Sich selbst verlieren, um sich selbst zu finden: der Mönch, die Katze und der Mond

Der moderne Mensch hat den Sinn für die Kontemplation verloren und kann auch nicht mehr über seinen Widerschein im kristallklaren Wasser eines Bachs staunen, noch sich vom sternklaren Himmel überraschen lassen oder hingerissen sein von den leuchtenden Augen eines Kindes, das ihn fragend anschaut. Der moderne Mensch kennt die Frische eines Herbstnachmittags nicht mehr und ist nicht in der Lage, mit sich selbst allein zu sein. Er kann nicht mehr ohne Auto, Internet oder Fernsehen auskommen und nicht ohne seine Beschallungsausrüstung. Er hat Angst, seine innere Stimme zu vernehmen, die Stimme, die niemals lügt, die uns rät und zustimmt, uns beurteilt und die stets mit uns ist. Was zutiefst wahr ist, kann nur durch Kurzgeschichten, selten jedoch durch Konzepte, gut zum Ausdruck gebracht werden, wie wir von unseren weisen Vorfahren wissen. Manchmal, wenn wir die Erfahrung machen, dass wir verloren sind, sind wir in Wirklichkeit gerade dabei, uns selbst zu finden. Die folgende Geschichte versucht, uns dies mitzuteilen: Es ist eine Herausforderung für uns alle.

Diese Kurzgeschichte wurde von meinem Bruder Waldemar Boff geschrieben, der versucht, so zu leben, wie einst die Mönche in der Wüste lebten. Sie bringt uns zu unserer verloren gegangenen Dimension zurück. Waldemar, einer meiner zehn Brüder, der in den USA studierte, ist nun ein Landwirt und ein Lehrer für das Volk. Er schreibt:

Es war einmal ein Eremit, der hinter den Iguazaim-Bergen, im Süden der Acaman-Wüste, lebte. Ungefähr 30 Jahre waren vergangen, seitdem er beschlossen hatte, sich an diesen Ort zurückzuziehen. Einige Ziegen gaben ihm seine tägliche Milch, und ein Stück fruchtbares Land im Tal gab ihm Brot. In der Nähe seiner Hütte gab es einen Weinstock. Während des Jahres bauten sich die Bienen unter der Decke aus Palmwedel ihren Stock.

„30 Jahre lebe ich nun hier …“, seufzte Porfirio, der Mönch. „30 gute Jahre …“ Und wie er so auf einem Felsen sitzt, den Blick im Wasser des kleinen Flusses, der über die Kiessteine hüpfte, versenkt, verweilte er mit diesem Gedanken für lange Stunden. „30 gute Jahre, und noch immer habe ich mich selbst nicht gefunden. Für alles und jeden bin ich verloren gegangen in der Hoffnung, mich selbst zu finden. Doch ich habe mich unwiderbringlich selbst verloren!“

Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang und nach dem Pilgergebet, machte er sich mit einem karg bestückten Sack auf dem Rücken und halb ausgetretenen Sandalen auf den Weg zu den Iguazaim Bergen. Immer wenn merkwürdige Kräfte sein Innenleben zu zerstören drohten, stieg er in die Berge. Er wollte Abba Tebaino aufsuchen, den ältesten und weisesten Eremiten und Vater einer ganzen Generation von Wüstenmännern. Abba Tebaino lebte unter einem breiten Felsvorsprung, von dem aus man die Weizenfelder des Icanaum-Dorfes in der Ferne sehen konnte.

„Abba, ich habe alles verlassen, um mich selbst zu finden. Nun aber bin ich unwiderbringlich verloren gegangen. Ich weiß weder, wer ich bin, noch wofür oder für wen ich da bin. Ich habe das Beste meiner selbst verloren, meines ganz eigenes Selbst. Ich habe nach Frieden und Kontemplation gestrebt, doch ich kämpfe mit Geistern. Ich habe alles getan, um Frieden zu verdienen. Sieh meinen Körper an: Er ist knorrig wie eine Wurzel, vom vielen Fasten, den rauen Hemden und nächtlichem Gebet gezeichnet … Und hier bin ich nun, gebrochen und schwach, besiegt durch die Erschöpfung meines Suchens.“

Und tief in der Nacht, unter einem riesigen, die Umrisse der Berge beleuchtenden Mond, am Ausgang seiner Grotte sitzend, lauschte Abba Tebaino mit unendlicher Zärtlichkeit den Bekenntnissen von Bruder Porfirio.

Später, in einem dieser Augenblicke, während derer die Welt stille wird und nur die Präsens bleibt, kam eine kleine Katze, die viele Jahre lang mit dem Abba lebte, langsam zu dessen bloßen Füßen gekrochen. Die kleine Katze miaute, leckte den groben Rand der Kutte des Abba, machte es sich gemütlich und begann mit seinen großen, kindlichen Augen den Mond zu betrachten, der wie die Seele des Gerechten allmählich den Himmel hinaufstieg.

Und nach einer langen Weile begann Abba Tebaino sehr liebevoll zu sprechen:

„Porfirio, mein lieber Sohn, du musst wie eine Katze sein; sie sucht nichts für sich selbst, aber erwartet alles von mir. Jeden Morgen wartet sie an meiner Seite auf eine Brotrinde und auf etwas Milch in der alten Holzschale. Später kommt sie und verbringt den Tag ganz in meiner Nähe und leckt meine geschwollenen Füße. Sie möchte nichts, sucht nach nichts, erwartet nichts. Sie ist Verfügbarkeit. Sie ist Hingabe. Sie lebt schlicht und einfach für das Leben. Sie lebt für den anderen. Sie ist Geschenk, Gnade, Dankbarkeit. Hier, wo sie nahe bei mir liegt, unschuldig und naiv, betrachtet sie, so archaisch wie das Dasein, das Wunder des riesigen, seligen aufgehenden Mondes. Die Katze sucht nicht für sich selbst, nicht einmal für die intime Eitelkeit der Selbstreinigung oder der Befriedigung der Selbstverwirklichung. Dies war unwiderbringlich verloren für mich und den Mond … Dies ist die Bedingung dafür, zu sein, wie man ist und um sich selbst zu finden.“

Und eine tiefe Stille kam auf die Öffnung des großen Felsvorsprungs herab.

Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sangen zwei Eremiten die Morgenpsalmen. Ihr Lob hallte wider durch die Berge und ließ die Grenzen des Universums erbeben. Dann gaben sie einander einen Abschiedskuss. Bruder Porfirio kehrte mit einer kleinen Tasche auf seinen Schultern und mit halb ausgetretenen Sandalen zu seinem Tal, dem Süden der Acaman-Wüste, zurück. Er hatte verstanden, dass er sich selbst in der reinsten und einfachsten Dankbarkeit zu verlieren hatte, um sich selbst zu finden.

Die Menschen, die im Nachbardorf lebten, sagten viele Jahre später, dass sie in der tiefen Vollmondnacht ein großes Leuchten am Himmel sahen. Das war Porfirio, der Mönch, der zusammen mit dem Mond die unendliche Weite des von Sternen unglaublich hell strahlenden Himmels bestieg. Er brauchte sich nun nicht mehr zu verlieren, denn er hatte sich endgültig und für immer selbst gefunden.“

 

Leonardo Boff

28.04.2014

Immerwährender Friede mit der Natur und mit Mutter Erde

Eine der schöpferischsten Hinterlassenschaften des Franz von Assisi, die durch Franziskus von Rom aufgegriffen wurde, ist das Gebet für den Frieden, den wir heute so dringend brauchen. Ursprünglich grüßte der Hl. Franziskus alle, denen er begegnete, indem er ihnen „Frieden und Heil“ wünschte, was dem biblischen Shalom entspricht. Der Frieden, nach dem er sich sehnte, beschränkte sich nicht auf zwischenpersönliche und soziale Beziehungen. Ihm ging es um einen immerwährenden Frieden mit allen Erscheinungsformen der Natur, die er zärtlich Brüder und Schwestern nannte.

Vor allem „Schwester und Mutter Erde“, wie er sie nannte, sollte diese Umarmung des Friedens erfahren. Sein erster Biograph, Thomas von Celano, fasst auf wunderbare Weise das Gefühl der Geschwisterlichkeit mit der Welt, das ihn so erfüllte, in seiner Beschreibung wie folgt zusammen: „Er war jedesmal von unaussprechlicher Freude erfüllt, wenn er die Sonne sah, den Mond anschaute und seinen Blick dem Firmament und den Sternen zuwandte. Wenn er auf Blumen traf, predigte er ihnen, als wären sie mit Intelligenz begabt, und lud sie ein, Gott zu preisen. Er tat dies mit unschuldiger und bewegender Zärtlichkeit: Er hielt die Weinberge, die Weizenfelder, die Steine und Wälder, die Felder auf dem Lande und die Flussläufe, die schönen Obstgärten, die Erde, das Feuer und den Wind zur Dankbarkeit an.“

Diese ehrfürchtige und zärtliche Haltung trieb ihn dazu, Schnecken von den Wegen aufzuheben, sodass niemand auf sie treten würde. Er gab den Bienen im Winter Honig, damit sie nicht verhungerten und erfroren. Er forderte die Brüder dazu auf, die Bäume nicht mit den Wurzeln zu fällen in der Hoffnung, dass diese wieder austrieben. Selbst den Unkräutern wies er einen Platz in den Gärten zu, an dem sie gedeihen konnten, denn auch sie zeugten vom „schönsten Vater aller Dinge“.

Nur wer auf die symbiotische Resonanz in seiner Seele hört, ist in der Lage, in dieser Intimität mit allen Wesen zu leben, in der sich die Ökologie der Umwelt mit der tiefen Ökologie der Seele vereint. Franz von Assisi stellte sich selbst nie über die Dinge, sondern befand sich mit ihnen auf Augenhöhe wie jemand, der wahrhafte Geschwisterlichkeit lebt, und erfuhr auf diese Weise Verwandtschaftsbeziehungen, die alles miteinander verbinden.

Das franziskanische und ökologische Universum ist niemals inaktiv; die Dinge sind weder dafür da, um sich in Reichweite zugreifender Hände der Menschen zu befinden, noch einfach nur nebeneinander angeordnet, ohne miteinander zu koexistieren. Alles trägt zu einer grandiosen Sinfonie bei, deren Meister der eine Schöpfer ist; alle Dinge sind animiert und persönlich. Franz von Assisi entdeckte durch Intuition, was wir heute dank wissenschaftlicher Methoden (Crick und Watson entschlüsselten die DNS) wissen: dass alle Lebewesen miteinander verwandt sind, wie Cousins und Geschwister, denn wir alle besitzen denselben grundlegenden genetischen Code. Franz von Assisi erfuhr diese Blutsverwandtschaft auf spirituelle Weise.

Aus dieser Haltung entstand ein unerschütterlicher Friede, frei von Angst und Bedrohungen, ein Friede, wie für jemanden, der sich immer wie zu Hause fühlt, wie bei seinen Eltern und Geschwistern. Dem Hl. Franziskus wurde diese großartige Definition bewusst, die die Erd-Charta für den Frieden fand: „Es ist die Fülle, die aus dem richtigen Verhältnis zu sich selbst entsteht, zu anderen Personen, anderen Kulturen, anderem Leben, mit der Erde und mit dem Ganzen, dessen Teil wir alle sind“ (Nr. 16f).

Der höchste Ausdruck für Frieden, eine geschwisterliche Koexistenz und ein warmes Willkommenheißen für alle Personen und Dinge, ist in der bekannten Geschichte über die vollkommene Freude symbolisiert. Mithilfe der List der Vorstellungskraft formuliert Franz von Assisi alle Arten von Beleidigungen und Gewalt, die zwei Brüder zu ertragen hatten (einer davon war er selbst). Von Regen durchnässt und schlammbedeckt kommen sie erschöpft im Konvent an. Dort werden sie auf vielfältige Weise vom Bruder Pförtner abgewiesen („mit einem knorrigen Stock geschlagen“). Obwohl sie als Brüder erkannt wurden, waren sie moralisch diffamiert und stießen sie Personen von zweifelhaftem Ruf auf Ablehnung.

In der Geschichte über die vollkommene Freude, die in der buddhistischen Tradition Parallelen aufweist, geht Franziskus Schritt für Schritt vor, um die Mechanismen, die eine Gewaltkultur schaffen, abzubauen. Wahre Freude liegt nicht im Selbstwertgefühl oder im Bedürfnis nach Anerkennung, im Vollbringen von Wundern oder im Sprechen in Zungen. An deren Stelle setzt Franziskus die Fundamente einer Friedenskultur: Liebe, die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, Vergeben und Versöhnung über alle Vorurteile oder vorherige Forderungen hinaus. Wird diese Haltung gelebt, folgt daraus Friede, ein innerer Friede, der unveränderlich ist, freudige Koexistenz mit der schärfsten Opposition ermöglicht; Friede der die Frucht völliger Loslösung ist. Sind dies nicht die ersten Früchte des Reiches der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe, nach dem wir uns so sehr sehnen?

Die Friedensvision des Hl. Franziskus steht für eine andere Weise des Lebens-in-der-Welt, für eine Alternative zur Seinsweise in der Moderne und Postmoderne, welche auf Besitz und respektlosem Gebrauch von Dingen beruht, die ohne jegliche Rücksichtnahme nur dem Vergnügen der Menschen dienen.

Obwohl er vor mehr als 800 Jahren lebte, ist Franz von Assisi in gewisser Weise aktueller als wir. Wir sind alt und gealtert, denn wir zerstören mit unserer Gier die Basis, die das Leben auf unserem Planeten erhalten soll, und gefährden unsere Zukunft als Spezies. Die Entdeckung der kosmischen Geschwisterlichkeit wird dazu beitragen, diese Krise zu überwinden, und wird uns die verlorene Unschuld zurückgeben, die im kindlichen Schimmer des Erwachsenseins besteht.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Wenn die Große Drangsal einsetzt, wird die Erde endlich zur wohlverdienten Ruhe kommen

 

Die Überlegungen von Waldemar Boff*, der mit Kleinbauern in der Nähe des Flusses Surui in Baixade Fluminense (Brasilien) ökologische Landwirtschaft betreibt, erscheinen mir sehr passend.

Er schreibt:

“Niemand kennt mit Gewissheit den Tag noch die Stunde. Das liegt daran, dass wir uns, fast ohne es zu bemerken, schon mitten darin befinden. Doch es nähert sich mit wachsender Intensität und Klarheit. Wenn die große Katastrophe geschieht, wird sie uns wie ein unerwartetes Ereignis erscheinen.

Obwohl es sichere Daten gibt, die hinweisen auf die unvermeidlichen globalen Veränderungen infolge des Klimawandels mit Konsequenzen, die die Wissenschaftler noch zu erfassen versuchen und die sich sicherlich noch verschlimmern werden, lassen sich die Industrienationen und ihre Regierungen durch ihre wirtschaftlichen Interessen und ihre mangelnde Weitsicht davon abhalten, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen zu lindern und ihren Lebensstil an den fieberhaften Zustand der Erde anzupassen.

Wir können uns ein plausibles Szenario vorstellen, in dem Orkane ganze Regionen auslöschen werden. Gigantische Wellen werden Städte und Zivilisationen überschwemmen und sie an den Füßen von Bergen ihrem Tod überlassen. Ausgedehnte Dürreperioden werden dazu führen, dass alle Reichtümer der Welt gegen ein Glas schmutziges Wasser getauscht werden. Extreme Hitze und Kälte werden uns sehnsüchtig an die Erzählungen unserer Großmütter über nachmittägliche Brisen und abendliche Herdfeuer im Winter denken lassen, die stets vorhersehbar waren, sowie über Früchte, die in der Sommersonne heranreifen konnten. Die Menschen werden dann nur noch essen, um überleben zu können, und ihre Speisen werden von zweifelhaftem Geschmack sein.

Doch das wird noch nicht das Schlimmste sein. Die spindeldürre Mutter wird nicht in der Lage sein, ihre Tochter zu begraben, und der Enkel wird seinen Großvater für eine Brotkrume umbringen. Hunde und Katzen, des Menschen Freunde, werden überall als letzte Möglichkeit, den Hunger zu stillen, begehrt sein. Die Lebenden werden die Toten beneiden, und niemand mehr wird über den Tod von Kindern klagen. Hunger wird sich so weit ausgebreitet haben, dass, wie im besetzten Jerusalem, die Hungernden auf das nächste Hungertodopfer warten, um dessen schlaffes Fleisch zu essen.

„Euer Land wird zur Wüste und eure Städte werden zu Ruinen. … Dann hat das Land Ruhe und erhält Ersatz für seine Sabbate. Während der ganzen Zeit der Verwüstung hat es Sabbatruhe, die es an euren Sabbaten nicht hatte, als ihr noch darin wohntet.“ (Lev. 26,33-35)

Doch wird dies das Ende der ganzen Biosphäre sein? Nein. Für die Gerechten und Besonnenen wird Gott diese Tage abkürzen und nicht alles Leben auf Erden zerstören und damit sein Versprechen halten, das er unserem Vater Noah einst gab. Doch es ist notwendig, dass der Mensch durch diese Drangsal geht, um von seinem Egoismus zu erwachen und um zu erkennen, dass er Teil der Lebensgemeinschaft ist und deren hauptverantwortlicher Hüter.

Was können wir tun, um uns auf solche Zeiten vorzubereiten? Zuerst einmal müssen wir erkennen, dass wir bereits in diesen Zeiten leben. Wir wissen schon nicht mehr, wann Frühling und Herbst beginnen. Noch weniger können wir uns darauf verlassen, dass es warme und kalte Monate gibt. Wir wissen nicht mehr, wann es Regen oder Sonne gibt. Ebenso ist es wichtig, still zu werden, wachsam und aufmerksam und nach den Zeichen Ausschau zu halten, die die Beschleunigung des Wandlungsprozesses angeben. Und vor allem müssen wir umkehren, unsere Lebensgewohnheiten ändern, uns einer persönlichen Veränderung unterziehen, und zwar zutiefst und endgültig. Nur so werden wir die moralischen Bedingungen erfüllen, dies auch von anderen verlangen zu können. Doch wie schon zu Zeiten der Propheten werden nur wenige darauf hören, einige werden sich darüber lustig machen, und die meisten werden gleichgültig bleiben und sich alle Arten von Freiheiten wie zu Noahs Zeiten herausnehmen.

Wir sollten auch zu unseren Wurzeln zurückkehren, um einen Neubeginn zu machen, wie es die reuevolle Menschheit so oft getan hat, und erkennen, dass wir nur Geschöpfe sind, nicht die Schöpfer, dass wir untereinander Kameraden sind, nicht die Herren der Natur; dass wir uns notwendigerweise den großen Gesetzen des Lebens unterwerfen und aufmerksam auf die Stimme unseres Gewissens hören müssen, um glücklich zu sein. Wenn wir diese wesentlichen Gesetze befolgen, werden wir die Früchte der Erde ernten sowie die Freude unserer Seele. Befolgen wir sie jedoch nicht, so werden wir eine Zivilisation erben wie diese, in der wir gerade leben, voll Gier, Krieg und Trauer.

Für die kommenden, von Knappheit geprägten Zeiten müssen wir die althergebrachten Künste und Techniken wiedererlangen: pflanzen, aufbewahren, essen; für die Tiere sorgen und ihnen mit Respekt begegnen; Geräte und Eisenwaren mithilfe von lokaler Kunst und örtlichem Handwerk herstellen; Heilkräuter und nahrhafte Körner sammeln und pflanzen; Material zum Weben aufbewahren; Wasserquellen schützen, die richtigen Orte finden, um Brunnen zu graben, und lernen, wie man Regenwasser aufbewahrt. Wir müssen zu einer Ökonomie der Knappheit, der gemeinsamen Genügsamkeit und der blanken Schönheit kommen. Aus diesem zurückerlangten und bereicherten Wissen wird eine Zivilisation der Zufriedenheit erwachsen, eine Bio-Zivilisation der Erde guter Hoffnung.

Nach dieser tränenreichen und hoffnungsvollen Zeit werden wir die dummen Religionskriege, diese unerträglichen Streitereien um Götter, überwunden haben. Jenseits von Propheten und Traditionen, über Moralvorstellungen und Liturgien hinaus werden wir vielleicht wieder darauf zurückkommen, unter den vielfältigen Namen und Formen den einen, einzigen Schöpfer aller Dinge und Vater/Mutter allen Lebens in dem großen Geist verehren, der uns alle vereint und inspiriert, uns liebend in einer einzigen universellen Geschwisterlichkeit miteinander verbindet. Und wir werden schließlich in der Lage sein, alle Völker der Welt zu vereinen und ein wahres Parlament aller Religionen zu organisieren.“

*Waldemar Boff, in den USA diplomierter Philosoph und Soziologe, arbeitet mit dem SEOP (Servicio de Educación y Organización Popular = Bildungs- und Organisationsservice für das Volk) in La Baixada Fluminense zusammen.
übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Unser Platz in der Gesamtheit des Lebens

Die Ethik der vorherrschenden Gesellschaft ist eine utilitaristische und anthropozentrische. Das heißt, diese Ethik verfällt der Illusion, dass die Lebewesen der Natur nur in dem Maße ein Lebensrecht besitzen, in dem sie den Menschen nützlich sind und der Mensch nach Gutdünken mit ihnen verfahren kann. Die Menschen erachten sich selbst als die Krone der Schöpfung.

Die jüdisch-christliche Tradition bestärkte diese Vorstellung durch den Aufruf: „Unterwerft euch die Erde und herrscht über alles, was auf ihr lebt“ (Gen 1,28).

Nun wissen wir, dass wir Menschen zu den letzten Lebewesen zählen, die auf die Bühne der Schöpfung traten. Als diese zu 99,98 % abgeschlossen war, tauchten wir auf. Das Universum, die Erde und die Ökosysteme bedurften unserer nicht, um sich selbst zu organisieren und ihre majestätische Komplexität und Schönheit zu arrangieren.

Jedes Wesen besitzt einen intrinsischen Wert, unabhängig von dem Nutzen, den wir aus ihm ziehen. Jedes Wesen ist eine Manifestation dieser allem zugrunde liegenden Energie, wie die Kosmologen es nennen, bzw. dieses alle Wesen hervorbringenden Abgrunds. Jedes Wesen, selbst das am wenigsten angepasste, kann etwas zum Vorschein bringen, wozu nur es selbst in der Lage ist, und anschließend verschwindet es möglicherweise für immer aufgrund natürlicher Selektion. Doch für uns ist es wichtig, auf die Botschaft zu hören, die dieses Wesen uns vermittelt, und sie zu zelebrieren.

Am schwerwiegendsten jedoch ist die Vorstellung, die sich die Moderne und viele Mitglieder der zeitgenössischen Wissenschaftsgemeinde vom Planeten Erde und der Natur machen. Sie erachten sie als simple „res extensa“, als etwas Messbares, Manipulierbares und, gemäß Francis Bacons rüder Ausdrucksweise, als etwas, das man „so lange foltert, wie der Inquisitor es mit seinen Opfern zu tun pflegt, bis er alle Geheimnisse aus ihnen herausgequält hat“. Die vorherrschende wissenschaftliche Methode hält noch immer an dieser aggressiven und perversen Logik fest.

René Descartes legt in seiner Abhandlung über die Methode einen ziemlichen Reduktionismus über das Verständnis an den Tag: „Ich verstehe unter ‘Natur’ weder eine Gottheit noch irgendeine andere Art von imaginärer Energie; stattdessen benutze ich dieses Wort, um Materie zu beschreiben.“ Für Descartes ist unser Planet etwas Regloses, Zweckloses, als wären die Menschen nicht Teil dieser Natur.

Fakt ist, dass wir in den Evolutionsprozess einstiegen, als er bereits ein sehr hohes Maß an Komplexität erreicht hatte. Dann erstand menschliches Leben, bewusst und frei, als ein Unterkapitel des Lebens. Durch uns erst wurde sich das Universum seiner selbst bewusst. Und dies geschah in dem winzigen Teil des Universums, das die Erde darstellt. Aus diesem Grund sind wir der Teil der Erde, der fühlt, liebt, denkt, achtsam und voll Bewunderung ist. Wie der argentinische Liedermacher Atahualpa Yupanqui sagt: „Wir sind die Erde, die läuft.

Unser besonderer Auftrag, unser Platz in der Gesamtheit des Lebens, besteht darin, dass wir diejenigen sind, die die Größe des Universums zu schätzen wissen, die den Botschaften, die jedes Lebewesen zum Ausdruck bringt, lauschen und die die Diversität der Wesen und des Lebens zelebrieren.

Und da wir mit Vernunft und Intelligenz ausgestattet sind, haben wir den moralischen Auftrag, für die Schöpfung zu sorgen und sie zu beschützen, um ihren Fortbestand in Vitalität und Integrität zu gewährleisten, und zwar unter den Bedingungen, die es ihr ermöglichen, sich weiterhin zu entwickeln, wie sie es seit 4,4 Milliarden Jahren tut. Dank sei Gott, dem biblischen Autor, dass er den oben zitierten Text korrigierte und im 2. Kapitel von Genesis sagt: „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden (die ursprüngliche Erde), damit er ihn bebaue und hüte.“ (Gen 2,15).

Bedauerlicherweise erfüllen wir unseren Auftrag schlecht, denn, wie der Biologe E. Wilson sagt: „Die Menschheit ist die erste Spezies in der Geschichte des Lebens, die sich als eine geophysikalische Kraft herausgestellt hat; der Mensch, dieses zweibeinige Wesen, ein solcher Hohlkopf, hat bereits die Atmosphäre und das Klima der Erde verändert und sie weit von ihren üblichen Normen entfernt; er hat Tausende von giftigen Chemikalien in der ganzen Welt verbreitet, und nun sind wir dabei, das Trinkwasser zu erschöpfen.“ (Creation: An Appeal to Save Life on Earth, 2007). Besorgt angesichts dieser Situation und der Bedrohung durch eine nukleare Apokalypse fragte sich Norberto Bobbio, der große italienische Rechts- und Demokratie-Philosoph: „Verdient es die Menschheit, gerettet zu werden?“ (Il Foglion. 409, 2014, 3).

Wenn wir nicht als Feinde des Lebens durch die Erde selbst von ihr vertrieben werden wollen, müssen wir unsere Einstellung der Natur gegenüber verändern. Doch vor allem müssen wir die Erde, wie es die UNO im April 2009 tat, als Mutter Erde annehmen und entsprechend für sie sorgen, die Geschichte jedes Wesens, ob lebendig oder starr, anerkennen und respektieren. Sie existierten Millionen von Jahren vor uns und ohne uns. Daher müssen sie ebenso respektiert werden, wie wir die alten Menschen respektieren, denen wir mit Respekt und Liebe entgegen treten. Mehr noch als wir haben sie ein Recht auf die Gegenwart und die Zukunft, gemeinsam mit uns. Ansonsten werden uns weder die Technologie noch die Versprechen von grenzenlosem Fortschritt retten können.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Leonardo Boff

11.04.2014