Weltweites Chaos: das Gespenst der totalen Herrschaft

„Weltweites Chaos: das Gespenst der totalen Herrschaft“ lautet der Titel des jüngsten Buches von Luiz Alberto Moniz Bandeira (Civilização Brasileira, 2016), unserem angesehensten Analysten für internationale Politik. Der Autor, der in Deutschland lebt, hatte Zugang zu den sichersten Informationsquellen, zu zahlreichen Archiven, denen er sein weit reichendes Wissen über die Geschichte hinzufügt. Das Buch zählt 643 dicht beschriebene Seiten, die mit Flüssigkeit und Eleganz geschrieben sind, sodass es sich an vielen Stellen liest wie ein historischer Roman.

Vor allem aber ist Moniz Bandeira ein akribisch genauer Forscher und gleichzeitig ein Kämpfer gegen den Imperialismus der USA, deren Eingeweide er mit einem chirurgischen Skalpell auseinander nimmt. Nicht ohne Grund sperrte man ihn von 1969 – 1970 ins Gefängnis und auch nochmals 1973 durch den Furcht erregenden Nachrichtendienst der Marine (Centro de Informaciones de la Marina, Cenimar), weil er sich im Kontext des Kalten Krieges kritisch gegenüber dem hauptsächlichen Unterstützer der brasilianischen Diktatur, den USA, geäußert hatte.

Das ihm zur Verfügung stehende Material erlaubt es ihm, die gegenwärtige imperialistische Logik im Untertitel seines Buches anzuprangern: „Stellvertreterkriege, Terror, Chaos und humanitäre Katastrophen“. Diejenigen, die immer noch voll Bewunderung für die nordamerikanische Demokratie sind und sich an ihren imperialistischen Plänen auszurichten suchen (wie die brasilianischen Neoliberalen), finden hier reichhaltiges Material für eine kritische Betrachtung und für ein differenzierteres Verständnis der Welt.

Zwei Themen leiten die Machtzentralen der USA mit ihren zahllosen Organen innerer und äußerer Sicherheit: „eine Welt und nur ein Reich“ oder „nur ein Plan“ und „eine Vision totaler Herrschaft (das ganze Spektrum von Dominanz/Überlegenheit)“. D. h. die US-amerikanische Außenpolitik ist inspiriert vom (illusorischen) „Exzeptionalismus“ der alten „offenkundigen Bestimmung“, eine Variation des „auserwählten Volkes Gottes, der überlegenen Rasse“, die gerufen ist, weltweit Demokratie, Freiheit und Rechte (jeweils gemäß der imperialistischen Interpretation dieser Begriffe) zu verbreiten und sich selbst (anmaßenderweise) als „die unentbehrliche und notwendige Nation“ anzusehen, als „Anker der globalen Sicherheit“ oder „die einzige Macht“.

Bereits im 18. Jahrhundert hatten Edmund Burke (1729-1797) und im 19. Jahrhundert der Franzose Alexis de Tocqueville (1805-1859) die Vorahnung, dass der US-amerikanische Präsident mehr Macht haben würde als ein absolutistischer Monarch und dass dies zu einer militärischen Demokratie (S. 55) degenerieren würde. Tatsächlich wurde mit George W. Bush als Ergebnis des Angriffs auf die „Twin Towers“ eine wahre militärische Demokratie errichtet mit dem Ausrufen des Kriegs gegen den Terror und des Patriot Act, der grundlegende Bürgerrechte außer Kraft setzte, das Habeas Corpus unterminierte und Folter erlaubte. Dies ist gewiss ein terroristischer Zustand

Mehrere US-amerikanische Wissenschaftler, zitiert von Moniz Bandeira (S. 470), bestätigten: „Dies ist keine Demokratie mehr, sondern eine Beherrschung durch die Wirtschaftselite, der sich der Präsident unterwerfen muss. Entscheidungen werden durch den militärisch-industriellen Komplex (der Kriegsmaschinerie) getroffen, durch Wall Street (Financiers), durch machtvolle Business Organisationen und eine kleine Zahl von sehr einflussreichen Nordamerikanern. Um die „Vision totaler Herrschaft“ zu gewährleisten, werden 800 Militärbasen weltweit aufrechterhalten, deren Mehrzahl mit nuklearem Equipment ausgestattet ist, und 16 Sicherheitsbehörden mit 107 035 zivilen und militärischen Kräften. Wie Henry Kissinger sagte: „Die Mission der USA besteht darin, Demokratie zu propagieren, notfalls mithilfe von Gewalt“ (S. 443). Unter dieser Logik gab es von 1776 bis 2015, d. h. in den 239 Jahren der Existenz der USA, 218 Kriegsjahre und lediglich 21 Jahre Frieden (S. 472).

Es bestand die Hoffnung, dass Barack Obama dieser gewalttätigen Geschichte eine neue Richtung verleihen würde. Dies war eine Illusion. Obama änderte lediglich die Namen, doch hielt den Geist des Exzeptionalismus aufrecht sowie die Folterungen in Guantanamo und an anderen Orten außerhalb der USA, wie zu Zeiten von Präsident Bush. Dem Ewigen Krieg gab er den Namen Operation Übersee-Kontingent. Durch die (sträflicherweise) persönliche Entscheidung autorisierte er hunderte von Dronen-Angriffen durch unbemannte Flugzeuge, um die wichtigsten arabischen Oberhäupter zu töten (S. 476).

Mit einiger Enttäuschung sagte Bill Clinton: „Die Vereinigten Staaten haben seit 1945 keinen einzigen Krieg gewonnen“ (S. 312). In der Stille der Nacht flohen sie aus dem Irak (S. 508).

Das Buch von Moniz Bandeira behandelt mit minimalen Details die Kriege in der Ukraine, der Krim und den Islamischen Staat von Syrien und benennt die Namen der Hauptakteure und Daten.

Die Konklusion ist erschütternd: „Wo auch immer die USA mit dem speziellen Ziel, Demokratie zu bringen, intervenieren, beinhaltet dieses spezielle Ziel Bombardierungen, Zerstörung, Terror, Massaker, Chaos und humanitäre Katastrophen … Sie kommen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu verteidigen, ihre ökonomischen und geopolitischen Interessen; und ihre imperialistischen Interessen“ (S. 513).

Die Menge an dargestellten Informationen werden diesem Anspruch gerecht, auch nach Abstrich gewisser Einschränkungen, die immer einmal gemacht werden müssen.

Leonardo Boff Theologe und Philosoph  von der Erdcharta Kommission

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

 

 

 

Der kosmische Christus: eine Spiritualität des Kosmos

Eine der beharrlichsten Forschungsrichtungen unter den Wissenschaftlern, die mit den Wissenschaften der Erde und des Lebens zu tun haben, ist die nach der Einheit des Ganzen. Sie sagen: “Wir müssen die Formel finden, die alles erklärt. Dann können wir den Geist Gottes entdecken.” Diese Forschung nennt sich “Die Theorie der Großen Vereinigung” oder “Quantenfeldtheorie” oder noch pompöser “Die Theorie des Ganzen”. Trotz intensivster Bemühungen schlossen sie frustriert damit ab oder, wie der große Mathematiker Steven Hawking, gaben diesen Anspruch wegen seiner Unmöglichkeit auf. Das Universum ist viel zu komplex, um einfach durch eine einzige Formel erklärt zu werden.

Dennoch kam man durch die Forschung der mehr als hundert subatomaren Teilchen und der Ur-Energien zur Erkenntnis, dass sie alle zum sogenannten “Quanten-Vakuum” führen, das weniger ein Vakuum ist als die Fülle aller Möglichkeiten. Dieser bodenlosen Tiefe entstammen alle Wesen und das gesamte Universum. Es wird dargestellt als ein riesiger Ozean an Energien und grenzenloser Potenzialen. Andere nennen es die “Quelle alles Seins” oder den “nährenden Abgrund von allem”.

Interessanterweise bezeichnet es Brian Swimme, einer der bekanntesten Kosmologen, als das Unaussprechliche und das Mysteriöse (The Hidden Heart of the Cosmos, 1996). Dies sind Eigenschaften, die die Religionen der Ersten Wirklichkeit zuordnen, die tausend verschiedene Namen trägt: Tao, JHWH, Allah, Olorum, Gott … Ein mit Energie geschwängertes Vakuum. Wenn das nicht Gott ist (Gott kommt immer zuerst), so ist es seine beste Metapher und Darstellung.

Nicht die Materie ist die Basis, sondern das geschwängerte Vakuum ist es. Es ist die Ur-Quelle. Der berühmte nordamerikanische Ökologe/Kosmologe, Thomas Berry, schrieb: “Wir müssen spüren, dass wir mit derselben Energie angefüllt sind, die das Entstehen der Erde, der Sterne und der Galaxien verursachte. Dieselbe Energie schuf alle Formen von Leben sowie das reflektierende Bewusstsein der Menschen. Es ist das, was die Poeten inspiriert, die Denker und Künstler aller Zeiten. Wir sind in einen Ozean von Energie eingetaucht, der unseren Verstand bei weitem überschreitet. Doch letztlich ist diese Energie nicht durch Beherrschung, sondern durch Erflehung die unsere” (The Great work, 1999, S. 175), d. h. indem wir uns ihr öffnen.

Wem dem so ist, dann entsprang alles Existierende dieser Energiequelle: Kulturen, Religionen, das Christentum selbst und sogar solche Persönlichkeiten wie Buddha, Moses, Jesus und jede/r Einzelne von uns. Alles wurde innerhalb des kosmogenen Prozesses geschaffen als noch komplexere Ordnungen entstanden, die noch stärker internalisiert und mit allen Wesen eng verbunden sind. Ist ein gewisses Maß dieser Ur-Energie akkumuliert, dann kommt es zu historischen Ereignissen und zur Erstehung jeder individuellen Person.

Wer die Schöpfung des Christus in diesem Kosmos sah, war der Jesuit, Paläonthologe und Mystiker, Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955), der den christlichen Glauben mit dem Gedanken einer weiteren Evolution und der neuen Kosmologie versöhnte. Teilhard unterscheidet zwischen “christsisch” und “christlich”. Das Christische zeigt sich in einem objektiven Datum inmitten des Evolutionsprozesses. Es wäre die Verbindung, die alles miteinander vereint. Da es sich bereits hierin befand, konnte eines Tages in der Geschichte die Person des Jesus von Nazareth auftauchen, derjenige, “durch den alles ist und auf den hin alles geschaffen ist”, wie der Hl. Paulus sagt.

Also wird das Christische, wenn es subjektiv erkannt und innerhalb des Bewusstseins einer Gruppe transformiert wird, zum Christlichen. Dann entsteht historische Christenheit, begründet in Jesus, dem Christus, der Inkarnation des Christischen. Daraus folgt, dass sich seine letzten Wurzeln nicht im ersten Jahrhundert Palästinas befinden, sondern inmitten des eigentlichen Prozesses der kosmischen Evolution.

Der heilige Augustinus erfasste in seinem Brief an einen heidnischen Philosophen (Epistel 102) intuitiv: “Das, was nun den Namen einer christlichen Religion trägt, existierte bereits zuvor und war im Ursprung der Menschheit nicht abwesend bis Christus im Fleisch erschien; eher war es so, dass die wahre Religion, die bereits existiert hatte, begann “christlich” genannt zu werden.”

Eine ähnliche Überlegung findet sichi m Buddhismus. Dort gibt es die Buddha-Natur (die Fähigkeit zur Erleuchtung), die zu erreichen man sich während des Evolutionsprozesses bemühte, bis Siddharta Gautama erschien und der Buddha wurde. Dies konnte sich nur in der Person des Gautama manifestieren, denn die Buddha-Natur gab es bereits zuvor in der Geschichte. So wurde er der Buddha wie Jesus der Christus wurde.

Wird dieses Verständnis so weit verinnerlicht, dass es unsere Wahrnehmung der Dinge, der Natur, der Erde und des Universums verändert, so öffnet sich der Weg für eine kosmische spirituelle Erfahrung, für die Kommunion mit allen und mit jeder/m. Durch diesen spirituellen Weg wird uns das bewusst, wonach die Wissenschaftler durch die Wissenschaft streben: eine Verbindung, die alles vereint und voran bringt.

Leonardo Boff  Theologe und Philosoph von der Erdcharta Kommission   und hat das Buch In Ihm hat alles Bestand: der kosmische Christus und die modernen Naturwissenschaften Butzond&Bercker, Kevelaer 2013.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Zehn mögliche Lehren aus der Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff

Vermutlich ist es noch zu früh, um Lehren aus der fragwürdigen Amtsenthebung zu ziehen, die ein neues Paradigma von Klassenputschen mithilfe des Parlaments eröffnet hat. Diese ersten Lektionen könnten denjenigen nützlich sein, denen an Demokratie gelegen ist und die die Souveränität des Volkes respektieren, welche sich in freien Wahlen ausdrückt, sowie der Arbeiterpartei, PT, und ihren Verbündeten. Diejenigen, die im Besitz von Geld, Macht und Bildung sind und die golpistas (Putschisten) unterstützen, erkennt man an ihrer fehlenden Wertschätzung der Demokratie und ihrer bereitwilligen Ignoranz der frappierenden Ungleichheit innerhalb des brasilianischen Volkes.

Erste Lektion besteht darin, die Widerstandsfähigkeit zu nähren, d. h. zu widerstehen, aus Fehlern und Niederlagen zu lernen und sie zu etwas Gutem zu wenden. Dies impliziert eine strenge Selbstkritik, was von der PT noch nie gründlich vollzogen wurde. Man muss sich unbedingt im Klaren darüber sein, welches Projekt für das Land angewendet werden muss.

Zweite Lektion: Demokratie in einer Weise bekräftigen, die auf die Straßen und Plätze geht, im Gegensatz zur Low-level-Demokratie, deren Repräsentanten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von den Mächtigen gekauft werden, um deren unternehmerischen Interessen zu verteidigen.

Dritte Lektion: eine Präsidentschaftskoalition als Fehler anzusehen, denn diese zerstört das Projekt und führt zu Korruption. Die Alternative besteht in einer Koalition von Personen in der Regierung mit den sozialen Bewegungen und Sektoren der Volksparteien, um von da aus Druck auf das Parlament auszuüben.

Vierte Lektion: zugeben, dass der neoliberale Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase von größter Reichtums-Konzentration die zentralen Gesellschaftsschichten verletzt und unsere zerstört. Der durch die PT und ihre Verbündeten der letzten 13 Jahre praktizierte abgemilderte Neoliberalismus trug zu einer der größten Veränderungen in der Geschichte Brasiliens bei, indem das Leben von fast 30 Millionen Menschen durch höhere Löhne, Krediterleichterungen und Steuerreformen erleichtert wurde. Doch im Grunde genommen war das noch nicht ausreichend. Der große Fehler der PT bestand darin, dass sie nie erklärte, dass diese sozialen Aktionen aus der Staatspolitik resultierten. Daher entstanden Konsumenten, aber keine verantwortungsvolle Staatsbürger. Die Anschaffung von persönlichen Gütern wurde erleichtert, doch das soziale Kapital wurde kaum verbessert: Bildung, Gesundheit, Transportwesen und Sicherheit. Frei Betto brachte dies folgendermaßen auf den Punkt: „Eine populistische Bevormundung wurde geschaffen, die startete, als das emanzipatorische No-Hunger-Programm in ein Familien-Minimum umgewandelt wurde. Es war kompensatorisch; das Volk bekam einen Fisch, wurde aber nicht gelehrt, wie man einen Fisch angelt.“ In der gegenwärtigen Nach-Putsch-Regierung wird die neoliberale Wirtschaftspolitik, radikalisiert durch strenge Sparmaßnahmen, welche rückschrittlich sind und soziale Grundrechten verletzen, mit Gewissheit diejenigen zurück in Hunger und Elend werfen, die zuvor aus diesen Plagen gerettet worden waren.

Fünfte Lektion: Die Bereiche Bildung und Gesundheit müssen dringend in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Lula-Rousseff-Regierungen trieben die Gründung von technischen Universitäten und Schulen voran. Ein krankes und ungebildetes Volk wird niemals in der Lage sein, den qualitativen Entwicklungssprung zu anhaltendem Wohlergehen zu machen.

Sechste Lektion: den Opfern der neoliberalen Gier mutig beistehen, deren Perversität anprangern, ihre Logik der Ausgrenzung aufdecken, auf die Straße gehen, Demonstrationen und Streiks von sozialen Bewegungen und anderen Teilen der Bevölkerung unterstützen.

Siebte Lektion: skeptisch sein gegenüber allem, was von oben kommt und üblicherweise ein Resultat der Politik der Klassenversöhnung ist, die hinter dem Rücken und gegen die Interessen des Volks ausgetragen wird. Diese politischen Programme sind mehr oder weniger alle gleich. Sie ziehen es vor, das Volk ungebildet zu halten, um es leichter beherrschen und zusammenhalten zu können und um jeglichen kritischen Geist zu schwächen.

Achte Lektion: Es ist an der Zeit, die Utopie eines anderen Brasiliens zu planen, auf anderen Grundlagen, deren wichtigste die der Ursprünglichkeit und der Kraft unserer Kultur ist, die Natur in den Mittelpunkt zu stellen sowie das menschliche Leben und das von Mutter Erde, die Grundlagen einer Biozivilisation. Entwicklung/Wachstum muss erreicht werden, nicht die Begierden sondern die Bedürfnisse der Menschheit, die dem Leben und nicht dem Markt dienen und die unseren ökologischen Reichtum schützen. Begleitend dazu sind grundlegende Reformen dringend notwendig: in der Politik, im Rechtswesen, in Bürokratie, Landwirtschafts- und Städteplanung etc.

Neunte Lektion: Um diese Utopie zu verwirklichen, müssen sich die politischen und sozialen Kräfte (Volksbewegungen, Untergruppen von politischen Parteien, Geschäftsleute, Intellektuelle, Künstler und Kirchen) vereinen, die das Neue und Realisierbare umsetzen wollen, das der Utopie eines anderen Brasiliens Form verleiht.

Zehnte Lektion: Das Neue und Realisierbare hat einen Namen: Radikalisierung einer Demokratie, die ein Sozialismus mit ökologischer Ausprägung ist, also Öko-Sozialismus. Es geht weder um den russischen Totalitarismus, noch um den deformierten Sozialismus Chinas, der, offen gesagt, die Natur aus seinem sozialistischen Projekt ausschließt. Doch ein Öko-Sozialismus, der nach dem Potenzial strebt, den noblen Traum aller zu realisieren: zu geben, was man geben kann, und zu empfangen, was man braucht, für jede und jeden und selbstverständlich einschließlich der Natur.

Dieses Projekt muss jetzt umgesetzt werden. Wie eine uralte chinesische Weisheit es ausdrückt und von Mao Tse-Tung zitiert wurde: „Wenn du einen Weg von tausend Schritten vor dir hast, beginne mit dem ersten Schritt.“ Andernfalls werden wir niemals den Weg in Richtung des gewünschten Ziels gehen. Die gegenwärtige Krise bietet uns eine besondere Gelegenheit, die wir nicht vergeuden dürfen. Die Gelegenheit erscheint nur weniger Male in der Geschichte, und eine solche haben wir jetzt.

Leonardo Boff Theologe, Philosoph Mitglied der Erdcharta Kommission


25.09.2016

Die Putsche von 1964 und 2016: durchgeführt von derselben Gesellschaftsklasse

Die Staatsstreiche von 1964 und 2016 sind in ihrer Struktur verwandt. Beide wurden durch bestimmte Klassen durchgeführt, und zwar von Geld- und Machthabern: der erste bediente sich des Militärs, der zweite des Parlaments. Die Mittel unterschieden sich, doch die Resultate waren dieselben: Ein Putsch, der die Demokratie vernichtet und die Souveränität des Volkes verletzt.

Wir wollen zunächst den Putsch von 1964 untersuchen, der Joao Goulart stürzte. In seiner monumentalen Dissertation an der Universität Glasgow „1964 – die Eroberung des Staates: politische Aktion, Macht und Klassenputsch (Vozes 1981), ein 814 Seiten starker Band mit 326 Seiten Originaldokumente, sagte René Armand Dreifuss ausdrücklich: „Was sich in Brasilien abgespielt hat, war kein Militärputsch, sondern ein Klassenputsch unter Anwendung von militärischer Gewalt“ (S. 397).

Der Angriff auf die Staatsgewalt wurde von General Golbery de Couty y Silva ausgeheckt, der vier Institutionen benutzte, welche die Idee des Coups propagierten: das Institut für Forschung und Soziale Studien (IPES), das Brasilianische Institut der Demokratischen Aktion (IBAD), die Gruppe der Analysten der Konjunktur (GLC) und die Hochschule für Krieg (ESG). Das offenkundige Ziel war: „den Staat zu re-adaptieren und zu re-formulieren“, ihn den Interessen des nationalen und transnationalen Kapitals anzupassen. Hier liegt der Klassencharakter des Putschs.

Der Angriff auf den Staat geschah 1964 und erhärtete sich 1968 mit Repressionen, Folter und Mord. Das Regime für nationale Sicherheit wurde zum Regime für kapitalistische Sicherheit.

Für den Putsch von 2016 liegt eine gründliche Untersuchung vom Soziologen und früheren Präsidenten der IPEA, Jesse Souza, vor: „Röntgenaufnahme des Coups“ („La radiografia del golpe“, Leya 2016). Wie beim Putsch von 1964 deckt Jesse Souza die Mechanismen auf, die es den wohlhabenden Eliten ermöglichte, den Coup zu organisieren, der in ihrem Namen durch das Parlament durchgeführt wurde. Folglich haben wir es mit einem Klassen- und Parlamentsputsch zu tun.

Darüber hinaus betont Jesse, „dass all die Putsche, einschließlich des gegenwärtigen, ein Betrug sind, begangen durch die Geldhaber, die tatsächlich die wahren Machthaber sind“. Aus wem besteht diese Elite? „Die wohlhabende Elite ist vor allem die Finanzelite, welche den großen Banken und Investmentfonds vorsteht und die andere wohlhabende Sektoren anführt wie das Agrobusiness, die Industrie (FIESP) und den Handel, unterstützt durch die Mittel der Massenkommunikation, die systematisch die soziale Realität verdrehen und fälschen, als wäre unser „Land zerstört und bankrott“ (dies ist eine Übertreibung), „und verstecken die Interessen der Konzerne hinter ihrem betrügerischen Putsch.

Der Antrieb für diesen ganzen Prozess, so Jesse Souza, besteht in der Gier der wohlhabenden Elite, die sich mühelos den kollektiven Reichtum aneignet, und dies gemeinsam mit anderen Partnern wie den ultrakonservativen Kommunikationsmitteln, dem juristisch-polizeilichen Komplex des Staates und einem Teil des Obersten Bundesgerichts (STF), siehe Gilmar Mendes.

Der Prozess der Amtsenthebung wurde an den Senat weiter geleitet. Dieser hat die Absetzung der Präsidentin Dilma wegen Vergehens gegen steuerliche Verantwortlichkeit gefördert. Die Hauptjuristen und Volkswirtschaftler haben neben beachtlichen Zeugenaussagen während der Anhörungen und in offiziellen Berichten mehrerer Institutionen rundheraus eine Verantwortlichkeit geleugnet. Die Mehrheit der Senatoren gab sich nicht einmal die Mühe, an den Treffen mit den hochqualifizierten Spezialisten teilzunehmen, denn sie hatten ihre Entscheidung, Präsidentin Dilma Rousseff des Amts zu entheben, bereits getroffen.

Die Gesprächsaufzeichnung der Unterhaltung zwischen Romero Juca, dem Planungsminister und dem früheren Vorsitzenden von Transpetro, Sergio Machado, deckt die Verschwörung auf: „Michel in einem großen nationalen Abkommen mit dem Obersten und mit allen stecken, alles hört dort auf… und es beendet das Schröpfen der Lava Jato.“ (botar o Michel, num grande acordo nacional com o Supremo e com tudo; aí pára tudo…e estanca a sangria da Lava Jato). Eines der Motive hinter dem Putsch war auch, die 49 (von 81) Senatoren dem Zugriff der Justiz zu entziehen, die in Korruption verwickelt oder deren beschuldigt waren. Auf diese Weise beschloss dieser Typus von unmoralischen Politikern, mit der Ausnahme derer, die sich mutig für Präsidentin Dilma Rousseff einsetzten, eine ehrliche und unschuldige Frau ihres Amtes zu entheben.

Jemanden zu verurteilen, der sich keines Verbrechens schuldig gemacht hat, ist ein Putsch. Ein Klassen- und Parlamentsputsch. Einen Putsch durchzuführen heißt, die Verfassung zu verletzen und die Souveränität des Volkes zu verraten, dessen Stärke Präsidentin Dilma Rousseff mit 54 Stimmen gewählt hatte.

Damals im Jahr 1964 und heute 2016, sei es durch das Militär oder durch das Parlament, funktioniert dieselbe Logik: die Wirtschafts- und Finanzeliten und die konservative politische Klasse stahl einen großen Teil des Staatsschatzes (Jesse zählt 71.440 Menschen, nur 0,05 % der Bevölkerung), wodurch das Leben und das Wohlergehen der großen Mehrheit des Volkes unterminiert wird und dieses zur Armut verdammt. Ein großer Anteil des Kongresses ist in diesen Putsch involviert. In diesem Kongress setzt sich dieselbe strukturelle Absicht durch, den Status Quo zu garantieren, der ihre Privilegien sichert und ihre Profite begünstigt.

Das PMDB Projekt „Eine Brücke zur Zukunft“, ein Liberalismus, der so schamlos ist, dass er einen erröten lässt, deckt den Zweck des Putsches auf: den Staat zu minimieren, die Löhne zu kürzen, die Politik der Neubewertung der Löhne abzuschaffen, das Budget für soziale Programme zu kürzen, staatliche Unternehmen zu privatisieren, vor allem Pre-Sal, obligatorische Ausgaben für Gesundheit und Bildung abzuschaffen, alles was mit Kultur, Menschenrechten, Frauen und Minderheiten zu tun hat, auf ein Minimum zu reduzieren. Das Ministerium besteht nur aus Weißen, und ein Großteil seiner Mitglieder ist der Korruption beklagt. Es gibt keine Frauen, Schwarze oder Repräsentanten von Minderheiten.

Wir befinden uns inmitten einer erschreckend rückschrittlichen politisch-sozialen Bewegung, die die Ungleichheit noch vergrößert, unsere perverse soziale Wunde, und die die sozialen Errungenschaften aus den 13 Jahren Lula-Dilma-Regierung ausradiert.

Es gibt einen massiven Widerstand und Opposition auf der Straße durch starke gesellschaftliche Gruppen und Intellektuelle, die keinen verschwörerischen Präsidenten bar jeder Glaubwürdigkeit akzeptieren. Die Lösung bestünde in allgemeinen Wahlen, und durch die Souveränität des Volkes würde ein neuer Präsident gewählt werden, der wahrhaft das Land repräsentiert.

Leonardo Boff Theologe,  Philosoph und  der Erdcharta-Kommission