Beethoven im vierten Satz der IX. Symphonie[4] vertont hat. Gott ist Immanu- El – Mit uns Gott! Mit uns unterwegs, an unserer Seite. „Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen“ (Ps 139,9-10). Gott offenbart sich in der Geschichte, „befreit“ sein Volk aus Sklaverei und Unterdrückung (vgl. Ex 3,7-8). „Mit dir erstürme ich Wälle, / mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (2 Sam 22,30) singt David in seinem Dankgebet „Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Befreier“ (2 Sam 22,2). In der Synagoge von Nazareth zitiert Jesus den Propheten Jesaja: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe (…) damit ich die Zerschlagenen befreie und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18-19).

Bis hier alles in Ordnung, meinen die Gegner der Befreiungstheologie. Aber diese Theologie spricht von einer „strukturellen Sünde“ und vergisst dabei, dass jede Sünde eine „persönliche Sünde“ ist, so ihr Urteil. Dass Sünde ein wissentliches, entschlossenes Handeln oder Nichthandeln wider die Liebe und die Zuwendung Gottes und wider den Nächsten ist, hat die Befreiungstheologie nie bestritten. Sie will jedoch nicht einen strafenden, rächenden, mit Fluchworten bis in die dritte und vierte Generation (vgl. Ex 34,7) heimzahlenden Gott verkünden. Jesus hat uns vom „Fluch des Gesetzes“ befreit (vgl. Gal 3,13). Neben dieser „persönlichen Sünde“ existiert aber auch die Sünde, die Leonardo Boff als „strukturelle Sünde“ bezeichnet.

Selbstverständlich hat die Kirche nicht die Aufgabe, zu detaillieren, wie sich die Welt in sozialer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht auszurichten hat. Die Kirche „ist von Christus gesandt, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen“ (Ad gentes, 10). Und diese Verkündigung und Mitteilung der Liebe Gottes hat die prophetische Komponente, alle Formen struktureller Sünde und Übel anzuprangern, die dieser Liebe Gottes widersprechen. „Löscht den Geist nicht aus“ bedeutet gerade hier, die prophetische Dimension der Kirche beherzt wahrzunehmen und nicht aus Furcht auszuklammern, die Kirche könnte als politische Akteurin verschrien werden. Schweigen, wenn es um die Verteidigung der Menschenrechte und -würde geht, kommt einer politischen Rechtfertigung der strukturellen Sünde gleich. Alle Märtyrer Lateinamerikas waren Opfer ihres heroischen Mutes, ihre Mitmenschen vor Unrecht und die Mit-welt vor ihrer Zerstörung zu schützen, angefangen vom heiligen Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador (+ 1980) bis zu den Märtyrern unseres Bistums am Xingu Hubert Mattle (+ 1995), Ademir Alfeu Federicci (+2001), Dorothy Mae Stang (+2005).

Was ist also oder worum geht es bei dem von Leonardo Boff geprägten Begriff der „strukturellen Sünde“? Bei der II. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellín (Kolumbien) vollzogen die Kirchen Lateinamerikas 1967 einen Standortwechsel und erklärten ihre Option für die Armen. „Diese Haltung wird sich konkretisieren, wenn wir im Kampf gegen eine unerträgliche Situation, in der sich die Armen so oft befinden, Ungerechtigkeit und Unterdrückung anprangern“ (DM 14,10). In Medellín hat die Kirche nach den Ursachen der tragischen Realität gefragt. „Das Elend, als kollektive Tatsache, ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“ (DM 1,1), heißt es im Schlussdokument bereits im ersten Absatz und erklärt die „fehlende Solidarität als Ursache wahrhafter Sünden auf individueller und gesellschaftlicher Ebene, die sich in den  für Lateinamerika charakteristischen ungerechten Strukturen zeigen“ (DM 1,2).

Armut, Not und Tod sind vielfach die Folge wirtschaftlich und politisch ungerechter Strukturen, die von Regierungen und Wirtschaftsverantwortlichen dauerhaft aufrechterhalten werden. „Sünde“ ist zwar kein soziologischer oder juridischer Begriff, aus theologischer Sicht, aber, sind ungerechte soziale und wirtschaftliche Strukturen „sündhaft“.

Wenn die Schere zwischen reichen und armen Nationen immer mehr auseinanderklafft, wenn laut Statistik der Weltbank zur globalen Armut weltweit rund 70 Millionen Menschen von extremer Armut betroffen, also vom „Festmahl des Lebens“ ausgeschlossen sind, „zu dem alle Menschen von Gott eingeladen sind“[5] ist das eine „strukturelle Sünde“.

Es ist eine „strukturelle Sünde“, wenn Brasiliens Nationalkongress Gesetze erlässt, die es Großgrundbesitzern, Bergwerksgesellschaften, Holzhändlern und Goldsuchern ermöglichen, „legal“ in indigene Gebiete einzudringen, indigene Völker von Grund und Boden zu vertreiben und sie ihrer Heimat zu berauben. Nicht „An den Flüssen Babylons“ (Ps 137,1), sondern „in den Favelas oder entlang der Hauptstraßen Lateinamerikas sitzen wir in Schmutz und Elend und weinen, wenn wir an die Heimat denken, aus der wir vertrieben wurden“. Mit „Va, pensiero“ beginnt der vom Psalm 137 inspirierte Chor aus der Oper Nabucco von Giuseppe Verdi. Indigene Völker können bis heute, wie die hebräischen Sklaven im babylonischen Exil schluchzend die Worte singen: „O mia patria sì bella e perduta! O lembranza sì cara e fatal!“ [6].

Es ist eine „strukturelle Sünde“, wenn Milliarden und Abermilliarden in die Rüstungsindustrie fließen, während der Welthunger-Index die Hungerlage 2023 in 43 Ländern als ernst oder sehr ernst einstuft. Jesus identifiziert sich mit den Armen und die erste und grausamste Folge der Armut ist anhaltender Hunger (vgl. Mt 25,31-46).

Es ist die Folge einer „strukturellen Sünde“, wenn bei der 23. Klimakonferenz in Dubai der fehlende Wille der Großmächte, aber auch kleinerer Nationalstaaten, wieder einmal sichtbar wird, endlich Maßnahmen zu treffen, um der Klimaerwärmung entgegenzusteuern. Die Häufigkeit von Extremwetterereignissen sind inzwischen der untrügliche Beweis, dass es sich bei der Klimaerwärmung um ein „anthropogenes Phänomen“ (L. Boff) handelt, also um die Folge, der von Menschen bewirkten, schädigenden Eingriffe in die Natur.

Kirchliche Basisgemeinden

Medellín regte die lateinamerikanischen Kirchen an, zu „Kirchen der Armen und Unterdrückten“ zu werden. Das vom II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) entflammte neue Pfingsten fängt Feuer. Die befreiende Dimension des Evangeliums kommt zum Tragen. Unzählige kirchliche Basisgemeinden entstehen auf dem ganzen Kontinent. Die Kirche der Armen wird zur Realität. Die Befreiungstheologie übernimmt die an der Basis gelebte Praxis und Erfahrung in ihre Reflexion und vertieft ihren Glaubensgehalt. Eine Kirche entfaltet sich, die auf Dialog zwischen Glauben und Leben, zwischen Evangelium und Gerechtigkeit, gründet. Glauben und Leben sind nicht zwei Paar Schuhe!

Als ich 1985 das erste Mal dem Papst meinen „Ad limina“-Besuch abstattete, fragte mich Johannes Paul II, wie viele Priester und Ordenssleute am Xingu arbeiten. Er zeigte sich verwundert über die geringe Zahl, die ich im verriet. Da sagte ich: „Es gibt aber auch die Laien!“ Er reagierte prompt mit: „Basisgemeinden“. Ich weiß nicht, woher ich den Mut genommen habe, ihn zu korrigieren: „Santo Padre, Kirchliche Basisgemeinden, denn sie sind der Ort, an dem die Kirche lebt“. Im Laufe des 20. Jahrhunderts bis in die 60er Jahre wurden alle möglichen Impulse religiöser Vereinigungen aus Europa und Nordamerika nach Lateinamerika importiert. Wenn auch irgendwie den örtlichen Umständen angepasst, waren sie keine auf heimischen Boden gewachsene Gemeinschaften. Sie trugen alle so etwas wie ein Etikett: „Made in Spain“, „Made in Italy“, „Made in Germany“ oder „Made in USA“. Die kirchlichen Basisgemeinden sind jedoch eine genuin lateinamerikanische Art, Kirche zu sein. In Amazonien schossen sie nach dem Konzil, nach Medellín und insbesondere nach der wegweisenden Bischofsversammlung 1972 im amazonischen Santarém, wie Pilze aus dem Boden. Sie erinnern an die Apostelgeschichte: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42). Nur vom „Brechen des Brotes“, der Eucharistiefeier, dieser zentralen Feier einer jeden christlichen Gemeinde, sind die kirchlichen Basisgemeinden monate- wenn nicht gar jahrelang ausgeschlossen. Wir wollten bei der Amazonas-Synode[7] hier eine Wendung herbeiführen. Trotz Zweidrittelmehrheit bei der Abstimmung wurden unsere Vorschläge nicht berücksichtigt, ja im postsynodalen Schreiben des Papstes nicht einmal erwähnt. Kirchliche Basisgemeinden kennzeichnen sich durch vier Dimensionen: die samaritanische Dimension – gegenseitige Hilfe und Unterstützung, wo immer Not und Elend herrscht; die prophetische Dimension – Hinterfragen, Identifizierung und Anprangerung der „strukturellen Sünden“, Einsatz für Recht und Gerechtigkeit und Erhaltung der Schöpfung; die familiäre Dimension – die Kirche wird als Familie und nicht als eine mehr oder minder anonyme Versammlung erlebt; die feiernde, betende, kontemplative Dimension – Liturgie des sonntäglichen Wortgottesdienstes, Bibelrunden, Meditation und persönliches Gebet.

„Löscht den Geist nicht aus“ ist gerade auch im Hinblick auf die kirchlichen Basisgemeinden ein sehr aktueller Appell an die Diözesen Lateinamerikas. Die Botschaft an den Engel der Gemeinde von Ephesus im zweiten Kapitel der Offenbarung macht gerade heute einen besonderen Sinn: „Du hast ausgeharrt und um meines Namens willen Schweres ertragen und bist nicht müde geworden. Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Offb 2,3-4). Leider hat in den vergangenen Jahrzehnten die „Pentekostalisierung“ die kirchliche Landschaft in Lateinamerika sehr verändert. Die Priesterausbildung und die Orientierung vieler Bischöfe gehen in diese Richtung. Vor allem der junge Klerus ist anfällig für diesen Trend. Pompöse Zelebrationen mit teuren Paramenten verdrängen die einfachen Feiern der Kirche der Armen. Schade!

Lieber Leonardo,

Ich bin nur ein halbes Jahr jünger als du. Also haben wir die Geschichte unserer Kirche in den vergangenen Jahrzehnten gleichzeitig, jeder auf seine Weise, erlebt. Wir haben uns unendlich gefreut über das im II. Vatikanischen Konzil bewirkte Frühlingserwachen. Wir waren begeistert von den Aufbrüchen in unserer Kirche. Seit einigen Jahrzehnten leiden wir jedoch darunter, dass sich immer wieder Widerstand und Stagnation breitmachen und zum Rückzug geblasen wird, als ob das Konzil ein Desaster in der Kirchengeschichte gewesen wäre. Wir geben nicht auf. Es kann sein, dass wir mit unserer bereits „angehäuften Jugend“ die tatsächliche Applikation des Konzils nicht mehr erleben. Unsere Hoffnung stirbt dennoch nicht, dass die Kirche der Zukunft das wirkliche schon von Johannes XXIII erträumte  „Aggiornamento“ bewirkt, die Öffnung unserer Kirche für den Dienst an den Menschen aller Kontinente und Kulturen im Hier und Jetzt ihrer Geschichte.

Gleichzeitig möchte ich dir für deine Bücher und anderen Schriften danken, die mir stets eine Hilfe in meinem pastoralen Einsatz für die Menschen am Xingu und darüber hinaus waren.

Alles Gute und Gottes Segen zu deinem 85. Geburtstag.

Herzlichst,

Erwin Kräutler

Bischof em. vom Xingu

Altamira, 12. Dezember 2023

Fest U. L. Frau von Guadalupe


[1] Zitiert auf der Homepage von Paul M. Zulehner: Erfüllte Zeit, Pfingsten 2008, Pfingstsonntag.

[2] A. a. O.

[3] Als „Vater der Befreiungstheologie“ wird der peruanische Priester Gustavo Gutierrez O.P. bezeichnet. Er feierte am 8. Juni 2023 seinen 95 Geburtstag. In seinem Buch „Teologia de la liberación, Perspectivas“ entwickelte er die Befreiungstheoiogie. Der Begriff Theologie der Befreiung oder Befreiungstheologie wurde von ihm in einer Vorlesung von 1968 verwendet und geprägt:”Hacia una teología de la liberación”.

[4] Friedrich Schiller „Ode an die Freude“ aus dem Jahr 1785 wurde von Ludwig van Beethoven im Finale des 4. Satzes der am 7. Mai 1824 in Wien uraufgeführrten iX. Synphonie vertont.

[5] Johannes Paul II, Enzyklika „Sollicitudo Rei Socialis“, 39

[6] „O meine Heimat, du schöne, verlorene! O Erinnerung, du teure, verhängnisschwere!“ Der Text stammt von Temistocle Solera. Der Dichter inspirierte sich am Psalm 137 „An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, als wir dein gedachten, Zion“. Die Oper Nabucco von Giuseppe Verdi wurde am 9. März 1842 in der Mailänder Scala uraufgeführt. 

[7] Sondersynode im Vatikan vom  6. bis 27. Oktober 2019 mit dem Thema „Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie”.

Ist der sich in Kraft befindliche Kapitalismus bereits vom Todestrieb übernommen?

     Leonardo Boff

Die COP28, die in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfand, endete wie die vorangegangenen: mit einem Aufruf zur Reduzierung der fossilen Brennstoffe, wobei jedoch der Ausdruck “Ausstieg” aus der Nutzung von Erdöl gestrichen wurde und das Feld für dessen Nutzung und Ausbeutung offengelassen wurde. Es sei darauf hingewiesen, dass die Präsidenten der wichtigsten Länder in dieser Frage, nämlich der USA und Russlands, nicht anwesend waren. Die Zahl der Lobbyisten von Öl-, Gas- und Kohleunternehmen nahm jedoch zu.

Wie eine brasilianische Analystin (Cora Rónai) feststellte, “ist diese COP28 ein Schlag ins Gesicht der Menschheit, eine Verhöhnung derjenigen, die sich wirklich um die Auswirkungen unseres Handelns auf den Planeten sorgen” (O Globo, 7/12, zweiter Teil, 8). In der Tat zeigten die Tausenden Anwesenden nicht die nötige Sensibilität für das Drama, das durch den Anstieg der globalen Erwärmung verursacht wird, die bald zwei Grad Celsius oder mehr erreichen wird. Der Profit der Unternehmen, die systemische Logik des Wettbewerbs ohne jeden Hinweis auf eine wirksame Zusammenarbeit, der fortgesetzte Angriff auf die natürlichen Güter und Dienstleistungen, die Lockerung der Gesetze, die die Eingriffe in die Natur begrenzen, und die Schwächung der gesetzlichen Kontrollen in den vom neoliberal-kapitalistischen System beherrschten Gesellschaften führen dazu, dass es keinen Kurswechsel gibt, sondern allenfalls interne Korrekturen des Systems, die wie Pflaster auf die Wunden wirken, ohne deren Ursachen zu bekämpfen.

Wenn das System des Kapitals mit seiner unersättlichen Dynamik und seiner alle Bereiche umfassenden Kultur und erst recht die “Große Transformation” (Polaniy) von einer Marktgesellschaft zu einer totalen Marktgesellschaft aufrechterhalten wird, wird dies dazu führen, dass der Planet unbewohnbar wird. Der französische Genetiker Albert Jacquard (J’accuse l’économie triomphante, 1986) hat schon vor Jahren auf den selbstmörderischen Charakter des kapitalistischen Systems hingewiesen, auf seinen Todestrieb, weil es auf der Erschöpfung der Voraussetzungen beruht, die das Leben garantieren, und dessen treibende Kraft der Wettbewerb ist, der seine Konkurrenten gnadenlos verschlingt, immer mit der Aussicht auf mehr Geldgewinn.

Vielleicht kann uns diese kleine Geschichte aus dem Irak, der seit 2003 von Bush und seinen Verbündeten in einem ungerechten Krieg zerstört wurde, über die Risiken aufklären, die vor uns liegen.

Es heißt, dass “ein Soldat aus dem alten Basra im Krieg gegen den Irak, der von der US-Armee verwüstet wurde, voller Angst zum König ging und zu ihm sagte: “Mein Herr, rette mich, hilf mir, von hier zu fliehen; ich war auf dem Marktplatz und traf den ganz in Schwarz gekleideten Tod, der mich mit einem tödlichen Blick ansah; leihe mir dein königliches Pferd, damit ich schnell nach Samara fliehen kann, das weit von hier entfernt ist; ich fürchte um mein Leben, wenn ich in der Stadt bleibe”.

Der König machte sich über ihn lustig. Später traf der König den Tod auf der Straße und sagte ihm: “Mein Soldat hat sich erschrocken; er erzählte mir, dass er Ihnen begegnet sei und dass Sie ihn sehr seltsam ansahen”. “Oh nein”, antwortete der Tod, “mein Blick war nur der eines Erstaunens, denn ich fragte mich, wie dieser Mann nach Samara kommen würde, das so weit von hier entfernt ist, denn ich erwartete ihn dort heute Abend. Tatsächlich hat er ihn dort in der Nacht getroffen und ihm die Umarmung des Todes gegeben.”

Dieses Märchen trifft auf die Gegenwart zu. Wir sind Zeugen des Todes, des Endes unserer Art von Welt, die auf dem Raubbau an der Natur beruht, aber wir haben die Beschleunigung des unbegrenzten Wachstums nicht gebremst, obwohl die Wissenschaft uns versichert, dass wir bereits die erträglichen Grenzen der Erde erreicht haben und sie nicht mehr verkraften kann. Die Konsumgier der üppigen Länder, die im Allgemeinen im hohen Norden angesiedelt sind, beansprucht mehr als eineinhalb Erden, um ihren Bedarf zu decken.

Wir haben wenig Zeit und noch weniger Weisheit. Wir sind bereits in die neue Phase der Erde eingetreten, die kocht und überhitzt ist (das Anthropozän, das Nekrozän und das Pyrozän). Die Klimaforscher selbst sind größtenteils zu Techno-Fatalisten geworden und haben resigniert. Wissenschaft und Technik, so sagen sie, sind zu spät gekommen. Wir können den neuen Lauf der sich erwärmenden Erde nicht mehr aufhalten. Wir können die Menschheit vor den immer häufiger auftretenden Extremereignissen warnen und ihre schädlichen Auswirkungen abmildern, aber wir können sie nicht verhindern.

Die Folgen für die gesamte Menschheit, insbesondere für die vom Verschwinden bedrohten Inselstaaten des Pazifiks und speziell für die am stärksten vernachlässigten und ärmsten Länder, werden je nach Region mehr oder weniger schwerwiegend sein. Aber Tausende werden Opfer sein, sie werden auswandern müssen, weil ihre Gebiete zu heiß geworden sind, Ernten verloren gegangen sind, Hunger und Durst grassieren, Kinder und alte Menschen sich nicht anpassen können und schließlich sterben. Diese Phänomene werden die Planer dazu zwingen, den Grundriss der Städte neu zu definieren, insbesondere derjenigen, die an den Küsten der Ozeane liegen, deren Wasserstand erheblich steigen wird.

Nehmen wir allgemeine Beispiele. Ein Atomsprengkopf, der aus großer Höhe abgeschossen wird, kann nicht mehr aufgehalten werden. Sind die Dämme des Bergbauunternehmens Vale in Brumandinho-MG erst einmal gebrochen, ist es unmöglich, die Lawine von Tausenden von Tonnen Abfall, Schlamm und Wasser aufzuhalten, die auf kriminelle Weise 172 Menschen getötet und die Region verwüstet hat.

Das ist es, was mit der Erde geschieht. Die menschliche “Kolonie” verhält sich in Bezug auf den Erdorganismus wie eine Gruppe von Krebszellen. An einem bestimmten Punkt verlieren sie ihre Verbindung zu den anderen Zellen, beginnen sich chaotisch zu vermehren, dringen in das umliegende Gewebe ein und produzieren giftige Substanzen, die schließlich den gesamten Organismus vergiften. Haben wir das nicht auch getan, als wir 83 Prozent des Planeten bevölkerten?

Das Wirtschafts- und Produktionssystem hat sich drei Jahrhunderte lang entwickelt, ohne seine Vereinbarkeit mit dem ökologischen System zu berücksichtigen. Heute erkennen wir mit Verspätung, dass Ökologie und die industrielle Produktionsweise, die eine systematische Ausplünderung der Natur beinhaltet, im Widerspruch zueinander stehen. Entweder wir ändern uns, oder wir landen in Samara, wo etwas Unheilvolles auf uns wartet.

All diese Probleme würden eine globale Governance, globales Denken und globale Lösungen erfordern. Wir sind noch nicht reif für diese offensichtliche Anforderung. Wir sind nach wie vor Opfer der veralteten Souveränität jeder einzelnen Nation und schließen uns auf diese Weise blindlings dem Zug derer an, die auf das Massengrab zusteuern.

Leonardo Boff Autor von: Terra Madura:uma teologia da vida, Planeta, São Paulo 2023; Habitar a Terra:  qual o caminho para a fraternidade universal? Vozes 2022.