Kein Papst ging bisher in der Verurteilung des Kapitalismus so weit

Michael Löwy ist ein französisch-brasilianischer Soziologe und Philosoph,der sich gut mit der Denkweise der lateinamerikanischen Christen auskennt. Es ist interessant, seine Meinung durch das Interview zu erfahren, das er am 21. Juni 2016 dem Correio da Cidadania gab. Im Folgenden ein Auszug aus dem Interview Lboff:

Die Enzyklika “Laudato Sí“ ist ein direkter Angriff auf das kapitalistische System. Was bedeutet das, wenn man sich vor Augen hält, dass der Angriff von einem Papst stammt?

Bergoglio ist kein Marxist, und der Begriff „Kapitalismus“ kommt in seiner Enzyklika nicht vor. Doch ihm ist klar, dass die dramatischen ökologischen Probleme unserer Zeit aus den „Interaktionen der gegenwärtigen globalen Ökonomie“ resultieren, Interaktionen, die ein globales System schaffen, „ein strukturell perverses System aus Handelsbeziehungen und Eigentum“. Was sind diese „strukturell perversen“ Charakteristika für Franziskus? Zunächst einmal geht es um ein System, in dem die „unbeschränkten Geschäftsinteressen“ und eine „fragwürdige ökonomische Rationalität“ vorherrschen, eine instrumentelle Rationalität, deren einziges Ziel darin besteht, Profit zu vermehren. Für den Papst ist diese Perversität kein einzigartiges Charakteristikum des einen oder anderen Landes, sondern ein Charakteristikum für „ein Weltsystem, in dem Spekulation und die Prinzipien der Profitmaximierung und das Streben nach finanzieller Rentabilität vorherrschen, ein System, das dazu neigt, jeglichen Kontext und Auswirkung auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren. Dadurch zeigt sich die enge Verflechtung zwischen Umweltverschmutzung einerseits und menschlicher und ethischer Verkümmerung andererseits.“ Andere perverse Eigenschaften des Systems bestehen in der Besessenheit auf unbegrenztes Wachstum, Konsumdenken, Technokratie, in der absoluten Beherrschung durch das Geld und in der Vergötterung des Markts. In seiner destruktiven Logik wird alles zur Ware degradiert und zur „finanziellen Kosten-Nutzen-Rechnung“. Doch wir wissen, dass „die Umwelt eines der Dinge ist, welche die Marktmechanismen nicht beschützen oder adäquat voranbringen können.“ Der Markt ist nicht in der Lage, die qualitativen, ethischen, sozialen, menschlichen oder natürlichen Werte, d. h. die „Werte, die jegliche Kalkulation übersteigen“ in Betracht zu ziehen. Die „absolute“ Macht des spekulativen Finanzkapitals ist ein wesentlicher Aspekt dieses Systems, wie sich bei der jüngsten Finanzkrise herausstellte. Der Kommentar der Enzyklika darüber spricht deutliche Worte: „Die Banken zu jedem Preis zu retten und den Menschen dafür bezahlen zu lassen, bestätigt die absolute Herrschaft des Finanzsektors. Dies kann keine Zukunft haben und generiert nur neue Krisen nach langen kostspieligen vermeintlichen Erholungen.“ Indem er stets den Bezug zu den ökologischen und sozialen Fragen herstellt, zeigt Franziskus, dass „dieselbe Logik, welche drastische Maßnahmen gegen die Erderwärmung erschwert, es unmöglich macht, das Ziel der Ausrottung der Armut zu erreichen.“ In der katholischen Kirche gibt es eine alte Tradition, den liberalen Kapitalismus zu kritisieren bzw. die „Exzesse“ des Kapitals, aber kein Papst vor Franziskus ging bisher so weit in seiner Kapitalismuskritik.

Was kann die Befreiungstheologie den Linken dieser Welt lehren in Anbetracht der unterschiedlichen Gedankenströmungen?

Zuerst einmal lehrt uns die Befreiungstheologie, dass Religion etwas anderes sein kann als ein simples “Opium fürs Volk”. Darüber hinaus sahen Marx und Engels die mögliche Entstehung von religiösen Bewegungen mit einer antikapitalistischen Dynamik voraus. Die Linke muss religiöse Überzeugungen mit Respekt behandeln und linke Christen als einen wesentlichen Teil der Bewegung zur Befreiung der Unterdrückten anerkennen. Die Befreiungstheologie lehrt uns ebenfalls die Bedeutung von Ethik im Prozess der Bewusstmachung und des Vorrangs der Arbeit an der Basis, gemeinsam mit den populären Volksschichten, in deren Nachbarschaft, in ihren Kirchen, ihren ländlichen Gemeinden und in ihren Schulen.

Befindet sich die katholische Kirche Brasiliens auf einer Linie mit Papst Franziskus?

Der Großteil der Bischöfe der brasilianischen Bischofskonferenz, der CNBB, befindet sich mit Franziskus auf einer Linie. Manche würden sogar gern etwas weiter gehen. Andere hingegen denken, dass Franziskus die Glaubenslehre gefährdet, und sie versuchen, seine Vorstöße zu behindern. Doch trotz ihrer Beschränkungen, insbesondere hinsichtlich der Rechte der Frauen auf ihren Körper – Scheidung, Verhütung, Abtreibung -, ist die brasilianische Kirche eine der fortschrittlichsten in der katholischen Welt.

Sollte die “Option für die Armen”, ein Gerüst aus Ideen und praktischen Aktionen, die dem gegenwärtigen politischen und ökonomischen System, das auf Anhäufung und Rückhaltung von Kapital ausgerichtet ist, entgegenstehen, umgesetzt werden, würde dies ganz klar zu einer gewalttätigen Konfrontation führen. Was wäre Ihrer Meinung nach die Haltung des Papstes diesbezüglich?

Traditionell versucht die Kirche, gewalttätige Konfrontationen zu “meiden”. Doch bei der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe 1968 in Medellin wurde eine wichtige Resolution gefasst, die dem Volk das Recht auf Aufstand gegen die Tyrannei und unterdrückerische Strukturen zugesteht. Wie wir wissen, zogen einige Mitglieder des Klerus die logische Konsequenz aus ihrer Option für die Befreiung des Volkes und für den Kampf auf dessen Seite und nahmen an bewaffneten Befreiungskämpfen teil. Dies war bei Camilo Torres in Kolumbien der Fall, der in die Nationale Befreiungsarmee (Ejercito de Liberacion Nacional) eintrat und 1966 im Kampf fiel. Einige Jahre später unterstützte eine Gruppe junger Dominikaner die Nationale Befreiungsaktion ALN, angeführt von Carlos Marighella, im Kampf gegen die Militärdiktatur. Und in den 1970er Jahren nahmen die Cardenal-Brüder und einige andere Ordensleute an der Nationalen Befreiungsfront Nicaraguas (Frente de Liberacion Nacional) teil. Es ist schwer vorauszusagen, welche Arten „gewalttätiger Konfrontationen“ gegen das kapitalistische System auftreten werden, und noch schwerer, welche Position die Kirche dabei einnähme.

Leonardo Boff ist Philosoph und Theologe

Gott im Heute erfahren in einer Situation der Krise

Unsere heutige Zeit ist so sehr von der Politik belastet, dass unsere Psyche davon betroffen ist. Keinen Ausweg zu sehen, im Blindflug zu leben, wie ein steuerloses Schiff dahinzutreiben löscht unseren letzten Lebensfunken. Am Ende vergessen wir, was in unserem Leben essentiell ist.

Wer meinen letzten Artikel “Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?” liest, findet dort den Hintergrund für diese Betrachtung über Gott. In Zeiten wie dieser, ohne pietistisch zu sein, wenden wir uns der Quelle zu, die schon immer die Menschheit nährte. Vor allem in düsteren Zeiten allgemeiner Krisen spüren wir eine Sehnsucht nach Gott. Wir erwarten Sein Licht. Und noch mehr: Mitten in den Turbulenzen möchten wir Gott erfahren und Ihn in unseren Herzen spüren.
Schauen wir uns in der Geschichte um, so sehen wir, dass die Menschheit sich schon immer die Frage nach der Letzten Wirklichkeit gestellt hat. Den Menschen wurde bewusst, dass sie ihren unendlichen Durst nicht ohne etwas Unendliches stillen können, das diesem Durst entspricht. Sie konnte sich die Größe des Universums und unserer eigenen Existenz nicht erklären ohne das, was üblicherweise als Gott bezeichnet wird, selbst wenn diese „Es“ in den verschiedenen Kulturen Tausende von Namen trägt. In der säkularen Sprache von heute sprechen wir in der neuen Kosmologie von der „Urquelle, aus der alle Wesen stammen“.
Trotz dieser unermüdlichen Suche besagt das universelle Zeugnis, dass „niemand jemals Gott sah“ (1 Joh 4,12). Moses bat darum, die Herrlichkeit Gottes sehen zu dürfen, doch dieser sagte ihm: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex. 33,20). Doch selbst wenn wir Ihn nicht sehen können, so können wir Zeichen Seiner Gegenwart wahrnehmen. Dafür brauchen wir nur achtsam zu sein und uns für die Feinfühligkeit des Herzens zu öffnen.
Das folgende Zeugnis eines Cherokee beeindruckte mich. Er sprach von jemandem, der verzweifelt nach Gott suchte, doch die vielen Zeichen der göttlichen Gegenwart nicht wahrnehmen konnte. So lautet die Erzählung:
“Ein Mann flüsterte: Gott, sprich zu mir! Und eine Nachtigall begann zu singen. Doch der Mann achtete nicht darauf. Er bat wiederum: Gott, sprich zu mir! Und ein Donnerschlag hallte durch das Land. Und der Mann achtete nicht darauf. Er bat wieder: Gott, lass mich dich sehen! Ein großartiger Mond schien am Nachthimmel, doch der Mann nahm das nicht wahr. Nervös begann er auszurufen: Gott, zeige mir ein Wunder! Und ein Baby wurde geboren. Doch der Mann hielt sich nicht damit auf, das Baby zu betrachten oder das Wunder des Lebens zu bestaunen. Verzweifelt schrie er: Gott, wenn du existierst, so berühre mich, lass mich deine Gegenwart hier und jetzt spüren. Und ein Schmetterling landete sanft auf seiner Schulter. Doch der Mann schüttelte ihn ärgerlich ab.
Enttäuscht und unter Tränen setzte der Mann seine Reise fort. Er lief ziellos umher, bat um nichts mehr und war voller Angst, da er nicht wusste, wie er die Zeichen von Gottes Gegenwart erkennen konnte.”
Sein Mangel an Achtsamkeit war die Ursache für seine Verzweiflung, seiner Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Das Gegenteil vom Glauben an Gott ist nicht Atheismus, sondern das Gefühl von Einsamkeit und existentieller Verlassenheit. Mit Gott wird alles transformiert und von Sinn erfüllt.
Inmitten unserer aktuellen verstrickten politischen Situation suchen wir nach einer wahren Gotteserfahrung. Dafür müssen wir über unsere rationale Vernunft hinausgehen, welche die Phänomene über deren Verzweigungen zu verstehen sucht, sie berechnet, manipuliert und in das Spiel des Wissens als wissenschaftliche Objektivität sowie als politische Interessen einfügt, wie es zurzeit geschieht. Dieser berechnende Geist denkt zwar über Gott nach, nimmt Ihn aber nicht wahr.
Wir brauchen einen anderen Geist, einen, der Gott fühlt: einen Geist der Feinfühligkeit und der Herzlichkeit, der Bewunderung und Verehrung. Es ist die Vernunft des Herzens oder der Sensibilität, die Gott vom Herzen aus spürt.

Gott lässt sich besser spüren, wenn wir von der Intelligenz des Herzens ausgehen, als wenn wir versuchen, mit den intellektuellen Verstand über Ihn nachzudenken. Dann werden wir begreifen, dass wir niemals allein sind. Eine unauslöschliche, mysteriöse und liebende Gegenwart ist uns zu allen Zeiten nahe.

Ist das nicht der Grund, warum wir Jahrhunderte lang nicht aufhören nach Gott zu fragen? Ist es nicht das, was unsere Herzen füllt, wenn wir Zeit mit Ihm verbringen? Ist es nicht, weil Er es ist, der Namenlose und Mysteriöse, der uns innewohnt? Ist dies nicht der Grund, warum wir glauben, dass es immer eine Lösung für unsere Probleme gibt?

Wir wissen, dass Er es ist, wenn wir keine Angst mehr haben, denn Er ist der wahre Herr der Geschichte. Und wir wagen zu hoffen, dass ein gutes Geschick aus der Dunkelheit entspringen wird, die wir gerade ertragen müssen.

Leonardo Boff ist Ekotheologe und Schriftsteller

 

Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?

Jeder, der sich die politisch-sozioökonomische Situation anschaut, fragt sich: „Gibt es noch Rettung für das heutige Brasilien?Eine Diebesbande, verkleidet als Senatoren und Richter, sind entgegen aller das Gegenteil belegenden Argumente darauf aus, eine unschuldige Frau, Präsidentin Dilma Roussef, zu verdammen, die weder der unrechtmäßiger Aneignung öffentlicher Güter noch irgendeiner persönlichen Korruption anzuklagen ist.

Durch die neuen, wichtigen Enthüllungen wurde klar, dass das Problem nicht Präsidentin Roussef ist, sondern die Operation Lava Jato, welche, abgesehen von einzelnen Beschuldigungen gegen die Arbeiterpartei PT, den Großteil der Oppositionsführer betrifft. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise durch Geschenke von Petrobras profitiert, um ihre Wahlsiege sicherzustellen. „Wir müssen diese Blutung stoppen“, sagte einer der bekanntesten der Korrupten, „sonst wird es uns alle betreffen. Wir müssen Dilma loswerden.

Niemand setzt sein eigenes Vermögen aufs Spiel, um seine Wahlkampagne zu finanzieren. Niemand braucht dies zu tun: Dafür gibt es eine schwarze Kasse, die durch korrupte Unternehmen gefüllt wird, welche sich damit spätere Vorteile für große Projekte zu sichern suchen, oftmals zu überhöhtem Preis. So kommt deren Vermögen zustande.

In den Augen der Welt befinden wir uns in einer lächerlichen Situation: zwei Präsidenten, einer davon unrechtmäßig, schwach und ohne eine Führungsqualität; der andere legitim, aber ausgebootet und zur Gefangenen im eigenen Palast gemacht; zwei Planungsminister: einer ausgebootet, der andere nur ein Ersatz; eine monströse Regierung, reaktionär und im Volk unbeliebt.

Wir befinden uns in der Tat im Blindflug. Niemand weiß, worauf diese Nation zusteuert, die die siebtgrößte Weltwirtschaft mit den weltgrößten Öl- und Gasvorkommen ist sowie von unübertroffenem ökologischem Reichtum, d. h. der Grundlage der künftigen Ökonomie. So wie die Kräfte jetzt aufgestellt sind, führt uns das nirgendwohin außer in einen eventuellen sozialen Konflikt.

Die Armen, die die Mehrheit der Brasilianer stellen, sind es gewohnt zu leiden und einen Ausweg finden zu müssen. Doch es wird ein Punkt kommen, an dem das Leid unerträglich werden wird. Niemand kann mehr gleichgültig bleiben beim Anblick von Kindern, die vor Hunger sterben und am kompletten Mangel an medizinischer Versorgung. Und man kommt zum Schluss: so kann es nicht weitergehen, eine Revolte muss her.

Dies erinnert mich an einen franziskanischen Bischof aus dem 13. Jh. in Schottland, der die vom Papst erhobenen hohen Steuern ablehnte und auf die Nachfrage durch den Papst antwortete: „Ich akzeptiere dies nicht, ich verweigere mich und revoltiere.“ Und der Papst gab nach. Könnte so etwas auch heute bei uns vorkommen?

Wenn ich mich in meinen Reden bemühe, einen Hoffnungsschimmer auszustrahlen und man mir sagt, ich sei wohl ein Pessimist, erwidere ich mit Saramago: „Ich bin kein Pessimist; es ist die Realität, die so deprimierend ist.“ Die Realität ist in der Tat für alle deprimierend, außer für die betuchten Eliten, die an rücksichtslose Ausbeutung gewohnt sind und von der sich verschlechternden Lage des Volkes profitieren. Diese Eliten haben ihren profanen Tempel in Sao Paulos Paulista Avenue, wo sich ein Großteil des brasilianischen BSP konzentriert.

Unser großes Problem besteht im Mangel an Führungspersönlichkeiten. Abgesehen vom früheren Präsidenten Lula, dessen Charisma außer Frage steht, sind nur zwei Personen der Rede wert: Ciro Gomes und Roberto Requiao. Meiner Ansicht nach sind sie die einzigen starken Führungspersönlichkeiten, die den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen, und mehr an Brasilien denken als an parteipolitische Streitereien.

Diese Krise hat einen bisher ungelösten Präzedenzfall in unserer Geschichte, wie Jesse Souza vor kurzem herausstellte (A tolice da inteligência brasileira, 2015). Wir sind die Erben von jahrhundertealtem Kolonialismus, der uns den Stempel des „wertlosen Volkes“ aufdrückte, das immer von Fremden abhängig war.

Noch schlimmer ist das weltliche Erbe der Sklaverei, die ihre Erben La Casa Grande glauben lässt, sie können Herr über Leben und Tod der Schwarzen und Armen sein. Ihnen reicht es nicht, die Schwarzen und Armen an den Rand zu drängen, nein, sie müssen auch noch abgelehnt und gedemütigt werden. Die Mittelklasse imitiert die Oberklasse, indem sie sich von dieser völlig manipulieren lässt und unbewusst zu Komplizen der horrenden sozialen Ungleichheit wird.

Die superreichen Eliten (71.440 Personen, die laut IPEA 600.000 Dollar pro Monat verdienen), die mithilfe der Massenkommunikationsmittel, welche das Öl in der Maschinerie ihrer Beherrschung ist, wurden „Golpistas“ und Reaktionäre. Diesen Eliten lag nie an wahrer Demokratie, sie wollen nur eine Demokratie von sehr niedriger Intensität, welche sie kaufen und manipulieren können. Sie bevorzugen Putsch und Diktatur. Da Putsche nicht länger mit Bajonetten durchgeführt werden können, planten sie etwas anderes: einen Coup mithilfe von künstlicher Manipulation unter korrupten Politikern, eine politisierte juristische Branche, und durch polizeiliche Repression. Folglich gibt es drei Arten von Putsch: durch Politik, Justiz und Polizei.

Ich schließe mit den Worten von Jesse Souza: „Wir befinden uns selbst in einer Welt, in der Politik von einer Diebesbande bestimmt wird, Justiz durch „justicieros“ gemacht wird, die diese protegiert, einer Elite von Blutsaugern und in einer Gesellschaft, die zu materiellem Elend und spiritueller Armut verdammt ist. Es ist wichtig, dass jeder diesen Coup versteht. Es ist der Spiegel dessen, was aus uns wurde.“ Sollte ich hier Heidegger zitieren: „Nur Gott kann uns retten“? Karl Marx ist da vielleicht bescheidener und akkurater, wenn er sagt: „Es gibt immer eine Lösung für jedes Problem“. Und so wird es sein.

Leonardo Boff ist Theologe, Philosoph und Schriftsteller

 

Die Atombombe über Hiroshima und die Olympischen Spiele in Rio

Zu genau dem Zeitpunkt, an welchem die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro am 6. August 2016 um 8:00 Uhr abends beginnen, wird in Hiroshima (Japan) zur entsprechenden Zeit um 8:15 Uhr morgens des entsetzlichen Abwurfs der Atombombe auf diese Stadt gedacht werden. Diese Bombe forderte 242.437 Opfer einschließlich derer, die sofort starben, und derer, die später an den Folgen der radioaktiven Strahlung starben.

Im Kapitulationsschreiben vom 14. August räumte Kaiser Hirohito ein, dass „es eine Waffe war, die die totale Vernichtung der menschlichen Zivilisation verursachen könnte“. Tage später, als er dem Volk die Gründe für die Kapitulation mitteilte, erklärte er, die Hauptursache sei gewesen, dass die Atombombe „den Tod des ganzen japanischen hätte Volkes verursachen könne“. In seiner traditionellen Weisheit hatte Kaiser Hirohito Recht.

Die Menschheit zitterte. Dem Kosmologen Carl Sagen zufolge erkannte die Menschheit plötzlich, dass wir für uns selbst den Beginn unserer Selbstzerstörung erschaffen hatten. Jean-Paul Sartre sagte dasselbe: „Die Menschen werden sich die Mittel für ihre eigene Zerstörung aneignen.“ Entsetzt schrieb der große britische Historiker Arnold Toynbee, der kürzlich 12 Bände über die Geschichte der Zivilisationen schrieb, in seinen Memoiren (Erlebnisse & Erfahrungen, 1969): „Ich lebte, um zu erleben, dass das Ende der Geschichte der Menschheit eine anti-historische Möglichkeit wurde, die tatsächlich eintreten könnte, nicht als ein Eingriff Gottes, sondern als Tat der Menschen.“ Der berühmte französische Naturforscher Théodore Monod sagte nachdrücklich: „Wir sind zu sinnlosem und gestörtem Verhalten in der Lage; von nun an müssen wir alles befürchten, wirklich alles, selbst die Auslöschung der kompletten menschlichen Spezies“ (Und wenn das Abenteuer Menschheit versagt? 2000).

Tatsächlich hat das Entsetzen nichts bewirkt, denn Nuklear-Waffen wurden weiterhin entwickelt, sogar immer stärkere, die in der Lage sind, das Leben von unserem Planeten auszulöschen und der menschlichen Spezies ein Ende zu bereiten.

Zurzeit besitzen 9 Staaten Nuklarwaffen, insgesamt ca. 17.000. Und wir wissen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die Katastrophen von Three Mile Island in den USA, Tschernobyl in der Ukraine und Fukushima in Japan belegen dies auf überzeugende Weise.

Vor einigen Tagen besuchte der US-Präsident Barak Obama zum ersten Mal Hiroshima. Er beklagte nur den Fakt und sagte: „Der Tod fiel vom Himmel und die Welt war verändert … unser moralisches Erwachen begann.“ Doch Präsident Obama hatte nicht den Mut, um Vergebung vom japanischen Volk für die apokalyptischen Szenen zu bitten, die sich dort ereigneten.

Darüber, wie dieser kriegerische Akt zu bewerten ist, wird heute weltweit diskutiert. Viele behaupten eher pragmatisch, dies sei der einzige Weg gewesen, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und Tausende von Opfern auf beiden Seiten zu vermeiden. Andere halten den Gebrauch dieser tödlichen Waffe, nach der offiziellen japanischen Version, für einen „illegalen feindlichen Akt innerhalb der Normen des internationalen Rechts“. Wieder andere gehen noch weiter und behaupten, dass dies ein „Kriegsverbrechen“ und sogar „Staatsterrorismus“ war.

Heute sind wir geneigt zu sagen, dass es sich um einen kriminellen Akt gegen das Leben handelt, der in keiner Weise zu rechtfertigen ist, denn unter ökologischen Gesichtspunkten betrachtet, tötete die Bombe viel mehr als Menschen: alle Formen von Pflanzen, tierisches und organisches Leben und führte ebenfalls zur totalen Zerstörung von Kulturgütern. Normalerweise kämpfen in Kriegen Armeen gegen Armeen, Kriegsflugzeuge gegen Kriegsflugzeuge, Schlachtschiffe gegen Schlachtschiffe. Hier nicht. Es war ein totaler Krieg im Stil der Nazis, der alles tötete, was sich bewegt, der Wasser vergiftet, den Wind kontaminiert und die physikalisch-chemischen Lebensgrundlagen dezimiert. Albert Einstein weigerte sich, am Projekt der Atombombe teilzunehmen, und verurteilte dieses gemeinsam mit Bertrand Russel vehement.

Neben anderen tödlichen Bedrohungen gegen das Lebens- und das Erdystem, bleibt die nukleare Bedrohung die schrecklichste, ein wahres Damokles-Schwert, das über dem Kopf der Menschheit hängt. Wer kann die Irrationalität Nord-Koreas einschätzen, wenn eine zerstörerische Nuklearattacke ausgelöst wird?

Es gibt einen zutiefst menschlichen Vorschlag aus Sao Paulo, Brasilien, von der Gesellschaft der Überlebenden von Hiroshima und Nagasagi („Hibakusha“; man geht von ungefähr 118 Überlebenden aus, die in Brasilien leben), angeführt von Chico Whitaker, einem kämpferischen Gegner der Kernenergie, dass am 6. August zum Zeitpunkt der Eröffnung der Olympischen Spiele eine Schweigeminute eingehalten werden soll, um der Opfer von Hiroshima zu gedenken. Nicht nur dies, sondern auch dass unsere Gedanken sich gegen die Gewalt gegenüber Frauen, Flüchtlingen, Schwarzen und Armen wenden, die systematisch dezimiert werden (in Brasilien waren es allein im Jahr 2015 60 000 jugendliche Schwarze), gegen Indigene, die Quilombolas, die Landlosen, die Obdachlosen, im Prinzip alles Opfer der Unersättlichkeit unseres Systems der Anhäufung von Gütern.

Zu diesem Thema hat der Bürgermeister Hiroshimas bereits einen Brief an das Olympische Organisations-Komitee geschrieben. Hoffen wir, dass das Komitee diesen stummen Schrei gegen Krieg und für Frieden unter allen Völkern der Welt unterstützt.

Leonardo Boff    ist Ekotheologe und Schriftsteller