Was werden unsere Kinder und Enkel zu uns sagen?

Alle Länder, vor allem diejenigen, die wie Brasilien im Jahr 2015 eine Finanzkrise erleiden, sind von einer beständigen Vorstellung besessen: Wir müssen wachsen; wir müssen das Wachstum des BSP sichern, d. h. die Summe allen im Lande erschaffenen Reichtums. Dieses Wirtschaftswachstum betrifft grundlegend die Produktion materieller Güter. Es schafft einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit (Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen) und führt zu einer perversen Zerstörung der Umwelt (Erschöpfung der Ökosysteme).

Tatsächlich sollten wir zuerst über die Art der Entwicklung sprechen, die essentielle nicht-materielle Elemente beinhaltet, vor allem solche subjektiven und humanistischen Dimensionen wie die Ausdehnung der Freiheit, Kreativität und der Möglichkeiten, sein Leben selbst zu gestalten. Leider sind wir alle von diesem Wachstum in Geiselhaft genommen. Vor langem wurde das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Umweltschutz zugunsten des Wachstums zerstört. Der Konsum übersteigt bereits um 40 % die Kapazitäten unseres Planeten, seine Ressourcen zu erneuern. Und die Erde ist dabei, ihre Nachhaltigkeit zu verlieren.

Wir wissen inzwischen, dass die Erde ein sich selbst regulierendes Lebenssystem ist, in dem alle Faktoren interagieren (Gaia-Theorie), um ihre Ganzheit aufrechtzuerhalten. Doch ihre Selbstregulierung funktioniert nicht mehr. Daher kommt der Klimawandel, gibt es extreme Ereignisse (starke Winde, Tornados, Klimaderegulierung) und die globale Erwärmung, die uns mit schweren Katastrophen böse überraschen kann).

Die Erde sucht ein neues Gleichgewicht, indem sie ihre Temperatur um 1,4 bis 5,8 Grad erhöht. Dies würde zu einer Ära großer Zerstörungen führen (Anthropozän) mit gestiegenem Meereslevel, von denen mehr als die Hälfte der Menschheit betroffen sein werden, die an den Küsten leben. Tausende von lebedigen Organismen würden nicht genug Zeit haben, um sich anzupassen oder die schädigenden Auswirkungen abzumildern, und würden von der Erdoberfläche verschwinden. Ein Großteil der Menschheit selbst, bis zu 80 % sagen manche, könnten auf einem Planeten, dessen physikalisch-chemische Grundlage so profund verändert wäre, nicht überleben.

Der Umweltforscher Washington Novaes ist sich gewiss: „Jetzt geht es nicht mehr darum, sich um die Umwelt zu kümmern, sondern darum, die Limits, die das Leben gefährden könnten, nicht zu überspannen.“ Manche Wissenschaftler behaupten, wir hätten den Punkt des No-Return erreicht. Die auf uns zukommende Krise lässt sich verlangsamen, nicht aber stoppen.

Diese Frage ist unbequem. In ihren offiziellen Reden sprechen Staatsoberhäupter, Geschäftsleute und – noch schlimmer – die wichtigsten Ökonomen selten die Grenzen des Planeten und die daraus resultierenden Probleme für unsere Zivilisation an. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder und Enkel uns verfluchen, wenn sie auf die Vergangenheit schauen, denn obwohl wir von den Gefahren wussten, taten wir nichts oder wenig, um die Tragödie zu vermeiden.

Der Fehler eines jeden muss möglicherweise wortwörtlich den merkwürdigen Anweisungen von Lord Keynes folgen, um der großen Depression der 1930er Jahre zu entrinnen:

„Mindestens ein Jahrhundert lang machten wir uns selbst und allen anderen vor, dass Schönes schmutzig ist und dass Schmutziges schön ist, denn das Schmutzige ist nützlich, und das Schöne ist nutzlos. Gier, Profitsucht, Misstrauen müssen unsere Götter sein, denn diese werden uns zum Ende des Tunnels ökonomischen Bedarfs ans Tageslicht führen … Nach all dem wird die Rückkehr zu einigen sichereren und gewissen Prinzipien von Religion und traditionellen Tugenden erfolgen: dass Gier ein Laster ist, Profitsucht ein Verbrechen und die Liebe zum Geld verachtenswert“ (Economic Possibilities of our Grand-Children – Ökonomische Möglichkeiten unserer Enkel). So denken die Hauptverantwortlichen für die Krise von 2008, die niemals bestraft wurden.

Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Ziele neu definieren und nach den geeignetsten Mitteln forschen, um sie zu erreichen. Es kann bei ihnen nicht länger darum gehen, zu produzieren, während die Natur zerstört wird, und grenzenlos zu konsumieren. Niemand hat eine Lösung für diese Zivilisationskrise. Doch wir vermuten, dass wir uns von der Weisheit der Natur selbst leiten lassen müssen: Respekt für ihren Rhythmus aufbringen, für ihre Belastungskapazität, das Hauptaugenmerk nicht auf Wachstum, sondern auf Nachhaltigkeit legen. Würden unsere Produktionsweisen die natürlichen Zyklen respektieren, dann gäbe es sicher genug für alle und wir würden die Natur, deren Teil wir sind, bewahren.

Wir bekleben die Wunden der Erde mit Pflaster. Linderung keine Lösung. Wir beschränken uns vor allem aufs Lindern und habe dabei die Illusion, wir lösten die dringenden Probleme, bei denen es um Leben und Tod geht.

uberseetzt von Bettina Gold-Hartnack

Wodurch wir der Kultur des Kapitals Fortbestand verleihen

Im vorangehenden Artikel „Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich“ ging es uns darum, in der Theorie aufzuzeigen, dass alle Kraft für deren Fortbestand und Reproduktion in der Bekräftigung des einen Aspekts unserer Natur liegt, nämlich der Selbstbestätigung, der Stärkung des Egos, so dass sie weder verschwindet noch durch andere Kulturen assimiliert wird. Doch dieser Ansatz verkleinert oder leugnet sogar einen anderen, ebenfalls natürlichen Aspekt, nämlich den der Integration des Selbst und des Individuums in ein Ganzes, in die Spezies, die es repräsentiert.

Dies reicht jedoch noch nicht aus, um diese Überlegung abzuschließen. Neben der ersten Feststellung muss noch eine andere Kraft benannt werden, die den Fortbestand der kapitalistischen Kultur sicherstellt. Es ist die Tatsache, dass wir, die Mehrheit der Gesellschaft, die „Werte“ und den grundlegenden Zweck des Kapitalismus, nämlich die beständige Profitsteigerung, verinnerlicht haben, die den unbegrenzten Konsum von materiellen Gütern erlaubt. Diejenigen, die nicht besitzen, möchten besitzen. Diejenigen, die besitzen, möchten mehr besitzen. Und diejenigen, die mehr besitzen, sagen: „Es gibt nie genug.“ Und für die überwiegende Mehrheit sind Wettbewerb – nicht Solidarität – und die Übermacht des Stärkeren über allen anderen Werten in sozialen Beziehungen, vor allem im Geschäftlichen, vorherrschend.

Der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Kultur des Kapitals ist die Konsumkultur, die des ständigen Kaufens neuer Produkte: ein neues Smartphone mit noch mehr Apps, ein noch ausgefeilterer Computer, ein Paar Schuhe oder Kleidung in neuem Stil, mehr Kredite auf der Bank, um das Kaufen und Konsumieren zu erleichtern, die unkritische Aufnahme von Produktwerbung etc.

Eine Mentalität ist entstanden, für die all diese Dinge als selbstverständlich hingenommen werden. Auf Partys unter Freunden oder in der Familie und in den Restaurants isst man sich satt, während zur selben Zeit in den Nachrichten von Millionen hungernden Menschen die Rede ist. Nicht vielen fällt dieser Widerspruch auf, denn die Kultur des Kapitals lehrt uns, uns zuerst um uns selbst zu kümmern und uns nicht um die anderen oder um das Gemeinwohl zu sorgen. Dies, wie wir bereits oft erwähnten, ist schon seit langer Zeit so.

Doch es reicht nicht aus, die Konsumkultur zu kritisieren. Wenn es sich um ein systemisches Problem handelt, müssen wir ein anderes System voranbringen, eines, das antikapitalistisch ist, sich nicht um die Produktion dreht und sich gegen unbegrenztes lineares Wachstum wendet. Dem kapitalistischen Credo: „Es gibt keine Alternative“ müssen wir ein humanistisches Credo entgegensetzen: „Es gibt eine Alternative“.

Alternativen können überall gefunden werden. Ich werde hier nur drei Beispiele nennen: das Konzept des „guten Lebens“ der Andenvölker, das seit Jahrhunderten Bestand hat, ungeachtet der vielen Versuche, es zu zerstören, zu unterwerfen oder zu assimilieren; doch das einige Sektoren der Gesellschaft kürzlich anzuerkennen und zu schätzen gelernt haben um seiner Wohltaten für die Menschheit willen, einschließlich der Harmonie und des Gleichgewichts unter all den Bereichen der Familie, innerhalb der Gesellschaft (Gemeinschafts-Demokratie), mit der Natur (dem Wasser, der Erde, den Landschaften) und mit Pacha-Mama, der Mutter Erde. Die Ökonomie der Andenvölker ist nicht durch Akkumulation geprägt, sondern durch die Produktion dessen, was für alle ausreichend und vernünftig ist.

Ein zweites Beispiel: der täglich wachsende Öko-Sozialismus. Er steht nicht in Verbindung mit dem zuvor existierenden Sozialismus (bei dem es sich tatsächlich um Staatskapitalismus handelte), sondern stammt von den Idealen des klassischen Sozialismus ab, von Gleichheit, Solidarität, Unterwerfung des Wechselkurses unter den Gebrauchswert, gemeinsam mit den Idealen moderner Ökologie. Er wurde glänzend durch Michael Löwy in „Was ist Öko-Sozialismus“ (Qué es el ecosocialismo, Cortez, 2015) vorgestellt, sowie von anderen in diversen Ländern, einschließlich der bedeutenden Beiträge von James O’Connor und Jovel Kovel. Diese sehen Wirtschaft als eine Funktion der sozialen Bedürfnisse und des Bedürfnisses, das Lebenssystem und den Planeten als Ganzes zu beschützen. Die Ziele des demokratischen Sozialismus, nach O’Connor, wären demgemäß demokratische Kontrolle, soziale Gleichheit und die Vorherrschaft des Gebrauchswertes. Löwy fügt hinzu, dass „eine solche Gesellschaft ein kollektives Besitztum der Produktionsmittel voraussetzt, eine demokratische Planung, die eine Gesellschaft dazu führen kann, ihre Ziele von Produktion und Investition zu definieren sowie eine neue technologische Struktur der Produktionskräfte.“ (a.a.O. S. 45-46). Sozialismus und Ökologie haben die gleichen qualitativen Werte wie Kooperation, Verkürzung der Arbeitszeit, um in einem freien Staat koexistieren, kreieren, Kultur und Spiritualität verfolgen und die verarmte Natur wiederherstellen zu können. Dies sind Werte, die nicht auf einen Marktwert reduziert werden können. Dieses Ideal liegt in Reichweite der historischen Möglichkeiten und umfasst Praktiken, die dies vorwegnehmen (wie z. B. bei den Andenvölkern, wie oben beschrieben).

Ein drittes Kulturmodell würde ich den „Franziskanischen Weg“ nennen. Franz von Assisi, den Franziskus von Rom auf seine Weise aktualisiert, ist mehr als ein Name oder ein religiöses Ideal; es ist ein Lebensprojekt, ein Geist und eine Seinsweise. Der Franziskanische Weg versteht Armut nicht als den Zustand, nichts zu besitzen, sondern als die Fähigkeit stets in der Lage zu sein, sich von sich selbst zu lösen und so immer wieder zu geben. Er umfasst die Einfachheit des Lebens, des Konsums als gemeinsame Bescheidenheit, als Sorge für die Bedürftigen, als universelle Verschwisterung mit allen Geschöpfen der Natur, die als Brüder und Schwestern respektiert werden, als Lebensfreude, als die Fähigkeit, zu tanzen und zu singen, sogar provenzalische cantilenae amatoriae, Liebeslieder. In politischer Sprache ausgedrückt würde es sich eher um einen Sozialismus der Angemessenheit und der Genügsamkeit handeln als des Überflusses und folglich ein radikal anti-kapitalistisches Projekt, das sich gegen das Anhäufen materieller Güter richtet.

Sind dies Utopien? Ja, doch sie sind notwendig, um nicht in purem Materialismus zu ertrinken. Sie sind Utopien, aber nach der unausweichlich auf uns zukommenden großen systemischen sozio-ökologischen Krise – eine Reaktion der Erde selbst, die eine solche Zerstörung nicht länger ertragen kann – können sie sich als inspirierende Referenzpunkte erweisen. Diese kulturellen Werte werden ein neues Zivilisations-Experiment voranbringen, und zwar eines, das endlich gerecht, spirituell und menschlich sein wird.

“ubersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die kapitalistische Kultur ist lebens- und glücksfeindlich

Der Niedergang der Theorie, die dem Kapitalismus als eine Produktionsform zugrunde liegt, nahm seinen Anfang mit Karl Marx und schritt fort durch das 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Sozialismus. Um seinen Hauptzweck, dem unbegrenzten Anhäufen von Reichtum, zu erreichen, steigerte der Kapitalismus alle zur Verfügung stehenden Produktionskräfte. Doch als Resultat war von Anfang an ein hoher Preis zu zahlen: eine perverse soziale Ungleichheit. Ethisch-politisch ausgedrückt bewirkt er soziale Ungerechtigkeit und das systematische Anwachsen von Armut.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde den Menschen bewusst, dass es nicht nur soziale Ungerechtigkeit gibt, sondern auch ökologische Ungerechtigkeit: die Zerstörung des gesamten Ökosystems, der Raubbau von Bodenschätzen und schließlich eine allgemeine Krise des Lebens- und Erdsystems. Produktive Kräfte wurden in destruktive Kräfte verwandelt. Geld ist zum Selbstzweck geworden. So warnte Papst Franziskus in allgemein bekannten Abschnitten des Apostolischen Schreibens über die Ökologie: „Im Kapitalismus regiert nicht mehr der Mensch, sondern das Geld und nochmals das Geld. Der Antrieb ist der Profit … Ein Wirtschaftssystem, das sich um den Gott Geld dreht, bedarf des Raubbaus der Natur, um seinen inhärenten frenetischen Konsumrhythmus beizubehalten.“

Jetzt hat der Kapitalismus sein wahres Gesicht gezeigt: Wir haben es mit einem System zu tun, das gegen das Leben der Menschen und das Leben der Natur ist. Und wir stehen vor einem Dilemma: entweder ändern wir uns, oder wir laufen Gefahr, uns selbst zu zerstören, wie die Erd-Charta warnt.

Nichtsdestoweniger besteht der Kapitalismus weltweit als dominantes System fort unter dem Namen der neo-liberalen Markt-Makroökonomie. Worauf beruhen seine Dauer und sein Fortbestand? Meiner Meinung nach auf der Kultur des Kapitals. Die Kultur des Kapitals ist mehr als ein Produktionsmodus. Als eine Kultur verkörpert sie eine Lebensweise eine Produktionsweise, eine Konsumweise, die Art des Verhältnisses zu Natur und zum Menschen, die Art, wie man ein System schafft, dem es gelingt, sich selbst ständig zu reproduzieren unabhängig von der Kultur, in der es sich befindet. Er hat eine Mentalität geschaffen, eine Art der Machtausübung und einen ethischen Kodex. Fabio Konder Comparato streicht dies in seinem Buch „A civilização capitalista“ (Eine kapitalistische Kultur), (Saraiva, 2014) heraus, das sich zu lesen lohnt: „Der Kapitalismus ist die erste Welt-Zivilisation der Geschichte“ (S. 19). Voller Stolz bekräftigt der Kapitalismus: „Es gibt keine Alternative“.

Wir wollen uns kurz einige seiner Charakteristika vor Augen halten: der Endzweck des Lebens besteht im Ansammeln von materiellen Gütern durch unbegrenztes Wachstum, hergestellt durch grenzenlose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen, durch die Vermarktung von allem und jedem und mithilfe von Finanzspekulation. All dies wird durch geringstmögliches Investieren erreicht, im Streben nach dem größtmöglichen Profit, durch Effizienz und in kürzest möglicher Zeitspanne. Der Motor heißt Wettbewerb, angetrieben durch Werbung, der zuletzt Begünstigte ist das Individuum, das Versprechen heißt Glück in einem puren materialistischen Kontext.

Zu diesem Zweck übernimmt der Kapitalismus die Macht über die gesamte Lebenszeit des Menschen und lässt ihm keinen Raum für unnötige Aktivitäten, für geschwisterliche Koexistenz unter Menschen und mit der Natur, für Liebe, für solidarische Bekenntnisse und für die Erfahrung von Lebensfreude durch einfaches Leben. Da solche Realitäten für die Kultur des Kapitals nicht wichtig sind, aber die Realitäten sind, die Glück möglich machen, zerstört der Kapitalismus die nötigen Bedingungen für das, was er anbietet: Glück. Auf diese Weise richtet sich Kapitalismus nicht nur gegen das Leben, sondern auch gegen das Glück.

Wie sich daraus folgern lässt, sind diese Ideale nicht gerade das, was am dringendsten für die endliche und einzige Zeit, die wir in unsrem Leben auf diesem kleinen Planeten haben, brauchen. Der Mensch hungert nicht nur nach Brot und Reichtum; der Mensch trägt auch andere Bedürfnisse in sich, wie die nach Kommunikation, Verzauberung, liebende Leidenschaft, Schönheit, Kunst und den Hunger nach Transzendenz und vielem anderen mehr.

Doch wieso scheint die Kultur des Kapitals so beharrlich? Ohne zu zögern würde ich sagen, dass, selbst wenn sie dies in einer entstellten Form tut, sie deshalb fortbesteht, weil die Kultur des Kapitals eine der essentiellen Dimensionen der menschlichen Existenz verwirklicht: das Verlangen nach Selbstbestätigung, um das Ego zu bestärken. Andernfalls könnte sie nicht bestehen und würde von anderen Dimensionen absorbiert werden oder einfach verschwinden.

Biologen und selbst Kosmologen (wie z. B. Brian Swimme, um nur einen der Intelligentesten zu nennen) lehren uns, dass in allen Lebewesen des Universums, vor allem im Menschen, zwei Kräfte vorherrschen, die miteinander in Spannung stehen. Die eine ist der Wille des Individuums, zu sein, fortzubestehen und innerhalb des Lebensprozesses voranzuschreiten; dafür muss das Individuum sich selbst bestätigen und seine Identität, sein „Ego“ bestärken. Die andere Kraft ist die der Integration in das größere Ganze, innerhalb der Spezies, deren Teil das Individuum ist, indem es Netzwerke und Beziehungssysteme bildet, ohne die niemand bestehen kann.

Die erste Kraft dreht sich um das Ego und um das Individuum und kreiert Individualismus. Die zweite Kraft hat ihre Grundlage in der Spezies, dem „Uns“, und fördert Gemeinschaft und Gesellschaft. Die erste ist die Basis des Kapitalismus, die zweite die des Sozialismus.

Wo findet sich das besondere Talent des Kapitalismus? In der Überspitzung des Ego bis zum Äußersten, des Individuums und der Selbstbestätigung und unter Außerachtlassung des größeren Ganzen, der Integration und des „Wir“. Auf diese Weise hat er das Gleichgewicht der Menschen gekippt, da die eine Kraft bis zum Exzess ausgeübt und die andere ignoriert wird.

In dieser natürlichen Tatsache beruht die Kraft, die der Kultur des Kapitalismus Bestand verleiht, denn sie ist auf etwas begründet, das zwar korrekt ist, aber in einer unverhältnismäßig einseitigen und pathologischen Form ausgeübt wird.

Wie können wir diese Situation überwinden, die sich in den vergangenen Jahrhunderten aufgebaut hat? Grundsätzlich durch das Wiederherstellen des Gleichgewichts der zwei natürlichen Kräfte, die unsere Realität bilden. Vielleicht wäre eine schrankenlose Demokratie die Institution, die gleichermaßen dem Individuellen (dem „Ego“) gerecht wird, doch innerhalb des größeren Ganzen („Wir“, die Gesellschaft), dessen Teil das „Ego“ ist. Wir werden in Zukunft noch auf dieses Thema zurückkommen.

Ubersetzt von Bettina Gold-Hartnach

 

 

Eine Revolution innerhalb der Evolution

Es gibt eine allgemeine Wahrnehmung, dass der heutige Mensch abgelöst werden muss. Die Schöpfung des heutigen Menschen ist noch nicht abgeschlossen, sondern befindet sich latent in der Dynamik des Evolutionsprozesses. Diese Suche nach dem neuen Mann und der neuen Frau ist vielleicht eine der Sehnsüchte, die im Lauf der Geschichte niemals abgeschlossen wurde.

 

Zwei Beispiele: Das mesopotamische Denken schuf das Gilgamesch Epos des 7. Jh n. Chr, das der biblischen Erzählung der Schöpfung und Sintflut sehr ähnlich ist. Der Held Gilgamesch, verzweifelt über die Tragik des Todes, sucht nach dem Baum des Lebens. Er möchte Utnapishtim finden, der der Flut entkam, unsterblich geworden war und auf einer wunderbaren Insel lebte, die nicht vom Tod regiert wurde. Auf seinem Weg empfahl ihm Shamash, der Sonnengott: „Gilgamesch, du wirst niemals den Baum finden, nach dem du suchst.“ Die göttliche Nymphe Siduri warnt ihn: „Als die Götter die Menschen schufen, beschlossen sie den Tod als deren Schicksal; die Götter behielten das ewige Leben für sich selbst. Gilgamesch , du tätest besser daran, deinen Magen zu füllen und dich Tag und Nacht des Lebens zu freuen; sei glücklich über das Wenige, über das du verfügen kannst.“

 

Gilgamesch lässt sich nicht von seiner Suche abbringen. Er erreicht die Insel der Unsterblichkeit, greift sich den Baum des Lebens und kehrt zurück. Auf seinem Rückweg bläst die Schlange ihren bösen Atem über den Baum und stiehlt ihn. Der Held des Epos stirbt desillusioniert und kommt ins „Land ohne Wiederkehr, wo man Staub und Schlamm isst und wo die Könige ihrer Krone beraubt sind.“ Unsterblichkeit ist weiterhin das Ziel immer währender Suche.

 

Unsere Tupi-Guarani und Apopocuva-Guarani entwarfen die Utopie der “Erde ohne das Böse” und das “Mutterland der Unsterblichkeit”. Diese beiden Nationen lebten in ständiger Bewegung. Von der Küste von Pemambuxo bewegten sie sich plötzlich auf das Innere des Dschungels zu, in der Nähe des Quellgebiets des Madeira Flusses. Von dort aus ging eine andere Gruppe nach Peru. Von der Grenze Paraguays wanderte wieder eine andere Gruppe zur Atlantikküste etc. Die von Anthropologen durchgeführten Studien über die Mythen deckten deren Bedeutung auf. Der Mythos der „Erde ohne das Böse“ inspirierte eine ganze Nation dazu, sich auf den Weg zu begeben. Der Shaman sagte voraus: „Sie wird aus dem Meer auftauchen.“ Voller Hoffnung begaben sie sich dorthin. Durch Riten, Tänze und Fasten glaubten sie ihre Körper erleichtern zu können, um der Begegnung mit dem „Mutterland der Unsterblichkeit“ in den Wolken entgegenzugehen. Desillusioniert kehrten sie in den Dschungel zurück, bis sie eine andere Botschaft vernahmen und sich erneut auf die Suche nach der ersehnten „Erde ohne das Böse“ begaben, voll Sehnsucht nach einer niemals endenden Hoffnung.

 

Diese zwei Beispiele drücken in mythischer Form dasselbe Konzept aus wie es heutzutage von dem modernen Menschen in der Sprache der Wissenschaft ausgedrückt wird. Er will nicht auf das neue Wesen vom Himmel warten, er möchte es selbst schaffen durch genetische Manipulation. Wir suchen weiterhin, und dennoch sterben wir noch immer früher oder später.

 

Auch das Christentum hat sich dieser Utopie verschrieben, mit dem Unterschied, dass es für die Christenheit nicht länger eine Utopie ist, sondern eine Topie, d. h. ein gesegnetes und noch nie dagewesenes Ereignis, das in der Geschichte auftrat. Das älteste Zeugnis der frühen Christenheit ist dies: „Christus ressurrexit vere et aparuit Simoni“ (Lk 24,34): „Christus ist wahrhaft auferstanden und ist dem Simon erschienen“.

 

Sie verstanden Auferstehung nicht als die Wiederbelegung des Körpers, so wie bei Lazarus, der schließlich auch wieder sterben musste, sondern als das Erscheinen des neuen Menschen, des „novissiums Adam“ (1 Kor 15,45), des „neuen Adam“, als eine völlige Realisierung aller im Menschen ruhenden Potenziale.

 

Sie fanden keine adäquaten Worte, um dieses noch nie dagewesene Phänomen zum Ausdruck zu bringen. Sie nannten es „Geistkörper) (1 Kor 15,44). Dies scheint der vorherrschenden Philosophie dieser Zeit zu widersprechen: Wenn es ein Körper ist, kann es kein Geist sein; ist es ein Geist, kann es kein Körper sein. Nur in der Vereinigung der beiden Konzepte, den frühen Christen zufolge, konnten sie der neuen Wirklichkeit gerecht werden: Es ist ein Körper, jedoch ein transfigurierter; es ist ein Geist, doch befreit von den materiellen Grenzen und mit kosmischer Dimension.

 

Sie sagen noch mehr: Die Auferstehung ist nicht einfach ein persönliches Ereignis, das im Leben des Jesus von Nazareth stattfand. Sie gilt für alle, einschließlich des Kosmos, wie es in den Briefen des Hl. Paulus an die Kolosser und an die Epheser heißt. Darum bekräftigt Paulus: „Er ist die Hoffnung aller, die gestorben sind … Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1 Kor 15,22).

 

Dies ist ein Diskurs über Glaube und Religion, doch er ist auch von anthropologischer Wichtigkeit. Er repräsentiert eine von vielen Antworten auf das Rätsel des Todes, vielleicht die vielversprechendste.

 

Wenn dem so ist, haben wir es mit einer Revolution innerhalb der Evolution zu tun. Es ist als hätte die Evolution ihr gutes Ende im Zenit der Realisierung ihrer verborgenen Potenziale vorweggenommen. Es wäre ein Modell, das uns die Herrlichkeit und das außerordentlich wunderbare Geschick vor Augen führt, zu dem wir gerufen sind.

 

Also lohnt es sich zu leben und zu sterben. In Wirklichkeit leben wir nicht, um zu sterben. Wir sterben, um aufzuerstehen. Um mehr und besser zu leben.

 

Allen, die glauben, und denjenigen, die aufhören zu richten, wünsche ich ein gutes und frohes Osterfest.

Ubersetzt con Bettina Gold-Hartnack