Fußballspieler bedürfen sowohl der Mystik als auch der Psychologie

Eine konstruktive Idee des Brasilianischen Fußballbundes CBF und der technischen Gruppe des brasilianischen Fußballteams bestand darin, Regina Brandão, eine auf diesem Feld spezialisierte Psychologin, einzuladen, um die Fußballer zu ihren Spielen zu begleiten. Psychologische Unterstützung gibt es bereits seit einigen Jahren für das deutsche Fußballteam. Der Zweck ist einleuchtend: eine Atmosphäre innerer Gelassenheit zu erzeugen, Siege in kontrollierter Weise zu feiern und die Bedingungen für ein gesundes Durchhaltevermögen im Fall einer Niederlage zu schaffen, d. h. zu wissen, was es zu verändern gilt, was aus den Fehlern gelernt werden muss und wie sich die Leistung verbessern lässt.

Meiner Meinung nach ist dies jedoch nicht ausreichend. Psychologie kann durch Mystik bereichert werden. Das soll nicht heißen, dass ich nun die Religion in den Fußball bringen möchte. Zuallererst müssen wir die Mystik entmystifizieren. Mystik besitzt viele Bedeutungen, von denen die beiden wichtigsten die soziologische und die spirituelle sind, nicht jedoch die konfessionelle.

Ich möchte dies an zwei Beispielen erklären, die das besser beleuchten können als Worte: Am 17. und 18. Mai 1993 organisierten Frei Betto und ich eine offene Reflexion über Mystik und Spiritualität. Dies fand unter der Woche morgens und nachmittags statt. Es kamen mehr als 500 Arbeiter, die meisten aus der Metallurgie. Sie wollten wissen, was zum Teufel es mit Mystik und Spiritualität auf sich hat. Wir hatten zwei Eröffnungsvorlesungen, und der Rest bestand aus interessanten Diskussionen. Alles wurde aufgezeichnet und im Buch „Mystik der Straße“ (Patmos 1995) veröffentlicht, das bereits von vielen Verlagen publiziert wurde.

Ein weiteres Beispiel: Jedes große Treffen der Landlosen-Bewegung, an denen mehrere hundert Menschen teilnehmen, beginnt mit „Mystik“. Was geschieht da? Die Probleme, mit denen die Teilnehmer konfrontiert sind, werden als Theaterstück aufgeführt, bedeutungsvolle Symbole werden gestaltet, Lieder gesungen, man hört Berichte über Kampf und Leben. Es wird nicht immer über Gott gesprochen. Es geht um den Sinn des Lebens, eine Bestärkung des Willens, die Projekte weiterzuführen, standzuhalten, anzuprangern und Neues zu schaffen. Am Ende ist allgemeiner Enthusiasmus zu spüren, Erhellung des Geistes und Harmonie unter allen. Durch diese „Zelebrationen“ wird die tiefste Dimension des menschlichen Seins berührt, wo unsere zartesten Träume, unsere Utopien und unsere Bestimmung für ein besseres Leben ihren Sitz haben.

Das ist die soziologische Bedeutung der Mystik, die sich in der berühmten Rede von Max Weber findet, welche er 1919 vor den Studenten in München über „Politik als Beruf“ hielt. Für Weber impliziert eine Politik, die diesen Namen verdient (nicht von, sondern für Politik zu leben) Mystik, ansonsten bleibt sie im Schlamm privater und unternehmerischer Interessen stecken. Mystik ist für Max Weber die Summe tiefer Überzeugungen, grandioser Visionen und starker Leidenschaften, die Menschen und Bewegungen mobilisieren und Praktiken inspirieren, welche in der Lage sind, Schwierigkeiten standzuhalten und angesichts von Scheitern die Hoffnung nicht zu verlieren.

Diese Art von Mystik kann und sollte von Fußballspielern gelebt werden, insbesondere von denen der WM-Teams, sodass sie erkennen, dass es nicht nur um Psychologie und deren Motivationen geht. Es geht um Werte, gute Träume, Enthusiasmus. Die Frage ist, wie man dorthin kommt.Statt Mystik könnte auch die Yoga eingeführt werden, wie die deutsche Mannschat machte, also immer, etwas das mit die Nichtmaterialistsche Dimension überwindet.

Hier kommt die zweite Bedeutung der Mystik, die spirituelle Bedeutung, ins Spiel. Doch eine Klärung ist vonnöten: Wir haben eine äußerliche Seite, unseren Körper, mithilfe dessen wir in Kontakt zu anderen, zur Natur und zum Universum treten. Fußball trainiert jede mögliche Fähigkeit des Körpers, um einen Athleten, einen Top-Spieler zu kreieren. Doch dies reicht nicht aus. Wir haben auch unser inneres Selbst, d. h. die Psyche, die von Leidenschaften, Liebe, Hass, tief sitzenden Archetypen, der Dimension von Licht und Schatten, bewohnt ist. Unser aller Aufgabe besteht darin, die Dämonen zu bezwingen und die guten Engel auf solche Weise zu aktivieren, dass wir mit uns selbst in Frieden leben können und nicht ein Opfer unserer Triebe sind.

Doch wir haben auch unsere tiefe, d. h. unsere spirituelle Seite. In unserer inneren Tiefe finden wir die unausweichliche Frage, die uns während unseres ganzen Lebens begleitet: Wer bin ich? Was tue ich in dieser Welt? Was kann ich nach diesem Leben erhoffen? Was bedeutet es, in der Weltmeisterschaft mitzuspielen? Alle Dinge hängen gegenseitig voneinander ab und helfen einander zu existieren. Es muss etwas geben, das alles miteinander verbindet und rückverbindet. Wir besitzen auch ein tiefes Selbst mit den Vorschlägen und Projekten, die uns mobilisieren.

Hier entsteht Enthusiasmus. Im Griechischen bedeutet Enthusiasmus: „einen Gott in sich haben“: die Energie, die größer ist als wir, die uns hält und uns durch das Leben führt. Ohne Enthusiasmus gelangen wir in die Welt des Todes. Die moderne Hirnforschung identifizierte, was die Wissenschaftler als Gottespunkt bezeichnen, den Punkt der spirituellen Intelligenz im Gehirn. Immer wenn wir den fundamentalen Fragen des Lebens nachgehen oder eine globalere Vision suchen, wenn die machtvolle und liebende Energie, die alles hält und erhält, gefragt ist, ist in dieser neuronalen Zone eine größere Beschleunigung zu verzeichnen. Wir sind mit einem inneren Organ ausgestattet, durch das wir wahrnehmen, was wir als Tao, Shiva, Olorum, Allah, Jehovah, Gott bezeichnen. Wichtig ist nicht der Name, sondern die Erfahrung einer Ganzheit in uns selbst. Wenn wir den „Gottespunkt“ aktivieren, werden wir einfühlsamer für andere, sorgsamer, freundlicher, verständnisvoller und mutiger.

Ich denke, für einen Fußballspieler wäre es gut, sich in eine Ecke zurückzuziehen, sich auf dieses tiefe Selbst zu konzentrieren und darauf zu hören, wo die guten Ideen geboren werden, die guten Gefühle und wo der Enthusiasmus bestärkt wird. Es gibt Leute wie Frei Betto, Marcelo Barros und andere, die diese Aufgabe wunderbar erfüllen könnten. Sie würden die Fußballspieler mit dem „Gottespunkt“ in Einklang bringen und die Magie der „Tois“ beiseite lassen.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Humor als Ausdruck psychischer und spiritueller Gesundheit

Alle höheren Lebewesen besitzen einen ausgeprägten Sinn für das Spiel. Das sehen wir, wenn wir unsere Katzen und Hunde beobachten. Doch Humor ist nur den Menschen eigen. In theologischen Reflexionen wurde Humor niemals als ernsthaftes Thema in Erwägung gezogen, obwohl bekanntlich alle Heiligen und Mystiker, also die einzig wahrhaft ernsthaften Christen, über Humor verfügten. In der Philosophie und der Psychoanalyse hatte Humor mehr Glück.

Humor ist kein Synonym für Witze, den es gibt Witze ohne Humor und Humor ohne Witze. Ein Witz kann nicht wiederholt werden; wiederholt man ihn, verliert er seinen Anmut. Eine Erzählung, die voller Humor steckt, bewahrt sich stets ihren Anmut, und wir hören sie immer wieder gern.

Humor kann nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens heraus verstanden werden. Sein Merkmal besteht darin, ein zeitloses Projekt zu sein, Träger unerschöpflicher Wünsche, Utopien, Träume und Fantasien. Diese existentielle Gegebenheit ist die Ursache für ein ständiges Ungleichgewicht zwischen Verlangen und Realität, zwischen dem, wovon man träumt, und dem, was sich verwirklichen lässt. Keine Institution, Religion, kein Staat und kein Gesetz kann das menschliche Wesen völlig in sich aufnehmen, selbst wenn es dort eine Art Ordnung gibt, die Menschen beinhaltet. Doch der Mensch überschreitet diese Determinanten. Daher ist es so wichtig, das Verbotene auszuprobieren, um Freiheit zu erleben und um Neues zu schaffen. Und dies geschieht in der Kunst, Literatur und auch in der Religion.

Wenn wir diesen Unterschied zwischen Gesetz und Realität bemerken – wie z. B. das Verbot der Benutzung von Kondomen in der katholischen Morallehre zu Zeiten grassierender AIDS-Erkrankungen – kommt der Sinn für Humor ins Spiel. Man kann über das Verbot lachen, denn es macht wenig Sinn und es ist, als würde man gegen den Wind pfeifen, denn entweder hört oder achtet niemand darauf, sodass es nur Humor hervorbringen kann. Solche Menschen leben auf dem Mond, nicht auf der Erde.

Der Humor verhilft zu einem Gefühl der Befreiung vom Gewicht solcher Beschränkungen und zur Freude, diese relativiert zu sehen und ohne die Wichtigkeit, die sie sich selbst zuschreiben. Für einen Augenblick fühlt der Mensch sich frei von den ihn schwächenden Über-Ichs, von der Last, die die Situation ihm abverlangt, und er spürt einen Sinn für Freiheit als ein Mittel, selbst über seine Zeit zu bestimmen, seiner Tätigkeit einen Sinn zu verleihen und etwas Neues zu schaffen. Hinter dem Humor steht die Kreativität, die dem Menschen eigen ist. Unabhängig von möglichen natürlichen und sozialen Einengungen, gibt es immer Raum, etwas Neues zu kreieren. Wenn dies nicht so wäre, gäbe es keine Genies in Wissenschaft, Kunst oder im Denken. Zuerst werden sie als „verrückt“ erachtet und als exzentrisch und abnormal. Viel später entdeckt man beim zweiten Hinschauen das Genie eines van Gogh, die fantastische Kreativität von Bach, die zu deren Lebzeiten fast unbeachtet blieben. Von Jesus wird gesagt, dass seine Freunde kamen, um ihn wegzuholen, da man von ihm sagte „Er ist verrückt“ (Mk 3,21). Dasselbe wurde von Franz von Assisi berichtet: Er ist „pazzus“, verrückt, was dieser als Ausdruck des göttlichen Willens verstand. Und er war ein Heiliger und so erfüllt von Humor und Freude, dass man ihn den „stets glücklichen Bruder“ nannte.

Einfacher ausgedrückt: Humor ist ein Zeichen für die Unmöglichkeit, das menschliche Wesen innerhalb eines etablierten Rahmens zu definieren. Innerhalb seines tieferen und wahren Selbst befindet sich ein Schöpfer und ein freies Wesen.

Aus diesem Grund ist es dem Menschen möglich, solche Systeme, die ihn innerhalb von bestehenden Kategorien einsperren wollen, zu belächeln und sie mit Humor zu betrachten. Auch der Spott, mit dem wir seriöse Gentlemen beobachten (z. B. Professoren, Richter, Schuldirektoren und selbst Monsignori), die feierlich und mit dem Anschein einer höheren, fast göttlichen Autorität versuchen, andere blind und unterwürfig zu mache, sodass sie ihren Anordnungen wie Schafe folgen, auch dies regt den Humor an.

Der Philosoph Philip Lersch (Philosophie des Humors, München 1953, S. 26) schrieb ganz richtig: „Der innerste Wesenskern des Humors liegt in der Kraft der religiösen Haltung. Denn der Humor sieht das Irdische und das Menschliche in seiner Unzulänglichkeit zu Gott.“ Von der Ernsthaftigkeit Gottes aus belächelt der Mensch den menschlichen Ernst mit dessen Anspruch, absolut seriös und wahr zu sein. Vor Gott ist er nichts. Und es gibt ebenfalls eine ganze theologische Tradition, die wir von den Vätern der Orthodoxen Kirche kennen und die von einem Deus ludens (einem spielerischen Gott) spricht, denn Gott schuf die Welt als ein Spiel zu Seiner eigenen Unterhaltung. Und Gott tat dies auf so kluge Weise, indem er Humor mit Ernst verband.

Diejenigen, die ihr Leben in Gott verankert haben, verfügen über eine Methode, Humor zu kultivieren. Sie relativieren die irdische Ernsthaftigkeit, selbst ihre eigenen Mängel, und sie sind frei von Sorgen. Der Hl. Thomas Morus, der zum Tod durch die Guillotine verurteilt wurde, bewahrte seinen Humor bis zum Schluss: Er bat die Urteilsvollstrecker, seinen Nacken zu durchtrennen, jedoch ohne seinen langen weißen Bart zu berühren. Der Hl. Laurentius lächelte humorvoll seine Vollstrecker an, die ihm auf dem Grill verbrannten, und lud sie ein, ihn zu wenden, da eine Seite bereits gar gekocht war; und der Hl. Ignatius von Antiochien, der alte Bischof der ersten Kirche, flehte die Löwen an, zu kommen um ihn zu verschlingen, sodass er schnell in die ewige Seligkeit einkehren könne.

Um sich eine solche Gelassenheit zu bewahren, in einem Zustand des Humors zu leben und ihn aus dem Blickwinkel der menschlichen Unzulänglichkeit zu betrachten, ist eine Gnade, die wir alle anstreben müssen und um die wir Gott bitten.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Ritus und Spiel: in Vergessenheit geratene Dinge

Während der Wochen der Fußball-WM erlebten wir Momente voller Riten, Zelebrationen und Symbole. Die Eröffnungsfeier war eine Abfolge von Riten und Symbole, die mit Fußball in Verbindung standen, vor allem bei der Vorstellung der Teams und beim Singen der Nationalhymnen. Eine von Zelebrationen geprägte Atmosphäre erfüllte die Innenstädte, schmückte die Straßen und Fenster der Häuser.

Es geht uns hier um das Thema Riten und Zelebrationen, deren humane und soziale Bedeutung nicht immer bedacht wird und die oftmals in Vergessenheit gerät. Erst einmal gibt es ohne Riten keine Zelebration, denn eine Zelebration bewegt sich in der symbolischen Welt der Riten und Symbole. In einer Zelebration essen und trinken wir nicht deswegen, um unseren Hunger oder Durst zu stillen. Dafür essen wir zu Hause oder im Restaurant. Vielmehr symbolisiert dieses Mahl die Freundschaft und die Freude über das Zusammensein und darüber, gemeinsam an einem Ereignis, wie z. B. einem Fußballspiel, teilzunehmen. Wenn in einer Zelebration gesungen wird, geht es nicht um die Darbietung von musikalischer Kunst, sondern um eine rituelle Ausdrucksweise von Begeisterung und existentieller Erleichterung. Und wie wir feiern und trinken, wenn unser Lieblings-Team ein Spiel oder eine Meisterschaft gewinnt!

„Was ist ein Ritus?“, fragte der Kleine Prinz den Fuchs, den er im berühmten gleichnamigen Buch von Antoine de Saint-Exupéry gefangen hatte. Und der Fuchs gab zur Antwort: „Es ist etwas in Vergessenheit Geratenes. Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien” (S. 27).

Ein Ritus ist das, was eine Zelebration von anderen Tagen unterscheiden lässt. Doch er gewinnt nur an Ausdruckskraft, wenn es Vorbereitung und innere Teilnahme gibt, wie dies vor einem Fußballspiel zwischen zwei berühmten Teams der Fall ist. Aus diesem Grund rät der Fuchs dem Kleinen Prinzen: „Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen. Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein … Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll … Es muss feste Bräuche geben.” (S. 71)

Nur mit dem Ritus kann es eine Zelebration geben, denn dann verliert alles seine natürliche Konsistenz und nimmt zutiefst menschliche symbolische Werte an. Dinge verlieren ihre Aktualität (sind nutzlos), um ihre wahre Bedeutung zurückzugewinnen. Der Klang der Schritte würde den Fuchs niemals erschrecken, er wäre wie Musik, die ihm die Nähe des Kleinen Prinzen ankündigt. Die Weizenfelder erinnern ihn nicht an Brot (Aktualität), sondern an die blonden Haare des Kleinen Prinzen (Bedeutung).

Abgesehen von der zuvor genannten Bedeutung ist die Präsenz eines Ritus‘ im Allgemeinen vor allem in religiösen Zelebrationen stark spürbar, wie z. B. an Hochzeiten oder Priesterweihen. Der Ritus bringt die Bedeutung der Dinge besser zum Ausdruck als die Sprache es vermag, die „voller Missverständnisse“ ist, wie der Fuchs sagt. Deshalb ist ein Ritus dann besonders ausdrucksvoll, wenn er aus der Tiefe unseres Seins kommt, aus unseren tiefsten Archetypen, wo sich unsere persönliche Identität befindet.

Jeder Mensch, selbst die säkularste und rationalste Person, ist im Sinne ritueller und symbolischer Ausdrucksweise mythisch. Menschen, die ihr innerstes Selbst, ihre Freude, ihre Traurigkeit, ihre Leidenschaft oder ihre Liebe zum Ausdruck bringen möchten, bedienen sich nicht kalter Konzepte, sondern Metaphern oder Lebensgeschichten, die wahre Mythen sind. Durch sie kommt das Mysterium der persönlichen Lebensreise jeder Person zum Vorschein, ohne dass ihm Gewalt angetan würde. Riten und Zelebrationen verlangen immer nach Ernsthaftigkeit und nach Konzentration.

Alles, was wir zum Thema Riten besprachen, hat viel mit dem Spiel zu tun. Ich denke dabei nicht an das Spiel, das zu einem Beruf und zu großem internationalen Business geworden ist wie Fußball u. a. Das ist eher Sport als ein Akt des Spiels. Spiel, wie man es im Volk vorfindet, auf improvisierten Plätzen oder am Strand, hat keinen praktischen Nutzen, ist aber Träger von tiefer Bedeutung als Ausdruck von Lebensfreude und der Freude, gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen.

Es gibt eine alte Tradition der zwei Schwesterkirchen, der lateinischen und der griechischen, die von Deus ludens, Homo ludens und sogar von Ecclesia ludens spricht (vom spielerischen Gott, dem spielerischen Menschen und der spielerischen Kirche). Sie sahen die Schöpfung als ein großes Spiel einer spielerischen Gottheit: Gott warf von einer Seite die Sterne, von der anderen Seite die Sonne, darunter die Planeten und, voller Zärtlichkeit, die Erde in der genau passenden Distanz zur der Sonne, sodass es auf ihr Leben geben kann. Die Schöpfung ist eine Art alles umfassende Fröhlichkeit Gottes, ein Theatrum Gloriae Dei (ein Theater der Ehre Gottes).

In einem schönen Gedicht des großen Theologen der Griechisch Orthodoxen Kirche, dem Hl. Gregor von Nazianz (330-390) heißt es: „Der erhabene Logos spielt, indem er den ganzen Kosmos aus purem Vergnügen und auf jede erdenkliche Weise mit den unterschiedlichsten Bildern ziert.“ In der Tat ist das Spiel das Werk der kreativen Fantasie, wie man es bei Kindern sieht: Es drückt zwanglose Freiheit aus, indem es eine Welt ohne praktischen Nutzen schafft, frei von Profit und persönlichen Vorteilen. Einer der besten Theologen des 20. Jahrhunderts, der Bruder eines weiteren berühmten Theologen, der mein Professor in Deutschland war, Karl Rahner, empfahl dringend: „Da Gott vere ludens (wahrhaft spielerisch) ist, müssen alle vere ludens sein“.

Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass unser Leben auf der Erde unbeschwert und angstfrei sein könnte, insbesondere wenn es durch die heitere Gegenwart Gottes in Seiner Schöpfung verwandelt wird. Also brauchen wir uns nicht zu fürchten. Es ist die Angst, die uns der Freiheit beraubt. Das Gegenteil von Glaube ist nicht so sehr Atheismus als vielmehr Angst, vor allem die Angst vor Einsamkeit. Glauben zu haben, mehr noch als einer Sammlung von Glaubenswahrheiten anzuhängen, heißt glücklich zu sein, sich in der Hand Gottes geborgen zu fühlen und in der Lage zu sein, vor dem Göttlichen wie ein Kind zu leben, das in völliger Hingabe spielt.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der Katakombenpakt, wie er von Papst Franziskus gelebt wird

Am 16. November 1965, kurz vor Abschluss des II. Vatikanischen Konzils, zelebrierten einige Bischöfe, auf Anregung von Dom Helder Camara, in den Domitilla-Katakomben eine Messe und schlossen den sogenannten Katakombenpakt einer dienenden und armen Kirche. Sie wählten für sich die Ideale der Armut und Einfachheit und wollten ihre Paläste verlassen, um in einfachen Häusern oder Wohnungen zu leben. Mit Papst Franziskus kommt diesem Pakt heute eine reale Bedeutung zu. Es lohnt sich, an den Wortlaut dieser freiwilligen Verpflichtungen (hier in Übersetzung von Norbert Arntz), die diese Bischöfe auf sich nahmen, zu erinnern.

Als Bischöfe,

  • die sich zum Zweiten Vatikanischen Konzil versammelt haben;
  • die sich dessen bewusst geworden sind, wie viel ihnen noch fehlt, um ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen;
  • die sich gegenseitig darin bestärkt haben, gemeinsam zu handeln, um Eigenbrötelei und Selbstgerechtigkeit zu vermeiden;
  • die sich eins wissen mit all ihren Brüdern im Bischofsamt;
  • die vor allem aber darauf vertrauen, durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sowie durch das Gebet der Gläubigen und Priester unserer Diözesen bestärkt zu werden;
  • die in Denken und Beten vor die Heilige Dreifaltigkeit, vor die Kirche Christi, vor die Priester und Gläubigen unserer Diözesen hintreten;

nehmen wir in Demut und der eigenen Schwachheit bewusst, aber auch mit aller Entschiedenheit und all der Kraft, die Gottes Gnade uns zukommen lassen will, die folgenden Verpflichtungen auf uns:

  1. Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns her üblicherweise leben, im Hinblick auf Wohnung, Essen, Verkehrsmittel und allem, was sich daraus ergibt (vgl. Mt 5,3; 6,33-34; 8,20).
  2. Wir verzichten ein für allemal darauf, als Reiche zu erscheinen wie auch wirklich reich zu sein, insbesondere in unserer Amtskleidung (teure Stoffe, auffallende Farben) und in unseren Amtsinsignien, die nicht aus kostbarem Metall – weder Gold noch Silber – gemacht sein dürfen, sondern wahrhaft und wirklich dem Evangelium entsprechen müssen (Vgl. Mk 6,9; Mt 10,9; Apg 3,6).
  3. Wir werden weder Immobilien oder Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen; und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen oder caritativen Werke überschreiben (vgl. Mt 6,19-21; Lk 12,33-34).
  4. Wir werden, wann immer dies möglich ist, die Finanz- und Vermögensverwaltung unserer Diözesen in die Hände einer Kommission von Laien legen, die sich ihrer apostolischen Sendung bewusst und fachkundig sind, damit wir Apostel und Hirten statt Verwalter sein können (vgl. Mt 10,8; Apg. 6,1-7).
  5. Wir lehnen es ab, mündlich oder schriftlich mit Titeln oder Bezeichnungen angesprochen zu werden, in denen gesellschaftliche Bedeutung oder Macht zum Ausdruck gebracht werden (Eminenz, Exzellenz, Monsignore…). Stattdessen wollen wir als “Padre” angesprochen werden, eine Bezeichnung, die dem Evangelium entspricht.
  6. Wir werden in unserem Verhalten und in unseren gesellschaftlichen Beziehungen jeden Eindruck vermeiden, der den Anschein erwecken könnte, wir würden Reiche und Mächtige privilegiert, vorrangig oder bevorzugt behandeln (z.B. bei Gottesdiensten und bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, als Gäste oder Gastgeber) (Lk 13, 12-14; 1 Kor 9,14-19).
  7. Ebenso werden wir es vermeiden, irgendjemandes Eitelkeit zu schmeicheln oder ihr gar Vorschub zu leisten, wenn es darum geht, für Spenden zu danken, um Spenden zu bitten oder aus irgendeinem anderen Grund. Wir werden unsere Gläubigen darum bitten, ihre Spendengaben als üblichen Bestandteil in Gottesdienst, Apostolat und sozialer Tätigkeit anzusehen (Vgl. Mt 6, 2-4; Lk 15,9-13; 2 Kor 12,4).
  8. Für den apostolisch-pastoralen Dienst an den wirtschaftlich Bedrängten, Benachteiligten oder Unterentwickelten werden wir alles zur Verfügung stellen, was notwendig ist an Zeit, Gedanken und Überlegungen, Mitempfinden oder materiellen Mitteln, ohne dadurch anderen Menschen und Gruppen in der Diözese zu schaden.
    Alle Laien, Ordensleute, Diakone und Priester, die der Herr dazu ruft, ihr Leben und ihre Arbeit mit den Armgehaltenen und Arbeitern zu teilen und so das Evangelium zu verkünden, werden wir unterstützen. (vgl. Lk 4,18f.; Mk 6,4; Mt 11,45; Apg 18,3-4; 20,33-35; 1 Kor 4,12; 9,1-27)
  9. Im Bewusstsein der Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Liebe sowie ihres Zusammenhangs werden wir daran gehen, die Werke der “Wohltätigkeit” in soziale Werke umzuwandeln, die sich auf Gerechtigkeit und Liebe gründen und alle Frauen und Männer gleichermaßen im Blick haben. Damit wollen wir den zuständigen staatlichen Stellen einen bescheidenen Dienst erweisen (Vgl. Mt 25, 31-46; Lk 13,12-14 und 33f.)
  10. Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen unserer Regierung und unserer öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und gesamtmenschliche harmonische Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen, die der Würde der Menschen- und Gotteskinder entspricht (Vgl. Apg 2,44f; 4,32-35; 5,4; 2 Kor 8 und 9; 1 Tim 5,16).
  11. Weil die Kollegialität der Bischöfe dann dem Evangelium am besten entspricht, wenn sie sich gemeinschaftlich im Dienst an der Mehrheit der Menschen – zwei Drittel der Menschheit – verwirklicht, die körperlich, kulturell und moralisch im Elend leben, verpflichten wir uns:
    • Gemeinsam mit den Episkopaten der armen Nationen dringliche Projekte zu verwirklichen, entsprechend unseren Möglichkeiten.
    • Auch auf der Ebene der internationalen Organisationen das Evangelium zu bezeugen, wie es Papst Paul VI. vor den Vereinten Nationen tat, und gemeinsam dafür einzutreten, dass wirtschaftliche und kulturelle Strukturen geschaffen werden, die der verarmten Mehrheit der Menschen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen, statt in einer immer reicher werdenden Welt ganze Nationen verarmen zu lassen.
  12. In pastoraler Liebe verpflichten wir uns, das Leben mit unseren Geschwistern in Christus zu teilen, mit allen Priestern, Ordensleuten und Laien, damit unser Amt ein wirklicher Dienst werde. In diesem Sinne werden wir
    •gemeinsam mit ihnen “unser Leben ständig kritisch prüfen;
    • sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen, so dass wir vom Heiligen Geist inspirierte Animateure werden, statt Chefs nach Art dieser Welt zu sein.
    • uns darum mühen, menschlich präsent, offen und zugänglich zu werden.
    • uns allen Menschen gegenüber offen erweisen, gleich welcher Religion sie sein mögen (vgl. Mk 8,34f.; Apg 6,1-7; 1 Tim 3,8-10).
  13. Nach der Rückkehr in unsere Diözesen, werden wir unseren Diözesanen diese Verpflichtungen bekanntmachen und sie darum bitten, uns durch ihr Verständnis, ihre Mitarbeit und ihr Gebet behilflich zu sein.

Gott helfe uns, unseren Vorsätzen treu zu bleiben.

Sind dies nicht die Ideale, die Papst Franziskus uns vorlebt?

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack