Brasiliens Schande in Fussball gegen Deutschland

 

        Das Halbfinale-Spiel Brasilien gegen Deutschland am 8. Juli in Belo Horizonte endete mit einem verdienten Sieg der deutschen Mannschaft und einer vernichtenden, beschämenden Niederlage des brasilianischen Teams. Sie ist in der hundertjährigen Geschichte des brasiliani-schen Fußballs ohnegleichen. In allen Städten des Landes hatten die Menschen Straßen und Plätze bevölkert, Millionen waren es. Die meisten waren in grün-gelben Nationalfarben gekleidet; sie verbreiteten nationale Euphorie. Unter keinen Umständen hatten sie sich eine solche Demütigung auch nur im Entferntesten vorstellen können. Doch das Unvorstellbare geschah. Und das hat auch viel mit dem Land und seiner Kultur zu tun.

Es gibt aus meiner Sicht mehrere Gründe für das 1:7-Desaster gegen Deutschland. Auch in Brasilien hatten viele einen deutschen Sieg erwartet. Die deutsche Mannschaft hat, wie andere europäische Mannschaften, das Spiel und seine Strategie modernisiert. In Europa werden die Spieler sorgfältig auf Ausdauer und Geschwindigkeit trainiert. Sie werden auch ständig psychologisch begleitet. Sie werden zweitens so ausgebildet, dass sie auf vielen Positionen spielen können. Und drittens lernen sie, einen starken Teamgeist zu entwickeln. So gibt es in Europa hervorragende Spieler, denen es nicht darauf ankommt, als Stars herauszuragen. Sie wissen, dass sie nur dann gut sind, wenn sie mann- schaftsdienlich spielen und Teamgeist haben.

Arroganz und Überheblichkeit – das sind die wahren Gründe für die furchtbare Niederlage gegen Deutschland. Das war nicht das Brasilien, das wir kennen. Es war aber der Fußball, den die Nationalmannschaft gespielt hat, deren Trainer so in ihrer Arroganz festgefahren waren, dass sie von anderen nichts lernen wollten. Wir verloren durch deren Arroganz und Ignoranz. Wir verloren durch die Übererwartung, durch die falschen Heilsversprechen.

Wie zu erwarten, wurden nach der erschreckenden Niederlage auch Rechtfertigungen geliefert: Mit Neymar, dem Wun- derspieler, und Thiago Silva, dem Abwehrchef, wäre das nicht passiert! Nein, das erklärt gar nichts. Auch wenn elf Neymars auf dem Spielfeld gewesen wären, die Mannschaft aber ungeordnet, wäre das Spiel verloren worden. Wir haben verloren, weil wir schlecht gespielt haben und weil es uns nicht gelungen ist, uns die Errungenschaften anzueignen, die der technische und künstlerische Fußball in vielen Teilen der Welt erreicht hat. Und wir haben keine Mannschaft gebildet.

Persönlich tun mir die „brasileirinhos“ sehr leid, die Fans, die unsere Mannschaft mit Gesängen und Schlachtrufen angefeuert haben. Die meisten fühlen sich nun geradezu verwaist. Für diese ist Brasilien ein vielfältiges und vielfältig gespaltenes Land, das kaum etwas hat, was gut funktioniert. Das Gesundheitssystem ist nur für die Reichen gut, das Bildungssystem ebenso, das Verkehrswesen marode, die Sicherheit schlecht, die Polizei dafür oft brutal.

Wir sind in fast nichts gut. Abgesehen von Karneval, sind wir sind ein gastfreundliches und verspieltes Volk, das bei allem Zorn über die Zustände im Land immer wusste: Wenigstens Fußball können wir spielen. Dies gab dem einfachen Volk Selbstbewusstsein. Jetzt aber können wir noch nicht mal mehr sagen: Wenigstens im Fußball sind wir gut. Natürlich wird das brasilianische Team wieder Spiele gewinnen, wird es großartige brasilianische Fußballer geben. Doch dieser Dienstag, der 8. Juli 2014, wird uns noch lange Jahre als trauriger Tag der Demütigung in Erinnerung bleiben: Deutschland hat uns sieben zu eins besiegt. Weil uns wichtige Tugenden fehlten: Teamgeist, Solidarität, Demut, Lernbereitschaft.

Diese Qualitäten verhalfen den Deutschen zum Sieg über Brasilien. Und die brasilianische Mannschaft? Sie war in aller Munde, sie wurde überhöht. Die ganze Nation schien sich darin einig zu sein, dass wir die Heimat des Fußballs sind, dass wir fünfmal Weltmeister waren und deshalb auch das sechste Mal siegen würden. Haben wir nicht König Pelé und den Kronprinzen Neymar? Die Medien haben Mythen, Heldenfiguren, Halbgötter und Götter geschaffen. Die Euphorie der großen Marketingagenturen hat die Bevölkerung angesteckt. Für die Mehrheit der Brasilianer war der Sieg so gut wie sicher. Was sollte passieren, wo doch das Spiel im eigenen Land ausgetragen wurde?

Die Euphorie, die quasireligiöse Überhöhung haben die Bevölkerung nicht auf das vorbereitet, was für alle Sportarten gilt: Einer gewinnt, und einer verliert. Die Mehrheit hätte sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass Brasilien jemals eine solch demütigende Niederlage würde hinnehmen müssen. Der Sieg wurde vorgefeiert, die Juchee-Juchee-Rufe schon vor dem Anstoß angestimmt. Auch, weil in einem sozial, kulturell und politisch so gespaltenen Land wie Brasilien der Fußball zu einer Art ziviler Religion wird, der alle anhängen, über alle Gräben hinweg.

Diese Selbstüberschätzung begünstigte die Fehler, die Luis Felipe Scolari machte, der Trainer der brasilianischen National- elf. Dank der siegreichen Vergangenheit fühlte sich die Mannschaft so sehr überlegen. Jeder Spieler möchte seine Solo-Nummer hinlegen. Der Teamgeist bleibt auf der Strecke.

Er glaubte, nichts von den anderen Teams lernen zu müssen. Der brasilianische Fußball hat sich auf seinen Lorbeeren ausgeruht und jede Demut vergessen, die man braucht, wenn man etwas lernen will. Währenddessen entwickelte sich in Europa, aber auch in Lateinamerika, das Spiel weiter, in Kolumbien zum Beispiel oder in Costa Rica. Neue Taktiken kamen ins Repertoire und neue Aufstellungsvarianten. Nichts davon fand aber die Zustimmung der brasilianischen Trainer, insbesondere nicht die des große Felipe. Er ist eine paternalistische Figur, streng, aber gü- tig, von den Spielern geliebt und im Allgemeinen vom Publikum geachtet. Er hielt jedoch an den Strategien fest, die in der Ver- gangenheit zum Erfolg geführt hatten, in der Gegenwart aber nicht mehr halfen.

Die Niederlage hat darüber hinaus mit dem traditionellen und erbitterten Individualismus der Spieler zu tun, dem Trainer Scolari keinen Einhalt geboten hat. Jeder Spieler möchte eine Solonummer hinlegen, auch um seine Position bei eventuellen Verhandlungen mit großen ausländischen Mannschaften zu verbessern. Es ist ihm ferner nicht gelungen, eine Mannschaft mit Teamgeist zu entwickeln, bei der die Gruppe zählt und die Spieler mannschaftsdienlich spielen. Er ließ die Spieler vagabundieren. So bildeten sich die unverzeihlichen Lücken auf dem Spielfeld, die dann Deutschlands Spieler trefflich zu nutzen wussten. Und irgendwann hatte man den Eindruck, da spiele ein Vorstadtverein gegen eine bekannte und internationale Fussbalmannschaft.

Die deutsche Nationalmannschaft verdient Lob dafür, dass sie ihren Sieg diskret gefeiert, dass sie sich nicht mit ihm gebrüstet hat. Auch deshalb haben ihnen am Ende die Brasilianer applaudiert.

Leonardo Boff, der an der UNI 1970 promoviert hat.

Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung  Freitag, 11. Juli 2014

 

Fußball als universale säkulare Religion

Die zurzeit in Brasilien stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft sowie andere große Fußball-Ereignisse nehmen allmählich religiöse Züge an. Im Leben von Millionen von Menschen hat Fußball, die vermutlich weltweit am meisten verbreitete Sportart, den Platz eingenommen, der früher der Religion zukam. Manche Religionswissenschaftler wie Emil Durkheim und Lucien Goldmann, um nur zwei der maßgeblichsten zu nennen, sagen, es handele sich bei Religion nicht um ein System von Vorstellungen, sondern vor allem um „ein System von Kräften, das Menschen dazu mobilisiert, sich zur höchsten Begeisterung aufzuschwingen“ (Durkheim). Glaube wird immer mit Religion assoziiert. Weiterhin heißt es in dem berühmten Buch desselben klassischen Soziologen „Die elementaren Formen religiösen Lebens“: Glaube ist vor allem Wärme, Leben, Enthusiasmus, Begeisterung des spirituellen Lebens, Erhebung des Individuums über sich selbst hinaus“ (S. 607). Und Lucien Goldmann, Religionssoziologe und Pascalscher Marxist, schlussfolgert: „Glauben heißt beteuern, dass Leben und Geschichte einen Sinn ergeben; Absurdität existiert zwar, doch sie dominiert nicht.“

Daher verkörpert Fußball für viele Menschen religiöse Charakterzüge: Glaube, Enthusiasmus, Wärme, Begeisterung, ein Kräftefeld und ein andauerndes Vertrauen darin, dass das eigene Team gewinnen wird.

Die Eröffnungszeremonie der Spiele erinnert uns an eine große religiöse Zelebration voller Verehrung, Respekt, Stille, gefolgt von lautem Applaus und begeisterten Rufen; ausgefeilte Rituale mit Musik und szenischen Darstellungen der verschiedenen im Land verbreiteten Kulturen; Präsentation der Symbole des Fußballs (die Standarten und Flaggen), insbesondere der Pokal, der als wahrhaft sakraler Kelch fungiert, ein von allen angestrebter Heiliger Gral. Und dann gibt es noch, mit allem Respekt, den Ball, der als eine Art Hostie fungiert, die unter allen geteilt wird.

Im Fußball wie in der Religion, wenn wir den Katholizismus als Bezugspunkt wählen, gibt es elf Apostel (Judas zählt nicht), welche die elf Fußballspieler sind, die gesandt wurden, ein Land zu repräsentieren; die als Heilige Verehrten wie Pelé, Garrincha, Beckenbauer u. a.; es gibt auch einen Papst, den Präsidenten der FIFA, der mit nahezu unfehlbarer Gewalt ausgestattet ist. Er tritt auf umgeben von Kardinälen, die die technische Kommission bilden, die für das Ereignis verantwortlich ist. Darauf folgen die Erzbischöfe und Bischöfe, die nationalen Koordinatoren des Pokals. Dann gibt es eine Priesterkaste: die Trainer, Träger spezieller sakramentaler Macht, die Spieler ernennen, bestätigen und vom Platz holen können. Anschließend kommen die Diakone, die die Richterschaft stellen, die theologischen Lehrmeister des rechten Glaubens, d. h. der Spielregeln, die die konkrete Aufgabe haben, das Spiel zu leiten. Schließlich kommen die Ministranten, die Linienrichter, die den Diakonen assistieren.

Der Verlauf eines Spiels ruft gewissen Phänomene hervor, die auch in der Religion auftreten: kurze Gebete (Refrains) werden gesungen, Menschen vergießen emotionsgeladene Tränen, beten, Gelübde werden abgelegt (Felipe Scolari, der brasilianische Trainer, legte ein Gelübde ab, ca. 20 km zum Heiligtum Unserer Lieben Frau von Caravaggio in Farroupilha zu pilgern, sollte Brasilien die diesjährige Weltmeisterschaft gewinnen), Amulette und andere Symbole der diversen Ausprägungen der brasilianischen Religiosität sind in Gebrauch. Machtvolle Heilige, Orixás (Personifizierung oder Vergötterung der Natur im Rahmen afro-brasilianischer religiöser Handlungen; Anm. d. Ü.) und die Energie aus dem Axé (Musikrichtung afro-amerikanischen Ursprungs, ursprünglich aus Salvador da Bahia und heute in ganz Brasilien verbreitet; Anm. d. Ü.) werden angerufen und erfleht.

Es gibt sogar eine Heilige Inquisition, das Betreuerteam, dessen Aufgabe darin besteht, den rechten Glauben zu bewahren, Konflikte bei der Interpretation zu lösen und u. U. Spieler und sogar ganze Teams zu bestrafen oder gerichtlich gegen sie vorzugehen.

Wie in Religionen und Kirchen gibt es Orden und religiöse Kongregationen, es gibt sogar „organisierte Fans“. Sie haben ihre Riten, ihre Lobgesänge und ihren Ethos.

Ganze Familien kommen, um in der Nähe des Clubhauses ihrer Mannschaft zu leben, das als wahrhafte Kirche fungiert, in der sich die Gläubigen versammeln und wo sie ihre Träume miteinander teilen. Sie tätowieren ihre Körper mit den Symbolen ihrer Mannschaft, und wenn ein Kind zur Welt kommt, wird es mit den Symbolen der Mannschaft geschmückt, d. h. es empfängt eine Taufe, von der es niemals abfallen soll.

Ich halte es für sinnvoll, Glauben so zu verstehen, wie in der Wette, die der große christliche Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal einst abschloss: Wenn du sagst, Gott existiert, so hast du nur zu gewinnen; sollte es Gott doch nicht geben, so hast du zumindest nichts verloren. Also ist es besser zu wetten, dass Gott existiert. Der Fußball-Fan lebt von Wetten (die sich vor allem in Sport-Lotterien oder im Fußballtoto zeigen), dass das Glück seiner Lieblingsmannschaft hold ist oder dass in der letzten Spielminute noch etwas geschieht, das alles verändert und dass schließlich seine Mannschaft gewinnt, ganz gleich, wie stark der Gegner auch ist. So wie in der Religion manche Menschen verehrt werden, geschieht das Gleiche mit den Fußball-Stars.

In der Religion treffen wir auch auf die Krankheit des Fanatismus, der Intoleranz und der Gewalt gegen andere religiöse Ausprägungen; ebenso ist es beim Fußball: Fangruppen eines Teams attackieren die Gruppe des gegnerischen Teams. Busse werden mit Steinen beworfen und es kann, wie wir wissen, zu kriminellen Handlungen kommen, bei denen organisierte Fans und Fanatiker die Anhänger des anderen Teams verwunden und sogar umbringen.

Für viele ist Fußball zu einer Weltanschauung geworden, eine Weise, die Welt zu verstehen und dem Leben einen Sinn zu verleihen. Solche Menschen leiden daran, wenn ihr Team verliert, und schweben in Euphorie, wenn es gewinnt.

Ich persönlich schätze den Fußball aus der Distanz, und zwar aus einem einfachen Grund: Mit vier Prothesen in den Knien und Oberschenkeln könnte ich niemals so rennen, springen und mich strecken. Die Fußballspieler vollbringen, wozu ich niemals in der Lage wäre, ohne dabei hinzufallen und mir etwas zu brechen. Unter den Fußballspielern gibt es wunderbare Künstler an Kreativität und Begabung. Nicht ohne Grund mochte der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger, kein einziges wichtiges Spiel verpassen, denn im Fußball sah er die Konkretisierung seiner Philosophie: den Wettkampf zwischen Sein und Wesen, die miteinander konfrontiert werden, sich gegenseitig leugnen, sich zusammenfügen und sich im unvorhersehbaren Spiel des Lebens engagieren, das wir alle spielen.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Die Geschichte einer unmöglichen Frau:Rose Marie Muraro

 Am 21. Juni endete in Rio de Janeiro die irdische Pilgerreise einer der bedeutendsten Brasilianerinnen des 20. Jahrhunderts: Rose Marie Muraro (1930-2014). Sie kam fast blind zur Welt, doch sie verwandelte dieses Manko zur großen Herausforderung ihres Lebens. Schon bald wurde ihr intuitiv bewusst, dass nur das Unmögliche die Türen zu Neuem öffnet; dass nur das Unmögliche Neues schaffen kann. Dies schrieb sie in ihrem Buch Memoiren einer unmöglichen Frau (Memorias de una mujer imposible, 1999, S. 35). Mit stark eingeschränktem Sehvermögen studierte sie Physik und Ökonomie. Doch schon bald darauf entdeckte sie ihre intellektuelle Berufung als Studentin der Conditio Humana, insbesondere der Conditio der Frauen. In den späten 1960er Jahren warf sie die polemische Geschlechterfrage auf. Sie beschränkte sich nicht auf die ungleiche Machtbeziehung zwischen Mann und Frau, sondern sie prangerte die unterdrückerischen Beziehung in Kultur, Wissenschaften, philosophischen Strömungen, Institutionen, Staat und Wirtschaftssystem an. Schließlich erkannte sie, dass die Wurzel dieses Systems, das sowohl Frauen wie Männer entmenschlicht, im Patriarchat liegt.

Sie durchlief in ihrem eigenen Leben einen eindrucksvollen Befreiungsprozess, von dem sie in ihrem Buch „Als ich sechs Monate lang ein Mann war“ (Os seis meses em que fui home, 6. Auflage 1990) berichtete. Doch war das vielleicht bedeutendste Werk der Rose Marie Muraro „Die Sexualität der brasilianischen Frau: Körper und Gesellschaftsschicht in Brasilien“ (Sexualidade da Mulher Brasileira: corpo e classe social no Brasil“, 1996). Es geht darin um eine Feldforschung, die in mehreren brasilianischen Bundesstaaten durchgeführt wurde und in der analysiert wurde, wie Sexualität gelebt wird vor dem Hintergrund der Klassenzugehörigkeit der Frauen. Dies war von den Gründungsvätern der Psychoanalyse außer Acht gelassen worden. In diesem Bereich war Rose innovativ, denn sie schuf ein theoretisches Gerüst, das zu einem besseren Verständnis der Körpererfahrung und Sexualität entsprechend der sozialen Schicht verhilft. Welche Art von Individuationsprozess kann eine verhungernde Frau durchlaufen, die ihrem Kind Blut von ihrem eigenen Körper gibt, damit es nicht stirbt?

Ich arbeitete 17 Jahre lang mit Rose als Herausgeber des Verlags Vozes: Sie war für den wissenschaftlichen Bereich verantwortlich und ich für den religiösen Bereich. Selbst unter der strengen Kontrolle durch das unterdrückerische Militär brachte Rose den Mut auf, sich damals auf dem Index befindliche Autoren zu verlegen, wie Darcy Ribeiro, Fernando Henrique Cardoso, Paulo Freire, die CEBRAP Notizen u. a. Nach Jahren gemeinsamer Diskussionen und Forschungen trugen wir unsere Gespräche in einem Buch zusammen, das ich als bedeutend erachte: „Frauen und Männer: Ein neues Bewusstsein, den Unterschieden zu begegnen“ (Feminino & Masculino: uma nova consciência para o encontro das diferenças“ 2010). Ich erwähne hier nur einen ihrer Sätze: „Einen Mann auszubilden heißt, ein Individuum auszubilden, doch eine Frau auszubilden heißt, eine Gesellschaft auszubilden.“

Ohne jemals die Frage nach dem Weiblichen (in Mann und Frau) außer Acht zu lassen, wendete sie ihre Aufmerksamkeit den Herausforderungen von Wissenschaft und moderner Technologie zu. Bereits 1969 veröffentlichte sie „Automatisierung und die Zukunft des Menschen“ (Autonomação e o futuro do home), wo sie die Verschlechterung für die Arbeitswelt voraussah.

Die Wirtschaftsfinanzkrise von 2008 führte sie dazu, die Frage nach Kapital und Geld zu stellen. In ihrem Buch „Neuerfindung von Kapital/Geld“ (Reinventando o capital/dinheiro, Idéias e Letras 2012) betont sie, im Gegensatz zur dominierenden kapitalistischen Wirtschaft, die Relevanz der sozialen und komplementären Währungen und der solidarischen Netzwerke, die durch gegenseitigen Tausch den weniger Vermögenden ermöglichen, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.

Ein weiteres bedeutendes Werk voller Wissen, Daten und kulturellen Überlegungen trägt den Titel „Technologische Fortschritte und die Zukunft der Menschheit: Wollen wir sein wie Gott?“ (Os avanços tecnológicos e o futuro da humanidade: querendo ser Deus? Vozes 2009). In diesem Werk wagt sie die Konfrontation mit den führenden Wissenschaften: Nano-Technologie, Robotik, Gentechnik und synthetische Biologie. Sie erkennt die Vorteile dieser Wissenschaften, denn sie ist nicht rückwärts gerichtet, doch dadurch, dass sie in einer Gesellschaft lebte, die alles, einschließlich des Lebens, zu einer Handelsware macht, erkannte sie ein großes Risiko, dass Wissenschaftler göttliche Macht ausüben wollten und ihr Wissen nutzen wollten, um die menschliche Spezies umzugestalten. Daher der Titel „Wollen wir sein wie Gott?“ Dies ist die traurige Illusion der Wissenschaftler. Was uns retten wird, ist nicht die neue technologische Revolution, sondern, wie Rose sagt, eine „Revolution der Nachhaltigkeit ist die einzige, die die menschliche Spezies vor ihrer Zerstörung retten kann … denn wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir uns nicht in einem Gewinner-Verlierer-Spiel befinden, sondern in einem schrecklichen Verlierer-Verlierer-Spiel, das zur Zerstörung unserer Spezies führen wird, in der wir alle Verlierer sein werden.“ (Neuerfindung von Kapital/Geld, S. 238).

Rose verfügte über einen sehr scharfen Sinn für die Welt: Sie litt an den globalen Dramen und feierte die wenigen Fortschritte. In späteren Zeiten sah sie dunkle Wolken über unserem ganzen Planeten, die unsere Zukunft bedrohen würden. Sie war sehr beschäftigt mit der Suche nach rettenden Alternativen, als sie starb. Als eine tiefgläubige und spirituelle Frau träumte sie von der Kapazität des Menschen, die auf uns zukommende Tragödie in eine reinigende Krise zu verwandeln, die den Weg erhellt, auf dem sich die Gesellschaft mit der Natur und mit Mutter Erde wieder versöhnt. Sie beendet ihr Buch Technologische Fortschritte mit folgender Aussage voller Weisheit: „Wenn wir aufhören, Götter zu sein, können wir voll und ganz Mensch sein; selbst wenn wir noch nicht so genau wissen, was das bedeutet; wir haben es immer nur ahnen können“ (S. 354).

Die brasilianische Präsidentin ernannte Rose Marie Muraro am 30. Dezember 2005 offiziell zur Patronin des brasilianischen Feminismus. Mit der Gründung der kulturellen Rose Marie Muraro Stiftung im Jahr 2009 hinterlässt sie ein reiches humanistisches Erbe für die kommenden Generationen. Rose Marie Murano zeigte mit ihrer persönlichen Geschichte, dass das Unmögliche keine Einschränkung sein muss, sondern eine Herausforderung. Ihr Name ist eingetragen in der Linie der großen archetypischen Frauen, die der Menschheit halfen, die Flamme der Achtsamkeit für alles Existierende und Lebendige am Brennen zu halten. Dieses Bestreben hat sie unsterblich gemacht.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Wer Brasilien im In- und Ausland beschämt

Es ist ein Bestandteil der heutigen Fußballkultur, dass manche Fußballspieler und Schiedsrichter ausgebuht werden sowie etwaige anwesende Regierungsmitglieder. Doch was hier an Beleidigungen, Flüchen und Obszönitäten auch von Kindern gehört werden konnte, hat es im brasilianischen Fußball bisher noch nicht gegeben. Sie richteten sich an die höchste Autorität des Landes, Präsidentin Dilma Roussef, die sich im hinteren Bereich der offiziellen Tribüne befand.

Diese beschämenden Beleidigungen konnten nur von der Klasse der Leute stammen, die im Land immer noch anzutreffen ist, nämlich den „Weißesten der A-Klasse, die sich durch einen Mangel an Erziehung und eine sexistische Haltung auszeichnen“, wie die Soziologin Ana Thurler vom Zentrum für feministische Forschung kommentiert.

Wer sich etwas mit der Geschichte Brasiliens auskennt oder Gilberto Freyre, José Honorio Rodrigues und Sérgio Buarque de Hollanda gelesen hat, kann diese Gruppen sofort identifizieren. Es handelt sich um Teile unserer Elite, die weltweit konservativste, die weit hinter dem globalen Zivilisationprozess zurückbleibt, wie Darcy Ribeiro sie gewöhnlich bezeichnete; Eliten die vor 500 Jahren an den Hebeln des Staates saßen und gierig von diesem profitierten, während sie den Bürgern und Bürgerinnen deren Rechte verwehrten, um sich ihre Privilegien zu sichern. Diesen Eliten ist es immer noch nicht gelungen, das Große Haus aus dem Kopf zu bekommen, das sich ihnen eingeprägt hat, noch haben sie den Pranger vergessen, an dem die schwarzen Sklaven geschlagen wurden. Nicht nur ihre Münder sind schmutzig, nein, sie sind schmutzig, weil ihre Gedanken schmutzig sind. Sie sind antiquiert und befinden sich immer noch in den Paradigmen der Vergangenheit, als sie ein Leben in Luxus und Geltungskonsum führten wie zur Zeit der Renaissancefürsten.

In der harschen Sprache des Capistrano de Abreu, unserem bekanntesten Historiker, der selbst Mulatte ist, hat die Mehrheit der Elite schon immer das brasilianische Volk „immer wieder kastriert und ausbluten lassen“. Und das tun sie noch heute. Ohne einen Sinn für Grenzen und voller Arroganz meinen sie, jegliche Beleidigung herausschreien und sich respektlos den Autoritäten gegenüber verhalten zu können.

Das Geschehene zeigte den Brasilianern und der Welt, welche Art von Elite es noch immer in Brasilien gibt. Sie beschämten uns im In- und Ausland. Das Volk ist nicht unwissend, ungebildet oder schamlos, wie es oft von ihnen behauptet wird. Wenn hier jemand schamlos, ungehobelt, ungebildet und unwissend ist, dann sind es diejenigen, die so etwas vom das Volk behaupten. Dies sind zumeist die selbständigen Reichen, die von Finanzspekulation leben und Abermillionen Dollar im Ausland, in ausländischen Banken oder Steueroasen haben.

Präsidentin Dilma brachte dies schön zum Ausdruck: „Das Volk handelt nicht so; das Volk ist zivilisiert und äußerst großzügig und gebildet.“ Das Volk mag schon einmal jemanden ausbuhen, und viele tun das. Doch das Volk beleidigt nicht eine Frau mit chauvinistischen und dreisten Ausdrücken, insbesondere nicht die Frau, die das höchste Amt des Landes innehat. Voll Ernsthaftigkeit und einem spürbaren Sinn für Würde antwortete Dilma diesen ungehobelten Gruppen: „Ich habe schier unerträgliche physische Gewalt ertragen, und nichts konnte mich von meinem Weg abbringen.“ Sie nahm damit Bezug auf die Folter, die sie durch die Diener des Staatsterrors ertragen musste, der seit 1968 in Brasilien herrschte. In der Rede, die sie später im Fernsehen hielt, stellte sie unter Beweis, dass nichts sie von ihrem Kurs abbringen oder sie schrecken kann, denn sie lebt für andere Werte und strebt danach, der Größe unseres Landes gewachsen zu sein.

Diese beschämende Tat wurde von der Mehrheit der Analysten und von denen, die öffentlich auftreten, zurückgewiesen. Allerdings war die Reaktion ihrer beider Stellvertreter im Amt erbärmlich. Sie benutzten fast dieselben Ausdrucksweisen und waren auf einer Linie mit den groben elitären Gruppen. „Sie erntet, was sie säte“, sagte einer. Ein anderer meinte, sie verdiene die Beleidigungen, die man ihr an den Kopf wirft. Nur Kleingeister und solche, denen der Sinn für Würde abgeht, können so reagieren. Und das sind diejenigen, die das Schicksal des Landes in die Hände nehmen wollen. Mit einer solchen Einstellung! Wir sind den mittelmäßigen Regierungsstil leid, der nur weiterhin wie Hühner am Boden scharrt und nicht in der Lage ist, wie ein Adler die Flügel auszubreiten und sich in die Höhe zu schwingen, wie wir es gemäß der Größe unseres Landes verdienen.

Ein Freund aus München, der gut Portugiesisch versteht, war von den Beleidigungen erschüttert und sagte: “Nicht einmal zu Nazizeiten wurden Autoritäten auf diese Weise beleidigt.” Vielleicht kennt er nicht die Geschichte, die wir durchleben mussten, die Art von elitistischen Gruppen, die weiterhin dominieren, und die anmaßende Weise, wie sie sich Gehör verschaffen. Sie sind die Hauptverantwortlichen dafür, dass wir sozial, kulturell und ethisch unterentwickelt sind. Sie beschämen uns in einer Weise, die wir wirklich nicht verdienen.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack