Papst Franziskus gegen seine Verleumder den Rücken stärken

An mehreren Orten weltweit, insbesondere jedoch in Italien, entwickelt sich unter den Kardinälen und Mitgliedern der Römischen Kurie sowie in konservativen Gruppen ein starker Widerstand gegen Papst Franziskus, um diesen zu diskreditieren. Sie bringen ihr Unbehagen zum Ausdruck und verbergen sich dabei hinter Vittorio Messori, einem bekannten laizistischen, konvertierten Schriftsteller.

Daher machte es mich traurig, als ich den Artikel von Vittorio Messori im Mailänder Corriere della Sera las, der den Titel trug: „Franziskus‘ Optionen: Zweifel am Kurs des Papstes“ (24.12.2014). Er wartete auf die Vesper des Heiligen Abend, um den Papst tief zu treffen. Messori kritisiert vor allem seine „Unvorhersehbarkeit, die nicht aufhört, die Ruhe der moderaten Katholiken zu stören.“ Hingegen bewundert Messori den linearen Kurs des „geliebten Joseph Ratzinger“ und zwischen fromme Phrasen injiziert er eine Dosis Gift. Und dies tut er, wie er selbst zugibt, im Namen derer, die nicht den Mut aufbringen, dies öffentlich zu tun.

Ich würde gern den Zweifeln des Herrn Messori etwas entgegensetzen. Er bemerkt die neuen Zeichen der Zeit nicht, die der römische Franziskus gesetzt hat. Darüber hinaus unterlaufen ihm drei Fehler: zwei Fehler theologischer Natur und ein dritter bezüglich der Interpretation der Relevanz der Kirche in der Dritten Welt.

Messori empört sich über die „Unvorhersehbarkeit“ dieses Hirten, denn dieser „hört nicht auf, die Ruhe der moderaten Katholiken zu stören.“ Man muss die Qualität des Glaubens dieses „moderaten Katholiken“ hinterfragen, dem es schwer fällt, einen Hirten zu akzeptieren, der den Geruch der Schafe an sich trägt und der „die Freude des Evangeliums“ verkündet. In der Regel sind dies kulturelle Katholiken, die an die pharonische Figur eines Papstes gewohnt sind, der mit allen Machtsymbolen des heidnischen römischen Kaisers ausgestattet ist.

Nun kommt ein „franziskanischer“ Papst daher, der die Armen in den Mittelpunkt stellt, der nicht „Prada trägt“, der mutig das System kritisiert, das Elend in vielenTeilen der Welt produziert, der die Kirche den Menschen zugänglich macht, ohne über sie zu urteilen, und der sie in dem Geist willkommen heißt, den er als eine „Revolution der Zärtlichkeit“ bezeichnete, als er zu den lateinamerikanischen Bischöfen sprach.

Messoris Denkweise weist große Lücken auf. Seine beiden theologischen Fehler bestehen in der fast völligen Abwesenheit des Heiligen Geistes und im Christomonismus (d. h. dass nur Christus zählt). Es gibt keinen Platz für den Hl. Geist. Alles in der Kirche wird allein durch Christus beschlossen. Dies stimmt allerdings nicht mit der Lehre Jesu überein. Ich sage dies deshalb, weil das, was Messori an den Aktionen des Papstes stört, dessen „Unvorhersehbarkeit“ ist. Nun aber ist gerade dies eine Eigenschaft des Heiligen Geistes, wie der Evangelist Johannes sagt: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht“ (Joh 3,8). Das Charakteristikum des Geistes ist sein unvorhersehbares Erscheinen.

Messori ist Geisel eines linearen Kurses seines „geliebten Joseph Ratzingers“ und anderer Vorgänger-Päpste. Leider machte dieser lineare Kurs die Kirche zu einer Festung, die nicht in der Lage ist, die Komplexität der modernen Welt zu verstehen, und die inmitten anderer Kirchen und spiritueller Wege isoliert da steht, ohne Dialoge zu führen und von anderen zu lernen, die ebenfalls durch den Geist erleuchtet sind. Es ist schon Blasphemie dem Hl. Geist gegenüber, zu denken, dass die Gedanken der anderen alle irrig sind. Aus diesem Grund ist eine offene Kirche, wie Papst Franziskus sie wünscht, der Schlüssel zur Erkenntnis des Geistes, wo immer er durch alle Zeiten hinweg erscheint. Nicht grundlos nennen einige Theologen ihn die „Fantasie Gottes“ wegen seiner Kreativität und Neuheit für die Geschichte und die Kirche.

Ohne den Hl. Geist würde die Kirche zu einer schweren Institution, der es an Kreativität mangelt. Am Ende hätte sie wenig in der Welt zu sagen, außer Doktrin für Doktrin von sich zu geben, und könnte nicht zu einer lebendigen Begegnung mit Christus führen oder Hoffnung und Lebensfreude erwecken.

Es ist ein Geschenk des Hl. Geistes, dass dieser Papst von außerhalb dieser alten und müden europäischen Christenheit kam. Papst Franziskus ist kein subtiler Theologe, sondern ein Hirte, der den Auftrag Jesu an Petrus versteht: „Stärke deine Brüder und Schwestern im Glauben“ (Lk 22,32). Franziskus bringt die Erfahrung der Kirchen in der Dritten Welt, insbesondere der in Lateinamerika, mit.

Es gibt noch eine andere Lücke in Messoris Denken: Er unterschätzt die Tatsache, dass die heutige Christenheit eine Religion der Dritten Welt ist, wie es der deutsche Theologe J. B. Metz so oft wiederholt hat. Katholiken stellen weniger als 25 % der europäischen Bevölkerung, während sie in der Dritten Welt fast 73 % darstellen und in Lateinamerika fast 49 %.

Warum sollten wir nicht das Neue annehmen, das von diesen Kirchen kommt, die nicht länger ein Spiegelbild der alten europäischen Kirchen sind, sondern Quellen-Kirchen mit ihren eigenen Märtyrern, Bekennern und Theologen?

Wir können uns vorstellen, dass in nicht zu ferner Zukunft der Sitz des Primas nicht mehr in Rom bei der Kurie sein wird mit allen ihren Widersprüchlichkeiten, die Papst Franziskus vor kurzem mit mutigen Worten entlarvte, wie man es nur aus dem Munde Martin Luthers kannte und aus meinem Buch „Kirche: Charisma und Macht“ (1984), das sich aus heutiger Sicht eher harmlos als kritisch liest. Es wäre sinnvoll, wenn der Hauptsitz sich dort befände, wo die Mehrheit der Katholiken lebt, also in Lateinamerika, Asien und Afrika. Dies wäre ein unmissverständliches Zeichen für die wahre Katholizität der Kirche in dieser neuen globalisierten Phase der Menschheit.

Ich hatte ernsthaft gehofft, bei Vittorio Messori auf eine größere Intelligenz des Glaubens und auf mehr Offenheit zu stoßen mit seinen Referenzen als Katholik, der dieser einen Art von Kirche gegenüber treu und ein bekannter Schriftsteller ist. Papst Franziskus hat vielen Katholiken und anderen Christen Hoffnung und frischen Wind gebracht, die sehr stolz auf ihn sind.

Wir wollen dieses Geschenk des Geistes nicht mit eher negativem als positivem Analysieren vergeuden, das die „Freude am Evangelium“ für alle nicht stärkt.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Das Ende einer Epoche, eine neue Zivilisation oder das Ende der Welt?

Einige hoch angesehene Persönlichkeiten warnen davor, dass wir uns bereits in einem Dritten Weltkrieg befinden. Derjenige unter ihnen, der die höchste Autorität innehat, ist Papst Franziskus. Am 13. September sagte er während des Besuchs eines Friedhofs für italienische Soldaten, die in Radipulia in der Nähe von Slowenien ums Leben kamen: „Der Dritte Weltkrieg könnte bereits begonnen haben. In Teilen wird er bereits ausgefochten in Form von Verbrechen, Massakern und Zerstörung.“ Am 12. Dezember 2014 warnte der 93-jährige Altbundeskanzler Helmut Schmidt vor einem möglichen Dritten Weltkrieg (Boletim Carta Maior vom 22.12.2014). Genauso kann man hier und da auch andere maßgebliche Stimmen hören.

Die für mich am überzeugendste Analyse, die ich für prophetisch halte, da bereits stattfindet, was in ihr vorhergesagt wurde, stammt von Jacques Attali in seinem bekannten Buch „Die Welt von morgen. Eine kleine Geschichte der Zukunft“ (Parthas, 2008). Er war ein Berater François Mitterands und steht nun der Kommission zur „Freisetzung des Wirtschaftswachstums“ vor. Er arbeitet mit einem hochqualifizierten, interdisziplinären Team zusammen. Attali sah drei Szenarien voraus:

  1. Das Super-Empire, bestehend aus den USA und ihren Verbündeten. Seine Stärke liegt in seiner Kapazität, die ganze Menschheit zu vernichten. Doch es befindet sich im Niedergang aufgrund der systemischen Krise des kapitalistischen Systems. Es folgt der Ideologie des Pentagon von der „Dominanz des ganzen Spektrums“ in allen Bereichen, im Militär, der Ideologie, der Politik, Wirtschaft und Kultur. Doch es wurde auf dem wirtschaftlichen Feld von China überholt und hat Schwierigkeiten, anderen seine imperialistische Logik aufzuzwingen.
  2. Der Super-Konflikt. Mit dem langsamen Niedergang des Empires taucht eine Balkanisierung der Welt auf, wie es zurzeit an den regionalen Konflikten in Nordafrika, dem Mittleren Osten, in Afrika und der Ukraine zu beobachten ist. Diese Konflikte können sich mit dem Gebrauch von Massenvernichtungswaffen verstärken (siehe Syrien und Irak), dann mit kleinen Nuklearwaffen (es gibt Tausende davon in Aktentaschen-Größe), die zwar wenig zerstören, aber ganze Regionen für viele Jahre durch hohe radioaktive Strahlung unbewohnbar machen. Mit der weit verbreiteten Nutzung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen könnte eine Zeit kommen, in der die Menschheit sich dessen bewusst wird, dass sie sich selbst zerstören könnte. Und dann träte das dritte und letzte Szenario in Kraft:
  3. Die Super-Demokratie. Um nicht sich selbst und einen Großteil der Biosphäre zu zerstören, würde die Menschheit einen Welt-Sozial-Vertrag abschließen, der verschiedene Instanzen globaler Regierungen umfasst. Mit knappen natürlichen Ressourcen haben wir das Überleben der menschlichen Spezies und der ganzen Lebensgemeinschaft zu gewährleisten, die ebenfalls von Mutter Erde (Gaia) geschaffen und aufrechterhalten wird.

Sollte es nicht zu dieser Phase kommen, könnten wir das Ende der menschlichen Spezies und eines großen Teils der Biosphäre erleben. Der Fehler läge in unserem rationalistischen Zivilisations-Paradigma. Der Ökonom und Humanist Luiz Gonzaga Belluzzo fasste dies kürzlich gut zusammen: „Der westliche Traum von der Schaffung eines menschlichen Lebensraums basierend ausschließlich auf Vernunft, Ablehnung von Tradition und Verwerfung von jeglicher Transzendenz, befindet sich in einer Sackgasse. Die westliche Vernunft kann nicht gleichzeitig die Werte der universalen Menschenrechte, die Ambitionen technischen Fortschritts und das Versprechen von Wohlstand für alle umsetzen. (Carta Capital, 21.12.2014). Durch seine Irrationalität schafft diese Art von Vernunft die Mittel, um ihre eigene Zerstörung zu bewirken.

Wahrscheinlich bedürfte es dann Tausende oder Millionen von Jahren für den Evolutionsprozess, um wieder ein Wesen hervorzubringen, das ausreichend komplex wäre und in der Lage, den Geist zu erhalten, der sich zuerst im Universum befand und danach erst in uns.

Doch es könnte ebenso gut zu einer neuen Epoche kommen, die den sensiblen Verstand (Liebe und Achtsamkeit) mit der instrumentell-analytischen Vernunft (Technowissenschaft) vereint. Schließlich käme dann heraus, was Teilhard de Chardin im Jahr 1933 in China als Noosphäre bezeichnete: Geist und Herz vereint in Solidarität, Liebe und Achtsamkeit für das Gemeinsame Haus, die Erde. Attali schrieb: „Ich möchte endlich glauben, dass der Schrecken über die zuvor erwähnte Zukunft uns dazu führen wird, dies unmöglich zu machen Dann würde das Versprechen einer Erde, die allen durch das Leben Reisenden gegenüber gastfreundlich eingestellt ist, erfüllt“ (a.a.O. S. 210).

Und am Ende überlässt er uns Brasilianern diese Herausforderung: „Wenn es ein Land gibt, das so aussieht wie ein Land, in das die ganze Welt sich verwandeln könnte, im Guten wie im Schlechten, dann ist dieses Land Brasilien“ (S. 231).

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Weihnachten: der Feiertag von Gottes Menschlichkeit und Tischgemeinschaft

Weihnachten steckt voller Bedeutungen. Eine seiner Botschaften wurde durch die Konsumkultur, die den gutmütigen, alten Weihnachtsmann dem Jesuskind vorzieht, übernommen, denn der Weihnachtsmann ist interessanter für das Geschäft. Das Jesuskind seinerseits spricht vom inneren Kind, das wir stets in uns tragen, das der Fürsorge bedarf und das, einmal erwachsen, selbst den Impuls in sich trägt, für andere zu sorgen. Dies ist der Teil des Paradieses, der nicht ganz verlorengegangen ist und der aus Unschuld besteht, aus Spontanität, dem Zauberhaften und dem gemeinsamen Spiel und dem Miteinander mit dem Anderen, ohne jede Art von Diskriminierung.

Für Christen ist dies die Feier der „Nähe und Menschlichkeit“ unseres Gottes, wie es im Titusbrief (3,4) heißt. Gott wurde so ergriffen von den Menschen, dass Er einer von uns werden wollte. Fernando Pessoa drückt dies so wunderschön in seinem Gedicht über Weihnachten aus: „Er ist das ewige Kind; der Gott, der uns fehlte; das göttliche Wesen, das lächelt und spielt; das so menschliche Kind, das göttlich ist.“

Nun haben wir ein Gottes-Kind, nicht einen Gott, der wie ein strenger Richter über unsere Taten und über die Geschichte der Menschheit urteilt. Welche innere Freude breitet sich in uns aus, wenn wir bedenken, dass ein Gottes-Kind über uns urteilen wird. Eher als uns zu verurteilen, möchte das Gottes-Kind für immer mit uns leben und sich zusammen mit uns vergnügen.

Seine Geburt rief eine kosmische Erschütterung hervor. Ein Text aus der christlichen Liturgie drückt dies symbolisch aus: „Dann verstummten die plappernden Blätter als stürben sie; der flüsternde Wind stand still in der Luft; der krähende Hahn verstummte inmitten seines Schreis; das sanfte Wasser des Baches stand still; die weidenden Schafe standen bewegungslos; der Hirte mit dem erhobenen Stab war wie versteinert; dann, in genau diesem Augenblick, wurde alles ruhig, alles verstummte, alles erstarrte: Jesus, der Retter der Völker und des Universums, war geboren.

Weihnachten ist eine Feier des Lichts, der weltweiten Geschwisterlichkeit, der Familie, die sich um einen Tisch versammelt. Es ist mehr als nur ein Festmahl, es ist ein Fest des Lebens, das wir miteinander teilen, ein Fest der Großzügigkeit der Früchte unserer Mutter Erde und der kulinarischen Kunst menschlicher Arbeit.

Für einen Augenblick vergessen wir die alltägliche Mühe, die Last unserer mühseligen Existenz, die Spannungen zwischen Familienmitgliedern und Freunden, und wir werden vergnügt zu Brüdern und Schwestern, die sich in der Tischgemeinschaft zusammenfinden, d. h. zusammen an einem Tisch essen wie früher, als die ganze Familie, Eltern, Söhne und Töchter, gemeinsam am Tisch saßen, um zu reden, zu essen und zu trinken.

Tischgemeinschaft ist so zentral, dass sie auf das erste Erscheinen der Menschen als solche hinweist. Vor sieben Millionen Jahren begann die allmähliche und fortschreitende Loslösung von einem gemeinsamen Vorfahren zwischen höher entwickelten Menschenaffen und Menschen. Die Einzigartigkeit des Menschen, im Gegensatz zu den Tieren, besteht im Sammeln von Lebensmitteln, deren Verteilung unter allen, beginnend bei den Jüngsten und Ältesten und erst danach unter allen anderen.

Tischgemeinschaft setzt Kooperation und Solidarität miteinander voraus. Es war die Tischgemeinschaft, die den Entwicklungssprung von der Bestie zum Menschen voran brachte. Was damals stimmte, ist auch heute noch wahr. Aus diesem Grund ist es so schmerzhaft, sich bewusst zu machen, dass Millionen und Abermillionen von Menschen nichts zum Teilen haben und unter Hunger leiden müssen.

Am 11. September 2001 geschah die Gräueltat der Flugzeuge, die in die Zwillingstürme in New York krachten. Fast 3.000 Menschen mussten dadurch sterben.

An genau demselben Tag starben 16.400 Kinder unter 5 Jahren. Sie starben an Hungersnot und Mangelernährung. Am darauf folgenden Tag und das ganze Jahr hindurch wurden 12 Millionen Kinder Opfer von Hungersnot. Und niemand war damals darüber entsetzt oder ist es heute angesichts dieser menschlichen Katastrophe.

An diesem Weihnachten der Freude und Geschwisterlichkeit können wir nicht diejenigen vergessen, die Jesus seine „kleinen Brüder und Schwestern“ (Mt 25,40) nannte; diejenigen, die weder Geschenke erhalten noch etwas zu essen haben werden. Doch trotz dieser traurigen Tatsache feiern wir und singen, wir singen und sind froh, denn wir werden niemals allein sein. Der Name des Kindes ist Jesus, der Emmanuel, was bedeutet: „Gott mit uns“. Zu dieser Gelegenheit passt dieser kleine Vers sehr gut, denn er lässt uns über unser Verständnis von Gott, wie er sich uns zur Weihnacht zeigt, nachdenken:

Jeder kleine Junge möchte ein Mann sein.

Jeder Mann möchte ein König sein.

Jeder König möchte „Gott“ sein.

Nur Gott möchte ein Kind sein.

Ein Frohes Weihnachtsfest im Jahre des Herrn 2014.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Politik und Dialog im Kontext der Wiederwahl Dilma Roussef

Die Wiederwahl Dilma Roussefs verlangt nach einem Überdenken der diversen Formen von Parteipolitik. Sich in der Politik zu engagieren heißt, nach Macht zu streben oder sie auszuüben. Dies beleuchtet, was Max Weber in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ sagte: „Wer sich in der Politik engagiert, strebt nach Macht; Macht als ein Mittel, anderen Zwecken zu dienen oder Macht im Eigeninteresse, um sich des Ansehens zu erfreuen, das sie mit sich bringt.“

Die letztgenannte Art von politischer Macht wurde die meiste Zeit über während unserer Geschichte durch die Herrschaftseliten ausgeübt, zu deren Eigennutz und unter Vernachlässigung der Tatsache, dass alle Macht dem Volk gegeben ist. Es geht hier um den bekannten Patrimonialismus, der von Raiumundo Faoro in seinem Klassiker „Os donos do poder“ (Die Machthaber) deutlich angeprangert wurde.

Ich sehe fünf verschiedene Formen von Machtausübung.

Erstens, die Politik der Fäuste. Dies ist die Macht, die von oben ausgeübt wird, und zwar auf autoritäre Weise. Es gibt nur ein einziges politisches Projekt, nämlich das der Machthaber, eines Diktators oder einer herrschenden Klasse. Sie setzen einfach ihre Pläne durch und zerschlagen die Alternativen. So verlief es zumeist in der brasilianischen Geschichte, vor allem während der Militärdiktatur.

Zweitens, die Politik des Schulterklopfens. Dies ist eine verdeckte Art von autoritärer Macht. Sie unterscheidet sich jedoch von der vorigen, denn sie ist offen für alle, die außerhalb der Macht stehen, strebt aber danach, diese in den dominanten Plan einzuspannen. Dann erhalten sie einige Vorteile, solange sie keine Alternative darstellen. Dies ist die bekannte paternalistische und assistierende Politik, die den Widerstand der Arbeiterklasse unterminiert und so viele Künstler und Intellektuelle korrumpierte. Sie funktionierte bei uns vor allem seit der Zeit von Vargas.

Drittens, die Politik der ausgestreckten Hände. Hier verteilt sich die Macht auf mehrere Machthaber, die sich innerhalb der Hegemonie der Stärksten verbünden. Das Bündnis zwischen der siegreichen Partei und anderen verbündeten Parteien gewährleistet die Möglichkeit zum Regieren. Das ist die

Präsidentialisierung der parlamentarischen Koalition. Dieser Typus ruft Vetternwirtschaft hervor, Streitigkeiten über einflussreiche Staatsposten und sogar Korruption. So geschah es in den letzten Jahren.

Viertens, die Politik der ineinander greifenden Hände. Sie beginnt bei der grundlegenden Tatsache, dass Macht auf alle Bewegungen und Institutionen der Zivilgesellschaft verteilt ist und nicht nur auf die politische Gesellschaft und den Staate. Dieser Typus von sozialer und politischer Macht kann sich zu etwas entwickeln, das vorteilhaft für alle ist. Genau darum geht es in der aktuellen Debatte, die die Partizipation der sozialen Bewegungen und Räte vorsieht, um gemeinsam mit dem Parlament und der Exekutiven die öffentliche Politik zu planen. Eine partizipative Demokratie ist angestrebt, um die repräsentative Demokratie zu bereichern. Sich dieser Form zu widersetzen heißt, sich der demokratisierenden Demokratie zu widersetzen und die gegenwärtige beizubehalten, die von geringer demokratischer Intensität ist.

Insbesondere haben wir es dann mit der Politik der ineinander greifenden Hände zu tun, wenn das Staatsoberhaupt einen breiten Dialog mit allen über ein Projekt vorschlägt, das von einem gemeinsamen Mindestinteresse ist. Der Vorschlag besteht darin, dass über alle Unterschiede und konkurrierenden Interessen hinaus in der Gesellschaft eine Vorstellung darüber besteht, welche Art von Land wir wollen, die Mindestsolidarität, das Streben nach dem Gemeinwohl, die Beachtung der beschlossenen Regeln und der Respekt für die Werte der Geselligkeit, ohne die wir zu wilden Tieren würden. Die ausgestreckten Hände können auf kollektive Weise ineinander greifen. Doch um dies zu erreichen, braucht es einen Dialog, in dem auf alle gehört wird und in dem man nach Beschlüssen sucht, die zu Win-Win- und nicht zu Win-Lose-Lösungen führen. Dies ist die Ethik in der Politik und gute, wirklich demokratische, Politik.

Schließlich gibt es noch die Politik als Verlockung, im wahrsten Sinne des Wortes, die dem Vorschlag der Präsidentin Dilma zugrunde liegt. Sie schlägt einen offenen Dialog mit allen politischen Akteuren vor sowie mit dem Volk. Sie muss unbedingt die 48 % anlocken, die nicht für sie gestimmt haben, sodass auch diese ein Brasilien-Projekt unterstützen, dass allen zugutekommt, angefangen bei der Inklusion der am meisten Ausgestoßenen der Gesellschaft, der Schaffung einer ökologischen und sozial nachhaltigen Entwicklung, die Arbeitsplätze schafft und für bessere Löhne sorgt, einer Umverteilung des Einkommens, einem vernünftigen öffentlichen Transportsystem und größerer Sicherheit für die Bevölkerung. Hinzu kommen noch die Sorge für die Natur und das Voranbringen eines Hoffnungshorizontes, sodass das Volk die Politik wieder anziehend finden kann.

Wir wären unsere eigenen Feinde, wenn wir uns diesen Zielen entgegen stellten. Die Kunst dieses Dialogs besteht darin, Politik wieder verlockend zu machen und die Menschen für diesen segensreichen Traum zu begeistern.

Um dies zu erreichen, müssen wir nach vorn schauen. Die Wahlsieger müssen großmütig sein, und die Verlierer müssen Demut und den guten Willen zur Kooperation zeigen und ihren Blick in Richtung des Gemeinwohls ausrichten.

Ist dies idealistisch? Ja, doch in einem tieferen Sinn. Eine Gesellschaft kann nicht nur durch Strukturen, Bürokratie und ideologische Machtkämpfe bestehen. Sie muss die Kooperation aller mit allen schaffen und den Traum aufrechterhalten, dass eine permanente Verbesserung möglich ist, eine Verbesserung, die weitest möglich so viel Menschen wie möglich inkludiert und ihnen nutzt, um unsere schreckliche soziale Ungleichheit zu überwinden.

Die kirchlichen Basisgemeinden haben Recht, wenn sie singen: „Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Träumt unseren Traum.

Dies ist der überparteiliche Aufruf, den Präsidentin Dilma an das Parlament ergehen lässt, an die Volksbewegungen und an die ganze Nation. Nur auf diese Weise können wir die Rede von Bereichen und die Vorurteile gegenüber gewissen Regionen überwinden und die Wunden heilen, die in der Hitze der Wahlkampagne geschlagen wurden mit all ihren Exzessen durch beide Seiten.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack