Auf Aggression durch die Menschen antwortet die Erde mit Blumen

 Abgesehen davon, dass wir uns schon inmitten einer Krise von globalem Ausmaß befinden, haben wir es nun mit einem irreversiblen Vorgang zu tun. Die Erde wird nie wieder dieselbe sein. Ihre physikalisch-chemisch-ökologische Basis wurde auf solch tief greifende Weise verändert, dass sie ihr inneres Gleichgewicht verlor. Sie ist in einen chaotischen Prozess eingetreten, d. h. sie hat ihre Nachhaltigkeit verloren, was die Kontinuität dessen, was sie Jahrtausende lang getan hat, beeinflusst: Leben zu produzieren und zu reproduzieren.

 Jedes Chaos hat zwei Seiten: eine destruktive und eine kreative. Die destruktive Seite ist die Störung einer Art von Gleichgewicht, was im Schwinden von Teilen der Artenvielfalt resultiert und schließlich auch der menschlichen Spezies, bedingt entweder durch deren Unfähigkeit, sich der neuen Situation anzupassen, oder seiner Unfähigkeit, seine tödlichen Auswirkungen abzuschwächen. Am Ende dieses Reinigungsprozesses wird das Chaos beginnen, seine generative Seite zu zeigen. Es wird neue Ordnungen herstellen, das Klima stabilisieren und den Menschen, denen es gelungen ist zu überleben, ermöglichen, eine neue Art von Zivilisation zu errichten.

 Die Geschichte der Erde zeigt uns, dass sie ungefähr fünfzehn große Zerstörungen erlebt hat, wie z. B. das Kambrium vor 480 Millionen Jahren, das 80-90 % aller Spezies zerstörte. Doch seitdem ist die Erde wie eine großzügige Mutter und baute allmählich die Artenvielfalt wieder auf.

 Heutzutage warnt uns eine große Mehrheit der wissenschaftlichen Community vor einem möglichen Kollaps des Lebenssystems, der tatsächlich die Zukunft der menschlichen Spezies bedrohen könnte. Wir alle können diese Veränderungen wahrnehmen, die sich vor unseren Augen abspielen. Große Extreme erscheinen: auf der einen Seite verlängerte Sommer in Verbindung mit großem Wassermangel, der das Ökosystem und die Gesellschaft als Ganze beeinträchtigt, wie es im Südosten Brasiliens geschieht. In anderen Teilen des Erdballs, wie in den Vereinigten Staaten, gibt es extreme Winter, wie man sie seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten nicht mehr erlebt hat.

 Tatsache ist, dass wir die physikalischen Grenzen des Planeten Erde erreicht haben. So wie wir diese Grenzen zu überschreiten, wie es durch unsere Produktivität und Konsumgier geschieht, antwortet die Erde mit Orkanen, Tsunamis, verheerenden Fluten, Erdbeben und mit einer irreversiblen globalen Erwärmung. Wenn wir die Temperatur um zwei verheerende Grad Celsius erhöhen, könnte die Situation immer noch handhabbar sein. Doch wenn wir das nicht tun, was nötig ist, nämlich den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch zu reduzieren, und unser Verhältnis mit der Natur nicht neu-orientieren hin zu einer kollektiven Selbst-Beschränkung, und die Belastungsgrenzen jedes Ökosystems respektieren, ist ein Anstieg von 4-6 Grad Celsius wahrscheinlich. Dann werden wir die „Qual der Verwüstung“ erleiden, um einen biblischen Ausdruck zu benutzen, und ein großer Teil der Lebensformen, wie wir sie kennen, einschließlich Teile der Menschheit, werden das nicht überstehen können.

 Am 15. Januar 2015 veröffentlichte die bekannte Zeitschrift Science den Artikel „Natürliche Grenzen: Die Entwicklung der Menschen auf einem sich verändernden Planeten lenken“, der von 18 Wissenschaftlern über die Grenzen des Planeten erarbeitet wurde. Diese Wissenschaftler erkannten neun Dimensionen, die den Fortbestand des Lebens und unseren Zivilisationsversuch grundlegend herausfordern. Es lohnt sich, sie aufzuzählen: 1. Klimawandel; 2. Veränderungen der Unversehrtheit der Biosphäre mit dem Schwinden der Artenvielfalt und der beschleunigten Auslöschung von Spezies; 3. Ausdünnung der stratosphärischen Ozonschicht, die uns vor den schädlichen Sonnenstrahlen schützt; 4. die wachsende Übersäuerung der Meere; 5. die Unterbrechung der biologisch-geologisch-chemischen Flüsse (die Zyklen des Phosphors und des Stickstoffs, die für das Leben von fundamentaler Bedeutung sind); 6. solche Veränderungen in der Bodennutzung wie die wachsende Rodung der Wälder und die Verwüstung; 7. die bedrohende Verknappung des Trinkwassers; 8. die Konzentration der Treibgase in der Atmosphäre (mikroskopische Partikel, die das Klima und Lebewesen beeinträchtigen); und 9. die Einführung von synthetischen chemischen Wirkstoffen, radioaktivem Material und Nano-Materialien, die das Leben bedrohen.

 Von diesen neun Dimensionen haben die ersten vier bereits ihre Grenzen überschritten, und die anderen befinden sich in einem fortgeschrittenen Verfall-Zustand. Dieser systematische Krieg gegen Gaia kann sie zum Kollaps führen, so wie es mit Menschen geschieht.

 Und trotz dieser dramatischen Lage schaue ich mich um und sehe voller Entzückung den Wald voller Cuaresmeiras, violette Frühlingsbäume, gelbe Casias und an der Ecke meines Hauses blühende Amaryllis Belladonnas, Tukane auf den Bäumen, wenn ich aus dem Fenster sehe, und die Araras, die unter dem Dach ihre Nester bauen.

 Dann erkenne ich, dass die Erde eine wirklich großzügige Mutter ist: auf unsere Aggressionen lächelt sie immer noch mit Flora und Fauna zurück. Und sie gibt uns die Hoffnung, dass es nicht die Apokalypse, sondern eine neue Genesis ist, was kommt. Die Erde wird überleben. Wie die jüdisch-christlichen Schriften uns zusichern: „Gott ist der souveräne Liebhaber des Lebens“ (Weish. 11,26). Und Gott wird nicht zulassen, dass das Leben verschwindet, nachdem es das Chaos so schmerzhaft überwand.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Volk: auf der Suche nach einer Begrifflichkeit

Es gibt wenige Begriffe, die in unterschiedlicheren Zusammenhängen verwendet werden, als das Wort “Volk”. Seine Bedeutung ist so fließend, dass Sozialwissenschaftler wenig davon halten und bevorzugen, von „Gesellschaft“ oder von „sozialen Klassen“ zu sprechen. Doch, wie Ludwig Wittgenstein sagt, „ist die Bedeutung eines Wortes von seinem Gebrauch abhängig“. Unter uns gesagt: Diejenigen, die das Wort „Volk“ in einem positiveren Sinne verwenden, sind die, die sich für das Geschick der niederen Klassen, des „Volkes“, interessieren.

Wir wollen versuchen, dem Begriff „Volk“ einen analytischen Inhalt zu verleihen, sodass sein Gebrauch denjenigen dient, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen und „Volk“ sein möchten.

Die erste philosophisch-soziale Bedeutung hat ihre Wurzeln im klassischen Denken der Antike. Zuerst Cicero, dann der Hl. Augustinus und der Hl. Thomas von Aquin bekräftigten, dass “das Volk nicht einfach nur eine Ansammlung von Männern ist, sondern die Vereinigung Vieler um einen Konsens über die richtigen und gemeinsamen Interessen“. Es ist der Staat, der die unterschiedlichen Interessen miteinander auf einen Nenner bringen muss.

Eine zweite Bedeutung des Begriffs „Volk“ stammt aus der kulturellen Anthropologie: Es ist die Bevölkerung, die Teil einer gegebenen Kultur ist und ein gegebenes Territorium bewohnt. So viele Kulturen es gibt, so viele Völker gibt es. Diese Bedeutung ist legitim, denn sie unterscheidet ein Volk vom anderen: ein bolivianischer Quechua unterscheidet sich von einem brasilianischen. Doch dieses Verständnis von „Volk“ verdeckt Unterschiede und sogar interne Widersprüche: sowohl ein Großgrundbesitzer als auch ein armer Tagelöhner, der auf dessen Land lebt, sind Teil des „Volks“. Doch in einem modernen Staat ist die Gewalt nur legitim, wenn sie im „Volk“ verankert ist. Aus diesem Grund heißt es in der Verfassung, dass „alle Gewalt vom Volk ausgeht und im Namen des Volkes ausgeübt werden muss.

Eine dritte Bedeutung ist der Schlüssel zur Politik. Politik ist das vereinte Streben nach dem Gemeinwohl (die gebräuchliche Bedeutung) oder die Aktivität, die die Staatsgewalt anstrebt, um die Gesellschaft zu verwalten (besondere Bedeutung). Wenn es aus dem Munde der Politiker kommt, ist das Wort „Volk“ sehr zweideutig. Einerseits steht es für die undifferenzierte Gesamtheit der Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft (populus), andererseits bezeichnet es die marginalisierten und im Allgemeinen ungebildeten Armen (plebs = das gemeine Volk). Wenn Politiker sagen, sie gehen zum Volk, sprechen zum Volk und handeln zum Vorteil des Volks, dann denken sie meistens an die Armen.

Hier haben wir eine Aufspaltung zwischen der Mehrheit und ihren Führern oder zwischen den Massen und den Eliten. Wie Nelson Werneck Sodre sagte: „Einer geheimen Intuition gemäß fühlt sich jeder umso mehr dem Volk zugehörig, je bescheidener ist. Er besitzt nichts, und daher ist er stolz, dem „Volk“ anzugehören“ (Einführung in die brasilianische Revolution, 1963, S. 188). Beispielsweise fühlen sich unsere brasilianischen Eliten nicht dem Volk zugehörig. Vor seinem Tod im Jahr 2013 sagte Antoinio Ermirio de Moraes: „Die Eliten denken nie an das Volk; sie denken nur an sich selbst.“ Darin liegt das Problem.

Es gibt eine vierte Bedeutung für den Begriff “Volk”, die aus der Soziologie stammt. Hier bedarf es einiger Genauigkeit des Begriffs, um nicht in Populismus zu verfallen. Ursprünglich hatte er eine politisch-ideologische Bedeutung, in einem Ausmaß, dass er die internen Konflikte von Personengruppen verdeckte, die aus unterschiedlichen Kulturen, sozialen Status und verschiedenen Projekten kommen.

Diese Bedeutung ist nur von geringem analytischem Wert, denn sie ist zu allumfassend, auch wenn sie am häufigsten in der Sprache der Massenmedien und der Machthabenden benutzt wird.

Soziologisch gesehen ist „Volk“ ebenfalls eine historische Kategorie zwischen der Volksmasse und den Eliten. In einer kolonialisierten Klassengesellschaft ist das Konzept von Elite klar: Es handelt sich dabei um diejenigen, die mächtig sind, etwas besitzen und über Bildung verfügen. Die Elite hat ihr Ethos, ihre Gewohnheiten und ihre Sprache. Im Gegensatz zur Elite stehen die Einheimischen, die weder volle Bürgerrechte besitzen noch ihre eigenen Pläne umsetzen können. Sie verkörperten unbewusst die Pläne der Eliten und setzten sie um. Die Eliten sind Experten im Manipulieren des „Volkes“: Dies ist Populismus. Das „Volk“ wird als ein unterstützender Akteur in einem Projekt aufgenommen, das die Eliten zu ihrem eigenen Vorteil erdacht haben.

Doch es gibt immer Hemmschwellen im Prozess der Hegemonie oder der Klassenbeherrschung: Aus den Massen tauchen allmählich charismatische Anführer auf, die soziale Bewegungen mit ihrer eigenen Vision für das Land und dessen Zukunft organisieren. Sie hören auf, „Volksmassen“ zu sein, und beginnen, relativ autonome und aktive Bürger zu werden. Neue Gewerkschaften entstehen, Landlosenbewegungen, Bewegungen für die Obdachlosen und die Frauen, die Afrika-Stämmigen, die Indigenen u. a. Das „Volk“ ist nicht länger von den Eliten abhängig. Es entwickelt ein eigenes Bewusstsein, einen anderen Plan für sein Land. Es lehrt die Menschen, Widerstand auszuüben und die gängigen sozialen Beziehungen zu verwandeln. Auf diese Weise wird das „Volk“ geboren als das Ergebnis der Entwicklung der Bewegungen und der aktiven Gemeinschaften. Dies ist die neue Realität in Brasilien und in Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten, die nun kulminiert in neue Demokratien populären und republikanischen Charakters. Ein Führer der neuen politischen Partei „We can“ in Spanien drückte dies treffend aus: „Nicht das Volk produzierte den Aufstand, sondern der Aufstand produzierte das Volk“ (Le Monde Diplomatique, Januar, S. 16).

Jetzt können wir mit einiger begrifflichen Genauigkeit sprechen: Ein “Volk” entsteht hier, und zwar in dem Ausmaß, dass es ein Bewusstsein und seine eigene Vision für das Land hat. „Volk“ hat auch eine axiologische Dimension: Alle sind aufgerufen, Volk zu sein: weder dominiert zu werden, noch zu dominieren, sondern bürgerliche Akteure einer Gesellschaft, an der alle teilhaben können.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Intoleranz im heutigen Brasilien und in der Welt

Der jüngste Mord an den Karikaturisten von Charlie Hebdo in Frankreich und die letzten Wahlen in Brasilien zeigten einen latenten Umstand der brasilianischen Kultur und der Welt auf: Intoleranz. Ich will mich hier auf die Intoleranz in der brasilianischen Kultur beschränken, denn mein voriger Artikel handelte von dem, was sich in den Mordanschlägen bei Charlie Hebdo gezeigt hat. Die brasilianische Intoleranz ist Teil dessen, was Sérgio Buarque de Holanda als „vom Herzen kommend“ bezeichnete in dem Sinn, dass Hass und Vorurteile ebenso wie Gastfreundschaft und Sympathie vom Herzen kommen. Doch eher als „vom Herzen kommend“ würde ich es im Fall von Brasilien als „passioniert“ bezeichnen.

Was die letzte Wahlkampagne zeigte, war „vom Herzen kommend-passioniert“ in Form von Klassenhass (Verachtung der Armen) und Rassendiskriminierung (Schwarze und die aus dem Norden Stammenden). Arm zu sein oder schwarz oder aus dem Norden zu stammen wurde als ein Manko angesehen. Daher rührt das absurde Verlangen einiger, Brasilien in den „reichen“ Süden und den „armen“ Nordosten aufzuteilen. Dieser Klassenhass leitet sich vom Archetypus von La Casa Grande und von Senzala her, der in manchen sozialen Bereichen fortbesteht und treffend von einer reichen Dame aus Salavador zum Ausdruck gebracht wurde: „Die Armen geben sich nicht mehr zufrieden mit der Stillung der Grundbedürfnisse einer Familie; nun wollen sie auch noch Rechte.“ Dem liegt die Einstellung zugrunde, dass, wenn sie zuvor Sklaven waren, sie alles kostenlos tun sollten, als wäre die Sklaverei nie abgeschaffen worden gegeben und als ob es keine Rechte gäbe. Homosexuelle und andere LGBT-orientierte Personen werden sogar in öffentlichen Debatten von Kandidaten beleidigt, welche eine unerträgliche Intoleranz an den Tag legten.

Um Intoleranz besser zu verstehen, müssen wir tiefer bis in den Kern des Problems vordringen. Die heutige Realität ist durch und durch widersprüchlich und komplex, denn sie ist die Konvergenz der unterschiedlichsten Faktoren. Darin finden sich das ursprüngliche Chaos und Kosmos (Ordnung), Licht und Schatten, das Sym-bolische und das Dia-bolische. Tatsächlich sind diese keine Konstruktionsfehler, sondern die tatsächliche Bedingung der Fülle, die im Universum besteht. Dies zwingt zu universeller Koexistenz mit Unterschieden und Unvollkommenheiten und zu Toleranz mit denjenigen, die nicht so denken und handeln wie wir. In klaren Worten ausgedrückt: dies sind zwei gegensätzliche Pole, doch Pole einer einzigen und einzigartigen dynamischen Realität. Diese Polaritäten können nicht aufgehoben werden. Alle Versuche, sie aufzuheben, führen zu Terror durch diejenigen, die meinen, im Besitz der Wahrheit zu sein, und die versuchen, diese Wahrheit Anderen aufzuzwingen. Der Exzess von Wahrheit wird dann schlimmer als ein Irrtum es sein könnte.

Was jede und jeder (und die Gesellschaft) wissen muss, ist wie sich ein Pol vom anderen unterscheidet und wie man eine Wahl trifft. Menschen erscheinen als ethische Wesen, wenn sie Verantwortung für ihre Taten und für deren Konsequenzen übernehmen.

Man könnte meinen, dann wäre alles gut, und sich fragen, ob es nun keine Unterschiede mehr gibt. Es ist nicht so, dass alles gut wäre und dass alle Unterschiede aufgehoben wären. Unterschiede müssen gemacht werden. Unkraut ist Unkraut und kein Weizen. Weizen ist Weizen und nicht einfach Unkraut. Der Folterer kann nicht dasselbe Schicksal haben wie der Gefolterte. Die Menschen dürfen nicht der Gleichmacherei verfallen und diese beiden verwechseln. Die Menschen müssen urteilsfähig sein und Entscheidungen treffen können.

Um Koexistenz zu erreichen, ohne diese Prinzipien zu verwechseln, müssen wir die Toleranz in uns stärken. Toleranz ist die Fähigkeit, in positiver Weise diese schwierige Koexistenz aufrecht zu erhalten und die Spannung zwischen den Polen auszuhalten, im Wissen, dass sie sich gegenüber stehen, doch dass sie Teil einer einzigen dynamischen Realität sind. Selbst wenn sie sich gegenüber stehen, sind sie doch zwei Seiten desselben Ganzen, wie links und rechts.

Das aktuell bestehende Risiko ist die Intoleranz. Intoleranz verkleinert die Realität, denn sie akzeptiert nur einen Pol und verleugnet den anderen. Intoleranz zwingt jede und jeden dazu, den einen Pol anzunehmen und den anderen auszulöschen, so wie der Islamische Staat und al-Quaida es auf kriminelle Weise tun. Fundamentalismus und Dogmatismus halten ihre Wahrheiten für absolut. Daher verurteilen sie sich selbst zu Intoleranz und weder anerkennen noch respektieren sie die Wahrheit Anderer. Ihre erste Handlung besteht darin, die Meinungsfreiheit und Pluralismus zu unterdrücken und ihre einzigartige Denkweise Anderen aufzuzwingen. Anschläge wie der in Paris haben ihre Wurzel in dieser Intoleranz.

Passive Toleranz muss allerdings vermieden werden, d. h. die Haltung, dass man die Existenz des anderen akzeptiert, nicht weil man das so möchte, sondern weil es nicht anders geht.

Stattdessen muss zu aktiver Toleranz ermutigt werden, die aus Koexistenz besteht mit einer Haltung aus positivem Zusammensein mit dem Anderen, und zwar aus Respekt und im Bewusstsein, dass das Anderssein einen Wert besitzt, der uns selbst bereichern kann.

Toleranz ist vor allem eine ethische Erfahrung. Toleranz repräsentiert das Recht aller so zu sein, wie sie sind, und weiterhin so zu bleiben. Dieses Recht wurde universell in der goldenen Regel formuliert: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Oder positiv ausgedrückt: „Was ihr wollt, das andere euch tun, das tut auch ihnen.“ Dies ist ein einleuchtendes Prinzip.

Im Grunde lässt sich die Wahrheit, die in der Toleranz liegt, folgendermaßen zusammenfassen: Jede Person hat ein Recht auf Leben und auf Koexistenz auf dem Planeten Erde. Alle haben ein Recht, hier zu sein mit ihren je eigenen Unterschieden. Dieses Recht geht jeder Ausdrucksweise von Leben als eine Weltsicht, Glaube oder Ideologie voraus. Dies ist die große Schwierigkeit der europäischen Gesellschaften: der Mangel an Akzeptanz des Anderen, sei er ein Araber, Moslem oder Türke, und in der brasilianischen Gesellschaft ist es der Mangel an Akzeptanz des Nachkommens von Afrikanern, der aus dem Norden Stammenden, der Indigenen. Gesellschaften müssen so organisiert sein, dass sich per Recht jede und jeder einbezogen fühlen kann. Auf diese Weise entsteht Frieden, der, gemäß der Erd-Charta „die Gesamtheit dessen ist, das geschaffen wird durch rechte Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderen Lebewesen, der Erde und dem größeren Ganzen, zu dem alles gehört“ (Nr. 16f).

Die Natur lehrt uns die wichtigste Lektion: Ganz gleich, wie verschieden die Lebewesen auch sind; sie alle koexistieren und kreieren die Komplexität der Wirklichkeit und die herrliche Vielfalt des Lebens.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Zum besseren Verständnis der Terrorattacke auf Charlie Hebdo in Paris

Es ist eine Sache, und es ist berechtigt, sich über die Terrorattacke zu empören, die die besten französischen Karikaturisten tötete. Dies war ein abscheulicher und krimineller Akt, den niemand unterstützen kann.

Eine andere Sache ist es, auf analytische Weise verstehen zu wollen, warum solche terroristischen Akte ausgeübt werden. Solche Taten fallen nicht vom Himmel. Der Himmel über ihnen ist dunkel, voll tragischer Geschichten, großer Massaker, Demütigungen und Diskriminierungen, und nicht nur durch echte Kriege wie im Irak und in Afghanistan, die Tausenden Menschen das Leben kostete oder sie ins Exil zwang.

Die Vereinigten Staaten und mehrere europäische Staaten waren in diese Kriegen involviert. Millionen von Moslems leben in Frankreich, die meisten davon in Randgebieten von Großstädten in prekärer Lage. Viele von ihnen werden, obwohl sie in Frankreich geboren sind, so sehr diskriminiert, dass es sich um eine richtige Islamophobie zu handeln scheint. Nach dem Anschlag auf das Büro von Charlie Hebdo wurde eine Moschee beschossen, ein muslimisches Restaurant wurde in Brand gesetzt und auch ein muslimisches Gebetshaus wurde beschossen.

Worum es gehen muss, ist, den Geist der Rache zu überwinden und auf eine Strategie zu verzichten, die auf Gewalt mit immer mehr Gegengewalt antwortet. Dies erzeugt eine Spirale niemals endender Gewalt, die unzählige, zumeist unschuldige Opfer kostet. Und Friede lässt sich so nie erreichen. Wer Frieden will, muss die Mittel zum Frieden vorbereiten, der das Produkt von Dialog und respektvollem Zusammenleben aller ist.

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 gegen die Vereinigten Staaten war paradigmatisch. Die Reaktion von Präsident Bush darauf war die Ankündigung eines „endlosen Kriegs“ gegen Terror und das Durchsetzen des „Patriot Act“, der die fundamentalen Bürgerrechte verletzt.

Was die Vereinigten Staaten und ihre westlichen Verbündeten im Irak und in Afghanistan unternahmen, war ein moderner Krieg, der zahllosen Zivilisten das Leben kostete. Hätte es in diesen Ländern nur große Dattelpalmen und Feigenanbau gegeben, wäre so etwas nicht geschehen. Doch in diesen Ländern gibt es große Ölvorkommen, das Blut des weltweiten Produktionssystems. Eine solche Gewalt führte bei vielen Moslems, die in diesen Ländern, aber auch anderswo in der Welt leben, zu Wut, Hass und Rachegelüsten.

Von diesem Hintergrund ausgehend kann man verstehen, dass der abscheuliche Anschlag in Paris das Ergebnis dieser vorigen Gewalt war und kein spontaner Akt, was diesen jedoch nicht rechtfertigt.

Die Auswirkung dieses Anschlags ist die Verbreitung von Angst. Das ist genau das, was Terrorismus bezweckt: dass sich die Menschen nur noch mit Terrorismus befassen und sie zu Gefangenen ihrer Angst werden. Das Hauptinteresse des Terrorismus besteht nicht darin, das Territorium des anderen zu erobern, wie es die westlichen Verbündeten in Afghanistan und dem Irak taten, sondern deren Gedanken zu besetzen.

Bedauerlicherweise verwirklichte sich die Prophezeiung des intelligenten Autors der Anschläge vom 11. September, Osama Bin Ladens, die er am 8. Oktober 2001 machte: „Die Vereinigten Staaten werden sich niemals wieder in Sicherheit wiegen können, niemals wieder Frieden haben.“ Sich in den Köpfen der Menschen zu verankern, sie emotionell zu destabilisieren, sie gegenüber jeder fremden Geste oder Person misstrauisch machen, ist das wesentliche Ziel des Terrorismus.

Um sein Ziel, die Gedanken der Menschen zu beherrschen, zu erreichen, folgt der Terrorismus folgender Strategie:

1.Die Aktionen müssen spektakulär sein, sonst führen sie nicht zu weit verbreitetem Aufruhr.

 

  1. Die Aktionen müssen, auch wenn sie verabscheuenswürdig sind, Bewunderung für ihren Ideenreichtum hervorrufen.

 

  1. Die Aktionen müssen erkennen lassen, dass sie minutiös geplant waren.

 

  1. Die Aktionen müssen unerwartet sein, um den Eindruck der Unkontrollierbarkeit zu erwecken.

 

  1. Die Autoren der Aktionen müssen anonym bleiben (maskiert), denn das macht sie suspekter und flößt mehr Angst ein.

 

  1. Die Aktionen müssen dauerhafte Angst einflößen.

 

  1. Die Aktionen müssen die Wahrnehmung der Realität verzerren: Alles, was anders ist, kann Terror hervorbringen. Es genügt schon, irgendein armes Kinder in ein Einkaufszentrum gehen zu sehen, und schon entsteht der Eindruck eines potentiellen Aggressors.

Folgendermaßen lässt sich das Konzept des Terrorismus zusammenfassen: Es handelt sich um eine beliebige spektakuläre Gewalthandlung, die zum Zweck hat, die Gedanken der Menschen mit Angst und Bedrohung zu besetzen. Die Gewalt an sich ist nicht maßgeblich; wichtig ist ihre spektakuläre Eigenschaft, ihre Fähigkeit, sich in den Köpfen aller zu verankern. Eine der bedauerlichsten Auswirkungen des Terrorismus war, dass es den terroristischen Staat, zu dem die Vereinigten Staaten sich entwickelt haben, vorantrieb. Noam Chomsky zitiert einen Funktionsträger des nordamerikanischen Sicherheitsapparats, der bekannte: „Die Vereinigten Staaten sind ein terroristischer Staat, und darauf sind wir stolz.“

Hoffentlich setzt sich dieser Geist nicht in der Welt durch, vor allem im Westen. Tut er es doch, sind wir auf dem besten Weg zum Schlimmsten, das uns bevorstehen kann. Nur friedliche Mittel haben die geheime Kraft, Krieg und Gewalt zu überwinden. Dies ist die Lektion, die die Geschichte uns lehrt, und der Rat von weisen Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King Jr. Nelson Mandela, Franz von Assisi und Franziskus von Rom.

übersezt von Bettina Gold-Hartnack