Amtsenthebung einer unschuldigen Präsidentin: Korruption und Korrupte

Die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff wird durch ein Sondergericht für einen Nationalkongress durchgeführt, dessen Mitglieder zu 60 % wegen krimineller Handlungen angeklagt sind. Dem Senat, der über sie urteilt, fehlt es an moralischer Autorität: Mehr als die Hälfte seiner Mitglieder, nämlich 49 Senatoren, werden unterschiedliche Verbrechen zur Last gelegt. Und nicht ein einziges Verbrechen konnte Präsidentin Rousseff nachgewiesen werden. Aus diesem Grund wurden weitere Ausreden erfunden, wie „das Gesamtwerk“, das dem widerspricht, was die Kammer hervorbrachte: lediglich wenige Maßnahmen der Regierung aus dem Jahr 2015

Der Wirtschaftswissenschaftler Luiz Gonzaga Belluzzo fasste den Ton dieses perversen Prozesses folgendermaßen zusammen: „Es geht um eine konservative, rückwärts gewandte Reaktion, die sich in autoritären Versuchen ausdrückt, den Fortschritt der Gesellschaft zu behindern. Wir sind eine zutiefst antidemokratische Gesellschaft voller Vorurteile und vor allem kulturell deformiert. Wir sind nun die Zeugen des weiteren Niedergangs dessen, was bereits korrupt war. Ideale wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit können hier nicht florieren. Alles geschieht mit Brutalität und Willkür, selbst das, was vermeintlich im Namen des Gesetzes geschieht“ (in Carta Major 27.06.2016).

 Eine weitere kraftvolle Kritik stammt vom Soziologen Jesse Souza, dem früheren Präsidenten des Instituto de Pesquiza Economica Aplicada, IPEA, der das anregende Buch schrieb: „Die Dummheit der brasilianischen Intellektuellen“ (A tolice da inteligência brasileira, Leya, 2015): „Es war ein Putsch gegen die Demokratie als dem Organisations-Prinzip der Gesellschaft. Der Putsch kam durch eine sehr kleine wohlhabende Elite, die uns ohne nennenswerte Unterbrechung seit unserer sklavenhalterischen Vergangenheit beherrscht. Schon immer war Brasilien der Schauplatz eines Kampfes zwischen diesen beiden Projekten: dem Traum eines großen Landes, das sich für die Mehrheit stark macht, und der Realität einer habgierigen Elite, die die Arbeit anderer für sich nutzt und den Reichtum des Landes in die Taschen weniger wandern lässt“ (Ein Putsch von wem und für wen, FSP 04/2016).

 Womit wir es jetzt zu tun haben, ist ein Wiederaufleben dieses zweiten Projekts, das sozial pervers ist und unserer Souveränität widerspricht. Es reicht schon aus, die Brutalität des Außenministers anzusehen, der alles andere ist als ein Diplomat. Er ist ein Repräsentant für Privatisierung und die Neuordnung Brasiliens nach der Logik des Neoliberalismus der Großmächte, die uns von unseren verbündeten Nachbarn von Mercosur trennt und die Ideale einer „aktiven und stolzen“ Diplomatie verrät, die mit allen Völkern und ideologischen Ausrichtungen im Dialog steht.

 Es gibt viele Formen von Korruption. Beginnen wir mit dem Begriff „Korruption“. Der Hl. Augustinus erklärt seine Ethymologie folgendermaßen: Korruption heißt, ein verdorbenes und gebrochenes (roto, ruptus) Herz (corazon, cor) zu haben. Der Philosoph Immanuel Kant machte dieselbe Beobachtung: „Wir sind ein solch verdrehtes Holz, aus dem man unmöglich gerade Bretter machen kann.“ Mit anderen Worten: In uns gibt es negative Kräfte, die uns auf Umwege führen. Korruption ist eine der stärksten davon.

 Vor allem die Logik des Kapitalismus hier und weltweit ist korrupt, selbst wenn dies gesellschaftlich akzeptiert wird. Kapitalismus erzwingt die Beherrschung des Kapitals über die Arbeit, schafft Reichtum durch Ausbeutung der Arbeiter und durch die Zerstörung der Umwelt. Kapitalismus bringt soziale Ungleichheit hervor, die aus ethischer Sicht eine Ungerechtigkeit darstellt und ständig zu Klassenkonflikten führt. Kapitalismus ist also von Natur aus antidemokratisch, denn Demokratie setzt eine grundlegende Gleichheit aller Bürger voraus sowie die Gewährleistung derer Rechte, die hier durch die kapitalistische Kultur verletzt werden.

 Im Bezug auf Brasilien können wir sagen, dass der Hauptanteil an Korruption in unserer Geschichte darin besteht, dass während fast 500 Jahre sukzessive Oligarchien einen Großteil der Bevölkerung am Rand hielt und so viel Reichtum anhäufte, den größten weltweit, sodass 0,05 % der Bevölkerung (71.000 Personen) über den Großteil des nationalen Einkommens verfügen.

 Wir haben skandalöse Beispiele von Korruption, die vor kurzem von den sogenannten „Petrolao“, den Zealots und den Panama Papieren angeprangert wurden. Doch wir wollen uns nichts vormachen. Es gibt Schlimmeres. Die Staatliche Vereinigung von Anwälten des Fiskus deckte in seinem „Evasionometro“ auf, dass in nur fünf Monaten des Jahres 2015 200 Milliarden Reales durch Steuerflucht verlorengingen (Antônio Lassance, in Carta Maior 05/02/2015). Dies ist mehr als durch „Petrolao“ verloren ging, und das in nur fünf Monaten! Hier verbergen sich die Korruptesten, und hier lassen sich die Korrupten finden, die sich immer zu verstecken suchen.

 Roberto Pomeu de Toledo brachte es im Jahr 1994 in Veja Magazine gut zum Ausdruck: „Wir wissen jetzt, dass die Korruption ebenso ein Teil unserer Machtstrukturen dastellt, wie der Reis und Bohnen Teile unserer Nahrung sind.“

 Die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff erfolgt im Rahmen dieser Logik der Korruption, die viele unserer politischen Kaste zur Macht verhalf. Was Präsidentin Rousseff angetan wird, ist eine maßlose Ungerechtigkeit: eine unschuldige Frau und ehrliche Präsidentin zu verurteilen.

 Die Geschichte wird ihnen keine Vergebung zukommen lassen. Ihre Biographien werden das Stigma der golpistas (Putschisten) tragen, die die offene Abscheu derer verdienen, die nach ethischen und transparenten Wegen für unser Land streben.

 Leonardo Boff  ist Theologe, Philosoph  und von der Erdcharta Kommission
 

 

 

Die Amtsenthebung einer würdevollen und unschuldigen Präsidentin durch ein mental und finanziell korrupter Putschs

Es war einmal eine Nation, die groß war in Bezug auf ihr Territorium und ihre fröhliche Bevölkerung, welche jedoch ungerecht behandelt wurde. Das Volk litt Not vor allem in den großen Peripherien der Städte und im tiefen Landesinneren. Jahrhundertelang wurde es von einer kleinen reichen Elite regiert, der das Geschick der Armen nie am Herzen lag. Wie ein Historiker, ein Mulatte, es ausdrückte, war das Volk sozial „wieder und wieder kastriert; wieder und wieder am Ausbluten“.

Doch allmählich begannen sich die Armen Brasiliens zu organisieren. In jeder Form von Bewegung sammelten sie soziale Macht an und nährten den Traum von einem anderen Brasilien. Es gelang ihnen, soziale Macht in politische Macht zu verwandeln. Sie trugen zur Gründung der Arbeiterpartei, PT (aus dem Portugiesischen Partido dos Trabalhadores) bei. Eines ihrer Mitglieder, ein Überlebender der großen Leidenszeit und ein Maschinist, wurde Präsident von Brasilien. Trotz des ausgeübten Drucks und der Konzessionen, die er durch die national und übernational begüterte Klasse erlitt, gelang ihm eine beachtliche Öffnung des Herrschaftssystems, was ihm ermöglichte, eine humanere Sozialpolitik zu schaffen. Ein Teil der Bevölkerung, so groß wie die ganze Bevölkerung Argentiniens, wurde aus Hunger und Not gerettet. Die Schwarzen und die Armen bekamen Zugang, was zuvor nicht möglich war, zu mittlerer und höherer Bildung. Doch vor allem spürten sie, dass sie ihre Würde zurückbekamen, die ihnen immer verwehrt worden war. Sie betrachteten sich nun selbst als ein Teil der Gesellschaft. Sie konnten sich sogar ein Auto oder eine Einrichtung kaufen oder mit dem Flugzeug fliegen, um entfernt lebende Verwandte zu besuchen. All dies irritierte die Mittelklasse, die um ihre Privilegien fürchtete. So kam es zu Diskriminierung und Hass unter ihnen.

In ihrem 13. Jahr hatte die Lula-Dilma Regierung in Brasilien weltweiten Respekt gewonnen. Doch die Wirtschafts- und Finanzkrise, da systembedingt, erreichte uns und verursachte ökonomische Probleme sowie Arbeitslosigkeit, was die Regierung dazu zwang, starke Maßnahmen zu ergreifen. Die endemische Korruption Brasiliens verstärkte sich in Petrobras und bezog nicht nur die oberen Schichten der PT ein, sondern auch die der großen politischen Parteien. Ein voreingenommener, selbstgerechter Richter konzentrierte sich fast ausschließlich auf die PT. Die Massenmedien, insbesondere deren konservativer Flügel, schufen ein Klischee der PT als Synonym der Korruption. Dies ist jedoch nicht wahr, denn es setzt die eigentliche Mehrheit mit einem kleinen korrupten Segment gleich. Doch die verwerfliche Korruption diente als Vorwand für die reichen Eliten und ihre schon historischen Verbündeten, einen parlamentarischen Coup zu schmieden, denn sie hätten niemals demokratische Wahlen gewonnen.

Aus Angst, die den Armen zugewandte Politik könnte sich konsolidieren, entschieden die Eliten, diese zu liquidieren. Die Methode, die sie zuvor gegen Getulio Vargas und Joao („Jango“) Goulart benutzt hatten, wurde nun aufs Neue in Betracht gezogen unter demselben Vorwand der „Korruptionsbekämpfung“, tatsächlich aber, um ihre eigene Korruption zu verbergen. Die Golpistas bedienten sich des Parlaments, von dem 60 % wegen Verbrechen angeklagt sind, und respektieren nicht die 54 Millionen, die Dilma Rousseff gewählt hatten.

Es ist wichtig klarzustellen, dass sich hinter diesem parlamentarischen Coup die kleingeistigen und unsozialen Interessen der Machthaber verbergen, in Allianz mit der Presse, die die Fakten verdreht und die schon immer mit jedem Staatsstreich in Verbindung stand, gemeinsam mit den konservativen politischen Parteien, einem Teil der öffentlichen Ministerien und der Militärpolizei (die die Panzer ersetzt) und einem Bereich des Obersten Bundesgerichts, dem es an Würde und an Neutralität mangelt. Der Coup richtet sich nicht nur gegen Präsidentin Dilma Rousseff, sondern gegen die Demokratie von partizipatorischem und sozialem Charakter. Es geht hier darum, zum schamlosesten Neoliberalismus zurückzukehren und fast alles dem Markt zu überlassen, der stets dem Wettbewerb unterworfen ist, nicht der Kooperation (darum ist dies Konflikt geladen und antisozial). Zu diesem Zweck beschlossen sie, die Sozialpolitik zunichtezumachen, das Gesundheitssystem zu privatisieren sowie das Bildungswesen und das Öl als auch die sozialen Errungenschaften der Arbeiter/innen anzugreifen.

Präsidentin Rousseff wurde kein einziges Verbrechen zur Last gelegt. Administrative Fehler, die ebenso von vorigen Regierungen begangen worden waren, wurden zur Regierungs-unverantwortlichkeit hochstilisiert, was zur Grundlage für die Amtsenthebung gemacht wurde. Dies ist so, als würde man einen Präsidenten wegen eines geringfügigen Fahrradunfalls zum Tode verurteilen, eine völlig unangemessene Bestrafung. Von den 81 Senatoren, die über sie urteilen werden, sind mehr als 40 in andere Verbrechen involviert bzw. es wird gegen sie ermittelt. Sie zwangen sie auf die Anklagebank, wo diejenigen sitzen sollten, die sie verurteilen. Unter ihnen befinden sich fünf frühere Minister.

Dies ist nicht nur eine Korruption des Geldes. Am schlimmsten ist die Korruption ihrer Herzen und Gedanken, die voller Hass sind. Die Gedanken der Senatoren, die für die Amtsenthebung sind, sind korrupt, denn sie wissen, dass sie eine unschuldige Frau verurteilen. Doch Blindheit und die Interessen der Großkonzerne stehen nun einmal über den Interessen des ganzen Volkes.

Hierzu passt gut das harsche Urteil des Apostels Paulus: „Der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten“ (Röm 1,18). Die Gesichter der Golpistas werden für immer das Kainsmal tragen, der seinen Bruder Abel umbrachte. Die Golpistas töteten die Demokratie. Ihr Andenken wird wegen des von ihnen begangenen Verbrechens verflucht sein. Und Gottes Zorn wird auf ihnen lasten.

Leonardo Boff ist Theologe, Philosoph und Schriftsteller.

Gelegentlich probieren die Superreichen einen Putsch

Die brasilianische Plutokratie (laut der IPEA sind dies 71 tausend Multimillionäre) hat wenig Phantasie. Sie bedient sich derselben Methoden, derselben Sprache, derselben pharisäischen Zuflucht zum Moralismus und zur Bekämpfung der Korruption, um ihre eigene Korruption zu verbergen und einen Coup gegen die Demokratie zu landen, mit dem Ziel, ihre Privilegien zu schützen. Jedesmal, wenn eine Demokratie auftrat, die sich für soziale Fragen öffnet, erfüllt dies die Oberen Zehntausend mit Angst. Sie bündeln dann Kräfte, die den politischen Sektor einschließt, die Staatsanwaltschaft, die Bundespolizei und vor allem die konservative und reaktionäre Presse wie im Fall des Konglomerats O Globo. Das Gleiche geschah bei Getulio Vargas, Joao (Jango) Goulart und nun mit Lula da Silva und mit Dilma Rousseff.

In einem Interview mit La Folha de São Paulo (24.04.2016) schrieb Jesse Souza ganz richtig: „Unserer wohlhabende Elite lag das Geschick unseres Landes nie am Herzen. Brasilien ist eine Bühne für die Streits dieser beiden Projekte: dem Traum eines großen und machtvollen Landes für die Mehrheit einerseits – und die Realität einer habgierigen Elite andererseits, die das Geld von jedermanns Arbeit aufsaugen will und den Reichtum des Landes plündern, um damit die Taschen der Reichen zu füllen. Die wohlhabende Elite ist nur deshalb an der Macht, weil sie in der Lage ist, alle anderen Eliten zu ‚kaufen‘.“ (Wer landete den Putsch gegen wen).

Im aktuellen Prozess zur Amtsenthebung, der Entfernung von Präsidentin Dilma Rousseff, hatten sie einen machtvollen Verbündeten: den staatlichen Komplex aus Gerichtsbarkeit und Polizei, der die Bajonetten ersetzt. Der Vizepräsident eignete sich widerrechtlich den Titel des Präsidenten an und stellte ein Schatten-Ministerium aus mehreren korrupten Ministern zusammen, schwächte die Ministerien für Kultur und Kommunikation sowie die Menschenrechte der Schwarzen und der Frauen, kürzte auf kriminelle Weise die Budgets für Gesundheit und Bildung, die Rechte der Arbeiter, das Mindesteinkommen, die Rechte bezüglich Arbeit, Rente und anderer sozialer Vorteile, die von den vergangenen zwei Regierungen geschaffen worden waren.

Hinter dem parlamentarischen Coup stecken zwei Kräfte, die Jesse Souza erwähnt. Papst Franziskus sagte dies sehr richtig vor zwei Monaten zu Leticia Sabatelle, als diese und andere bekannte Juristen eine Audienz mit dem Papst in Rom hatten, und sie teilten mit Papst Franziskus ihre Sorge über die Bedrohung der brasilianischen Demokratie. Papst Franziskus kommentierte dies mit den Worten: „Dieser Putsch stammt von den Kapitalisten.“

Tatsache ist, dass wir alle müde sind von so viel Korruption, die ganz richtig angeprangert wird, und von den Verzögerungen im Prozess der Amtsenthebung.

Niemand weiß, wohin der Weg uns führt. Eines scheint klar: Das gesellschaftliche Gerüst, das seit Kolonialisierung und Sklaverei mit der reichen Klasse in der Regierung geschaffen wurde, sei es in Gesellschaft oder in der Staatsstruktur, geht seinem Ende zu.

In so düsteren Zeiten wie der jetzigen brauchen wir ein Minimum an theoretischem Konzept, das uns Licht und etwas Hoffnung bringt. Ich lasse mich darin vom bereits verstorbenen Arnold Toynbee leiten. Er war der britische Historiker, der zehn Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb. Um Entstehung, Entwicklung, Reifung und Niedergang einer Zivilisation zu erklären, benutzt Toynbee einen völlig simplen, aber aufschlussreichen Test: „Herausforderung und Antwort“.

Toynbee sagt: Innerhalb von Zivilisationen gibt es immer wieder fundamentale Krisen. Sie sind Herausforderungen, die eine Antwort erfordern. Ist die Antwort auf die Herausforderung exzessiv, so kommt es zu Arroganz und Machtmissbrauch. Das Ideal besteht darin, die Gleichung für ein Gleichgewicht zwischen Herausforderung und Antwort zu finden, sodass die Zivilisation ihren Zusammenhalt wahrt, neue Herausforderungen positiv angeht und erblüht.

Um auf Brasiliens zurückzukommen: Die Wohlhabenden und Mächtigen können nicht auf die Herausforderung antworten, die von der Basis kommt, welche in den vergangenen Jahren enorm an Bewusstsein gewann und ihre Rechte mehr und mehr einklagte. Gleichgültig, wie sehr die Wohlhabenden und Mächtigen die Zahlen auch manipulieren, sie wissen, dass es schwer für sie sein wird, durch Wahlen zurück an die Macht zu kommen. Daher landeten sie diesen Coup. Demoralisiert wie sie sind, können sie einem neuen Brasilien, das sich ihrer Kontrolle entzogen hat, nichts bieten.

Das Erbe der gegenwärtigen Krise wird sich vermutlich zeigen im Entstehen einer neuen Art Brasiliens, seiner Demokratie, seines Staates und anderer Formen von Mitbestimmung des Volkes.

Die Schmerzen der Gegenwart sind nicht die eines Sterbenden am Tor zum Tode, sondern die Geburtswehen eines anderen Brasiliens: demokratischer, mit mehr Mitbestimmung für das Volk und mehr Sensibilität gegenüber der schlimmsten Wunde, die uns mit Scham erfüllt: die abgrundtiefe soziale Ungleichheit. Schließlich wird es ein humaneres Brasilien geben, in dem wir einfach nur glücklich sein können.

Leonardo Boff ist Theologe, Philosoph und Schriftsteller.

Stille Revolutionen: Geselligkeit

Mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 und dem des Sozialismus, der deren Kontrapunkt war (unabhängig von seinen schwer wiegenden inneren Problemen) besetzte schließlich der Kapitalismus den gesamten Raum in Ökonomie und Politik. Mit Margaret Thatcher an der Macht in Großbritannien und Ronald Reagan in den Vereinigten Staaten bekam die Logik des Kapitalismus freie Bahn: die komplette Liberalisierung der Märkte einhergehend mit dem Zusammenbruch jeglicher Kontrollen, der Einführung des minimalistischen Staates, der Privatisierung und dem grenzenlosen Wettbewer

Die sogenannte „glückliche Globalisierung“ war nicht so glücklich.

Der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz schrieb im Jahr 2011: „Nur 1 % der sehr Reichen lenken die Wirtschaft und alle essentiellen Funktionen unseres Planeten so, dass diese ihren eigenen Interessen dienen.“ („Über das 1 % von 1%“ Vanity Fair, Mai 2011). Aus diesem Grund prahlte der Spekulator Warren Buffet, einer der größten Multimillionäre: „Ja, Klassenkampf existiert, doch meine Klasse, die Klasse der Reichen, führt den Kampf an, und wir gewinnen ihn“ (Interview CNN, 2005).

Wie es der Zufall will, gelang es all den Reichen nicht, den Faktor Ökologie in ihre Kalkulationen einzubeziehen. Vielmehr erachten sie die Schätze und Dienste der Natur als wertlose Äußerlichkeiten. Dies geschieht ebenfalls in den Wirtschaftsdebatten in Brasilien, das in dieser Thematik eher rückständig ist, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie z. B. Ladislaus Dowbor.

Parallel zur globalen Hegemonie des kapitalistischen Systems entstanden überall stille Revolutionen. Sie sind die Basisgruppen, Wissenschaftler und andere um die Ökologie besorgte Personen, die alternative Weisen zu den bisherigen lehren, unseren Planeten Erde zu bewohnen. Sollte die Erde weiterhin erbarmungslos gestresst werden, könnte sie sich verändern und ein Ungleichgewicht erreichen, welches in der Lage wäre, einen Großteil unserer Zivilisation zu zerstören.

In solch dramatischem Kontext entstand die Bewegung „The Coexistence“ aus Gruppen, die inzwischen mehr als 3.200 Menschen weltweit zählen (siehe www.lesconvivialistes.org). Es geht ihnen um das Zusammenleben (daher der Name Koexistenz), wobei man sich umeinander und um die Natur kümmert, ohne Konflikte zu leugnen, doch diese zu Faktoren von Dynamik und Kreativität zu machen. Es ist dies eine Win-Win-Politik.

Vier Prinzipien stützen dieses Projekt:

Das Prinzip gemeinsamer Menschlichkeit. Trotz all unserer Unterschiedlichkeit formen wir eine einzige Menschheit, die in Einheit gehalten werden muss.

Das Prinzip gemeinsamer Sozialität: das menschliche Wesen ist sozial und lebt in verschiedenen Gesellschaftssystemen, deren Unterschiede respektiert werden müssen.

Das Prinzip der Individualität: Auch als soziales Wesen hat jeder Mensch das Recht, seine Individualität und seine Einzigartigkeit zu bekräftigen, ohne dadurch den/die anderen zu schaden.

Das Prinzip der verordneten und kreativen Opposition: wer anders ist, kann auf legitime Weise opponieren, muss jedoch stets darauf achten, aus dem Unterschied keine Ungleichheit zu machen.

Diese Prinzipien implizieren ethische, politische, ökonomische und ökologische Konsequenzen, die wir hier nicht detailliert aufführen.

Wichtig ist, anzufangen: von unten zu starten mit Bio-Regionalismus, mit kleinen Einheiten ökologischer Produktion, mit der Generierung von Energie durch Abfall, mit einem Sinn für Selbstbeschränkung und für das rechte Maß, in bescheidenem Maß zu konsumieren und miteinander zu teilen.

Heutzutage ist es besonders wichtig, Geselligkeit zu betonen, denn zurzeit gibt es viele, die kein Zusammenleben mehr anstreben.

Geselligkeit als Konzept wurde von Ivan Illich (1962-2002) in seinem Buch „Werkzeuge zur Geselligkeit“ (Tools for Conviviality, 1973, La convivialidad, 1975) in Umlauf gebracht. Illich war einer der großen Vordenker des 20. Jahrhunderts. Als Österreicher lebte er die meiste Zeit seines Lebens in Süd- und Nordamerika. Für ihn bestand Geselligkeit aus der Fähigkeit, die Dimensionen der Produktion und der Achtsamkeit, der Effizienz und des Mitgefühls, der Massenproduktion und der Kreativität, der Freiheit und der Fantasie, des multidimensionalen Gleichgewichts und der sozialen Komplexität koexistieren zu lassen: Sie alle sollen den Sinn für die universelle Zugehörigkeit bestärken.

Geselligkeit beansprucht für sich auch, eine angemessene Antwort auf die ökologische Krise darzustellen. Geselligkeit kann einen wirklichen Zusammenbruch des Planeten verhindern.

Es wird einen neuen natürlichen Bund mit der Erde und einen sozialen Bund unter den Völkern geben. Der erste Paragraph des neuen Bundes wird das geheiligte Prinzip der Selbstbeschränkung und des rechten Maßes sein; danach geht es um die essentielle Achtsamkeit aller die existieren und leben, um Freundlichkeit zu den Menschen und um Respekt für Mutter Erde.

Es ist möglich, eine gute Gesellschaft zu organisieren, eine Erde der guten Hoffnung (Sachs und Dowbor), wo Menschen Kooperation und Teilen dem Wettbewerb und grenzenlosem Anhäufen von Eigentum vorziehen.

Leonardo Boff ist Theologoe und Schriftsteller