Sozialismus als die Erfüllung der Demokratie

Unsere Generation hat zwei scheinbar unzerstörbare Mauern fallen sehen: die Berliner Mauer im Jahr 1989 und Wall Street im Jahr 2008. Die damalige Art von Sozialismus, geprägt von Verstaatlichung, Autoritarismus und Verletzung von Menschenrechten, brach mit der Berliner Mauer zusammen. Mit dem Kollaps von Wall Street wurde der Neoliberalismus als politische Ideologie entlegitimiert ebenso wie der Kapitalismus als eine Produktionsweise mit seiner Arroganz, seiner uneingeschränkten Anhäufung von Gütern („greed is good“, „Habgier ist gut“) unter Inkaufnahme von Umweltzerstörung und Ausbeutung von Menschen.

Was uns zuvor präsentiert wurde als zwei unterschiedliche Zukunftsvisionen und als zwei verschiedene Weisen, unseren Planeten zu bewohnen, ist heute nicht in der Lage, uns Hoffnung zu vermitteln, um eine globale Koexistenz zu reorganisieren, in der alles seinen Platz hat und wo die natürlichen Grundlagen gesichert werden, die das Leben erhalten, dessen Niedergang sich nun in fortgeschrittenem Stadium befindet.

In diesem Zusammenhang tauchen Ideen wieder auf, die zuvor auf Ablehnung gestoßen waren, jetzt aber eine Chance bekommen könnten, in die Praxis umgesetzt zu werden (Boaventura de Souza Santos), wie die der kommunalen Demokratie und des „guten Lebens“ der Andenvölker oder die des ursprünglichen Sozialismus, der als fortgeschrittene Form der Demokratie entwickelt wurde.

Kapitalismus in seiner aktuellen Form (Marktgesellschaft) lehne ich ab, da er derart schädlich ist, dass, sollte seine zerstörerische Logik fortgesetzt werden, er das menschliche Leben auf der Erde zerstören könnte. Er funktioniert nur für eine kleine Minderheit: 737 finanzwirtschaftliche Gruppen beherrschen 80 % der transnationalen Konzerne, und von diesen wiederum beherrschen 147 Gruppen 40 % der Weltwirtschaft (gemäß den Daten der berühmten schweizerischen Eidgenössischen Technischen Hochschule), und die 85 reichsten Menschen besitzen das Äquivalent von dem, was 3.057 Millionen Arme verdienen (Intermon Oxfam Report 2014). Eine solche Perversität kann der Menschheit nichts bieten außer wachsender Verarmung, chronischem Hunger, grausamem Leiden, vorzeitigem Tod und, am Ende, dem Armageddon der menschlichen Spezies.

Der Sozialismus, der in Brasilien von verschiedenen politischen Parteien übernommen wurde, insbesondere von der Brasilianischen Sozialistischen Partei – Partido Socialista Brasileiro (PSB) des in guter Erinnerung gebliebenen Eduardo Campos, bietet manche gute Gelegenheiten. Er entstand, wie wir wissen, inmitten von christlichen Aktivisten, Kritikern der Exzesse des wilden Kapitalismus, wie Saint-Simon, Proudon und Fourier, die sich von den Werten der Evangelien inspirieren ließen und von dem, was als „das heilige Experiment“ bezeichnet wurde, die 150 Jahre der Christlichen-Kommunistischen Republik der Guaranies (1610-1768). Die Wirtschaft war kollektivistisch, diente in erstere Linie den gegenwärtigen und künftigen Bedürfnissen, der Rest war für den Handel bestimmt.

Der schweizerische Jesuit Clovis Lugon (1907-1991) beschrieb voller Leidenschaft das Experiment in seinem berühmten Buch „La République communiste chrétienne des Guaranis: les jésuites en pouvoir“, Editions ouvrières 1970 („Die kommunistische christliche Republik der Guaranis: die Jesuiten an der Macht“). Ein Verteidiger der Republik, der Brasilianer Luiz Francisco Fernandes de Souza (*1962) schrieb ein tausend Seiten langes Buch: „Sozialismus: eine christliche Utopie“. In seinem persönlichen Leben setzt er die Ideale um, für die er eintritt: er legte ein Armutsgelübde ab, kleidet sich schlicht und fährt in einem VW Käfer zur Arbeit.

Die Begründer des Sozialismus (Marx versuchte, ihnen einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen im Gegensatz zu denen, die er als Utopisten bezeichnete) verstanden den Sozialismus nie einfach nur als das Gegenteil des Kapitalismus, sondern als die Verwirklichung der Ideale, die von der bürgerlichen Revolution ausgerufen worden waren: Freiheit, Würde der Bürger, Recht auf freie Entfaltung und Teilnahme am Aufbau des kollektiven und demokratischen Lebens. Für Antonio Gramsci und Rosa Luxemburg war der Sozialismus die völlige Realisierung der Demokratie.

Marx‘ grundlegende Fragen (abgesehen von der fragwürdigen theoretisch-ideologischen Konstruktion, die er darum baute) lautete: Warum kann die bürgerliche Gesellschaft die Ideale, die sie für jeden proklamiert, nicht verwirklichen? Sie schafft das Gegenteil dessen, was sie anstrebt. Politische Wirtschaft sollte die Bedürfnisse der Menschen befriedigen (Nahrung, Kleidung, Leben, Bildung, Kommunikation etc.), doch tatsächlich dient sie den Bedürfnissen des Marktes, die zum Großteil künstlich hervorgerufen sind und deren Ziel in der Erhöhung der Profite besteht.

Für Marx war das Scheitern des Versuchs, die Ideale der bürgerlichen Revolution zu erreichen, nicht auf den bösen Willen von Individuen oder sozialen Gruppen zurückzuführen. Es war die unausweichliche Konsequenz der kapitalistischen Produktionsweise, die auf privater Aneignung der Produktionsmittel (Kapital, Boden, Technologie etc.) und auf Unterordnung der Arbeit unter die Interessen des Kapitals beruht. Diese Logik spaltet die Gesellschaft in Klassen mit entgegengesetzten Interessen auf, was sich in allen Bereichen niederschlägt: Politik, Recht, Bildung etc.

Im kapitalistischen System neigen die Menschen dazu, ob sie es mögen oder nicht, unmenschlich und strukturell egoistisch zu werden, denn sie fühlen sich genötigt, zuerst ihren eigenen Interessen zu dienen und erst danach dem Gemeinwohl.

Welche Lösung schlugen Marx und seine Anhänger vor? Lasst uns die Produktionsmittel ändern. Statt Privatbesitz lasst uns Gesellschaftseigentum einführen. Doch seid vorsichtig, so warnte Marx, die Produktionsmittel zu ändern ist immer noch nicht die Lösung. Dies garantiert noch keine neue Gesellschaft, sondern bietet nur die Möglichkeit der Entwicklung von Menschen, die nicht länger Mittel und Objekte bleiben wollen, sondern Ziele und solidarische Subjekte in der Schaffung einer Welt mit einem wahrhaft menschlichen Antlitz. Selbst unter diesen Bedingungen müssen die Menschen im Einklang mit den neuen Beziehungen leben wollen. Andernfalls wird es keine neue Gesellschaft geben. Marx sagt noch mehr: „Geschichte tut gar nichts; der konkrete und lebendige Mensch ist es, der alles tut …; Geschichte ist nichts anderes als die Aktivität der Menschen auf der Suche nach ihren eigenen Zielen.“

Meine Einschätzung ist folgende: Wir gehen auf eine sozio-ökologische Krise von einem derartigen Ausmaß zu, dass wir entweder den Sozialismus in einer humanistischen Weise annehmen müssen, oder wir werden gar nicht überleben können.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Herausforderungen der Großen Transformation (III)

Um eine andere Art der Großen Transformation in Bewegung zu setzen, eine, die uns eine Gesellschaft mit einem Markt zurückbringt und die destruktive Marktgesellschaft eliminiert, müssen wir einige Entscheidungen treffen, die nicht aufgeschoben werden können. Die meisten davon sind bereits auf den Weg gebracht, müssen aber bestärkt werden. Folgendes müssen wir in Bewegung bringen:
− weg vom Weltherrschafts-Paradigma, das seit vielen Jahrhunderten besteht, hin zum Paradigma der Erden-Gemeinschaft;
− weg von einer industrialisierten Gesellschaft, die die Bodenschätze ausbeutet und soziale Beziehungen zerstört, hin zu einer Gesellschaft, die alles Leben nachhaltig fördert;
− weg von der Betrachtungsweise der Erde als Produktionsmittel hin zu einem Verständnis, das sie als ein lebendiges Wesen ansieht, das Gaia, Pachamama oder Mutter Erde genannt wird;
− weg von einem Technologie-Zeitalter, das bereits einen Großteil der Biosphäre zerstörte, hin zum Ökologie-Zeitalter, in dem alles Wissen und alle Aktivitäten umweltfreundlich sind und miteinander kooperieren, um das Leben auf unserem Planeten zu schützen;
− weg von der Logik des Konkurrenzdenkens, das vom Gewinner-Verlierer-Paradigma bestimmt wird und die Menschen entzweit, hin zu einer Logik der Kooperation, die vereint und Solidarität mit allen verstärkt;
− weg vom materiellen Kapital, das immer begrenzt und nicht erneuerbar ist, hin zum unbegrenzt vorhandenen humanen Kapital, das sich in Liebe, Solidarität, Respekt, Mitgefühl und Geschwisterlichkeit unter allen Geschöpfen in der Lebensgemeinschaft ausdrückt;
− weg von einer anthropozentrischen Gesellschaft, die sich von der Natur abgegrenzt hat, hin zu einer biozentrischen Gesellschaft, die sich selbst als Teil der Natur sieht und danach strebt, ihr Verhalten der Logik des kosmischen Prozesses anzupassen, der durch Synergie, völliger Interdependenz und durch Kooperation charakterisiert ist.
Während die Große Transformation der Marktgesellschaft eine Gefahr darstellt, verspricht die Große Transformation des Bewusstseins viel. Sie ist der Triumph der Gesamtheit der Sichtweisen, Werte und Prinzipien, die mehr Menschen umfasst und einen besseren Plan für eine Zukunft mit Hoffnung für alle bereithält. Dies ist gewiss die Große Transformation von Herz und Verstand, auf die sich die Erd-Charta bezieht. Hoffen wir, dass sie vorangebracht wird und immer mehr Aufmerksamkeit gewinnt sowie alternative Praktiken, bis sie die Vorherrschaft über unsere Geschichte gewinnt.

Es gibt ein Dokument, das ich zuvor wegen seines inspirierenden Wertes und seiner Hoffnung spendenden Kraft zitierte: die Erd-Charta. Sie ist das Ergebnis einer breiten Beratung unter den unterschiedlichsten Sektoren der Gesellschaften unserer Erde, von den autochthonen Völkern und religiösen und spirituellen Traditionen bis hin zu berühmten Forschungszentren. Sie wurde insbesondere animiert durch Michail Gorbatschow, Steven Rockefeller, Ruud Lubbers (dem früheren Premierminister der Niederlande), Maurice Strong (UNO Untersekretär) und Miriam Vilela (eine Brasilianerin, die die Arbeit von Anfang an koordinierte und El Centro in Rosta Rica unterhält). Ich selbst war Teil dieser Gruppe und trug zum Verfassen des Abschlussdokuments bei, das ich so viel wie möglich zu verbreiten suche.

Nach 8 Jahren intensiver Arbeit und häufigen Zusammenkünften auf jedem Kontinent entstand ein kleines, aber kompaktes Dokument, das den besten Teil der neuen Vision aus Erd- und Lebenswissenschaften enthält, insbesondere der zeitgenössischen Kosmologie. Es werden darin Prinzipien dargelegt und Werte aus der Perspektive einer holistischen Sicht von Ökologie herausgearbeitet, die wirksam Licht auf einen viel versprechenden Weg für die Menschheit der Gegenwart und der Zukunft wirft. 2001 wurde der Text offiziell anerkannt und 2003 durch die UNESCO angenommen als eines der inspirierendsten pädagogischen Materialien in den frühen Jahres dieses neuen Jahrtausends.

Das binationale Itaipu-Wasserkraftwerk, das größte seiner Art weltweit, nahm die Vorschläge der Erd-Charta ernst, und seinen beiden Direktoren, Jorge Samek und Nelton Friedrich, gelang es, 29 am See gelegene Stadtverwaltungen am Projekt zu beteiligen, wo ungefähr eine Million Menschen leben, und die damit eine Große Transformation in die Praxis umsetzen. Prinzipien der Nachhaltigkeit werden dort wirksam angewandt, und Achtsamkeit und gemeinsame Verantwortung werden in jeder Stadtverwaltung und jedem Bereich praktiziert, wodurch sich zeigt, dass selbst innerhalb der alten Ordnung etwas Neues entstehen kann. Diese Menschen erfahren bereits das, was sie auch für andere wünschen.

Wenn wir den Traum der Erde konkretisieren, wird sie nicht zu dem verdammt sein, was sie heute ist: ein Tal der Tränen und ein Kreuzweg des Leidens für die Mehrheit der Menschen und aller Lebewesen. Die Erde kann zu einem Berg der Segnungen und der Hoffnung für unsere leidvolle Existenz werden und zu einem kleinen Auftakt der Transfiguration von Tabor.

Damit dies geschehen kann, reicht es nicht aus zu träumen. Wir müssen handeln.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Herausforderungen der Großen Transformation (II)

Im vorigen Artikel analysierten wir die Herausforderungen, welche die Transformation der Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft mit sich bringt, einschließlich ihrer doppelten Ungerechtigkeit: der sozialen und der ökologischen. Jetzt geht es uns um die Auswirkungen im ökologischen Bereich in Hinsicht auf die erweiterte ökologische, soziale, geistige und physikalische Bedeutung.

Eine einzigartige Tatsache lässt sich beobachten: Im dem Maß, in dem der Schaden für die Natur wächst und immer mehr Gesellschaften und deren Lebensqualität beeinträchtigt, wächst gleichzeitig ein Bewusstsein, dass 90 % dieser Schäden auf die unverantwortliche und irrationale Aktivität der Menschen zurückzuführen sind, insbesondere der ökonomischen, politischen und kulturellen Elite sowie der Medien, die sich selbst zu großen multilateralen Konzernen organisiert haben und nun das Geschick der Welt lenken. Es ist höchste Zeit, dass wir etwas unternehmen, um sie auf ihrem Weg zum Abgrund zu stoppen. Wie die Erd-Charta bereits warnt: „Entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und füreinander zu sorgen, oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten.“ (Präambel)

Die ökologische Frage wurde, vor allem nach dem Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972, zu einem zentralen Thema der Politik und der weltweiten wissenschaftlichen Community sowie in den Gruppen, die sich mehr Gedanken und Sorgen über unsere gemeinsame Zukunft machen.

Das Hauptinteresse der Frage verschob sich von nachhaltigem Wachstum/Entwicklung (was unmöglich ist in der freien Marktwirtschaft) zur Nachhaltigkeit allen Lebens. Zuerst müssen wir die Nachhaltigkeit des Planeten Erde gewährleisten, die seiner Ökosysteme und aller natürlichen Bedingungen, die den Fortbestand des Lebens sichern. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist es möglich, über nachhaltige Gesellschaften und über nachhaltige Entwicklung zu reden oder über irgendwelche anderen Aktivitäten, die unter diese Kategorie fallen.

Der Blick der Astronauten verstärkte dieses neue Bewusstsein. Von ihren Raumschiffen oder vom Mond aus wurde ihnen bewusst, dass die Erde und die Menschheit eine einzige Wesenseinheit bilden. Sie sind weder voneinander getrennte noch parallele Realitäten. Die Menschheit ist ein Ausdruck der Erde, ihres bewussten, intelligenten Aspekts, der verantwortlich ist für die Bewahrung der Bedingungen, welche beständig Leben produzieren und reproduzieren. Im Namen dieses Bewusstseins und der Dringlichkeit entstanden das Prinzip Verantwortung (Hans Jonas) und das Prinzip Achtsamkeit (Boff u. a.), das Prinzip Nachhaltigkeit (Brundtland Report), das Prinzip der Interdependenz-Kooperation Heisenberg/Wilson/Swimme), das Prinzip Prävention/Vorsicht (UNO-Charta von Rio de Janeiro, 1992), das Prinzip Mitgefühl (Schopenhauer/Dalai Lama) und das Prinzip Erde (Lovelock und Evo Morales).

Die Überlegungen zur Ökologie stellten sich als sehr komplex heraus. Sie können nicht nur auf die Bewahrung der Umwelt reduziert werden. Das ganze Welt-System ist in Gefahr. Daher entstand eine Umwelt-Ökologie, deren Hauptziel in der Lebensqualität besteht; eine soziale Ökologie, die nach einer nachhaltigen Lebensform forscht (Produktion, Verteilung, Konsum und Abfallbehandlung); eine mentale Ökologie, die Vorurteile und Weltsichten verurteilt, welche dem Leben feindlich gesonnen sind, und die ein neues Design für die Zivilisation erarbeitet, das auf den Prinzipien und Werten beruht, wie das Gemeinsame Haus auf eine neue Weise bewohnt werden kann; und schließlich eine integrale Ökologie, die sich dessen bewusst ist, dass die Erde Teil eines sich entwickelnden Universums ist und dass wir in Harmonie mit dem Ganzen leben müssen, vereint, komplex und Sinn erfüllt.

So wurde ein theoretischer Rahmen geschaffen, um die Gedanken und die Lebenspraxis in lebensbejahender Weise auszurichten. Es wurde klar, dass die Ökologie weniger eine Technik für den Umgang mit raren Gütern ist, sondern eher eine Kunst, eine neue Art der Beziehung mit der Natur und der Erde, und die Entdeckung, dass die Aufgabe des Menschen im kosmologischen Prozess und in der Gesamtheit aller Wesen darin besteht, für diese zu sorgen und sie zu bewahren.
Überall in der Welt entstanden Bewegungen, Institutionen, Organismen, Nichtregierungsorganisationen, Forschungszentren, die alle ein Hauptaugenmerk besitzen: einigen geht es um die Wälder, anderen um die Ozeane, um die Erhaltung der Biodiversität, gefährdete Spezies, die höchst unterschiedlichen Ökosysteme, das Wasser, die Erde oder die Samen und organischen Landbau. Unter all diesen Bewegungen verdient Greenpeace besondere Beachtung für seine Beharrlichkeit und für seinen Mut zur Konfrontation, unter Inkaufnahme aller Risiken, mit denen, die das Leben und das Gleichgewicht von Mutter Erde bedrohen.

Die Vereinten Nationen selbst haben eine Reihe an Institutionen gegründet, deren Ziele die Beobachtung der Erde einschließen. Vor allem sind dies das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Biodiversitäts-Konvention (CBD) und insbesondere der Weltklimarat (IPPC) u. a.

Diese Große Transformation des Bewusstseins hat sich auf eine anstrengende Reise begeben, eine Reise, die notwendig ist, um ein neues Paradigma zu schaffen, welches in der Lage ist, die eventuelle ökologisch-soziale Tragödie in eine vorübergehende Krise zu verwandeln, welche uns einen qualitativen Sprung machen lässt in Richtung eines höheren Levels zu einer freundlichen, harmonischen und kooperativen Beziehung zwischen Erde und Menschheit. Wenn wir diese Aufgabe nicht annehmen, ist unsere gemeinsame Zukunft bedroht.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Herausforderungen der Großen Transformation (I)

Die Große Transformation besteht aus dem Übergang von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft. Oder, anders ausgedrückt, von einer Gesellschaft mit Markt zu einer Gesellschaft, die ausschließlich aus Markt besteht. Märkte gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit, doch es gab noch nie eine Marktgesellschaft, die die Ökonomie zur einzigen Achse macht, um die sich das ganze soziale Leben dreht und die sich die Politik unterordnet und die Ethik aufhebt. Alles ist käuflich, selbst das Sakrale.

Es geht nicht einfach um irgendeine Art von Markt. Es handelt sich um einen Markt, der von der Konkurrenz bestimmt ist, nicht von der Kooperation. Was zählt sind der individuelle Profit oder der der Konzerne, nicht das Gemeinwohl der Gesellschaft als ganzer. Profite werden im allgemeinen zu Lasten der Natur und zum Preis ihrer Zerstörung als auch durch das perverse Fördern sozialer Ungleichheiten gemacht. In diesem Sinne ist die wissenschaftliche Arbeit von Thomas Pikettys mit dem Titel „Kapital im XXI. Jahrhundert“ unwiderlegbar.

Der Markt muss frei sein, folglich weist er Kontrollen zurück und sieht den Staat als größtes Hindernis, dessen Aufgabe, wie wir wissen, darin besteht, die Gesellschaft und den Bereich der Wirtschaft mit Hilfe von Gesetzen und Normen zu ordnen und die Suche nach dem Gemeinwohl zu koordinieren. Die Große Transformation postuliert einen minimalistischen Staat, der praktisch auf Fragen zur Infrastruktur und der so gering wie möglich gehaltenen Finanzverwaltung sowie auf Fragen zur Sicherheit beschränkt wird. Alles andere muss vom Markt erbeten werden, der sich dafür bezahlen lässt.

Der Drang danach, alles zur Ware zu machen, hat alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen: Gesundheit, Bildung und Sport, die Welt der Kunst und der Unterhaltung und sogar wichtige religiöse Bereiche und die Kirchen. Religionen und Kirchen übernehmen die Logik des Marktes, die Kreation einer enormen Masse an Konsumenten und symbolischen Gütern. Diese Kirchen sind arm im Geiste, doch reich im Sinne von Gelderwerb. Es ist nicht selten, dass ein Tempel und eine Einkaufspassage nebeneinander im selben Einkaufszentrum bestehen. Es geht immer um dasselbe: Einkünfte zu erlangen, sei es durch materielle oder durch „spirituelle“ Güter.

Der ungarisch-nordamerikanische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964) studierte diesen zerstörerischen Prozess im Detail. Polanyi prägte den Begriff Die Große Transformation, der Titel eines seiner Bücher, das er 1944 vor Ende des 2. Weltkriegs schrieb. Zu seiner Zeit fand das Buch keine große Beachtung. Heute, da seine Thesen sich mehr denn je bestätigt sehen, wurde das Buch zur Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, was im Bereich der Ökonomie geschieht, was in allen Bereichen menschlicher Aktivität Widerhall findet, einschließlich der religiösen Aktivität. Man geht davon aus, dass Papst Franziskus sich von Polanyi inspirieren ließ, als er das aktuelle Vermarkten von allem, selbst von Menschen und ihrer Organe, verurteilte.

Diese Art und Weise, die Gesellschaft rund um die ökonomischen Interessen zu organisieren, hat die Menschheit von oben bis unten gespalten: eine enorme Schere hat sich geöffnet zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen. Eine grausame soziale Ungerechtigkeit wurde hergestellt mit einer Vielzahl an ausgegrenzten Menschen, die als unökonomisch erachtet werden, verbranntem Öl, Menschen, für die der Markt sich nicht mehr interessiert, da sie sehr wenig produzieren und fast nichts konsumieren.

Gleichzeitig hat die Große Transformation der Marktgesellschaft eine gefährliche soziale Ungerechtigkeit hervorgebracht. In ihrem Anhäufungs-Eifer wurden die Naturgüter und -ressourcen auf äußerst räuberische Weise ausgebeutet, wobei ganze Ökosysteme verwüstet wurden, die Erde kontaminiert wurde sowie Wasser, Luft und Lebensmittel ohne sich über ethische, soziale oder hygienische Belange Gedanken zu machen.

Ein solches Projekt, das auf unbegrenztes Anhäufen abzielt, kann von einem begrenzten, kleinen, alten und kranken Planeten nicht getragen werden. Auch ein systemisches Problem ist erstanden, das Ökonomen, die diese Art des Wirtschaftens befürworten, selten bedenken: Die physikalisch-chemisch-ökologischen Grenzen des Planeten Erde sind bereits erreicht worden. Diese Tatsache erschwert das beständige Wachstum des Systems, wenn es dieses nicht sogar unmöglich macht, denn es erfordert eine Erde voller Ressourcen (Güter und Dienstleistungen oder „großzügige Geschenke“ in der Sprache der indigenen Völker).

Wenn wir diesen Weg weiter verfolgen, können wir erleben, wie es bereits geschieht, dass die Erde darauf mit Gewalt reagiert. Als eine sich selbst regulierende, lebende Entität, reagiert die Erde auf Aktionen, die ihre Fähigkeit schwächen, ihr Gleichgewicht zu erhalten, mit extremen Ereignissen, Erdbeben, Tsunamis, Orkanen und einem völligen Fehlen von Klima-Regulierung.

Diese Transformation erweist sich durch ihre eigene interne Logik als zerstörerisch für das Leben, das Ökosystem und die Umwelt. Es zerstört systematisch die Basis, die das Leben erhält. Das Leben ist in Gefahr, und so könnte, sei es durch die bestehende Aufrüstung an Massenvernichtungsmitteln oder durch das ökologische Chaos, die menschliche Spezies von der Erde verschwinden. Das könnte die Konsequenz unserer Verantwortungslosigkeit sein und von unserem völligen Mangel an Achtsamkeit für alles, was lebt und existiert.

 

Bettina Gold-Hartnack