Eine Ethik für Mutter Erde

Es ist eine wissenschaftlich anerkannte Tatsache, dass zu 95%iger Wahrscheinlichkeit der Klimawandel, der sich vor allem in der globalen Erwärmung ausdrückt, auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen ist. D. h. die Herkunft dieser Veränderungen liegt in gewalttätigem menschlichen Verhalten gegenüber der Natur. Ein solches Verhalten befindet sich nicht in Harmonie mit den Zyklen und Rhythmen der Natur. Die Menschen passen sich nicht der Natur an, sondern zwingen diese, sich den Menschen und ihren Interessen anzupassen. Ihr Hauptinteresse, das nun seit zwei Jahrhunderten dominiert, dreht sich um die Anhäufung von Reichtum und Vorteile für den Lebensstandard einiger Weniger, beginnend bei der systematischen Ausbeutung von Gütern und Dienstleistungen und vieler Völker, vor allem der indigenen Völker.

Die Staaten, die diesen Prozess anführen, gaben den Grenzen des Erdsystems nicht die angemessene Bedeutung. Sie unterwerfen noch immer Natur und Erde einem wahren Krieg, obwohl sie wissen, dass sie besiegt sein werden.

Mutter Erde äußert sich auf den Druck, der auf ihre vorgegebenen Grenzen ausgeübt wird, durch extreme Ereignisse (verlängerte Trockenperioden einerseits und zerstörerische Überflutungen andererseits, unvorhergesehene Schneestürme hier und unerträgliche Hitzewellen dort).

Angesichts solcher Ereignisse wurde die Erde zu einem deutlichen Gegenstand menschlicher Sorge.

Die diversen Klima-Konferenzen, die von der UNO organisiert wurden, erreichten niemals eine Übereinstimmung. Lediglich die Konferenz von Paris 21 (30.11.-13.12.2015) erreichte erstmalig einen Minimal-Konsens, der von allen unternommen wurde: die globale Erwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken.

Bedauerlicherweise ist dieses Abkommen nicht bindend. Jeder Staat kann sich ihm anschließen, aber es ist nicht von zwingender Natur, wie sich im Nordamerikanischen Kongress zeigte, der die ökologischen Maßnahmen des Präsidenten Barack Obama rückgängig machte. Nun bezichtigt Präsident Donald Trump diese als sinnlos und betrügerisch.

Es wird immer klarer, dass es eher um eine ethische denn um eine wissenschaftliche Frage geht. D. h. die Qualität unseres Verhältnisses zur Natur und zu unserem Gemeinsamen Haus war und ist nicht adäquat. Tatsächlich ist es zerstörerisch.

Ich zitiere Papst Franziskus aus seiner inspirierenden Enzyklika Laudato Si von 2015 zum Thema Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus: „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten.Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt.“ (Nr. 53)

Wir brauchen dringend eine regenerative Ethik für die Erde, die ihre beschädigte Vitalität wiederherstellt, sodass sie uns weiterhin geben mag, was sie uns schon immer gab. Dabei muss es sich um eine Ethik der Achtsamkeit handeln, des Respekts für ihre Rhythmen und der gemeinsamen Verantwortung.

Doch eine Ethik für die Erde ist nicht ausreichend. Sie muss mit Spiritualität einhergehen.

Diese Spiritualität wurzelt in der Vernunft des Herzens und der Empfindsamkeit. Von dort kommt die Leidenschaft für Achtsamkeit und einer ernsthaften Hingabe zur Liebe, zur Übernahme von Verantwortung und zu Mitgefühl für unser Gemeinsames Haus, wie es am Ende der Enzyklika von Franziskus, dem Bischof Roms, ausgedrückt wird.

Der bekannte und allgemein bewunderte Antoine de Saint-Exupéry bekräftigt nachdrücklich in einem posthum veröffentlichten, 1943 geschriebenen Text „Brief an General X“: „Es gibt ein Problem und nur dies eine: zu entdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, das sogar über dem Leben der Intelligenz steht. Es ist das einzige, das den Menschen zufriedenstellen kann“ (Macondo Libri 2015, S. 31).

In einem anderen Text von 1936, als er Korrespondent des Paris Soir während des spanischen Bürgerkriegs war und der den Titel trägt „Es ist wichtig, dem Leben Bedeutung zu geben“, kommt Saint-Exupéry auf das Leben des Geistes zurück. Hier bekräftigt er: „Der Mensch verwirklicht sich nur in Gemeinschaft mit anderen Menschen, in Liebe und Freundschaft. Jedoch vereinen die Menschen sich nicht nur, indem sie einander nahe stehen, sondern durch ihren Zusammenschluss in derselben Gottheit. In einer Welt, die zur Wüste gemacht wurde, dürsten wir danach, Kum-panen zu finden, Kameraden, mit denen wir das Brot teilen können“ (Macondo Libri, S. 20).

Am Ende des Briefs an den General X schließt er mit den Worten: „Oh, wie sehr brauchen wir einen Gott!“ (a.a.O. S. 36).

In der Tat verleiht nur das Leben des Geistes dem Menschen die Fülle. Dies ist eine schöne Synthese von Spiritualität, die oft mit Religiosität identifiziert oder verwechselt wird. Das Leben des Geistes ist mehr. Es ist eine ursprüngliche und anthropologische Wirklichkeit wie die Intelligenz und die Willenskraft. Es ist etwas, das zu unserer essentiellsten Tiefe gehört

Wir wissen, wie wir uns um das Leben des Körpers zu kümmern haben. Dies ist inzwischen ein wahres Kulturphänomen, mithilfe so zahlreicher sportlicher Fitness-Center. Psychoanalytiker verschiedener Strömungen helfen uns, uns um das Leben der Seele zu kümmern, ein Leben relativen Gleichgewichts ohne Neurosen oder Depressionen zu führen.

Doch unsere kulturelle Praxis vergisst, das Leben des Geistes zu pflegen, d. h. unsere radikalste Dimension. Es ist der Ort, an dem die großen Lebensfragen, die waghalsigsten Träume verweilen und wo die größten Utopien entstehen. Das Leben des Geistes wird genährt durch Mitgefühl, Achtsamkeit und Offenheit für das Unendliche. Ohne das Leben des Geistes irren wir ziellos umher und ohne eine Richtung, die uns leitet und das Leben einladend und dankbar gestaltet.

Eine Ethik für die Erde ist nicht selbsterhaltend, nicht ohne den Zusatz der Seele, d. h. das Leben des Geistes. Es lässt uns fühlen, dass wir ein Teil von Mutter Erde sind, der wir Liebe und Achtsamkeit schulden.

Leonardo Boff  Theologe, Philosoph und von derErdcharta Kommission

 

 

“Er war immer eine feine Person” – Der Befreiungstheologe Leonardo Boff zu Papst Benedikt XVI.

Von Thomas Milz (KNA=Katholische Nachrichten Agentur). Dentro de pouco o Papa Bento XVI fará seus 90 snos de vida. Muitos teólogos e personalidades estão dando suas opiniões sobre esta figura que ocupou uma posição decisiva em Roma, primeiro como Prefeito da Congregação para a Doutrina da Fé e depois como Papa. Para além das diferenças que ambos tivemos, nunca deixei de admirá-lo como pessoa extremamente fina e uma inteligência soberana. Não pudemos cultivar a amizade que alimentávamos um dia, pelas diferentes instâncias que ocupávamos na Igreja: ele como uma autoridade doutrinária e eu um teólogo nas bases da Igreja. Nem por isso, deixei de desejar-lhe o  melhor neste seu entardecer da vida, ainda com lucidez e com produção teológica. Sou-lhe grato pelo serviço que prestou à inteligência da fé. O último juizo de tudo pertence a Deus e não a nós humanos. Que Deus o acompanhe nesta sua etapa derradeira da vida. LBoff. Aqui vai a entrevista que dei em alemão ao jornalista Thomas Milz no Rio de janeiro no dia 4 de abril de 2017.

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Rio de Janeiro (KNA) Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff (78) hatte als Student eine enge Beziehung zu seinem Mentor Joseph Ratzinger. Anfang der 80er Jahre erteilte ihm die von Ratzinger geleitete Glaubenskongregation jedoch ein Lehrverbot. In Rio äußert sich Boff nun im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zum 90. Geburtstag von Ratzinger/Papst Benedikt XVI. und dessen Nachfolger Papst Franziskus.

KNA: Herr Boff, wie würden Sie Ihre Beziehung zum damaligen Kardinal Joseph Ratzinger beschreiben?
Boff: Es gibt zwei Phasen in meiner Beziehung zu ihm. In der ersten Phase war er ein bekannter und sehr intelligenter Professor. Er war immer eine feine Person, und ich habe als Student in München etliche Vorträge von ihm gehört. Später haben wir gemeinsam an der Theologiezeitschrift “Concilium” gearbeitet. Alle machten da stets eine Siesta, er aber nicht. Da hat er mich zu Spaziergängen eingeladen, bei denen wir über Theologie und über die Situation Lateinamerikas redeten. Wir waren tatsächlich befreundet. Derart, dass er für meine Doktorarbeit, die niemand veröffentlichen wollte, einen Verleger fand. Zudem hat er mir 14.000 DM für die Veröffentlichung gegeben. Im Vorwort habe ich mich dafür bei ihm bedankt. Das ist die erste Phase.

KNA: Dann kam aber der Bruch.
Boff: Ich habe ihn immer geschätzt als Theologen, er war eine feine Person. Aber die zweite Phase als Präfekt der Glaubenskongregation ist ein bisschen umstritten, weil er mich zu sich zitierte. Ich musste mich auf denselben Stuhl setzen, auf dem zuvor Galileo Galilei (1564-1642) und Giordano Bruno (1548-1600) gesessen hatten. Das war ein richtiger kanonischer, juristisch-doktrinärer Prozess. Es ging um mein Buch “Kirche: Charisma und Macht”. Ich habe “und” geschrieben, nicht “oder”. Charisma UND Macht, beides zusammen. Ratzinger fand, dass meine Art zu schreiben eher protestantisch als katholisch sei. Ich hatte ein bisschen Kritik geübt an der internen Praxis der Kirche. Es ging also nicht um unterschiedliche Lehren, sondern um meine allzu kritische Haltung gegenüber der Kirche.
Ich habe ihn trotzdem immer als Person und als Theologe geschätzt, denn ich habe verstanden, dass er nach der Logik der Glaubenskongregation verdammt war, mich zu zensieren. Jedes Mal wenn Journalisten Herrn Ratzinger später fragten, wie es mit Boff stehe, sagte er meist: Boff ist ein frommer Theologe. Und er wird eines Tages wieder zurückkommen zur guten Lehre der Kirche.

KNA: Was wünschen Sie ihm zu seinem 90. Geburtstag?
Boff: Zu seinen 90 Jahren wünsche ich ihm noch Gesundheit, Klarheit des Geistes, dass er stets ein Zeugnis der Treue, des Dienstes an der Kirche und an der Menschheit ist. Er musste aufgeben aufgrund des starken Drucks von Seiten der Amtskirche. Aber er ist stets ehrlich, und deswegen schätze ich ihn. Ich hoffe, dass er weiter Papst Franziskus unterstützt, wie er es immer getan hat. Wenn ich Papst Franziskus einmal treffen werde – er hat mich ja schon eingeladen – möchte ich auch Kardinal Ratzinger, den Papst Benedikt XVI., umarmen, um eine Art Versöhnung zu erreichen. Ich wünsche ihm, dass er weiterlebt und -denkt, um weiterhin ein Zeugnis des Glaubens abzugeben.

KNA: Gab es denn jemals eine Aussprache mit ihm?
Boff: Nein, nach dem Prozess habe ich ihn nie wieder getroffen. Ab und zu hat er mich kritisiert, aber das waren theologische Fragen. Er hat immer darauf bestanden, dass die katholische Kirche die einzige Kirche Christi sei. Ich aber sagte, dass die Kirche Christi konkret in der katholischen Kirche existiert, aber auch in den anderen. Denn auch sie stehen im Erbe Jesu Christi. Darüber ging unsere Diskussion, und dagegen hat er angeschrieben, wie im Jahr 2000 in der Erklärung “Dominus Iesus” (Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche). Aber trotz allem hat er immer seine Eleganz, seine Fairness bewahrt.

KNA: Welche Veränderungen sind nun unter Franziskus spürbar?
Boff: Vieles ist anders geworden. Denn er ist nun mal kein europäischer Papst, sondern kommt aus der Peripherie – aus der kolonialisierten Kirche, die ein anderes soziales und kirchliches Milieu hat. Es ist eine Kirche, die an sozialer Gerechtigkeit sehr interessiert ist und die die Option für die Armen ernstgenommen hat. Diese Vision hat Franziskus ins Zentrum der Kirche gebracht. Daher betont er stets, dass wir die zwei Schreie hören müssen: den Schrei der Armen und den Schrei der Erde. Seine Enzyklika betont ja, dass wir diese beiden Schreie zusammen hören müssen – denn beide werden unterdrückt und müssen befreit werden. In diesem Sinne hat er eine andere Atmosphäre gebracht, mehr Hoffnung, mehr Einfachheit und nicht so sehr Lehre und Disziplin. Eher ein Zusammentreffen mit Jesus.
Dazu kommt das Thema Barmherzigkeit. Er hat einen Satz gesagt, der uns Theologen zum Nachdenken bringt: Es gibt keine immerwährende Verdammung. Es gibt die Gottesgerechtigkeit, aber sie wird durch die Barmherzigkeit überwunden. Das bringt eine Erleichterung für so viele Christen, die Angst vor der Hölle haben. Der Papst hat diese neue Atmosphäre gebracht – fast eine Frühlingsatmosphäre.

KNA: Gleichzeitig leben wir in einer Welt voller Konflikte, die auch religiöse Elemente haben. Was kann Papst Franziskus dabei bewirken?
Boff: Papst Franziskus hat ein religiöses und zugleich politisches Profil. Religiös im Sinne seiner Offenheit, die Kirche als eine Art Kriegslazarett anzusehen: offen für alle Verwundete, egal ob Muslim oder Christ. Politisch gesehen setzt er sich ständig für Dialog und Frieden ein. Er ist damit ein Referenzpunkt für die Politik. Es gibt einen Mangel an Propheten, an profilierten Personen, die für die Welt sprechen können. Neben dem Dalai Lama ist Franziskus eine der Personen, die Licht in die Welt bringen.

KNA: Trotzdem – wir erleben große Gegensätze, der Papst sagt sogar, dass wir vielleicht vor dem Dritten Weltkrieg stehen.
Boff: Wir sind in einer Übergangsphase, von einer alten Welt in eine neue mit planetarischem Bewusstsein. Wir sehen, dass wir nur ein einziges, gemeinsames Haus haben und dass wir alle gemeinsam dafür verantwortlich sind. Die Umweltenzyklika “Laudato si” ist in diesem Sinne geschrieben, um diese Mutter Erde zu bewahren. Die Enzyklika richtet sich an alle Welt mit der Botschaft: Wenn wir zusammenstehen, können wir das Schlimmste verhindern.
Hinweis: Fotos finden Sie in der KNA-Bilddatenbank auf http://www.kna-bild.de oder direkt hier

http://kna-bild.de/paket/170407-89-00044

Gibt es außerirdisches Leben?

Wissenschaftler der NASA haben einen Stern im Trappist-1 System entdeckt, 39 Lichtjahre von der Erde entfernt. Er besitzt sieben Gesteinsplaneten, von denen es bei dreien möglich wäre, dass es auch Wasser auf ihnen und folglich Leben gibt. Diese Entdeckung warf wieder die Frage nach der Möglichkeit der Existenz außerirdischen Lebens auf.

Wir wollen über dieses Thema nachdenken und stützen uns dabei auf berühmte Kenner dieses Gebiets.

Durch die Erdwissenschaften und das Wissen, das wir der neuen Kosmologie verdanken, sind wir es gewohnt, all diese Fragen in den Rahmen der großen kosmischen Evolution zu stellen. Alles befindet sich in einem Entstehungsprozess, der die Voraussetzung für das Aufkommen von Leben ist.

Leben wird als die komplexeste und mysteriöseste Realität des Universums erachtet. Fakt ist, dass sich in einem Ozean oder einem urzeitlichen Sumpfland, unter dem Einfluss unvorstellbarer Stürme von Strahlen und kosmischen Elementen der Sonne, interagierend mit der Geochemie der Erde, bis zu einem Zeitpunkt vor ca. 3,8 Milliarden Jahren die extreme Komplexität unbelebter Formen entwickelte. Dann wurde plötzlich eine Grenze überschritten: ca. 20 Aminosäuren und vier Phosphatbasen entstanden. Wie ein großer Blitzschlag auf dem Meer oder Sumpf entstand das erste Lebewesen.

Wie ein Quantensprung in unserer gekrümmten Raumzeit, in einem Winkel unserer durchschnittlichen Galaxie, in einer sekundären Sonne, auf einem unbedeutenden Planeten von durchschnittlicher Größe, der Erde, entstand das große Novum: das Leben. Die Erde ging durch 15 gewaltige Phasen der Vernichtung, doch als wäre es selbst eine Plage, ließ das Leben sich nie erlöschen.

Wir wollen kurz Rückschau auf die innere Logik halten, die es dazu kommen ließ, dass das Leben entstand. Die Materie und Energie des Universums neigen dazu, in dem Maß, wie sie sich weiter ausbreiten, immer komplexer zu werden. Jedes System befindet sich in einer Reihe von Wechselwirkungen, einem Tanz wechselseitigen Austauschs von Materie und Energie in einem ständigen Dialog mit ihrer Umgebung und stetem Speichern von Informationen.

Biologen und Biochemiker wie Ilya Prigogine (Chemienobelpreis 1977) bekräftigen, dass es eine Verbindung zwischen lebenden und unbeweglichen Wesen gibt. Um das Entstehen des Lebens zu erklären, brauchen wir nicht auf transzendente oder externe Prinzipien zurückzugreifen, so wie Religionen und die klassische Kosmologie es oft handhaben. Es reicht, dass das universelle Prinzip, einschließlich das des Lebens (genannt kosmogenetisches Prinzip) der Komplexität, der Selbstorganisation und Selbstschaffung in der embrionalen Form gegenwärtig war, in diesem winzig kleinsten Punkt, der aus der Grundenergie auftauchte und später explodierte. Einer der besten heutigen Physiker, Amit Goswami, hält an der These fest, dass das Universum mathematisch inkonsistent ist, gäbe es kein höheres, ordnendes Prinzip, keinen Gott. Darum besitzt das Universum seiner Meinung nach ein Selbst-Bewusstsein (The self aware universe, 1998).

Die Erde hat keinen alleinigen Anspruch hat das Privileg des Lebens. Laut Christian de Duve (Biologie-Nobelpreis 1974) gibt es „so viele lebende Planeten im Universum wie Planeten in der Lage sind, Leben zu generieren und zu erhalten. Eine konservative Schätzung geht von einer Anzahl in Höhe einer Milliarde aus. Milliarden von Biosphären füllen das Weltall mit Milliarden von Planeten, die Materie und Energie in den schöpferischen Evolutionsprozess leiten. In welche Richtung wir auch blicken, überall im All ist Leben (…). Das Universum ist kein regloser Kosmos der Physik mit einer vorsorglichen Prise Leben. Das Universum ist Leben, das von den dafür notwendigen Strukturen umgeben ist“ (Vital Dust: Life as a Cosmic Imperative, 1996, S. 383).

Der Astronomie ist zu verdanken, dass sie in einem Millimeter-Bündel eine Gruppe von Molekülen identifizierte, in denen sich alles finden lässt, das notwendig ist, um den Prozess der biologischen Synthese zu starten (Longair, M., „The origins of our universe“, Rio de Janeiro, 1994, 65-66). In Meteoriten wurden Aminosäuren gefunden. Diese sind gewiss die Träger der Ur-Bakterie des Lebens. Vermutlich gab es mehrere Lebens-Beginne, von denen viele scheiterten, bis das Leben sich endgültig etablieren konnte.

Man nimmt an, dass die unterschiedlichsten Lebensformen auf nur eine einzige ursprüngliche Bakterie zurückzuführen sind (O. E. Wilson, The diversity of life, 1994). Mit den Säugetieren kam es zu einer neuen Eigenschaft des Lebens: emotionale Vernunft und Achtsamkeit. Unter den Säugetieren stachen vor ca. 70 Millionen Jahren die Primaten heraus; dann, vor ca. 35 Millionen Jahren, waren es die höheren Primaten, unsere genealogischen Großeltern, und vor ca. 17 Millionen Jahren unsere Vorgänger, die Hominiden. Vor 8-10 Millionen Jahren tauchte der Mensch, der Australopithecus, in Afrika auf. Schließlich erschien vor ungefähr 100.000 Jahren der Homo sapiens-sapiens/demens-demens, dessen direkte Nachfahren wir sind (Hubert Reeves u. a. „The most beautiful story in the world“, 1998).

Das Leben ist kein Zufallsprodukt (im Gegensatz zu Jacques Monod in „Zufall und Notwendigkeit“, 1979). Biochemiker und Molekularbiologen haben mithilfe von zufallsgenerierenden Computerprogrammen die mathematische Unmöglichkeit von Zufall gezeigt. Es bräuchte Milliarden von Milliarden von Jahren, damit die Aminosäuren und die zweitausend zugrunde liegenden Enzyme einander nahe genug kommen könnten, um eine lebendige Zellen zu bilden, also viel länger als 13,7 Milliarden Jahre, dem aktuellen Alter unseres Universums.

Der so-genannte Zufall ist ein Ausdruck unserer Unwissenheit. Wir vermuten, dass die voranschreitende Evolution mehr und mehr Leben produzieren wird, auch außerirdisches.

Leonardo Boff  Theologe und Philosoph und von der Erdcharta Kommission

Die Bedrohung der Menschheit durch zerstörerische Kriege

In Brasilien haben wir es mit einer großen sozialen Gewalt zu tun und einer der höchsten Ermordungsraten der Welt. Wir haben keinen Frieden, da es so viel Wut, Hass, Diskriminierung und eine perverse soziale Ungleichheit gibt.

Dennoch befinden wir uns damit am Rand der großen kriegerischen Konflikte, die in 40 Teilen der Welt vor sich gehen. Einige von ihnen sind eine wahre Bedrohung für die Zukunft der Menschheit. Wir erleben einen Kalten Krieg zwischen den USA, China und Russland. Und ein neues Wettrüsten hat begonnen, sei es in Russland oder in den Vereinigten Staaten mit Trump, um noch stärkere nukleare Waffen zu produzieren, als könnten die bisherigen nicht schon alles Leben auf dem Planeten zerstören.

Am schlimmsten ist, dass die hegemoniale Gewalt USA sich in einen Terrorstaat verwandelt hat, der als eine Art Auslandspolizei einen erbarmungslosen Krieg gegen alle Arten des Terrorismus führt: er fällt in Länder des Mittleren Ostens ein und zu Hause jagt er Einwanderer ohne gültige Papiere, nimmt Verdächtige fest ohne deren Grundrechte zu respektieren als Konsequenz des „Patriot Act“ eingeführt von George Bush Jr., der es ermöglicht, die Habeas-Corpus-Garantie aufzuheben, was Barack Obama hatte abschaffen wollen, es aber doch nicht tat.

Franziskus, der Bischof von Rom, sagte auf seinem Rückweg aus Polen am 12. Juli 2016 im Flugzeug: „Dies ist ein Interessenkrieg, ein Krieg für Geld, für Bodenschätze, ein Krieg, um das Volk zu beherrschen: Das ist der Krieg. Man könnte denken, ich spräche über Religionskriege. Nein. Religionen wollen Frieden. Andere wollen Krieg. Verstanden?“ Dies ist eine direkte Kritik an der aktuellen Weltordnung grenzenloser Anhäufung von Reichtum, die Krieg gegen die Erde und Ausbeutung schwächerer Völker bedeutet. Alle sprechen von Freiheit, doch ohne weltweite soziale Gerechtigkeit. Ironischerweise könnte man sagen: Dies ist die Freiheit von freien Füchsen in einem Stall freier Hühner.

Kommentatoren der aktuellen Weltlage, die nicht in unserer Presse zitiert werden, sprechen von der realen Gefahr eines Atomkriegs zwischen Russland und den Vereinigten Staaten oder zwischen China und den Vereinigten Staaten.

Trump ist, dem französischen Intellektuellen Bernard-Henri Lévy zufolge (O Globo 3/5/2016): „eine Katastrophe für die Vereinigten Staaten und für die Welt. Und er ist auch eine Bedrohung.“ Dieselbe Zeitung sagt über Putin: „Er ist eine ausdrückliche Bedrohung. Wir wissen, dass Putin Europa destabilisieren und die Krisen der Demokratien verstärken will, und er unterstützt und finanziert alle politischen Parteien der extremen Rechten. Wir wissen auch, dass überall, wo es Kämpfe zwischen Barbarei und Zivilisation gibt, wie in Syrien und in der Ukraine, Putin auf der falschen Seite steht. Er ist eine wahre und große Bedrohung.“

Moniz Sodres wunderbarem Buch „World Disorder“ zufolge möchte Putin Rache nehmen für die Demütigung seines Landes durch den Westen und die Vereinigten Staaten am Ende des Kalten Krieges. Er nährt ganz klar expansionistische Vorwände, nicht im Sinne von Wiederherstellung der alten UdSSR, sondern der Wiederherstellung der Grenzen des historischen Russlands. Das Risiko einer atomaren Konfrontation mit dem Westen wird dabei nicht ausgeschlossen.

Wir verlieren die Warnungen der großen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts aus dem Blick, wie die von Bertrand Russell und Albert Einstein vom 10. Juli 1955, denen sich einige Tage später, am 15. Juli 1955 achtzehn weitere Nobelpreisträger anschlossen, u. a. Otto Hahn und Werner Heisenberg, wo es heißt: „Wir sehen voll Schrecken, dass diese Art von nuklearer Wissenschaft der Menschheit die Instrumente für ihre eigene Zerstörung in die Hände legte.“ Dasselbe bekräftigten mehrere Nobelpreisträger in Rio92.

Damals hielt man die Lage für ernst, heute ist sie bereits dramatisch, da es neben atomaren Waffen nun auch chemische und biologische Waffen zur Dezimierung der menschlichen Spezies gibt.

Manche Analysten der Weltkonflikte vermuten, dass die nächste Stufe des Terrorismus sich nicht mehr mit Bomben und Selbstmordattentaten abgeben wird, sondern mit chemischen und biologischen Waffen, u. a. solchen, die Gaddafi hinterlassen hat.

An der Wurzel dieses gewalttätigen Systems liegt das westliche Paradigma des Willens zur Macht, d. h. eine Organisationsweise der Gesellschaft und des Verhältnisses zur Natur auf der Grundlage von Macht, Gewalt und Unterwerfung. Dieses Paradigma stellt Konkurrenz über Solidarität. Anstatt die Bürger zu Partnern zu machen, macht dieses Paradigma sie zu Rivalen.

Die Antwort auf dieses Paradigma der Faust ist die ausgestreckte Hand als ein Bündnis, um das Leben zu retten. Anstelle von Machtherrschaft sollte Achtsamkeit vorherrschen. Sie gehört zur Grundlage des menschlichen Wesens und jeden Lebewesens. Entweder gehen wir diesen Schritt oder wir werden zu Zeugen dramatischer Szenen, der Frucht der Irrationalität und der Arroganz der Staatsoberhäupter und ihrer Scharfmacher.

Leonardo Boff Theologe und Philosoph von der Erdcharta Kommission