Das in Gaza verweigerte Mindestmaß an Kommensalität

Leonardo Boff

Wir alle sind Zeugen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit geworden, das Netanjahus Israel begeht, indem es Millionen Palästinensern im Gazastreifen Nahrung und Wasser verweigert: Kinder sterben, Frauen verhungern auf der Straße. Schlimmer noch: 1.200 Menschen wurden getötet, als sie versuchten, mit ihren eigenen Booten an Lebensmittel zu gelangen. Hunderte von ihnen wurden wahllos erschossen, als ob sie auf ein Ziel schossen, während sie sich zusammendrängten, um etwas zu essen zu bekommen.

Dennoch möchten wir, getreu den utopischen Traditionen der Menschheit, über Kommensalität sprechen, eine Kommensalität, die den Menschen in Gaza völlig verwehrt bleibt. Kommensalität bedeutet, gemeinsam zu essen und zu trinken, denn gerade dabei feiern die Menschen die Freude am Leben und Zusammenleben am meisten.

Wir leben jedoch in einer geplagten Welt, in der mehr als 700 Millionen Menschen Hunger leiden und mehr als eine Milliarde Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden, eineinhalb Milliarden Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser haben und zwei Milliarden Menschen kein aufbereitetes Wasser.

Kommensalität ist so zentral, dass sie mit dem Wesen des Menschen als Menschen eng verbunden ist. Vor sieben Millionen Jahren begann die langsame und fortschreitende Trennung zwischen höheren Affen und Menschen, ausgehend von einem gemeinsamen Vorfahren. Die Besonderheit des Menschen entstand auf mysteriöse Weise und ist historisch nur schwer zu rekonstruieren. Doch Ethnobiologen und Archäologen weisen uns auf eine einzigartige Tatsache hin. Als unsere menschenähnlichen Vorfahren auszogen, um Früchte, Samen, Wild und Fisch zu sammeln, aßen sie nicht einzeln, was sie auftreiben konnten. Sie nahmen die Nahrung und brachten sie zur Gruppe. Und dann praktizierten sie Kommensalität: Sie verteilten sie unter sich und aßen in Gruppen und gemeinschaftlich (E. Morin, L’identité humaine, Paris 2001).

Daher war es die Kommensalität, die Solidarität und Kooperation zwischen Individuen voraussetzt, die den ersten Sprung vom Tierischen zum Menschlichen ermöglichte. Es war zwar nur ein erster, aber ein entscheidender Schritt, denn er legte die grundlegenden Merkmale der menschlichen Spezies fest, die sie von anderen komplexen Arten unterscheidet (zwischen Schimpansen und uns besteht nur ein genetischer Unterschied von 1,6 %): Kommensalität, Solidarität und Kooperation. Doch dieser kleine Unterschied macht den entscheidenden Unterschied.

Was gestern galt, gilt auch heute noch. Wir müssen dringend diese Gemeinschaftlichkeit zurückgewinnen, die uns einst zu Menschen machte und die uns heute wieder zu Menschen machen muss. Und wenn sie nicht vorhanden ist, werden wir unmenschlich, grausam und gnadenlos. Ist das nicht bedauerlicherweise die Situation der Menschheit heute?

Über die Kommensalität hinaus wird unser Menschsein durch die grammatische Sprache vervollständigt. Der Mensch ist das einzige Wesen mit einer „doppelt artikulierten“ Sprache, die aus Wörtern und Bedeutungen besteht, die beide grammatischen Regeln unterliegen. Wir grunzen nicht. Wir sprechen. Sprache ermöglicht es uns, die Welt und unser eigenes inneres Universum, unsere Vorstellungskraft und unser Denken zu ordnen. Sprache ist eines der sozialsten Elemente überhaupt, denn ihre Natur ist sozial und ihre Entstehung setzte menschliche Sozialität voraus (vgl. H. Maturana und F. Varela, Der Baum der Erkenntnis, Campinas, 1995).

Ein weiterer Aspekt, der mit der Kommensalität verbunden ist, ist das Kochen, also die Zubereitung von Speisen. Claude Lévi-Strauss, ein bedeutender Anthropologe, der viele Jahre in Brasilien arbeitete, schrieb zu Recht: „Die Beherrschung der Küche stellt eine wahrhaft universelle Form menschlicher Aktivität dar. So wie es keine Gesellschaft ohne Sprache gibt, so gibt es auch keine Gesellschaft, die nicht einen Teil ihrer Speisen kocht“ (vgl. D. Pingaud et al., La Scène primitive, Paris 1960: 40).

Vor 500.000 Jahren lernten die Menschen, Feuer zu machen. Und dank ihrer Kreativität lernten sie, es zu domestizieren und damit Essen zuzubereiten. Das „Kulinarische Feuer“ unterscheidet den Menschen von anderen komplexen Säugetieren. Der Übergang vom Rohen zum Gekochten entspricht dem Übergang vom Tier zum zivilisierten Menschen. Mit dem Feuer kam die Küche, die in jeder Kultur und Region einzigartig ist.

Jede Nation hat charakteristische Gerichte, die Teil ihrer historischen Identität sind, wie zum Beispiel brasilianische Feijoada, mexikanische Tacos, amerikanische Hamburger, italienische Pizza und andere. Es geht nicht nur ums Kochen, sondern auch darum, Essen zu würzen. Die verwendeten Gewürze und die charakteristischen Aromen unterscheiden eine Küche von der anderen und auch von Kulturen. Unterschiedliche Küchen schaffen kulturelle Gewohnheiten, die oft mit bestimmten Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Silvester, Thanksgiving, Johannistag und ähnlichen Festen verbunden sind.

Mit all diesen komplexen Phänomenen ist die Kommensalität verknüpft. Sie beinhaltet auch eine symbolische Dimension. Essen ist nie nur eine Geste der gemeinsamen Nahrungsaufnahme, um den Hunger zu stillen und zu überleben. Es ist ein gemeinschaftliches Ritual, umgeben von Symbolen und Bedeutungen, die die Gruppenzugehörigkeit stärken und den Sprung ins spezifisch Menschliche festigen.

Mit anderen Worten: Ernährung ist nie ein individueller biologischer Mechanismus. Kommensales Konsumieren bedeutet, mit anderen zu kommunizieren, die mit mir essen. Es ist eine Kommunikation mit den in der Nahrung verborgenen Energien, mit ihrem Geschmack, ihrem Geruch, ihrer Schönheit und ihrer Dichte. Es ist eine Kommunikation mit den kosmischen Energien, die der Nahrung zugrunde liegen, insbesondere mit der Fruchtbarkeit der Erde, der Sonnenstrahlung, der Wälder, des Wassers, des Regens und des Windes. Besonders mit den Arbeitern, die das Essen auf unsere Tische bringen.

Aufgrund dieser numinosen Natur des Essens/Konsumierens/Kommunizierens ist jede Kommensalität in gewisser Weise sakramental. Sie ist mit wohltuenden Energien aufgeladen, symbolisiert durch Riten und visuelle Darstellungen. Wir essen auch mit unseren Augen. Der Moment des Essens ist der am meisten erwartete des Tages und der Nacht. Es besteht ein instinktives und reflexartiges Bewusstsein, dass es ohne Essen kein Leben, kein Überleben und keine Freude gibt.

All dies wird den Bewohnern des Gazastreifens und Millionen hungernder Menschen auf der ganzen Welt vorenthalten. Unsere Herausforderung ist die gleiche wie die der Lula-Regierung: Null Hunger.

Leonardo Boff ist ökotheologe  und Schriftsteller mit mehr als hunderte Bücher veröfentllicht.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Relevanz des Mitgefühls in der gegenwärtigen Situation

Leonardo Boff

Wir erleben derzeit Kriege in vielen Ländern, vor allem im Gazastreifen, wo einer der größten Völkermorde der Geschichte stattfindet, im Krieg gegen die Ukraine, in dem Tausende, vor allem junge Menschen, unter den unerbittlichen Angriffen Russlands getötet werden, und anderswo, insbesondere in Afrika.

Wie kann man sich nicht über den Völkermord an Tausenden unschuldiger Kinder empören, die nichts mit dem Krieg zu tun haben, den Israel gegen die Hamas führt, der wahllos die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens ins Visier nimmt und darauf abzielt, insbesondere Kinder und Jugendliche auszulöschen, die sich in Zukunft gegen den Staat Israel stellen könnten.

Um voll und ganz menschlich zu sein, muss die Ethik auch Mitgefühl beinhalten. Es gibt zu viel Leid in der Geschichte, zu viel Blut auf unseren Straßen und die unendliche Einsamkeit von Millionen und Abermillionen von Menschen, die das Kreuz der Ungerechtigkeit, des Unverständnisses und der Bitterkeit allein in ihrem Herzen tragen. Das Ethos der Barmherzigkeit möchte sie alle in das planetarische Ethos einbeziehen, mit anderen Worten, in das gemeinsame Haus, wo sie willkommen sind und wo man ohne Scham weinen oder einander die Tränen liebevoll abwischen kann. Mitgefühl ist die natürliche Ethik der Akteure im Gesundheitswesen, insbesondere derjenigen, die die Palliativpflege übernommen haben, die jetzt im Rahmen des SUS zugelassen ist. Die nationale Bewegung Premier Palliative Care, die von dem großzügigen Dr. Samir Salman aus São Paulo, dem Leiter des Premier-Instituts, gefördert wird, umfasst Hunderte von Ärzten und Pflegepersonal, die sich der Palliativmedizin verschrieben haben.

Für Thomas von Aquin ist „das Mitleid die höchste aller Tugenden, denn es öffnet den Menschen nicht nur für den anderen, sondern auch für den Schwächsten und Hilfsbedürftigsten; in diesem Sinne ist es ein wesentliches Merkmal der Göttlichkeit“ (S.Theologica II.q.30 a.4 c).

Aber zuerst müssen wir etwas Sprachtherapie betreiben, denn Mitleid hat im allgemeinen Verständnis einen abwertenden Beigeschmack. Mitleid bedeutet, die andere Person zu bemitleiden, weil man sie für hilflos hält, ohne die innere Kraft, sich zu wehren. Es impliziert die Haltung eines Menschen, der auf andere herabschaut und sie erniedrigt.

Im frühen Christentum war Mitleid jedoch gleichbedeutend mit Barmherzigkeit, jener großzügigen Haltung, die die Leidenschaft mit anderen teilen und sie in ihrem Schmerz nicht allein lassen will. Das ist nicht die „Nächstenliebe“, die der argentinische singende Dichter Atauhalpa Yupanqui kritisiert: „Ich verachte die “Nächstenliebe” wegen der Schande, die sie bringt. Ich bin wie der Berglöwe, der in Einsamkeit lebt und stirbt”. Der Mensch wird in der Regel in seinem letzten Lebensabschnitt von geliebten Menschen begleitet, die ihn mit palliativer Pflege umgeben haben.

Im Buddhismus gilt das Mitgefühl als die persönliche Tugend des Buddha. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung und hat mit der Frage zu tun, die den Buddhismus als spirituellen Weg begründet hat: „Was ist der beste Weg, uns vom Leiden zu befreien“? Die Antwort des Buddha lautete: „durch Mit-Gefühl, durch unendliches Mit-Gefühl“.

Der Dalai Lama aktualisiert diese uralte Antwort auf folgende Weise: „Hilf anderen, wann immer du kannst, und wenn du es nicht kannst, füge ihnen niemals Schaden zu und sei immer mitfühlend“.

            Zwei Tugenden erfüllen das Mitgefühl: Losgelöstheit und Fürsorge. Durch Losgelöstheit verzichten wir auf jedes Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen und respektieren sie so, wie sie sind. Durch Fürsorge nähern wir uns ihnen an und kümmern uns um ihr Wohlergehen, indem wir ihnen in ihrem Leiden helfen.

Mitgefühl ist vielleicht der größte ethische und spirituelle Beitrag, den der Osten zur Weltkultur geleistet hat. Was das Leiden schmerzhaft macht, ist nicht so sehr das Leiden selbst. Es ist die Einsamkeit des Leidens. Der Buddhismus und auch das Christentum fordern eine Gemeinschaft im Leiden, damit niemand in seinem Schmerz allein und hilflos gelassen wird.

Es ist eine große Schande zu sehen, dass europäische Länder mit christlichen Wurzeln, die die Menschenrechte und die Idee der Demokratie geschaffen haben, Netanjahus völkermörderischen Krieg gegen die Hamas und das palästinensische Volk unterstützt haben.

Wie Liebe und Fürsorge hat auch Mitgefühl einen unbegrenzten Anwendungsbereich. Es ist nicht auf den Menschen beschränkt, sondern gilt allen Lebewesen und dem Kosmos. Das buddhistische und franziskanische Ideal des Mitgefühls lehrt uns, wie wir uns angemessen auf die Gemeinschaft des Lebens beziehen: zunächst jedes Wesen in seiner Andersartigkeit respektieren, dann eine emotionale Bindung zu ihm aufbauen, für es sorgen und insbesondere jenen Lebewesen helfen, die leiden oder vom Aussterben bedroht sind. Nur dann können wir von seinen Gaben in angemessenem Maße und verantwortungsvoll profitieren, je nachdem, was wir für ein erfülltes und würdiges Leben brauchen.

Angesichts des großen menschlichen Leids und der systematischen Angriffe auf Mutter Erde ist Mitgefühl ein humanistisches und ethisches Gebot.

Leonardo Boff, Co-Autor mit Werner Müller, schrieb: Das Prinzip Mitgefühl, Herder Verlag 1999

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Verteidigung der Demokratie und Gründung einer ökosozialen Demokratie

Leonardo Boff

Wie selten zuvor in der Geschichte wird die Demokratie als universeller Wert und gesellschaftliche Organisationsform derzeit angegriffen. Eine globale Koalition mächtiger und wohlhabender Gruppen leugnet sie im Namen regressiver, autoritärer, an Barbarei grenzender Vorschläge.

Die Demokratie stützt sich seit ihren griechischen Anfängen auf vier Säulen: Partizipation, Gleichheit, Interaktion und natürliche Spiritualität.

Die Idee der Demokratie setzt die Teilhabe aller Mitglieder der Gesellschaft voraus und fordert sie. Sie sind freie Bürger, nicht bloße Helfer oder Nutznießer. Gemeinsam schaffen sie das Gemeinwohl.

Je größer die Beteiligung, desto größer die Gleichheit aller. Gleichheit resultiert aus der Beteiligung aller. Ungleichheit, wie der Ausschluss armer Bürger, Schwarzer, indigener Völker, Menschen anderer sexueller Orientierung, Menschen anderer kultureller Herkunft und andere Ausgrenzungen, bedeutet, dass die Demokratie ihr Wesen noch nicht erkannt hat. Ihrem Wesen nach ist sie, in den Worten des portugiesischen Soziologen Boaventura de Souza Santos (zu Unrecht beschuldigt), eine endlose Demokratie: Sie muss in der Familie, in allen individuellen und sozialen Beziehungen, in Gemeinschaften, in Fabriken, in Bildungseinrichtungen (von der Grundschule bis zur Universität) gelebt werden – kurz gesagt, immer dort, wo Menschen sich begegnen und interagieren.

Durch die gleichberechtigte Teilhabe aller entsteht die Möglichkeit der Interaktion, des Austauschs und der freien Kommunikation, auch in Form von Gemeinschaft, die dem Menschen mit seiner Subjektivität, Identität, Intelligenz und seinem Herzen innewohnt. So entsteht Demokratie als ein Beziehungsgeflecht, das mehr als nur die Bürger als Ganzes umfasst. Menschen erfahren ihre Natur als „Beziehungsknoten“ am besten in einem Regime, in dem Demokratie gedeiht. Sie erweist sich als ein mächtiger Faktor der Humanisierung, d. h. der Entwicklung aktiver und kreativer Menschen.

Schließlich stärkt die Demokratie die natürliche Spiritualität und schafft den Raum für ihren Ausdruck. Wir verstehen Spiritualität, wie sie heute von der New Science, den Neurowissenschaften und der Kosmogenese verstanden wird, als Teil der menschlichen Natur. Sie ist nicht mit Religiosität zu verwechseln oder von ihr abgeleitet, obwohl letztere sie verstärken kann. Sie hat das gleiche Recht auf Anerkennung wie Intelligenz, Wille und Affektivität. Sie ist dem Menschen angeboren. Wie Steven Rockefeller, Professor für Ethik und Religionsphilosophie am Middlebury College in New York, in seinem Buch „Spirituality Democracy and Our Schools“ (2022) schrieb: „Spiritualität ist eine angeborene menschliche Fähigkeit, die, wenn sie gefördert und entwickelt wird, eine Lebensweise hervorbringt, die aus Beziehungen zu sich selbst und zur Welt besteht, persönliche Freiheit, Wohlbefinden und das Gedeihen des Gemeinwohls fördert“ (S. 10). Sie drückt sich in Empathie, Solidarität, Mitgefühl und Ehrfurcht aus – grundlegenden Werten für das menschliche Zusammenleben und damit für die aktive Erfahrung von Demokratie.

Diese vier Säulen machen im gegenwärtigen Kontext des Anthropozäns (und seiner Ableitungen im Nekrozän und Pyrozän), in dem der Mensch als bedrohlicher Meteor des Lebens in seiner großen Vielfalt erscheint und die gemeinsame Zukunft der Erde und der Menschheit gefährdet, die endlose, integrale und natürliche Demokratie zu ihrem stärksten Gegenmittel. Ich teile die Meinung vieler Analysten menschlicher Aktivitäten mit planetarischen Auswirkungen (die Überschreitung von sieben der neun planetaren Grenzen), dass wir ohne ein neues Paradigma, das sich von dem unseren unterscheidet und keine natürliche Spiritualität, keinen wohlwollenden Umgang mit der Natur und keine Sorge um unser gemeinsames Zuhause beinhaltet, einer ökologisch-sozialen Tragödie, die große Risiken für unseren Lebensunterhalt auf diesem Planeten birgt, kaum entgehen werden.

Daher ist es so wichtig, die nationale und internationale rechtsextreme Bewegung, die die Demokratie leugnet und sie zerstören will, frontal zu bekämpfen. Es ist dringend notwendig, die Demokratie in all ihren Formen zu verteidigen, auch in den weniger ausgeprägten (wie der brasilianischen), sonst werden wir untergehen.

Celso Furtados kluge Warnung in seinem Buch „Brasil: A construção intervalo“ (1993) ist bemerkenswert: „Die Herausforderung an der Schwelle zum 21. Jahrhundert besteht darin, den Kurs der Zivilisation zu ändern und ihre Achse von der Logik der Mittel im Dienste kurzfristiger Akkumulation hin zu einer Logik der Ziele im Dienste des sozialen Wohlergehens, der Ausübung von Freiheit und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu verlagern“ (S. 70). Diese Wende erfordert die Gründung einer ökosozialen Demokratie, die uns retten kann.

Autor von:  Brasil: concluir a refundação ou prolongar a dependência,  Vozes 2018.

Artikel übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die mögliche neue Ära der Pax Terrae: die Pazisphäre

Leonardo Boff

Das zweite Viertel des 21. Jahrhunderts ist geprägt von tödlichen Konflikten und Kriegen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (2024) gibt an, dass 60 der 193 Länder in Konflikte und Kriege verwickelt sind, was 13 % der Menschheit entspricht. Die Hoffnungen eines großen Teils der Weltbevölkerung, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges eine Ära der Zusammenarbeit, des Zusammenlebens und des Friedens einläuten zu können, haben sich zerschlagen.

Nichts von alledem ist geschehen. Stattdessen sind wir in eine dunkle und ökologisch bedrohliche Zeit eingetreten, mit großen Extremereignissen, Taifunen, Überschwemmungen und Schneestürmen, der Invasion des Covid-19-Virus, der innerhalb von drei Jahren Millionen von Menschen dezimiert hat, einer zunehmenden globalen Erwärmung und, was noch schlimmer ist, die Gefahr von Kriegen, zu denen auch der Völkermord im Gaza-Streifen unter freiem Himmel gehört, und, was noch schlimmer ist, die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen militaristischen Mächten, die, wenn sie eskalieren, zu einem Atomkrieg führen könnten, mit tödlichen und unvorstellbaren Auswirkungen auf die Biosphäre und das menschliche Leben.

In diesem Zusammenhang werden die Sehnsüchte, die wirklichen Rufe nach Frieden, von allen Seiten laut. Allerdings herrscht in der Bevölkerung ein allgemeiner Mangel an Bewusstsein und bei einigen Regierungsvertretern und Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen eine regelrechte Leugnung der Risiken, denen wir ausgesetzt sind. Es ist jedoch erwähnenswert, dass ein großer Teil der Menschheit langsam erkennt, dass wir uns auf einem gefährlichen Weg befinden, auf dem es vielleicht kein Zurück mehr gibt und wir uns einem Abgrund nähern, in den wir stürzen könnten. Wenn wir abstürzen, würde dies bedeuten, dass ein großer Teil der menschlichen Spezies dem Untergang geweiht wäre.

Die Erdgeschichte ist bereits 4,45 Milliarden Jahre alt und hat mindestens fünf große Massenaussterben von Lebewesen erlebt, von denen das größte in der Perm-Trias vor 252 Millionen Jahren stattfand. Dennoch scheint das Leben, wie der Biologe Edward Wilson sagte, eine Plage zu sein, die sich nicht auslöschen lässt, selbst wenn einmal etwa 70-80 % der biotischen Masse ausgelöscht wurden. Aber die Erde hat sich immer wieder neu gebildet. Nach jeder großen biologischen Katastrophe scheint sich die Erde selbst zu rächen und mehr Kraft aufzubringen, um ihre gesamte biologische Vielfalt wiederherzustellen.

Jedes Jahr sterben etwa 100 Arten aus. Sie haben ihren Höhepunkt erreicht und verschwinden auf natürliche Weise von der Erde. Andere werden folgen. Viele fragen sich: Sind wir nicht an der Reihe, unseren Höhepunkt zu erreichen? Dann würden wir verschwinden. Ein angeblicher Indikator ist das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung auf über 8 Milliarden Menschen, das bereits zu einem Earth Overshoot geführt hat – der Erschöpfung der nicht erneuerbaren natürlichen Güter und Dienstleistungen, die den Fortbestand und die Reproduktion unseres Lebens sichern. Tatsächlich haben wir die Grenzen der Erde bereits erreicht. Sieben der elf Grundelemente des Lebens sind bereits verschwunden. Alle roten Lichter leuchten bereits.

Erwähnenswert ist auch, dass wir die Instrumente unserer Selbstzerstörung gebaut haben, die, wenn sie freiwillig, durch eine autonome KI oder durch einen Unfall aktiviert würden, das menschliche Abenteuer auf dem Planeten Erde gefährden würden.

Betrachtet man andererseits die Widerstandsfähigkeit des Lebens trotz all der Dezimierungen, deutet alles darauf hin, dass die Menschheit nicht in den fortgeschrittenen Evolutionsprozess eingetreten ist, um es auszulöschen oder sich selbst zu zerstören. Was uns als Tragödie erscheint, könnte eine Krise des Übergangs von einer Lebensweise zu einer anderen, möglicherweise höheren, sein, die schwere Opfer fordert. Doch die Plage Leben würde erneut Widerstand leisten und einen Großteil des Lebens und der Zivilisation retten. Es würde ein neues geologisches Zeitalter einleiten, das der große Kosmologe Brian Swimme das ökozoische Zeitalter nennt. Das ökozoisch-ökologische Zeitalter, das mit dem Planeten Erde als unserem gemeinsamen Zuhause (oikos = öko: Heimat auf Griechisch) verbunden ist, würde an zentraler Bedeutung gewinnen, wie Papst Franziskus in der Enzyklika „Laudato Si: Über die Sorge für unser gemeinsames Zuhause“ (2015) so eindrucksvoll vorschlägt.

Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur im Allgemeinen würden in den Dienst der Pflege und des Schutzes dieses heiligen Geschenks gestellt, das uns das Universum oder Gott geschenkt hat: des lebendigen Planeten Erde, der Großen Mutter, Pachamama und Gaia.

Dann könnte etwas noch nie Dagewesenes geschehen. Alle Menschen würden sich als Teil der Natur und als ihre Beschützer fühlen und im Einklang mit dem Ganzen leben. Die Welt der Notwendigkeit würde hinter uns liegen, und jeder würde die Vorzüge der Freiheit genießen, dem Schöpfer dankbar sein und glücklich und in ewigem Frieden unter dem wohltuenden Licht und der Wärme der Sonne leben.

Diese Utopie liegt in den ältesten Archetypen des kollektiven Unbewussten aller Völker. Und dieser Archetyp könnte aus der gegenwärtigen planetarischen Krise hervorgehen und seine eigene Geschichte an der Seite der Natur und der Menschheit schreiben. Es wäre die Pazisfera (auf Portugiesisch) oder Pacisfera (auf Latein), die Sphäre des Friedens, der Pax Terrae, von der wir seit der Entstehung mentaler Strukturen und des menschlichen Bewusstseins vor Millionen von Jahren in Afrika, wo wir geboren wurden, immer geträumt und nach der wir uns gesehnt haben.

Dann wird von Frieden keine Rede mehr sein, denn er ist die Luft, die wir atmen, und die Nahrung, die uns am Leben erhält. Ein Traum, den es wert ist, geträumt zu werden, vielleicht um seine Verwirklichung zu beschleunigen.

Leonardo Boff,Pequeno Tratado sobre a Paz” (Kurze Abhandlung über den Frieden):  erscheint in Kürze