Die Gesellschaft der Müdigkeit und der sozialen Verdrossenheit

Über die Müdigkeitsgesellschaft wird in aller Welt gesprochen. Zuerst sprach der Koreaner Byung-Chul Han darüber, der in Berlin Philosophie lehrt. Sein Buch, das denselben Titel trägt, wurde 2015 im Vozes-Verlag in Brasilien veröffentlicht. Seine Analyse ist nicht immer einleuchtend und auch diskutabel, wenn er z. B. behauptet, dass “fundamentale Müdigkeit mit einer gewissen Fähigkeit einhergeht “zu inspirieren und den Geist aufwallen zu lassen” (s. S. 73). Abgesehen von den Theorien leben wir in der Tat in einer Gesellschaft der Müdigkeit. In Brasilien leiden wir neben Müdigkeit auch unter einer schrecklichen Niedergeschlagenheit und Verdrossenheit. Lasst uns zuerst über die Gesellschaft der Müdigkeit nachdenken. Gewiss bewirken in uns, wie die Autoren sagen, vor allem die Beschleunigung des historischen Prozesses der Stimuli und Kommunikationsmodi, insbesondere durch kommerzielles Marketing, Mobiltelefonen mit all ihren Apps, die pausenlose Informationsflut, die wir durch die sozialen Medien empfangen, neuronale Krankheiten: Depressionen, Konzentrationsprobleme und das Syndrom der Hyperaktivität. In der Tat sind wir abends gestresst und antriebslos. Wir schlafen nicht gut, sind erschöpft.

Dazu gesellt sich der neoliberale Produktionsrhythmus, der den Arbeitern weltweit auferlegt wird. Insbesondere der nordamerikanische Stil verlangt von jedem die größtmögliche Produktivität. Dies ist auch die allgemeine Regel unter uns. Solche Erwartungen bringen Menschen aus dem emotionalen Gleichgewicht, verursachen Irritationen und permanente Angstzustände. Die Anzahl der Selbstmorde ist erschreckend. Wir ich bereits zuvor erwähnte, hat sich die 1968er Revolutionsbewegung radikalisiert und wiederbelebt. Damals hieß es “Bus, Arbeit, Bett”. Nun sagt man “Bus, Arbeit Grab”. Das heißt: fatale Krankheiten, Verlust des Lebenssinns und wahre psychische Störungen.

Lasst uns beim Beispiel Brasilien bleiben. Eine allgemeine Entmutigung hat sich in den letzten Monaten unter uns ausgebreitet. Die Wahlkampagne, die mit großer verbaler Virulenz, Beschuldigungen und Vorspiegelungen falscher Tatsachen ausgetragen wurde, und die Tatsache, dass der Sieg der Arbeiterpartei (PT) nicht akzeptiert wurde, löste in der Opposition das Verlangen nach Rache aus. Geheiligte Prinzipien der PT wurden durch Korruption in höchstem Grade verraten, was zu einer tiefen Desillusion führte. Dies steht im Widerspruch zu unseren guten Gewohnheiten. Die Sprache kannibalisierte sich. Vorurteile gegenüber den Mitbürgern aus den nördlichen Landesteilen und das Herabwürdigen der schwarzen Bevölkerung traten zutage. Wir können, wie Sergio Buarque de Holanda sagt, auch im negativen Sinne herzlich sein: wir können agieren aus einem mit Wut erfüllten Herzen, mit Hass und voller Vorurteile. Die Situation verschlimmerte sich immer mehr bis hin zur Drohung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Präsidentin Dilma Roussef aus unklaren und fragwürdigen Gründen.

Nicht in der Theorie, sondern in der Praxis haben wir erlebt, dass unter uns ein wahrer Klassenkampf besteht. Die Interessen der privilegierten Klassen stehen im Widerspruch zu den verarmten Klassen. Die reichen, traditionell hegemonischen, Klassen fürchten die Inklusion der Armen und den Aufstieg anderer Teile der Gesellschaft, welche inzwischen begannen, Plätze für sich zu beanspruchen, die bisher nur den Reichen vorbehalten waren. Wir müssen erkennen, dass weltweit gesehen Brasilien eines der Länder mit der größten Ungleichheit ist. In Brasilien gibt es mehr soziale Ungerechtigkeit, Gewalt breitet sich aus, und die Anzahl der Morde entspricht der der Toten im Irakkrieg. Und zahlreiche Arbeiter leben unter Bedingungen, die der Sklaverei gleichkommen.

Ein Großteil dieser Kriminellen gibt vor, Christen zu sein: Christen, die andere Christen quälen, die aus dem Christentum statt eines Glaubens eine kulturelle Einstellung machen, etwas Lächerliches und wahrhaft Gotteslästerliches.

Wie können wir dieser menschlichen Hölle entrinnen? Unsere Demokratie beruht nur auf Wahlen. Sie repräsentiert nicht das Volk, sondern die Interessen derer, die die politischen Kampagnen finanzieren. Daher ist unsere Demokratie bloße Fassade oder bestenfalls eine Demokratie auf sehr niedrigem Niveau. Von den Spitzengremien haben wir nichts zu erhoffen, denn unter uns hat sich ein weltumspannender wilder Kapitalismus ausgebreitet, der jegliche Kräftebündelung unter den Klassen zerstört.

Ich sehe einen möglichen Ausweg, der von einem anderen sozialen Ort kommt, und zwar von denen, die von unten kommen, von der organisierten Gesellschaft und den sozialen Bewegungen, die einen anderen Ethos besitzen und einen Traum für Brasilien und die Welt haben. Doch die Menschen müssen sich bilden und sich organisieren. Sie müssen Druck auf die beherrschenden Klassen und auf den patriarchalen Staat ausüben, und sie müssen darauf vorbereitet sein, ein alternatives Gesellschaftsmodell zu unterbreiten, das noch nicht ausprobiert wurde, doch dessen Wurzeln sich in der Vergangenheit befinden, als sie für ein anderes Brasilien kämpften, das seinen eigenen Weg geht. Von da aus müssen wir einen neuen Sozialpakt formulieren, durch eine ökologisch-soziale Konstitution, die das Ergebnis einer inklusiven konstitutionellen Versammlung ist, eine radikale politische Reform, eine konsistente agrarische und urbane Reform sowie die Schaffung eines neuen Bildungsmodells und eines sozialen Gesundheitsservice. Ein ungebildetes und krankes Volk wird niemals in der Lage sein, eine neue und lebbare Bio-Zivilisation in den Tropen zu gründen.

Dieser Traum kann uns herausreißen aus der sozialen Müdigkeit und Verdrossenheit und uns die nötige Energie zurückgeben, um den Verbänden der Konservativen entgegenzutreten und die gut begründete Hoffnung hervorzulocken, dass nicht alles völlig verloren ist, dass wir eine historische Aufgabe für uns selbst zu erfüllen haben, für unsere Nachkommen und für die ganze Menschheit. Ist dies eine Utopie? Ja, wie Oscar Wilde zu sagen pflegte: “Wenn Utopia nicht auf unserer Landkarte verzeichnet ist, sucht es nicht, denn es verbirgt vor uns, was am Wichtigsten ist.” Aus dem gegenwärtigen Chaos muss etwas Gutes und Hoffnungsvolles entstehen, denn dies ist die Lektion, die der kosmische Prozess uns in der Vergangenheit erteilte und uns noch heute erteilt. Anstatt sozialer Verdrossenheit und Müdigkeit werden wir eine Kultur der Hoffnung und der Freude haben.

Leonardo Boff ist Theologe und Schriftsteller und schrieb “Die Erde ist uns anvertraut” Butzon & Berker 2010

 

 

Frieden: ein rares, doch stets begehrtes Gut

Was wir am meisten zu Beginn eines neuen Jahres hören, sind Wünsche für Frieden und Glück. Wenn wir die derzeitige Weltsituation realistisch betrachten, einschließlich die der verschiedenen Länder und unseres Landes, stellen wir fest, dass es gerade Frieden ist, woran es uns am meisten mangelt. Doch Frieden ist so wertvoll, dass er immer begehrt wird. Wir müssen uns sehr bemühen (beinahe hätte ich gesagt, wir müssen kämpfen, um Frieden zu erringen, was aber widersprüchlich gewesen wäre), um einen minimalen Grad an Frieden zu erlangen, der das Leben erträglich macht: inneren Frieden, Familienfrieden, Frieden am Arbeitsplatz, Frieden im politischen Leben und unter den Völkern. Und wie sehr brauchen wir den Frieden! Abgesehen von den Terrorattacken gibt es weltweit 40 Kriegsorte oder zerstörerische Konflikte.

Die Gründe, warum Frieden zerstört und seine Erlangung so behindert wird, sind zahlreich und sogar mysteriös. Ich werde mich auf den Hauptgrund beschränken: die tiefe soziale Ungleichheit in der Welt. Thomas Piketty schrieb ein ganzes Buch über die Ökonomie der Ungleichheiten (La economia de las desigualdades, Anagrama, 2015). Die simple Tatsache, dass ca. 1 % der Weltbevölkerung aus Multimilliardären besteht, die über einen Großteil des Volkseinkommen bestimmen, und in Brasilien, laut Mario Pochman, einem Experten auf diesem Gebiet, beherrschen 5000 Familien 46 % des BSP, zeigt die Tragweite dieser Ungleichheit. Piketty erkennt, dass „die Frage der Ungleichheit in den Lohnvergütungen zum Hauptthema der heutigen Ungleichheit geworden ist, wenn nicht sogar der Ungleichheit aller Zeiten.“ – Sehr hohe Einkommen für einige Wenige und beschämende Armut für die große Mehrheit.

Vergessen wir nicht, dass die Ungleichheit eine analytisch-beschreibende Kategorie ist. Sie ist kalt, denn sie lässt uns nicht die Schreie der Leidenden hören, die sich dahinter verbergen. Und theoretisch ist sie eine soziale und strukturelle Sünde am Plan des Schöpfers, der alle Menschen nach Seinem Bilde und Ihm ähnlich schuf, mit derselben Würde und denselben Rechten an den Lebensgütern. Diese ursprüngliche Gerechtigkeit (der Sozial- und Schöpfungspakt) wurde in der Menschheitsgeschichte immer wieder gebrochen, und wir haben es mit dem Erbe einer grausamen Ungerechtigkeit zu tun, denn davon sind alle betroffen, die sich nicht selbst verteidigen können.

Einer der kraftvollsten Absätze in der Enzyklika von Papst Franziskus über die Sorge für das Gemeinsame Haus beschäftigt sich mit der „globalen Ungleichheit“ (Nr. 48-52). Dieser Text verdient es, hier zitiert zu werden:

Die Ausgeschlossenen stellen die Mehrheit auf diesem Planeten dar, Milliarden von Menschen. Sie sind zwar in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Diskussionen präsent, doch oftmals scheint es, als sei dieses Thema nur aus Pflichtbewusstsein oder am Rande angesprochen, wenn nicht sogar diese Menschen als ein schierer Kollateralschaden angesehen werden. Tatsächlich kommen sie, wenn es um konkretes Handeln geht, erst ganz am Ende vor, … bei den Diskussionen über die Umwelt sollte es auch um Gerechtigkeit gehen, damit auch die Schreie der Erde und der Armen gehört werden.“ (Nr. 49).

Hierin liegt der Hauptgrund für die Zerstörung der Friedensbedingungen unter den Menschen oder mit Mutter Erde: Wir behandeln unsere Mitmenschen ungerecht; wir kultivieren keinen Gleichheitssinn und keine Solidarität mit denjenigen, die über weniger verfügen als wir und die alle Arten von Entbehrungen erleiden und so zu frühzeitigem Tod verurteilt sind. Die Enzyklika trifft den Hauptnerv, wenn sie sagt: „Wir müssen unser Bewusstsein stärken, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Weder Grenzen noch politische oder soziale Schwellen erlauben uns, uns zu isolieren, und daher gibt es auch keinen Platz für die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (Nr. 52).

Gleichgültigkeit ist Abwesenheit von Liebe, Ausdruck von Zynismus und Mangel an Intelligenz des Herzens und der Sensibilität. Diesen letzten Punkt spreche ich immer in meinen Überlegungen an, denn ohne Intelligenz des Herzens und der Sensibilität reichen wir unsere Hand nicht dem anderen, um für die Erde zu sorgen, welche auch ein Opfer von großer ökologischer Ungerechtigkeit ist: Wir führen einen solchen Krieg an allen Fronten gegen die Erde, sodass sie in einen Chaos-Prozess eingetreten ist mit globaler Erwärmung und den extremen Auswirkungen, die diese erzeugt.

Kurz gesagt: Entweder werden wir auf persönlicher, sozialer und ökologischer Ebene gerecht, oder wir werden uns niemals eines wirklichen Friedens erfreuen können.

Nach meinem Verständnis kommt die beste Definition für Frieden von der Erd-Charta, die sagt: „Frieden ist die Fülle, welche resultiert aus einem korrekten Verhältnis mit sich selbst, mit anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen, mit der Erde und mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind“ (Nr. 16f). Hier wird klar, dass Frieden nicht etwas ist, das aus sich selbst heraus besteht. Frieden ist das Ergebnis von echten Beziehungen mit den anderen Realitäten, die uns umgeben. Ohne solche korrekte Verhältnisse (d. h. Gerechtigkeit) werden wir uns niemals des Friedens erfreuen können.

Für mich ist es offensichtlich, dass es keinen Frieden geben kann im gegenwärtigen Kontext einer Gesellschaft, die von Produktion und Konsum geprägt ist, von Wettbewerb und nicht von Kooperation, die gleichgültig und egoistisch ist und dies weltweit globalisiert. Bestenfalls erlangen wir seichte Befriedung. Auf politischer Ebene müssen wir eine andere Gesellschaftsform gründen, die auf gerechten Verhältnissen unter allen basiert, mit der Natur, mit Mutter Erde und mit dem Ganzen (dem Mysterium der Welt), zu dem wir gehören. Dann wird der Frieden, der ethisch traditionell als „das Werk der Gerechtigkeit“ (opus justiciae, pax) bezeichnet wird, aufblühen.

Leonardo Boff ist Theologe und Schriftsteller

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der annus nefastus von 2015 zerstört nicht die Hoffnung auf den annus propicius von 2016

Das kürzlich beendete Jahr 2015 verdient die lateinische Bezeichnung: annus nefastus. (Unheilsjahr). Andere nennen es annus horribilis (Schreckensjahr). Es gab so viele Katastrophen, dass es nicht nur beängstigend, sondern besorgniserregend ist. Die größte Sorge gilt dem Erdüberlastungstag, den wir am 13. September erreichten. Dies bedeutet, dass an diesem Tag die Kapazität der Erde überschritten wurde, die für das Fortbestehen des Lebens- und des Erdsystems notwendigen Mittel bereitzustellen. Die Erde verlor ihre Biokapazität. Sie ist die Grundlage für all unsere Projekte. Da die Erde ein Super-Wesen darstellt, bestehen die Signale, die sie uns sendet, da sie ihr Limit erreicht hat, aus Dürren, Fluten, Taifune und weltweit wachsender Gewalt.

Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika mehrfach wiederholt, sind wir alle miteinander verbunden. In diesem Kontext ist der Konsens, auf den man sich am 12. Dezember in Paris auf der Klimakonferenz geeinigt hat, eine Illusion: Die globale Erwärmung sollte 2° C nicht übersteigen und zur Mitte des Jahrhunderts bei 1,5°C liegen. Dies setzt einen Wandel unseres Zivilisationsparadigmas voraus, dass wir nicht mehr auf fossile Brennstoffe angewiesen sein werden, obwohl es klar ist, dass alle alternativen Energien zusammen nicht einmal 30 % dessen abdecken können, was wir brauchen. Die großen Öl-, Gas- und Kohleversorger können diesen Richtungswechsel weder vollziehen noch wollen sie ihn. Die Idee ist eine rhetorische.

Das dritte entsetzliche Ereignis ist der gewalttätige Terrorismus in Europa und in Afrika, die Tausende von Flüchtlingen und die Kriege der Militärmächte, die sie gegen den Islamischen Staat und andere bewaffnete Gruppen Syriens führen. Verlässliche Quellen sprechen von Tausenden unschuldiger ziviler Opfer. Ein weiterer schrecklicher Fakt ist die Verwandlung der USA in einen terroristischen Staat. Mit ihren 800 Militärbasen rund um den Globus intervenieren sie direkt oder indirekt, wo immer sie den Eindruck haben, dass ihre imperialen Interessen beeinträchtig werden. In der Innenpolitik haben die USA den „Patriotic Act“, der grundlegende Rechte außer Kraft setzt, nicht abgeschafft. Es ist nicht verwunderlich, dass im Jahr 2015 die US-amerikanische Polizei fast 1000 unbewaffnete Personen tötete, von denen 60 % Schwarze oder Latinos waren.

Eine weitere grausame Tatsache besteht in der Korruption bei PETROBRAS, dem größten brasilianischen Unternehmen, worin Millionen und Abermillionen Dollar involviert sind. Parallel dazu entstand unter uns eine Welle an Hass, Wut und Vorurteilen nach den Präsidentschaftswahlen von 2014. Dies war nicht erstaunlich, denn Brasilien ist ein Land voller Kontraste, wie Roger Bastide es in seinem „Brasilien, Land der Kontraste“ („Brésil, terre des contrastes“, Hachette 1957) ausdrückte. Und bereits vor Bastide schrieb Gilberto Freyre, der größte Spezialist für die Sozialgeschichte Brasiliens: „Insgesamt gesehen war die Bildung Brasiliens ein Prozess des Ausbalancierens unter Antagonisten“.

Dieser Antagonismus, der gewöhnlich durch den „herzlichen Menschen“ unter einer ideologischen Decke gehalten wird, kam ans Tageslicht und ist nun, vor allem in den sozialen Medien, klar erkennbar. Der „herzliche Mensch“, den Sergio Buarque de Holanda, Autor von „Die Wurzeln Brasiliens“ (Raízes do Brasil, 21. Auflage, 1989, S. 100-112), vom Schriftsteller Ribeiro Couto entlehnte, wird im Allgemeinen missverstanden. Hier geht es nicht um Anstand und Höflichkeit. Es geht um unsere Aversion gegen soziale Riten und Formalismen. Wir bevorzugen Informelles und Abgeschlossenheit.

Es ist typisch brasilianisch, dass wir uns mehr von unserem Herzen als von unserem Verstand leiten lassen. Nun, Freundlichkeit und Gastfreundschaft kommen ja vom Herzen. Doch kann, wie Buarque de Holanda es ausdrückt, „Feindschaft so herzlich sein wie Freundlichkeit, denn beides entsteht im Herzen“ (Anm. 157 der S. 106 und 107).

Dieses schwache Gleichgewicht ging 2015 verloren, und die negative Herzlichkeit trat als Hass in Erscheinung, als Vorurteil und Wut gegen die Anhänger der Arbeiterpartei, PT, gegen die Bewohner aus dem Norden und gegen die Schwarzen. Nicht einmal verfassungsgemäß respektable Personen wie die Präsidentin Dilma Rousseff blieben davon verschont. Das Internet hat alle Höllenpforten geöffnet für Beleidigungen, Schimpfwörter, direkte zwischenmenschliche Affronts der einen gegen die anderen.

Solche Ausdruckweisen bringen nur unsere Rückwärtsgewandtheit zutage, unseren Mangel an demokratischer Kultur, unsere Intoleranz und Klassenkampf. Es lässt sich nicht leugnen, dass es in einigen Bereichen tiefe Ressentiments gegenüber Reichen gibt und gegenüber denjenigen, die dank der (nicht sonderlich befreienden) Sozialpolitik der PT-Regierung den Aufstieg schafften. Die brasilianischen Antagonismen stellten sich klar als nicht miteinander vereinbar dar, und nun kommt es zu offenen Kampf-Austragungen gegeneinander (seien es Klassen-, Interessen- oder Machtkämpfe). Doch es geht ein sozialer Riss durch Brasilien, und es wird uns einiges kosten, ihn zu flicken. Nach meinem Verständnis kann dies nur durch eine partizipatorische Demokratie gelingen, jenseits der aktuellen Farce, die die Interessen der reichen Klasse über die des Volkes als Ganzes stellt.

Wirklich wertvoll ist unser unglaublicher Hoffnungsreichtum, der das Unheilsjahr überwindet und zu einem Gnadenjahr führt. Überall gibt es so viele guten Erfahrungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können, und die die Hoffnung auf ein Gnadenjahr rechtfertigen. Möge Gott uns erhören!

Leonardo Boff ist Theologe und Schriftsteller

Überetz von Bettina Gold-Hartnack

 

Der annus nefastus 2015 zerstört nicht die Hoffnung auf den annus propicius

Das kürzlich beendete Jahr 2015 verdient die lateinische Bezeichnung: annus nefastus. (Unheilsjahr). Andere nennen es annus horribilis (Schreckensjahr). Es gab so viele Katastrophen, dass es nicht nur beängstigend, sondern besorgniserregend ist. Die größte Sorge gilt dem Erdüberlastungstag, den wir am 13. September erreichten. Dies bedeutet, dass an diesem Tag die Kapazität der Erde überschritten wurde, die für das Fortbestehen des Lebens- und des Erdsystems notwendigen Mittel bereitzustellen. Die Erde verlor ihre Biokapazität. Sie ist die Grundlage für all unsere Projekte. Da die Erde ein Super-Wesen darstellt, bestehen die Signale, die sie uns sendet, da sie ihr Limit erreicht hat, aus Dürren, Fluten, Taifune und weltweit wachsender Gewalt.

Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika mehrfach wiederholt, sind wir alle miteinander verbunden. In diesem Kontext ist der Konsens, auf den man sich am 12. Dezember in Paris auf der Klimakonferenz geeinigt hat, eine Illusion: Die globale Erwärmung sollte 2° C nicht übersteigen und zur Mitte des Jahrhunderts bei 1,5°C liegen. Dies setzt einen Wandel unseres Zivilisationsparadigmas voraus, dass wir nicht mehr auf fossile Brennstoffe angewiesen sein werden, obwohl es klar ist, dass alle alternativen Energien zusammen nicht einmal 30 % dessen abdecken können, was wir brauchen. Die großen Öl-, Gas- und Kohleversorger können diesen Richtungswechsel weder vollziehen noch wollen sie ihn. Die Idee ist eine rhetorische. Das dritte entsetzliche Ereignis ist der gewalttätige Terrorismus in Europa und in Afrika, die Tausende von Flüchtlingen und die Kriege der Militärmächte, die sie gegen den Islamischen Staat und andere bewaffnete Gruppen Syriens führen. Verlässliche Quellen sprechen von Tausenden unschuldiger ziviler Opfer.

Ein weiterer schrecklicher Fakt ist die Verwandlung der USA in einen terroristischen Staat. Mit ihren 800 Militärbasen rund um den Globus intervenieren sie direkt oder indirekt, wo immer sie den Eindruck haben, dass ihre imperialen Interessen beeinträchtig werden. In der Innenpolitik haben die USA den „Patriotic Act“, der grundlegende Rechte außer Kraft setzt, nicht abgeschafft. Es ist nicht verwunderlich, dass im Jahr 2015 die US-amerikanische Polizei fast 1000 unbewaffnete Personen tötete, von denen 60 % Schwarze oder Latinos waren.

Eine weitere grausame Tatsache besteht in der Korruption bei PETROBRAS, dem größten brasilianischen Unternehmen, worin Millionen und Abermillionen Dollar involviert sind. Parallel dazu entstand unter uns eine Welle an Hass, Wut und Vorurteilen nach den Präsidentschaftswahlen von 2014. Dies war nicht erstaunlich, denn Brasilien ist ein Land voller Kontraste, wie Roger Bastide es in seinem „Brasilien, Land der Kontraste“ („Brésil, terre des contrastes“, Hachette 1957) ausdrückte. Und bereits vor Bastide schrieb Gilberto Freyre, der größte Spezialist für die Sozialgeschichte Brasiliens: „Insgesamt gesehen war die Bildung Brasiliens ein Prozess des Ausbalancierens unter Antagonisten“.

Dieser Antagonismus, der gewöhnlich durch den „herzlichen Menschen“ unter einer ideologischen Decke gehalten wird, kam ans Tageslicht und ist nun, vor allem in den sozialen Medien, klar erkennbar. Der „herzliche Mensch“, den Sergio Buarque de Holanda, Autor von „Die Wurzeln Brasiliens“ (Raízes do Brasil, 21. Auflage, 1989, S. 100-112), vom Schriftsteller Ribeiro Couto entlehnte, wird im Allgemeinen missverstanden. Hier geht es nicht um Anstand und Höflichkeit. Es geht um unsere Aversion gegen soziale Riten und Formalismen. Wir bevorzugen Informelles und Abgeschlossenheit.

Es ist typisch brasilianisch, dass wir uns mehr von unserem Herzen als von unserem Verstand leiten lassen. Nun, Freundlichkeit und Gastfreundschaft kommen ja vom Herzen. Doch kann, wie Buarque de Holanda es ausdrückt, „Feindschaft so herzlich sein wie Freundlichkeit, denn beides entsteht im Herzen“ (Anm. 157 der S. 106 und 107).

Dieses schwache Gleichgewicht ging 2015 verloren, und die negative Herzlichkeit trat als Hass in Erscheinung, als Vorurteil und Wut gegen die Anhänger der Arbeiterpartei, PT, gegen die Bewohner aus dem Norden und gegen die Schwarzen. Nicht einmal verfassungsgemäß respektable Personen wie die Präsidentin Dilma Rousseff blieben davon verschont. Das Internet hat alle Höllenpforten geöffnet für Beleidigungen, Schimpfwörter, direkte zwischenmenschliche Affronts der einen gegen die anderen.

Solche Ausdruckweisen bringen nur unsere Rückwärtsgewandtheit zutage, unseren Mangel an demokratischer Kultur, unsere Intoleranz und Klassenkampf. Es lässt sich nicht leugnen, dass es in einigen Bereichen tiefe Ressentiments gegenüber Reichen gibt und gegenüber denjenigen, die dank der (nicht sonderlich befreienden) Sozialpolitik der PT-Regierung den Aufstieg schafften. Die brasilianischen Antagonismen stellten sich klar als nicht miteinander vereinbar dar, und nun kommt es zu offenen Kampf-Austragungen gegeneinander (seien es Klassen-, Interessen- oder Machtkämpfe). Doch es geht ein sozialer Riss durch Brasilien, und es wird uns einiges kosten, ihn zu flicken. Nach meinem Verständnis kann dies nur durch eine partizipatorische Demokratie gelingen, jenseits der aktuellen Farce, die die Interessen der reichen Klasse über die des Volkes als Ganzes stellt.

Wirklich wertvoll ist unser unglaublicher Hoffnungsreichtum, der das Unheilsjahr (annus nefastus) überwindet und zu einem Gnadenjahr (annus propicius) führt. Überall gibt es so viele guten Erfahrungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können, und die die Hoffnung auf ein Gnadenjahr rechtfertigen. Möge Gott uns erhören!

Überesetzt von Bettina Gold-Hartnack