Erneuerung unseres natürlichen Vertrages mit der Erde

Bis zum heutigen Tag bestand der Traum des Weißen Mannes aus dem Abendland darin, die Erde zu beherrschen und sich alle anderen Lebewesen zu unterwerfen, um daraus grenzenlosen Profit zu ziehen. Dieser Traum hat sich durch die Globalisierung weltweit ausgebreitet und ist nun, vierhundert Jahre später, zu einem Alptraum geworden. Die Apokalypse kann heute mehr denn je durch uns ausgelöst werden, wie der bedeutende Historiker Arnold Toynbee vor seinem Tode schrieb.

Aus diesem Grund müssen wir unsere Menschlichkeit und Zivilisation durch eine anders gelagerte Beziehung mit der Erde neu erfinden, sodass die Erde nachhaltig werden kann, d. h. damit die Bedingungen für die Aufrechterhaltung und Reproduktion erfüllt werden, um das Leben unseres Planeten zu erhalten. Dies wird nur möglich sein, wenn wir den natürlichen Vertrag mit der Erde wieder ernst nehmen und wenn wir bedenken, dass alle Lebewesen, die Träger desselben genetischen Codes sind wie wir, die große Lebensgemeinschaft auf der Erde bilden. Jedes Wesen besitzt einen intrinsischen Wert und ist daher mit Rechten ausgestattet.

Alle Verträge gehen von Gegenseitigkeit aus, von wechselseitigem Austausch und der Anerkennung der Rechte beider Parteien. Von der Erde erhalten wir alles: Leben und alles, was wir zum Leben brauchen. Im Gegenzug haben wir im Namen des natürlichen Vertrages die Pflicht zur Dankbarkeit, zur Gegenseitigkeit und Achtsamkeit, sodass die Erde ihre Lebenskraft erhalten und das tun kann, was sie schon immer für uns alle tat. Doch wir brachen diesen Vertrag vor langer Zeit.

Um diesen natürlichen Vertrag zu erneuern, müssen wir wie der Verlorene Sohn aus dem Gleichnis Jesu handeln. Wir müssen wieder zur Erde zurückkehren, zu unserem Gemeinsamen Haus, und um Vergebung bitten. Vergebung setzt einen Wandel in unserem Verhalten voraus, in Bezug auf den Respekt und die Achtsamkeit, die die Erde verdient. Die Erde ist unsere Mutter, die Pacha-Mama des Anden-Volks und die Gaia der modernen Menschen. Wenn wir diese Verbindung nicht wiederherstellen, wird es für uns schwierig werden zu überleben. Möglicherweise wird die Erde uns nicht mehr auf sich dulden wollen. Deshalb ist Nachhaltigkeit hier und jetzt so essentiell. Entweder kann diese sich durchsetzen, oder wir werden zu Zeugen einer Tragödie für das Lebenssystem und die menschliche Spezies.

Schon immer haben wir den natürlichen Vertrag gebrochen, und dennoch sendet uns Mutter Erde immer noch positive Zeichen. Trotz der Erderwärmung und des Schwindens der Artenvielfalt scheint noch immer die Sonne, singt die sabia, die brasilianische Drossel, jeden Morgen, lächeln die Blumen alle Passanten an, gleiten die Kolibris über die Knospen der Lilien, werden immer noch Kinder geboren und bestätigen uns, dass Gott noch immer an die Menschheit glaubt und dass sie eine Zukunft hat.

Die Erneuerung des natürlichen Vertrags impliziert, dass die Vision und die Werte aufrecht erhalten werden, die in der Rede des Indianerhäuptlings Seattle, dem Stammesoberhaupt der Duwamish, zum Ausdruck gebracht wurden, welche er im Jahr 1856 in Gegenwart von Isaac Stevens hielt, dem Gouverneur des Washingtoner Territoriums:

„Einer Sache sind wir gewiss: die Erde gehört nicht dem Menschen. Der Mensch gehört zur Erde. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was der Erde schadet, schadet auch den Söhnen und Töchtern von Mutter Erde. Der Mensch schuf nicht den Stoff des Lebens; er ist nur ein Faden darin. Alles, was der Mensch diesem Stoff antut, tut er sich selbst an. … Wir könnten die Absichten des Weißen Mannes verstehen, würden wir seine Träume kennen, wüssten wir von seinen Hoffnungen, die er seinen Söhnen und Töchtern in den langen Winternächten weitergibt, und welche Visionen für der Zukunft er ihnen vorstellt, sodass sie Träume für morgen daraus weben können.“

Am 22. April 2009 akzeptierte die Versammlung der Vereinten Nationen nach langen und komplizierten Verhandlungen einstimmig die Vorstellung, dass die Erde eine Mutter ist. Diese Aussage ist bedeutungsschwer. Die Erde kann als Grund und Boden abgetragen, benutzt, ge- und verkauft werden. Die Erde als Mutter kann weder ver- noch gekauft werden, sondern nur geliebt, respektiert und geachtet, so wie wie es mit Müttern zu tun pflegen. Ein solches Verhalten wird den natürlichen Vertrag bekräftigen, der für die Nachhaltigkeit unseres Planeten sorgen wird, denn es stellt die gegenseitige Beziehung wieder her.

Der Präsident Boliviens, Evo Morales Ayma, der aus einer indigenen Aymara-Familie stammt, betont immer wieder, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Rechte von Mutter Erde, der Natur und aller Lebewesen sein wird. In seinem Beitrag zur Sitzung der UN Versammlung am 22. April 2009, bei der auch ich mit einer Rede über die theoretische Begründung, warum die Erde eine Mutter ist, teilnahm, zählte er prägnant einige der Rechte von Mutter Erde auf:

– das Recht auf Erneuerung der Lebensfähigkeit von Mutter Erde,

– das Lebensrecht aller Lebewesen, insbesondere derer, die vom Aussterben bedroht sind,

– das Recht auf ein Leben in Reinheit, denn Mutter Erde hat das Recht auf ein Leben ohne Kontaminierung und Verschmutzung,

– das Recht aller Bürgerinnen und Bürger auf ein gutes Leben,

– das Recht, mit allen Dingen in Einklang und Gleichgewicht zu leben,

– das Recht auf die Verbindung mit dem Ganzen, dessen Teil wir sind.

Diese Vision ermöglicht uns, den natürlichen Vertrag mit der Erde zu erneuern, der, in Verbindung mit dem sozialen Vertrag unter ihren Bürgerinnen und Bürgern, schließlich die Nachhaltigkeit des Planeten verstärken wird.

Für die indigenen Völker ist eine solche Haltung selbstverständlich. Wir haben in dem Maß, in dem wir die Verbindung zur Natur verloren haben, ebenso das Bewusstsein für die Beziehung von Wissen und Dankbarkeit der Erde gegenüber verloren. Daher ist es so wichtig, dass wir uns intensiver mit diesen Völkern befassen und von ihnen lernen, der Erde den Respekt und die Verehrung zukommen zu lassen, die sie verdient.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Unsere falschen Vorstellungen können uns zerstören

Es lässt sich nicht leugnen, dass sich die Grundlagen, auf denen unsere Weise beruht, auf der Erde zu leben und mit ihr und den Gütern der Natur umzugehen, in einer Krise befinden. Aus unserem Sichtwinkel sind diese völlig falsch, gefährlich und bedrohen das Lebenssystem und das der Erde. Wir müssen etwas unternehmen.

Zwei Gründerväter unserer heutigen Weltsicht, René Descartes (1596-1650) und Francis Bacon (1561-1626), haben diese hauptsächlich formuliert. Für sie war Materie etwas völlig Passives und Unbewegliches. Geist konnte es ausschließlich im Menschen geben. Menschen konnten fühlen und denken, während Tiere und andere Wesen sich wie Maschinen verhielten und frei von Subjektivität oder Zweck waren.

Logischerweise führte diese Sichtweise die Menschen dazu, die Erde, die Natur und andere Lebewesen wie Dinge zu behandeln und für die Zwecke des Menschen zu nutzen. Dieses Verständnis bedeutet einen Rückfall hinter die wilde Zeit der Industrialisierung, die noch immer fortbesteht, selbst innerhalb der sogenannten fortschrittlichen Universitäten, die noch im alten Paradigma gefangen sind.

Dinge sind jedoch nicht so. Alles änderte sich, als Albert Einstein bewies, dass Materie aus einem sehr dichten Feld von Interaktionen besteht, und dass darüber hinaus Materie in Wirklichkeit nicht so existiert, wie der Begriff üblicherweise verstanden wird: Materie ist hoch verdichtete Energie. Wie ich 1967 von Werner Heisenberg, dem Mitbegründer der Quanten- und Kernphysik, im letzten Semester, das er an der Universität von München hielt, hörte, würde ein Kubikzentimeter Materie, in reine Energie verwandelt, ausreichen, um unser ganzen Sonnensystem aus dem Lot zu bringen.

Im Jahr 1924 entdeckte Edwin Hubble (1889-1953) mit seinem Teleskop auf dem Mount Wilson in Südkalifornien, dass nicht nur die Milchstraße, unsere Galaxie, existiert, sondern dass es Hunderte davon gibt (inzwischen wissen wir, dass es 100 Milliarden Galaxien gibt). Hubble bemerkte, dass sich kurioserweise die Galaxien ausdehnen und in unvorstellbaren Geschwindigkeiten voneinander entfernen. Diese Entdeckung führte Wissenschaftler zu der Annahme, dass das beobachtbare Universum viel kleiner gewesen sein muss, ein winziger Punkt, der sich dann ausdehnte und explodierte und so das sich ausdehnende Universum hervorbrachte. Ein sehr kleines Echo dieser Explosion kann immer noch wahrgenommen werden, das uns ermöglicht, dieses Ereignis auf einen Zeitpunkt von vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren zu datieren.

Einen der wichtigsten Beiträge zur Entkräftung der alten Sichtweise über Erde und Natur haben wir Ilya Prigogine (1917-2003) zu verdanken, dem russisch-belgischen Nobelpreisträger für Chemie. Er kam von der Vorstellung ab, Materie sei unbeweglich und passiv, und bewies durch Experimente, dass sich chemische Elemente unter gewissen Bedingungen in komplexe Modelle anordnen können, die der Koordinierung von Milliarden von Molekülen bedarf. Diese Moleküle brauchen weder eine Anleitung, noch beeinflussen Menschen ihre Anordnung. Bei ihrer Aktion folgen sie nicht einmal genetischen Codes. Der Dynamismus ihrer Selbst-Organisation liegt in ihnen selbst, ebenso wie der des Universums, und bestimmt alle Interaktionen.

Das Universum beinhaltet eine selbst-erschaffende und selbst-organisierende Dynamik, die Galaxien, Sternen und Planeten ihre Struktur gibt. Hin und wieder tauchen, ausgehend von der Hintergrund-Energie, neue Komplexitäten auf, die beispielsweise der Grund sein können für die Entstehung des Lebens, des Bewusstseins und des menschlichen Lebens.

Diese kosmische Dynamik besitzt ihren eigenen Zeitplan: die Zeit für die Galaxien, für die Sterne, für die Erde, für die verschiedenen Ökosysteme, wie sie sich mit ihren je eigenen Zeitplänen zeigen, für die Blumen, für die Schmetterlinge etc. Vor allem lebendige Organismen besitzen ihre eigene biologische Uhr, eine für die Mikro-Organismen, eine andere für die Wälder und die Urwälder, eine für die Tiere, eine für die Ozeane und eine andere für jeden Menschen.

Was haben wir getan, das diese gegenwärtige Krise auslöste?

Wir führten eine mechanische Zeit ein, die in jeder Uhr dieselbe ist. Mechanische Zeit steuert das Leben und alle Produktionsprozesse, ohne Rücksicht auf andere Zeitabläufe. Sie unterwirft den Zeitplan der Natur der technologischen Zeit. Ein Baum beispielsweise, der 40 Jahre benötigt, um zu wachsen, kann von einer Kettensäge innerhalb von zwei Minuten gefällt werden. Wir haben keinen Respekt vor dem Zeitplan der Dinge. Auf diese Weise lassen wir ihnen nicht die Zeit zu regenerieren, nachdem wir sie zerstört haben: Wie kontaminieren den Wind, vergiften den Boden und stopfen unsere Nahrung mit Chemikalien voll. Die Maschine ist wertvoller geworden als der Mensch.

Indem wir uns, biblisch gesprochen, keinen Sabbat einräumen, durch den die Erde zur Ruhe käme, entkräften wir sie, verstümmeln sie und lassen sie in einem fast todkranken Zustand zurück und zerstören damit die Grundlagen, die wir für unser eigenes Überleben benötigen.

Zurzeit erleben wir, wie die Erde sich ihres kranken Zustandes bewusst wird. Die Erderwärmung zeigt an, dass sie in eine neue Zeitepoche tritt. Wenn wir sie weiterhin misshandeln und ihr nicht helfen, in dieser neuen Zeit ein Gleichgewicht zu finden, können wir die Jahrzehnte zählen, die uns für die komplette Verwüstung noch bleiben. Und all dies aufgrund der unbewussten Irrtümer, die vor Jahrhunderten formuliert wurden und die wir nicht korrigierten, sondern an denen wir störrisch festhielten.

Mit Mark Hathaway schrieb ich das Buch „The Tao of Liberation“ (Das Tao der Befreiung), das in den Vereinigten Staaten mit einer Goldmedaille für Wissenschaft und Kosmologie ausgezeichnet wurde.

übersetzt von Bettina Gold-Harknack

 

Der Mensch: der bewusste und intelligente Aspekt der Erde

Der mit Bewusstsein ausgestattete Mensch sollte nicht als außerhalb des Evolutionsprozesses stehend betrachtet werden. Der Mensch repräsentiert ein sehr spezifisches Moment in der Komplexität der Energien, Informationen und der Materie von Mutter Erde. Kosmologen lehren uns, dass zu dem Zeitpunkt, als ein gewisser Level an Verbindungen erreicht war, an dem eine Spezies von gleichklingenden Vibrationen kreiert worden war, die Erde das Bewusstsein erwachen ließ und damit Intelligenz, Einfühlungsvermögen und Liebe.

Der Mensch ist der Teil von Mutter Erde, der zu einem fortgeschrittenen Moment ihrer Evolution zu fühlen begann, zu denken, achtsam zu sein und zur Verehrung fähig wurde. Dann erblickte das komplexeste Wesen, das wir kennen, das Licht der Welt: der Homo sapiens sapiens. Daher leitet sich, dem antiken Mythos der Achtsamkeit zufolge, der Begriff Homo (Mensch) von Humus (fruchtbare Erde) ab, und Adam (Sohn und Tochter der Erde) stammt vom hebräischen adamah (fruchtbare Erde).

Mit anderen Worten stehen wir weder außerhalb noch oberhalb der lebendigen Erde. Wir sind Teil der Erde, gemeinsam mit den anderen Wesen, die sie ebenfalls hervorbrachte. Wir können nicht ohne die Erde überleben, doch die Erde könnte ihren Weg ohne uns fortsetzen.

Da wir mit Bewusstsein und Intelligenz ausgestattet sind, sind wir Wesen mit einer besonderen Eigenschaft: Wir wurden beauftragt, Sorge für unser Gemeinsames Haus zu tragen und es zu bewahren. Und darüber hinaus: Wir sind mit dem Leben beschenkt und können den natürlichen Vertrag zwischen Erde und Menschheit ständig erneuern, denn seine Erfüllung wird die Nachhaltigkeit des Ganzen gewährleisten.

Diese Gegenseitigkeit Erde-Menschheit lässt sich besser absichern, wenn wir die instrumentell-analytische intellektuelle Vernunft mit der einfühlsamen Vernunft des Herzens verbinden. Dann gelingt es uns noch besser zu verstehen, dass wir Lebewesen sind, die mit Zuneigung ausgestattet sind, und dass wir in der Lage sind zu fühlen und Zuneigung zu schenken und zu empfangen. Diese Dimension ist Jahrmillionen alt, seit das Leben vor ca. 3,8 Milliarden Jahren entstand. Aus ihr entstanden die Leidenschaften, Träume und Utopien, die Menschen in Bewegung versetzen. Diese Dimension, die auch als emotionale Intelligenz bezeichnet wird, wurde in der letzten Zeit unterschätzt, auch im Namen der angeblichen Objektivität der rationalen Analyse. Inzwischen wissen wir aber, dass alle Vorstellungen, Ideen und Visionen der Welt von Anfang an durchdrungen waren von Zuneigung und Sensibilität (Michael Maffesoli, Elogio da razão sensível, Petrópolis 1998).

Die bewusste und notwendige Vereinigung der emotionalen Intelligenz mit der intellektuellen Vernunft wird uns noch mehr dazu verhelfen, für Mutter Erde und ihre Geschöpfe zu sorgen und sie zu respektieren.

Mit dieser intellektuellen und emotionalen Intelligenz besitzt der Mensch auch eine spirituelle Intelligenz. Spirituelle Intelligenz ist nicht nur dem Menschen eigen; namhaften Kosmologen zufolge ist sie eine der Dimensionen des Universums. Geist und Bewusstsein haben ihren Platz inmitten des kosmischen Prozesses. Wir können sagen, dass sie zuerst im Universum auftauchte und erst später auf der Erde und im Menschen. Der Unterschied zwischen dem Geist der Erde und des Universums und unsrem eigenen Geist beruht nicht auf einer unterschiedlichen Herkunft, sondern auf einer unterschiedlichen Ausprägung.

Der Geist war aktiv vom allerersten Augenblick nach dem Urknall. Es ist dies die Fähigkeit des Universums, eine sinfonische Einheit aller Beziehungen und Interdependenzen herzustellen. Seine Aufgabe besteht darin, das zu verwirklichen, was manche Quantenphysiker (Zohar, Swimme u. a.) als Relational Holism bezeichnen: alle Faktoren miteinander zu verbinden und alle Energien zu bündeln, alle Informationen zu koordinieren und alle Impulse nach vorn und nach oben zu bringen, sodass sich ein Ganzes bildet und der Kosmos tatsächlich als ein Kosmos (etwas Geordnetes) entsteht und nicht einfach als ein Nebeneinander von Lebewesen oder ein Chaos.

In diesem Sinne sprechen nicht wenige Wissenschaftler (A. Goswami, D. Bohm, B. Swimme u. a.) von einem selbst-bewussten Universum und von einem Zweck, der verfolgt wird, indem die gebündelten Energien in Aktion treten. Diese Bewegungslinie lässt sich nicht leugnen: von den ersten Energien hin zur Materie, von der Materie zur Komplexität, von der Komplexität zum Leben, vom Leben zum Bewusstsein, das in uns Menschen als individuelle Selbst-Wahrnehmung verwirklicht ist, und von der Selbst-Wahrnehmung gehen wir zur Noosphäre (Teilhard de Chardin), die uns spüren lässt, dass wir alle mit einem kollektiven Geist beseelt sind.

Alle Wesen haben auf der einen oder anderen Weise an diesem Geist teil, ganz gleich wie “unbeweglich“ sie uns erscheinen, wie z. B. ein Berg oder ein Stein. Auch sie sind in einem unbegrenzten Netzwerk von Beziehungen involviert, in dem sich der Geist manifestiert. Wir könnten es in folgende Formel fassen: Der Geist in uns ist das Moment des Bewusstseins, an dem das Bewusstsein seiner selbst gewahr wird, sich als Teil eines größeren Ganzen empfindet und eine Verbindung spürt, die alle Wesen miteinander vereint und in der Existenz eines Kosmos resultiert, nicht in einem Chaos.

Dieses Verständnis erweckt in uns ein Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Ganzen, der Verwandtschaft mit unseren Mitgeschöpfen, der Anerkennung seines inneren Wertes durch dessen bloße Existenz und zum Gefühl, etwas vom Mysterium des Universums aufgedeckt zu haben.

Wenn wir von Nachhaltigkeit in ihrer globaleren Bedeutung sprechen, müssen wir dieses Moment der kosmischen, irdischen und menschlichen Spiritualität einbeziehen, damit die Nachhaltigkeit vollständig und ganzheitlich sein kann und um ihre unterstützende Kraft zu stärken.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Mann und Frau: kreative neue Beziehungen

Kreativität ist die Dynamik des Universums. Dessen Naturzustand ist nicht die Stabilität, sondern kreative Veränderung. Alles ist das Ergebnis natürlicher oder menschlicher Schöpfung. Die Erde ist das Ergebnis einer mysteriösen Schöpfungsenergie voller Sinnhaftigkeit. Eines Tages „entschied“ sich ein Fisch in einem kreativen Akt dazu, das Wasser zu verlassen und den festen Boden zu erkunden. Aus diesem kreativen Akt entsprangen die Amphibien, dann die Reptilien, gefolgt von den Dinosauriern und schließlich den Säugetieren, einschließlich uns.

Wären wir nicht kreativ gewesen, so wären wir nie dahin gekommen, wo wir heute sind. Wir wollen die Mann-Frau-Beziehung betrachten, die eine zentrale Stelle in der aktuellen Diskussion der Katholischen Kirche einnimmt. Wie wir wissen, war vor zehn tausend Jahren das Patriarchat bestimmend. Das Patriarchat stellte für alle Frauen einen leidvollen Kreuzweg dar. Doch was im Lauf der Geschichte entstand, kann auch im weiteren Verlauf der Zeit wieder abgeschafft werden. Dies ist die Hoffnung, die den Kämpfen der unterdrückten Frauen und deren männlichen Mitstreitern zugrunde liegt, die Hoffnung auf ein neues Zivilisationsniveau, das nicht mehr von Geschlechterherrschaft stigmatisiert ist.

Männer und Frauen sind jetzt mehr denn je nicht durch ihr biologisches Geschlecht oder durch kulturelle Faktoren definiert, sondern durch die Tatsache, dass sie Personen sind. Unter Person verstehen wir hier alle, die sich als Besitzer ihrer selbst ansehen und die Freiheit ausüben, ihr eigenes Leben zu definieren und zu führen. Die Fähigkeit der Selbsterschaffung (autopoiesis) in Freiheit ist die höchste Würde des menschlichen Wesens und sollte niemandem verwehrt werden.

Neben der Anerkennung der Person als eine Person sind die Werte wie Kooperation und Demokratie als universelle Werte entscheidend, und zwar im Sinne der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, von dem Frauen in der Vergangenheit ausgeschlossen waren.

Die Abwesenheit der Frauen trug in der Vergangenheit dazu bei, ihre Beherrschung und Unterordnung zu errichten. Heutzutage entstehen durch die Zusammenarbeit von Mann und Frau in einer Ethik der Solidarität und der gegenseitigen Achtung inklusive und auf Gleichberechtigung beruhende Partnerschaften.

Kooperation beinhaltet gegenseitiges Vertrauen und Respekt in einer Umgebung, in der das Zusammenleben auf Liebe gründet, auf Nähe und offenen Dialog, wie Papst Franziskus betonte und uns vormacht.

Der bekannte chilenische Biologe Humberto Maturana drückte dies so aus: Die Dauerhaftigkeit des Patriarchats repräsentiert einen Versuch, zu einem vor-menschlichen Niveau zurückzukehren, das uns auf das zwar soziale, jedoch herrische Niveau der Schimpansen zurückwerfen würde.

Aus diesem Grund geht es bei der Bekämpfung des Patriarchats um den Kampf, unser wahres Menschsein zu retten. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit weniger Geld als Männer, einfach weil sie Frauen sind. Und mehr als die Hälfte der Menschheit besteht aus Frauen.

Partizipatorische und uneingeschränkte Demokratie bedeutet im Grunde genommen Teilnahme, ein Sinn für Rechte und Pflichten und für gemeinsame Verantwortung. Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern auch ein Wert, der immer und überall gelebt werden muss, wo es Menschen gibt. Diese Demokratie ist nicht auf Menschen beschränkt, sondern ist offen für andere Lebewesen der großen Lebensgemeinschaft, denn sie erkennt deren Rechte und Würde an. Ganzheitliche Demokratie besitzt damit einen sozio-kosmischen Wesenszug.

Die Überwindung des überkommenen Geschlechterkampfes und einer die Frauen unterdrückenden Politik wird in dem Maße erfolgreich sein wie die tatsächliche und tägliche Demokratie eingeführt und praktiziert wird. In diesem Sinne formulierte die berühmte feministische Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941): „Als Frau habe ich kein Vaterland, als Frau möchte ich kein Vaterland, als Frau ist die ganze Welt mein Vaterland.“

Der Kampf gegen das Patriarchat geht von einer Neuerschaffung des Mannes aus. In der Erfüllung dieser Aufgabe kommt der Mann nicht voran, wenn er auf sich allein gestellt ist. Daher braucht er die Frau an seiner Seite. Sie kann im Mann die weibliche Seite zum Vorschein bringen, die sich unter Jahrhunderte alten Schichten verbirgt, und kann so zur Geburtshelferin werden für eine neue menschlichere Beziehung.

Die erste Aufgabe besteht darin, die Bande gegenseitiger Interaktion und gleichberechtigter Kooperation zwischen Männern und Frauen enger zu knüpfen. Hier bedarf es eines pädagogischen Prozesses nach den Richtlinien von Paulo Freire: Niemand befreit jemand anderen, doch gemeinsam können Männer und Frauen einander befreien in einem gemeinsamen Prozess kreativer Freiheit.

In diesem neuen Kontext müssen diejenigen Werte weiblicher Sozialisierung, die als überliefert und angemessen gelten, wieder aufgegriffen werden, heute allerdings müssen die Männern geradezu auf sie gestoßen werden, und gemeinsam mit den Frauen müssen sie versuchen, diese Werte zu leben. Es geht um ein humanistisches Ideal sowohl für Männer als auch für Frauen. Ich erlaube mir, einige davon aufzugreifen:

– Personen sind wichtiger als Dinge. Jeder Person verdient es, human und respektvoll behandelt zu werden

– Gewalt als Mittel zur Problemlösung ist niemals akzeptabel.

– Anstatt Menschen auszubeuten, sollte man ihnen lieber helfen und den Armen, Ausgeschlossenen und den Kindern besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen.

– Kooperation, Gemeinschaft und Teilen sind Wettbewerb, Selbstdarstellung und Konflikten vorzuziehen.

– Bei Entscheidungen, die alle betreffen, hat jede Person ein Recht auf Mitsprache und auf Teilnahme an der Ausarbeitung der gemeinsamen Entscheidung.

– Die tiefste Überzeugung, dass sich die Wahrheit auf der Seite der Gerechtigkeit, Solidarität und Liebe befindet, und dass sich Beherrschung, Ausbeutung und Unterdrückung auf der falschen Seite befinden.

Diese Werte, die man in der Vergangenheit für weibliche Werte hielt, wurden durch die patriarchalische Mentalität manipuliert, um die Frauen unterzuordnen und unterwürfig zu machen. Heutzutage, da sich das Antlitz der Welt und der Gesellschaft verändert, können diese Werte unsere Rettung sein. Aus diesem Grund müssen Männer und Frauen in ihrer Beziehung kreativ werden, denn so humanisieren sie sich selbst.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack