Die Magna Charta der ganzheitlichen Ökologie: Schrei der Erde – Schrei der Armen

Bevor ich mit meinem Kommentar beginne, halte ich es für sinnvoll, einige Besonderheiten der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus hervorzuheben.

Es ist das erste Mal, dass ein Papst über das Thema Ökologie im Sinne einer ganzheitlichen Ökologie (da es über das Thema Umwelt hinaus geht) auf solch ausführliche Weise spricht. Welch große Überraschung: Er arbeitet das Thema auf dem neuen ökologischen Paradigma sorgfältig aus, was kein offizielles Dokument der UN bisher getan hat. Er stützt seine Rede mit den sichersten Daten über Biowissenschaften und die Erde. Er liest die Daten liebevoll (mit gefühlvoller Intelligenz oder Intelligenz des Herzens), da er wahrnimmt, dass sich hinter ihnen menschliche Tragödie und Leiden verbergen und auch für Mutter Erde. Die aktuelle Situation ist ernst, aber Papst Franziskus findet immer Gründe für Hoffnung und vertraut darauf, dass Menschen realisierbare Lösungen finden können. Er verbindet sich mit den Päpsten, die ihm vorangegangen sind, Johannes Paul II und Benedikt XVI, die er oft zitiert. Und etwas absolut Neues: Der Text stammt teilweise aus gemeinsamer Arbeit mit Kollegen, denn er wertschätzt die Beiträge Dutzender Bischofskonferenzen um die ganze Welt, von den USA bis nach Deutschland, von Brasilien, Patagonien-Comahue und Paraguay.

Er sammelt die Beiträge anderer Denker, wie der Katholiken Pierre Teilhard de Chardin, Romano Guardini, Dante Alighieri, des argentinischen Maestros Juan Carlos Scannone, des Protestanten Paul Ricoeur und des Sufi-Moslems Ali Al-Khawwas. Adressaten sind wir alle, Menschen und Bewohner desselben gemeinsamen Hauses (ein allgemein vom Papst gebrauchter Begriff) und leiden unter denselben Bedrohungen.

Papst Franziskus schreibt nicht als ein Meister oder Doktor des Glaubens, sondern als ein eifriger Hirte, der sich um das gemeinsame Haus aller Lebewesen sorgt, nicht nur der Menschen, sondern aller, die darin wohnen.

Ein Element lohnt, hervorgehoben zu werden, denn es bringt die „forma mentis“ (die Art, wie er sein Denken organisiert) des Papstes zum Vorschein. Dies ist ein Beitrag der pastoralen und theologischen Erfahrung der lateinamerikanischen Kirchen im Licht der Dokumente der lateinamerikanischen Bischöfe (CELAM) in Medellin (1968), Puebla (1979) und Aparecida (2007), die eine Option für die Armen, gegen Armut und für Befreiung darstellt. Die Wortwahl und der Ton der Enzyklika sind typisch für Papst Franziskus und die ökologische Kultur, die er sich angeeignet hat. Ich erkenne aber auch viele Ausdrücke und Redensarten, die sich auf das beziehen, was vor allem in Lateinamerika gedacht und geschrieben wird. Die Themen „gemeinsames Haus“ und „Mutter Erde“, „Schrei der Erde und der Schrei der Armen“, „Achtsamkeit“, „gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen“, „die Armen und Verwundbaren“, der „Paradigmenwechsel“, das „menschliche Wesen als Erde, die fühlt, denkt, liebt und verehrt“, die „ganzheitliche Ökologie“ u. a. sind Themen, die bei uns an der Tagesordnung sind.

Die Struktur der Enzyklika entspricht dem methodologischen Ritual, das unsere Kirchen und theologischen Überlegungen verwenden, welche im Zusammenhang stehen mit der Befreiungspraxis, die nun auch vom Papst übernommen und abgesegnet wurde: sehen, beurteilen, handeln und zelebrieren.

Zuerst enthüllt er seine hauptsächliche Inspirationsquelle: der Hl. Franziskus, den er als „beispielhaft für verständnisvolle Achtsamkeit und Ökologie“ nennt, da er sich „insbesondere den Armen und Verlassenen widmete“ (Nr. 10, Nr. 66).

Dann fährt er fort zu sehen „was in unserem Haus geschieht“ (Nr. 17-61). Der Papst sagt: „Allein dadurch, dass wir die Realität aufrichtig betrachten, können wir sehen, dass unser gemeinsames Haus zerstört wird“ (Nr. 61). Dieser Teil beinhaltet die stimmigsten Daten über den Klimawandel (Nr. 20-22), das Thema Wasser (Nr. 27-31), das Dahinschwinden der Artenvielfalt (Nr. 32-42), die Verschlechterung der Lebensqualität der Menschen und des sozialen Lebens (Nr. 43-47), er prangert die hohe Rate an weltweiter Ungleichheit an, die alle Lebensbereiche betrifft (Nr. 48-52), deren Hauptopfer die Armen sind (Nr. 48). In diesem Teil gibt es einen Satz, der sich auf die Überlegungen aus Lateinamerika bezieht: „Wir können heute nicht ignorieren, dass ein wahrer ökologischer Zugang immer ein sozialer Zugang wird und Gerechtigkeit in Diskussionen über die Umwelt einschließen sollte, um sowohl den Schrei der Erde als auch den Schrei der Armen zu hören (Nr. 49). Dann fügt er hinzu: „Die Schreie der Erde vereinen sich mit den Schreien der Verlassenen dieser Welt“ (Nr. 53). Dies ist durchaus schlüssig, denn zu Beginn sagte er, das „wir die Erde sind“ (Nr. 2; s. Gen 2,7), ganz auf einer Linie mit dem großen argentinischen Sänger und Poeten, dem indigenen Atahualpa Yupanqui: „Menschen sind die laufende, fühlende, denkende und liebende Erde“.

Er verurteilt die vorgeschlagene Internationalisierung des Amazonas, die „ausschließlich den Interessen der Multis dient“ (Nr. 38). Er trifft eine klare Aussage von ethischem Belang: „Darum können wir stumme Zeugen schwerster Ungerechtigkeiten werden, wenn der Anspruch erhoben wird, bedeutende Vorteile zu erzielen, indem man den Rest der Menschheit von heute und morgen die extrem hohen Kosten der Umweltzerstörung bezahlen lässt“ (Nr. 36).

Traurig erkennt er an: „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten“ (Nr. 53). Angesichts dieser Offensive der Menschen gegen Mutter Erde, die viele Wissenschaftler als den Beginn einer neuen geologischen Ära – dem Anthropozän – anprangern, bedauert er die Schwäche der Machthaber dieser Welt, die uns täuschten, „glaubten, dass alles so weitergehen könne wie bisher“, als ein Alibi, um „die selbstzerstörerischen Laster zu pflegen“ (Nr. 59) mit einem „als selbstmörderisch zu bezeichnenden Verhalten“ (Nr. 55).

Vorsichtig erkennt er die Meinungsvielfalt an (Nr. 60-61) und dass „es nicht nur einen einzigen Lösungsweg gibt“ (Nr. 60). Dennoch „ist sicher, dass das gegenwärtige weltweite System unter verschiedenen Gesichtspunkten unhaltbar ist, denn wir haben aufgehört, an den Zweck menschlichen Handelns zu denken“ (Nr. 61) und wir verlieren uns in der Schaffung von Mitteln für unbegrenzter Anhäufung von Gütern zum Preis ökologischer Ungerechtigkeit (Verschlechterung der Ökosysteme) und sozialer Ungerechtigkeit (Verarmung von Bevölkerungsgruppen). Die Menschheit hat schlicht und einfach die göttliche Hoffnung enttäuscht (Nr. 61).

Der dringende Aufruf lautet nun, „unser gemeinsames Haus zu schützen“ (Nr. 13); und dafür brauchen wir, laut Papst Johannes Paul II, „eine globale ökologische Umkehr“ (Nr. 5); „Kultur der Achtsamkeit, die die gesamte Gesellschaft erfüllt“ (Nr. 231).

Nach der Dimension des Beobachtens folgt die Dimension des Beurteilens. Das Beurteilen geschieht nach zwei Aspekten, dem wissenschaftlichen und dem theologischen.

Wir wollen uns auf den wissenschaftlichen Aspekt konzentrieren. Die Enzyklika widmete das gesamte dritte Kapitel der Analyse „der menschlichen Wurzel der ökologischen Krise“ (Nr. 101-136). Hier schlägt der Papst vor, die Technoscience vorurteilsfrei zu analysieren und anzuerkennen, dass diese „nicht nur wirklich wertvolle Dinge produzieren kann, um die Lebensqualität des Menschen zu verbessern“ (Nr. 103). Doch ist nicht dies das Problem, sondern die Unabhängigkeit, welche der Wirtschaft, der Politik und der Natur unterworfen wird zugunsten der Akkumulation von materiellen Gütern (s. Nr. 109). Technoscience nährt die falsche Annahme, dass es „eine unendliche Verfügbarkeit von Waren in der Welt gibt“ (Nr. 106), während wir wissen, dass wir die physikalischen Grenzen der Erde überschritten haben und dass viele ihrer Güter nicht erneuerbar sind. Technoscience wurde zu einer Technokratie, die sich zu einer wahren Diktatur entwickelte mit der harten Logik der Dominanz über alles und jeden (Nr. 108).

Die große, heute dominierende Illusion liegt im Glauben, dass die Technoscience alle Umweltproblem lösen könne. Dies ist ein irreführender Gedanke, denn er besteht darin, „Dinge zu isolieren, die in der Wirklichkeit miteinander verknüpft sind“ (Nr. 117), „alles steht miteinander in Beziehung“ (Nr. 120), ein Anspruch, der sich durch die ganze Enzyklika wie ein roter Faden zieht, denn dies ist ein neues, zeitgenössisches paradigmatisches Schlüsselkonzept. Die große Beschränktheit der Technokratie ist der Fakt der „Aufsplitterung des Wissens und Verlust des Sinnes für die Gesamtheit“ (Nr. 110). Das Schlimmste ist, dass anderen Lebewesen kein Eigenwert zuerkannt wird, was so weit geht, dass dem Menschen jeglicher besonderer Wert abgesprochen wird (Nr. 118).

Der Eigenwert jedes Wesens, selbst wenn es winzig ist, wird in der Enzyklika ständig betont (Nr. 69), wie es auch in der Erd-Charta geschieht. Durch das Absprechen des Eigenwerts verhindern wir, dass diese Wesen nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen noch uns ihre Botschaft vermitteln können (Nr. 33).

Die weiteste Abweichung der Technokratie ist der Anthropozentrismus. Dies ist die Illusion, dass Dinge insofern einen Wert besitzen, als sie für den Gebrauch durch den Menschen nützlich sind, wobei vergessen wird, dass deren Existenz einen Wert aus sich selbst heraus besitzt (Nr. 33). Wenn es stimmt, dass alles miteinander in Beziehung steht, dann „sind wir Menschen als Brüder und Schwestern vereint und miteinander verflochten durch die Liebe, die Gott für jedes seiner Geschöpfe hegt und die uns auch in zärtlicher Liebe mit „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“, Bruder Fluss und Mutter Erde vereint“ (Nr. 92). Wie können wir erwarten, diese zu beherrschen und sie durch den engen Blickwinkel der Beherrschung durch Menschen sehen?

All diese „ökologischen Tugenden“ (Nr. 88) gehen durch den Willen zur Macht und zur Beherrschung anderer über die Natur verloren. Wir erleben einen Besorgnis erregenden „Verlust des Lebens- und Gemeinschaftssinns“ (Nr. 110). Hin und wieder zitiert er den deutsch-italienischen Theologen Romano Guardini (1885-1968), einen der meistgelesenen in der Mitte des letzten Jahrhunderts, der ein kritisches Buch über die Ansprüche der Moderne schrieb (Nr. 105, Fußnote 83): Das Ende der Neuzeit, 1958).

Die andere Seite des Urteils ist die theologische. Die Enzyklika lässt dem „Schöpfungs-Evangelium“ einen großen Raum (Nr. 62-100). Es beginnt damit, den Beitrag der Religionen und des Christentums zu rechtfertigen. Da wir es mit einer globalen Krise zu tun haben, muss jede Instanz mit ihrem religiösen Kapital zur Sorge um die Erde beitragen (Nr. 62). Er besteht nicht auf Lehrsätze, doch auf die Weisheit in den verschiedenen spirituellen Wegen. Das Christentum bevorzugt, eher von einer Schöpfung zu sprechen als von der Natur, denn „die Schöpfung steht in Beziehung zu einem Liebesprojekt Gottes“ (Nr. 76). Und er zitiert ein weiteres Mal einen wunderschönen Text aus dem Buch der Weisheit (21,24), in dem klar wird, dass „die Schöpfung in der Ordnung der Liebe angesiedelt ist“ (Nr. 77) und dass Gott als der „Herr, der das Leben liebt“ erscheint (Weish.11,26).

 

Der Text öffnet sich für einen von der Evolutionstheorie geprägten Blick auf das Universum, ohne das Wort zu benutzen, doch indem er dieses umschreibt, Bezug nehmend auf das Universum, das „aus offenen Systemen besteht, die miteinander in Kommunikation treten (Nr. 79). Es nutzt den Haupttext, der den inkarnierten und auferstandenen Christus mit der Welt und mit dem ganzen Universum verbindet, indem er alles, was mit der Erde zu tun hat, heiligt (Nr. 83). In diesem Zusammenhang zitiert er Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955, Nr. 83 Zitat 53) als Vorläufer dieser kosmischen Sichtweise. Die Tatsache, dass der dreifaltige Gott göttlich ist und mit dem Volk in Beziehung steht, bedeutet, dass alle Dinge in Beziehung stehende Resonanzen der göttlichen Dreieinigkeit sind (Nr. 240).

Mit dem Zitat des Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus der Orthodoxen Kirche „erkennt er an, dass Sünden gegen die Schöpfung Sünden gegen Gott sind“ (Nr. 7). Daher ist eine kollektive ökologische Umkehr so dringend, um die verlorene Harmonie wiederherzustellen.

Die Enzyklika hat mit diesem Teil einen gelungenen Abschluss: „Die Analyse zeigte den Bedarf nach einem Kurswechsel … wir müssen der Spirale der Selbstzerstörung entkommen, in die wir geraten sind“ (Nr. 163). Es handelt sich nicht um eine Reform, doch, um die Erd-Charta zu zitieren, um „einen Neuanfang“ (Nr. 207). Die wechselseitige Abhängigkeit aller mit allen führt uns dazu, an „eine Welt mit einem gemeinsamem Projekt“ zu glauben (Nr. 164).

Da die Wirklichkeit viele Aspekte besitzt, die eng miteinander verknüpft sind, schlägt Papst Franziskus eine „ganzheitliche Ökologie“ vor, die über die Umwelt-Ökologie hinausgeht, die wir bereits kennen (Nr. 137). Sie umspannt alle Bereiche, die Umwelt, die Wirtschaft, das Soziale, das Kulturelle und das tägliche Leben (Nr. 147-148). Nie werden die Armen vergessen, die auch menschliche und sozial-ökologische lebendige Verknüpfungen der Zusammengehörigkeit und Solidarität miteinander bezeugen (Nr. 149).

Der dritte methodologische Schritt besteht im Handeln. In diesem Teil blickt die Enzyklika auf die Hauptthemen der internationalen, nationalen und lokalen Politik (Nr. 164-181). Sie hebt die Wechselwirkung zwischen den Ökosystemen und den verschiedenen sozialen Bezugswelten hervor und benennt mit Bedauern die Schwierigkeiten, die die Vorherrschaft der Technokratie mit sich bringt, die Veränderungen zur Beschränkung des Anschaffungs- und Konsumwahns durchzuführen (Nr. 141). Wieder erwähnt er die Themen Wirtschaft und Politik, die dem Gemeinwohl dienen sollten und die Bedingungen für ein erfülltes menschliches Leben schaffen (Nr. 189-198). Aufs Neue betont er den Dialog zwischen Wissenschaft und Religion, wie der bekannte Biologen Edward O. Wilson in seinem Buch: Creation: how to save life on Earth, 2008. Alle Religionen „sollten nach der Schonung der Natur und nach der Verteidigung der Armen streben“ (Nr. 201).

Immer noch unter dem Aspekt des Handelns fordert er die Bildung heraus im Sinne der Schaffung eines „ökologischen Bürgertums“ (Nr. 211) und eines neuen Lebensstils, der auf Achtsamkeit begründet ist, auf Mitgefühl, gemeinsamer Bescheidenheit, Verbindung zwischen Menschlichkeit und Umwelt beruht, da beide untrennbar miteinander verbunden sind, und auf die Mitverantwortung für alles Lebendige und für unser gemeinsames Geschick (Nr. 203-208).

Schließlich geht es um das Zelebrieren. Die Zelebration findet in einem Kontext der „ökologischen Bekehrung“ (Nr. 216) statt und sie beinhaltet eine „ökologische Spiritualität“ (Nr. 216). Dies geht weniger auf theologische Doktrin zurück als auf die Beweggründe, die sich aus der Spiritualität ergeben, um sich um das gemeinsame Haus zu sorgen und „eine Leidenschaft für den Umweltschutz zu fördern“ (Nr. 216). Eine solche mystische Erfahrung ist es, die Menschen dazu bewegt, in einem ökologischen Gleichgewicht zu leben „im Gleichgewicht mit sich selbst, solidarisch mit den anderen, im natürlichen Gleichgewicht mit allen Lebewesen und im geistlichen mit Gott“ (Nr. 210). Dies scheint die Weisheit zu sein, dass „Weniger mehr ist“ und dass wir auch mit Wenigem glücklich sein können.

Im Sinne von Zelebrieren „ist die Welt mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten“ (Nr. 12).

Der zärtliche und geschwisterliche Geist des Hl. Franz von Assisi ist im gesamten Text der Enzyklika Laudato si präsent. Die aktuelle Situation stellt keine angekündigte Tragödie dar, sondern eine Herausforderung für uns, für das gemeinsame Haus und füreinander zu sorgen.

Der Text betont Poesie und Freude im Geist und unzerstörbare Hoffnung, dass, wenn die Bedrohung groß ist, die Gelegenheit zum Lösen unserer Umweltprobleme umso größer ist.

Der Text endet auf poetische Weise mit den Worten: „Jenseits der Sonne“: „Gehen wir singend voran! Mögen unsere Kämpfe und unsere Sorgen um diesen Planeten uns nicht die Freude und die Hoffnung nehmen“ (Nr. 244).

Ich möchte mit den Abschlussworten der Erd-Charta, die der Papst selbst zitiert (Nr. 207) enden: „Lasst uns unsere Zeit so gestalten, dass man sich an sie erinnern wird als eine Zeit, in der eine neue Ehrfurcht vor dem Leben erwachte, als eine Zeit, in der nachhaltige Entwicklung entschlossen auf den Weg gebracht wurde, als eine Zeit, in der das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden neuen Auftrieb bekam, und als eine Zeit der freudigen Feier des Lebens.“

Es muss einen Weg aus der aktuellen Krise geben

Die Politik- und Wirtschaftskrise, die wir zurzeit erleben, schafft eine Gelegenheit zu wahrhaft tiefgehenden Veränderungen, wie z. B. einer Politik-, Zins- und Agrar-Reform. Um das Richtige im Blick zu haben, ist es wichtig, zunächst einige Fakten zu bedenken.

Als erstes müssen wir die Krise als Teil der großen Krise der Menschheit als Ganze ansehen, statt sie innerhalb unserer Situation und außerhalb des aktuellen Laufes der Geschichte anzusiedeln. Die Krise Brasiliens zu betrachten und dabei die Weltkrise außer Acht zu lassen heißt, nicht über die Krise Brasiliens nachzudenken. Wir sind Teil eines größeren Ganzen. In unserem Fall können wir nicht der Aufmerksamkeit der größeren Staaten und großen Unternehmen entrinnen, wie die G7 erachtet, wo sich die wesentlichen Reichtümer für die ökologische Basis der zukünftigen Wirtschaft konzentrieren: die Fülle an Trinkwasser, die großen feuchten Urwälder, eine immense Artenvielfalt und 6 Millionen Hektar Agrarland. Diese imperiale Strategie interessiert es nicht, dass es im südlichen Atlantik eine Nation gibt, so groß wie ein Kontinent, die mit den globalen Interessen nicht konform geht und im Gegenteil einen unabhängigen Weg für ihre eigene Entwicklung sucht.

Zum Zweiten gibt es einen historischen Hintergrund für die aktuelle Krise Brasiliens, den wir nicht vergessen dürfen. Wie unsere großen Historiker bestätigen, hat es nie eine Regierung gegeben, die der großen Mehrheit, den Nachkommen der Sklaven, der indigenen Bevölkerung und den verarmten Bevölkerungsgruppen, eine adäquate Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen. Sie wurden als Tagelöhner und als wahrhafte Niemande angesehen. Der Staat, den sich von Beginn unserer Geschichte an die besitzende Klasse angeeignet hatte, war nicht willens, deren Bedürfnissen nachzukommen.

Drittens müssen wir anerkennen, dass als Ergebnis einer schmerzvollen und blutigen Geschichte von Kämpfen und zu überwindenden Hindernissen aller Art eine andere soziale Basis als politische Macht entstand, die nun den Staat und all seine Strukturen bestimmt. Aus einem elitären und neoliberalen Staat wurde ein republikanischer und sozialer Staat, der inmitten von großen Schwierigkeiten und Konzessionen gegenüber den dominanten nationalen und internationalen Kräften es schaffte, diejenigen ins Zentrum des Interesses zu stellen, die immer am Rand gestanden hatten. Die Tatsache, dass die Regierung der Arbeiterpartei (PT) 36 Millionen Brasilianer aus dem Elend hob und ihnen Zugang zu den fundamentalen

Grundgütern des Lebens verschaffte, ist von unleugbarer historischer Tragweite. Was wollen diese bescheidenen Menschen von der Erde? Gesicherten Zugang zu den grundlegenden Gütern, die ihnen das Überleben sichern. Dieses Ziel wird durch die Bolsa Familia, Mein Haus Mein Leben, Licht Für Alle und andere soziale und kulturelle politische Errungenschaften erreicht, ohne die die Armen nie in der Lage wären, Berufe zu ergreifen wie die von Anwälten, Ärzten, Ingenieuren, Lehrern o. ä.

Wie auch immer man diese Maßnahmen bezeichnen will, so waren sie doch hilfreich für den immensen Großteil der brasilianischen Bevölkerung. Hat der Staat nicht das Recht, die Sicherung des Überlebens seiner Bürger als seine erste Pflicht anzusehen? Warum ergriffen die Regierungen der vergangenen Jahrhunderte nicht solche Initiativen? War ein Präsident der Arbeiterpartei nötig, um all dies zu erreichen? Die Arbeiterpartei (PT) und ihre Verbündeten vollbrachten diese historische Meisterleistung, und nicht ohne eine starke Opposition derer, die auf „diese wirtschaftlichen Nullen“ herabschauten, wie dies Darcy Ribeiro, Capistrano de Abreu, Jose Honorio Rodrigues, Raymundo Faorom und letztens auch auch Luiz Gonzaga de Souza Lima taten. Und noch immer schauen sie auf sie herab.

Manche Teile der privilegierten Oberschicht schämen sich ihrer und verachten sie. Neben der verständlichen Empörung und Wut über die Korruptionsskandale und Hegemonie innerhalb der PT gibt es in diesem Land immer noch Hass. Diese alten Eliten mit ihren Kommunikationsmitteln, gekennzeichnet durch reaktionäre Haltung und Ideologie des rechten Flügels, unterstützt durch die alte Oligarchie, die sich von der modernen offeneren und nationalistischen unterscheidet, die teilweise die Projekte der PT unterstützt, akzeptierten nie eine vom Volk bestimmte Regierung. Sie tun ihr Bestes, um die Regierung der PT zu behindern, und zu diesem Zweck bedienen sie sich der Verdrehung der Tatsachen, Verleumdungen und Lügen, ohne sich zu schämen.

Zwei Strategien wurden durch den rechten Flügel, dem es gelungen ist, sich zu vereinen, erdacht, um die zentrale Macht wiederzuerlangen, die er durch die Wahlen verloren hatte, doch haben diese noch keine Form angenommen.

Die erste dieser Strategien besteht darin, in der Gesellschaft eine Situation permanenter politischer Krise aufrecht zu erhalten, um Präsidentin Dilma in ihrer Regierungsausübung zu behindern. Zu diesem Zweck organisieren sie Straßen-Demonstrationen, Picknicks mit Kasserollen, vollen Töpfen – sie wussten ja noch nie, was es bedeutet, einen leeren Topf zu haben – oder unter Offenbarung großen Bildungsmangels die Präsidentin bei öffentlichen Auftritten systematisch auszubuhen.

Die zweite Strategie besteht in einem Prozess, an der PT-Regierung herum zu kritisieren, sie als inkompetent und ineffizient zu verleumden und die Leitung des ehemaligen Präsidenten Lula zu diffamieren, Fakten darüber zu verdrehen und Lügen zu verbreiten, die, einmal entlarvt, nicht zurückgenommen werden. Sie hoffen, auf diese Weise die Kandidatur und Wiederwahl im Jahr 2018 zu unterminieren.

Diese Art der Vorgehensweise zeigt nur, dass wir noch immer eine Demokratie von sehr geringer Intensität haben. Die kürzlich geschehenen provokativen und rachevollen Taten durch die Vorsitzenden beider Häuser, beide von der PMDB, bestätigen, was der UNB Soziologe, Pedro Demo, in seiner Einführung in die Soziologie (Introduzión a la sociologia, 2002) schrieb: „Unsere Demokratie ist die nationale Repräsentation raffinierter Scheinheiligkeit, voller „schöner“ Gesetze, die stets von der dominierenden Elite gemacht werden, damit sie von Anfang bis Ende nur ihnen nützlich sind. Die Politiker sind Leute, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie viel Geld verdienen, wenig arbeiten, Handel treiben, Vetternwirtschaft betreiben, sich auf Staatskosten bereichern und gleich in die obersten Ränge der Wirtschaft einsteigen… Wenn wir Demokratie mit sozialer Gerechtigkeit gleichsetzen wollten, wäre die Demokratie ihre eigene Negierung.“ (S. 330-333).

Wir werden weder die Krise bewältigen noch die Revanchisten und diejenigen mit Staatsstreich-Mentalität überwinden, ohne eine Politik- Zins- und Agrarreform durchzuführen. Andernfalls wird unsere Demokratie kraftlos und blind sein.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

De ecclesia lascatorum: la chiesa delle schiappe

Il titolo – De ecclesia lascatorum – potrebbe far arricciare il naso a qualcuno. Alla fine del mio libro: Chiesa: carisma e potere, 1982), io ne promettevo la continuazione con il titolo: De Severina ecclesia, La chiesa dei Severini, cioè “la chiesa dei disgraziati e poveri” chiamati, nel nord-est, Severini. Non sono mai riuscito a scrivere quel libro anche se il cardinale Joseph Ratzinger, allora presidente della Congregazione per la Dottrina della fede, che aveva giudicato quello precedente, ogni tanto chiedeva informazioni se il libro annunciato era stato pubblicato o no. Era pieno di preoccupazioni per l’ortodossia del testo, dato che il tema dei poveri sempre mette paura ai portatori di potere.

Ma ecco che adesso appare un libro che ha realizzato quel mio proposito dei tempi andati. Arriva rifinito in forma profondamente spirituale, commovente e convincente dal mio caro e affezionatissimo confratello Frei Lency Frederico Smaniotto, che in Seminario veniva soprannominato affettuosamente ‘polentone’ o “testone” che recentemente ci ha lasciati.

Se qualcuno ha voglia di conoscere la radicalità di un francescano che ha preso a serio il messaggio innovatore del concilio Vaticano II, i documenti dell’episcopato latino-americano di Medellin e di Puebla, l’opzione radicale per i poveri e abbandonati e la Teologia della liberazione, legga questo libro, trattenga le lacrime perché la sua saga provoca commozione per coerenza, affetto, umiltà, coraggio e spiritualità francescana che ha paralleli nel padre Alfredino, in fra Damiano, nel Vescovo di Barra in Bahia, Dom Luis Fernando Cappio, nel vescovo di Sao Felix da Araguaia Dom Pedro Casaldaliga e, oso dire, anche nel Papa Francesco, tra gli altri.

Lui ha realizzato per filo e per segno quanto Papa Francesco aveva richiesto il 28 maggio 2015 ai francescani del mondo intero: che vivessero la minorità. Diceva il Papa: “Minorità” significa uscire da noi stessi, dai nostri schemi e punti di vista personali; significa andare al di là delle strutture che pure sono utili quando utilizzate saggiamente al di là degli abiti e al di là delle certezze per testimoniare una prossimità concreta con i poveri, i bisognosi, gli emarginati, con un atteggiamento autentico di compartecipazione e di servizio”. Frei Lency è stato concretamente un frate minore che si abbassava fino all’altezza degli occhi dell’interlocutore per poterlo vedere meglio.

Ha scritto il libro De Ecclesia Lascatorum, appoggiato a una bombola del gas. Lui non pretendeva far teologia, ma testimoniare una mistica con i più umiliati di questo mondo, servi sofferenti e invisibili della società. Non si tratta soltanto di scrivere, ma molto più di vivere, soffrire insieme e insieme buscarle, essere arrestati insieme, arrischiare la vita insieme e rallegrarsi insieme. Mille lotte e centinaia di sconfitte. Ma, come il Maestro, mai ha abbandonato i suoi. Sempre si è risollevato e ha ripreso la via-sacra dei lascados, in qualsiasi parte si ritrovassero.

Ha percorso le principali stazioni della passione popolare in vari Stati del Brasile. Effettivamente, Gesù è ancora inchiodato alla croce, ancora gocce disudore e sangue scorrono nel suo corpo e gridano preghiere a Dio. Frei si è associato a coloro che hanno ascoltato il lamento del Maestro. Insieme con tanti “lascados” Lency ha tentato di fare scendere Gesù dalla croce.

Trovo che questo libro è una delle testimonianze più vive, più forti e più persuasive della Chiesa dei poveri, onore della nostra Chiesa brasiliana e faro che illumina il cammino di tanti che, compassionevoli e solidali, vogliono ma non sempre possono seguire la stessa opzione.

Ma questa opzione è lì per dimostrare che il Vangelo dei “lascados” è vivo. Può essere vissuto nella radicalità con cui l’ha vissuto Francesco di Assisi, attuata da Francesco di Roma. Il suo messaggio è talmente di sfida che nessun editore ha avuto il coraggio evangelico di pubblicarlo. Ma “habent sua fata libelli” dicevano gli antichi: “i libri, quelli veri, hanno un loro destino”.

Il libro è completato da scritti di un altro che si è identificato con la popolazione afrodiscendente, frei David Raimundo Santos, che apre scuole e prepara gli studenti per l’università.

Frei Lency non è più visibile tra noi, anche se è sempre presente. Lui sta con i suoi lascados che lo hanno preceduto nella gloria. Finalmente sta con il Resuscitato, che non ha nascosto le sue piaghe di “lascado”. Dopo tante lotte, frei Lency non è morto: ha ascoltato la chiamata di Dio che gli ha sussurrato: «Mio caro figlio, Lency, come ti stavo aspettando! Tu vieni stanco e con il tuo corpo a pezzi. Adesso starai con me e ti porterò alla fonte dell’eterna giovinezza dove tutti i tuoi fratelli e sorelle “lascados” ti stanno aspettando. E come un’aquila che rinnova tutto il suo corpo, rivivrai. Più ancora, risusciterai per restare eternamente con noi, con quei “miei fratelli e sorelle minori nei quali io stavo presente e che tu mi hai servito e che adesso non soffrono più, e non piangono né si lamentano più perché tutto è passato».

“Vieni, mio caro figlio. Vieni perché io ti sto aspettando da sempre. Hai compiuto la tua missione come la mia quando andavo pellegrinando tra i poveri e “Lascados” della Palestina. Vieni, rimani con noi per sempre per tutti tempi che non avranno fine nel nuovo Cielo e nella nuova Terra dove non ci saranno più “lascados”, perché tutti saranno fratelli e sorelle, miei cari figli e figlie care”.

Leonardo Boff

amico, fratello, confratello
Traduzione di Romano e Lidia Baraglia

Das Zeitalter der Großen Transformationen

Wir leben im Zeitalter der Großen Transformationen. Es gibt viele davon, aber ich möchte hier nur zwei nennen: die erste bezieht sich auf die Ökonomie, die zweite auf den Bereich des Bewusstseins. Zuchächst, die Ökonomie: Es begann im Jahr 1834, als sich die industrielle Revolution in England festigte. Dabei haben wir es mit einer Bewegung von einer Markt-Wirtschaft hin zu einer Markt-Gesellschaft zu tun. Den Markt hat es schon immer in der Geschichte der Menschheit gegeben, doch noch nie zuvor gab es eine Gesellschaft, die nur aus Markt bestanden hätte. In anderen Worten: alles was zählt, ist die Ökonomie. Alles andere muss dieser dienen.

Der vorherrschende Markt wird eher durch Konkurrenz als durch Kooperation bestimmt. Angestrebt wird Profit für das Individuum oder für den Konzern, nicht jedoch das Gemeinwohl für die gesamte Gesellschaft. Die Kosten, um diesen Profit zu erreichen, bestehen gewöhnlich in der Umweltzerstörung und in der Schaffung perverser sozialer Ungleichheiten.

Es heißt, der Markt müsse frei sein, und der Staat wird als dessen großes Hindernis angesehen. Der Auftrag des Staates besteht in Wirklichkeit darin, die Gesellschaft und Ökonomie durch Gesetze und Normen zu ordnen und das Streben nach dem Gemeinwohl zu koordinieren. Die Große Transformation setzt einen minimalen Staat voraus, der praktisch auf Zwecke reduziert wird, die sich auf die Infrastruktur, Finanzverwaltung und Sicherheit beschränken. Alles andere gehört zum Markt und wird durch diesen reguliert.

Alles kann dem Markt zugewiesen werden: Trinkwasser, Saatgut, Lebensmittel und sogar menschliche Organe. Die Vermarktung ist in alle Sektoren der Gesellschaft eingedrungen: Gesundheit, Bildung, Sport, Kunst und Unterhaltung und sogar wichtige Bereiche von Religion und Kirchen mit ihrem Fernseh- und Radioprogramm.

Das Organisieren der Gesellschaft ausschließlich um die ökonomischen Interessen des Marktes hat die Menschheit von Grund auf gespalten: eine enorme Kluft ist zwischen Arm und Reich entstanden. Eine perverse soziale Ungerechtigkeit ist vorherrschend.

Gleichzeitig wurde eine schreckliche ökologische Ungerechtigkeit geschaffen. Im Eifer des Akkumulierens wurden Naturgüter und Bodenschätze auf räuberische Weise, grenzenlos und völlig respektlos ausgebeutet. Das Ziel ist, immer reicher zu werden, um noch intensiver konsumieren zu können.

Diese Unersättlichkeit hat die Grenzen der Erde selbst überschritten. Die Naturgüter und –dienste der Erde sind nicht mehr völlig ausreichend und erneuerbar vorhanden. Dies macht es für das kapitalistische Produktionssystem schwierig, wenn nicht unmöglich, sich auf konstante Weise zu regenerieren. Dies ist die Krise.

Durch ihre interne Logik verursacht diese Transformation den Biozid, Ökozid und Geozid. Das Leben selbst ist in Gefahr, und die Erde wird uns möglicherweise nicht mehr auf sich ertragen wollen, da wir zu destruktiv sind.

Die zweite Große Transformation entsteht auf dem Feld des Bewusstseins. Da der Schaden, der der Natur zugefügt wird und auch die Lebensqualität beeinträchtigt, sich ausbreitet, wächst auch das Bewusstsein, dass 90 % dieses Schadens auf die unverantwortliche und unvernünftige Haltung von Menschen zurückzuführen ist, insbesondere auf die Haltung derjenigen ökonomischen, politischen, kulturellen und medialen Eliten, die die großen multilateralen Konzerne umfassen und die die Kontrolle über das Geschick der Welt übernommen haben.

Wir müssen dringend diese Bewegung in Richtung Abgrund stoppen. Die erste globale Studie über den Status der Erde wurde 1972 durchgeführt. Sie zeigte, dass es der Erde nicht gut ging. Die Hauptursache ist die Art von Entwicklung, die die Gesellschaft eingeschlagen hat und die die Limits der Natur und die Kapazität des Planeten Erde überschreitet. Ja, wir müssen produzieren, um die Menschheit zu ernähren, doch in einer Art und Weise, die die Rhythmen der Natur und deren Grenzen respektiert, ihr ermöglicht, sich zu erholen und zu erneuern. Dies nannte man nachhaltige Entwicklung im Gegensatz zum rein materiellen Wachstum, wie es das BSP misst.

Im Namen dieses Bewusstseins und seiner Dringlichkeit entstanden das Prinzip Verantwortung (Hans Jonas), das Prinzip Achtsamkeit (Boff u. a.), das Prinzip Nachhaltigkeit (Brundland Report), das Prinzip Kooperation (Heisenberg/Wilson/Swimme), das Prinzip Prävention/Vorsorge (1992 Brief der UN aus Rio de Janeiro), das Prinzip Mitleid (Schopenhauer/Dalai Lama) und das Prinzip Erde (Lovelock und Evo Morales), in dem die Erde als ein lebendiger Super-Organismus verstanden wird, der stets bereit ist, Leben hervorzubringen.

Die ökologische Überlegung wurde komplex. Sie kann nicht nur auf Umweltschutz reduziert werden. Die Ganzheit des Weltensystems steht auf dem Spiel. Daher entstand eine Umwelt-Ökologie, deren Ziel die Lebensqualität ist; eine soziale Ökologie, die einen nachhaltigen Lebensstil anstrebt (Produktion, Verteilung, Konsum und Müllverarbeitung); eine mentale Ökologie, die Vorurteile und solche Weltvisionen kritisiert, die dem Leben gegenüber feindlich gesonnen sind, und die ein neues Design für die Zivilisation vorschlägt, das auf den Prinzipien und Werten für eine neue Art, das Gemeinsame Haus zu bewohnen, basiert; und schließlich eine integrale Ökologie, die anerkennt, dass die Erde Teil eines Universums in Evolution ist und dass wir in Harmonie mit dem Ganzen leben müssen, die komplex und zweckdienlich ist. Daraus resultiert Frieden.

Dann wird klar, dass Ökologie eine Kunst ist, ein neuer Weg, sich mit der Natur und der Erde in Beziehung zu setzen, mehr als eine Technik zum Verwalten rarer Naturgüter.

Überall auf der Welt entstanden Bewegungen, Institutionen, Organismen, NGOs und Forschungszentren, die sich um die Erde sorgen, insbesondere um alle Lebewesen.

Wenn das Bewusstsein für Achtsamkeit und für unsere kollektive Verantwortung für die Erde und für unsere Zivilisation triumphiert, dann werden wir sicher noch eine Zukunft haben.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack