“Schönheit wird die Welt retten” – Dostojewski sagt uns, wie das geht

Von den Griechen lernten wir, was durch die Jahrhunderte hinweg weitergegeben wurde, dass alle Lebewesen, wie unterschiedlich sie auch sein mögen, drei gemeinsame transzendente Eigenschaften besitzen (unabhängig von Situation, Ort und Zeit): unum, verum und bonum, d. h. jedes Wesen erfreut sich einer inneren Einheit, die seine Existenz bewahrt; es ist wahrhaft, denn es zeigt sich in der Wirklichkeit so, wie es ist; und es ist gut, denn es ist gut auf seine Rolle an der Seite anderer Lebewesen zugeschnitten, denen es hilft zu existieren und zu koexistieren.

Die mittelalterlichen franziskanischen Meister, wie Alexander von Hales und insbesondere der Hl. Bonaventura, schrieben dem Lebewesen, in Weiterführung der Tradition des Dionysius Aeropagita und des Hl. Augustinus, eine weitere transzendente Eigenschaft zu: pulchrum, d. h. Schönheit. Der Hl. Franziskus, ein Poet und Ästhet von außerordentlicher Fähigkeit, der „in der Schönheit der Geschöpfe den Allerschönsten erkannte“, bereicherte unser Verständnis vom Lebewesen durch die Dimension der Schönheit, was gewiss auf seiner persönlichen Erfahrung beruhte. Alle Wesen, selbst diejenigen, die abstoßend auf uns wirken, zeigen, wenn wir sie mit Zuneigung betrachten, in ihren Details und im Ganzen, jedes auf seine eigene Weise, eine einzigartige Schönheit, und wenn nicht in ihrer Form, so doch in der Art und Weise wie das Ganze durch erstaunliches Gleichgewicht und Harmonie zum Ausdruck gebracht wird.

Einer der größten Schönheits-Experten war Fjodor Dostojewski. Schönheit war in seinem Leben etwas so Zentrales, wir der Benediktinermönch und große Spirituelle, Anselm Grün, uns in seinem letzten Buch („Schönheit – Eine neue Spiritualität der Lebensfreude“, Vier- Türme Verlag, 2014) lehrt, dass sich der große russische Schriftsteller jedes Jahr nach Dresden begab, um Raphaels wunderschöne Sixtinische Madonna zu betrachten. Vor diesem großartigen Werk verweilte er lange Zeit. Dies ist erstaunlich, denn seine Romane spielen in den düstersten und perversesten Bereichen der menschlichen Seele. Was ihn aber tatsächlich antrieb, war die Suche nach Schönheit. Seinem Roman „Der Idiot“ verdanken wir den berühmten Satz: „Schönheit wird die Welt retten.“

In “Die Brüder Karamasow” vertieft Dostojewski diese Frage. Ippolit, ein Atheist, fragt Prinz Mischkin: „Wie könnte Schönheit die Welt retten?“ Der Prinz sagt nichts darauf, sondern geht zu einem 18-jährigen jungen Mann, der ein qualvolles Leben führt. Erfüllt von Mitgefühl und Liebe bleibt er bei ihm, bis der junge Mann stirbt. Damit wollte der Prinz zum Ausdruck bringen, dass Schönheit uns zur Liebe führt, wenn wir den Schmerz unserer Mitmenschen teilen; die Welt wäre jetzt und für immer gerettet, wenn diese Geste gelebt würde. Wie sehr vermissen wir sie heutzutage!

Das Betrachten von Raphaels Madonna war Dostojewskis persönliche Therapie. Hätte er dies nicht getan, so wäre er angesichts all der Probleme, die er sah, an der Menschheit und sich selbst verzweifelt. In seinen Werken beschrieb er böse und zerstörerische Menschen sowie solche, die kurz vor der Verzweiflung standen. Doch seiner Sichtweise, nach der Liebe damit einhergeht, die Schmerzen anderer zu teilen, gelang es, die Schönheit in der Seele der perversesten Personen zu sehen. Für Dostojewski bestand das Gegenteil von Schönheit nicht in Hässlichkeit, sondern im Utilitarismus, der Haltung, andere zu benutzen und sie dabei ihrer Würde zu berauben.

“Gewiss können wir nicht ohne Brot leben, aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit zu leben“, wiederholte Dostojewski immer wieder. Schönheit ist mehr als Ästhetik, sie hat eine ethische und religiöse Dimension inne. Er sah in Jesus jemanden, der Schönheit zeigte. „Er war ein Beispiel für Schönheit und Er pflanzte sie in die Seele der Menschen, sodass sie alle durch Schönheit einander Brüder würden.“ Dostojewski meint hier nicht die Nächstenliebe. Im Gegenteil: Es ist die Schönheit, die die Liebe hervorruft und uns den anderen als liebenswert erscheinen lässt.

Unsere vom Markt regierte Kultur sieht Schönheit als eine körperliche Konstruktion, nicht als das Ganze einer Person. Demnach scheinen Schönheitsoperationen, Botox und andere Methoden Menschen „schöner“ zu machen. Als eine künstliche Schönheit besitzt sie jedoch keine Seele. Und bei näherem Betrachten resultiert diese fabrizierte Schönheit in einer kalten Schönheit mit einer Aura von Künstlichkeit, die weder strahlt noch leuchtet. Dies erinnert eher an Eitelkeit, nicht an Liebe, denn Schönheit hat mit Liebe und Kommunikation zu tun. In den „Brüdern Karamasow“ beobachtet Dostojewski, dass ein Gesicht schön ist, wenn man in ihm sieht, wie Gott und der Teufel über Gut und Böse streiten. Lässt sich dabei erkennen, dass das Gute den Sieg davonträgt, entsteht ein Ausdruck von zarter, natürlicher und strahlender Schönheit. Welche Schönheit ist besser: die des kalten Gesichts eines Topmodels oder das faltige und strahlende Gesicht von Schwester Dulce aus Salvador de Bahia oder von Mutter Teresa aus Kalkutta? Schönheit ist das Strahlen des Wesens. In diesen beiden Schwestern ist dieses Strahlen deutlich erkennbar, in den Topmodels ist es kraftlos.

Papst Franziskus hat der Weitergabe des christlichen Glaubens durch die via pulchritudinis (den Weg der Schönheit) besondere Wichtigkeit verliehen. Es reicht nicht, dass die Botschaft gut und gerecht ist. Sie muss schön sein, denn nur so kann sie das Herz der Menschen erreichen und die Liebe hervorrufen, die Anziehung ausübt (Apostolisches Schreiben „Freude des Evangeliums“, Nr. 167). Der Kirche geht es nicht um Proselytenmacherei, sondern um die Anziehungskraft, welche von Schönheit und Liebe herrührt, deren Gemeinsamkeit die Herrlichkeit ist.

Schönheit hat einen Sinn in sich selbst. Sie ist nicht funktionell. Sie ist wie die Blume, die blüht, um zu blühen. Es spielt keine Rolle, ob sie gesehen wird oder nicht, wie der Mystiker Angelus Silesius sagt. Doch wer ist nicht fasziniert von einer Blume, die unentgeltlich ins Universum lächelt? Also müssen wir Schönheit leben inmitten einer Welt von Zinsen, Tausch und Handel. Dann verwirklicht die Schönheit die Bedeutung ihrer Herkunft aus dem Sanskrit, Bet-El-Za, das bedeutet „der Ort, an dem Gott scheint“. Er scheint überall und lässt auch uns mit dem Schönen scheinen.

 

Wir erleben eine Wiederkehr der Zeiten Noahs

Wir erleben eine Wiederkehr der Zeiten Noahs. Als der gealterte Noah fühlte, dass die Flut nahte, forderte er die Menschen auf, ihr Leben zu ändern. Doch niemand wollte auf ihn hören. Im Gegenteil, „die Menschen aßen und tranken und heirateten bis zu dem Tag, an dem die Flut kam und alle vernichtete“ (Lk 17,27; Gen 6-9).

Die 2000 Wissenschaftler des IPCC, die über das Klima der Erde forschen, sind unsere heutigen Noahs. Ihr dritter und letzter Bericht vom 13.04.2014 beinhaltet eine sehr ernste Warnung: Wir haben nur 15 Jahre, um das Klima der Erde vor einem Temperaturanstieg von mehr als 2 Grad zu bewahren. Wenn wir dies überschreiten, werden wir etwas Ähnliches erleben wie die Flut. Keiner der 196 Staatsoberhäupter hat sich dazu geäußert. Die meisten beuten weiterhin die natürlichen Ressourcen aus, betreiben weiterhin Business-as-usual, spekulieren und konsumieren pausenlos, genau wie zu Noahs Zeiten.

Ich erkenne drei schwerwiegende Fälle von Unverantwortlichkeit: die träge Gleichgültigkeit im Allgemeinen und im Besonderen des nordamerikanischen Kongresses, der jegliche Maßnahmen gegen die Erderwärmung ablehnte; das offensichtlich krankhafte Bestreben der Mehrheit der Staatsoberhäupter; der Mangel an Einfallsreichtum, um eine Art möglicher Rettungsarche zu errichten. Wie ein Verrückter inmitten einer Gesellschaft von „Weisen“ wage ich, einige Initiativen vorzuschlagen. Wenn sie ein Verdienst haben, dann dieses, auf ein neues Zivilisations-Paradigma hinzuweisen, das dazu beitragen könnte, den Lauf der Geschichte zu ändern. Hier sind sie:

1. Die dominante instrumentell-analytisch-wissenschaftliche Vernunft durch emotionale Vernunft oder Vernunft des Herzens zu ergänzen. Ansonsten werden wir sowohl ungerührt bleiben angesichts der Naturzerstörung, noch uns für ihre Rettung und Bewahrung engagieren.

2. Uns vom vereinfachten Verständnis der Erde als einem Warenhaus an Ressourcen zu verabschieden zugunsten einer Vision der lebendigen Erde als ein lebendiger, sich selbst regulierender Superorganismus namens Gaia.

3. Verstehen, dass wir als Menschen Teil der fühlenden, denkenden und liebenden Erde sind, und dass unser Auftrag darin besteht, für die Natur zu sorgen.

4. Vom noch geläufigen Paradigma der Domination und Eroberung voranschreiten hin zu dem der Achtsamkeit und der Verantwortlichkeit.

5. Verstehen, dass Nachhaltigkeit nur dann gewährleistet werden kann, wenn wir die Rechte von Natur und Mutter Erde achten.

6. Einen natürlichen Vertrag mit der Erde formulieren, der die bisher fehlende Reziprozität mit dem sozialen Vertrag zur Voraussetzung hat, welche die aktuell ungenügende Kooperation und Inklusion aller einfordert.

7. Es gibt kein medio ambiente, keine halbe Umwelt, sondern nur eine ganze Umwelt. Die Lebensgemeinschaft besteht aus allem, was existiert, was denselben genetischen Code besitzt, der eine Verwandtschaft aller mit allen begründet.

8. Der Besessenheit vom Wirtschaftswachstum ein Ende zu bereiten zugunsten einer Umverteilung des angehäuften Reichtums.

9. Jegliche Produktion sollte der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse gelten, doch stets innerhalb der Grenzen der Erde und des jeweiligen Ökosystems.

10. Die räuberische Produktivität und das unbegrenzte Konkurrenzdenken zu beschränken zugunsten von Kooperation und Solidarität, denn wir hängen alle voneinander ab.

11. Individualismus zu überwinden zugunsten gegenseitiger Kooperation, denn darin besteht die höchste Logik des Evolutionsprozesses.

12. Das Gemeinwohl von Mensch und Natur muss Vorrang haben vor dem individuellen Wohl und dem der Konzerne.

13. Eine Wegbewegung von der Ethik des Utilitarismus und der Effizienz hin zur Ethik der Achtsamkeit und der Verantwortlichkeit.

14. Den individualistischen Konsum aufzugeben zugunsten einer gemeinsamen Bescheidenheit. Was wir zu viel haben, ist das, was anderen fehlt.

15. Sich abzuwenden von der Maximierung des Wachstums und hinzuwenden zur Optimierung des Reichtums, beginnend bei den Bedürftigsten.

16. Anstelle von ständiger Modernisierung, jegliches Wissen und Produktionsprozesse zu ökologisieren, danach zu streben, die Naturgüter zu schützen und Natur und Erde eine Ruhepause zu gönnen.

17. Die anthropozentrische Ära, in der der Mensch eine geophysikalische Zerstörungsgewalt darstellt, durch eine ökozoische Ära ersetzen, die ökologisiert und alle Wesen im irdischen und kosmischen System einbezieht.

18. Das unbegrenzte humane/spirituelle Kapital höher wertzuschätzen als das begrenzte materielle Kapital, denn Ersteres beinhaltet Kriterien für verantwortliches Eingreifen in die Natur und nährt ständig die humanen/spirituellen Werte der Solidarität, Achtsamkeit, Liebe und Mitgefühl, den Grundlagen einer Gesellschaft der Gerechtigkeit, Gleichheit und des Respekts gegenüber der Natur.

19. Bekämpfung von Enttäuschung und Depression, hervorgerufen durch unerfüllte Versprechen allgemeinen Wohlstands von Seiten der Kultur des Kapitalismus, durch Nähren des Prinzips Hoffnung, der Quelle kreativer Phantasie, neuer Ideen und lebbarer Utopien.

20. Daran zu glauben und zu bezeugen, dass am Ende Gott über das Böse triumphieren wird, Wahrheit über die Lüge und Liebe über Gleichgültigkeit. Ein Lichtstrahl wird die Weiten der Dunkelheit überwinden.

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Können wir inmitten von Angst und Schrecken unserer Tage noch lächeln?

In meinem langen theologischen Werdegang standen für mich von Anfang an, d. h. seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, stets zwei Themen im Mittelpunkt, denn sie repräsentieren einzigartige Vorstellungen, die nur dem Christentum eigen sind: die Auffassung von Gott als einer gemeinschaftlichen Struktur (Trinität) und die Vorstellung der Auferstehung vom Tode. Ließen wir diese beiden Themen außer Acht, würde sich quasi nichts am traditionellen Christentum ändern. Dieses predigt vor allem den Monotheismus (ein einziger Gott) wie im Judentum oder im Islam. Und anstelle der Auferstehung bevorzugt es die platonische Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele. Dies ist ein bedauernswerter Verlust, denn damit hören wir auf, etwas Besonderes zu bekennen, ich würde sogar fast sagen, etwas exklusiv Christliches, das voller Freude und Hoffnung ist und einen innovativen Sinn für die Zukunft besitzt.

Gott ist nicht die Einsamkeit des Einen, der Schrecken von Philosophen und Theologen. Er ist vielmehr die Gemeinschaft dreier Einziger, die, da sie einzigartig sind, nicht Zahlen sind, sondern eine dynamische Bewegung von Beziehungen zwischen Verschiedenen, wie auch ewigen und unendlichen Beziehungen. Diese sind so intim und ineinander verwoben, dass sie die Existenz von drei Göttern ausschließen, vielmehr handelt es sich um eine einzige Gott-Liebe-Gemeinschaft, die sich miteinander in Kommunikation befindet. Unser Monotheismus ist trinitarisch, nicht aber a-trinitarisch oder prä-trinitarisch. Darin unterscheiden wir uns von den jüdischen, moslemischen und anderen monotheistischen Traditionen.

Wenn wir sagen, dass Gott Beziehung und Gemeinschaft grenzenloser Liebe ist und dass alle Dinge von Gott kommen, können wir verstehen, was die Quantenphysik seit fast einem Jahrhundert sagt : Alles im Universum ist Beziehung, das Verflochtensein von allem mit allem, ein kompliziertes Netzwerk aus Verbindungen, das das einzigartige und einzige Universum bildet. Die Schöpfung ist eigentlich das Bild und Gleichnis des Schöpfers, eine Quelle unendlicher Wechselbeziehungen zwischen Verschiedenen, die als Vater, Sohn und Heiliger Geist bezeichnet werden. Diese Vorstellung nimmt jeglichem Zentralismus, jeglicher Monarchie, Autoritarismus und Patriarchien die Grundlage, welche in einem einzigen Gott und einzigen Herrn ihre Rechtfertigung fanden, wie manche kritische Theologen bereits beobachteten. Gott hingegen, der als Gemeinschaft existiert, leistet jeder Art von Gemeinschaftsgeist, Teilhabe und Demokratie metaphysische Unterstützung.

Da aber die Pfarrer sich in der Regel nicht an die Dreifaltigkeit wenden, sondern nur an Gott (den einen und einsamen), geht eine Quelle an Kritikfähigkeit, Kreativität und sozialen Wandels in der Entwicklung der Demokratie sowie an einer offenen und unbegrenzten Teilnahme verloren.

Ähnliches geschieht mit dem Thema der Auferstehung. Diese konstituiert einen zentralen Kern des Christentums, seinen Point d’Honneur. Sie war es, die die Gemeinschaft der Jünger nach Jesu Hinrichtung am Kreuz (alle hatten sich verzweifelt zurückgezogen) wiederherstellte. Sie war das Zeugnis der Frauen, die sagten, dass « Jesus, der tot und begraben war, lebt und auferstanden ist ». Die Auferstehung ist nicht eine Art von Wiederbelebung eines Körpers wie im Fall von Lazarus, der schließlich wie jeder andere auch starb, sondern eine Offenbarung des Neuen Adam in der freudevollen Ausdrucksweise des Paulus: das Auftreten des endgültigen Adams, des neuen Menschen, gleich der Ankündigung eines guten Endes des ganzen Prozess der Anthropogenese und der Kosmogenese. Folglich eine Revolution in der Evolution.

Das frühe Christentum lebte aus diesem Glauben an die Auferstehung, wie es bei Paulus zusammengefasst ist: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1Kor 15,14). In diesem Fall sollte man sich besser sagen: „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ (1 Kor 15,33). Doch wenn Jesus auferstanden ist, ändert dies alles. Wir werden auch auferstehen, denn er ist der Erste unter vielen Brüdern und Schwestern, „der Erste der Entschlafenen“ (1Kor 15,20). In anderen Worten, und dies ist eine gute Antwort für all diejenigen, die sagen, wir wären todgeweiht: Wir werden zwar sterben, das stimmt, aber wir sterben, um auferweckt zu werden, um einen Sprung in Richtung Ziel der Evolution zu machen, und um dies hier und jetzt in unserer Zeitlichkeit vorwegzunehmen.

Ich kenne keine Botschaft, die ermutigender wäre als diese. Die Christen sollen sie verkünden und überall leben. Doch sie beachten sie nicht und belassen es bei der platonischen Verkündigung der Unsterblichkeit der Seele. Andere, wie Nietzsche bereits mit Ironie bemerkte, sind traurig und schweigen, als gäbe es weder Erlösung noch Auferstehung. Papst Franziskus nennt sie „ die Christen der Fastenzeit ohne Auferstehung“, mit „Beerdigungsminen“, sie sind so traurig, dass sie aussehen, als gingen sie zu ihrer eigenen Beerdigung.

Wenn jemand stirbt, so erlebt diese Person das Ende der Welt. In diesem Moment, dem Augenblick des Todes, geschieht Auferstehung: Durch sie bricht eine zeitlose Zeit an, die selige Ewigkeit.

In einer Zeit wie der unseren, der eines allgemeinen Zerfalls sozialer Beziehungen und der drohenden Zerstörung des Lebens in seinen unterschiedlichen Formen und selbst der Gefahr des Aussterbens unserer menschlichen Spezies, lohnt es sich, auf diese zwei Erkenntnisse zu wetten: dass Gott Gemeinschaft Dreier ist, die Beziehung der Liebe sind, und dass das Leben nicht dem persönlichen und allgemeinen Tod geweiht ist, sondern zu noch mehr Leben berufen ist. Die Christen deuten auf ein Zeichen der Vorwegnahme dieser Wette: den Gekreuzigten, der verklärt wurde. Er behält die Zeichen seines schmerzhaften Wegs unter uns, die Foltermale und die der Kreuzigung, doch nun, da er verklärt ist, sind die verborgenen Potenziale des Menschen in ihm vollständig verwirklicht. Aus diesem Grund verkünden wir ihn als den Neuen Menschen unter uns.

Ostern feiert nichts anderes als diese glückliche Realität, die uns die Fähigkeit des Lächelns zurückgibt und uns hilft, ohne Angst und Pessimismus in die Zukunft zu blicken.

Siehe auch: Leonardo Boff: Was kommt nachher? Das Leben nach dem Tode (Topos 2009)

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Sich selbst verlieren, um sich selbst zu finden: der Mönch, die Katze und der Mond

Der moderne Mensch hat den Sinn für die Kontemplation verloren und kann auch nicht mehr über seinen Widerschein im kristallklaren Wasser eines Bachs staunen, noch sich vom sternklaren Himmel überraschen lassen oder hingerissen sein von den leuchtenden Augen eines Kindes, das ihn fragend anschaut. Der moderne Mensch kennt die Frische eines Herbstnachmittags nicht mehr und ist nicht in der Lage, mit sich selbst allein zu sein. Er kann nicht mehr ohne Auto, Internet oder Fernsehen auskommen und nicht ohne seine Beschallungsausrüstung. Er hat Angst, seine innere Stimme zu vernehmen, die Stimme, die niemals lügt, die uns rät und zustimmt, uns beurteilt und die stets mit uns ist. Was zutiefst wahr ist, kann nur durch Kurzgeschichten, selten jedoch durch Konzepte, gut zum Ausdruck gebracht werden, wie wir von unseren weisen Vorfahren wissen. Manchmal, wenn wir die Erfahrung machen, dass wir verloren sind, sind wir in Wirklichkeit gerade dabei, uns selbst zu finden. Die folgende Geschichte versucht, uns dies mitzuteilen: Es ist eine Herausforderung für uns alle.

Diese Kurzgeschichte wurde von meinem Bruder Waldemar Boff geschrieben, der versucht, so zu leben, wie einst die Mönche in der Wüste lebten. Sie bringt uns zu unserer verloren gegangenen Dimension zurück. Waldemar, einer meiner zehn Brüder, der in den USA studierte, ist nun ein Landwirt und ein Lehrer für das Volk. Er schreibt:

Es war einmal ein Eremit, der hinter den Iguazaim-Bergen, im Süden der Acaman-Wüste, lebte. Ungefähr 30 Jahre waren vergangen, seitdem er beschlossen hatte, sich an diesen Ort zurückzuziehen. Einige Ziegen gaben ihm seine tägliche Milch, und ein Stück fruchtbares Land im Tal gab ihm Brot. In der Nähe seiner Hütte gab es einen Weinstock. Während des Jahres bauten sich die Bienen unter der Decke aus Palmwedel ihren Stock.

„30 Jahre lebe ich nun hier …“, seufzte Porfirio, der Mönch. „30 gute Jahre …“ Und wie er so auf einem Felsen sitzt, den Blick im Wasser des kleinen Flusses, der über die Kiessteine hüpfte, versenkt, verweilte er mit diesem Gedanken für lange Stunden. „30 gute Jahre, und noch immer habe ich mich selbst nicht gefunden. Für alles und jeden bin ich verloren gegangen in der Hoffnung, mich selbst zu finden. Doch ich habe mich unwiderbringlich selbst verloren!“

Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang und nach dem Pilgergebet, machte er sich mit einem karg bestückten Sack auf dem Rücken und halb ausgetretenen Sandalen auf den Weg zu den Iguazaim Bergen. Immer wenn merkwürdige Kräfte sein Innenleben zu zerstören drohten, stieg er in die Berge. Er wollte Abba Tebaino aufsuchen, den ältesten und weisesten Eremiten und Vater einer ganzen Generation von Wüstenmännern. Abba Tebaino lebte unter einem breiten Felsvorsprung, von dem aus man die Weizenfelder des Icanaum-Dorfes in der Ferne sehen konnte.

„Abba, ich habe alles verlassen, um mich selbst zu finden. Nun aber bin ich unwiderbringlich verloren gegangen. Ich weiß weder, wer ich bin, noch wofür oder für wen ich da bin. Ich habe das Beste meiner selbst verloren, meines ganz eigenes Selbst. Ich habe nach Frieden und Kontemplation gestrebt, doch ich kämpfe mit Geistern. Ich habe alles getan, um Frieden zu verdienen. Sieh meinen Körper an: Er ist knorrig wie eine Wurzel, vom vielen Fasten, den rauen Hemden und nächtlichem Gebet gezeichnet … Und hier bin ich nun, gebrochen und schwach, besiegt durch die Erschöpfung meines Suchens.“

Und tief in der Nacht, unter einem riesigen, die Umrisse der Berge beleuchtenden Mond, am Ausgang seiner Grotte sitzend, lauschte Abba Tebaino mit unendlicher Zärtlichkeit den Bekenntnissen von Bruder Porfirio.

Später, in einem dieser Augenblicke, während derer die Welt stille wird und nur die Präsens bleibt, kam eine kleine Katze, die viele Jahre lang mit dem Abba lebte, langsam zu dessen bloßen Füßen gekrochen. Die kleine Katze miaute, leckte den groben Rand der Kutte des Abba, machte es sich gemütlich und begann mit seinen großen, kindlichen Augen den Mond zu betrachten, der wie die Seele des Gerechten allmählich den Himmel hinaufstieg.

Und nach einer langen Weile begann Abba Tebaino sehr liebevoll zu sprechen:

„Porfirio, mein lieber Sohn, du musst wie eine Katze sein; sie sucht nichts für sich selbst, aber erwartet alles von mir. Jeden Morgen wartet sie an meiner Seite auf eine Brotrinde und auf etwas Milch in der alten Holzschale. Später kommt sie und verbringt den Tag ganz in meiner Nähe und leckt meine geschwollenen Füße. Sie möchte nichts, sucht nach nichts, erwartet nichts. Sie ist Verfügbarkeit. Sie ist Hingabe. Sie lebt schlicht und einfach für das Leben. Sie lebt für den anderen. Sie ist Geschenk, Gnade, Dankbarkeit. Hier, wo sie nahe bei mir liegt, unschuldig und naiv, betrachtet sie, so archaisch wie das Dasein, das Wunder des riesigen, seligen aufgehenden Mondes. Die Katze sucht nicht für sich selbst, nicht einmal für die intime Eitelkeit der Selbstreinigung oder der Befriedigung der Selbstverwirklichung. Dies war unwiderbringlich verloren für mich und den Mond … Dies ist die Bedingung dafür, zu sein, wie man ist und um sich selbst zu finden.“

Und eine tiefe Stille kam auf die Öffnung des großen Felsvorsprungs herab.

Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sangen zwei Eremiten die Morgenpsalmen. Ihr Lob hallte wider durch die Berge und ließ die Grenzen des Universums erbeben. Dann gaben sie einander einen Abschiedskuss. Bruder Porfirio kehrte mit einer kleinen Tasche auf seinen Schultern und mit halb ausgetretenen Sandalen zu seinem Tal, dem Süden der Acaman-Wüste, zurück. Er hatte verstanden, dass er sich selbst in der reinsten und einfachsten Dankbarkeit zu verlieren hatte, um sich selbst zu finden.

Die Menschen, die im Nachbardorf lebten, sagten viele Jahre später, dass sie in der tiefen Vollmondnacht ein großes Leuchten am Himmel sahen. Das war Porfirio, der Mönch, der zusammen mit dem Mond die unendliche Weite des von Sternen unglaublich hell strahlenden Himmels bestieg. Er brauchte sich nun nicht mehr zu verlieren, denn er hatte sich endgültig und für immer selbst gefunden.“

 

Leonardo Boff

28.04.2014