Über Abtreibung – für die Liebe zum Leben

Man kann sich kaum vorstellen, dass manche Menschen Abtreibung um ihrer selbst willen verteidigen. Abtreibung beinhaltet die Auslöschung von Leben oder das Eingreifen in einen vitalen Prozess, der in menschliches Leben kulminiert. Ich persönlich bin gegen Abtreibung, denn ich liebe das Leben in all seinen Phasen und all seinen Formen.

Das verstellt mir jedoch nicht den Blick auf eine makabre Realität, die wir nicht ignorieren dürfen und die sowohl den gesunden Menschenverstand als auch die staatlichen Stellen herausfordert. Jedes Jahr werden in Brasilien fast 800 000 illegale Abtreibungen durchgeführt. Alle zwei Tage stirbt eine Frau an den Folgen einer unsauber ausgeführten, illegalen Abtreibung.

Dieser Tatsache müssen wir begegnen, und zwar nicht mit Polizei, sondern mit einer verantwortungsvollen staatlichen Gesundheitspolitik und einem realistischen Sinn für Vernunft. Eine Haltung, die nur das Leben im Embryo kompromisslos verteidigt, nicht aber dieselbe Haltung in Bezug auf die Tausende von Kindern einnimmt, die verlassen im Elend leben und ohne Essen oder Liebe durch die Straßen unserer Städte ziehen, erachte ich als heuchlerisch. Leben muss man in all seinen Formen und Altersstufen lieben und nicht nur in seinem ersten Erwachen im Mutterleib. Es obliegt dem Staat und der ganzen Gesellschaft, für die Bedingungen zu sorgen, sodass Frauen im Allgemeinen keiner Abtreibung bedürfen.

Auf den Stufen der Kathedrale von Fortaleza stand ich selbst einer ausgehungerten Mutter bei, die bettelte und ihr Kind mit dem Blut ihrer Brust nährte. Sie war wie eine Ikone des Pelikans. Ich war perplex und voller Mitgefühl und nahm sie mit zum Haus des Kardinals Dom Aloisio Lorscheider, wo wir ihr halfen, so gut wir konnten. Aus solchen Gründen geschehen Abtreibungen, die stets schmerzhaft sind und die Seele der Mutter zutiefst belasten. Ich möchte erzählen, was Leon Bonaventure, der berühmte Psychoanalytiker aus der Schule C. G. Jungs, schrieb und was in seiner Einleitung zu einem Buch einer anderen Jungschen Psychoanalytikerin, der Italienerin Eva Pattis Zoja, mit dem Titel „Abtreibung, Verlorenes und Erneuerung: Paradoxon auf der Suche nach der Identität“ (Aborto, perdita e rinnovamento. Un paradosso nella ricerci di identità, Moretti & Vitali, 2013) aufgeführt war.

Leon Bonaventure berichtet mit der Feinsinnigkeit eines hervorragenden Psychoanalytikers, für den Spiritualität eine Quelle der Integration und eine Heilkunst für die Wunden der Seele darstellt:

“Ein Priester nahm einer Frau die Beichte ab, die zuvor abgetrieben hatte. Nachdem er ihrem Bekenntnis zugehört hatte, fragte der Priester: „Welchen Namen gabst du deinem Kind?“ Die Frau war überrascht und schwieg für eine Weile, denn sie hatte ihrem Kind keinen Namen gegeben.

“So”, sagte der Priester, “werden wir deinem Kind einen Namen geben, und wenn du einverstanden bist, werden wir es taufen.” Die Frau nickte bejahend, und so führten sie die symbolische Handlung aus.

Anschließend stellte der Priester einige Überlegungen über das Mysterium des Lebens an: “Leben existiert – sagte er -, das ans Tageslicht kommt, um auf Erden gelebt zu werden, sagen wir für 10, 50 oder 100 Jahre. Andere Leben werden nie das Sonnenlicht zu sehen bekommen. Im katholischen liturgischen Kalender wird am 28. Dezember der Tag der Unschuldigen Kinder begangen, der Neugeborenen, die grundlos sterben mussten, als das Göttliche Kind in Bethlehem zur Welt kam. Möge dieser Tag auch der Gedenktag deines Kindes sein.“

Und weiterhin sagte er: “In der christlichen Geburtstradition ist die Geburt eines Kindes immer ein Geschenk Gottes, ein Segen. In früheren Zeiten war es üblich, zum Tempel zu gehen und das Kind Gott darzubringen. Es ist nie zu spät, dein Kind Gott darzubringen.“

Der Priester schloss mit den Worten: “Als Mensch kann ich dich nicht verurteilen. Wenn du dich gegen das Leben versündigt hast, kann nur der Gott des Lebens dich mit dem Leben versöhnen. Gehe in Frieden. Und lebe.“ (S. 9).

Papst Franziskus empfiehlt stets Barmherzigkeit, Verständnis und Zärtlichkeit im Verhältnis zwischen Priestern und Gläubigen. Dieser Priester lebte vorausschauend diese zutiefst menschlichen Werte, die auch der historische Jesus von Nazareth bezeugte. Mögen diese Werte auch andere Priester zu einer solchen Menschlichkeit inspirieren.

übeersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Glaube und Politik jenseits von Fundamentalismus

Wir befinden uns in einer Wahlperiode. Viele Bereiche der verschiedenen Kirchen, einschließlich der römisch-katholischen Kirche, engagieren sich für Projekte für das Land und für Kandidaten, die mehrere Stellen besetzen sollen. Dies ist der Augenblick für die Klärung des Verhältnisses zwischen Glauben und Politik.

Zuerst einmal sollten wir zwischen Politik und Politik unterscheiden, bzw. zwischen Sozialpolitik und Parteipolitik.

Die Sozialpolitik bezieht sich auf das Gemeinwohl der Gesellschaft; so fällt z. B. die Organisierung des Gesundheitswesens, des Bildungssystems, der öffentlichen Verkehrsmittel, Löhne und Gehälter etc. unter die Sozialpolitik. Sich für ein nachbarschaftliches Gesundheitszentrum einzusetzen, sich zusammenzutun, um eine Buslinie bis auf einen Berggipfel fahren zu lassen, heißt sich in der Sozialpolitik zu engagieren.

Diese Art von Politik meint das gemeinsame Streben nach dem Gemeinwohl. Alle Bürgerinnen und Bürger, alle Christinnen und Christen, ob katholisch oder evangelisch, können und müssen auf diesem Level der Politik teilnehmen.

Die Parteipolitik steht für den Kampf um die Staatsgewalt, um die Kontrolle der städtischen, staatlichen und föderalen Regierungen. Die Funktion der politischen Parteien besteht darin, Macht zu erlangen, um dies zu ändern (Befreiungsprozess) oder Macht auszuüben, wie es sich zurzeit darstellt (den Staat so, wie er ist, zu regieren). Die Partei, wie dieser Ausdruck wörtlich impliziert, ist ein Teil, ein Stück der Gesellschaft, nicht die ganze Gesellschaft. Jede Partei repräsentiert die Interessen von Gruppen oder Klassen, welche Projekte für die ganze Gesellschaft in Angriff nehmen. Erlangen sie die Staatsgewalt (Regierung), werden sie versuchen, öffentliche Politik ihrem Programm gemäß und nach der Ausrichtung der parteilichen Perspektive in die Praxis umzusetzen.

Im Hinblick auf Parteipolitik ist es wichtig, Folgendes zu bedenken: das Programm der Partei zu verstehen; welchen Platz das Volk in diesem Programm einnimmt, ob das Programm an der Parteibasis diskutiert wurde, ob es die geschichtlichen Forderungen des Volkes in Betracht zieht; ob es die Partizipation des Volkes durch dessen Bewegungen und Organe in seiner Planung, Umsetzung und Kontrolle mit einschließt; wer sind die Kandidaten, die das Programm repräsentieren, wie sieht deren Biographie aus, stehen sie auf einer Schwarzen Liste, behielten sie stets einen organischen Bezug zur Basis bei, waren sie wahrhaft mit den Fragen nach Gerechtigkeit und notwendigen sozialen Veränderungen verbunden und waren sie deren Repräsentanten, oder wollen sie die sozialen Verhältnisse so belassen, wie sie sind mit allen Widersprüchen und den damit verbundenen Ungerechtigkeiten.

Diese Art von politischer Macht wurde in der Geschichte von unseren Eliten zu deren eigenem Profit ausgeübt, wobei sie das Subjekt aller Macht, das Volk, aus den Augen verloren.

Was hat Glaube mit all dem zu tun?

Glaube hat direkt mit Gott zu tun und mit Gottes Plan für die Menschheit, doch Glaube befindet sich inmitten der Gesellschaft und ist Schöpfer von Meinungen und Entscheidungen. Er funktioniert wie ein Fahrrad: Er hat zwei Räder, durch die er in der Gesellschaft effizient ist: das Rad der Religion und das Rad der Politik.

Das Rad der Religion nimmt konkrete Gestalt an durch Gebet, Zelebrationen, Predigten und durch das Lesen der Schriften.

Durch das Rad der Politik drückt sich der Glaube aus, indem Gerechtigkeit und Solidarität praktiziert werden und Korruption angeprangert wird. Wie wir sehen können, ist Politik hier ein Synonym für Ethos. Wir müssen lernen, das Gleichgewicht über die beiden Räder zu bewahren, um korrekt handeln zu können.

Für die Bibel ist das Rad der Politik als Ethos wichtiger als das Rad der Religion als Kult. Ohne Ethos wird der Glaube leer und trägt keine Frucht. Die Praxis ist wertvoll für Gott, nicht das Predigen. Besser als auszurufen „Herr, Herr!“, ist es, den Willen des Vaters zu tun, der in Liebe, Erbarmen und Gerechtigkeit besteht, d. h. in praktischen und daher ethischen Dingen.

Ganz konkret existieren Glaube und Politik gemeinsam im Leben des Volkes. Glaube beinhaltet Politik. d. h. ein Christ muss, weil er Christ ist, nach Gerechtigkeit und sozialem Wohlergehen streben; er/sie muss sich auch für Programme und Personen einsetzen, die so dicht wie möglich an dem sind, was wir unter dem Projekt Jesu und Gottes in der Geschichte verstehen. Papst Franziskus betonte dies, als er sich in Brasilien aufhielt.

Doch Glaube reicht über Politik hinaus, denn Glaube bezieht sich auch auf das ewige Leben, auf die Auferstehung des Fleisches, auf die Transformation des Universums, etwas, das weder Sozialpolitik noch eine politische Partei oder ein Staat versprechen können.

Der Übergang von Glaube zu Parteipolitik ist kein direkter, d. h. von der Bibel lässt sich weder eine direkte Unterstützung für eine bestimmte politische Partei ableiten noch eine Wahlpflicht für eine bestimmte Person oder wie hoch das Mindesteinkommen sein sollte. Die Bibel bietet nicht die Lösungen, sondern die Inspiration, damit wir in der Lage sind, eine gute Wahl für eine Partei zu treffen und einen würdigen Lohn zu bestimmen. Für einen Christen, der dem Pfad folgt, auf dem Papst Franziskus stets beharrt, sollte Politik Folgendes sein:

befreiend: Es reicht nicht aus, die bestehende Gesellschaft zu verändern; worum es geht, ist ein anderes Modell von Gesellschaft, das eher inklusiv ist und das durch Partizipation den Weg zur sozialen Gerechtigkeit erleichert.

befreiend, beginnend bei den Armen und ausgeschlossenen Mehrheiten: Sie muss ganz unten ansetzen, denn auf diese Weise wird niemand ausgelassen. Würde sie beim Lohnempfänger ansetzen oder beim Bürgertum, würde sie von Anfang an fast die Hälfte der ausgeschlossenen Bevölkerung auslassen.

– eine Politik, die sich einer befreienden Methodik bedient, d. h. eine Politik, die Partizipation durch das Volk erleichtert, von ganz unten beginnend und von innen nach außen; eine Politik, die mehr als eine repräsentative/delegierende Demokratie bietet, sondern eine partizipative Demokratie, durch die das Volk mit seinen Organisationen beiträgt zu diskutieren, zu entscheiden und Antworten auf soziale Fragen zu finden. Dies war die große Forderung der Demonstrationen im Juni 2013, die sich nun fest verankert hat.

– eine sozio-ökologische Demokratie, welche die Rechte von Mutter Erde respektiert, die des Ökosystems, der Tiere und aller Wesen der Schöpfung, mit denen wir in Beziehungen von gegenseitiger Abhängigkeit stehen.

Diese Art von Politik ist eine der höchsten Formen von sozialer Liebe.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Charisma und Charismatiker: um welche Art von Energie handelt es sich?

Charisma, Karma, Krishna, Christus, Chrisam und Caritas haben alle dieselbe Sanskrit-Wurzel kri oder kir. Sie bezieht sich auf die kosmische Energie, die alles verfeinert, belebt, durchdringt und verjüngt. Es ist eine Kraft, die den Geist anzieht und fasziniert. Eine Person besitzt nicht das Charisma: sie ist vom Charisma besessen. Es ist, als wäre die Person. unabhängig von ihrem persönlichen Verdienst, besessen von einer Kraft, die auf andere ausstrahlt und in Verwunderung versetzt: wenn sie sprechen, verstummen sie; wenn sie auf etwas konzentriert sind, richtet sich ihre Aufmerksamkeit zu der charismatischen Person. Charisma ist etwas Überraschendes. Es ist in den Menschen, doch es kommt nicht von ihnen. Es kommt von etwas Höherem und Überlegenem. Nietzsche sagt, als er in den Alpen wanderte, wurde er von einer Kraft ergriffen, die ihn zu schreiben veranlasste. Es war etwas, das sich seiner bemächtigte. Nietzsche nahm sein Notizbuch und schrieb seine besten Einfälle nieder.

Anthropologen führten das Wort “mana” aus der melanesianischen Kultur ein. Die Mana-Persönlichkeit strahlt eine außergewöhnliche und unwiderstehliche Kraft aus, die sich völlig gewaltlos in den anderen niederlässt. Sie ist anziehend, begeisternd, faszinierend, bestimmend. In unserer westlichen Zivilisation ist sie das Äquivalent für Charisma.

Wer ist charismatisch? Das ist eigentlich jede und jeder. Niemandem wird diese kosmische Kraft der Präsenz und Anziehung verweigert. Wir alle tragen in uns etwas von den Sternen, von denen wir kommen. Das Leben einer jeden Person ist dazu bestimmt, auszustrahlen, wie es ein Sänger sagt, auf die eine oder andere Weise charismatisch zu sein. Jose Marti, der kubanische Denker, übrigens einer der besten Lateinamerikas, brachte es treffend zum Ausdruck: Es gibt Menschen, die wie Sterne sind und aus sich selbst heraus strahlen, während andere die Helligkeit, die sie von ihnen erhalten, reflektieren. Einige sind Sonnen, andere sind Monde. Niemand steht außerhalb des Lichts, weder des eigenen noch des reflektierten. Am Ende stehen wir alle im Licht und scheinen.

Doch es gibt solche und solche Charismatiker. In einigen implodiert und explodiert diese ausstrahlende Kraft. Sie sind wie ein Licht, das die Nacht erhellt. Sie ziehen alle Blicke auf sich. All die Bischöfe und Kardinäle hätten vor den versammelten Gläubigen aufmarschieren können, eindrucksvolle Repräsentanten der Intelligenzija, von administrativer Gewalt und apostolischem Eifer, hätten da sein können, doch, als er noch unter uns weilte, richteten sich alle Blicke auf Dom Helder Camara, einem bedeutenden Charismatiker. Dem Aussehen nach war er unbedeutend. Er sah aus wie ein leidender Diener, schmucklos und ohne Schönheit. Doch von ihm ging eine Kraft der Zärtlichkeit aus, die sich gemeinsam mit der Ausdruckskraft seiner Worte sanft auf alle legte.

Viele können reden, und es gibt gute Redner, die die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Doch lasst den emeritierten Bischof von Sao Felix do Araguaia reden. Seine Stimme ist heiser und manchmal fast unhörbar. Doch in dieser Stimme liegt eine solche Stärke und Überzeugungskraft, dass die Menschen sprachlos vor Verwunderung sind. Es ist das Charisma, das einen zerbrechlichen und schwachen Bischof wie einen Riesen wirken lassen kann. Aufgrund seiner fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung ist er heute kaum noch in der Lage zu sprechen, doch seine Schriften und seine Poesie besitzen Feuerskraft. Er ist ein großartiger Dichter.

Es gibt Politiker, die fähige und großartige Verwaltungsbeamte sind. Die Mehrheit kann meisterhaft mit dem gesprochenen Wort umgehen. Doch lasst Lula vor das Publikum treten und sprechen. Er beginnt mit sanfter Stimme, nimmt einen erzählerischen Tonfall an und sucht nach der geeignetsten Weise, sich mitzuteilen. Allmählich gewinnt er an Stärke, überraschende Verbindungen entstehen, die Argumentationslinie erhält den passenden Rahmen, seine Stimme wird lauter, seinen Augen beginnen zu strahlen, seine Bewegungen begleiten sein Reden, und an einem bestimmten Moment befindet sich sein ganzer Körper in Kommunikation, Argumentation und in Gemeinschaft mit dem Publikum, das von ausgelassener Stimmung zur Stille kommt, und aus der Todesstille brechen am Kulminationspunkt begeisterte Rufe und Applaus aus. Dies ist ausstrahlendes Charisma. Da spielt es keine Rolle, wie wir über seine acht Regierungsjahre denken. Bei Lula kann man die Gegenwart des Charismas nicht leugnen.

Nicht umsonst nannte Max Weber, Gelehrter der charismatischen Macht, dies den „neu aufkeimenden Zustand“. Bei jedem Aufstrahlen scheint das Charisma bei der gesamten Schöpfung innerhalb der charismatischen Person bzw. der Mana-Persönlichkeit Proteste hervorzurufen. Die Funktion der Charismatiker besteht darin, Geburtshelfer für das latente Charisma in anderen zu sein. Ihr Auftrag ist nicht, diese mit ihrer Herrlichkeit zu beherrschen oder sie zu verführen, sodass das Volk ihnen blind folge, sondern sie aus ihrer Alltags-Lethargie zu wecken. Und, wenn sie einmal aus ihr erwacht sind, sollen sie entdecken, dass das alltägliche Leben Geheimnisse, Neues und versteckte Energien in sich birgt, die stets erweckt werden können, um dem Leben sowie unserem kurzen Weg durch dieses Universum eine neue strahlende Bedeutung zu verleihen.

Lasst alle den Stern entdecken, der uns sein Licht und mit seinen darin befindlichen hinterlassen hat. Und wenn sie diesem Licht treu sind, werden sie scheinen, und auch andere werden dies voll Enthusiasmus wahrnehmen können.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Wir sind Träger des Gedächtnisses des Universums

Soweit uns bekannt, ist der Mensch das letzte bedeutende Wesen, das in den evolutionären Prozess eingetreten ist. So wie es Materie und Energie gibt, existiert auch die Information, die im Gedächtnis aller Wesen gespeichert ist wie auch in uns durch alle Phasen des Entstehungsprozesses des Kosmos hindurch.

In unserem Gedächtnis liegen die letzten Spuren des Urknalls, der unseren Kosmos hervorbrachte. Die Archive unseres Gedächtnisses beinhalten die Vibrationen der Energie der unvorstellbaren Explosionen der großen roten Sterne, von denen die Supernovae und Konglomerate von Galaxien stammen, die alle aus Milliarden von Sternen, Planeten und Asteroiden bestehen. Da ist auch die Resonanz der Hitze, die entstand, als die Galaxien sich gegenseitig verschlangen, vom ursprünglichen Feuer der Sterne und der sie umkreisenden Planeten, von der Glut der Erde, vom Kochen der Flüssigkeiten, die vor 200 Millionen von Jahren auf die Erde fielen, bis sie abkühlten (im Hadaikum), vom Überschwang der Urwälder, die uns an die Gefräßigkeit der Dinosaurier erinnern, welche vor 135 Millionen Jahren die Erde beherrschten, von der Aggressivität unserer Vorfahren in ihrem Überlebenstrieb, von deren Enthusiasmus für das erhellende und dem Kochen dienende Feuer, von der Freude, die das erste Symbol und das erste gesprochene Wort hervorbrachten, Erinnerungen an die Sanftheit der leichten Brisen, des durchscheinenden Morgenlichts, den Abgrund der schneebedeckten Berge und schließlich von den Erinnerungen der Interdependenz, die alle Wesen miteinander verbindet und die Gemeinschaft der Lebenden schafft, von den Zusammentreffen mit den anderen, der Fähigkeit zur Zärtlichkeit, Hingabe und Liebe und zuletzt von der Ekstase der Entdeckung des Mysteriums der Welt, das mit tausend unterschiedlichen Namen bezeichnet wird, und das wir Gott nennen. All dies ist in den Winkeln unserer Psyche und im genetischen Code jeder unserer Körperzellen verankert, denn wir sind so alt wie das Universum.

Wir leben im Universum oder auf der Erde nicht als herumirrende Wesen. Wir stammen vom gemeinsamen Uterus ab, von dem alle Dinge abstammen, von der Hintergrund-Energie oder dem Nährenden Abgrund aller Wesen, vom Ursprungs-Hadron, vom Top-Quark, eines der älteren kleinen Bausteine des kosmischen Gebäudes, bis hin zu den modernen Computern. Und wir sind Söhne und Töchter der Erde. Mehr noch, wir sind der Teil der Erde, der läuft und tanzt, der vor Emotionen erbebt, der denkt, mag und liebt, der in Ekstase gerät und das Mysterium verehrt. All diese Dinge waren im Universum, konzentriert in unserem Sonnensystem, und erst danach erschienen sie in ihrer konkreten Gestalt auf unserer Erde. Da alles dort virtuell existierte, kann es nun hier in unserem Leben existieren.

Das kosmogonische Prinzip, d. h. die richtungsweisenden Energien, die alle Evolutionsprozesse einem bestimmten Zweck zuführen, gehorchen der folgenden Logik, die von Edgar Morin so treffend dargelegt wird: Ordnung, Unordnung, Interaktion, neue Ordnung, neue Unordnung, neue Interaktion, und immer so fort. Mit dieser Logik werden immer neue komplexe und unterschiedliche Gebilde geschaffen; und im gleichen Maße werden Innerlichkeit und Subjektivität geschaffen bis hin zu ihrem klaren und bewussten Ausdruck, d. h. dem menschlichen Geist. Und gleichzeitig und in gleichem Maße wird die Fähigkeit zur Reziprozität von allem mit allem, zu jeder Zeit und in jeder Situation, geschaffen.
Differenzierung/Innerlichkeit/Vereinigung: die kosmische Dreifaltigkeit, die dem Organismus, d. h. dem Universum, vorsteht.

Alles geschieht durch Prozesse und durch Evolution und ist einem dynamischen Un-Gleichgewicht (Chaos) unterworfen, das stets bestrebt ist, ein neues Gleichgewicht zu erlangen durch Anpassungen und gegenseitige Abhängigkeiten.

Die menschliche Existenz steht nicht außerhalb dieser Dynamik. Sie besitzt in ihrem Inneren diese kosmischen Konstanten von Chaos und Kosmos, vom Un-Gleichgewicht auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht. Während unseres Lebens sind wir stets in diesem Zustand verstrickt. Je näher wir dem völligen Gleichgewicht kommen, umso näher kommen wir dem Tod. Der Tod ist die Fixierung des Gleichgewichts und des kosmogonischen Prozesses. Oder aber er ist der Übergang auf einen Level, der eine andere Art von Zugang und Wissen erfordert.

Wie manifestiert sich diese Struktur konkret in uns? Zuerst einmal im täglichen Leben. Jede und jeder von uns führt ein Leben, das mit der persönlichen Morgentoilette beginnt, wie wir leben, was wir essen, unsere Arbeit, Familie, Beziehungen, Freunde und Liebschaften. Das tägliche Leben ist prosaisch und oft auch voller Ernüchterung. Die meisten Menschen sind in ihrem Leben der täglichen Routine unterworfen mit der ihr anhaftenden Anonymität. Es ist ein Teil der universellen Ordnung, die im Leben der Menschen erscheint.

Doch wir Menschen sind auch mit Vorstellungskraft ausgestattet. Die Vorstellungskraft beseitigt die Barrieren des täglichen Lebens und sucht nach Neuem. Vorstellungskraft ist vor allem fruchtbar; sie ist das Reich der Poesie, der Wahrscheinlichkeiten, die in sich selbst unendlich sind (und Quantennatur besitzen). Vorstellungskraft produziert die existentiellen Krisen und das Chaos in der Ordnung des täglichen Lebens.

Jede und jeder besitzt die Weisheit, das alltägliche Leben mithilfe der Vorstellungskraft zu verbessern. Sich selbst nur dem Imaginären hinzugeben würde bedeuten, sich auf eine Reise zu begeben, durch die Wolken zu fliegen, die Erde zu vergessen – und möglicherweise in einer psychiatrischen Klinik zu landen. Man könnte ebenso die verführerische Kraft des Imaginären leugnen, sich nur dem alltäglichen Leben widmen und sich selbst lebendig darin begraben und somit träge, nicht sonderlich interessiert und frustriert wirken. Dies unterbricht die Logik der universalen Bewegung.

Wenn jedoch jemand seinen Alltag annimmt und ihn mit Kreativität würzt, dann strahlt eine seltene Energie aus, die von allen, die mit dieser Person in Kontakt stehen, wahrgenommen wird.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack