Die Erde wird den Kapitalismus besiegen

Es ist eine unbestreitbare und traurige Tatsache: Der Kapitalismus als Produktionsweise mit seiner politischen Ideologie, dem Neoliberalismus, hat sich so tief global verankert, dass eine wahre Alternative unmöglich erscheint. Er hat in der Tat jeden Platz besetzt und fast jedes Land zu seinem globalen Interesse auf seine Linie gebracht. Da die Gesellschaft so werbegeprägt ist und aus allem, selbst aus so heiligen Dingen wie menschliche Organe, Wasser und die Bestäubungsfähigkeit von Blumen, Mittel zur Gewinnmaximierung gemacht hat, sehen die meisten Staaten sich dazu gezwungen, in der weltweiten Makro-Ökonomie mitzumachen, und sind weniger dazu geneigt, dem Gemeinwohl ihres Volkes zu dienen.

Demokratischer Sozialismus in seiner fortgeschrittenen Version des Öko-Sozialismus ist eine wichtige theoretische Option, doch global hat er keine ausreichende Fundierung, um umgesetzt zu werden. Rosa Luxemburgs These, die sie in ihrem Buch „Reform oder Revolution“ vertritt, nämlich, dass „die Theorie des Zusammenbruchs des Kapitalismus der Kernpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus‘“ sei, hat sich nicht bewahrheitet. Und der Sozialismus ist zusammengebrochen.

Die Heftigkeit kapitalistischer Akkumulation hat den höchsten Stand seiner Geschichte erreicht. Ca. 1 % der reichen Weltbevölkerung verfügt über fast 90 % des Weltreichtums. Gemäß den Zahlen der angesehenen Nichtregierungsorganisation Oxfam Intermon von 2014 verfügten 85 Mitglieder der Superreichen über genauso viel Geld wie die 3,5 Billionen Ärmsten der Weltbevölkerung. Dieser Grad an Irrationalität und Unmenschlichkeit spricht für sich selbst. Wir leben in sprichwörtlich barbarischen Zeiten.

Bisher traten die üblichen Systemkrisen in den Ökonomien der Peripherie auf, doch seit der Krise von 2007/2008 explodierte es geradezu im Herzen der größten Ökonomien, in den USA und in Europa. Alles scheint darauf hinzuweisen, dass dies keine gewöhnliche Krise ist, die wie üblich gelöst werden kann, sondern dass es sich diesmal um eine systemische Krise handelt, die die Fähigkeit des Kapitalismus, sich selbst zu reproduzieren, zerstört. Die Lösungsansätze der Staaten, die im globalen Prozess die Vorherrschaft innehaben, sind immer die gleichen: noch mehr vom selben. D. h. Fortsetzung der grenzenlosen Ausbeutung der Naturgüter, gelenkt von einer klar materiellen (und materialistischen) Maßnahme, wie dem Bruttosozialprodukt (BSP). Und wehe den Staaten, deren BSP sinkt!

Dieses Wachstum verschlechtert den Zustand der Erde immer mehr. Der Preis für die Reproduktion des Systems ist das, was die Unternehmenssprecher als „externen Effekt“ bezeichnen (das, was nicht in die Betriebsbuchführung einfließt). Davon gibt es vor allem zwei Aspekte: eine sich verschlimmernde soziale Ungerechtigkeit mit hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Ungleichheit und eine bedrohliche ökologische Ungerechtigkeit mit einer Verschlechterung des ganzen Ökosystems, dem Niedergang der Artenvielfalt (Auslöschung von 30 000 – 100 000 Spezies pro Jahr, gemäß den Zahlen des Biologen E. Wilson), die wachsende globale Erwärmung, die Knappheit an Trinkwasser und allgemein die Nicht-Nachhaltigkeit des Lebenssystems und des Erdsystems.

Diese beiden Aspekte zwingen das kapitalistische System in die Knie. Würde es weltweit den Lebensstandard bieten wollen, den wir in den reichen Ländern vorfinden, bräuchten wir mindestens drei Exemplare unserer jetzigen Erde, was natürlich unmöglich ist. Der Grad an Ausbeutung der „Güte der Natur“, wie die Andenvölker die Naturgüter bezeichnen, ist dermaßen, dass wir im letzten September bereits den Erdüberlastungstag erreichten. Mit anderen Worten: der Tag, an dem die Erde nicht mehr in der Lage ist, von sich aus die Ansprüche der Menschen zu erfüllen. Sie braucht anderthalb Jahre, um all das, was innerhalb eines Jahres von ihr genommen wurde, zu reproduzieren. Sie ist in gefährlicher Weise nicht mehr nachhaltig. Entweder wir zügeln unsere Gier nach Anhäufung von Reichtümern, um der Erde eine Pause zu gönnen, damit sie sich wiederherstellen kann, oder wir müssen uns auf das Schlimmste gefasst machen.

Da es sich hier um ein lebendiges Super-Wesen (Gaia) mit endlichen, knappen Gütern handelt, die nun angeschlagen ist, aber noch immer die Elemente vereint, um physikalische, chemische und ökologische Grundlagen zur Reproduktion des Lebens zu gewährleisten, könnte dieser Prozess der exzessiven Verschlimmerung einen sozio-ökologischen Kollaps in dantesken Proportionen verursachen.

Die Konsequenz wäre, dass die Erde endgültig das kapitalistische System besiegt, das nun nicht mehr in der Lage wäre, sich selbst zu reproduzieren mit seiner materialistischen Kultur der Grenzenlosigkeit und der individualistischen Konsumhaltung. Wozu wir in der Geschichte durch alternative Prozesse (das war das Ziel des Sozialismus) nicht in der Lage waren, würde Natur und Erde dann gelingen. Die Erde würde sich tatsächlich selbst vom Krebsgeschwür befreien, das droht, innerhalb des ganzen Organismus von Gaia Metastasen zu bilden.

In der Zwischenzeit besteht unsere Aufgabe innerhalb des Systems darin, die Türen zu öffnen, all seine Widersprüche aufzudecken, um für die Grundlagen unserer Subsistenz zu sorgen: Ernährung, Arbeit, Behausung, Bildung, grundlegende Dienste und etwas Freizeit, vor allem für die einfachen Völker der Erde. Dies geschieht gerade in Brasilien und in vielen anderen Ländern. Vom Schlechten dürfen wir nur das notwendige Minimum nehmen, um für die Kontinuität des Lebens und der Zivilisation zu sorgen.

Darüber hinaus müssen wir beten und uns auf das Schlimmste gefasst machen.

Leonardo Boff ist Theologe und Schriftsteler

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

 

WeiWeihnachten: Jedes Neugeborene ist ein Zeichen, dass Gott noch immer an den Menschen glaubt

 Wir befinden uns in der Weihnachtszeit, doch die Stimmung ist nicht weihnachtlich, sondern entspricht eher einem Karfreitag. Es gibt so viele Krisen, Terrorangriffe, den Krieg, den die kriegerischen und militärischen Mächte (USA, Frankreich, England, Russland und Deutschland) gemeinsam gegen den IS führen, wodurch Syrien fast zerstört wird und Zivilisten und Kinder grausam getötet werden. Wie ihre eigene Presse zugibt, hat die brasilianische Politik die Umwelt durch Bitterkeit und Rachsucht kontaminiert, ganz zu schweigen vom astronomisch hohen Maß an Korruption. All dies lässt die Weihnachtslichter erlöschen und die Weihnachtsbäume in Finsternis versinken, die doch Freude und kindliche Unschuld ausstrahlen sollten, die es noch immer in allen Menschen gibt.

Wer den Kinofilm „Alle Kinder dieser Welt“, bestehend aus sieben verschiedenen Szenen, unter der Regie der bekannten Filmemacher wie Spike Lee, Katia Lund, John Woo u. a., gesehen hat, weiß, wie sehr das Leben der Kinder in vielen Teilen der Welt zerstört ist, die dazu verurteilt sind, von Müll und auf Müllkippen zu leben. Und doch gibt es auch bewegende Momente von Kameradschaft, kleinen Freuden in traurigen Augen und von geteilter Solidarität.

Und nicht zu vergessen, dass es Millionen solcher Kinder in unserer heutigen Welt gibt, und dass das Jesuskind selbst, den biblischen Schriften zufolge, in einem Stall geboren wurde, da es für Maria, die kurz vor der Niederkunft stand, in keiner Herberge Platz gab. Er, der Sohn Gottes, schloss sich dem Geschick aller Kinder an, die durch unseren Mangel an Mitgefühl misshandelt werden.

Jahre später sollte dieser Jesus, nun ein Erwachsener, sagen: „Wer diese meine Brüder und Schwestern bei sich aufnimmt, nimmt mich auf.“ Weihnachten findet statt, wenn eine solche Aufnahme geschieht, so wie die, die Pater Lancelotti in São Paulo für hunderte Straßenkinder unter einem Viadukt organisierte und die jahrelang auf die Präsenz von Präsident Lula zählen konnte.

Inmitten dieser Unheilswelle in der Welt und in Brasilien kommt mir ein Holzbrett in den Sinn, das mir ein Kranker in einem psychiatrischen Krankenhaus schenkte, das ich besuchte, um das Personal zu ermutigen. In das Brett war folgende Inschrift gebrannt: „Jedes Neugeborene ist ein Zeichen, dass Gott noch immer an den Menschen glaubt.“

Kann es einen größeren Beweis für den Glauben und die Hoffnung geben als dies? In manchen afrikanischen Kulturen heißt es, dass Gott vor allem in denjenigen präsent ist, die wir als „verrückt“ bezeichnen. Aus diesem Grund werden sie von jedem aufgenommen und umsorgt, als wären sie ihre Brüder und Schwestern. Auf diese Weise werden sie in der Gesellschaft integriert und leben in Frieden. Unsere Kultur isoliert sie und weigert sich, sie anzuerkennen.

Das diesjährige Weihnachten führt uns zu dieser gekränkten Menschheit und zu all den unsichtbaren Kindern, die ebenso leiden wie das Jesuskind, das gewiss im Winter im ländlichen Bethlehem vor Kälte in der Krippe bibberte. Einer alten Legende zufolge wurde das Jesuskind durch den Atem zweier alter Pferde gewärmt, denen dafür ihre ganze Lebenskraft zurückgegeben wurde.

Es ist gut, sich an die religiöse Bedeutung Weihnachtens zu erinnern: Gott ist weder ein alter bärtiger Mann mit durchdringendem Blick, noch ein strenger Richter, der über all unsere Taten richtet. Gott ist ein Kind. Und als Kind richtet Gott niemanden. Ein Kind möchte nur leben und geliebt werden. Aus der Krippe ertönt es: „Oh, Mensch, habe keine Angst vor Gott! Siehst du denn nicht, dass Seine Mutter Seine Ärmchen eingewickelt hat? Er bedroht niemanden. Noch mehr als zu helfen benötigt er selbst der Hilfe und auf den Armen getragen zu werden.

Keiner verstand besser die menschliche Bedeutung und die Wahrheit des Jesuskindes als Fernando Pessoa:

Er ist das Ewige Kind, der Gott, der uns fehlte. Er ist so menschlich, dass Er natürlich ist. Er ist der Göttliche, der lächelt und spielt. Deshalb weiß ich mit Gewissheit, dass Er das wahre Jesuskind ist. Er ist ein so menschliches Kind, dass Er göttlich ist. Wir beide kommen so gut miteinander aus und mit allen anderen, dass wir einander ohne Worte verstehen.

Wenn ich sterbe, geliebtes Kind, lass mich das Kind sein, das kleinste. Nimm mich in deine Arme und trage mich heim. Entblöße mein müdes und menschliches Wesen. Bringe mich zu Bett, erzähle mir Geschichten, sodass ich wieder einschlafe, falls ich einmal aufwache. Und gib mir deine Träume zum Spielen bis der Tag anbricht, jener, den nur du kennst.

Können wir angesichts solcher Schönheit unsere Gefühle unterdrücken? Dies ist der Grund, weshalb wir trotz all des Elends immer noch Weihnachten feiern können.

Ich schließe mit einer weiteren Botschaft, deren Bedeutung ich mag: „Jedes Kind möchte ein Mann werden. Jeder Mann möchte ein König werden. Jeder König möchte „Gott“ sein. Nur Gott möchte ein Kind sein.

Lasst uns einander umarmen, als umarmten wir das Göttliche Kind, das sich in uns verbirgt und das uns nie verließ. Und möge Weihnachten noch immer ein wirklich fröhliches Fest sein.

Leonardo Boff ist Theologe und Schrifsteller

Übersetzung von Bettina Gold-Hartnack

Der Westen hat sich für die schlechteste Antwort entschieden: Krieg

Die Terroranschläge in Paris vom 13. November, verübt durch islamistische Terroristen, waren zweifellos abscheulich und sind voll und ganz zu verurteilen. Solch schändliche Taten fallen jedoch nicht vom Himmel. Sie haben eine Vorgeschichte, gezeichnet von Wut, Demütigung und Rachsucht.

Wissenschaftliche Studien aus den USA haben gezeigt, dass die kontinuierlichen militärischen Interventionen des Westens, seine Geopolitik hinsichtlich des Mittleren Ostens und zur Gewährleistung der Versorgung mit Öl – dem Blut des Weltsystems, das im Mittleren Osten reichlich fließt – des Weiteren verschlimmert durch die bedingungslose Unterstützung des Staates Israel durch die USA mit dessen notorisch brutaler Gewalt gegen das palästinensische Volk, die Hauptgründe für den islamistischen Terrorismus gegen den Westen und gegen die USA darstellen (siehe die ausführliche Literatur von Robert Barrowes: Terrorism: Ultimate Weapon of the Global Elite, in his site: www.WaisaCrirme.org ).

Beginnend mit George W. Bush, energisch übernommen von François Hollande und seinen europäischen Verbündeten einschließlich Russland und den USA, bestand die Antwort des Westens im unerbittlichen Krieg gegen den Terrorismus, sei es innerhalb Europas oder außerhalb gegen den Islamischen Staat in Syrien und im Irak. Doch dies ist der schlechteste Weg, wie Edgar Morin bemerkte, denn Krieg lässt sich weder durch einen anderen Krieg bekämpfen noch durch Fundamentalismus (den kulturellen Fundamentalismus des Westens, der sich für den weltweit besten hält und sich berechtigt fühlt, diesen allen anderen überzustülpen). Krieg als Antwort, und höchstwahrscheinlich ein nicht enden wollender aufgrund der Schwierigkeit im Bekämpfen von Fundamentalismus oder denjenigen, die ihre eigene Körper in hochexplosiven Bomben verwandeln, basiert immer noch auf dem alten Paradigma der Vor-Globalisierungszeit, ein Paradigma, gehegt von Nationalstaaten, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass die Geschichte einen anderen Weg eingeschlagen hat und dass die menschliche Spezies und das Leben auf dem Planeten Erde heute ein gemeinsames Schicksal teilen. Der Weg des Krieges hat niemals Frieden gebracht, bestenfalls manche Befriedung, eine makabre Last von Wut und Rachsucht auf der Seite der Besiegten hinter sich lassend, die, was wir uns ehrlicherweise eingestehen müssen, niemals wirklich besiegt sein werden.

Das alte Paradigma antwortete auf Krieg mit Krieg. Das neue Paradigma der globalen Phase der Erde und der Menschheit antwortet mit einem Paradigma von Verständnis, Gastfreundschaft aller für alle, Dialog ohne Schranken, gegenseitigen Austausch ohne Grenzen, Win-Win-Situation und Bündnissen aller. Indem Krieg immer destruktiver wird, könnten wir unserer Spezies ein Ende bereiten oder unser Gemeinsames Haus unbewohnbar machen.

Wer kann garantieren, dass die heutigen Terroristen keine ausgeklügelte Technologie verwenden und beginnen, chemische und biologische Waffen zu verwenden, die beispielsweise in die Wasserversorgung einer Großstadt eingeleitet würden und zu noch nie dagewesenen Menschenverlusten führen könnten? Es ist uns bekannt, dass sie sich bereits darauf vorbereiten, Cyber Angriffe sowie Angriffe auf Computersysteme in Gange zu bringen, welche sich schädlich auf die komplette Energieversorgung einer Großstadt auswirken könnten, u. a. auf Krankenhäuser, Schulen, Flughäfen und öffentliche Einrichtungen. Die Option Krieg könnte zu diesen Extremen führen, die alle im Bereich des Möglichen liegen.

Wir müssen die Warnungen der Weisen ernst nehmen, wie die von Eric Hobswbam, die sich am Ende seines bekannten Buchs, „The era of extremes: the brief XX Century“ (1995, S. 562) befindet: „Die Welt läuft Gefahr von Explosion und Implosion; die Welt muss sich ändern … die Alternative zur Veränderung heißt Dunkelheit“. Oder die Warnung des hervorragenden Historikers Arnold Toynbee, der in seinem autobiografischen Essay „Experiences“ (1969, S. 422) schrieb, welches er verfasste, nachdem er zehn Bänder über die großen historischen Zivilisationen abgeschlossen hatte: „Ich lebte, um zu sehen, dass das Ende der Geschichte der Menschheit zu einer Möglichkeit innerhalb der Geschichte werden könnte, realisierbar nicht als ein Akt Gottes, sondern als ein Akt des Menschen selbst.“

Der Westen entschied sich für einen Krieg bis zum Schluss. Doch der Westen wird niemals wieder Frieden haben, er wird ein Leben in Angst führen und in Geiselhaft potentieller Angriffe sein, die die Rache der Islamisten sind. Wir wollen hoffen, dass die Szene, die Jacques Attali in „Eine kleine Geschichte der Zukunft“ (2008) beschreibt, nicht zur Realität wird: regionale, immer destruktiver werdende Kriege bis hin zur Bedrohung der menschlichen Spezies. Und die Menschheit wird, um überleben zu können, eine globale Regierung mit einer interplanetarischen Demokratie in Betracht ziehen müssen.

Wichtig ist, unserer Meinung nach, die Existenz eines Islamischen Staats als gegeben hinzunehmen und dann eine pluralistische Koalition der Nationen, diplomatische Mittel und Frieden zu schaffen, um die Bedingungen für einen Dialog herzustellen, um das gemeinsame Geschick der Erde und der Menschheit anzugehen.

Ich fürchte, dass die typische Arroganz des Westens mit seiner imperialistischen Vision, sich in allem für den Besten zu halten, diesen friedfertigen Weg nicht gutheißen wird, sondern den Krieg bevorzugt. In diesem Fall wird die prophetische Aussage von Martin Heidegger, die erst nach seinem Tode entdeckt wurde, bedeutungsvoll werden: „Nur ein Gott kann uns retten.“

Wir sollten jedoch nicht naiv auf göttliche Intervention warten, denn für unser Geschick sind wir selbst verantwortlich. Wir werden sein, wofür wir uns entscheiden: entweder eine Spezies, die sich für Selbstzerstörung entschied und über allem an ihrem absurden Willen zur Macht festhielt, oder dass wir, im besseren Fall, die Grundlage für „einen ewigen Frieden“ (Kant) legen, der uns ermöglicht, sowohl verschieden als auch vereint in unserem Gemeinsamen Haus zu leben.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Religion kann Gutes verbessern und Böses verschlimmern

Alles, was gesund ist, kann krank werden, Religionen und Kirchen sind davon nicht ausgenommen. Dies trifft vor allem heute zu, da wir es mit dem Übel des Fundamentalismus zu tun haben, der wichtige Bereiche von praktisch allen Religionen und Kirchen befällt, einschließlich der Römisch-Katholischen Kirche. Zum Teil kann man von einem wirklichen Religionskrieg sprechen. Man braucht sich nur einige religiöse Programme anzusehen, vor allem die im Fernsehen einer Neo-Pfingstkirche, doch auch in einigen konservativen Bereichen der Römisch-Katholischen Kirche, um zu hören, wie sie Personen oder Gruppen von gewissen theologischen Richtungen verurteilen oder die afro-brasilianischen Religionen verteufeln.

Am stärksten drückt sich dieser kriegsähnliche und zerstörerische Fundamentalismus im sogenannten Islamischen Staat, dem ISIS, aus, der Gewalt und Mord an denen, die sich von ihnen unterscheiden, zu seinem Kennzeichen macht.

Doch es gibt auch eine andere religiöse Untugend, die sich in den Massenmedien findet, insbesondere im Radio und Fernsehen: der Gebrauch von Religion, um Menschen zu rekrutieren, das Evangelium des materiellen Reichtums zu predigen und den Gläubigen Geld aus der Tasche zu ziehen, um ihre Pastoren und selbsternannten Bischöfe zu bereichern. Wir haben es hier mit kommerziellen Religionen zu tun, die der Logik des Marktes gehorchen, d. h. dem Wettbewerb und der Rekrutierung einer größtmöglichen Zahl von Menschen mit maximaler Anhäufung von Geld.

Wenn wir näher hinschauen, stellen wir fest, dass die Mehrzahl dieser Massenmedien-Kirchen nur selten das Neue Testament erwähnt. Das Alte Testament ist vorherrschend. Dies ist verständlich. Im Alten Testament, vor allem bei den Propheten und in anderen Texten, wird das materielle Wohlergehen als Ausdruck göttlichen Gefallens betont. Reichtum steht im Mittelpunkt. Im Neuen Testament werden die Armen selig gesprochen, wird Barmherzigkeit gepredigt sowie Vergebung, Feindesliebe und grenzenlose Solidarität mit den Armen und den an den Rand Gedrängten. Selbst in katholischen Radio- und Fernsehprogrammen hören wir kaum noch die Worte des Meisters: „Selig seid ihr Armen, denn euer ist das Himmelreich“.

Zuviel wird über Jesus und Gott gesprochen, als wären sie eine auf dem Markt erwerbliche Ware. Diese heiligen Wirklichkeiten verlangen kraft ihrer Natur nach Verehrung und Hingabe, respektvoller Stille und andächtiger Haltung. Die am häufigsten anzutreffende Sünde ist die gegen das zweite Gebot: „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren“. Dieser Name findet sich auf Auto-Aufklebern und sogar in Brieftaschen, als wäre Gott nicht ohnehin überall. Und dieses „Jesus hier und Jesus da“ ist eine irritierende Trivialisierung des Heiligen.

Was aber noch schmerzhafter und wirklich skandalös ist, ist das Anrufen der Namen Gottes und Jesu für rein kommerzielle Zwecke. Schlimmer noch, sie werden benutzt, um Veruntreuungen zu verdecken, den Diebstahl von öffentlichen Mitteln und Geldwäsche. Es gibt sogar ein Unternehmen namens „Jesus“. Im Namen „Jesu“ werden Bestechungsgelder in Millionenhöhe in ausländischen Banken versteckt, und andere Formen der Korruption, öffentliche Mittel involvierend, werden praktiziert. Und all dies geschieht ohne jede Spur von Scham.

Wäre Jesus unter uns, würde er zweifellos genauso handeln wie er mit den Händlern im Tempel umging: Mit einer Peitsche jagte er sie davon und verwüstete ihre Geldsäcke.

Aufgrund dieser Entstellungen der heiligen Wirklichkeit geht uns das humanisierende Erbe der jüdisch-christlichen Schriften verloren, vor allem die befreiende und humane Eigenschaft der Botschaft und Praxis des Jesus von Nazareth. Religion kann das Gute verbessern, doch sie kann das Böse auch verschlimmern.

Wie wir wissen, hatte Jesus nicht die Absicht, eine neue Religion zu gründen. Zu seiner Zeit gab es viele Religionen. Es ging ihm auch nicht um eine Reformierung des Judentums. Vielmehr wollte Er uns lehren, unser Leben nach den Werten seiner Vision zu leben, dem Reich Gottes, das aus bedingungsloser Liebe besteht, aus Gnade, Vergebung und völliger Hingabe zu Gott, genannt „Papa“ („Abba“ auf Hebräisch), der die Eigenschaften einer Mutter von grenzenloser Güte besitzt. Durch ihn kam die Schaffung des neuen Menschen in Bewegung, das, wonach die Menschheit sich seit Ewigkeiten sehnt.

Wie die Apostelgeschichte zeigt, war das frühe Christentum eher eine Bewegung als eine Institution. Man nannte sie den „Weg Jesu“, es gab eine Offenheit für die grundlegenden Werte, die Jesus von Nazareth gepredigt und gelebt hatte. Doch als die Bewegung wuchs, wurde sie unweigerlich in eine Institution mit Regeln, Riten und Lehrsätzen verwandelt. Dann wurde aus der heiligen Macht (sacra potestas) das Ordnungsprinzip der gesamten Institution, die heute Kirche heißt. Das Wesen der Bewegung wurde durch die Kirche absorbiert. Aus der Geschichte haben wir jedoch gelernt, dass dort, wo die Macht vorherrscht, die Liebe verschwindet und Gnade sich auflöst. Leider geschah genau das. Thomas Hobbes warnte davor, dass die Macht sich selbst beschützt, indem sie nur nach immer mehr Macht strebt.

Auf diese Weise entstanden Kirchen, die ihre Macht durch Institutionen, Bauten, materiellen Reichtum und sogar durch eigene Banken gewannen. Und mit der Macht geht die Möglichkeit zur Korruption einher.

Wir sind Zeugen von etwas Gutem, das wir willkommen heißen müssen: Papst Franziskus nimmt das Christentum wieder für uns auf, eher als Bewegung denn als Institution, eher als Begegnung zwischen Menschen und dem lebendigen Christus und eher als Gnade ohne Grenzen denn als Disziplin und orthodoxe Lehre. Er stellte die Person Jesu in den Mittelpunkt, nicht Macht, Dogma oder Moral. Dies ermöglicht allen, auch denjenigen, die nicht Teil der Institution sind, zu fühlen, dass sie sich in dem Maß, in dem sie sich für Liebe und Gerechtigkeit entscheiden, auf dem Weg Jesu befinden.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack