Aslan Kurdi, der kleine ertrunkene Junge, bringt uns zum Weinen und Nachdenken

Der kleine 3- oder 4-jährige syrische Junge liegt leblos am Strand, ist blass und hat noch immer seine Kinderkleidung an. Mit dem Gesicht nach unten, dem Kopf seitlich gedreht, als wolle er noch atmen. Die Wellen haben sich seiner erbarmt und ihn an den Strand getragen. Die stets gefräßigen Fische hatten ihn verschont, da seine Unschuld sie so sehr berührte. Aylan Kurdi ist sein Name. Sein Vater konnte seine Jungen nicht halten, sie wurden ihm aus den Händen gerissen und vom Wasser verschluckt.

Lieber Aylan, du flohst vor dem Kriegshorror Syriens, wo die Truppen des Präsidenten Assad, mit Unterstützung der reichen Arabischen Emirate und Iran  die Truppen des grausamen Islamischen Staates bekämpfen, die diejenigen köpfen, die sich weigern, zu ihrer Religion überzutreten. Ich kann mir vorstellen, dass du Angst vor den mit Überschallgeschwindigkeit fliegenden Flugzeugen hattest, die ihre mörderischen Bomben fallen ließen. Aus Angst, das Haus könnte in Flammen aufgehen und in die Luft gehen, konntest du nicht schlafen.

Wie oft hast du wohl deine Eltern und Nachbarn sagen hören, wie bedrohlich diese Flugzeuge sind, die ohne Piloten fliegen, die Drohnen? Die Drohnen verfolgen und jagen Menschen durch die ausgedörrte hügelige Landschaft und töten sie. Hochzeitsfeiern, die trotz all des Horrors mit viel Freude begangen werden, werden auch bombardiert, weil vermutet wird, dass sich irgendein Terrorist unter den Gästen befindet.

Vielleicht kam dir nicht in den Sinn, dass derjenige, der solche Grausamkeiten ausübt und hinter all dem steckt, ein junger Soldat ist, der aus irgendeinem Flugzeugträger oder aus  einer Militärbaracke in Texas lebt. Er sitzt friedlich in seinem Wohnzimmer vor einem riesigen Fernsehbildschirm. Per Satellitenempfang zeigt der Bildschirm die Schlachtfelder in deinem Land, Syrien oder Irak. Wenn der junge Soldat argwöhnisch wird, feuert er durch einen einfachen Knopfdruck eine Waffe ab, die von einer Drohne transportiert wird. Der junge Soldat empfindet nichts. Er hört nichts. Er fühlt nicht einmal Schmerz. Auf der anderen Seite des Erdballs, Tausende von Kilometern entfernt, sterben plötzlich 30 oder 40 Menschen, Kinder wie du, Väter und Mütter wie die Deinen, Menschen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Sie werden kaltblütig ermordet. Bei sich zu Hause in Texas lächelt der Soldat, da er sein Ziel getroffen hat.

Angesichts des Terrors aus der Luft und vom Boden und der Bedrohung, ermordet oder geköpft zu werden, beschlossen deine Eltern zu fliehen. Sie nahmen die ganze Familie mit. Sie waren nicht auf der Suche nach einem anderen Job. Sie wollten einfach nicht sterben oder getötet werden. Sie träumten davon, in einem Land zu leben, wo sie nicht mehr bedroht werden, an einem Ort, wo sie ohne Alpträume schlafen können.

Und du, lieber Aylan, könntest fröhlich auf der Straße mit deinen Spielkameraden spielen, deren Sprache du nicht verstanden hättest. Aber das wäre nicht schlimm gewesen, denn ihr Kinder sprecht alle ein Sprache, die alle kleine Jungen und Mädchen verstehen.

Du, Aylan, warst nicht in der Lage, einen solch friedvollen Ort zu erreichen. Doch nun, trotz aller Trauer, die wir empfinden, wissen wir, dass du, so unschuldig wie du bist, in einem Paradies angekommen bist, wo du endlich spielen, springen und überall herum rennen kannst in der Gesellschaft eines Gottes, der auch ein Kind war, mit Namen Jesus, und der, um dich nicht allein zu lassen, wieder zum Kind wurde. Und Er wird Fußball mit dir spielen. Er wird ein Kätzchen im Nacken fassen und hinter einem Hundewelpen her rennen; ihr werdet einander perfekt verstehen, als wärt ihr immer Freunde gewesen. Zusammen werdet ihr bunte Bilder malen, über die Puppen lachen, die ihr fabrizieren werdet, und schöne Geschichten miteinander teilen. Und du wirst sehr glücklich sein. Und schau mal, welche Überraschung: bei dir wird auch dein kleiner Bruder sein, der mit dir gestorben ist, und deine Mutter wird euch umarmen und küssen können, wie sie es schon so oft getan hat.

Du bist nicht gestorben, mein lieber Aylan. Du bist an einen anderen Ort gegangen, einen viel besseren Ort, um dort zu leben. Die Welt war deiner Unschuld nicht würdig.

Und nun denke ich bei mir: Was für eine Welt ist das, die die Kinder erschrickt und tötet? Warum wollen die meisten Länder keine Terror- und Kriegsflüchtlinge aufnehmen? Sind diese Flüchtlinge denn nicht unsere Brüder und Schwestern, die im selben Gemeinsamen Haus, der Erde, mit uns leben? Diese Flüchtlinge verlangen nichts. Sie möchten nur leben. Sie möchten Frieden haben und wollen nicht, dass ihre Kinder aus Angst weinen und unter Bombengedröhn aus dem Bett springen. Sie sind Menschen, die als Menschen willkommen geheißen werden wollen, ohne irgendjemanden zu bedrohen. Sie wollen nur auf ihre Weise Gott verehren und sich auf ihre Art kleiden, wie sie es schon immer taten.

Sind zweitausend Jahre Christenheit nicht genug, um die Europäer mit einem Mindestmaß an Mitmenschlichkeit, Solidarität und Gastfreundschaft auszurüsten? Aylan, der kleine syrische Junge, der tot am Strand liegt, ist eine Metapher für das heutige Europa: überwältigt, leblos, unfähig zu weinen oder bedrohtes Leben aufzunehmen. Haben nicht die Europäer so oft gehört, dass sie denjenigen, den sie als Fremden oder Verfolgten aufnehmen, unwissentlich Gott aufnehmen?

Lieber Aylan, möge das Bild von dir, wie du an den Strand gespült da liegst, in uns die Menschlichkeit hervorrufen, die wir immer in uns tragen, einen Funken an Solidarität, eine Träne des Mitgefühls, die wir nicht unterdrücken können, mit unseren Augen, die müde sind, so viel nutzloses Leid anzusehen, vor allem Leid von Kindern wie du. Hilf uns, so bitten wir dich, denn ansonsten könnte der göttliche Funke, der in uns flackert, erlöschen. Und wenn diese Flamme stirbt, werden wir alle untergehen, denn ohne Liebe und Mitgefühl wird nichts in der Welt Sinn ergeben.

*Leonardo Boff, ein Großvater aus einem fernen Land, der bereits viele Menschen aus deinem Land, Syrien, empfangen hat, der sich erbarmte, als er das Bild von dir am Strand sah, und der bittere Tränen des Mitgefühls darüber weinte.

übersetzt von Bettina Goldhartnack

 

 

Sind sie nicht Menschen, unsere Brüder und Schwestern?

Der Grad an Zivilisation und Menschlichkeit einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie diejenigen, die anders sind, willkommen heißt und mit ihnen zusammenlebt. An diesem Maßstab gemessen bietet Europa ein erbärmliches Beispiel, das an Barbarei grenzt. Europa zeigt sich so egozentrisch und selbstgefällig, das es ihm extrem schwer fällt, Andere willkommen zu heißen und mit ihnen zusammen zu leben.

Die allgemeine Strategie war und ist noch immer: den Anderen entweder auszuschließen oder zu zerstören. Genau dies geschah während der sich ausdehnenden Kolonialisierung in Afrika, Asien und hauptsächlich in Lateinamerika. Sie zerstörte ganze Nationen wie in Haiti, Mexiko und Peru.

Die wesentliche Beschränkung der westeuropäischen Kultur ist ihre Arroganz, die sich darin zeigt, dass sie sich für die am weitest entwickelte der Welt hält, dass sie glaubt, die beste Regierungsform (Demokratie) zu besitzen, das größte Rechtsbewusstsein, Schöpfer der Philosophie und Technologie zu sein und, als wäre dies noch nicht genug, Träger der einen, wahren Religion: des Christentums. Spuren dieser Arroganz finden sich immer noch in der Präambel der Konstitution der Europäischen Union. Dort heißt es lapidar:

„Der europäische Kontinent ist der Träger der Zivilisation, sein Volk bewohnte ihn seit Beginn der Menschheit in sukzessiven Phasen, und durch die Jahrhunderte entwickelten sie die Werte, die die Grundlage der Menschheit sind: Gleichheit aller Menschen, Freiheit und der Wert der Vernunft…“

Dieser Blickwinkel ist nur teilweise richtig. Er vergisst die häufigen Verstöße gegen diese Rechte, die Katastrophen, die Europa mit totalitären Ideologien verursachte, mit zerstörerischen Kriegen, erbarmungslosem Kolonialismus und wildem Imperialismus, der sich ganze Kulturen in Afrika oder in Lateinamerika unterwarf und zerstörte, ganz im Gegensatz zu den Werten, die es proklamiert. Der dramatische Zustand der heutigen Welt und die großen Zahlen an Flüchtlingen, die aus den Mittelmeerstaaten kommen, sind zum Großteil auf die Art der Globalisierung zurückzuführen, die Europa unterstützt, da es, konkret gesagt, eine Art von später Verwestlichung der Welt konstituiert, weniger die Entwicklung einer wahren globalen Gemeinschaft.

Dies ist der Hintergrund, der uns hilft, die Zweideutigkeit und den Widerstand der meisten europäischen Länder zu verstehen, Flüchtlinge und Immigranten bei sich aufzunehmen, die aus den Ländern Nordafrikas und dem Mittleren Osten kommen, von wo sie den Terror des Krieges fliehen, welcher zum Großteil durch westliche Intervention (NATO) und vor allem durch die imperialistische Politik der Vereinigten Staaten hervorgerufen wurde.

Gemäß den Daten des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) wurden allein in diesem Jahr 60 Millionen Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Allein der syrische Konflikt ist verantwortlich für 4 Millionen Vertriebene. Die Länder, die am ehesten bereit sind, diese Opfer bei sich aufzunehmen, sind der Libanon mit über einer Million (1,1 Millionen) Flüchtlingen und die Türkei (1,8 Millionen).

Nun suchen Tausende von Menschen ein bisschen Frieden in Europa. Allein in diesem Jahr überquerten fast 300.000 Migranten und Flüchtlinge das Mittelmeer. Und ihre Anzahl steigt täglich. Sie werden mit Feindseligkeit empfangen. Faschistische und fremdenfeindliche Gesinnung in der Bevölkerung zeugen von großer Gefühllosigkeit, wenn nicht sogar von Mangel an Menschlichkeit. Erst nach der Tragödie von Lampedusa, der südlichen Insel Italiens, wo im April 2014 700 Menschen ertranken, wurde die Operation Mare Nostrum gestartet, die zur Aufgabe hat, nach Schiffen in Seenot zu suchen.

Die Aufnahme der Flüchtlinge wird von Vorfällen, besonders in Spanien und England, begleitet. Als das offenste und gastfreundlichste Land, ungeachtet der Anschläge auf Flüchtlingslager, hat sich Deutschland gezeigt. Die faschisten-freundliche Regierung Ungarns von Viktor Organ hat den Flüchtlingen den Krieg erklärt. Sie traf eine Entscheidung großer Barbarei, indem sie die Errichtung eines vier Meter hohen Stacheldraht-Zauns entlang der gesamten Grenze zu Serbien anordnete, um die Ankunft der Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten zu versperren. Die Regierungen der Slowakei und Polens erklärten, sie würden nur christliche Flüchtlinge aufnehmen.

Diese Maßnahmen sind kriminell. Handelt es sich bei den Leidenden denn nicht um Menschen? Sind sie nicht unsere Brüder und Schwestern? Immanuel Kant war mit seinem letzten Buch „Zum ewigen Frieden“ einer der Ersten, die den Vorschlag einer Weltrepublik machten. Er sagte, die wichtigste Tugend dieser Republik wäre die Gastfreundschaft als das Recht aller, und sie muss für alle gelten, denn wir alle sind Kinder dieser Erde.

All dies wird durch die Mitglieder der Europäischen Union schamhaft verleugnet. Die jüdisch-christliche Tradition bekräftigte stets, dass derjenige, der den Fremden bei sich aufnimmt, unwissentlich Gott aufnimmt. Die Worte der Quantenphysikerin Danah Zohar, die sich am treffendsten über spirituelle Intelligenz ausdrückt, passen gut hierher: „In Wahrheit sind wir und die anderen eins, es gibt keine Trennung, wir und der „Fremde“ sind Aspekte des einen und einzigen Lebens“ (Conciencia espiritual, Record 2002, S. 219). Wie verschieden wäre das Geschick der Flüchtlinge, wenn diese Worte leidenschaftlich und voller Mitgefühl gelebt würden.

übersetzt von Bettina Gold-Harnack

 

 

 

 

 

Die Krise des Lebens und der Selbstverwirklichung

Von Krise spricht man im Allgemeinen nur als von der Krise der Krise; der Krise der Erde und der Krise des Lebens, das vom Verschwinden bedroht ist, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika über die „Sorge für das Gemeinsame Haus“ aufzeigt. Doch alles im Leben ist von Krise gekennzeichnet: die Krise der Geburt, der Jugend, der Wahl des Lebenspartners, der Berufswahl, des Mittagsdämons, wie Freud die Midlife-Crisis der Menschen in ihren 40er Jahren bezeichnet, wenn uns bewusst wird, dass wir schon den Gipfel erreicht haben und im Abstieg begriffen sind. Und schließlich die große Krise des Todes, wenn wir von Zeit zu Ewigkeit schreiten.

Die vor uns liegende Herausforderung besteht nicht darin, diese Krisen zu vermeiden. Sie sind dem menschlichen Leben eigen. Die Frage besteht darin, wie wir ihnen begegnen: welche Lehre ziehen wir aus ihnen und wie können wir an ihnen wachsen. Der Weg unserer Selbstverwirklichung und unserer Reife als menschliche Wesen führt durch diese Krisen.

Jede Situation ist gut, jeder Ort ist exzellent dazu geeignet, dass wir uns an uns selbst messen und in unsere tiefe Dimension eintauchen und den fundamentalen Archetypus hervorbringen, den wir in uns tragen (die Grundtendenz, die uns stets zu schaffen macht) und der danach drängt, durch uns zum Vorschein zu kommen und seine eigene Geschichte zu machen, die auch unsere wahre Geschichte ist. Hier kann sich niemand von einem anderen vertreten lassen. Jeder von uns ist allein. Dies ist die fundamentale Lebensaufgabe. Doch wer auf dieser seiner Reise gläubig ist, ist nicht mehr allein. Er/sie hat eine persönliche Mitte gefunden, von wo aus sich alle anderen Reisenden finden lassen. Aus Einsamkeit wird dann Solidarität.

Die Geographie der spirituellen Welt unterscheidet sich von der der physikalischen Welt. In der Geographie der physikalischen Welt berühren die Länder einander an ihren Grenzen. In der anderen Geographie berühren Menschen einander durch ihre persönliche Mitte. Gleichgültigkeit, Mittelmäßigkeit, Mangel an Leidenschaft auf der Suche nach unserem tiefen Ich distanzieren uns von unserer Mitte und der der anderen, und darum verlieren wir die Verbundenheit, selbst wenn wir diesen anderen nahe sind, uns unter ihnen befinden und versuchen, ihnen zu Diensten zu sein.

Welches ist der beste Dienst, den ich anderen anbieten kann? Ich selbst zu sein, als ein Beziehungs-Wesen und daher stets mit anderen verbunden, ein Wesen, das sich für das Gute für sich und für die anderen entscheidet, das sich von der Wahrheit leiten lässt, das liebt und Mitgefühl und Mitleid empfindet.

Persönliche Verwirklichung besteht nicht in der Menge von persönlichen Fähigkeiten, die wir erwerben können, sondern in deren Qualität, in der Art und Weise, wie wir versuchen, das, was unser Leben gerade von uns verlangt, gut zu tun. Die Quantifizierung, das Streben nach Titeln, nach endlosen Auszeichnungen, könnte in vielen persönlichen Fällen Flucht vor der Begegnung mit unserer eigentlichen Lebensaufgabe bedeuten: uns mit uns selbst zu messen, mit unseren Wünschen, unseren Beschränkungen, unseren Problemen, mit unseren positiven und negativen Seiten und diese auf kreative Weise in unser Leben zu integrieren. Die Anhäufung von bedeutungslosem Wissen, das uns nur noch arroganter macht und uns von den anderen distanziert, zu vermeiden, ist, was uns reifer werden lässt und uns ermöglicht, uns und die Welt besser zu verstehen. Es sind ihre eigenen Worte, die die Menschen verraten, welche sagen: „ICH bin es, der weiß; ICH bin es, der es tut; ICH bin es, der entscheidet.“ Es ist immer das ICH und niemals das UNS oder die Sache, in der man sich mit anderen im Einklang befindet.

Persönliche Verwirklichung ist nicht so sehr das Werk der Vernunft, die mit allen Dingen beschäftigt ist, sondern das des Geistes, d. h. unserer Kapazität, Visionen zu schaffen, denen es um Zusammengehörigkeit geht und darum, den Dingen ihren eigentlichen Platz und Wert zu geben. Den Geist brauchen wir, um die Bedeutung jeder Situation zu erfassen. Daher gehören die Lebensweisheit und die Erfahrung des Mysteriums Gottes, das es in jedem Augenblick zu entziffern gilt, in den Bereich des Geistes. Es ist dies die Kapazität, sein Selbst völlig hineinzugeben in das, was man tut. Spiritualität ist weder eine Wissenschaft noch eine Technik, sondern die Art, sich voll und ganz in jede Situation hineinzugeben.

Die erste Aufgabe der Selbstverwirklichung besteht darin, unsere Situation mit ihren Grenzen und Möglichkeiten zu akzeptieren. Jede Situation ist vollkommen, nicht quantitativ zerstreut, sondern qualitativ gesammelt wie in einem Zentrum. In dieses Zentrum unseres Selbst zu gelangen heißt, die anderen zu finden, alle Dinge und Gott zu finden. Aus diesem Grund heißt es in der uralten Weisheit Indiens: „Wenn jemand in seinen eigenen vier Wänden korrekt denkt, werden seine Gedanken noch Tausende von Kilometern entfernt vernommen.“ Willst du andere verändern, so beginne bei dir selbst.

Eine weitere unabdingbare Aufgabe für die persönliche Verwirklichung besteht darin, mit dem letzten Ende, dem Tod, zu koexistieren. Wer dem Tod einen Sinn zu verleihen vermag, gibt auch dem Leben einen Sinn. Wer die Bedeutung des Todes nicht versteht, dem gelingt es auch nicht, den Sinn des Lebens zu entdecken. Der Tod ist jedoch mehr als der letzte Moment oder das Ende des Lebens. Das Leben selbst ist tödlich. In anderen Worten: wir sterben langsam, Stück für Stück, denn sobald wir geboren werden, beginnen wir zu sterben, dahin zu welken und uns vom Leben zu verabschieden. Als erstes verabschieden wir uns vom Mutterleib und verlassen ihn. Dann sagen wir Lebewohl zur Kindheit, zur Jugend, zur Schule, zum Elternhaus, zum Erwachsenenalter, zu einigen unserer Aufgaben, zu jedem Moment, der vergeht, und schließlich verabschieden wir uns vom Leben selbst.

Dieser Abschied lässt nicht nur Dinge und Situationen zurück, doch immer auch etwas von uns selbst. Wir müssen loslassen, arm werden und uns selbst entleeren. Was bedeutet all dies? Purer unverbesserlicher Fatalismus? Oder gibt es einen verborgenen Sinn? Wir entledigen uns selbst aller Dinge, sogar unserer selbst in unserem letzten Lebensmoment (Tod), denn wir wurden weder für diese Welt noch für uns selbst geschaffen, sondern für das Große Andere, das unser Leben füllen muss: Gott. Gott nimmt im Leben alles von uns, um uns nur umso mehr für Sich vorzubehalten. Er kann uns sogar die Gewissheit nehmen, dass sich all die Mühe gelohnt hat. Und selbst dann halten wir daran fest, vertrauen wir auf die heiligen Worte: „Denn selbst wenn uns unser Herz verurteilt, ist Gott größer als unser Herz.“ (1 Joh 3,20). Wem es gelingt, das Negative, einschließlich der Ungerechtigkeit, in seine eigene Mitte zu integrieren, der hat das höchste Maß an Menschwerdung und an innerer Freiheit erreicht.

Das Negative und die Krise, die wir durchleben, können uns eine Lehre sein: die Lehre des Loslassens und der Vorbereitung auf die totale Vollkommenheit in Gott. Dann werden wir durch Teilhabe zu Gott, wie der Mystiker Johannes vom Kreuz sagt.

Ubersezt von Betinna Gold-Hartnack

 

Papst Franziskus: eine Kirche im Aufbruch – woher und wohin?

Während wir uns noch immer über die außerordentliche Enzyklika über die „Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus“ begeistern, denken wir erneut über eine wichtige Sichtweise des Papstes nach, den treffenden Ausdruck seines Verständnisses von Kirche als „eine Kirche im Aufbruch“. Dieser Ausdruck transportiert eine verdeckte Kritik am bisherigen Kirchen-Modell. Es handelte sich um eine „eingesperrte“ Kirche, wenn man die diversen Moral- und Finanzskandale bedenkt, welche Papst Benedikt XVI zum Rücktritt zwangen, eine Kirche, die ihren wichtigsten Vorzug verloren hatte: den Moralanspruch und die Glaubwürdigkeit unter Christen in der säkularen Welt.

Doch die Vorstellung einer „eingesperrten Kirche“ hat eine noch tiefere Bedeutung, was darin begründet ist, dass der Papst von außerhalb der institutionalisierten Bereiche der alten und müden europäischen Christenheit stammt. Diese hat die Kirche in ein Verständnis gepresst, das sie für die modern Denkenden unakzeptabel machte, zur Geisel der verknöcherten Traditionen und ausgerüstet mit einer Botschaft, die die Probleme der Christen und der Welt von heute nicht ansprach. Die „Kirche im Aufbruch“ markiert einen Bruch mit diesem Zustand. Das Wort „Bruch“ ärgert die Repräsentanten des kirchlichen Establishments, doch dies macht es nicht weniger wahr. Nun stellt sich die Frage: „Aufbruch“ woher und wohin?

Wir wollen einige Schritte näher untersuchen:

Aufbruch von einer Festung-Kirche, die die Gläubigen von modernen Freiheiten abschirmt, hin zu einer Feldlazarett-Kirche, die sich um alle kümmert, die zu ihr kommen, ungeachtet der Unterschiede hinsichtlich moralischer oder ideologischer Fragen.

  • Aufbruch von einer um sich selbst kreisenden, absolutistischen Institutions-Kirche hin zu einer Bewegungs-Kirche, die offen ist für den universalen Dialog mit anderen Kirchen, Religionen und Ideologien.
  • Aufbruch von einer hierarchischen Kirche, die Ungleichheiten schafft, hin zu einer Kirche des Gottesvolkes, für die alle Brüder und Schwestern sind: eine riesige geschwisterliche Gemeinschaft.
  • Aufbruch von einer autoritären Kirche der Geistlichkeit, die sich von den Gläubigen abgrenzt oder diese sogar verleugnet, hin zu einer pastoralen Kirche, die gemeinsam mit dem Volk unterwegs ist, voll Barmherzigkeit und mit Stallgeruch.
  • Aufbruch von einer Papst-Kirche aller Christen und Bischöfe, die mit rigorosem kanonischem Recht regieren, hin zu einer Kirche des Bischofs von Rom, der in Güte vorsitzt und nur durch diese Güte zum Papst der universellen Kirche wird.
  • Aufbruch von einer lehrmeisterlichen Kirche der Doktrinen und Normen hin zu einer Kirche mit überraschender Praxis und liebevollen Begegnungen mit Menschen ungeachtet ihrer religiösen, moralischen oder ideologischen Zugehörigkeit. Die existenzielle Peripherie gerät so in den Mittelpunkt.
  • Aufbruch von einer Kirche der sakralen Macht, Pomp und Pracht mit päpstlichen Palästen und Adelstiteln aus der Renaissance hin zu einer Kirche der Armen und für die Armen, ihrer Ehrensymbole entledigt, Diener und prophetische Stimme gegen das System der Anhäufung von Reichtum, jenes Idol, welches Leid und Elend erzeugt und Menschen tötet.
  • Aufbruch von einer Kirche, die zu den Armen spricht, hin zu einer Kirche, die zu den Armen geht, sich mit den Armen austauscht, sie umarmt und verteidigt.
  • Aufbruch von einer Kirche, die sich gleichermaßen von Politik und Wirtschaftssystem distanziert, hin zu einer Kirche, die Partei für die Opfer ergreift und die Verantwortlichen der Ungerechtigkeiten beim Namen nennt, die Repräsentanten von weltweiten Sozialbewegungen nach Rom einlädt, um mit ihnen über Alternativen nachzudenken.
  • Aufbruch von einer sich selbst lobenden und unkritischen Kirche hin zu einer Kirche, die ehrlich mit sich selbst umgeht und mit jenen Kardinälen, Bischöfen und Theologen, die stolz auf ihre Titel sind, doch mit einem säuerlichen Karfreitags-Gesicht herumlaufen, als gingen sie zu ihrer eigenen Beerdigung, hin zu einer Kirche, die ja schließlich aus Menschen besteht.
  • Aufbruch von einer Kirche von Recht und Gesetz hin zu einer Kirche der Revolution der Zärtlichkeit, Barmherzigkeit und Achtsamkeit.
  • Aufbruch von einer Kirche der Frommen, die so sind wie die im Fernsehen auftretenden Show-Priester-Künstler des religiösen Markts hin zu einer Kirche, die sich der sozialen Gerechtigkeit und der Befreiung der Unterdrücken verschrieben hat.
  • Aufbruch von einer Gehorsams- und Verehrungskirche hin zu einer Kirche, die sich über das Evangelium freut und noch Hoffnung für diese Welt hat.
  • Aufbruch von einer weltfremden Kirche, die es möglich machte, dass es zu einer Welt ohne Kirche kam, hin zu einer Welt-Kirche, die empfindsam für die Probleme der Ökologie und der Zukunft unseres Gemeinsamen Hauses, der Mutter Erde, ist.

Diese und andere Beispiele zeigen, dass die Kirche nicht dazu verdammt ist, nur eine religiöse Mission zu sein, eingeengt in einen kleinen Bereich unserer Realität. Die Kirche besitzt auch eine sozio-politische Mission im wahrsten Sinn des Wortes, als Inspirationsquelle für die notwendigen Veränderungen, die die Menschheit erheben können zu einer Zivilisation der Liebe und des Mitgefühls, weniger individualistisch, materialistisch, zynisch und unsolidarisch.

Diese Kirche-auf-dem-Weg hat den Christen ihre Freude und Hoffnung zurückgegeben und ist wieder zu einem spirituellen Zuhause geworden.

Durch ihre Einfachheit und liebevolles Willkommenheißen hat sie die Zuneigung vieler Menschen anderer Konfessionen und von Weltbürgern im Allgemeinen und sogar von Staatsoberhäuptern erlangt, die die Person des Papstes Franziskus mit seinen überraschenden Praktiken zugunsten von Frieden, Dialog zwischen den Völkern und Verzicht auf jegliche Gewalt und Krieg, bewundern.

Mehr als Doktrin und Dogma lässt sich die Tradition Jesu zusammenfassen mit bedingungsloser Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl, die durch Ihn aktualisiert wird und ihre unerschöpfliche humanisierende Energie zum Vorschein bringt. Dies ist u. a. die wahrhaft zentrale Botschaft Jesu, die von allen Menschen in allen Teilen der Welt angenommen werden kann.