Mit Papst Franziskus endet die Kirche des Westens und beginnt die universelle Kirche

Das Pontifikat von Franziskus, dem Bischof von Rom und Papst der universellen Kirche, besteht nun seit fünf Jahren. Viele detaillierte und brillante Schilderungen wurden bereits über diesen neuen Frühling gemacht, der in der Kirche anbrach. Für meinen Teil möchte ich nur einige Punkte hervorheben, die für uns von Bedeutung sind.

Im ersten Punkt geht es darum, wie die Rolle des Papstes in der Gestalt, wie Franziskus selbst sie ausfüllt, revolutioniert wurde. Er ist nicht länger der herrschende Papst mit allen Machtsymbolen, die er von den römischen Kaisern geerbt hatte. Franziskus selbst tritt als eine einfache Person auf, als jemand, der zum Volk gehört. Seine ersten Grußworte, die er ans Volk richtete, waren „buona sera“: „Guten Abend“. Dann stellte er sich als der Bischof von Rom vor, der gerufen ist, liebevoll die Kirche weltweit zu leiten. Bevor er den offiziellen Päpstlichen Segen erteilte, bat er das Volk um dessen Segen. Er wählte, nicht in einem Palast zu leben – das könnte Franz von Assisi zum Weinen gebracht haben -, sondern in einem Gästehaus. Und dort nimmt er zusammen mit allen Gästen seine Mahlzeiten ein.

Der zweite wichtige Punkt ist die freudvolle Verkündigung des Evangeliums, eher als ein Überfließen des guten Lebens denn als eine Doktrin des Katechismus. Es geht nicht darum, Christus in die säkularisierte Welt zu bringen, sondern darum, die Präsenz Christi in der Welt zu entdecken im Dürsten nach Spiritualität, das überall sichtbar ist.

Der dritte Punkt behandelt drei Pfeiler im Zentrum seiner Aktivität: die Begegnung mit dem lebendigen Christus, die leidenschaftliche Liebe zu den Armen und die Achtsamkeit für Mutter Erde. Im Mittelpunkt steht Christus, nicht der Papst. Die lebendige Begegnung mit Christus hat Vorrang über der Doktrin.

Anstatt Recht und Gesetz verkündigt er unermüdlich Barmherzigkeit und die Revolution der Zärtlichkeit, wie er den Bischöfen auf seiner Reise durch Brasilien sagte.

In seiner ersten offiziellen Verkündigung drückte er die Liebe zu den Armen aus: “Wie wünschte ich, die Kirche sei eine Kirche der Armen”. Er traf die Flüchtlinge, die auf der Insel Lampedusa im Süden Italiens strandeten. Dort gebrauchte er strenge Worte für eine gewisse Art der modernen Zivilisation, die ihren Sinn für Solidarität verloren hat und nicht mehr in der Lage ist, über das Leid der Anderen zu weinen.

Mit seiner Enzyklika „Laudato Si: über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015), die er an die ganze Menschheit richtete, schlug er ökologischen Alarm. Diese Enzyklika zeigt ein deutliches Bewusstsein für die Risiken, denen das Leben und die Erdsysteme ausgesetzt sind. Dazu weitet er den ökologischen Diskurs über den Umweltschutz hinaus aus. Er betont, dass wir eine globale ökologische Revolution (Nr. 5) ausrufen müssen. Ökologie ist ganzheitlich und nicht nur grün, denn sie umfasst die Gesellschaft, Politik, Kultur, Bildung, alltägliches Leben und Spiritualität. Sie vereint den Schrei der Armen mit dem Schrei der Erde (Nr. 49). Sie lädt uns ein, den Schmerz der Natur als unseren eigenen zu spüren, denn wir sind alle in einem Beziehungsnetzwerk miteinander verknüpft und verbunden. Papst Franziskus ruft uns auf „eine Leidenschaft für die Achtsamkeit für die Welt zu nähren … eine Mystik, die uns antreibt, innere Anschübe, die uns bewegen, motivieren, ermutigen und den persönlichen wie den gemeinsamen Aktionen Sinn verleihen“ (Nr. 216).

Beim vierten wichtigen Punkt geht es darum, die Kirche nicht als eine Festung zu zeichnen, die von Feinden umgeben ist, sondern als ein Feldlazarett, das allen zu Diensten ist ohne nach Klasse, Hautfarbe oder religiöser Überzeugung zu fragen. Eine Kirche, die sich stets auf die Anderen zu bewegt, insbesondere auf die Menschen an den zahlreichen existenziellen Peripherien der Welt. Die Kirche muss als ein Ansporn sein, um zur Hoffnung zu ermutigen und einen Christus aufzuzeigen, der gekommen ist, um uns zu lehren, als Brüder und Schwestern in Liebe, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Offenheit zum Vater zu leben, der die Eigenschaften einer Mutter der Barmherzigkeit und Güte besitzt.

Abschließend zeigt der Papst mit klarem Bewusstsein, dass das Evangelium im Gegensatz steht zu den Mächten dieser Welt, die bis zur Absurdität Reichtum anhäufen, während sie einen Großteil der Menschheit im Elend zurücklassen. Wir leben in einem System, das Geld in den Mittelpunkt gerückt hat, das die Armen tötet und sich den Gütern der Natur als Raubtier zeigt. Für sie hat Franziskus die harschesten Worte. Er steht im Dialog mit allen religiösen und spirituellen Traditionen. Bei der Zeremonie der Fußwaschung am Gründonnerstag war auch ein kleines muslimisches Mädchen.

Papst Franziskus möchte, dass die Kirchen sich in ihrer Unterschiedlichkeit im Dienst an der Welt vereinen, vor allem im Dienst an den Hilflosesten. Dies ist die wahre Ökumene in Mission.

Mit diesem Papst, der “vom Ende der Welt kommt”, findet die Kirche des Westens ein Ende, und eine universelle Kirche beginnt, die zum planetarischen Zeitalter der Menschheit passt, gerufen, sich in den unterschiedlichen Kulturen zu inkarnieren und dort ein neues Gesicht zu finden, beginnend beim unerschöpflichen Reichtum des Evangeliums.

Leonardo Boff Ökologe-Theologe-Philosoph Erdcharta-Kommission
übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

“Papst Franziskus, die Befreiungstheologie und ihre Zukunft im Spiegel der Zeit”

Nos dias 26 e 27 de novembro a Sociedade Carl Friedrich von Weizsächer, conhecida agremiação de cientistas, a maioria vindos da física, da mecânica quântica, da biologia, da filosofia e outras ciências organizou em Berlim um simpósio cujo tema era “Religião e Sociedade em Diálogo: ética da modernidade”. Neste contexto, a convite, proferi uma palestra que vinha associada à entrega de uma medalha como reconhecimento pelo livro escrito conjuntamente com um cosmólogo norte-americanao Mark Hathaway “The Tao of Liberation. Ex- ploring the Ecology of Transformation“, 2010, que havia sido traduzido para o alemão com o título „Befreite Schöpfung – Kosmologie – Ökologie – Spiritualität“. O livro encontrou ressonância no meio científico, pois se tratava de articular os vários saberes do Oriente e do Ocidente em diálogo com o novo paradigma e numa perspectiva de uma ecologia integral. O título de minha palestra  era “O Papa Francisco,a Teologia da Libertação e seu futuro na perspectiva do futuro”.  Como é costume em tais eventos que premiam alguém, faz-se sempre uma apresentação do contemplado,o que chamam de “Laudatio”   O referente fez um excelente resumo de meu percurso intelectual e de minhas principais ideias. Como há no Brasil pessoas que leem e entendem o alemão, resolvei publicar ambos os textos. Lboff                    

Prof. Dr. Gerhard Kruip

                                                        Laudatio

für Leonardo Boff
anlässlich der Verleihung der Carl Friedrich von Weizsäcker-Medaille am 27.11.2016 in Berlin

Sehr geehrter, lieber Herr Leonardo Boff, meine sehr geehrten Damen und Herren,

diese Einladung, heute die Laudatio auf Leonardo Boff zu halten, ist eine große Ehre für mich. Es berührt mich sehr, darum gebeten worden zu sein. Die Theologie Leonardo Boffs hat mich von meinem Studium an geprägt und bis heute begleitet. Ich habe 25 Bücher von ihm zuhause im Regal stehen und eine noch größere Zahl kopierter Artikel abgeheftet. Viele Katholiken meiner Generation hätten für sich keine Wirkungsmöglichkeit in der katholischen Kirche gesehen, hätte es nicht die Befreiungstheologie gegeben, zu deren Pionieren und herausragendsten intellektuellen Vertretern Boff ohne Zweifel gehört. Dieser Neuaufbruch der Kirche in Lateinamerika hat uns Hoffnung gegeben. Er hat dazu beigetragen, dass wir unseren Glauben weiter entwickeln und auch nur deshalb bewahren konnten. Das erfüllt mich persönlich mit großer Dankbarkeit Ihnen gegenüber – und deshalb habe ich diese Auf- gabe sehr gerne übernommen. Das Lob fällt mir nicht schwer!

Einer der Texte, die mich tief beeindruckt haben, ist die kleine Sakramentenlehre, 1975 bei Vozes in Brasilien unter dem Titel „Os sacramentos da vida e a vida dos sacramentos“ er- schienen. Darin berichtet Boff von einem Brief seiner Familie, der ihn am 11. August 1965 in München erreichte, wo er gerade sein Promotionsstudium aufgenommen hatte. Darin stand die traurige Nachricht vom frühen Tod seines Vaters, der im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war. Das Kuvert enthielt auch den Stummel der letzten Zigarette, die sein Vater kurz vor dem Tod geraucht hatte. Und nun zitiere ich einige Sätze aus diesem Buch wörtlich: „Von diesem Augenblick an ist der Zigarettenstummel kein einfacher Zigaret- tenstummel mehr. Denn er wurde zu einem Sakrament, lebt, spricht von Leben und begleitet mein Leben. Seine charakteristische Farbe, sein starker Duft und das Verbrannte an der Spit- ze lassen ihn in unserem Leben noch angezündet sein. Deshalb ist er von unschätzbarem Wert, gehört zur Mitte des Lebens und trifft unser Innerstes. […] Er liegt hinten in der Schub- lade. Dann und wann wird das Glasschächtelchen geöffnet. Ein Duft strömt aus. Es entstehen die Farben einer lebendigen Vergangenheit. […] die Augen des Geistes sehen die väterliche Gestalt lebendig vor sich. Der Stummel der Strohzigarette lässt sie gegenwärtig werden, wie sie das Stroh schneidet, den Tabak rollt, das Feuerzeug anzündet, lang an der Zigarette zieht, unterrichtet, Zeitung liest, mit den Funken sich das Hemd verbrennt, bis tief in die Nacht im Büro arbeitet und dabei raucht… und raucht. Die letzte Zigarette erlosch mit dem sterblichen Leben. Aber dennoch: Etwas brennt irgendwie noch immer, aufgrund der Zigarette.“ (S. 29, 32-33)

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Ich hoffe, dass sich auch die Nichtraucher unter Ihnen in diese Gedanken hineinversetzen konnten.

Schon an diesem kurzen Text kann man einige Charakteristika verdeutlichen, die das Denken von Boff prägen. Er geht vom Alltag aus, von menschlichen Erfahrungen, bevorzugt der ein- fachen und armen Menschen. Sein Denken ist niemals abgehoben, sondern bleibt verbun- den mit den Wurzeln, aus denen er auch als Person selbst lebt. Gleichzeitig hat er aber in seinem Denken eine grandiose Offenheit und Weite, löst sich dabei von eingefahrenen Glei- sen und den oft viel zu engen Vorgaben seiner katholischen Kirche, kann eben auch einen Zigarettenstummel als Sakrament begreifen. Wie die Tabakpflanze kommt sein Denken aus Lateinamerika und hat dort seine Wurzeln. Trotzdem darf man solche Überlegungen nicht mit dem in der Literatur Lateinamerikas so verbreiteten magischen Realismus verwechseln. Denn Boff unterwirft sein Denken zugleich dem Anspruch, vernünftig zu sein, verstanden werden zu können und dabei auch Anschluss zu finden an vorhandene Traditionen, in die- sem Fall an die katholische Sakramentenlehre, die gerade durch solche Reflexionen eine enorme Bereicherung erfahren hat. Denn mit ihrer Hilfe finden tatsächlich wieder mehr Menschen Zugang zur kirchlichen Lehre, die ja glaubt, dass mit dem Zeichen des Brotes und des Weines im gemeinsamen Mahl Jesus Christus in der versammelten Gemeinde gegenwär- tig wird.

Selbstverständlich geht die Weite des Denkens von Boff und der Reichtum seines Lebens und seines wissenschaftlichen Werks weit über dieses eine Beispiel hinaus. In einer Bibliographie seiner Werke, die bis 2005 reichte, habe ich 114 Monographien und fast 1000 Artikel und Beiträge gezählt. Mittlerweile sind noch weitere hinzugekommen. Viele von ihnen wurden übersetzt, man findet Übersetzungen in mindestens 15 Sprachen. Ich will versuchen, aus dieser Fülle die Wichtigsten seiner Gedanken und deren Kontexte kurz vorzustellen.

Leonardo Boff wurde mit dem Namen Genézio Darci Boff als Sohn italienischer Einwanderer 1938 in Concordia im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina geboren, wo übrigens auch sehr viele Brasilianer mit deutschem Migrationshintergrund leben. Genézio Darci war eines von 11 Kindern – wobei er in dem jüngst veröffentlichten Gespräch mit dem Psycho- analytiker Luigi Zoja meinte, seine Familie sei im Umfeld die kleinste gewesen. Boff wurde 1959 in den Franziskanerorden aufgenommen, der maßgeblich von deutschen Franziskanern geprägt war, die während des Kulturkampfes in Deutschland dorthin ausgewandert waren und wo man deshalb deutsch sprach. Er studierte bei ihnen Philosophie und Theologie und wurde 1964 zum Priester geweiht. Danach war er zu Gaststudien in Würzburg, Leuven und Oxford und entschloss sich dann zu einem theologischen Promotionsstudium in München, das er 1970 erfolgreich mit dem Doktor der Theologie abschloss. Seine Dissertation trug den Titel: „Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung“. Einer seiner wichtigsten akademischen Lehrer war Karl Rahner. Sein Doktorvater war Leo Scheffczyk, Zweitgutachter seiner Doktorarbeit Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., der die Arbeit damals sehr gelobt und ihre Publikation mit einer beträchtlichen Geldsumme gefördert hat. Boff lernte in München aber auch den Physiker Werner Heisenberg kennen, der zu dieser Zeit

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Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München war. Das verhalf ihm zu einer inten- siven Auseinandersetzung mit der modernen Physik. Er beschäftigte sich auch eingehend mit Carl Gustav Jung und hörte Vorlesungen bei Albert Görres, der übrigens bei Viktor von Weizsäcker promoviert hatte und ein gläubiger, aber kirchenkritischer Katholik war. Von ihm stammt der Begriff der „ekklesiogenen Neurose“.

Nach seiner Rückkehr nach Brasilien wurde Boff Professor für Systematische Theologie am Instituto Teológico Franciscano in der von deutschen Einwanderern gegründeten Stadt Pet- rópolis im Bundesstaat Río de Janeiro, die übrigens seit Pedro II. den brasilianischen Kaisern als Residenz gedient hatte. Neben seiner Arbeit an der Hochschule war er Mitherausgeber der wichtigen theologischen Zeitschriften Concilium, Vozes und der Revista Ecclesiástica Bra- sileira. Offenbar kam es 1970 in Manaus im Kontakt mit an der Basis tätigen Priestern und Ordensleuten zu einer Art Bekehrungserlebnis. Boff wurde klar, dass die akademische Theo- logie, wie er sie in Deutschland kennen gelernt hatte, in Brasilien nur eine sehr begrenzte Bedeutung hatte. Dies stürzte ihn, wie er selbst berichtete, in eine persönliche Krise, die er durch sein Buch „Jesus Christus, der Befreier“, überwand. Fortan begleitete er neben seiner akademischen Arbeit Basisgemeinden, Menschenrechtsinitiativen und die Bewegung der landlosen Landarbeiter und wurde zusammen mit Gustavo Gutiérrez und Juan Luis Segundo zu einem der wichtigsten Vertreter der Befreiungstheologie in Lateinamerika.

Um diesen theologischen Neuaufbruch verständlich zu machen, muss ich ein klein wenig ausholen. Als die lateinamerikanischen Bischöfe 1965 vom Zweiten Vatikanischen Konzil in ihre Bistümer zurückkehrten, sollten und wollten sie seine Ergebnisse auch in ihrer Heimat umzusetzen. Im November 1965 hatten sie sich noch mit Papst Paul VI. getroffen, wobei auch schon die lateinamerikanische Bischofsversammlung für 1968 nach Medellín einberu- fen worden war. Etliche von ihnen hatten auch den sogenannten „Katakombenpakt“ unter- schrieben, in dem sie sich für einen Einsatz für die Armen und einen entsprechenden Le- bensstil verpflichteten. Unterstützt von vielen Theologen, Ordensleuten und engagierten Laien machten sie sich daran, nach dem Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“ von der eige- nen Situation her zu denken, die Forderungen des Evangeliums auf sie anzuwenden und Re- formen für Kirche und Gesellschaft zu fordern. Weil man sich dabei auf neueste sozialwis- senschaftliche Ansätze stützen wollte, verwendete man die damals aktuelle Dependenztheo- rie, die die Ursache der Armut in Lateinamerika nicht in dessen Rückständigkeit oder Unter- entwicklung sahen, sondern in seiner politischen und ökonomischen Abhängigkeit. Vor die- sem Hintergrund wird auch die Bezeichnung „Theologie der Befreiung“ verständlich: Wäh- rend die Enzyklika Populorum progressio 1967 mit Bezug auf den französischen Dominikaner Louis-Joseph Lebret im Grunde eine „Theologie der Entwicklung“ darstellte, vollzogen Kirche und wichtige Theologen in Lateinamerika einen Wechsel zu einer „Theologie der Befreiung“. Denn sie hatten die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation durch „Entwicklung“ ver- loren und hofften auf eine „Befreiung“ von den Strukturen der Abhängigkeit. Dabei war Ihnen mehr und mehr klar geworden – ähnlich wie dem Sozialkatholizismus in Deutschland im 19. Jahrhundert – dass es nicht genügt, die Menschen zu einer individuellen Umkehr zu

bewegen, sondern dass neben der „Gesinnungsreform“ auch durchgreifende „Zuständere- 3

formen“ notwendig sein würden. In vielen lateinamerikanischen Ländern vollzogen sich die- se Lernprozesse zudem im Kontext der Repression von autoritären Regimen oder sogar Mili- tärdiktaturen wie in Brasilien, Chile, Argentinien, Uruguay, Peru, Bolivien, Ecuador, El Salva- dor, Nicaragua, Guatemala und Panama. In Brasilien gelang erst 1985 ein Übergang zur De- mokratie.

Angesichts ihrer tief zwischen Arm und Reich gespaltenen Gesellschaften traf die Kirche in Lateinamerika eine „Option für die Armen“. Sie war das Ergebnis der allgemeinen Gerechtig- keitsforderung in einer Situation großer Ungerechtigkeit, in der es besonders dringlich ist, vorrangig den Armen zu helfen. Folgerichtig setzten sich viele Laien, Ordensleute, Priester und Bischöfe besonders für die Armen ein. Für das Verständnis dieser Option für die Armen ist aber wichtig, dass die Armen nicht als Objekte von Hilfe angesehen werden, sondern als Subjekte ihrer eigenen Geschichte, die als solche auch ernst genommen werden müssen. Es waren dann vor allem die Basisgemeinden, in denen sich die Stimme dieser Armen formierte und die sowohl für die Kirche als auch für die Gesellschaft zu einer wichtigen Kraft der Re- form geworden sind. Boff war diesen Basisgemeinden und den engagierten Armen immer sehr nahe. Nicht zuletzt sagen das Buchtitel aus wie „Teología a Escuta do Povo“ (1981) (dt. „Theologie hört auf das Volk“) oder „Eclesiogênese – a reinvenção da Igreja“ (1977) (dt. „Die Neuentdeckung der Kirche: Basisgemeinden in Lateinamerika“)

Die Befreiungstheologie hat vielfältige biblische Wurzeln. Im Alten Testament ist es vor allem der Bezug auf das Glaubensbekenntnis in Deuteronomium 26,5-9: „Mein Vater war ein hei- matloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten heraus […].“ Hier taucht auch die für die Befreiungstheologie so bedeutsame Wendung vom „Schrei der Armen“ auf, den Boff später auf den „Schrei der Erde“ ausgeweitet hat.

Charakteristisch für die Theologie von Boff ist nun, dass er sich nicht nur mit diesen befrei- ungstheologischen Kerngedanken beschäftigte und in einem Buch zusammen mit seinem Bruder Clodovis auch eine befreiungstheologische Methodenlehre verfasste, sondern diesen Ansatz in einer schier unglaublichen Breite auf alle Themen der Theologie und alle Heraus- forderungen der Gesellschaft bezog. Er war auch verantwortlicher Herausgeber einer groß angelegten Reihe „Bibliothek der Theologie der Befreiung“, deren Bände auf Grund amts- kirchlichen Drucks jedoch nur teilweise erscheinen konnten.

Ein wichtiger Aspekt der innerkirchlichen Konflikte war die Frage, wie marxistisch die Befrei- ungstheologie sei. Das wäre natürlich ein eigenes Thema, aber kurz gesagt, lautet die Ant- wort: Selbstverständlich wurden für die Gesellschaftsanalyse auch marxistische Theoreme verwendet, wie das ja generell in den Sozialwissenschaften üblich war und auch heute noch

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teilweise sinnvoll ist. Sogar der Nestor der katholischen Soziallehre, der in dieser Hinsicht vollkommen unverdächtige Jesuit Oswald von Nell Breuning veröffentlichte 1976 einen Arti- kel unter dem Titel „Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx“. Die Rezeption des Marxismus verlief auch nicht über den orthodoxen Marxismus der Sowjetunion, sondern vor allem über die Dependenztheorie und die Werke Antonio Gramscis und anderer unorthodo- xer Marxisten. Befreiungstheologen und Befreiungspädagogen wie Paulo Freire als Marxis- ten oder Kommunisten zu bezeichnen war außerdem eine durchsichtige, aber wirkungsvolle Strategie der Militärdiktaturen zur Diffamierung und Ausgrenzung kritischer Intellektueller – eine Strategie übrigens, die massiv von den USA unterstützt wurde.

Aus dem umfangreichen Werk Boffs will ich nur auf ein paar Titel verweisen. Dabei nenne ich immer das Erscheinungsjahr des in portugiesischer Sprache erschienenen Originals, aber den Titel der später erschienenen deutschen Übersetzung. Sein erstes, in Brasilien schon 1971 publiziertes Buch trägt den Titel „Der kosmische Christus“ und befasst sich in Auseinander- setzung mit Teilhard de Chardin und der modernen Physik mit der universellen Bedeutung Jesu Christi. 1979 veröffentlicht er das Buch „Das mütterliche Antlitz Gottes“, worin er auf die feministische Kritik an der Befreiungstheologie reagiert und eine Neukonzeption der Ma- riologie entwirft. So als hätte er die Namensgebung des heutigen Papstes vorausgeahnt, schreibt Boff 1981 ein Buch über den heiligen Franz von Assisi mit dem Titel: „Zärtlichkeit und Kraft“. 1986 erscheint eine umfangreiche Trinitätslehre, die theologisch ausgesprochen spannend ist. Boff sieht in Joseph die Verleiblichung von Gott Vater, in Maria die Verleibli- chung des Heiligen Geistes, der in den semitischen Sprachen weiblichen Geschlechts ist, und in Jesus die Inkarnation des Gottessohnes. Erste Artikel zur ökologischen Problematik er- scheinen schon 1975. Die erste, auf dieses Thema bezogene Monographie „Von der Würde der Erde“ wird 1993 publiziert. Spirituelle Themen interessieren ihn ebenfalls sehr. Zusam- men mit dem Dominikaner Frei Betto, der mit bürgerlichem Namen Carlos Alberto Libânio heißt und der vor allem durch seine Nachtgespräche mit dem vorgestern verstorbenen Fidel Castro (1986) bekannt geworden ist, schreibt er 1994 das Buch „Mystik der Straße“. Viele weitere kamen danach noch hinzu. Es ist tatsächlich unmöglich, hier alle Titel zu erwähnen.

Die Ekklesiologie beschäftigt Boff seit seiner Dissertation. Dabei erregte ein Buch bei der Glaubenskongregation in Rom besonderes Aufsehen. In „Kirche, Charisma und Macht“, 1981 erschienen, legte Boff eine aus meiner Sicht sehr gelungene Analyse der Pathologien der römisch-katholischen Kirche vor. Er verwendete dabei Instrumente einer soziologischen Machtanalyse, wie sie auch Karl Marx und Max Weber entwickelt hatten. Auf der Grundlage neuester biblischer Forschungen und des Konzils plädierte Boff dafür, dass sich die Kirche weniger hierarchisch und auf der Basis des Kirchenrechts als vielmehr dezentral und unter Berücksichtigung der verschiedenen Charismen organisieren solle. Ich habe das Buch damals verschlungen und sah mich in meiner eigenen Kirchenkritik bestätigt. Viele Theologen in Deutschland hätten seine Thesen damals vielleicht noch nicht so scharf formuliert, was sie dann aber 1989 in der sogenannten „Kölner Erklärung“ durchaus taten. Und übrigens: die von Boff damals geäußerte Kritik findet man heute unschwer im Rundschreiben Evangelii

gaudium von Papst Franziskus wieder oder auch in seiner Ansprache im Vatikan zu den 15 5

Krankheiten der Kurie am 22. Dezember 2014. Aber damals versuchten Papst Johannes-Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation, die Befreiungstheo- logie zurückzudrängen. Sie wollten mit der Verurteilung von Boff ein Exempel statuieren und die damals überwiegend befreiungstheologisch ausgerichtete brasilianische Bischofskonfe- renz einschüchtern. Boff wurde nach Rom zitiert und musste sich am 7. September 1984 dort rechtfertigen, wurde aber begleitet und unterstützt von den beiden brasilianischen Franziskaner-Kardinälen Aloísio Lorscheider und Paulo Evaristo Arns sowie dem damaligen Vorsitzenden der brasilianischen Bischofskonferenz Ivo Lorscheiter, die alle Boff verteidig- ten, was in Rom dann doch Eindruck gemachte. Am 11. März erklärte die Glaubenskongrega- tion, die Theologie von Boff sei gefährlich für die gesunde Glaubenslehre, sprach aber keine Verurteilung aus und ergriff keine Sanktionen. Boff hat die Erklärung sofort akzeptiert und bekräftigt, sie für seine weitere theologische Arbeit zu berücksichtigen. Um so überraschter war man, als die Glaubenskongregation dann am 26. April 1985 Boff ein einjähriges Buß- schweigen auferlegte, das heißt, ihm verbot, öffentlich aufzutreten und zu publizieren.

Für Boff war die Sache nach dem Ende des Bußschweigens leider nicht überstanden. 1991 wurden weitere Disziplinarmaßnahmen gegen ihn verhängt, 1992 verbot ihm der Papst so- gar die Teilnahme am großen Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro. Daraufhin trat er aus dem Orden aus und bat darum, vom Priesteramt suspendiert zu werden, was er in einem sehr bewegenden Brief am 29. Juni 1992 mitteilte. Viele Menschen hat das sehr erschüttert, sehr traurig, aber auch wütend gemacht. Ich weiß noch genau, wie wir am Ende einer Ta- gung in Würzburg über das 500-Jahr-Gedenken der Entdeckung bzw. Eroberung Amerikas am 11. Juli 1992, angeregt durch meinen Freund und Kollegen Johannes Meier, einen Solida- ritätsbrief an Leonardo Boff verfassten.

Bedauerlicherweise war es so, dass weder Papst Johannes Paul II. noch Kardinal Joseph Ratzinger die Theologie der Befreiung je wirklich verstanden hätten. Man muss das leider so deutlich sagen. Es fehlte ihnen an Kenntnis der lateinamerikanischen Kirche, an Einfühlungs- vermögen in ihre Situation und an der Bereitschaft, sich wirklich auf einen echten Dialog einzulassen. In den Urteilen von Ratzinger, die man in einer guten Dokumentation über den Schriftverkehr zwischen Boff und der Glaubenskongregation nachlesen kann, wimmelt es von Missverständnissen und Fehlinterpretationen. Für die Kirche in Brasilien, aber auch in Lateinamerika und auf der ganzen Welt ist dadurch ein riesiger Schaden entstanden, weil ein zukunftsträchtiger und hoffnungsspendender theologischer und pastoraler Neuansatz einge- schüchtert und in seiner weiteren Entwicklung massiv behindert wurde. Das Jahr 1985 war der Beginn einer kirchlichen Eiszeit, die fast dreißig Jahre andauerte. Erst mit der Wahl von Papst Franziskus am 13. März 2013 fing das Eis zu schmelzen an und es begann ein neuer kirchlicher Frühling, über den Sie, lieber Herr Boff, ja sicherlich gleich noch sprechen werden. Offenbar hatten Sie einen sehr positiven Einfluss auf den derzeitigen Papst. In Laudato si‘ gibt es viele, manchmal fast wörtliche Anklänge an Ihre Gedanken, z.B. an der Stelle, wo der Planet Erde als einer derjenigen Armen bezeichnet wird, um deren Befreiung wir uns vorran- gig kümmern müssen (LS 2).

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Vielleicht bedeutete der Austritt aus dem Orden und die Aufgabe des Priesteramtes jedoch auch eine gewisse Befreiung. Weiterhin hielt Boff Vorträge zur Befreiungstheologie und wurde auch von Priestern und Ordensleuten zu Fortbildungen eingeladen. Entlastet von den ständigen Kämpfen mit der Kurie konnte er sich aber auch neuen Themen widmen und neue Aktivitäten entfalten. Und er tat es auch. 1993 erhielt er einen Lehrstuhl für Ethik, Religions- philosophie und Ökologie an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Wie oben schon kurz erwähnt, widmete er sich stärker dem Umweltthema, entwickelte eine Ökotheologie der Befreiung und veröffentlichte dazu viele Bücher und Artikel. Er engagierte sich in der Bewegung der Weltsozialforen, die mit einem ersten solchen Forum 2001 in Porto Alegre in Brasilien begann. Wie auch Michail Gorbatschow, der erste Empfänger der Carl Friedrich von Weizsäcker-Medaille, gehört Boff zu den Autoren der Erd-Charta, welche angesichts der ge- genwärtigen Herausforderungen eine globale Ethik für die Zukunft der Menschheit formu- liert und übrigens auch von Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si‘ zitiert (LS 207) worden ist. Erfreulicherweise haben ja solche und andere Bemühungen dazu beigetragen, dass die Klimakonferenzen in Paris 2015 und in Marrakesch dieses Jahr kein Misserfolg wa- ren. Hoffen wir, das Donald Trump all diese kleinen Fortschritte nicht zunichtemacht.

Im Jahr 2001 erhielt Boff den Right Livelihood Award, der bei uns eher als „Alternativer No- belpreis“ bekannt ist, und zwar „für seine motivierenden Erkenntnisse in der Verbindung von menschlicher Spiritualität, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz sowie sein langanhal- tendes Engagement für die Armen, um diese Werte in ihrem Leben und ihren Gemeinden zu verwirklichen“. Solches Engagement war übrigens in Brasilien auch nach dem Ende der Mili- tärdiktatur keineswegs ungefährlich. Noch 2005 wurde die US-amerikanische Ordensschwes- ter Dorothy Stang ermordet, und das ist nur ein Name aus einer ganzen Reihe von Märtyrern des Kampfes gegen Armut und Umweltzerstörung.

Ein besonders wichtiger Beitrag von Boff für die Befreiung der Armen und die Befreiung der Schöpfung ist das zusammen mit Mark Hathaway verfasste Buch „The Tao of Liberation. Ex- ploring the Ecology of Transformation“, 2009 bei Orbis Books zuerst in englischer Sprache erschienen, auf deutsch in diesem Jahr unter dem Titel „Befreite Schöpfung – Kosmologie – Ökologie – Spiritualität“. Das Vorwort hat übrigens Fritjof Capra geschrieben, der schon 1975 mit seinem Buch „Das Tao der Physik“ nach einer Verbindung von östlicher Mystik und mo- derner Physik gesucht hat. Die Grundthese des Buches „Befreite Schöpfung“ ist, dass wir im Erdzeitalter des Anthropozän eine neue Kosmologie brauchen, um sowohl unseren Planeten zu bewahren als auch soziale Gerechtigkeit in der globalisierten Welt zu realisieren. Diese neue Kosmologie muss ein holistisches, organizistisches Weltbild propagieren. Ein Modell dafür kann sein, was Lynn Margulis und James Lovelock als Gaia-Hypothese für den Planeten Erde formuliert haben, wofür es in verschiedenen indigenen Kulturen vielfältige Anknüp- fungspunkte gibt, etwa in der Vorstellung der „Mutter Erde“, der „Pacha mama“ bei den andinen Völkern Südamerikas oder in der Naturverbundenheit der vom Aussterben bedroh- ten indianischen Völker im Amazonas-Gebiet.

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Boff und Hathaway zeigen auf, wie reduziert wir unsere Welt nur wahrnehmen, wenn wir den herrschenden Paradigmen folgen, die immer noch vom Körper-Seele- bzw. Materie- Geist-Dualismus des René Descartes, vom mechanistischen Weltbild des Isaac Newton oder dem ökonomistischen Individualismus neoliberaler Wirtschaftskonzeptionen geprägt sind. Als Wahrheit gilt nur, was empirisch-wissenschaftlich nachgewiesen werden kann. In den Funktionsmechanismen unserer Gesellschaften herrscht die Tendenz vor, Mensch und Natur nur aus der Perspektive ihrer ökonomischen Verwertbarkeit und sogar den Menschen selbst nur als homo oeconomicus zu betrachten. Was nicht ökonomisch in Wert gesetzt werden kann, hat auch keinen Wert. Aber die moderne Physik, vor allem die Relativitätstheorie von Albert Einstein, die Heisenbergsche Unschärferelation, der Welle-Teilchen-Dualismus, die Quantenhypothese von Max Planck und die Chaostheorie lehren uns, dass von Materie als etwas Gegenständlichem, Festem, Greifbarem eigentlich nicht mehr die Rede sein kann und in vielen Bereichen auch nicht mehr von einer strengen Kausalität gesprochen werden kann. Die Materie besteht letztlich aus ganz viel Nichts und ein paar schwingenden Teilchen oder Wellen, über die nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich sind. Auch in der Genetik wird deutlich, dass Gene den Phänotyp des betreffenden Wesens nicht vollständig bestimmen, sondern immer eine Wechselwirkung mit Umweltfaktoren stattfindet. Obwohl wir dank der modernen Neurologie auch unser Gehirn besser verstehen, kann nicht erklärt werden, wie Bewusstsein entsteht, ganz abgesehen davon, dass es prinzipiell nicht möglich ist, durch Be- obachtungen eines Gehirns von außen festzustellen, wie Bewusstseinsinhalte vom Träger des Gehirns selbst wahrgenommen werden – das sogenannte „Qualia-Problem“. Natürlich ruht Selbstbewusstsein auf neuronalen Netzen auf, kann aber nicht auf sie reduziert werden. Die Systemtheorie kann uns erklären, dass komplexe Systeme sich in unterschiedlichen Fließgleichgewichten befinden können, dass es schwer prognostizierbare Kippphänomene gibt und aus wachsender Komplexität heraus neue Realitäten emergieren können. All das zwingt uns, mechanistische Vorstellungen zu überwinden, was zugleich wieder Räume eröff- net für das Nachdenken über Wirklichkeiten, die über das naturwissenschaftlich und empi- risch Erfassbare und mathematisch Quantifizierbare hinausgehen.

Man bewegt sich dabei zwangsläufig im Bereich der Spekulation. Diese kann und muss na- türlich intellektuell verantwortet werden. Boff führt vor, dass das möglich ist. Und es ist klar, dass man nicht erwarten kann, solche spekulativ erarbeiteten Ergebnisse wiederum natur- wissenschaftlich beweisen zu können. Das, was Reduktionismen überwinden soll, kann nicht selbst wiederum reduktionistisch eingeholt werden. Trotzdem kann eine solche intellektuell verantwortete Spekulation hilfreich sein, für unser je individuelles Selbstverständnis, für un- seren Kampf um Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung, vor allem aber für die Fra- ge nach dem Sinn des Ganzen und dem Sinn unser je individuellen Existenz.

Boff bezieht sich teilweise auf den berühmten Jesuiten, Paläontologen und Evolutionstheo- logen Teilhard de Chardin, dem Rom übrigens auch damals ein Schweigegebot auferlegt hat- te, während er heute rehabilitiert ist. Ohne in Legitimationstheorien wie „Intelligent Design“ zu verfallen, kann man durchaus die Frage stellen, ob nicht hinter der Entstehung und Ent-

wicklung unseres und eventuell anderer Universen eine alles begründende, alles umfassende 8

geistige Wirklichkeit steht. Die Urknall-Theorie, die übrigens eigentlich von dem belgischen katholischen Priester und Astrophysiker Georges Edouard Lemaître stammt und von der Lemaître auch Papst Pius XII. hatte überzeugen können, erwies sich als durchaus anschluss- fähig für den theologischen Schöpfungsgedanken. Schließlich kann man fragen, ob diese geistige Wirklichkeit des Ursprungs zugleich eine innere Dynamik entfaltet, die nach höherer Komplexität, nach einem grandiosen Zu-Sich-Selbst-Kommen, nach einer Vollendung strebt, von der wir nicht wissen können, wie sie aussieht. Könnte es nicht sein, dass diese höhere Wirklichkeit in ihrem Entwicklungsprozess im Menschen und möglicherweise anderen ver- nunftbegabten Wesen im Universum zu ersten Formen des Selbstbewusstseins kommt, aus dem heraus eines fernen Tages, Teilhard de Chardin spricht vom Punkt Omega, unser Uni- versum oder alle Universen tatsächlich zu sich selbst kommen? Und hätten wir dann nicht eine große Verantwortung als Teil eines solchen Prozesses? Es gibt natürlich keine zwingen- den Beweise gegen die nihilistische Position, dass alles ohnehin irgendwann im Nichts enden wird und von dem, was uns heute wichtig und wertvoll erscheint, nichts bleibt, so dass dadurch auch sein gegenwertiger Wert zunichte gemacht wird. Wir können aber spüren und uns in unserem Zusammenleben darin bestärken, und dazu lädt uns auch Boff ein, dass die Hoffnung, dass das Ganze und unser je individuelles Leben als Teil eines größeren Prozesses durchaus Sinn hat, unser Leben menschlicher und reicher machen könnte, wenn wir den Mut finden, uns auf eine solche Perspektive einzulassen.

Leonardo Boff hat die drängenden aktuellen „Zeichen der Zeit“ verstanden und die relevan- ten Gegenwartsprobleme zum Thema gemacht. Dabei ist es ihm gelungen, die unterschied- lichsten religiösen Traditionen, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erfah- rungen der Menschen zusammenzuführen und mit den so gewonnenen Einsichten politische Prozesse in Gang zu setzen, die hoffen lassen, dass eine „bessere Welt“ tatsächlich möglich ist. Er ist wie Carl Friedrich von Weizsäcker einer der wenigen großen Denker, die die Per- spektiven der Wissenschaft, der Philosophie, der Religion und der Politik mit Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart und die Verantwortung der heute lebenden Generation zusammenführen. Es ist deshalb „würdig und recht“, ihm die Carl Friedrich von Weizsäcker- Medaille zu verleihen.

In einem Interview für die Süddeutsche Zeitung am 18. April 2010, in dem Boff übrigens schon damals Papst Benedikt XVI. zum Rücktritt aufgefordert hatte, äußerte er sich auch zu den Nachteilen des Daseins als prominenter Intellektueller: Wörtlich sagte er damals: „Die Auszeichnungen haben mir mehr Ärger als Freude eingebracht.“

Wir hoffen, dass das dieses Mal umgekehrt ist, lieber Leonardo Boff. Wenn wir ernst neh- men, was Sie über Sakramente gesagt haben, dann können Sie und können wir diese Feier der Verleihung der Carl Friedrich von Weizsäcker-Medaille mit großer Freude als eine Art „Sakrament“ begreifen, nämlich als ein wirksames Zeichen für die Hoffnung, dass es der Menschheit gelingen möge, diesen wunderschönen Planeten und seine Lebensmöglichkeiten auch für zukünftige Generationen zu bewahren, was voraussetzt, dass wir trotz unterschied- licher religiöser Überzeugungen, trotz verschiedener Ethostraditionen, trotz gegensätzlichen

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Machtstrebens und konkurrierender ökonomischer Interessen, ja und auch gegen die Bor- niertheit der von irrationalen Ressentiments gesteuerten Populismen zu einer fairen Koope- ration innerhalb der Menschheitsfamilie zusammenfinden, dass also nicht nur Leonardo Boff und Papst Franziskus, sondern wir alle „den Schrei der Erde und der Armen“ hören.

Ich schließe mit einem Zitat aus dem Buch „Befreite Schöpfung“:

„Jeder von uns muss von Neuem seine eigene spirituelle Tradition erkunden und die Einsich- ten hervorholen, die uns zur Ehrfurcht vor allem Leben, zu einer Ethik des Teilens und der Fürsorge und zu einer Vision des in den Kosmos inkarnierten Heiligen beweg[ten]. Wenn uns das gelingt, dann können wir aus einer tiefen und unerschöpflichen Quelle der Inspiration schöpfen, die eine spirituelle Revolution auslösen kann, welche die Erde wahrhaftig heilen und gleichzeitig die Qualität des menschlichen Lebens verbessern kann.“ (S. 384f)

Vortrag von Prof. Dr. Leonardo Boff

Papst Franziskus, die Befreiungstheologie und ihre Zukunft im Spiegel der Zeit”

                                                        Begrüssung

Zunächst möchte ich meine Anerkennung erweisen gegenüber der bedeuteten Persönlickeit, die Carl Fridricch von Weizsäcker war, sei es als bekannter Physiker, als beachteter Philosoph und als ein engagierter Friedensforscher.

Dann möchte ich mich bedanken für all die, welche dieses Symposium veranstalten haben besonders die Mitglider des Kuratoriums. Ein Name muss ich zitieren, die mit mir standing in Verbindung war, die Einladung mir weitergab und das ganze Verlaufen der Arbeiten geschickt betreut hat: Herr Dr. Bruno Redeker, Mitglied des Verstandes.

Einen besonderen Dank muss ich aussprechen an den Prof. Dr. Gerhard Kruip, der die Laudatio vorgetragen hat. Er hat mit grosszügigen Worten den Werdegang meines Lebens und Tätigkeit sorgfältig bis in den kleinen Detaills vorgetragen, der mich sehr getroffen haben.

Seine Äusserungen gelten für mich als eine Herausforderung, damit ich mich an diesen Realitäten annähren kann.

Ich möchte auch andere Freunde und Bekannte begrüssen, die hier im Saal anwesend sind, besonders die aus den schönen münchener Zeiten, zusammen unsere Studien Ende des 60. Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Ludwig Maximilian Universität verichten haben.

Bevor ich das vorgeschlagene Thema behandle möchte ich gerne in voraus sagen:

Besonders, schätze ich bei Carl Friedrich von Weizsäcker seinen radikalen Pazifismus im Hiblick auf die Einheit der Menschheit, auf Gerechtigkeit und auf ein friedliches Zusammenseins aller Kulturen und Völker. Seine Beziehung mit dem tibethanishcen Taoismus war ihm entscheidend. Dies alles hat mit dem Thema zu tun, das ich in meiner Rede gleich behaldelt werde. Mein letztes zusamen mit einem kanadischen Kosmologe, Mark Hathaway, geschriebenes Buch trägt gerade diesen Titel: The Tao of Liberation- Exploring the Ecology of Transformation (2010), der hier in Deutschland so übersezt worden ist: Befreite Schöpfung: Kosmologie – Ökologie – Spiritualität (2016 bei Butzon&Bercker). Wir beide haben den Versuch unternommen, einen Dialog mit den Einsichten des Taoismus mit den Grundaliegen der Befreiungstheologie in Verbindung zu bringen.

Ein besonderer Dank möchte ich aussprechen für die Verleihung der Medaille: ex imo cordis, wie wir damals sagten, d.h. von tiefem Herzen. Sie ist unverdient, weil ich dessen bewusst bin, dass viele andere Personen, einen solchen Preis mit mehr Verdienst hätte bekommen können, weil mehr als ich sich für die Besserung der Welt eingesetzt haben. Ich nehme diesen Preis an wegen der Sache, die jahrelang übernommen haben, nämlich die Sache der Befreiung der am Rand Gestossenen und der unisichtbar Gemachten dieser Welt.

Somit mochte ich zum Thema kommen, das mir so vorgeschlagen worden ist:

Papst Franziskus, die Befreiungstheologie und ihre Zukunft im Spiegel der Zeit”

Das erste was man sagen muss, im Hinblick auf die Befreiungstheologie, ist, dass sie keine theologische Schule ist. Sie versteht sic als eine pastoral-theologische Praxis, die sich in verschiedenen kulturellen Kontexten artikuliert . Deswegen gibt es verschiedene Strömungen von diesem Typus von Praxis. Mario Bergoglio kommt von den argentinischen peronistischen Kontext. Er hat oft gesagt er sei peronistisch der justicialischen Tendenz. Die Reflexion, die aus diesen verschiedenen Praxisformen gemacht wird, nennt man Befreiungstheologie.

Die grosse Herausforderung, die dieser Typus von Theologie sich als die Grundfrage gestellt hat, ist das Geschick der Armen dieser Welt, die die grosse Mehrheit ausmacht und die Erosion der Voraussetzungen, die das Leben und die Biokapaziptät der Erder bewahren.

Deswegen das Markenzeichen der BT ist die vorrangige Option für die Armen, gegen ihre Armut und für ihr Leben und für die soziale Gerechtigkeit und die Bewahung der Schöpfung. Ohne diese Option gibt es überhaupt keine autentische Befreiungstheologie, die sich so darstelt.

Von Anfang an, haben wir uns seis es al Theologen oder als einfache Christen diese Frage gestellt:

Wie können wir Gott als den barmherzigen Vater und als die gütige Mutter verkünden in einer Welt von Elendgestalten? Die Ausplünderung der Natur kommt nicht von sich selbst, sondern von der Gier auf Akkumulation und von der Unverantwortung des Menschen hauptsächlich von den Wohlstehendenn und Reichen. Wir können es nur glaubwürdig tun, wenn wir ihnen klar sagen, dass diese Armut weder von Gott kommt noch von ihm gewollt ist.

Diese Armut ist keine Armut, sondern sozial betrachtet eine Verarmung, eine Ungerechtigkeit, theologisch gesehen eine strukturelle Sünde, die angeprangert und geschichtlich überwunden werden muss.

Dies alles bedeutet, in einem Wort, Unterdrükung. Gegen die historisch-gesellschaftliche Unterdrückung der Mehrheit, muss das Gegenpol eingeführt werden, nämlich die Befreiung.

Nur wenn wir diese unwürdige und unmenschliche Situation historisch überwinden zu einer besseren und gerechtigeren verwandeln, können wir wahrhatig Gott, als ein gütiger Vater und eine barmherzige Mutter für alle verkünden. So eine schwere Herausfoderung haben wir uns gestellt. Und wir müssen gestehen, dass es ist uns nicht gelungen ist, sie zu konkretisieren. Sie bleibt für uns, und für alle eine offene Frage, die standing das an das Tor unseres Gewissen klopft.

Für diese ersehnte Befreiung müssen die Armen selbst Subjekte sein. Kirchen, andere Schichten der Gesellschaft und eventuel der Staat treten nur als wichtige Verbündete ein.

Somit wollen wir jeder Assistentialismus vermeiden, der immer in der Tradition aktiv war als Mildtätigkeit und Sorge um die Erniedrigten. Aber er führt immer zu einer Abhängigkeit der Armen, statt zu schätzen, was sie besitzen nämlich: Widerstandkraft, Fähigkeit zum Bewusstsein von ihren Rechten, Kraft zur Organisation und zur Veränderung ihrer Situation, wie immer der bekannte Pedagoge Paulo Freite ständig betonte.

Wenn aber die Armen und Ausgegrentzten ein Bewußtsein über ihre Misere entwickeln, sich organisieren, ein geschichtliches Projekt hervorrufen und eine Praxis für die Verwirklichung dieses Projektes einführen, werden tatsächlich die Träger ihres Befreiungsprozesses sein. Und dies alles geschieht, wenn es um die Befreiungstheologie angeht, auf Grund von Impulsen und Inspirationen des Glaubens.

Hier muss klar gesagt werden: Marx war weder Vater noch Pate der Befreiungstheologie.

Der eigentliche Ursprung ist die Tradition des Exodus, die Botschaft der Propheten, und die verba et facta des historischen Jesus, wie in den vier Evangelien bezeugt werden. Dies alles war die grosse Inspiration der befreienden Praxis. Sie ist das erste Wort. Dann kommt die Reflexion als das zweite Wort. Somit ist die Befreiungstheologie enstanden.

Sie herhebt den Anspruch, Theologie zu sein, also ein Reden von Gott und aus Gott. Aber nicht irgendeines Reden, sondern ein Reden von Gott aus dem Leiden und aus dem Elend der Armen und heutzutage aus dem Schrei der gekreuzigten Erde. Besser formuliert: die Befreungstheologie ist ein Reden von Gott aus dem Kampf gegen das Leiden und gegen das Elend der Verdamnten der Erde und von der ausgeplünderten Erde selbst.

In diesem Verständnis, bedeutet glauben auch kämpfen, kämpfen für mehr Solidarität, mehr Würde, mehr Partizipation, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Achsamkeit und Erhfurcht der Mutter Erde gegenüber die nur durch einen geschichtllichen Befreiungsproßess errungen werden können.

Wie hat sich die Befreiungstheologie seit den 60 Jahren entwickelt und was für eine Bedeutung bewährt sie noch?

In den 60-70 Jahren war das Hauptthema die sozio-ökonomischen Armen. Dementsprechend wurde eine ganz konkrete politische Befreiung eingeführt. Im Falle Brasiliens, wurden die Basisgemeinden, etwa hundert tausend, die Mitgründer der Arbeiter Partei (PT), deren soziale Politik in 13 Jahren circa vierzig Millionen Armen in die organizierte Gesellschaft integriert hat.

In den 80. Jahren war das Thema der unterdrückten Kulturen der Indios, der Schwarzen und der Frauen aufgetaucht und diesbezüglich die entsprechenden Formen der Befreiung. Alle diese neue Herausforderugnen müssen weitergeführt werden. Wir haben nur damit angefangen und ein langer Weg steht noch vor uns.

In den 90. Jahren ist die lebenswichtige Frage der Ökologie, als Bewahrung der Schöpfung besonders des Lebens auf der Erde entstanden.

Hier ist wichtig ein Wort über die Befreiungstheologie des Papstes Franziskus zu sagen. Wie die meisten Bischöfen kommt er auch aus diesem befreienden Milieu, wo die Befreiung als Praxis und auch als Reflexion getrieben wurde und wird. Bekanntlich ist seine ständige Auseinandersetzung mit der Regierung von der argentinischen Präsidentin Christina Kirchner, die einen grossen Assistentitalismus aufgemunter hat. Bergoglio hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass diese Armut nicht einfach durch Menschenfreundlichkeit überwunden wird, sondern durch eine Politik der sozialen Gerechtigkeit, eine Politik also, die den Unterdrückten ihre Würde zurückgibt und sie zu selbständigen Bürgern macht.

Bergoglio hat kaum das Wort Befreiungstheologie benutzt. Das Wichtigste ist, dass er im Sinne der Befreiung gesprochen und gehandelt hat. In Argentinien hat sich eine Strömung der Befreiungstheologie entwickelt, die sich nicht als Alternative zu ihr verstand, sondern als seine bestimmte kulturelle Ausdruckform. Sie nennt sich “Theologie des Volkes” oder “Theologie der unterdrückten Volkskultur”.

In Argentinien hat das Volk seit Perón ein hohes politisches Bewusstsein entwickelt und eine bedeutungsvolle Volkskultur hervorgebracht, die am Schicksal des Landes Anteil hatte und hat. Juan Carlos Scannone, der bekannte Vertreter dieser theologischen Strömung bezeugt, dass sein Schüller Bergoglio sich immer dieser “Theologie des Volkes” verbunden fühlte. Wegen der Unterdrückung der Militärdiktadur war äusserst gefährlich marxistische Begriffe wie soziale Klassen zu benutzen. Deswegen hat die Theologie des Volkes immer diese Terminologie vermieden. Sie hat stattdessen vorgezogen, die Volkskultur in ihrer Dynamik gegen jede Unterdrückung, aber auch betonnte die partizipativen und befreiende Elemente, die in ihr enthalten sind.

Die beiden Strömungen engänzen einanader im Dienst an derselben Sache, den Armen in ihrem Kämpfen beizustehen und die in ihrem Streben nach Befreiung zu stärken. Für uns, ist klar, dass der jetzige Papst Vertreter de Befreiungstheologie ist, wie in dem offiziellen Dokument von der bischöflichen Versammlung der lateinamerischen Bischöfen in Aparecida (Brasilien, 2005) klar erscheint, wobei Bergoglio zusammen mit seinem Freund Kard. Claudio Hummes der Hauptverfasser des Dokumens war.

Trotz der Begrenzungen und Massregelungen, die dieser Art Theologie auferlegt worden sind, wobei ich selbst Opfer war, konnte sie sich aufrechterhalten und sich durchsetzen als eine legitime Strömung der Theologie unter anderen, mit einer bemerkenswerten Auswirkung in Afrika, Asien und in angagierten Gruppen in der ersten Welt.

Und nun wollen wir diese Fragen angehen: Welche sind die wichstigsten Herausforderung, die sich an Anfang des drittens Jahrtausend stellen? Unter vielen hebe ich bloß drei hervor:

  • Die Frage der weltweiten Ausgrentzung der Mehrheit der Menschheit
  • Die Frage der Wiederkehrs des Religiösen und Mystichen in allen oder fast allen Gesellschaften
  • Und schlieslich die ökologische Frage im unfangreichen Sinne des Wortes.
  • Eine Vorausetzung: die Wiedergewinnung des Herzens
  • Bevor ich diese Thematik eingehe, muss ich eine wichtige Voraussetzung behandeln: die Widergewinnung der Dimension des Herzens, oder die wichtige Bedeutung der fühlende Inteligenz,um effektiv eine neue Beziehung zur Erde und zur Natur herzustellen.
  • Zweifellos erfordet die globale ökologische Krise teknische Lösungen, die eine eventuelle Kathastrophe verhindert können. Die Teknick ist nicht alles, wie der Papst sosehr in seiner Enzyklika betont. Wir müssen auf ethische Kriterien zurückgreifen, denen die wissenschaftliche Praxis selbst unterworfen warden muss.
  • Was dringend nottut ist es, das Herz wachzurütteln. Das Herz ist es nämlich, das uns zum Handeln motiviert, Mitleid, Solidarität und Liebe zur Natur und zu unseren gemeinsamen Haus hervorruft.
  • Die Dimension des Herzens wurde im Laufe der Moderne vernachlässigt. Alles was dem Bereich der Emotionen, der Affekte, des Empfindens, mit einem Wort: des Pathos, enstammt, so meinte man, würde den analytischen “objekiven” Blick auf das Objekt trüben. Diese Dimensionen mussten unter Verdacht geraten, ja sogar zurückgedrängt warden.
  • Später hat dieselbe Wissenschft bemerkt, dass in jeder Beziehung Objekt-Subjekt emotinale und affective Momente mit im Spiel eintreten. Mehr noch, hat es sich festgestellt, dass die Grundstruktur des Menschen nicht Vernunft ist, sondern Gefühl, Sensibilität und Pathos ist.
  • Man muss bedenken, dass wir Menschen nicht einfach rationale, vernunftbegabte Lebewsen, sondern vernunftbegabte Säugetiere sind. Vor circa 200 Millionen Jahren traten die Säugetiere auf den Plan und es brach innerhalb des evolutiven Prozesses das limbische System de Gehirns Dieses ist verantwortlich für das Gafühl, die Fürsoge, die liebevolle Zuvewndung und die Zärtlichkeit der Mutter zu dem Junge. Erst in den letzten fünf oder sechs Millionen Jahren enstand die Hirnrinde und seit 100 tausend Jahren gibt es das Gehirn in der heutigen Form und mit ihr das abstrakte Denken, die Begrifflichkeiten und die rationale Sprache.
  • Es ist eine grosse Herausforderung für heutzutage wieder, dem Ältesten in uns eine entescheidende Stellewert einzuräumen: dem Gefühl und dem Empfinden, das am besten mit dem Ausdruck “Herz” beschrieben wird.
  • In ihm liegt unser Zentrum, unsere Fähigkeit auf tiefen Empfindungen, der Sitz der Werte, der Ethik und der Spiritualität. Damit reduzieren wir die Vernunft nicht, sondern wir integriren sie als etwas, das unverzichtbar ist für die Rangordnung der Gefühle, ohne dass sie diese ersetzt.
  • Wenn wir heute nicht lernen, die Erde als Gaia, als lebendiges Wesen, zu empfinden, sie so zu lieben, wie wir unsere Mutter lieben, und nicht so für sie sorgen, wie wir uns um unsere Kinder kümmern, dann wird es schwer sie zu retten.
  • Eine mit Empfindsamkeit, mit Gewsissen und ehtischen Grundsätzen betriebene Wissenschaft kann befreiende Auswege aus unserer zivilisatorischen Krise finden. Aber nicht ohne Herz. Dies ist für mich die notwendige Voraussetzung, damit unser Einsatz für die Bewahrung der Schöfung effektiv warden kann. Und nun kommen wir auf die vier genannten Herausforderunge
  •                              Die soziale Ausgrentzung

Die soziale Ausgrentzung, welche viel schlimmer als die Unterdrückung und Marginalisierung ist, ergibt sich aus der neuen Produktionsweise, die sich überall in der Welt durchgesezt hat. Was deutlich Karl Polaniy schon in den vierzigen Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Grossen Transformation (Great Transformation) schrieb, hat sich durchgesetzt, und zwar, dass   wir von einer Marktwirtschat zu einer Markgesellschart geworden sind. Alles wird merkantilisiert einschließlisch Sexus und Mystik.

Der Weltmarkt, aber, ist nicht auf Kooperaration sondern auf Konkurrenz ausgerichtet. Die soziale Teilung geschieht nicht mehr zwischen Kapital und Arbeit, sondern zwischen denen, die auf dem Markt stehen und die nicht stehen. Nur die Konkurrenzfähigen bleiben dabei, die anderen werden gezwungen, auszusteigern und werden deswegen auch ausgeschlossen. Ausgeschlossen werden nicht nur Arbeitschichten sondern ganze Länder, die nicht mehr für dir planetarischen Konzernen   interessant sind.

Der ohnehin bestehende Graben zwischen Armen und Reichen wurde noch vertieft. Wie der Nobelpreisträger J. Stiglitz neulich gesagt hat: 1% de Menschheit besizt so viel Reichtung als die ganze Mehrheit der Armen der Welt.

Angesichts dieser katastrophalen Situation fühlen sie sich die verschiedenen Kirchen und logischerweise die Befreiungstheologie außenordentlich herausgefordet. Die Option für die Armen gegen ihre Armut wird radikalisiert. Diesmal geht es nicht so sehr um Befreiung in politischen Sinne des Wortes, sondern um das einfache materielle Leben zu retten; es geht darum, die Verarmten nicht verhungern zu lassen und die Biokapazität der Erde zu garantieren. So viel über dieses Thema.

Der Rückkehr des Religiösen und Mystischen in der heutigen Welt

Eine zweite Herausforderung hat etwas mit der Thematik unseres Symposiums zu tun: Die Rückkehr des Religiösen und des Mystichen in der meisten Gesellschaften.

Wenn eine Kultur, wie die unsirige, in eine tiefgreifende Krise gerät und kaum noch Visionen und Lebenssinne bieten kann, dann entsteht der Anlass für den Anbruch von allen möglichen Formen von Überwindung dieser Krise.

Die meisten kommen, wenn nicht ausschließlich, aus dem religiösen Bereich. Somit floriert überall die Suche nach neuen geistig-geistlichen Wegen und Methoden; traditionelle Frömmigkeit und Mystiken werden verlebendigt, Esoterik wird gesucht, ebenso neue auf der modernen Kosmologie basierten Initiationen und mystische Visionen werden auf dem Markt gebracht. Alle diese Strömungen stellen sich als heilsame Antwort auf die Nöte der Zeit und verkünden sie auch integrale Befreiung.

Wenn aber man des näheres betrachtet, basiert diese versprochene Befreiung nicht so sehr auf einem politischen Engagement, sondern auf einer Verinnerlichung, oder auf der Verrichtung von Initiationsriten, oder gar auf vermeintlich mirakulösen Eingreifen Gottes, wie bei vielen Pfingsbewegungen der Fall ist.

Oder es kann auch das Gegenteil geschehen: die Religion, fundamentalisch und pathologisch gelebt, wervandelt sich als Motivation für Terrorakte und wahre politische Kriege.

Schon vor Jahren, in seinem umstriten Buch Der Kamf der Kulturen, hat Samuel Huntington festegestellt:”In der modernen Welt ist Religion eine zentrale Kraft, welche die Menschen motiviert und mobilisiert. Was letztendlich bei den Leuten zählt, ist nicht politische Ideologie, auch nicht wirtschatfliches Interesse; die Menschen identifizieren sich vielmehr mit religiösen Überzeugungen, Familie, Glaubenszugehörigkeit. Dafür kämpfen sie und sind bereit,ihr Leben einsusetzten”. Die Geschichte der letzten Jahren hat dies alles bewiesen.

Trotzdem muss man sich fragen: was bedeuet diese religiöse und spirituelle Rüchkehr, massiv präsent   in fast allen Kulturen der Welt ?

Es ist dramatisch wenn die memoria passionis der Armen (also das Gedächtnis an den Leiden der Armen) verloren geht, also wenn der Schrei der Gedemütigten und Verdamter der Erde kein Gehör mehr findet. Aber tragischer als dies ist, wenn die memoria Dei (also die Erinnerung an Gott), wenn Gott aus der Welt der Menschen völlig ausgelöscht wird. Dann kann wie Dostoievki noch warnte, alles passieren.

Die Anwesenheit des Religiösen und des Mystichen,in den heutigen Kulturen, wenn nicht pathologisch verdreht und Grund für Terrorismus benuzt wird, lässt nicht zu, dass diese Tragödie stattfindet. Deswegen könnte dieser Rückkehr als einer positiver Faktor betrachtet warden. Es geht darum, das Höchste was in Mensch ist, zu bewahren und es ständig zu vergegenwärtigen.          Aber unter gewissen Umständen kann diese Mystik auch zur Mystifikation und zum Fundamentalismus werden. Die authentische Mystik hat immer die Passion für Gott mit der Passion für die Notleidenden verbunden.

Wie der Papst Franziskus in seiner ökologischen Enzyklika fordert, man müsse zugleich den Schrei der Erde mit dem Schrei der Armen hören (n.49).

Wahr ist nur die Mystik und Spiritualität, die die offenen Augen für die blutende Wunde der Menschen hat und die Hände für das solidarische Wirken mit den Armen hinstreckt. Nur dann sind sie wirklich befreiend und nicht gefährlich, entfrendend oder ilusorisch.

Die Antwort auf diese Herausforderung muss stet den Hunger nach Gott mit dem Hunger nach Brot miteinschliessen und hat beide ständig zu artikulieren. Keine Spiritualität,wie hoch auch immer, kann der Sache der Gerechtigkeit vorbeikommen. Wer kein Ohr für den Schrei der Armen und der Erde hat, hat auch nichst vor Gott vorzutragen und kann auch nicht in Namen Gottes etwas sagen.

Ohne die Vermitlung der sozialen un der ökologischen Gerechtigkeit, des Mitleids und der Solidarität mit den Leidenden und mit den Wunden der Erde, kann es keine wahre Befreiung und keine authentische Spiritualität geben.

Die lebenswichtige Frage der Ökologie.

Die Ökologie ist keine Alternative für die BT, wie hie und da gesagt wird. Die Ökologie bedeudet eine Erweiterung der BT. Wenn, wir schon behautet haben, die vorrangige Option für die Armen gegen ihrer Armut sei das Merkenzeichenn und auch das Wesen der BTheologie dann logischerweise müssen wir in dieser Option für die Armen, den grosen Arme miteinshcliessen, der die Mutter Erde ist. Sie ist am moisten ausgebedeutet und ausgeplündert.

Daraus ergibt sich eine Ekotheologie de Befreiung, die die Erde, in dem modernen Verständnis, als ein lebendiger Superorganismus namens Gaia, als Haupthema der Reflexion und der Praxis von grosser Bedeutung wird.

Beide haben dasselbe Ziel: die Befreiung sei der Unterdrückten Personen, sei der ausgeplünderten Muter Erde mit Hilfe eines neuen sozialen Bündnisses unter den Menschen und einen neuen natürlichen Bündnisse mit der Erde, in einem geschwisterlichen Verhältnis und auf der Grundalage einer zukunftfähigen Entwicklung, welche die Erde respektiert und auch für zukuntfige Generationen eine gute Lebensqualität gewährleistet.

Wenn wir von Ökologie hier reden, müssen wir die Perspektive, welche der Papst Franziskus in sener Enzyklika Laudato Si:die Sorge um das gemeinsame Haus, übernommen hat. Es geht nicht um eine grüne Ökologie, sondern um eine integrale Öklologie.

Diese integrale umfasst die Umweltökologie (die Lebensgemeinschaft, die die menschliche Existenz gewährleistet) um die Sozialeökologie (sie fragt sich nach welcher Art sind die sozialen Beziehungen zur Natur, agressiv, kooperativ, ausbeuterisch), um die mentale Ökologie (welche sind unsere Utopien, die Denkstrukturen,die unserer Beziehung zur Erde schaden oder begünstigen) und schließlich um die integrale und spirituelle Ökologie, die die Erde und den ganzen Kosmos miteinbezieht, als einen einheitliche und komplexen Prozeß zu dem wir Menschen gehören.

Der Papst munter alle an, eine wahre Leidenschaft für die eine sorgfältige Achsamkeit für die Erde zu ernähren. Er fügt noch hinzu: es genügen uns nicht mehr nur die wissenschafltlichen Kentnisse, wie sie auch immer nötig sind; wir brauchen eine wahre Mystik der Erde, die uns alle motiviert füt eine freundliche Beziehung zu ihr zu entweickeln (n. 2016).

Von Anfang an, wollte die Befreiungstheologie eine integrale sein. Jetz wollen wir entsprechend auch eine integrale Ökologie.

Sei den 80 Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde klar für viele, nicht für alle Befreiungstheologen, dass die Logik des herrschenden auf Akkumulation angelegten Gesellschaftssystems beutet nicht nur die arbeitende Bewölkerung sowie ganze Nationen aus, sondern auch die Natur und die ganze Erde.

Nachdem, der ökologische Alarm gegeben worden ist, können wir nicht weiter wie sonst mit der Natur umgehen, als wäre sie ein Warenhaus oderein Selbstbedienungsladen. Die Natur ist unser aller Reichtum, den wir dringend erhalten werden müssen für uns und für die kommenden Generationen.

Wenn der Mensch im Augenblick Satan der Erde ist, dann mus er sich rasch zu ihrem Schutzengel entwickeln, damit er die Erde, als unser einziges gemeinasames Haus zu retten vermag.

Nur wenn die bedrohte und verwundete Erde in die Option für die Armen miteingeschlossen wird, können wir wahrhaftig von einer umfassender Befreiung reden. Vielleicht kann nur jetzt die Befreiungstheologie tatsächlich zu einer Welttheologie werden. Ich wage sogar zu sagen: solange die heutige triste Situation der Menschheit und der Erde mit so vielen Unterdrüchten fortdauert, wird die Befreiungstheologie, die Theologie der Zukunt sein.

Alle miteinander müssen wir uns um ein neues Paradigma bemühen, in dem Gaya leben kann und alle Geschöpfe ihren inneren Wert respektiert warden.

Theologisch gesehen stehen wir damit vor einer wahrlich weltökumenischen Herausforderung. Es geht um einen neuen natürlichen Bund mit der Erde, vergleichbar jenem Bund, den Gott nach der Katasphofe der Sintflut mit Noach geschlossen hat.

Dann statt des Schreis der Armen und der Erde wird der Freundenlärm des gemensamen Festes zu hören sein, das die Erlösten und Befreiten feiern, Menschen also, die nunmehr in ihrem Elternhaus, auf der guten, grossen, hochherzigen Mutter Erde daheim sind.

Schluß

                         Die Zukunft einer Gesellschaft von Freigelassenen

Ich wiederhole: solange noch in der Welt Hunger, Not, Ungerechigkeit, Agression gegen die Menschen und gegen die Muter Erde grassiert, wird es eine theologische Reflexion geben,welche aus dem Einsatz gegen diese Antirealität ensteht, die dann sich als Befreingstheologie angeben kann. Ohne die Inteligenz des Herzens, ohne Sensibilität und Mitleid hat kaum Sinn weder von der Befreiung noch von Befreiunstheologie zu reden.

Kein Traum ist gross genug. Es gibt allzu kleine Träume, die sich als grosse angeben, wie in dieser Zeit des herrschenden Konsumismus und des wirschatlichen Weltmarktes der Fall ist. Deswegen gibt es so viele frustrierte oder resignierte Menschen. Aus den Blickwinkel der Armen und der Gedemütigten der Erde wagt das befreiende Christentum einen Traum vorszustellen: der Traum von einer möglichen realen Gesellschaft von Freigelassenen, die sich als Brüder und Schwester verstehen und gegenseitig freudig annehmen.

Aus dem Staub der alten Sternen sind wir entstanden, um zu leuchten und nicht um zu leiden. Deshalb wollen wir Strahlkraft entfalten.

Dies ist der Sin der Evolution und auch der Plan des Schöpfers.

Vielen Dank.

Leonardo Boff

Berlin am 27.November 2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gekreuzigten von heute und der Gekreuzigte von gestern

Der Großteil der Weltbevölkerung lebt heute unter dem Kreuz des Elends, des Hungers, der Wasserknappheit und der Arbeitslosigkeit. Auch die Natur wird gekreuzigt, verwüstet durch die industrielle Gier, die sich weigert, jegliche Grenzen zu akzeptieren. Mutter Erde wird gekreuzigt, ist so sehr erschöpft, dass sie ihr inneres Gleichgewicht verloren hat, was sich in der globalen Erwärmung zeigt.

Im religiösen und christlichen Verständnis wird Christus selbst in all diesen gekreuzigten Wesen als gegenwärtig gesehen. Indem er unsere menschliche und kosmische Realität annahm, leidet er mit allen Leidenden. Er blutet noch immer in unserem dezimierten Ökosystem und am verunreinigten Wasser. Die Inkarnation des Gottessohnes bildete eine geheimnisvolle Solidarität des Lebens und Geschicks mit allem, das Er auf sich nahm, mit unserer ganzen Menschheit und allem Licht und Schatten, das unser Menschsein mit sich bringt.

Im Markusevangelium, dem ältesten der Evangelien, lesen wir die schrecklichen Worte zu Jesu Tod. Von allen verlassen, oben am Kreuz, fühlt er sich auch vom Vater der Güte und der Barmherzigkeit verlassen. Jesus ruft:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus“ (Mk 15,34.37).

Jesus starb nicht so, wie wir alle sterben. Er starb ermordet in der zu damaliger Zeit demütigendsten Weise: ans Kreuz genagelt. Zwischen Himmel und Erde hängend quälte er sich drei lange Stunden am Kreuz.

Die Ablehnung durch Menschen, die zu Jesu Kreuzigung hat führen können, kann nicht die Bedeutung wiedergeben, die Jesus Seinem Kreuzestod gab. Der Gekreuzigte definierte den Sinn Seiner Kreuzigung als Solidarität mit allen Gekreuzigten der Geschichte, die wie Er Opfer waren, sind und sein werden: von Gewalt und ungerechten sozialen Beziehungen, von Hass, von Demütigung der Niedrigen und der Ablehnung des angekündigten Reiches der Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit, des Mitgefühls und der bedingungslosen Liebe.

Trotz Seiner solidarischen Hingabe zu den Anderen und zu Seinem Vater durchfährt eine grausame und letzte Versuchung Seinen Geist. Der große Konflikt Jesu, in seiner Todesqual, ist jener mit Seinem Vater.

Der Vater, den Er in tiefer kindlicher Vertrautheit erfahren hatte, der Vater, den Er als barmherzig und voller Güte verkündigte, ein Vater mit den Zügen einer liebevollen und fürsorglichen Mütter, der Vater, dessen Königreich Er ausgerufen und in Seinen befreienden Handlungen vorangebracht hatte, dieser Vater scheint Ihn nun verlassen zu haben.

Jesus geht durch die Hölle der Abwesenheit Gottes.

Um die dritte Nachmittagsstunde, Minuten vor seinem tragischen Ende, rief Jesus mit lauter Stimme: “Eloi, Eloi, lama sabachtani: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus hat fast alle Hoffnung verloren. Aus der tiefsten Leere Seines Geistes steigt eine schreckliche Infragestellung auf, welche die verblüffendste Versuchung schafft, die Menschen je erlitten, und nun auch Jesus, die Versuchung der Verzweiflung. Jesus fragt sich selbst:

„Könnte es sein, dass mein Glaube absurd war? Ist der Kampf, den die Unterdrückten und Gott führen, sinnlos? War alles vergeblich: die Risiken, die ich einging; die Verfolgungen, die ich ertrug; der demütigende religionsrechtliche Prozess, in dem ich zur Höchststrafe verurteilt wurde: die Kreuzigung, die ich nun erleide?“

Jesus findet Sich selbst nackt, machtlos, völlig leer vor dem Vater, der schweigt und dessen Schweigen Sein ganzes Mysterium enthüllt. Er hat keinen mehr, an den Er sich halten kann.

Nach menschlichen Kriterien beurteilt ist Jesus auf ganzer Linie gescheitert. Seine innere Sicherheit verschwindet. Doch selbst in der am Horizont untergehenden Sonne hält Jesus am Vertrauen in den Vater fest. Aus diesem Grund ruft er laut: „Mein Vater, mein Vater…“ Auf dem Höhepunkt Seiner Verzweiflung begibt sich Jesus selbst in das wahrhafte namenlose Mysterium. Dies wird Seine einzige Hoffnung jenseits jeglicher Sicherheit sein. Durch Sich selbst hat Er keine Stütze mehr, nur durch Gott, der sich verbirgt. Die absolute Hoffnung Jesu kann nur in der Annahme Seiner völligen Verzweiflung verstanden werden. Wo Hoffnungslosigkeit überfließt, war Hoffnung im Überfluss vorhanden.

Die Größe Jesus bestand im Ertragen und Überwinden dieser fürchterlichen Versuchung. Diese Versuchung führte Ihn zu einer totalen Hingabe zu Gott, einer bedingungslosen Solidarität mit Seinen Brüdern und Schwestern, die ebenfalls im Lauf der Geschichte hoffnungslos waren und gekreuzigt wurden, eine völlige Veräußerung Seiner selbst, ein absolutes Aus-sich-Heraustreten hin zu den Anderen. Der Tod ist nur auf diese Weise Tod und kann nur so komplett sein: die perfekte Hingabe zu Gott und zu den leidenden Söhnen und Töchtern Gottes, die Geringsten Seiner Brüder und Schwestern.

Die letzten Worte Jesu machen Seine Hingabe deutlich, weder als resigniert oder schicksalsergeben, sondern frei: “Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist” (Lk 23,46). „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30).

Der Karfreitag setzt sich fort, doch er hat nicht das letzte Wort. Die Auferstehung als das Aufkommen des neuen Seins ist die große Antwort des Vaters und Sein Versprechen für uns alle.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Leonardo Boff
Theologe und Philosoph
Erdcharta Kommission

 

Globalisierung oder Planetisierung?

Es gibt aktuell einen starken Widerstand gegenüber dem Prozess der Globalisierung, der durch Donald Trump verstärkt wird, der mit Macht die Idee des „Die Vereinigten Staaten zuerst“ oder besser „Nur die Vereinigten Staaten“ vorantrieb. Trump unterstützt den Krieg gegen globale Unternehmen zugunsten derer, die nur innerhalb der USA arbeiten.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei um einen Kampf gegen die gigantischen finanzökonomischen Konglomerate handelt, die einen großen Teil des weltweiten Reichtums in den Händen einer sehr kleinen Anzahl von Personen kontrollieren. Joseph Stiglitz, dem Nobelpreisträger von 2001 für Ökonomie, zufolge haben wir 1 % Multimillionäre, die 99 % abhängiger oder verarmter Personen gegenüber steht.

Diese Art von Globalisierung trägt einen finanzökonomischen Charakterzug, der an Dinosaurier erinnert, Edgar Morin zufolge die Eisenzeit der Globalisierung. Doch Globalisierung ist mehr als nur Ökonomie. Es geht um einen irreversiblen Prozess, einen neuen Entwicklungsstatus der Erde, der zu dem Zeitpunkt begann, als wir sie vom Blick von außen entdeckten, als die Astronauten sie uns von ihrem Raumschiff aus zeigten. Da wurde klar, dass Erde und Menschheit eine einzigartige komplexe Einheit bilden.

Der Augenzeugenbericht des nordamerikanischen Astronauten John W. Young auf der fünften Reise zum Mond am 16. April 1972 ist eindrucksvoll: „Da unten ist die Erde, der blaue und weiße Planet, unglaublich schön, strahlend, die Heimat der Menschheit. Von hier aus gesehen würde der Mond in meine Handfläche passen. Aus dieser Perspektive gibt es weder Weiße noch Schwarze auf der Erde, keine Trennung zwischen Ost und West, Kommunisten und Kapitalisten, Nord und Süd. Gemeinsam bilden wir eine einzige Erde. Wir müssen lernen, diesen Planeten zu lieben, dessen Teil wir sind.“

Aus dieser Erfahrung werden die Worte von Pierre Teilhard de Chardin von 1933 prophetisch und provokativ: „Das Zeitalter der Nationen ist vorüber. Wenn wir nicht sterben wollen, ist dies der Augenblick, die alten Vorurteile über Bord zu werfen und die Erde zu bilden. Die Erde wird ihrer selbst bewusst sein durch kein anderes Mittel als durch eine Krise aus Konversion und Transformation.“ Diese Krise ist in unsere Köpfe eingedrungen: Jetzt sind wir für das einzige Gemeinsame Heim, das wir besitzen, verantwortlich. Und wir haben die Mittel unserer eigenen Selbstzerstörung erfunden, was unsere Verantwortung für den ganzen Planeten nur noch verstärkt.

Wenn wir genauer hinsehen, entstand dieses Bewusstsein früh im 16. Jahrhundert, genau genommen im Jahr 1521 als Ferdinand Magellan zum ersten Mal den Globus umrundete und bewies damit empirisch, dass die Erde rund ist und dass wir überall hin kommen können, unabhängig davon, an welchem Ort wir uns befinden.

Die Globalisierung nahm mit der Verwestlichung der Welt Form an. Europa begann das koloniale und imperialistische Abenteuer von Eroberung und Beherrschung aller entdeckten und noch zu entdeckenden Länder, indem es sie den Interessen Europas zu Diensten mache, wie der Wille zur Macht zeigte, den man gut übersetzen kann mit dem Willen zu unbegrenzter Bereicherung, der Durchsetzung der Weißen Kultur, seiner politischen Institutionen und seiner christlichen Religion.

Aus der Sichtweise der Opfer dieser Entwicklung wurde dieses Abenteuer gewalttätig durchgeführt, was zu großen Vernichtungen von Völkern, Ethnien und der Umwelt führte. Dieses Abenteuer war ein Trauma und eine Tragödie für die Mehrheit der Völker, und dessen Konsequenzen sind noch heute zu spüren, selbst unter denen, die die Kolonialmacht stellten, die Sklaverei einführten und zur Unterwefung unter die großen imperialistischen Mächte zwangen.

Wir müssen nun die positive und essentielle Bedeutung des Begriffs Planetisierung sicherstellen, ein Wort, das besser ist als „Globalisierung“ wegen seinen ökonomischen Konnotationen. Am 22. April 2009 machten die Vereinten Nationen die Nomenklatur Mutter Erde offiziell, um ihr die Konnotation etwas Lebendigen zu verleihen, das respektiert werden und verehrt werden muss wie eine Mutter. Papst Franziskus benutzte den Ausdruck Gemeinsames Haus, um die tiefe Verbundenheit der Menschen herauszustreichen, die den gemeinsamen Platz bewohnen.

Dieser Moment ist ein Schritt nach vorn im Prozess der Geo-Genese. Wir können nicht zurückgehen mit einem verringerten Bewusstsein und uns abschotten wie Donald Trump vorgibt, innerhalb unserer nationalen Grenzen. Wir müssen uns selbst für diesen neuen Schritt vorbereiten, den die Erde gegeben hat, dieser lebendige Super-Organismus, gemäß der Gaia-These. Wir sind das Momentum von Bewusstsein und Intelligenz auf der Erde. Wir sind die Erde, die fühlt, denkt, liebt, Achtsamkeit pflegt und verehrt. Wir sind die einzigen Wesen der Natur, deren ethische Mission darin besteht, sich um dieses geheiligte Erbe zu kümmern, zu sichern, dass es ein bewohnbarer Ort für uns alle bleibt und für die ganze Gemeinschaft der Lebewesen.

Wir sind noch nicht aufgestanden, um diesem Ruf der Erde zu folgen. Daher müssen wir jetzt aufwachen und diese edle Berufung annehmen, an dieser Planetisierung mitzuwirken.

Leonardo Boff
07.04.2017