Zehn Regeln für das Her

Eine ergiebige Diskussion ist ausgebrochen über die Notwendigkeit, die Vernunft des Herzens zu retten. Dies soll die exzessive Rationalisierung unserer Gesellschaft begrenzen und die instrumentelle analytische Vernunft bereichern, welche, wenn auf sich selbst zurückgeworfen, das eigentliche Verhältnis zur Natur, d. h. die Zugehörigkeit, den Respekt für ihre Zyklen und Rhythmen, aushöhlen könnte. Wir wollen hier einige Regeln aus der Dimension des Herzens aufzählen.

  1. Schütze das Herz, das biologische Zentrum des menschlichen Körpers. Sein Schlagen lässt das Blut durch den gesamten Organismus fließen und gibt diesem somit Leben. Überfordere es nicht mit zuviel fetthaltiger Nahrung und alkoholischen Getränken.
  2. Gib gut auf das Herz Acht. Es ist unser psychisches Zentrum. Wie Jesus schon warnte, kommen alle guten und bösen Dinge vom Herzen. Handle auf solche Weise, dass dein Herz nicht durch riskantes und gefährliches Verhalten überstimuliert wird. Halte es ruhig durch einen gelassenen und gesunden Lebensstil.
  3. Überwache dein Herz. Es repräsentiert unsere Tiefendimension. Im Herzen findet sich das Gewissen, das immer mit uns ist, das uns rät, warnt und auch bestraft. Philologisch bedeutet Enthusiasmus, einen “inneren Gott” zu haben, der uns wärmt und erleuchtet. Das tiefe Gefühl des Herzens überzeugt uns davon, dass die Absurdität niemals über dem gesunden Menschenverstand steht.
  4. Kultiviere die Sensibilität, eine Eigenschaft des Herzens. Lass nicht zu, dass die Sensibilität durch funktionelle Vernunft dominiert wird. Bringe sie miteinander in Einklang. Aufgrund der Sensibilität können wir das Herz des Anderen fühlen. Durch Sensibilität wissen wir intuitiv, dass die Berge, Wälder und Urwälder, die Tiere, der mit Sternen übersäte Himmel und auch Gott selbst ein schlagendes Herz besitzen. Schließlich verstehen wir, dass es ein immenses Herz gibt, das durch das gesamte Weltall schlägt.
  5. Liebe dein Herz. Im Herzen ist die Liebe zu Hause. Die Liebe, die der Grund der Freude ist in der Begegnung zwischen einander liebenden Menschen und die die Vereinigung von Körper und Geist zu einer einzigen und mysteriösen Wirklichkeit ermöglicht. Liebe, die das Wunder des Lebens erwirkt durch die liebende Vereinigung der Geschlechter und der selbstlosen Hingabe, der Fürsorge für die Hilflosesten, die inklusiven sozialen Beziehungen, Kunst, Musik und die mystische Ekstase, die der liebenden Person ermöglicht, mit Dem Geliebten zu verschmelzen.
  6. Habe ein mitfühlendes Herz. Ein Herz, das weiß, wie es aus sich herausgeht und sich dem Anderen anschließt, mit ihm leidet, mit ihm zusammen das Kreuz des Lebens teilt sowie die Freude gemeinsam feiert.
  7. Öffne das Herz für die essentielle Zärtlichkeit. Die essentielle Zärtlichkeit ist so zart wie eine Feder, die aus dem Unendlichen kommt und uns kraft ihrer Berührung erkennen lässt, dass wir Brüder und Schwestern sind und dass wir zur selben Menschheitsfamilie gehören, die zusammen dasselbe Gemeinsame Haus bewohnen.
  8. Halte dein Herz bereit für die Achtsamkeit, damit der Andere wichtig für dich sein kann. Das Herz heilt alte Wunden und bewahrt vor künftigen. Wer liebt ist achtsam, und wer achtsam ist, liebt.
  9. Forme dein Herz mit Zärtlichkeit. Wenn du Liebe aufrechterhalten willst, so umgib sie mit Zärtlichkeit und Behutsamkeit.
  10. Reinige dein Herz Tag für Tag, sodass die Schatten, Verbitterung und Rachsucht, welche auch im Herzen leben, niemals über das Gute, die Höflichkeit und die Liebe siegen. Dann wird dein Herz im Rhythmus des Weltalls schlagen und Ruhe im Herzen des Mysteriums finden, der Urquelle, aus der alles kommt, die wir schlicht Gott nennen.

Die folgenden fünf Empfehlungen, die die Liebe verstärken, sind ebenfalls sinnvoll:

  1. Gib dein Herz in alles hinein, worüber du nachdenkst, und in alles, was du tust. Ohne das Herz zu sprechen klingt kalt und institutionell. Wörter aus dem Herzen gesprochen erreichen die Tiefe der Menschen. Auf diese Weise wird Harmonie mit den Fragenden oder Zuhörenden hergestellt. Dies erleichtert das Verständnis und die Zugehörigkeit.
  2. Wenn logisches Denken zum Ausdruck gebracht wird, fügt das Herz dem die Emotion hinzu. Zwinge es nicht, denn es wird spontan die tiefe Überzeugung dessen, woran du glaubst und was du sagst, zum Vorschein bringen. Nur auf diese Weise wird das Herz des Anderen erreicht und überzeugt.
  3. Die kalte intellektuelle Intelligenz, die vorgibt, alles zu verstehen und zu lösen, schafft eine rationalistische und reduktionistische Wahrnehmung der Realität. Doch der Exzess der Vernunft des Herzens und der Gefühle kann ebenfalls zu einem rührseligen Sentimentalismus und zu populistischen Tiraden führen, die die Menschen abstoßen. Es muss immer die richtige Ausgewogenheit zwischen Herz und Verstand angestrebt werden, doch stets durch die Verbindung beider Pole, beginnend beim Herzen.
  4. Wenn du zu einem Auditorium oder zu einer Gruppe sprechen musst, versuche Harmonie mit der zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort bestehenden Atmosphäre zu finden. Wenn du sprichst, sprich nicht nur vom Kopf, sondern gib deinem Herzen den Vorrang. Das Herz fühlt, vibriert und lässt auch den Anderen vibrieren. Das logische Denken der intellektuellen Intelligenz ist nur dann effizient, wenn es sich mit der Sensibilität des Herzens verbindet.
  5. Glauben heißt nicht, über Gott nachzudenken. Glauben heißt, Gott mit dem Herzen zu erspüren. Dann verstehen wir, dass wir stets in der Hand Gottes gehalten sind und dass uns eine liebende und kraftvolle Energie erhellt und erwärmt und über die Wege des Lebens herrscht, über die Erde und das ganze Universum.

Leonardo Boff, Theologe und Schrifsteller.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Eine Kultur, die das Herz in den Mittelpunkt stellt

Seit dem sogenannten Zeitalter der Aufklärung (1715 – 1789) hat unsere Kultur auf rigorose Weise das Verständnis von René Descartes (1596 – 1650) angewandt, demzufolge der Mensch „Herr und Meister“ der Natur ist und mit ihr nach eigenem Gutdünken verfahren kann. Descartes stellte die Vernunft und das wissenschaftliche Denken über alles: was vor diesen nicht bestehen kann, verliert seine Legitimität. Daraus folgte eine herbe Kritik an allen Traditionen, vor allem aber am traditionellen christlichen Glauben.

Dies verschloss auch dem Geist, der zu Wissen führt, ohne notwendigerweise über die rationalen Wege zu gehen, viele Türen. Bereits Blaise Pascal bemerkte diesen Reduktionismus in seinen „Gedanken“ über die „Logik des Herzens“ („Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“) und im „Esprit de Finesse“, das sich selbst vom „Esprit der Geometrie“ distanzierte, d. h. von der berechnenden und analytisch-instrumentellen Vernunft.

Doch was sorgfältig an den Rand gedrängt und sogar diffamiert wurde, war das Herz, das Organ der Feinfühligkeit und des Universums der Emotionen, unter dem Vorwand, dass es aus wissenschaftlicher Sicht „klare und unverwechselbare Ideen“ (Descartes) verderben würde.

Daraus entstand herzloses Wissen, das dem Ziel der Moderne dient, welches darin bestand und noch heute besteht, das Wissen in Macht zu verwandeln, eine Macht als Mittel, um die Natur, Völker und Kulturen zu beherrschen. Dies war das Verständnis, das allem Kolonialismus, Sklaverei und schließlich der Zerstörung der Anderen, wie der reichen Kulturen der indigenen Völker Lateinamerikas, zugrunde lag (man denke an Bartolomé de las Casas und seinen Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder).

Erstaunlicherweise zeigte jede moderne Erkenntnistheorie, die sich auf Quantenmechanik, neue Astronomie, phänomenologische Philosophie und analytische Psychologie beruft, dass jegliches Wissen bereits von den Gefühlen des Subjekts geprägt ist, und dass das Subjekt und Objekt unauflöslich miteinander verbunden sind, teilweise auch durch verborgene Interessen (J. Habermas).

Von diesen Beobachtungen ausgehend und mit der erbarmungslosen Erfahrung moderner Kriege dachte man daran, das Herz zu rehabilitieren. Schließlich ist das Herz der Sitz der Liebe, der Zuneigung, des Mitgefühls, des Respektgefühls, der Basis menschlicher Würde und unveräußerlicher Rechte. Michel Mafessoli aus Frankreich, David Goleman aus den USA, Adela Cortina aus Spanien, Muniz Sodre aus Brasilien und viele andere rings um den Globus haben hart daran gearbeitet, die emotionale Intelligenz bzw. die sensible Vernunft oder die Vernunft des Herzens zu retten. Ich persönlich glaube, dass wir uns angesichts der globalen Krisen unseres Lebensstils und unseres Verhältnisses zur Erde ohne Vernunft des Herzens keinen Schritt in Richtung Rettung der Vitalität von Mutter Erde bewegen und die Zukunft unserer Zivilisation nicht gewährleisten können.

Was uns neu und wie eine Eroberung erscheint – die Rechte des Herzens – war Dreh- und Angelpunkt der großen Kultur der Maya in Mittelamerika, insbesondere in Guatemala. Da die dortige Bevölkerung nicht die Beschneidung durch die moderne Vernunft erfuhr, hielt sie treu an ihren Traditionen fest, die sie von ihren Großmüttern und Großvätern über die Generationen hinweg empfing. Die wichtigsten Texte darüber, das Popol Vuh und das Buch von Chilam Balam von Chumayel bezeugen diese Weisheit.

Ich habe oftmals an Maya-Zelebrationen mit deren Priestern und Priesterinnen teilgenommen. Diese finden immer um ein Feuer herum statt. Sie beginnen mit der Anrufung des Herzens der Winde, der Berge, des Wassers, der Bäume und des Herzens der Vorfahren. Diese Rufe geschehen unter einem lokal parfümierten Weihrauch, der viel Dampf entstehen lässt.

Als ich ihren Reden über die Energien der Natur und des Universums zuhörte, schien mir, dass, abgesehen von der unterschiedlichen Sprache, ihre Weltsicht sehr der Sicht der Quantenphysik ähnelt. Für sie ist alles Energie und Bewegung, zwischen Herausbildung und Zerfall (wir würden sagen: die Dialektik von Chaos und Kosmos), was dem Universum Dynamik verleiht. Sie waren bedeutende Mathematiker und erfanden die Zahl Null. Ihre Berechnungen der Sterne ähneln in vielerlei Hinsicht dem, was wir mit modernen Teleskopen herausfanden.

Sie bringen so schön zum Ausdruck, dass alles Existierende aus der liebenden Begegnung zweier Herzen entstand, dem Herz des Himmels und dem der Erde. Die Erde ist die Pacha Mama, ein lebendiges Wesen, das fühlt, intuitiv erfassen kann, vibriert und das die Menschen inspiriert. Menschen sind die „illustren Söhne und Töchter, die Sucher und Forscher über die Existenz“; dies erinnert uns an Martin Heidegger.

Das Wesen des Menschen ist das Herz, um das man sich kümmern muss, sodass es freundlich, verständnisvoll und liebend sein kann. Alle lebenslange Ausbildung besteht darin, die Dimension des Herzens zu kultivieren. Die La Salle Brüder leiten in der Hauptstadt von Guatemala eine große Hochschule – Prodessa -, wo junge Maya in einem zweisprachigen Internat leben können. Dort wird die Weltsicht der Maya aufgegriffen und systematisiert, und gleichzeitig wird das Wissen der Vorfahren integriert und verbunden mit der Moderne, vor allem in Verbindung mit der Landwirtschaft und einem respektvollen Verhältnis zur Natur.

Ich freue mich, mit einem Text zu schließen, den mir eine weise Maya-Frau am Ende eines Treffen mit Mayas gab: “Wenn du zwischen zwei Wegen wählen musst, frage dich, welcher der beiden ein Herz hat. Wer den Weg des Herzens wählt, wird sich nie irren“ (Popol Vuh).

Leonardo Boff Theologe und Schriftsteller

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Leben des Geistes, Ethik der Erde und Antoine de Saint-Exupéry

Wenn es stimmt, dass die Klimaveränderungen von Menschen gemacht sind, d. h. dass ihr Ursprung im verantwortungslosen Verhalten der Menschen liegt (weniger der Armen, sondern vielmehr der großen Industriekonzerne), dann wird klar, dass es hier eher um eine ethische als um eine wissenschaftliche Frage geht. Das liegt daran, dass unser Verhältnis zur Natur und unserem Gemeinsamen Haus nicht adäquat und positiv war und auch heute nicht ist. Papst Franziskus sagt dies in seiner inspirierenden Enzyklika „Laudato Si“ über die Sorge um das Gemeinsame Haus (2015): „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten… Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt.“ (Nr. 53)

Dieser Kurswechsel beinhaltet dringend eine regenerative Ethik für die Erde. Diese Ethik muss auf Prinzipien gegründet sein, die universell sind, verständlich und für jede und jeden praktikabel. Es geht um die essentielle Achtsamkeit, das liebevolle Verhältnis zur Natur, den Respekt für jedes Lebewesen, denn jeder und jede besitzt einen Wert in sich selbst, die mit allen geteilte Verantwortlichkeit für die gemeinsame Zukunft der Erde und der Menschheit, die universelle Solidarität, in der wir einander helfen, und schließlich das Mitgefühl, durch das wir das Leid der anderen und der Natur selbst zu unserem eigenen machen.

Diese Ethik für die Erde muss ihre beschädigte Lebenskraft wiederherstellten, sodass sie in der Lage ist, uns weiterhin all das zu geben, was sie uns schon immer während unserer gesamten Existenz auf diesem Planeten gegeben hat.

Doch eine Ethik für die Erde ist nicht ausreichend. Wir müssen sie durch Spiritualität ergänzen. Eine solche Spiritualität hat ihre Wurzeln in der Vernunft des Herzens und des Verstands. Von dort empfangen wir die Leidenschaft für die Achtsamkeit und eine ernsthafte Hingabe aus Liebe, Verantwortlichkeit und Mitgefühl für das Gemeinsame Haus.

Der bekannte und stets hoch verehrte Antoine de Saint-Exupéry schrieb in einem Text von 1943, der erst posthum bekannt wurde, dem Brief an General „X“ (Lettre au général „X“) ausdrücklich: „Es gibt nur ein einziges Problem, nur eines: wiederzuentdecken, dass es ein Leben des Geistes gibt, dass sogar noch höher ist als das Leben der Intelligenz, das einzige, das den Menschen zufriedenstellen kann“.

Ein weiterer Text aus dem Jahr 1936, als er Korrespondent für den Paris Soir während des spanischen Bürgerkriegs war, trägt den Titel „Es ist wesentlich, dem Leben einen Sinn zu verleihen“. In diesem Artikel greift er das Thema des Lebens des Geistes wieder auf. Zu diesem Zweck bekräftigt er: „Wir müssen einander in Gegenseitigkeit verstehen; der Mensch wird real nur gemeinsam mit anderen Menschen, in Liebe und Freundschaft; jedoch vereinen sich Menschen nicht nur, indem sie einander näher kommen, sondern indem sie in derselben Gottheit fusionieren. Wir sind durstig. In einer Welt, die zur Wüste gemacht wurde, dürsten wir danach, Kameraden zu finden, mit denen wir unser Brot teilen können“. Und den Brief an den General „X“ endet er mit den Worten: „Wir brauchen so sehr einen Gott…

Tatsächlich kann nur das Leben des Geistes den Menschen völlig zufriedenstellen. Das Leben des Geistes ist ein schönes Synonym für Spiritualität, die oft mit Religiosität identifiziert oder verwechselt wird. Das Leben des Geistes ist viel mehr. Es ist ein ursprünglicher Aspekt unserer tiefen Dimension, ein anthropologischer Fakt wie die Intelligenz und der Wille, etwas, das zu unserem Wesen gehört.

Wir wissen, wie wir unseren Körper pflegen müssen. Dies ist inzwischen ein wahrer Kult, der in so vielen Gymnastikkursen zelebriert wird. Die Psychoanalytiker diverser Richtungen helfen uns, uns um das Leben der Psyche zu kümmern, unsere Impulse, die in uns hausenden Engel und die Dämone, ins Gleichgewicht zu bringen, dieses Leben weiterhin in einem relativen Gleichgewicht zu halten.

Doch in unserer Kultur vergessen wir alle, das Leben des Geistes zu kultivieren. Dies ist unsere radikalste Dimension, in der die großen Fragen beheimatet sind, wo unsere kühnsten Träume sind und wo die großzügigsten Utopien formuliert werden. Das Leben des Geistes wird von solch immateriellen Gütern genährt wie der Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, Achtsamkeit und Offenheit für das Unendliche. Ohne das Leben des Geistes ziehen wir heimatlos herum und ohne einen Sinn, der uns führt und unser Leben lebenswert macht.

Eine Ethik der Erde kann nicht lange allein bestehen ohne diesen Zusatz einer „supplément d’âme“, d. h. das Leben des Geistes, das uns zum Höchsten hinzieht und zu Taten, um Mutter Erde zu retten und wiederzubeleben. Ethik und das Leben des Geistes sind unzertrennliche Zwillingsschwestern.

Übersetzt von Bettina Gold-Harnack

 

Wir müssen Brücken bauen zwischen dem Leben und der Politik

Wir beobachten im heutigen Brasilien unter den Menschen eine ernstzunehmende Aufspaltung aus parteipolitischen Gründen. Da gibt es solche, die aufhörten, an den gemeindlichen Weihnachtsfeiern teilzunehmen, weil es unterschiedliche politische Auffassungen gab: die einen aus Gründen der Kritik an der Regierungspartei, da diese in der Wahlkampagne gelogen haben soll; die anderen wegen der exzessiven Korruption, die wichtigen Gruppen der Arbeiterpartei PT angelastet wird. Einige sind starke Verfechter für die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff. Andere halten das berühmte „pedaladas“ (Pedale-Treten) für keinen ausreichenden Grund, sie aus dem höchsten Staatsposten zu heben, den sie durch die Wahl der Mehrheit des Volkes errang. Wir sind uns darin einig, dass die „pedaladas“ eine Sünde sind, doch es handelt sich nur um eine lässliche Sünde, die ohne böse Absicht begangen wurde. Für eine lässliche Sünde wird, gemäß einer vernünftigen Theologie, niemand zur Hölle verdammt. Schlimmstenfalls kommt man für eine gewisse Zeit in Gottes reinigende Klinik, das Fegefeuer. Das Fegefeuer ist nicht die Vorhölle, sondern der Vor-Himmel.

Wir wollen diese Gegensätze jetzt einmal außer Acht lassen. Tatsache ist, dass es zweifellos eine große Irritation in der Gesellschaft gibt, rassistische Intoleranz, bittere Diskussionen und viele Schimpfwörter, die Kinder niemals hören sollten. Vor allem das Internet hat die Tore für Straftaten aller Art geöffnet. Manche Menschen bleiben in der Vergangenheit verankert und denken noch in den Kategorien des Kalten Krieges. Jemanden als „Kommunisten“ zu bezeichnen, ist für sie eine Beleidigung. Sie vergessen, dass die Sowjetunion zusammenbrach und die Berliner Mauer im Jahr 1989 fiel.

Die Brücken zwischen den sozialen Plätzen, die zwar unterschiedlich sind, doch akzeptiert und respektiert wurden, wurden beschädigt oder zerstört. Eine gesunde Gesellschaft kann nicht überleben, wenn ihr soziales Netzwerk zerstört wird. Genau da liegt die Gefahr der Radikalisierung der Rechten (z. B. Militärdiktatur) oder der Linken (wie der totalitäre Sowjet-Sozialismus).

Ich denke, dass uns die Geschichte manch gute Lektion erteilen und uns von der Wahrheit der Dinge eher überzeugen kann als theoretische Argumente. Ich möchte eine Geschichte weitergeben, die ich vor langer Zeit gehört habe und die von großer Überzeugungskraft ist. Sie lautet folgendermaßen:

Zwei Brüder lebten harmonisch in zwei Bauernhöfen, die nahe beieinander lagen. Sie hatten eine gut funktionierende Getreideproduktion, einige Rinder, und sie kümmerten sich gut um ihre Schweine.

Eines Tages hatten sie einen kleinen Streit. Die Gründe dafür waren weniger wichtig: ein Kalb des jüngeren Bruders war herumgestreunt und hatte einen nicht unbedeutenden Teil des Maisfeldes des älteren Bruders gefressen. Sie waren leicht verärgert und stritten sich. Zunächst sah es so aus, als sei die Sache erledigt.

Doch dem war nicht so. Plötzlich sprachen sie nicht mehr miteinander. Sie vermieden es, einander im Laden oder auf der Straße anzutreffen. Sie taten so, als kennten sie sich nicht.

Eines Tages erschien ein Zimmermann auf Arbeitssuche auf dem Hof des älteren Bruders. Dieser sah ihn von oben bis unten an und sagte ihm mit mancher Traurigkeit in der Stimme: „Siehst du den Bach, der da unten entlang fließt? Er ist die Grenze zwischen meinem Bauernhof und dem meines Bruders. Baue mit all dem Holz, das du in diesem Wäldchen findest, einen sehr hohen Zaun, so dass ich nicht mehr gezwungen bin, meinen Bruder oder seinen Hof wiederzusehen. Auf diese Weise werde ich meinen Frieden finden.“

Der Zimmermann nahm den Job an, ergriff das Werkzeug und schritt ans Werk. In der Zwischenzeit ging der ältere Bruder in die Stadt, um sich um seine Geschäfte zu kümmern.

Als er spät am Tag zu seinem Hof zurückkehrte, war er bestürzt über das, was er sah. Der Zimmermann hatte keinen Zaun gebaut, sondern eine Brücke über den Bach, die nun beide Höfe miteinander verband.

Und er sah, wie sein jüngerer Bruder über die Brücke kam und sagte: „Bruder, nach all dem, was zwischen uns geschah, kann ich kaum glauben, dass du diese Brücke gebaut hast, um zu mir zurück zu finden. Du hast Recht; es ist Zeit, unseren Zwist zu beenden. Komm in meine Arme, Bruder!“

Und sie umarmten einander herzlich und versöhnten sich. Der eine Bruder fand seinen anderen Bruder wieder.

Plötzlich sahen sie, dass sich der Zimmermann entfernte. Sie riefen ihn: „He, Zimmermann! Bitte geh nicht weg. Bleibe ein paar Tage bei uns … Du hast uns so viel Freude bereitet…“

Doch der Zimmermann erwiderte: „Ich kann nicht bleiben. Weltweit müssen noch andere Brücken gebaut werden. Es gibt immer noch zu viele Menschen, die miteinander versöhnt werden müssen.“ Und der Zimmermann ging ruhig davon, bis er in einer fernen Kurve des Weges aus dem Blickfeld verschwand.

Die Welt und unser Land brauchen Brücken und Zimmermann-Menschen, die großzügig mithelfen, die Konflikte zu lösen und Brücken zu bauen, so dass wir uns über die Konflikte und Differenzen stellen können, die in der unfertigen Menschheit bestehen. Wir müssen immer und immer wieder lernen und einander lehren, als Brüder und Schwestern in Geschwisterlichkeit zu leben.

Vielleicht ist dies einer der dringendsten ethischen und menschlichen Imperative im gegenwärtigen historischen Augenblick.

Leonardo Boff ist ekotheologe und Schriftsteller.