Debate com o partido Die Linke (A Equerdaq) da Alemanha

No contecto so ökumenischer Kirchentag de maio na Alemanha com o tema “Solidariedade e Justiça em tempos de Pandemia” participei de um debate como a Vice-presidente do partido Die Linke Petra Pau. Transcrevo as perguntas feitas por ela e minhas respostas. Tivemos ampla convergência de visões.

Questões levantadas por Petra Pau

.Wir leben im 21. Jahrhundert, einem historisch besonderen:Meine Negativthese ist: Die Menschheit ist rasant auf dem Weg, sich selbst und überhaupt alles Leben zu vernichten.

Meine Positive these: Erstmals gibt es mit der Solaroption und der Digitalisierung zwei Produktivkräfte, die im Marx`schen Sinne über den Kapitalismus hinaus weisen.Meine Frage ist: Teilen Sie meine Negativthese und was ist dagegen zu tun?

Minha resposta para a pergunta negativa

Zu erst, begrüße icj

ganz herzlich die Vizepräsidentin des Bundestags DIE LINKE, Petra Pau nd und auch Dr. Cornelia Hildebrandt, die die Vermittlung möglich gemacht hat, und alle aus Ihrer Fraktion DER LINKE und die, die uns vielleicht in dieser LIVE begleiten werden.

Zu Ihrer ersten Frage, nämlich Ihrer negativen These, dass die Menschheit auf dem Weg in ihre eigene Zerstörung ist, würde ich Folgendes sagen.

Um eine fundierte Antwort zu geben, würde ich sagen, dass wir zunächst einmal den Kontext betrachten müssen, in dem das Coronavirus aufgetreten ist. Jeder ist besorgt über Wissenschaft, Impfstoffe und Einschränkungen. Das ist richtig und notwendig.

Aber wir müssen sagen, dass das Virus die Frucht des Anthropozene ist. Das heißt, seine Hauptursache ist die uneingeschränkte Ausplünderung der Ressourcen der Natur durch den Kapitalismus. Sie ist zerstörerisch in die Natur eingedrungen und hat den Lebensraum für eine Reihe von Viren wie Ebola, Zika, Chikungunya und jetzt Covid-19 zerstört.

 Ich verstehe das Eindringen des Virus als eine Art Gegenangriff der Erde auf die Menschheit. Die Erde hat ihre Grenze erreicht. Sie verfügt über begrenzte Ressourcen, die ein unbegrenztes Wachstums-/Entwicklungsprojekt nicht zulassen. Dies ist die DNA des Kapitalismus.

Ich mache mir die Worte des großen französischen Naturforschers Jacob Monod zu eigen:

Wir sind zu sinnlosem und wahnsinnigem Verhalten fähig. Von nun an können wir alles, wirklich alles, fürchten, einschließlich der Auslöschung der menschlichen Rasse. Es wäre der gerechte Preis für unsere Torheiten und unsere Grausamkeiten“.

Hier ist meine Antwort: Entweder wir ändern unsere Beziehung zur Natur, nicht mehr aggressiv und zerstörerisch für das ökologische Gleichgewicht, zu einer Beziehung des Respekts für ihre Grenzen und der Sorge um die Erhaltung ihrer Vitalität, oder wir werden keine Zukunft haben.

Das Schicksal der Erde und der Menschheit liegt in unseren Händen. Wir haben keine andere Alternative: Entweder wir ändern das Paradigma, dessen Zentrum das Leben und nicht der Profit ist, und Wissenschaft und Technologie, um dem Leben und nicht dem Markt zu dienen, oder wir werden uns in den Zug derer einreihen, die auf ihr eigenes Grab zusteuern.

Resposta para a pergunta positiva

In Bezug auf Ihre zweite These, die positive, möchte ich  ehrlich Ihnem sagen, dass ich sie nicht so positiv finde.

Natürlich ist es wichtig, durch  alternative Energien wie Solar, Wind, Geothermie und andere das Kohlendioxid zu reduzieren. Auch neue Technologien wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Arbetiswelt total verändern werden können.

Aber diese Lösungen befinden sich immer noch innerhalb des vorherrschenden Paradigmas, das  die Coronavirus-Katastrophe ermöglichte.

Sie verändern aber  nicht das Verhältnis des Menschen zur Natur. Hierin liegt das ganze Problem. Die Gründer des modernen Paradigmas, wie  Descartes und Francis Bacon, bechteteten den Menschen als Herren und Meister der Natur und nicht als Teil von ihr und auch nicht als di Hüter  ihrer Integrität  und Lebensfähigkeit. Ich vermute, dass  die kapitalistisch Unersättlichkeit an den natürlichen Ressourcen fortfahren wird mit den gefährlichen Auswirkungen, die wir kennen. Eine notwendige Wende müssen wir schaffen, wenn wir eine Zukunft haben wollen.

Ich befürchte was die Eigentümer der Finanzwelt, die großen Vermögen und Megakonzerne planen: der Menschheit eine Art kybernetischen Despotismus aufzuerlegen.

Mit künstlicher Intelligenz und ihren Milliarden von Algorithmen können sie jeden Menschen und die gesamte Menschheit kontrollieren, um ihr Vermögen und ihre Privilegien zu sichern.

Sie bilden die 0,1 % der Menschheit. Der Rest lebt am Ramde und würde als Untermenschen betrachtet werden.

Das heißt, wir hätten nichts von den Lektionen gelernt, die Covid-19 uns beibringen wollte. Wir können nicht zur früheren Normalität zurückkehren, denn das wäre zu pervers, mit zwei Ungerechtigkeiten: eine ökologische, die die Ökosysteme ausplündert, und eine soziale, die Millionen und Abermillionen von armen und miserablen Menschen schafft.

Das gemeinsame Schicksal ruft uns zu einem Neuanfang und nicht zu einer Wiederholung der Vergangenheit. Wenn wir es verlängern wollen, werden wir, wie gesagt, mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Wie der Papst Franziskus mit Rechrt sagte: Diesmal retten wir uns alle zusammen oder keiner wird gerettet.

Zum Schluss: wie sehen Sie die Zukunft?

Es scheint, dass meine Position hoffnungslos ist. Im Gegenteil: Ich nähre viel Zuversicht und Hoffnung.

Wenn wir uns die Geschichte der menschlichen Evolution anschauen, sehen wir, dass sie durch viele gefährliche Krisen gegangen ist. Aber es hat sich immer gehalten. Die gegenwärtige paradigmatische Krise ist vielleicht die gefährlichste, aber wir glauben, dass sie nicht die letzte und auch nicht die endgültige sein wird.

Wir nähren nicht die Skepsis des alten Martin Heidegger, der schrieb: “Nur noch ein Gott kann uns retten.

Ich glaube eher an den Vers von Hölderin: Wo die Gefahr groß ist, ist die Chance auf Rettung noch größer.

Deshalb hege und pflege ich die Hoffnung, dass wir durch diese gegenwärtige Krise mit Schmerzen und strenger Belehrung gehen werden.

Eines Tages wurden wir im Herzen der großen roten Sterne geboren. Wenn wir Söhne und Töchter der Sterne sind, ist das ein Zeichen dafür, dass wir auf dieser Welt sind, um zu leuchten und nicht durch den Cvid-19 zu sterben. Und wir werden glänzen. Außerdem glaube ich an die Worte der jüdisch-christlichen Schrift, die uns Gott als “den großen Liebhaber des Lebens” vorstellt. Wenn Gott so ist, wird er nicht zulassen, dass wir wegen eines gefährlichen und unsichtbaren Virus so elendig verschwinden.

Wir werden leben und leuchten.

Vielen, vielen Dank

Prof.Dr.Dr.Leonardo Boff

Es reicht nicht, gut zu sein, man muss barmherzig sein

Die goldene Regel, die in allen Religionen und spirituellen Wegen präsent ist, lautet: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: “Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu”.

Das Christentum verkörpert diese Minimalethik und schreibt sich damit in diese uralte Tradition ein. Es schafft jedoch alle Grenzen der Liebe ab, so dass sie wirklich universell und bedingungslos ist. Diese Ethik lautet: “Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters seid. Denn er lässt die Sonne aufgehen über Bösen und Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? (Mt 5,44-47).

Die Version, die uns das Lukasevangelium gibt, ist lehrreich: “Ihr aber sollt eure Feinde lieben … Liebt eure Feinde. So werdet ihr Söhne und Töchter des Höchsten sein, denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist” (Lk 6,35-36).

Diese Aussage ist zutiefst tröstlich. Wer fühlt sich nicht manchmal “undankbar und böse”? Dann trösten uns diese ermutigenden Worte: Der Vater ist gütig, trotz unserer Schlechtigkeit, und so werden wir von der Last unseres Gewissens befreit, die uns überallhin verfolgt. Hier erklingen die tröstlichen Worte des ersten Johannesbriefes: “Wenn unser Herz uns anklagt, so wisst, dass Gott größer ist als unser Herz” (1 Joh 3,20). Diese Worte sollten jedem sterbenden Gläubigen ins Ohr geflüstert werden.

Ein solches göttliches Verständnis bringt uns zurück zu den Worten eines der ermutigendsten Psalmen der Bibel, Psalm 103: “Der Herr ist reich an Barmherzigkeit. Er klagt nicht immer an, noch hegt er einen ewigen Groll. Je höher der Himmel über der Erde ist, desto mehr überwiegt seine Barmherzigkeit. Wie ein Vater sich über seine Söhne und Töchter erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn lieben; denn er kennt unser Wesen und weiß, dass wir Staub sind (Ps 103,9-14).

Eine der Eigenschaften des biblischen Gottes ist seine Barmherzigkeit, denn er weiß, dass wir zerbrechlich und vergänglich sind “wie die Blumen auf dem Felde; der Hauch des Windes genügt, dass wir nicht mehr sind” (103,15). Trotzdem hört er nie auf, uns als geliebte Söhne und Töchter zu lieben und unsere moralischen Schwächen zu bemitleiden.

Eine der grundlegenden Eigenschaften des Gottesbildes, die uns der Meister vermittelt hat, ist gerade seine grenzenlose Barmherzigkeit.  Für ihn reicht es nicht, gut zu sein. Er muss auch barmherzig sein.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn illustriert dies mit seltener menschlicher Zärtlichkeit. Der Sohn war von zu Hause weggegangen, hatte sein ganzes Erbe in einem ausschweifenden Leben vergeudet und beschloss plötzlich aus Heimweh, nach Hause zurückzukehren. Der Vater stand lange und wartete auf ihn, schaute an der Straßenecke, ob er auftauchen würde. Siehe da, “als er noch weit weg war”, wie es im Text heißt, “sah der Vater seinen Sohn und lief, von Mitleid ergriffen, zu ihm und küsste ihn auf den Hals” (15,20). Es ist genug, wieder im Haus des Vaters zu sein. Und er bereitete für ihn, voller Freude, ein großes Fest.

Dieser barmherzige Vater repräsentiert den himmlischen Vater, der die Undankbaren und Bösen liebt. Er nahm mit unendlicher Barmherzigkeit den Sohn auf, der seinen Weg im Leben verloren hatte. Der einzige Sohn, der kritisiert wird, ist der gute Sohn. Er diente seinem Vater in allem, arbeitete, hielt alle Gebote. Er war gut, sehr gut. Aber für Jesus war es nicht genug, gut zu sein. Er musste auch barmherzig sein. Und das war er nicht. Deshalb ist er der einzige, der eine Zurechtweisung erhält, weil er seinen Bruder, der zurückkehrte, nicht verstand.

Aber es ist wichtig, einen Punkt zu betonen, der die Einzigartigkeit der Botschaft des Nazareners zeigt. Er will über die bloße Nächstenliebe hinausgehen, den wir lieben sollen wie uns selbst. Wer ist der Nächste für Jesus? Es ist nicht mein Freund und auch nicht derjenige, der neben mir steht. Ein Nächster für Jesus ist jeder, dem ich mich nähere, unabhängig von seiner Herkunft oder seinem moralischen Zustand. Es reicht aus, ein Mensch zu sein.

Sinnbildlich ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37). Ein Niemand liegt am Straßenrand, “halbtot”, das Opfer eines Raubüberfalls. Ein Priester geht vorbei, vielleicht zu spät zu seinem Dienst im Tempel; auch ein Levit geht vorüber, der sich beeilt, den Altar vorzubereiten. Sie sahen ihn beide und “gingen vorbei”. Ein Samariter kommt vorbei, ein Ketzer in den Augen der Juden; “er nahm sich seiner an und erbarmte sich seiner”, heilte seine Wunden und brachte ihn in eine Herberge, und bezahlte alles, was nötig war, und darüber hinaus. “Wer von den dreien war der Nächste?”, fragt der Meister. Es war der Ketzer, der sich dem Opfer der Räuber näherte. Die Liebe macht keine Unterschiede, jeder Mensch ist der Liebe und Barmherzigkeit würdig. Sicherlich waren der Priester und der Levit gute Menschen, aber es fehlte ihnen das Wichtigste: Barmherzigkeit, ein Herz, das vom Schmerz anderer bewegt wird.

Kurz gesagt, wenn Jesus uns sagt, wir sollen unseren Nächsten lieben, dann meint er damit, dass wir die Unbekannten und Diskriminierten lieben sollen; er impliziert, dass wir die Unsichtbaren, die sozialen Nullen, die, die niemand ansieht und an denen jeder vorbeigeht, lieben sollen, die er am jüngsten Tag, wenn alles ausgelöscht wird, “meine kleinen Geschwister” nennt. “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan” (Mt 25,40).

Der heilige Franziskus von Assisi war derjenige, der dieses einzigartige “Mehr” der Botschaft Jesu am besten verstanden hat. Deshalb bittet er in seinem Gebet: “dass ich mehr zu trösten suche, als getröstet zu werden, mehr zu verstehen, als verstanden zu werden, und mehr zu lieben, als geliebt zu werden.

Covid-19 zeigt vor allem in den Peripherien, unter den kritisierten Mitgliedern der Landlosen- und Obdachlosenbewegung und anderen, dass die Botschaft der barmherzigen Liebe, die vom Sohn Gottes gelebt wird, nicht erloschen ist und immer noch lebendig ist und brennt.

Leonardo Boff ist Theologe und Autor von „Jesus Christus, der Befreier“, Herder Verlag 1992.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die schmerzhafte Geburt von Mutter Erde: eine Biozivilisation

Leonardo Boff

Der von Präsident Joe Biden einberufene Klimagipfel ist ein Alarmsignal. Wenn wir die Erwärmung nicht bis zur Grenze von 1,5 Grad stoppen, werden wir eine gefährliche Ausrottung der Artenvielfalt und Millionen von Klima-Migranten erleben, die, da sie sich nicht an die Veränderungen anpassen können und ihre Lebensgrundlage verlieren, sich gezwungen sehen, ihre geliebte Heimat zu verlassen und die Grenzen anderer Länder zu durchbrechen, was zu ernsthaften gesellschaftspolitischen Problemen führt.

CO2 verbleibt etwa 120 Jahre in der Atmosphäre. Wir sind uns seiner toxischen Wirkung auf  lebende Systeme erst spät bewusst geworden. In den letzten Jahren hat sich etwas Beängstigendes ereignet: das schnelle Auftauen des Permafrosts – jenes gefrorenen Teils, der sich von Kanada über Russland erstreckt. Hinzu kommt das schnelle Schmelzen der Polkappen und Grönlands. Dieses Phänomen verschärft die globale Erwärmung, denn Methan ist 25 mal so schädlich wie CO2. Jedes Rind gibt durch Wiederkäuen und Blähungen jährlich zwischen 80-100 kg Methan an die Atmosphäre ab. Stellen Sie sich vor, was eine solche Menge bei allen Rinderherden der Welt bedeutet. Allein in Brasilien ist die Zahl der Rinder größer als unsere Bevölkerung.

Egal was wir tun, aufgrund der übermäßigen Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre werden wir keine Möglichkeit haben, extreme Auswirkungen zu vermeiden. Sie werden kommen: Taifune, lang anhaltende Dürren, extrem heiße Sommer und übermäßiger Schneefall, Erosion der Artenvielfalt und Verlust der Bodenfruchtbarkeit u. a.  Was wir tun können und müssen, ist, uns auf ihren Einbruch vorzubereiten und so die katastrophalen Auswirkungen abzumildern.

Niemand auf dem Klimagipfel hatte den Mut, auf die eigentlichen Ursachen unserer Erderwärmung hinzuweisen: unsere kapitalistische Produktionsweise, in deren DNA das unbegrenzte Wachstum steckt, das den unbegrenzten Abbau natürlicher Ressourcen bis zu dem Punkt fordert, an dem die Nachhaltigkeit des Planeten stark geschwächt wird. Eine endliche Erde kann kein unendliches Projekt vertragen. Hier liegt die Ursache, neben anderen kleineren, der globalen Erwärmung. Jeder weiß, dass hier die eigentliche Frage liegt. Warum prangert sie niemand an? Weil sie direkt antisystemisch ist, weil sie den Kern des modernen techno-wissenschaftlichen Paradigmas der unbegrenzten Entwicklung/des unbegrenzten Wachstums trifft, dem Staaten und Konzerne sich verpflichtet fühlen.

Sie wären gezwungen, etwas zu ändern, was ihrer Logik widersprechen würde. Aber das wollen sie nicht, denn der Profit steht über dem Leben. Nur der argentinische Präsident Alberto Fernández hatte den Mut, anzuprangern: “Umweltverschmutzung ist der Weg zum Selbstmord.“ Seine Aussage deckt sich mit der Aussage der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, die vor einigen Jahren eine Erklärung abgab, die mehr oder weniger in diese Richtung ging: Wenn wir nicht aufpassen, kann die Erwärmung einen “abrupten Sprung” (ein so verwendeter Ausdruck) machen, bis sie in kurzer Zeit etwa 4 Grad Celsius erreicht; bei dieser Hitze, so heißt es, werden sich die Arten kaum anpassen und Millionen werden verschwinden, darunter Millionen und Abermillionen von Menschen.

Praktisch alle bedauern, dass die “Entscheidungsträger” in Politik und Wirtschaft einen gravierenden Mangel an Bewusstsein für die Risiken zeigen, die auf unserem Gemeinsamen Haus lasten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass etwas Ähnliches wie bei Covid-19 passieren wird.

Trotz der Warnung von Virenexperten, dass wir kurz vor dem Eindringen eines schweren Virus stehen, bereiten sich nur sehr wenige auf diese Eventualität vor. Deshalb ist ein Sprung auf eine neue Ebene des kollektiven Bewusstseins, die es uns erlauben würde, eine neue Normalität einzuweihen, die sich von der bisherigen, für die Menschheit und die Natur perversen, unterscheidet, nicht absehbar. Wir fragen uns: Haben wir die Lektionen gelernt, die Mutter Erde durch den Gegenangriff auf die Menschheit durch Covid-19 geschickt hat? In Anbetracht der weit verbreiteten Sorglosigkeit scheint es, dass wir in der Illusion einer Rückkehr zur alten, ungerechten Normalität verharren.

Die Rede unseres Präsidenten Jair Bolsonaro auf dem Gipfel im Weißen Haus war eine reine Gefälligkeit. Er gab eine klare Demonstration, dass er ein legitimer Vertreter der Post-Wahrheit sei, weil er die alte chinesische Weisheit ausführte: “Schau nicht auf den sprechenden Mund eines Politikers, sondern auf seine handelnden Hände.“ Der Mund widersprach völlig dem, was die Hände tun. Der Mund spricht Versprechungen aus, die praktisch nicht realisierbar sind, und die Hände praktizieren durch ihren Anti-Umweltminister die systematische Verwüstung der Wälder und die Demontage der Einrichtungen, die die Ökosysteme erhalten.

So wie der “Ungenannte” Bolsonaro mit Covid-19 verbündet ist, so ist der Umweltminister mit den Holzfällern verbündet, die illegal und kriminell als die Hauptschuldigen für die 357,61 km2 abgeholzten Waldes erscheinen, die schlimmsten der letzten Jahre. Die Hände leugnen, was der Mund sagt.

Trotz aller Sorgen glauben und hoffen wir, dass die Menschheit aus dem Leid und hoffentlich auch aus der Liebe lernen wird: Entweder werden wir uns ändern, oder, um es mit den Worten Sigmunt Baumans zu sagen, die er eine Woche vor seinem Tod sprach, wir werden uns der Prozession derer anschließen, die sich auf dem Weg in ihr eigenes Grab befindet.

Die Menschheits- und Naturgeschichte ist nie linear; sie kennt Brüche und Sprünge nach oben. Sie lädt uns dazu ein, uns neu zu erfinden. Bloße Verbesserungen und das Anlegen von Verbänden über die Wunden des verwundeten Körpers von Mutter Erde sind nicht genug. Wir sind zu einem Neuanfang gezwungen. Nach der Erd-Charta und der Enzyklika von Papst Franziskus “Über die Sorge für unser Gemeinsames Haus” (Laudato Si’ e a Fratelli tutti) “sitzen wir alle in einem Boot: entweder wir retten uns alle oder niemand wird gerettet” (Nr. 35; 54; 137).

Die Erde ist durch 15 große Dezimierungen gegangen, aber das Leben hat immer überlebt. Es wird sich auch jetzt nicht selbst zerstören. Wir stehen vor einer schwierigen Lehre für die gesamte Menschheit, denn wir haben keine andere Wahl als diese: entweder zu leben oder unterzugehen. Freud selbst sehnte sich, obwohl skeptisch, nach dem Triumph des Lebenstriebes über den Todestrieb. Das Leben ist zu mehr Leben und sogar zu ewigem Leben berufen.

In dieser Hoffnung habe ich gerade ein Buch veröffentlicht, mehr optimistisch als pessimistisch, aber von einem machbaren Realismus, der einen vielversprechenden Horizont garantieren soll: “Die schmerzhafte Geburt der Mutter Erde: eine Gesellschaft der Geschwisterlichkeit ohne Grenzen und der sozialen Freundschaft“.

Es ist eine Utopie? Ja, aber eine notwendige, damit wir gehen können. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Utopische zum Realen gehört, das nicht nur aus Daten besteht, die schon immer gemacht wurden, sondern auch aus verborgenen Potenzialen, die darauf warten, zum Ausbruch gebracht zu werden und einen neuen Fußabdruck auf dem Boden der Geschichte zu ermöglichen. Es ist nicht gut, auf Fußabdrücke zu treten, die von anderen gemacht wurden. Wir müssen unsere eigenen Fußabdrücke schaffen. Neue Musik, neue Ohren. Neue Krisen, neue Antworten. Wir haben immer noch eine Zukunft, gestärkt durch den Einen, der angekündigt hat, dass er “der leidenschaftliche Liebhaber des Lebens” ist (Weisheit 11,26). Er wird uns helfen, eine schmerzhafte, aber wahre und glückliche Überfahrt zu machen. So glauben wir und so hoffen wir.

Leonardo Boff, Ökotheologe und Schriftsteller.

Die Welt essen oder bewahren? Zwei Paradigmen

Leonardo Boff

“Die Welt essen oder die Welt bewahren” stellt eine Metapher dar, die häufig von indigenen Anführern verwendet wird und das Paradigma unserer Zivilisation in Frage stellt, deren Gewalt sie fast verschwinden lässt. Jetzt wird es von Covid-19 in Frage gestellt. Das Virus hat wie ein Blitz auf das Paradigma des “Essens der Welt” eingeschlagen, das heißt, grenzenlos alles auszunutzen, was in der Natur existiert, mit der Perspektive endlosen Wachstums/Anreicherung.

Das Virus zerstörte die Mantras, die dieses Paradigma stützen: die Schlüsselrolle des Profits, erreicht durch den härtesten Wettbewerb, der sich privat auf Kosten der Ausbeutung natürlicher Ressourcen angesammelt hat. Wenn wir diesen Mantras gehorchen würden, wären wir sicherlich in einem schlechten Zustand. Was uns rettet, ist das, was im Paradigma “die Welt essen” verborgen und unsichtbar gemacht wird: Leben, Solidarität, gegenseitige Abhängigkeit aller von allen und Sorge für die Natur und füreinander. Es ist das zwingende Paradigma des “Schutzes der Welt”.

Dieses Paradigma des “die Welt essen” hat hohe Vorfahren. Es stammt aus Athen im 5. Jahrhundert v. Chr., als der kritische Geist ausbrach und uns erlaubte, die wesentliche Dynamik des Geistes wahrzunehmen, das Aufbrechen aller Grenzen und die Suche nach dem Unendlichen, ein Zweck, durchdacht von den großen Philosophen, von Künstlern, und zu erkennen auch in den Tragödien von Sophokles, Aischylos und Euripides und ebenfalls von Politikern aufgenommen. Es ist nicht mehr die “medén’gan” des Tempels von Delphi: “nichts im Übermaß”, aber jetzt ist es die unbegrenzte räumliche Expansion (Schaffung von Kolonien und eines Imperiums) und die zeitliche Expansion, die sich der endlosen Zukunft öffnet (unbegrenzte Zukunftsperspektive).

Dieses Projekt des “die Welt essen” nahm in Griechenland selbst Gestalt an in der Gründung des Reichs Alexanders des Großen (356 – 323), der im Alter von nur 23 Jahren ein Reich gründete, das sich von der Adria bis zum Indus-Fluss in Indien erstreckte.

Das “die Welt essen” vertiefte sich im riesigen Römischen Reich, wurde gestärkt im modernen Kolonial- und Industriezeitalter und gipfelte in der heutigen Welt mit der Globalisierung der westlichen Techno-Wissenschaft, die sich in jeden Winkel des Planeten ausdehnt. Es ist das Reich des Unbegrenzten, übersetzt in den (illusorischen) Zweck des Kapitalismus/Neoliberalismus des unbegrenzten Wachstums in die Zukunft. Ein Beispiel für dieses Streben nach unbegrenztem Wachstum ist die Tatsache, dass in der letzten Generation mehr Energieressourcen verbrannt wurden als in allen früheren Generationen der Menschheit. Es gibt keinen Ort, der nicht für die Anhäufung von Gütern ausgenutzt wurde.

Doch nun ist eine unüberwindbare Grenze aufgetaucht: Die begrenzte Erde, als ein Planet, klein, überbevölkert, mit begrenzten Gütern und Dienstleistungen, kann ein unbegrenztes Projekt nicht aushalten. Am 22. September 2020 identifizierten die Erd- und Biowissenschaften The Earth Overshoot (Erdüberlastungstag). Das heißt, die Grenze der erneuerbaren natürlichen Güter und Dienstleistungen, die für die Erhaltung des Lebens von grundlegender Basis sind. Sie wurden erschöpft. Der Konsumismus führt zu Gewalt, indem er keine Grenzen akzeptiert, und entreißt Mutter Erde das, was sie nicht mehr geben kann. Wir konsumieren das Äquivalent von anderthalb Erden. Die Folgen dieser Erpressung zeigen sich in der Reaktion einer erschöpften Mutter Erde: die Zunahme der globalen Erwärmung, die Erosion der biologischen Vielfalt (etwa hunderttausend Arten werden pro Jahr eliminiert und eine Million gefährdet), der Verlust der Bodenfruchtbarkeit und die zunehmende Wüstenbildung u. a. extreme Ereignisse.

Die Überschreitung einiger der neun planetarischen Grenzen (Klimawandel, Artensterben, Ozeanversauerung u. a.) kann einen systemischen Effekt verursachen, ein Einreißen dieser neun Grenzen und damit einen Zusammenbruch unserer Zivilisation herbeiführen.

Das Eindringen von Covid-19 hat alle militaristischen Länder in die Knie gezwungen und Massenvernichtungswaffen nutzlos und lächerlich gemacht. Der Bandbreite der vorhergesagten Viren könnten, wenn wir unsere zerstörerische Beziehung zur Natur nicht ändern, mehrere Millionen Menschen zum Opfer fallen und die Biosphäre, die für alle Lebensformen unerlässlich ist, ausdünnen.

Gegenwärtig wird die Menschheit angesichts unüberwindlicher Grenzen und der Möglichkeit des endgültigen Endes der Spezies von metaphysischem Terror erfasst. Der beabsichtigte Große Reset des Kapitalsystems ist illusorisch. Die Erde wird es scheitern lassen.

In diesem dramatischen Kontext entsteht das andere Paradigma der “Bewahrung der Welt”. Sie wird insbesondere von indigenen Führern in Brasilien wie Ailton Krenak, Davi Kopenawa Yanomani, Sénia Guajajara, Renata Mchado Tupinambé, Cristine Takua, Raoni Metuktire u. a. erhoben. Für sie alle existiert eine tiefe Gemeinschaft mit der Natur, als deren Teil sie sich fühlen. Sie müssen die Erde nicht als die Große Mutter, Pachamama und Tonantzin betrachten, weil sie so fühlen. Natürlich bewahren sie die Welt, weil diese eine Erweiterung ihres eigenen Körpers ist.

Die Tiefenökologie und die Intergrale, wie sie u. a. in der Erd-Charta (2000), den Enzykliken Laudato Si: Die Sorge für das Gemeinsame Haus (2015) und „Fratelli tutti“ (2020) von Papst Franziskus und im Programm Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung des Ökumenischen Kirchenrat verkörpert ist, hat sich die Bewahrung der Welt zur Aufgabe gemacht. Das gemeinsame Ziel ist es, die physikalisch-chemisch-ökologischen Bedingungen zu gewährleisten, die das Leben in all seinen Formen, insbesondere das menschliche Leben, erhalten und fortbestehen lassen. Wir befinden uns bereits im sechsten Massenaussterben und das Anthropozän verschärft es. Wenn wir die Daten der Wissenschaft zu den Bedrohungen unseres Überlebens nicht emotional und mit dem Herzen lesen, werden wir uns kaum für den Schutz der Welt einsetzen.

Papst Franziskus hat in Fratelli tutti ernsthaft gewarnt: “Entweder wir retten uns alle gemeinsam, oder niemand wird gerettet” (Nr. 32). Es ist eine fast verzweifelte Warnung, wenn wir nicht “die Reihen derer anschwellen lassen wollen, die in ihr eigenes Grab gehen” (S. Bauman). Lasst uns den Sprung des Glaubens wagen an das glauben, was im Buch der Weisheit steht: “Gott ist der leidenschaftliche Liebhaber des Lebens” (11,26). Wenn dem so ist, wird Er nicht zulassen, dass wir so kläglich vom Erdboden verschwinden. So glauben wir und so hoffen wir.

Leonardo Boff Philosoph – Theologe – Ökologe -Schrifsteller, Dignitas Terrae:Schrei der Erde-Schrei der Arme, Patmos, Düsseldorf.

Übersetzung von Bettina Gold Hartnack