DER  KOSMISCHE CHRISTUS

Wie ein zeitgemeszer spiritueller Zugang zu Jesus Christus aussehen könnte

Von Leonardo Boff

Das »Gottesgerücht«,die Vermutung, dass unsere tiefe Sehnsucht nach dem Unendlichen nicht ins Leere läuft, ist offenbar nicht auszutilgen. In den vielfältigen Formen von Religionen und spirituellen Wegen – tastenden Versuchen, das letzte Geheimnis des Daseins zu benennen – nimmt es Gestalt an. Im christlichen Bekenntnis streift die Gottesidee jede Ambivalenz ab: Wer Gott ist, gewinnt für Christinnen und Christen letzte Eindeutigkeit in Jesus von Nazaret, in seinem Lebensschicksal und in der befreienden Praxis der jesuanischen Bewegung. Der tragende Grund allen Seins, der Ursprungsquell, aus dem alles hervorgeht, erweist sich als die bedingungslose Liebe und unendliche Vergebung, die wir mit Jesus zärtlich Abba, lieber Papa, nennen dürfen. Gott erweist sich als der, dessen Liebe zu allererst den Ausgegrenzten, den Armen und Leidenden gilt, denen eine Gesellschaft verheißen ist, in der alle Platz haben (Reich Gottes). Die christologischen Dogmen in ihren kaum mehr nachvollziehbaren philosophischen Kategorien haben letztlich keinen anderen Sinn, als diese Konkretisierung der Gottesidee zu bewahren.

Ein glauwürdiges Bekenntnis

Das Bekenntnis zu Jesus, einer konkreten Person aus dem Mittelmeerraum am Rand des Römischen Reiches, als dem Christus, in dem offenbar wird, wer Gott ist, steht heute allerdings vor zwei großen Herausforderungen. Wie entgeht man der Gefahr eines Exklusivismus und christlichen Kolonialismus, der andere Religionen entwertet und nicht mehr gelten lässt? Und: Wie lässt sich das christliche Bekenntnis glaubwürdig aussagen angesichts unserer Einsichten in einen sich entwickelnden Kosmos, angesichts der globalen Herausforderungen der »Planetarisierung« und der Herausbildung eines kollektiven Bewusstseins der gesamten Menschheitsfamilie?

Bereits die ersten christlichen Gemeinden entwickelten Kategorien, um die universale Bedeutung des historischen Jesus so zur Sprache zu bringen, dass sie im hellenistischen Kulturraum verständlich und akzeptabel war. Eine solche Kategorie ist etwa der »Logos« des Johannesevangeliums, der das in Jesus Fleisch gewordene Wort mit der Sinngestalt der Welt insgesamt verbindet. Mit der Denkfigur der »logoi spermatikoi«, der Samenkörner des Wortes, haben die Kirchenväter die Identifikation dieses Logos mit Jesus von Nazaret vor jedem Ausschließlichkeitsanspruch bewahrt und Offenbarungen Gottes in anderer Gestalt prinzipiell anerkannt. Die Rückbindung an Jesus blieb allerdings das Unterscheidungskriterium zwischen wahr und falsch.

Eine andere, bereits dem Ersten Testament entstammende Kategorie, um die Ordnung des Universums zum Ausdruck zu bringen, das nicht als eine unpersönliche Kraft gedacht werden kann, sondern als höchste Subjektivität und höchstes Bewusstsein, ist die der Weisheit (sophia). Es war die Feministische Theologie, die auf deren zentrale Bedeutung für das Verständnis Jesu hingewiesen hat. Die deuteropaulinischen Briefe haben die Vorstellung eines kosmischen Christus entwickelt, in dem »alles Bestand« hat, »auf den hin alle Dinge geschaffen wurden« (Kolosserbrief 1,15–17) und der das Haupt ist, in dem das All zusammengefasst ist (Epheserbrief 1,10).

Nimmt man das Bekenntnis des Konzils von Chalkedon (451 n. Chr.) ernst, welches das »wahre Menschsein« Christi festhält, dann ist diese kosmische Dimension Christi zunächst vor dem Hintergrund jener Voraussetzungen zu sehen, die Jesus mit allen Menschen teilt: Ihm eignet dieselbe menschliche Natur, die sich im Laufe von Milliarden Jahren herausgebildet hat. Konkret: In ihm sind alle Grundenergien des Universums sowie die physikalisch-chemischen Elemente vorhanden, die sich im Inneren der Sterne vor Milliarden Jahren gebildet haben, bevor sie explodierten und diese Elemente ins All hinausschleuderten.

Christisch und Christlich

Das Eisen, das in den Adern Jesu zirkulierte, der Phosphor und das Kalzium, der Stickstoff, der Sauerstoff und der Kohlenstoff machen aus Jesus wie aus allen anderen Menschen wahrhaft kosmische Wesen. Ihre Wurzeln finden sich in der Milchstraße, ihre Wiege im Sonnensystem, ihr Haus auf dem Planeten Erde. Wie alle übrigen Menschen gehörte Jesus zur Klasse der Säugetiere, der Ordnung der Primaten, der Familie der Hominiden, der Gattung Mensch und der Spezies Homo sapiens. Er dachte und handelte mit den Hilfsmitteln, die ihm seine Kultur bereitstellte.

Es war der große Naturwissenschaftler, Paläontologe und Mystiker aus dem Jesuitenorden, Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955), der das Bekenntnis zum kosmischen Christus zeitgemäß erneuerte. Teilhard war einer der Ersten, der den christlichen Glauben innerhalb eines evolutiven Weltbildes neu formulierte. Seine wissenschaftliche Arbeit galt letztlich keinem anderen Ziel, als die Herztöne des Herzens Christi im Herzen der Materie zu vernehmen. Er überwand damit jeden Supranaturalismus, aber auch ein verkürztes Verständnis von Natur und Materie selbst. Das Evolutionsgeschehen lässt sich nach Teilhard nicht auf die Mechanismen von Zufallsmutation und Selektion reduzieren. In ihm lässt sich eine Richtung »nach vorne und oben« erkennen, Tendenzen zu immer mehr Komplexität, Innerlichkeit, Sich-Selbst-Gegebenheit, Personalisierung und Liebesfähigkeit. Christus kann er schließlich als den Konvergenzpunkt, als den »Punkt Omega«, identifizieren, im dem der Sinn und Grundimpuls des Evolutionsgeschehens offenbar wird. Eine seiner Kurzformeln des Glaubens lautet daher: »Ich glaube, das Universum ist eine Evolution. Ich glaube, die Evolution geht in Richtung des Geistes. Ich glaube, der Geist vollendet sich im Personalen. Ich glaube, das höchste Personale ist der Christus-Universalis.«

Teilhard de Chardin prägte den Ausdruck »christisch« im Unterschied zu »christlich«. Der Schöpfung und der Menschheit eignet eine christische Dimension. Sie ist ein objektiver Tatbestand, der eng verbunden ist mit dem Geheimnis der Schöpfung im Prozess der Evolution, der Ausdehnung und der Selbstschöpfung. Diese objektive Gegebenheit wird zu etwas Subjektivem, wenn sie im Menschen Jesus und seinen Jüngern und Jüngerinnen ins Stadium der Bewusstheit eintritt. Jüngerinnen und Jünger bildeten (und bilden weiterhin) eine Schicksalsgemeinschaft um diese neue Bewusstseinsstadium herum. Das »Christische« wird nun zum »Christlichen«.

Das heißt aber: Der historische Jesus schöpft nicht alle im Christischen enthaltenen Möglichkeiten aus. Das mit dem Geheimnis der Schöpfung verbundene Christische kann auch in anderen Gestalten zur Erscheinung kommen. In der Tat tritt es in jedem Menschen, in allen lebendigen Organismen, in jeder Seinsform des Universums, in der Materie, in der subatomaren Welt, in den Ursprungsenergien hervor. Das Christische ist an der Wurzel von von jenem Sein, das alles Seiende ins Dasein ruft. Achten wir auf die folgende Logik: Der Mensch Jesus wurde zu Christus, und Christus wurde zu Jesus von Nazaret. Jesus von Nazaret wurde so zur Offenbarung Christi, des Logos oder des Sohnes.

Erleuchtung und Inkarnation

Der Buddhismus kennt einen ähnlichen Weg. Zunächst existiert Siddhartha Gautama, die historische Gestalt, die sechshundert Jahre vor Christus lebte. Mittels eines Prozesses der Verinnerlichung und Askese gelangte er zur »Erleuchtung«, die ein radikales Eintauchen ins Sein bedeutet. Seither wurde er Buddha, »der Erleuchtete«, genannt. Doch diese Erleuchtung – das Buddha-Sein – ist nicht der Alleinbesitz von Siddharta Gautama. Sie wird allen angeboten. Es gibt also die »Buddhaschaft«, jene transzendente Wirklichkeit, die sich innerhalb der Geschichte der Menschen in verschiedener Gestalt selbst mitteilen kann. Der Buddha ist eine Erscheinungsweise der »Buddhaschaft«, die das reinste Licht, das göttliche Licht und das unnennbare Wesen darstellt.

So wird klar, dass der konkrete Inhalt von »Christus« und von »Buddha« auf dieselbe Wirklichkeit verweist. Beide offenbaren Gott. Siddhartha Gautama ist eine Erscheinungsweise des kosmischen Christus in ähnlicher Weise, wie dies auf seine Art Jesus von Nazaret ist. Und Jesus von Nazaret ist ein »Erleuchteter« wie Buddha. Beide waren für diese ihre Sendung »gesalbt«.

Besondere Erscheinungsweisen des Christischen und des kosmischen Christus oder der Erleuchtung beziehungsweise des Tao sind auf ihre jeweils eigene Weise Persönlihckeiten wie Krishna, Franziskus von Assisi, Mahatma Gandhi, Papst Johannes XXIII., Dom Hélder Câmara, Martin Luther King, Mutter Teresa von Kalkutta und viele andere. Sie schöpfen die Möglichkeiten dieser höchsten Wirklichkeit nicht aus, die in allen da ist. Doch in den Genannten erlangten sie eine solche Dichte, dass sie zu Bezugspunkten und Archetypen, zur Orientierung für zahlreiche Menschen wurden, welche sich selbst ebenfalls als Kinder Gottes und Träger von Erleuchtung und Tao entdecken. Der bekannte brasilianische Yoga-Meister Hermógenes fand hierfür die folgenden Worte:

Ich bat Krishna um seinen Segen,

und Christus segnete mich.

Ich betete zu Christus,

und Buddha war es, der mich erhört hat.

Ich rief Buddha an,

und es war Krishna, der mir antwortete.

Der Versuch, den christlichen Glauben in kosmischen Kategorien neu zu denken ist angesichts der ökologischen Katastrophe von ganz besonderer Relevanz. Heute kommt der Rede vom »kosmischen Christus« eine besondere Aktualität zu. Eine tragfähige Grundlage hat unser Engagement für ein solidarisches Zusammenleben in Harmonie mit der Natur nur dann, wenn dem Kosmos selbst Sinn eingestiftet ist, wenn er die Sinnstrukturen offenbart, die unser Handeln nicht zur Selbsttäuschung und Illusion werden lassen. So wie die Mythen der Völker einst eine kosmische Ordnung zum Ausdruck brachten, innerhalb derer der Einzelne geborgen war und Orientierung fand, so geht es auch heute darum, unseren eigenen Daseinsvollzug einzuordnen in ein umfassendes Verständnis der Wirklichkeit, das unser Bemühen um ein menschengerechtes Zusammenleben nicht scheitern lässt. Dem globalen Zerstörungsprozess liegt nicht zuletzt ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis, eine Kosmologie der Herrschaft, zugrunde. Diese prägt das Alltagsbewusstsein der Menschen. Sie ist verantwortlich für die gnadenlosen Ausbeutung der Natur. Sie macht den Einzelnen hierfür gefügig und sorgt dafür, dass er genau jene Verhaltensweisen verinnerlicht, die die kapitalistische Wachstumsmaschine weiter am Laufen halten. Die mit den heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr kompatible, wohl aber von vielen geteilten Auffassung einer »klötzchenhaft« gedachten Materie, von einem mechanisch funktionierenden Universum, dem keinerlei Sinn innewohnt, und von einem Evolutionsprozess, dessen bestimmende Faktoren lediglich Zufall und Konkurrenz sind, führt zur Verinnerlichung genau jener Verhaltensweisen und Gefühle, die wir am besten mit den Begriffen Sucht, Ohnmacht und Resignation beschreiben können. Diese tragen dazu bei, das System der Zerstörung und Selbstzerstörung aufrechtzuerhalten.

Kosmovision der Befreiung

Dieser Weltsicht, die mit der rücksichtslosen ökologischen Ausbeutung der Natur, mit einem »monokulturellen Denken«, mit Patriarchat und ökonomischem Nutzenkalkül korrespondiert, ist eine Kosmovision der Befreiung entgegenzusetzen, die in der Lage ist, dem Einsatz für die Erhaltung des Lebens eine tragfähige Grundlage zu geben: Anstelle eines fragmentierten Universums, das sich aus toten, miteinander nicht verbundenen Dingen zusammensetzt, legen die neue Kosmologie und die Quantenphysik nahe, dass wir es grundlegend mit einer Wirklichkeit dynamischer Beziehungen zu tun haben, innerhalb derer Raum, Zeit, Energie, Materie und Geist Teil eines größeren Zusammenhanges sind. Vor allem aber offenbart die Evolution des Kosmos als ganzen und der Erde im Besonderen einen allem zugrunde liegenden Sinn, eine Richtung hin zu größerer Vielfalt, Gemeinschaft und Interiorität.

So verstanden wird der »kosmische Christus« zu einer Bekenntnisformel dafür, dass die Reich-Gottes-Utopie des Nazareners in der Wirklichkeit des Kosmos selbst verankert ist, der in jener Fülle des Lebens mündet, die Gott selber ist.

Leonardo Boff, geboren 1938, ist einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie. Die Übersetzung und Zusammenstellung der wichtigsten Gedanken seiner kosmologischen Christologie übernahm Bruno Kern. Näher ausgeführt werden diese Gedanken in den Boffs Büchern »In ihm hat alles Bestand. Der kosmische Christus und die modernen Naturwissenschaften« (Kevelaer 2013) und in Mark Hathaway / Leonardo Boff, »Die Weisheit des Kosmos. Ein zukunftsweisendes Weltbild« (Münster 2021).

Konsumismus gefährdet das Leben auf der Erde

Betrachtet man die Geschichte der Menschheit, so stellt man fest, dass der Hunger seit Jahrhunderten ein ständiges Problem ist.  Da wir im Gegensatz zu den Tieren kein spezialisiertes Organ haben (wir sind ein Mangelwesen, nach Gehen), das unseren Lebensunterhalt garantiert, bestand von Anfang an die dringende Notwendigkeit, das zu finden, was wir brauchten, um unseren Hunger zu stillen, indem wir die Nahrung entweder direkt aus der Natur gewannen oder sie durch Arbeit erwarben.

Der große Wendepunkt kam vor etwa 10.000 Jahren mit der Einführung der Bewässerungslandwirtschaft. Entlang der großen Flüsse des Nahen Ostens, Ägyptens, Indiens und Chinas wurde die Bewässerung genutzt, um mehr Produkte zu erzeugen, während Tiere wie Hühner, Schweine, Schafe und Ziegen domestiziert wurden. Es wurde ein Überschuss produziert, der den Hunger beseitigte. Gleichzeitig kam es zu Kriegen, da die Armeen genügend Nahrungsmittel mitbrachten, um dem Feind gegenüberzutreten, zum Beispiel zwischen den mesopotamischen Reichen und Ägypten, den politischen Mächten der damaligen Zeit.

Mit dem Aufkommen des Industriezeitalters im 17. und 18. Jahrhundert änderte sich alles bis zum heutigen Tag. Die Massenproduktion begann mit der Möglichkeit, den menschlichen Bedarf zu überdecken. Diese technisch-wissenschaftliche Entwicklung vollzog sich jedoch im Rahmen des Kapitalismus. Sie führte von Anfang an zu einer Trennung zwischen dem Eigentümer von Land und Produktionsmitteln einerseits und dem Arbeiter, der lediglich über seine Arbeitskraft verfügte, andererseits. Im Laufe der Zeit verschärfte sich diese Trennung bis zu dem Punkt, an dem heute die Eigentümer von natürlichem und technologischem Reichtum das globalisierte Wirtschaftssystem in wenigen Händen.  zum großen Nachteil der Lohnabhängigen kontrollieren und Millionen von Menschen ohne Zugang zu den grundlegenden Gütern des Lebens zurücklassen.

Diese Situation hat sich durch die so genannte “Große Transformation”(C. Polaniy) noch verschärft, in der sich die Marktwirtschaft in eine reine Marktgesellschaft verwandelt hat: Alles ist zur Ware geworden, von menschlichen Organen bis hin zu Wissen, Wahrheit, Nachrichten etc.

Die kapitalistische Logik besteht darin, aus allem Profit zu schlagen, und zwar durch die unbegrenzte Ausbeutung der Güter und Dienstleistungen der Natur, durch den erbitterten Wettbewerb zwischen allen auf dem angeblich freien Markt und durch die individuelle oder unternehmerische Akkumulation, die mit dem Staat bei der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten konkurriert.

Die Produktion zielt offensichtlich darauf ab, den Bedarf der Menschen an Nahrung und Lebensunterhalt zu decken, solange dieser Prozess rentabel ist. Die Produktion selbst wird auf den Markt gebracht und verdient ihren Preis im Wettbewerb, ohne sich um die natürlichen Ressourcen und die Umweltverschmutzung zu kümmern (die als externe Effekte betrachtet werden, die vom Staat gelöst werden müssen). Da es darum geht, unbegrenzten Reichtum zu erzeugen, hat man begonnen, Produkte zu produzieren, die nicht lebensnotwendig sind, aber wichtig, um Geld zu verdienen.

Mit dem notwendigen Konsum kam also auch der Konsumismus. Der Konsumismus ist gekennzeichnet durch den Erwerb nicht lebensnotwendiger, überflüssiger Güter und Dienstleistungen, um wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen.  Ein großer Teil der Produktion fließt in die Herstellung dieser überflüssigen Güter und erzeugt Konsumismus, insbesondere bei den Wohlhabenden, aber auch in der Gesellschaft selbst. Propaganda, sprechende Bilder, verführerische Bilder, Musik, YouTubes und gut inszenierte Filme werden eingesetzt, um die Menschen zu ermutigen, dieses oder jenes Produkt zu konsumieren. Die Bürger interessieren sich nicht für ihren Bewusstseinsstand oder gar ihre existenziellen Probleme. Was zählt, ist, dass sie Konsumenten sind.

Tatsache ist, dass eine Kultur des Kapitals geschaffen wurde. Die meisten Produkte (Fernseher, Autos, Haushaltsgeräte, Kleidung, Turnschuhe und zahllose andere Gegenstände) sind veraltet und nur für eine bestimmte Zeit haltbar, was den Verbraucher zwingt, sie zu ersetzen, zu kaufen und zu konsumieren.

Praktisch jeder von uns ist eine Geisel der Kultur des Kapitals, die uns zwingt, unsere Produkte von Zeit zu Zeit auszutauschen, sei es, weil sie veraltet sind wie ein Computer, sei es wegen der allgemeinen Obsoleszenz. Wir kennen die Macht einer Kultur, die durch jede Pore in uns eindringt und unseren Lebensstil naturalisiert. Wie schwierig und langwierig ist doch der Prozess ihrer Überwindung! Es ist die Konsumkultur, die den Kapitalismus ständig erneuert und verlängert.


In den letzten Jahren sind wir jedoch mit den Grenzen der Erde konfrontiert worden. Ein begrenzter Planet kann kein unbegrenztes Konsumverhalten verkraften. Wir brauchen jetzt mehr als eine Erde, um den Konsum von 8 Milliarden Menschen und den Luxuskonsum der üppigen Klassen zu bewältigen.


Jedes Jahr geben uns die Organisationen, die die Nachhaltigkeit unseres Planeten untersuchen, das Datum des Erdüberlastungstags (Earth Overshoot Day) bekannt. In diesem Jahr, 2023, wurde er am 2. August ermittelt, was bedeutet, dass an diesem Tag die natürlichen Güter und Dienstleistungen, die für unsere Existenz wesentlich und erneuerbar sind, den Tiefpunkt erreicht haben. Natürlich gibt es Bäume, Luft, Boden und Wasser. Aber sie alle werden zunehmend erschöpft, verschmutzt und sind nicht mehr nachhaltig.

Die Erde, ein systemisches und lebendiges Superwesen, gibt uns nicht, was wir verlangen, und antwortet mit mehr Erwärmung, mehr Extremereignissen, mehr Dezimierung der biologischen Vielfalt und mehr schädlichen und sogar tödlichen Viren. Die gesamte Beziehung wird durch die Verbindung von Biokapazität und ökologischem Fußabdruck definiert. Unter Biokapazität versteht man die Fähigkeit der Natur, sich selbst zu regenerieren. Der ökologische Fußabdruck gibt an, wie viel Biokapazität eine Region oder ein Land hat. Je komplexer die Region mit ihren Städten, ihrer Bevölkerung und ihrer Industrie ist, desto mehr natürliche Ressourcen benötigt sie.


Ebenso gravierend wie die zunehmende globale Erwärmung ist derzeit die rasche Überlastung der Erde. Unser Lebensstil erschöpft den Bestand an lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen. Wir müssen unseren Konsumstil ändern, indem wir nüchtern, mitfühlend und selbstbegrenzend sind. XI Jinping hat das Ideal einer “ausreichend versorgten Gesellschaft” für ganz China vorgeschlagen. Wir müssen lernen, mit dem Genügenden und Anständigen zu leben, den Energieverbrauch zu senken und nach alternativen und weniger umweltschädlichen Transportmitteln zu suchen.

Wenn wir diese Vereinbarung nicht mit allen treffen, wird unsere Existenz auf diesem Planeten miserabel und sogar unmöglich sein.

Leonardo Boff Autor von: „Überlebenswichtig – Warum wir einen Kurswechsel zu echter Nachhaltigkeit brauchen
Grunewald Verlag, 2016

Hat die Ära des globalen Siedens des Planeten begonnen?  

Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von UN-Generalsekretär António Guterrez, der ihn am 27. Juli 2023 sagte, als er von der unerwarteten Beschleunigung der globalen Erwärmung erfuhr. Diese hat den Punkt erreicht, an dem der Planet in einen kochenden Prozess eintritt, angesichts der Sorglosigkeit menschlicher Prozesse, insbesondere des Industrialismus und des kapitalistischen Produktivismus (einschließlich Chinas), die fossile Energie, Kohle und andere Treibhausgas erzeugende Elemente missbrauchen.

Die Durchschnittstemperatur auf der Erde beträgt 15 Grad Celcius. Aber dieser Durchschnitt hat begonnen, so stark zu steigen, dass er im Juli 2023 bereits 17 Grad Celcius übersteigt.

All dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass jedes Jahr etwa 40 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre freigesetzt werden, die mehr als 100 Jahre lang dort verbleiben, plus salpetrige Säure und Methan, das 28-mal schädlicher ist als CO2, obwohl es etwa 9-10 Jahre lang in der Atmosphäre verbleibt.

Die Folgen dieses Anstiegs zeigen sich in lang anhaltenden Dürren, Überschwemmungen ganzer Regionen und Städte, Wirbelstürmen, außertropischen Wirbelstürmen wie im Süden Brasiliens und Bränden fast überall auf der Erde. Die Auswirkungen auf das Leben der Menschen sind enorm. Die bekannte Fachzeitschrift Nature Medicine schätzt, dass die große Hitze im Jahr 2022 allein in Europa 61.000 Todesfälle verursacht hat. Ganz zu schweigen von Afrika und Asien oder den ärmeren Ländern, in denen Tausende von Kindern und älteren Menschen ums Leben gekommen sind, insbesondere in Zentralindien, wo die Temperaturen in die Höhe schossen.

Wenn man sich ansieht, wie wenig die großen Konzerne und Staaten tun, um diesen langsamen, aber allgegenwärtigen Temperaturanstieg zu stoppen, deutet alles darauf hin, dass wir bereits den Punkt erreicht haben, an dem es kein Zurück mehr gibt. Wissenschaft und Technologie sind zu spät gekommen, sie können den Anstieg nicht aufhalten. Sie helfen nur, die unvermeidlichen schädlichen Auswirkungen abzumildern.

Aber nicht alles ist fatal. Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass das Unwahrscheinliche passieren kann: Der Mensch, der sich der Gefahr seines Verschwindens bewusst ist, macht einen Bewusstseinssprung, hin zur Noosphäre, wie Teilhard de Chardin sie 1933 projizierte, das heißt, er vereint Herz und Verstand (noosefera), um die Art und Weise zu ändern, wie er produziert, konsumiert und vor allem mit der Natur umgeht, indem er sich als Teil von ihr fühlt, nicht als ihr Herr, und sich um sie kümmert.

Wenn wir die Biografie der Erde betrachten, sehen wir, dass die Erwärmung zur Evolution unseres Planeten gehört. Als wir noch nicht als Spezies auf der Erde existierten, vor 250 Millionen Jahren, erreichte das Klima 32 Grad Celsius und blieb für Tausende und Abertausende von Jahren auf dieser Temperatur. Es kam zu einem massiven Aussterben von Arten von Lebewesen. Später, vor 50 Millionen Jahren, erreichte die Erde 21 Grad Celsius; Krokodile und Palmen passten sich an diese Erwärmung an, aber auch hier kam es zu einem großen Aussterben von Lebewesen. Vor 130.000 Jahren erreichte die Erde die Temperatur, die wir heute erleben, nämlich 17 Grad Celsius. Viele Lebewesen verschwanden, und das Meer stieg um 6-9 Meter an, was die gesamten Niederlande und die tief liegenden nördlichen Teile der Eurozone bedeckt hätte.

Dieser Anstieg des Erdklimas gehört zur Geoevolution. Aber die gegenwärtige wird von den Menschen selbst verursacht, nicht so sehr von den großen armen Mehrheiten, sondern von den Bevölkerungen der üppigen Länder, die weder bei den Angriffen auf die Natur noch bei den Formen des üppigen und rücksichtslosen Konsums das richtige Maß finden. Man sagt, dass wir ein neues geologisches Zeitalter, das Anthropozän, eingeläutet haben. Dieses Konzept besagt, dass die größte Bedrohung für das Leben auf dem Planeten und für die Zukunft der Natur vom Menschen ausgeht. Nach den Worten des Biologen Edward Wilson hat sich der Mensch wie der Satan der Erde verhalten und den Garten Eden in ein Schlachthaus verwandelt. Manche gehen sogar noch weiter und sprechen angesichts des zunehmenden Sterbens (necro) von Arten von Lebewesen in der Größenordnung von 70-100 Tausend pro Jahr von der Nekrozän. In letzter Zeit spricht man vom Pyrozän also dem Zeitalter des Feuers. Auch das ist vom Menschen verursacht, aber vor allem deshalb, weil die Böden trockener und die Felsen heißer geworden sind; es braucht nur trockenes Laub und Stöcke darauf, um fast überall auf der Erde, selbst im feuchten Sibirien, große und verheerende Brände zu erzeugen.

Welche Szenarien könnten auf uns zukommen? Sie sind alle düster, wenn es keinen Quantensprung gibt, der einen anderen Weg und ein anderes Schicksal für das Lebenssystem und das System Erde definiert. Es lässt sich nicht leugnen, dass der Planet von Tag zu Tag wärmer wird. Die UN-Organisationen, die die Entwicklung dieses katastrophalen Ereignisses überwachen, warnen uns, dass wir zwischen 2025 und 2027 die im Pariser Abkommen von 2015 für 2030 vorhergesagten 1,5 Grad Celsius überschritten haben werden. Alles wurde vorausgesehen, und bis zu diesem Zeitpunkt, zwischen 2025 und 2027, werden wir das erreichen, was heute geschieht: ein Klima, das sich über 35 Grad stabilisieren und in einigen Regionen der Erde 38-40 Grad erreichen könnte. Millionen von Menschen werden auswandern müssen, weil sie in ihrer geliebten Heimat nicht mehr leben können, und die Ernten werden vollständig ausfallen. Brasilien, derzeit einer der größten Exporteure von Nahrungsmitteln, wird seine Produktion stark einschränken müssen. Laut James Lovelock (Veja, Gelbe Seiten, 25. Oktober 2006) wird Brasilien aufgrund seiner großen sonnigen Ausdehnung mit am stärksten von der globalen Erwärmung und dem Klimawandel betroffen sein. Diejenigen, die in der Agrarindustrie tätig sind, sollten diese Warnungen beherzigen, denn wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si: Wie wir für unser gemeinsames Haus sorgen“, die sich an die gesamte Menschheit und nicht nur an Christen richtet, schrieb “Katastrophenvorhersagen können nicht länger mit Spott und Ironie betrachtet werden; wir würden den nächsten Generationen zu viele Ruinen, Wüsten und Müll hinterlassen” (Nr. 161).

Das ist es, was niemand für seine Kinder und Enkelkinder will. Aber dazu müssen wir den Mut und die Kühnheit aufbringen, den Kurs zu ändern. Nur ein radikaler ökologischer Wandel kann die Bedingungen retten, die unseren Fortbestand auf diesem herrlichen Planeten Erde ermöglichen.

Leonardo Boff ist Ökotheologe und Autor von: Die Würde der Erde: der Schrei der Armen und der Schrei der Erde, Vozes, verschiedene Ausgaben; Die Erde bewohnen, Vozes 2022; Mitglied der Internationalen Initiative für die Initiative der Erdcharta; Der Schutz der Erde, Vozes 2022.

Eine sozial-ökologische oder ökosozialistische Demokratie

                       LeonardoBoff
Die Erde befindet sich in einem unumkehrbaren Wandel. Wir treten in ein neues Klimasystem ein, das viel heißer und bedrohlicher ist. Wissenschaft und Technik kamen zu spät. Erst mit der Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre änderte sich der Lauf der Dinge auf dem lebenden Planeten. Die verschiedenen Arten von Wissen, vom populären bis zum wissenschaftlichen, können die schädlichen Auswirkungen nur abmildern. Aber diese werden immer häufiger und immer gravierender auftreten.

Wenn wir auf diesem Planeten weiterleben wollen, müssen wir ein anderes zivilisatorisches Paradigma entwickeln, das freundlich zum Leben ist und sich als Brüder und Schwestern aller anderen Lebewesen fühlt, wie Papst Franziskus in Fratelli tutti (2020) postuliert. Wir haben ja den gleichen genetischen Code wie sie. In diesem Zusammenhang besteht ein dringender Bedarf an einer anderen Art von Demokratie: sozial-ökologisch oder ökosozialistisch.

Sie würde die Krönung des demokratischen Ideals darstellen, und zwar genau in dem Moment, in dem wir einen ernsthaften Rückgang der demokratischen Ideale in einem Kontext zunehmender autoritärer Bewegungen erleben. Hinzu kommt die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz, die Millionen von Algorithmen kombiniert und die Demokratie bedrohen und zum Beispiel die Person des Papstes, dargestellt in einer dicken, seltenen und sehr teuren Jacke, entstellen kann.

Trotz alledem müssen wir über die bedrohte Demokratie diskutieren. Dahinter steckt die ursprüngliche Idee aller Demokratie: Alles, was alle interessiert, muss von allen bedacht und entschieden werden.

In kleinen Gemeinden oder in einem Land wie der Schweiz gibt es die direkte Demokratie. Wenn diese gesellschaftlichen Gruppierungen größer sind, wird die repräsentative Demokratie projiziert. Da die Mächtigen in der Regel die Kontrolle ausüben, wurde eine partizipative Demokratie vorgeschlagen, in der die Menschen in den unteren Ebenen an der Formulierung und Überwachung der Politik des Landes teilnehmen können.


Es wurden weitere Fortschritte erzielt, und es entstand eine von den Andenvölkern gelebte kommunitäre Demokratie, in der alle an allem teilhaben, in einer großen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Das ist “bien vivir y convivir”. Es wurde festgestellt, dass die Demokratie ein universeller Wert ist (N. Bobbio), der täglich im Leben, in der Familie, in den Vereinen und in der Art und Weise, wie der Staat organisiert wird, gelebt wird. Auch eine endlose Demokratie (Boaventura de Souza Santos), denn sie kann immer vervollkommnet werden und ist nie fertig. Angesichts der drohenden Gefahr des Aussterbens der menschlichen Spezies würden sich alle, um sich zu retten, in einer planetarischen Superdemokratie zusammenschließen (J. Atalli).

Mehr oder weniger in diesem Sinne müssen die verschiedenen Formen der Demokratie gedacht und gelebt werden. Die Überlebenden der großen Transformation der Erde, die ihr durchschnittliches Klima bei 38 Grad Celsius oder mehr stabilisiert, haben aus diesen drastischen Veränderungen gelernt. Um zu überleben, müssen sie neue Formen von Beziehungen im Einklang mit der Natur und Mutter Erde einführen. Daher wurde diese Art der sozial-ökologischen Demokratie erdacht. Sie ist sozial, weil sie die gesamte Gesellschaft einbezieht.

Es ist der große Vorschlag des Ökosozialismus, der nichts mit dem frustrierten realen Sozialismus zu tun hat, der bereits verschwunden ist. Diese sozio-ökologische oder ökosozialistische Demokratie hat das Ökologische als strukturierende Achse. Nicht als Technik, um die Nachhaltigkeit der menschlichen Lebensweise zu garantieren, nach dem derzeitigen Paradigma des Menschen als dominus=Herr und außerhalb und über der Natur, sondern als frater=Bruder und Schwester, Teil der Natur und in ihr. Es wäre vielmehr eine Kunst, eine neue Art der zärtlichen und geschwisterlichen Koexistenz mit der Natur.

Die Produktionsweise und die Institutionen werden die Natur nicht mehr dazu zwingen, sich den menschlichen Wünschen anzupassen. Sie werden sich den Rhythmen der Natur anpassen, sie pflegen, ihr Ruhepausen zur Regeneration geben. Der Mensch wird die Natur selbst spüren, und indem er sich um sie kümmert, kümmert er sich auch um sich selbst.

Die Einzigartigkeit des Menschen, und das haben Neurologen, Genetiker, Bioanthropologen und Kosmologen bewiesen, besteht darin, dass er als ein Wesen erscheint, das aus Beziehungen, Liebe, Zusammenarbeit, Solidarität und Mitgefühl besteht. Dies hat James D. Watson in seinem Buch “DNA: Das Geheimnis des Lebens” (2005) gesagt: Liebe und Solidarität gehören zum human-genetischen Code.


Diese Einzigartigkeit zeigt sich deutlicher, wenn wir sie mit den höher entwickelten Affen vergleichen, von denen wir uns in nur 1,6 % der genetischen Materie unterscheiden. Auch sie führen ein gemeinschaftliches Leben. Aber sie werden von der Logik der Herrschaft und Hierarchisierung geleitet. Wir aber unterscheiden uns von ihnen durch Kooperation und Kommensalität.

Heute ist man sich einig, dass sowohl die Natur als auch die Erde Rechtssubjekte sind. Sie sind die neuen Bürger, mit denen wir freundschaftlich zusammenleben müssen. Die Erde ist eine biogeophysikalische Einheit, Gaia, die alle Elemente miteinander verbindet, um am Leben zu bleiben und die gesamte biologische Vielfalt hervorzubringen. In einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Entwicklung und Komplexität begann sie zu fühlen, zu denken, zu lieben und sich zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt erschien der Mensch, Mann und Frau, der die denkende und liebende Erde ist.

Wenn wir gemeinsam überleben wollen, muss diese Demokratie eine Biokratie, eine Soziokratie, eine Geokratie und eine Kosmokratie sein, kurz gesagt, eine ökologisch-soziale oder ökosozialistische Demokratie. Die Zeit drängt. Wir müssen ein neues Bewusstsein schaffen und uns auf die Veränderungen vorbereiten, die nicht lange auf sich warten lassen werden. Ist das eine Utopie? Ja, aber eine notwendige Utopie, wenn wir noch auf diesem Planeten leben wollen.

Leonardo Boff, brasilianischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller, schrieb zusammen mit dem deutschen Theologen Jürgen Moltmann „Gibt es Hoffnung für die gefährdete Schöpfung?“ Vozes, Petrópolis/Rio 2014; Caring for the Earth-Protecting Life: How to Avoid the End of the World, Record, Rio 2010.

Leonardo Boff

Die Erde befindet sich in einem unumkehrbaren Wandel. Wir treten in ein neues Klimasystem ein, das viel heißer und bedrohlicher ist. Wissenschaft und Technik kamen zu spät. Erst mit der Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre änderte sich der Lauf der Dinge auf dem lebenden Planeten. Die verschiedenen Arten von Wissen, vom populären bis zum wissenschaftlichen, können die schädlichen Auswirkungen nur abmildern. Aber diese werden immer häufiger und immer gravierender auftreten.

Wenn wir auf diesem Planeten weiterleben wollen, müssen wir ein anderes zivilisatorisches Paradigma entwickeln, das freundlich zum Leben ist und sich als Brüder und Schwestern aller anderen Lebewesen fühlt, wie Papst Franziskus in Fratelli tutti (2020) postuliert. Wir haben ja den gleichen genetischen Code wie sie. In diesem Zusammenhang besteht ein dringender Bedarf an einer anderen Art von Demokratie: sozial-ökologisch oder ökosozialistisch.

Sie würde die Krönung des demokratischen Ideals darstellen, und zwar genau in dem Moment, in dem wir einen ernsthaften Rückgang der demokratischen Ideale in einem Kontext zunehmender autoritärer Bewegungen erleben. Hinzu kommt die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz, die Millionen von Algorithmen kombiniert und die Demokratie bedrohen und zum Beispiel die Person des Papstes, dargestellt in einer dicken, seltenen und sehr teuren Jacke, entstellen kann.

Trotz alledem müssen wir über die bedrohte Demokratie diskutieren. Dahinter steckt die ursprüngliche Idee aller Demokratie: Alles, was alle interessiert, muss von allen bedacht und entschieden werden.

In kleinen Gemeinden oder in einem Land wie der Schweiz gibt es die direkte Demokratie. Wenn diese gesellschaftlichen Gruppierungen größer sind, wird die repräsentative Demokratie projiziert. Da die Mächtigen in der Regel die Kontrolle ausüben, wurde eine partizipative Demokratie vorgeschlagen, in der die Menschen in den unteren Ebenen an der Formulierung und Überwachung der Politik des Landes teilnehmen können.

Es wurden weitere Fortschritte erzielt, und es entstand eine von den Andenvölkern gelebte kommunitäre Demokratie, in der alle an allem teilhaben, in einer großen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Das ist “bien vivir y convivir”. Es wurde festgestellt, dass die Demokratie ein universeller Wert ist (N. Bobbio), der täglich im Leben, in der Familie, in den Vereinen und in der Art und Weise, wie der Staat organisiert wird, gelebt wird. Auch eine endlose Demokratie (Boaventura de Souza Santos), denn sie kann immer vervollkommnet werden und ist nie fertig. Angesichts der drohenden Gefahr des Aussterbens der menschlichen Spezies würden sich alle, um sich zu retten, in einer planetarischen Superdemokratie zusammenschließen (J. Atalli).

Mehr oder weniger in diesem Sinne müssen die verschiedenen Formen der Demokratie gedacht und gelebt werden. Die Überlebenden der großen Transformation der Erde, die ihr durchschnittliches Klima bei 38 Grad Celsius oder mehr stabilisiert, haben aus diesen drastischen Veränderungen gelernt. Um zu überleben, müssen sie neue Formen von Beziehungen im Einklang mit der Natur und Mutter Erde einführen. Daher wurde diese Art der sozial-ökologischen Demokratie erdacht. Sie ist sozial, weil sie die gesamte Gesellschaft einbezieht.

Es ist der große Vorschlag des Ökosozialismus, der nichts mit dem frustrierten realen Sozialismus zu tun hat, der bereits verschwunden ist. Diese sozio-ökologische oder ökosozialistische Demokratie hat das Ökologische als strukturierende Achse. Nicht als Technik, um die Nachhaltigkeit der menschlichen Lebensweise zu garantieren, nach dem derzeitigen Paradigma des Menschen als dominus=Herr und außerhalb und über der Natur, sondern als frater=Bruder und Schwester, Teil der Natur und in ihr. Es wäre vielmehr eine Kunst, eine neue Art der zärtlichen und geschwisterlichen Koexistenz mit der Natur.

Die Produktionsweise und die Institutionen werden die Natur nicht mehr dazu zwingen, sich den menschlichen Wünschen anzupassen. Sie werden sich den Rhythmen der Natur anpassen, sie pflegen, ihr Ruhepausen zur Regeneration geben. Der Mensch wird die Natur selbst spüren, und indem er sich um sie kümmert, kümmert er sich auch um sich selbst.

Die Einzigartigkeit des Menschen, und das haben Neurologen, Genetiker, Bioanthropologen und Kosmologen bewiesen, besteht darin, dass er als ein Wesen erscheint, das aus Beziehungen, Liebe, Zusammenarbeit, Solidarität und Mitgefühl besteht. Dies hat James D. Watson in seinem Buch “DNA: Das Geheimnis des Lebens” (2005) gesagt: Liebe und Solidarität gehören zum human-genetischen Code.

Diese Einzigartigkeit zeigt sich deutlicher, wenn wir sie mit den höher entwickelten Affen vergleichen, von denen wir uns in nur 1,6 % der genetischen Materie unterscheiden. Auch sie führen ein gemeinschaftliches Leben. Aber sie werden von der Logik der Herrschaft und Hierarchisierung geleitet. Wir aber unterscheiden uns von ihnen durch Kooperation und Kommensalität.

Heute ist man sich einig, dass sowohl die Natur als auch die Erde Rechtssubjekte sind. Sie sind die neuen Bürger, mit denen wir freundschaftlich zusammenleben müssen. Die Erde ist eine biogeophysikalische Einheit, Gaia, die alle Elemente miteinander verbindet, um am Leben zu bleiben und die gesamte biologische Vielfalt hervorzubringen. In einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Entwicklung und Komplexität begann sie zu fühlen, zu denken, zu lieben und sich zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt erschien der Mensch, Mann und Frau, der die denkende und liebende Erde ist.

Wenn wir gemeinsam überleben wollen, muss diese Demokratie eine Biokratie, eine Soziokratie, eine Geokratie und eine Kosmokratie sein, kurz gesagt, eine ökologisch-soziale oder ökosozialistische Demokratie. Die Zeit drängt. Wir müssen ein neues Bewusstsein schaffen und uns auf die Veränderungen vorbereiten, die nicht lange auf sich warten lassen werden. Ist das eine Utopie? Ja, aber eine notwendige Utopie, wenn wir noch auf diesem Planeten leben wollen.

Leonardo Boff, brasilianischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller, schrieb zusammen mit dem deutschen Theologen Jürgen Moltmann „Gibt es Hoffnung für die gefährdete Schöpfung?“ Vozes, Petrópolis/Rio 2014; Caring for the Earth-Protecting Life: How to Avoid the End of the World, Record, Rio 2010.

Eine sozial-ökologische oder ökosozialistische Demokratie

Leonardo Boff

Die Erde befindet sich in einem unumkehrbaren Wandel. Wir treten in ein neues Klimasystem ein, das viel heißer und bedrohlicher ist. Wissenschaft und Technik kamen zu spät. Erst mit der Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre änderte sich der Lauf der Dinge auf dem lebenden Planeten. Die verschiedenen Arten von Wissen, vom populären bis zum wissenschaftlichen, können die schädlichen Auswirkungen nur abmildern. Aber diese werden immer häufiger und immer gravierender auftreten.

Wenn wir auf diesem Planeten weiterleben wollen, müssen wir ein anderes zivilisatorisches Paradigma entwickeln, das freundlich zum Leben ist und sich als Brüder und Schwestern aller anderen Lebewesen fühlt, wie Papst Franziskus in Fratelli tutti (2020) postuliert. Wir haben ja den gleichen genetischen Code wie sie. In diesem Zusammenhang besteht ein dringender Bedarf an einer anderen Art von Demokratie: sozial-ökologisch oder ökosozialistisch.

Sie würde die Krönung des demokratischen Ideals darstellen, und zwar genau in dem Moment, in dem wir einen ernsthaften Rückgang der demokratischen Ideale in einem Kontext zunehmender autoritärer Bewegungen erleben. Hinzu kommt die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz, die Millionen von Algorithmen kombiniert und die Demokratie bedrohen und zum Beispiel die Person des Papstes, dargestellt in einer dicken, seltenen und sehr teuren Jacke, entstellen kann.

Trotz alledem müssen wir über die bedrohte Demokratie diskutieren. Dahinter steckt die ursprüngliche Idee aller Demokratie: Alles, was alle interessiert, muss von allen bedacht und entschieden werden.

In kleinen Gemeinden oder in einem Land wie der Schweiz gibt es die direkte Demokratie. Wenn diese gesellschaftlichen Gruppierungen größer sind, wird die repräsentative Demokratie projiziert. Da die Mächtigen in der Regel die Kontrolle ausüben, wurde eine partizipative Demokratie vorgeschlagen, in der die Menschen in den unteren Ebenen an der Formulierung und Überwachung der Politik des Landes teilnehmen können.

Es wurden weitere Fortschritte erzielt, und es entstand eine von den Andenvölkern gelebte kommunitäre Demokratie, in der alle an allem teilhaben, in einer großen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Das ist “bien vivir y convivir”. Es wurde festgestellt, dass die Demokratie ein universeller Wert ist (N. Bobbio), der täglich im Leben, in der Familie, in den Vereinen und in der Art und Weise, wie der Staat organisiert wird, gelebt wird. Auch eine endlose Demokratie (Boaventura de Souza Santos), denn sie kann immer vervollkommnet werden und ist nie fertig. Angesichts der drohenden Gefahr des Aussterbens der menschlichen Spezies würden sich alle, um sich zu retten, in einer planetarischen Superdemokratie zusammenschließen (J. Atalli).

Mehr oder weniger in diesem Sinne müssen die verschiedenen Formen der Demokratie gedacht und gelebt werden. Die Überlebenden der großen Transformation der Erde, die ihr durchschnittliches Klima bei 38 Grad Celsius oder mehr stabilisiert, haben aus diesen drastischen Veränderungen gelernt. Um zu überleben, müssen sie neue Formen von Beziehungen im Einklang mit der Natur und Mutter Erde einführen. Daher wurde diese Art der sozial-ökologischen Demokratie erdacht. Sie ist sozial, weil sie die gesamte Gesellschaft einbezieht.

Es ist der große Vorschlag des Ökosozialismus, der nichts mit dem frustrierten realen Sozialismus zu tun hat, der bereits verschwunden ist. Diese sozio-ökologische oder ökosozialistische Demokratie hat das Ökologische als strukturierende Achse. Nicht als Technik, um die Nachhaltigkeit der menschlichen Lebensweise zu garantieren, nach dem derzeitigen Paradigma des Menschen als dominus=Herr und außerhalb und über der Natur, sondern als frater=Bruder und Schwester, Teil der Natur und in ihr. Es wäre vielmehr eine Kunst, eine neue Art der zärtlichen und geschwisterlichen Koexistenz mit der Natur.

Die Produktionsweise und die Institutionen werden die Natur nicht mehr dazu zwingen, sich den menschlichen Wünschen anzupassen. Sie werden sich den Rhythmen der Natur anpassen, sie pflegen, ihr Ruhepausen zur Regeneration geben. Der Mensch wird die Natur selbst spüren, und indem er sich um sie kümmert, kümmert er sich auch um sich selbst.

Die Einzigartigkeit des Menschen, und das haben Neurologen, Genetiker, Bioanthropologen und Kosmologen bewiesen, besteht darin, dass er als ein Wesen erscheint, das aus Beziehungen, Liebe, Zusammenarbeit, Solidarität und Mitgefühl besteht. Dies hat James D. Watson in seinem Buch “DNA: Das Geheimnis des Lebens” (2005) gesagt: Liebe und Solidarität gehören zum human-genetischen Code.

Diese Einzigartigkeit zeigt sich deutlicher, wenn wir sie mit den höher entwickelten Affen vergleichen, von denen wir uns in nur 1,6 % der genetischen Materie unterscheiden. Auch sie führen ein gemeinschaftliches Leben. Aber sie werden von der Logik der Herrschaft und Hierarchisierung geleitet. Wir aber unterscheiden uns von ihnen durch Kooperation und Kommensalität.

Heute ist man sich einig, dass sowohl die Natur als auch die Erde Rechtssubjekte sind. Sie sind die neuen Bürger, mit denen wir freundschaftlich zusammenleben müssen. Die Erde ist eine biogeophysikalische Einheit, Gaia, die alle Elemente miteinander verbindet, um am Leben zu bleiben und die gesamte biologische Vielfalt hervorzubringen. In einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Entwicklung und Komplexität begann sie zu fühlen, zu denken, zu lieben und sich zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt erschien der Mensch, Mann und Frau, der die denkende und liebende Erde ist.

Wenn wir gemeinsam überleben wollen, muss diese Demokratie eine Biokratie, eine Soziokratie, eine Geokratie und eine Kosmokratie sein, kurz gesagt, eine ökologisch-soziale oder ökosozialistische Demokratie. Die Zeit drängt. Wir müssen ein neues Bewusstsein schaffen und uns auf die Veränderungen vorbereiten, die nicht lange auf sich warten lassen werden. Ist das eine Utopie? Ja, aber eine notwendige Utopie, wenn wir noch auf diesem Planeten leben wollen.

Leonardo Boff, brasilianischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller, schrieb zusammen mit dem deutschen Theologen Jürgen Moltmann „Gibt es Hoffnung für die gefährdete Schöpfung?“ Vozes, Petrópolis/Rio 2014; Caring for the Earth-Protecting Life: How to Avoid the End of the World, Record, Rio 2010.

Eine sozial-ökologische oder ökosozialistische Demokratie

Leonardo Boff

Die Erde befindet sich in einem unumkehrbaren Wandel. Wir treten in ein neues Klimasystem ein, das viel heißer und bedrohlicher ist. Wissenschaft und Technik kamen zu spät. Erst mit der Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre änderte sich der Lauf der Dinge auf dem lebenden Planeten. Die verschiedenen Arten von Wissen, vom populären bis zum wissenschaftlichen, können die schädlichen Auswirkungen nur abmildern. Aber diese werden immer häufiger und immer gravierender auftreten.

Wenn wir auf diesem Planeten weiterleben wollen, müssen wir ein anderes zivilisatorisches Paradigma entwickeln, das freundlich zum Leben ist und sich als Brüder und Schwestern aller anderen Lebewesen fühlt, wie Papst Franziskus in Fratelli tutti (2020) postuliert. Wir haben ja den gleichen genetischen Code wie sie. In diesem Zusammenhang besteht ein dringender Bedarf an einer anderen Art von Demokratie: sozial-ökologisch oder ökosozialistisch.

Sie würde die Krönung des demokratischen Ideals darstellen, und zwar genau in dem Moment, in dem wir einen ernsthaften Rückgang der demokratischen Ideale in einem Kontext zunehmender autoritärer Bewegungen erleben. Hinzu kommt die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz, die Millionen von Algorithmen kombiniert und die Demokratie bedrohen und zum Beispiel die Person des Papstes, dargestellt in einer dicken, seltenen und sehr teuren Jacke, entstellen kann.

Trotz alledem müssen wir über die bedrohte Demokratie diskutieren. Dahinter steckt die ursprüngliche Idee aller Demokratie: Alles, was alle interessiert, muss von allen bedacht und entschieden werden.

In kleinen Gemeinden oder in einem Land wie der Schweiz gibt es die direkte Demokratie. Wenn diese gesellschaftlichen Gruppierungen größer sind, wird die repräsentative Demokratie projiziert. Da die Mächtigen in der Regel die Kontrolle ausüben, wurde eine partizipative Demokratie vorgeschlagen, in der die Menschen in den unteren Ebenen an der Formulierung und Überwachung der Politik des Landes teilnehmen können.


Es wurden weitere Fortschritte erzielt, und es entstand eine von den Andenvölkern gelebte kommunitäre Demokratie, in der alle an allem teilhaben, in einer großen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Das ist “bien vivir y convivir”. Es wurde festgestellt, dass die Demokratie ein universeller Wert ist (N. Bobbio), der täglich im Leben, in der Familie, in den Vereinen und in der Art und Weise, wie der Staat organisiert wird, gelebt wird. Auch eine endlose Demokratie (Boaventura de Souza Santos), denn sie kann immer vervollkommnet werden und ist nie fertig. Angesichts der drohenden Gefahr des Aussterbens der menschlichen Spezies würden sich alle, um sich zu retten, in einer planetarischen Superdemokratie zusammenschließen (J. Atalli).

Mehr oder weniger in diesem Sinne müssen die verschiedenen Formen der Demokratie gedacht und gelebt werden. Die Überlebenden der großen Transformation der Erde, die ihr durchschnittliches Klima bei 38 Grad Celsius oder mehr stabilisiert, haben aus diesen drastischen Veränderungen gelernt. Um zu überleben, müssen sie neue Formen von Beziehungen im Einklang mit der Natur und Mutter Erde einführen. Daher wurde diese Art der sozial-ökologischen Demokratie erdacht. Sie ist sozial, weil sie die gesamte Gesellschaft einbezieht.

Es ist der große Vorschlag des Ökosozialismus, der nichts mit dem frustrierten realen Sozialismus zu tun hat, der bereits verschwunden ist. Diese sozio-ökologische oder ökosozialistische Demokratie hat das Ökologische als strukturierende Achse. Nicht als Technik, um die Nachhaltigkeit der menschlichen Lebensweise zu garantieren, nach dem derzeitigen Paradigma des Menschen als dominus=Herr und außerhalb und über der Natur, sondern als frater=Bruder und Schwester, Teil der Natur und in ihr. Es wäre vielmehr eine Kunst, eine neue Art der zärtlichen und geschwisterlichen Koexistenz mit der Natur.

Die Produktionsweise und die Institutionen werden die Natur nicht mehr dazu zwingen, sich den menschlichen Wünschen anzupassen. Sie werden sich den Rhythmen der Natur anpassen, sie pflegen, ihr Ruhepausen zur Regeneration geben. Der Mensch wird die Natur selbst spüren, und indem er sich um sie kümmert, kümmert er sich auch um sich selbst.

Die Einzigartigkeit des Menschen, und das haben Neurologen, Genetiker, Bioanthropologen und Kosmologen bewiesen, besteht darin, dass er als ein Wesen erscheint, das aus Beziehungen, Liebe, Zusammenarbeit, Solidarität und Mitgefühl besteht. Dies hat James D. Watson in seinem Buch “DNA: Das Geheimnis des Lebens” (2005) gesagt: Liebe und Solidarität gehören zum human-genetischen Code.


Diese Einzigartigkeit zeigt sich deutlicher, wenn wir sie mit den höher entwickelten Affen vergleichen, von denen wir uns in nur 1,6 % der genetischen Materie unterscheiden. Auch sie führen ein gemeinschaftliches Leben. Aber sie werden von der Logik der Herrschaft und Hierarchisierung geleitet. Wir aber unterscheiden uns von ihnen durch Kooperation und Kommensalität.

Heute ist man sich einig, dass sowohl die Natur als auch die Erde Rechtssubjekte sind. Sie sind die neuen Bürger, mit denen wir freundschaftlich zusammenleben müssen. Die Erde ist eine biogeophysikalische Einheit, Gaia, die alle Elemente miteinander verbindet, um am Leben zu bleiben und die gesamte biologische Vielfalt hervorzubringen. In einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Entwicklung und Komplexität begann sie zu fühlen, zu denken, zu lieben und sich zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt erschien der Mensch, Mann und Frau, der die denkende und liebende Erde ist.

Wenn wir gemeinsam überleben wollen, muss diese Demokratie eine Biokratie, eine Soziokratie, eine Geokratie und eine Kosmokratie sein, kurz gesagt, eine ökologisch-soziale oder ökosozialistische Demokratie. Die Zeit drängt. Wir müssen ein neues Bewusstsein schaffen und uns auf die Veränderungen vorbereiten, die nicht lange auf sich warten lassen werden. Ist das eine Utopie? Ja, aber eine notwendige Utopie, wenn wir noch auf diesem Planeten leben wollen.

Leonardo Boff, brasilianischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller, schrieb zusammen mit dem deutschen Theologen Jürgen Moltmann „Gibt es Hoffnung für die gefährdete Schöpfung?“ Vozes, Petrópolis/Rio 2014; Caring for the Earth-Protecting Life: How to Avoid the End of the World, Record, Rio 2010.