Ist die Römische Kurie reformierbar?

 

 

Die Römische Kurie setzt sich aus allen Gremien zusammen, die den Papst unterstützen, um von den 44 Hektar aus, die den Petersdom umgeben, die Kirche zu lenken. Sie hat mehr als 3000 Angestellte. Noch klein in ihren Anfängen im 12. Jahrhundert, hat sie sich unter Papst Sixtus V im Jahr 1588  zu einem Expertengremium gewandelt, das geschmiedet wurde, um den Reformatoren Luther, Calvin u. a. die Stirn zu bieten. Papst Paul VI versuchte im Jahr 1967 sie zu reformieren, ebenso Papst Johannes Paul II im Jahr 1998, doch waren beide erfolglos.

 

 
Die Kurie wird als einer der konservativsten mitregierenden Verwaltungsapparate der Welt erachtet, die über eine solche Macht verfügt, dass sie in der Praxis die Veränderungen, die durch die zwei vorigen Päpste eingeführt werden sollten, verzögern, annullieren und ad acta legen konnte sowie die progressive Linie des Vaticanum II (1962-1965) blockierte.

 

 
Sie verfolgt diesen Kurs ohne Unterlass, als arbeitete sie nicht für die Gegenwart, sondern für die Ewigkeit. Die Moral- und Finanzskandale, die sich in ihrem Umfeld ereigneten, waren hingegen von einem solchen Ausmaß, dass es zu einem Aufschrei in der ganzen Kirche führte, die nach einer Reform verlangte, welche als eine ihrer Missionen durch den neuen Papst Franziskus durchgeführt werden muss. Wie es der leider inzwischen verstorbene ausgewiesene Vatikankenner Giancarlo Zizola (Quale Papa 1977) schrieb: „Während vier Jahrhunderten ist das revolutionäre Chromosom des Ur-Christentums fast verschwunden, und die Kirche hat sich zu einer konterrevolutionären Vereinigung etabliert.“ (S. 278) und negiert alles aufkommende Neue. In einer Rede vor den Mitgliedern der Kurie beschuldigte Papst Paul VI am 22. Februar 1975 sogar die Römische Kurie, „eine Haltung der Überlegenheit und des Stolzes gegenüber dem Bischofskollegium und dem Volk Gottes“ eingenommen zu haben.

 


Wird die Kombination aus franziskanischer Sensibilität und jesuitischer Gründlichkeit es Papst Franziskus ermöglichen, die Kurie zu reformieren? In Weisheit hat er sich von acht erfahrenen Kardinälen aller Kontinente umgeben, die ihn begleiten sollen, jene Herkulesaufgabe mit all ihren notwendigen Selbstreinigungen auszuführen.

 


Hinter all dem steckt ein historisch theologisches Problem, das die Reform der Kurie ernsthaft erschwert. Es drückt sich durch zwei widersprüchliche Visionen aus: Einerseits dadurch, dass nach dem Ausruf der Unfehlbarkeit des Papstes im Jahr 1870, nach der vorherigen Romanisierung (Uniformisierung) der ganzen Kirche, es zu einer maximalen Konzentration am Gipfel der Pyramide kam: dies ist das Papst-Primat mit der „höchsten, vollen, unmittelbaren“ Macht (Kanon 331). Dies beinhaltet, dass ihm alle Entscheidungsgewalt zusteht, eine Last, die von einer einzigen Person fast unmöglich getragen werden kann, selbst nicht, wenn mit absolutistischer monarchischer Macht versehen. Eine Dezentralisierung kann nicht akzeptiert werden, denn das bedeutete einen Verlust der höchsten Macht des Papstes. Die Kurie schließt sich nun um den Papst, der zu ihrem Gefangenen wird, und blockiert die Initiativen, die den traditionellen Konservativen manchmal unangenehmen werden könnten, oder vernachlässigt ganz einfach ein solches Projekt so lange, bis es in Vergessenheit gerät.

 


Die andere Seite kennt das Gewicht des monarchischen Papsttums und sucht, der Bischofssynode Leben einzuhauchen, jener kollegialen Instanz, die durch das II. Vatikanische Konzil ins Leben gerufen wurde, um dem Papst zu helfen, die universelle Kirche zu lenken. Doch dann wurde diese unter Johannes Paul II und Benedikt XVI unter dem Druck der Kurie, die diese als ein Mittel zum Zerbrechen der Zentralisation der römischen Macht ansah, zu einem Beratungsgremium statt zu einer abstimmungsberechtigten Instanz umgewandelt. Sie wird alle zwei bis drei Jahre einberufen, hat aber keinen reellen Einfluss auf die Kirche.

 

 
All dies sind Indikationen, dass Papst Franziskus plant, ein Gremium ins Leben zu rufen, mit dem er gemeinsam der Kirche vorstehen will, indem er die acht Kardinäle einberief, um mit ihm und unter seiner Führung die Reform der Kurie durchzuführen. Wir hoffen, dass er dieses kollektive Korps auf Repräsentanten ausweitet, die nicht nur der Hierarchie entstammen, sondern dem ganzen Volk Gottes, und auch Frauen einbezieht, die die Mehrheit in der Kirche darstellen. Eine solche Vorgehensweise erscheint nicht unmöglich.

 


Laut Meinung von Experten über Vatikanische Angelegenheiten und auch einiger Führungspersönlichkeiten bestünde die beste Weise, die Kurie zu reformieren, in einer großen Dezentralisierung ihrer Funktionen. Wir befinden uns in der Ära der Globalisierung und der elektronischen Kommunikation in Echtzeit. Wenn sich die katholische Kirche dieser neuen Epoche der Menschheit anpassen will, gibt es nichts Besseres als eine Revolution in der Organisation. Warum sollte das Dikasterium (Kongregation) für die Evangelisierung der Völker nicht nach Afrika transferiert werden? Jenes des interreligiösen Dialogs nach Asien? Oder das des Friedens und der Gerechtigkeit nach Lateinamerika? Und der Rat zur Förderung der Einheit der Christen nach Genf, dem Sitz des Ökumenischen Rats der Kirchen? Einige Abteilungen, die direktere Angelegenheiten betreffen, verbleiben im Vatikan. Dank der Möglichkeit von Videokonferenzen, der Kommunikationstechnologien wie Skype u. a. könnten sie in unmittelbarem täglichen Kontakt miteinander stehen. Damit könnte die Entstehung einer Gegenmacht verhindert werden, worin die traditionelle Kurie ein großer Experte ist. Dies würde die katholische Kirche zu einer wahrhaft universellen, und nicht abendländischen, Kirche machen.

 


Da der Papst uns um unser Gebet für ihn bittet, haben wir tatsächlich viel zu beten, damit dieser Wunsch zum Wohle aller Christen und all derer, die der Kirche nahe stehen, Wirklichkeit werden kann.

 

Übersezt von Bettina Gold-Hartnack

 

Der Papst der Freiheit des Geistes und der Vernunft des Herzens

Der Papst der Freiheit des Geistes und der Vernunft des Herzens

 


Eine der großen Errungenschaften der menschlichen Persönlichkeit in ihrem Individuationsprozess ist die Freiheit des Geistes. Sie ist die Fähigkeit, in doppelter Weise frei zu sein: frei von den Zwängen, Regeln, Normen und Protokollen, die von der Gesellschaft und den Institutionen erfunden wurden, um die Verhaltensweisen der Menschen zu vereinheitlichen und ihre Persönlichkeiten so zu formen, dass sie ganz  bestimmten Zielen dienen. Freiheit des Geistes bedeutet auch, frei zu sein, um authentisch zu sein, eigene Gedanken haben und entsprechend seinem Inneren handeln zu können, welches sich ein Leben lang geformt hat, während es im Widerstreit mit und in Spannung zu den Zwängen stand. 

 

Und dies ist ein titanischer Kampf, denn wir sind unter gewissen Bedingungen geboren, die nicht unserem Willen unterliegen, wie in einer Familie zu sein, in einer Schule, im Freundeskreis, der Religion und der Kultur, die unsere Gewohnheiten prägen. All diese Instanzen, die wie Über-Ichs agieren, können uns einschränken und in gewissen Fällen auch beschneiden. Logischerweise üben diese Beschränkungen eine wichtige regulierende Funktion aus. Dadurch, dass der Fluss begrenzende Flussbänke und Grenzen hat, kommt er  ans Meer. Doch diese Grenzen können auch der Eindeichung dienen. Da das Wasser seinen Weg finden muss, kann es zu Überschwemmungen kommen. So tritt das Wasser über die Ufer und führt zur Bildung von Teichen.

 

Die erstaunliche Haltung und das Verhalten des heutigen Bischofs von Rom, wie er sich gern selbst bezeichnet und im allgemeinen Papst Franziskus genannt wird, lassen an diese Kategorie denken, die so kennzeichnend für die Freiheit des Geistes ist.

 

Normalerweise übernimmt ein Kardinal, sobald er zum Papst gewählt ist, den klassischen feierlich-sakralen Stil des Papstes, sei es in seiner Kleidung, den Gesten, den Machtsymbolen sakraler und vollkommener Gewalt oder in der Sprache. Franziskus hat in seiner immensen Freiheit des Geistes das Gegenteil gewählt: Er passte der Figur des Papstes seinen persönlichen Stil an, seine Gewohnheiten und Glaubenseinstellungen. Jeder weiß um die Umbrüche, die er ohne viel Aufhebens eingeführt hat. Er hat sich selbst aller Machtsymbole entledigt, insbesondere des mit Edelsteinen verzierten Goldkreuzes und der Mozetta, die seine Vorgänger trugen und die voll Brokat und Edelsteine besetzt ist, das einstige Symbol der heidnischen Römischen Kaiser.  Lächelnd sagte er zum Sekretär, der sie ihm um die Schultern legen wollte: „Behalte sie; der Karneval ist um“. Er kleidet sich in größter Schlichtheit, weiß mit schwarzen Schuhen und mit einer schwarzen Hose unter dem Gewand. Alle Einrichtungen für den höchsten Hirten der Kirche, wie den Papstpalast, lehnt er ab, den er durch die Kirchenherberge ersetzte, wo er auch mit den anderen Menschen isst. Er beruft sich eher auf den armen Petrus, der ein einfacher Fischer war, oder auf Jesus, der gemäß dem Poeten Fernando Pessoa „nichts von Buchführung wusste und von dem nicht bekannt wäre, dass er eine Bibliothek besessen hätte“, denn er war ein Faktotum und ein einfacher mediterraner Bauer.  Franziskus sieht sich als Nachfolger des Ersteren und als Repräsentant des Letzteren. Er möchte weder als „Seine Heiligkeit“ angeredet werden, denn er fühlt sich als „Bruder unter Brüdern“, noch möchte er der Kirche in der Strenge des kanonischen Gesetzes vorstehen, sondern in warmherziger Güte.

 

 
Auf seiner Brasilien-Reise hat er kein großes Spektakel veranstaltet. Darin zeigt sich seine Freiheit des Geistes: Er wollte in einem normalen Auto transportiert werden, in einem überdachten Jeep, in dem er durch die Menschenmenge fahren und anhalten kann, um die Kinder zu umarmen, ein bisschen Mate-Tee zu trinken, sein weißes Papstkäppchen gegen einen leicht ausgeleierten Hut zu tauschen, den einer der Gläubigen ihm anbot. Während der offiziellen Begrüßungszeremonie durch die Regierung, die einem strengen Protokoll folgt, küsste er herzlich, zur großen Bestürzung des Zeremonienmeisters, nach der Ansprache die Präsidentin Dilma Rousseff. Und solcher Beispiele gibt es viele.

 

 
Diese Freiheit des Geistes bringt ein unleugbares Strahlen zutage, das von Zärtlichkeit und Kraft geprägt ist, die Charakteristiken der Persönlichkeit des Franz von Assisi. Er ist eine Person von großer Integrität. Diese Haltung zeigt einen Mann voll Klarheit und großer Zärtlichkeit, der auf signifikante Weise sein Inneres und sein Selbstbewusstsein auf einen Nenner brachte. Dies ist, was wir von einem Anführer, vor allem einem religiösen Anführer, erwarten. Er lässt gleichzeitig eine Leichtigkeit und eine Sicherheit durchscheinen.

 

 
Diese Freiheit des Geistes wird durch die wunderbare Freisetzung der Vernunft des Herzens verstärkt. Die Mehrheit der Christen sind der Doktrinen müde und zeigen sich den Kampagnen gegen die reellen oder imaginären Feinde des Glaubens gegenüber skeptisch. Wir alle sind bis ins Mark geprägt von der intellektuellen, funktionellen, analytischen und effizienten Vernunft. Jetzt aber spricht jemand zum Herzen, wie er es in seiner Rede in der Favela von Varginha oder auf der Insel Lampedusa getan hat. Es ist im Herzen, wo ein tiefes Gespür für den anderen und für Gott lebt. Ohne Herz sind die Lehren kalt und erwecken keine Leidenschaft. Den Überlebenden aus Afrika gegenüber bekennt er: „Wir sind eine Gesellschaft, die vergessen hat, wie man weint, wie man mit-leidet: Die Globalisierung der Gleichgültigkeit beraubt uns der Fähigkeit des Weinens.“ Und voll Weisheit sagt er: „Die Größe einer Gesellschaft misst sich darin, wie sie mit den Bedürftigsten umgeht.“ Nach diesem Maß ist die moderne Gesellschaft barbarisch, blutleer und grausam.

 

 
Die Vernunft des Herzens taugt mehr dazu, den Traum Jesu darzustellen, als jede gelehrte Doktrin und macht aus seinem wichtigsten Botschafter, Franziskus von Rom, eine faszinierende Persönlichkeit, die die Herzen nicht nur der Christen berührt.  

 

 

 

 

Leonardo Boff veröffentlichte vor kurzem das Buch: „Francisco de Assis e Francisco de Roma, Mar de Ideias, Rio 2013.

 

 

Die Kunst der Achtsamkeit in der Krankenpflege

 

Während der letzten Jahre habe ich ausführlich über das Thema “Achtsamkeit” geschrieben, vor allem in dem Buch “Achtsamkeit“. Über eine Technik oder Tugend hinaus ist Achtsamkeit u. a. eine Kunst und ein neues Paradigma des Respekts, einer liebenden, gewissenhaften und  Anteil nehmenden Haltung der Natur und der menschlichen Beziehungen gegenüber. Ich habe an vielen Versammlungen und Konferenzen über Gesundheitsberufe teilgenommen, wobei ich die Gelegenheit zum Lernen und zum Reden fand, denn Achtsamkeit ist die natürliche Ethik dieser geheiligten Aktivität. Ich greife hier einige Gedanken auf, die mit der Haltung zu tun haben, die diejenigen einnehmen müssen, die sich zu Hause oder im Krankenhaus um Kranke kümmern. Wir wollen auf einige näher eingehen.

 

Mitgefühl: ist die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen zu versetzen und mit ihm zu fühlen, sodass der/die Kranke spürt, dass er/sie nicht allein mit seinem/ihrem Schmerz ist.

 

Liebevolles Berühren: Den anderen Menschen zu berühren heißt, ihm/ihr wieder die Sicherheit zu verleihen, dass er/sie der Menschheit angehört; das streichelnde Berühren ist eine Ausdrucksweise der Liebe. Krankheit ist oft ein Zeichen, dass der Patient kommunizieren möchte, reden möchte und jemanden braucht, der ihm zuhört. Der Kranke sucht nach dem Sinn seiner Krankheit. Die Krankenschwester und der Arzt oder die Ärztin können ihm helfen, sich zu öffnen und darüber zu sprechen. Eine Krankenschwester beschreibt es so: „Wenn ich dich berühre, trage ich Sorge für dich; wenn ich für dich Sorge trage, berühre ich dich … Wenn du alt und müde bist, kümmere ich mich um dich; ich berühre dich, wenn ich dich umarme; ich berühre dich, wenn du weinst; ich kümmere mich um dich, wenn du nicht mehr laufen kannst.

 

Feinfühlige Hilfestellung: Der Patient braucht Hilfe, und die Krankenschwester/der Krankenpfleger möchte sich um ihn kümmern. Das Zusammenlaufen dieser beiden Bewegungen erzeugt Gegenseitigkeit und überwindet den Eindruck einer ungleichen Beziehung. Helfende Unterstützung hilft, eine gewisse Selbständigkeit zu bewahren. Hilfestellung muss umsichtig geschehen: den Patienten in dem unterstützen, was er kann, und etwas für ihn tun oder ihm helfen sollte man nur in Situationen, welche dieser nicht allein bewältigen kann.

 

Vertrauen ins Leben zurückgeben: Wonach der Patient sich am meisten sehnt, ist das verloren gegangene Gleichgewicht zurückzuerlangen und wieder gesund zu werden. Daher muss man entschlossen sein, dem Patienten wieder Vertrauen ins Leben zu verleihen sowie in seine inneren Energien: die physische, psychische und spirituelle, denn sie fungieren als wahrhafte Medizin. Es muss zu symbolischen Gesten ermutigt werden, die mit Zuneigung aufgeladen sind. Nicht selten entlocken die gemalten Bilder eines kleinen Mädchens in dessen Vater so viel Energie und neuen Mut, als hätte er die besten Medikamente eingenommen.

 

Dem Patienten helfen, die conditio humana zu akzeptieren: Normalerweise fragt sich der Patient überrascht: Warum musste mir das jetzt passieren, wo doch alles so gut für mich lief? Warum hat mich, da ich noch jung bin, diese schwere Krankheit überfallen? Warum zerbrechen durch die Krankheit Beziehungen in der Familie, im sozialen Umfeld und auf der Arbeit? Diese Fragestellung ist eine bescheidene Reflexion über die conditio humana, die stets unerwarteten Risiken und Verletzlichkeiten ausgesetzt ist.

 

Jeder Gesunde kann krank werden. Und jede Krankheit verweist auf die Gesundheit, die unser wichtigster Orientierungspunkt ist. Doch wir können nicht höher springen als unser Schatten, und wir können das Leben nicht anders willkommen heißen, als so, wie es ist: in Gesundheit und Krankheit, stark und zerbrechlich, leidenschaftlich für das Leben und eventuelle Krankheiten und schließlich auch den Tod akzeptieren. In solchen Momenten stellen die Patienten tiefe Reflexionen über das Leben an. Sie geben sich mit rein wissenschaftlichen Erklärungen (so notwendig diese auch sind) nicht zufrieden, die sie von den Ärzten erhalten. Vielmehr sehnen sie sich nach einem Sinn, der sich durch einen tiefen Dialog mit dem eigenen Selbst einstellt oder durch das weise Wort eines Priesters, Pastoren oder einer spirituellen Person. Sie nehmen dann ihre alltäglichen Werte wieder auf, die sie zuvor außer Acht gelassen hatten, definieren ihren Lebensplan neu und reifen daran. Und am Ende schließen sie Frieden mit sich selbst.

 

Den Patienten auf der großen Reise begleiten: Es gibt einen unausweichlichen Moment im Leben, da alle, selbst die ältesten Menschen der Welt, sterben müssen. Es ist das Gesetz des Lebens, dem Tod ausgesetzt zu sein. Dies ist eine alles entscheidende Reise. Man muss darauf durch ein Leben vorbereitet sein, das sich hat leiten lassen von großzügigen, verantwortungsvollen und nützlichen moralischen Werten. Dennoch wird von den meisten der Tod wie ein Angriff oder eine Entführung empfunden, der gegenüber man machtlos ist. Und schließlich begreift man, dass man für alles Rechenschaft ablegen muss.

 

Die diskrete, respektvolle Anwesenheit der Krankenschwester oder des Krankenpflegers, die/der da ist, um die Hand zu halten, tröstende Worte zu sprechen, den Patienten einzuladen, freudig dem Licht entgegenzugehen und in den Schoß Gottes, der Vater und Mutter der Güte ist, einzukehren, kann dem Sterbenden Hilfe sein, das Leben beruhigt und voll Dankbarkeit über das Erlebte zu verlassen.

 

Wenn der Patient religiös ist, flüstere ihm tröstende Worte des Hl. Johannes ins Ohr: Wenn dein Herz dich anklagt, bedenke, dass Gott größer ist als dein Herz. (1Joh 3,20). Der Patient kann sich dann beruhigt Gott überlassen, dessen Herz reine Liebe und Gnade ist. Sterben heißt, in Gottes Arme zu fallen.

 

Krankenpflege erweist sich hier viel mehr als eine Kunst denn als Technik und setzt beim Gesundheitspersonal eine Lebensdichte voraus, spirituelle Sinnhaftigkeit und eine Blickrichtung, die über Leben und Tod hinausgeht.

 

Diesen Zustand zu erreichen ist ein Auftrag, den die Krankenschwestern, -pfleger, Ärzte und Ärztinnen anstreben müssen, um wirklich ganz dem Leben zu dienen. Es steckt durchaus Sinn in all diesen weisen Worten: Die Tragödie des Lebens ist nicht der Tod, sondern dass wir innerlich sterben, während wir noch am Leben sind.

 

 Siehe auch Leonardo Boff: Achtsamkeit, Von der Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern, Claudius, 2013

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Die Enzyklika Lumen Fidei: Erste Eindrücke

Die Enzyklika Lumen Fidei erscheint zwar mit der Unterschrift des Papstes Franziskus, doch weiß man, dass sie vom vorherigen, jetzt emeritierten Papst Benedikt XVI verfasst wurde. Papst Franziskus räumt dazu ein: «Ich stelle Ihre wertvolle Arbeit fertig, indem ich den Text durch einige Beiträge ergänze.» (Nr. 7). Und so musste es auch geschehen, sonst würde der Text nicht als vom päpstlichen Lehramt verfasst gelten. Es hätte sich dann nur um einen theologischen Text gehandelt, verfasst von jemandem, der irgendwann einmal Papst war.

 

Benedikt XVI wollte eine Trilogie über die Kardinaltugenden schreiben. Er schrieb über die Hoffnung und über die Liebe. Doch es fehlte noch eine Abhandlung über den Glauben, die nun Papst Franziskus als eigene Hinzufügung verfasste.

 

Die Enzyklika bringt nichts sensationell Neues, das die Aufmerksamkeit der Gemeinschaft der Theologen und Theologinnen bzw. die der  Gläubigen oder der breiten Öffentlichkeit erregen könnte. Es handelt sich um einen hochtheologischen Text, in kunstvollem Stil, voller biblischen Zitate und Worte der Heiligen Väter. Kurioserweise zitiert er Autoren der abendländischen Kultur wie Dante, Buber, Dostojewski, Nietzsche, Wittgenstein, Romano Guardini und den Dichter Thomas Eliot. Man kann klar die Handschrift Papst Benedikts XVI erkennen, insbesondere in den ausgefeilten Diskussionen, die selbst für die Theologen schwer zu verstehen sind mit ihren griechischen und hebräischen Ausdrücken, wie sie den Doktoren und Lehrmeistern eigen sind. Es ist ein Text, der sich an die Kirche wendet. Er spricht vom Licht des Glaubens zu denen, die sich bereits in einer vom Glauben erhellten Welt befinden. So gesehen handelt es sich um eine innersystemische Reflexion.

 

Darüber hinaus handelt es sich um einen typisch westlich-europäischen Schreibstil. Im Text kommen nur europäische Autoritäten zu Wort. Die kontinentalen Kirchen mit ihren Traditionen, Theologien, Heiligen und Glaubenszeugen werden nicht berücksichtigt. Man kann diesen Solipsismus nicht übersehen, da nur 24 % der Katholiken in Europa leben, der Rest außerhalb Europas, davon 62 % in der sogenannten Dritten und Vierten Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Katholik aus Südkorea, Indien, Angola, Mosambik oder gar aus den Anden diese Enzyklika lesen wird. Sie würden kaum etwas von dem Geschriebenen verstehen, noch sich in einer solchen Argumentationsweise wiederfinden.

 

Der Leitfaden in der theologischen Argumentation ist typisch für die Denkart Joseph Ratzingers als Theologe: das Thema „Wahrheit“ besitzt ein nahezu obsessives Übergewicht, wie ich finde. Im Namen dieser Wahrheit macht er Front gegen die Moderne. Es fällt ihm schwer, ein Thema zu akzeptieren, das der Moderne so teuer ist: die Autonomie des Subjekts und ihre Verwendung im Licht der Vernunft. Joseph Ratzinger sieht darin einen Ersatz für das Licht des Glaubens. Er nimmt nicht die Haltung ein, die vom 2. Vatikanischen Konzil so sehr empfohlen wurde. Diese sieht vor, in der Begegnung mit den zeitgenössischen kulturellen, philosophischen und ideologischen Strömungen die sich darin befindlichen Wahrheitskörnchen zu erkennen und von dort aus den mit Kritik und Ergänzungen in den Dialog zu treten. Es wäre eine Blasphemie gegen den Heiligen Geist, in den Gedanken der Moderne nichts als Lügen und Unwahrheiten zu sehen.

 

Für Ratzinger ist selbst die Liebe der Wahrheit unterworfen, ohne welche es nicht möglich wäre, die Isolierung des „Ich“ aufzubrechen (Nr. 27). Wir wissen aber, dass die Liebe ihre eigenen Gründe hat und einer anderen, andersartigen Logik gehorcht, ohne jedoch der Wahrheit zu widersprechen. Die Liebe kann die Wahrheit zwar nicht klar erkennen, doch sie sieht sie mit mehr Tiefe. Schon Augustinus sagte, worin er Plato folgte, dass wir nur das wirklich verstehen, was wir lieben. Für Ratzinger besteht „die Liebe in der Erfahrung der Wahrheit“ (Nr. 27) und „ohne die Wahrheit rettet der Glaube nicht“ (Nr. 24). Diese Aussage ist – im Hinblick auf die Theologie – problematisch, denn die ganze Tradition, vor allem die Konzilien, besagen, dass „nur die von der Liebe geprägte Wahrheit rettet“ (fides caritate informata). Ohne Liebe ist die Wahrheit für das Heil nicht ausreichend. In heutiger Sprache ausgedrückt: Was uns rettet, sind nicht wahre Predigten, sondern wirksame Taten.

 

Alle Schreiben des Lehrstuhls werden von vielen Händen geschrieben, da man versucht, die diversen akzeptablen theologischen Strömungen zu berücksichtigen. Am Schluss verleiht der Papst den Schreiben den seine Form und erteilt seine Billigung. So geschah es auch mit dem vorliegenden Dokument. Im Schlussteil, der aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Feder  Papst Franziskus‘ stammt, ist eine bemerkenswerte Offenheit erkennbar, die schwerlich mit den vorhergehenden, sehr doktrinären Abschnitten in Einklang zu bringen ist. Diese bekräftigen nachdrücklich, dass das Licht des Glaubens alle Bereiche des menschlichen Lebens erleuchtet. Im letzten Teil ist die Haltung eine bescheidenere: „Der Glaube ich nicht das Licht, das all unsere Dunkelheiten vertreibt, sondern er ist eine Lampe, die unsere Schritte durch der Nacht leitet, und das reicht für unseren Weg“ (Nr. 57). Theologisch präzise wird festgestellt, dass es beim „Bekenntnis des Glaubens nicht so sehr darum geht, seine Zustimmung zu einer Sammlung von abstrakten Wahrheiten zu geben. Im Gegenteil, durch das Bekenntnis tritt das ganze Leben ein in einen Weg hin auf die volle Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott“ (Nr. 45).

 

Der reichhaltigste Abschnitt aus meiner Sicht ist die Nr. 45, in der das Credo erklärt wird. Hier macht er eine Bemerkung, die über die Theologie hinaus geht und die Philosophie berührt: „Der Glaubende sagt so, dass die Mitte des Seins, das tiefste Geheimnis aller Dinge, die innergöttliche Gemeinschaft ist“ (Nr. 45). Und er fügt hinzu: „dass dieser Gott, der Gemeinschaft ist (…) die ganze Geschichte des Menschen zu umfangen vermag und fähig ist, ihn in die Dynamik seiner Gemeinschaft hineinzuführen“ (Nr. 45).

 

Doch die Enzyklika weist einen schmerzhaften Mangel auf, durch den sie einen Großteil ihrer Bedeutung einbüßt: Sie geht nicht auf die Glaubenskrise der Menschen von heute ein, nicht auf ihre Zweifel und Fragen, auf die auch der Glaube keine Antwort gibt: Wo war Gott im Tsunami, der Tausende von Menschenleben gefordert hat, oder in Fukushima? Wie kann man noch glauben, nachdem im Lauf unserer Geschichte Tausende von Indianern durch Christen massakriert wurden, Tausende Menschen in den Militärdiktaturen der 70er und 80er Jahre gefoltert und umgebracht wurden? Wie seinen Glauben bewahren nach den Millionen von Toten in den Vernichtungslagern der Nazis? Die Enzyklika bietet keinen Hinweis, wie man auf diese Ängste reagieren kann. Glauben ist immer ein „Glauben trotz …“ Der Glaube nimmt nicht die Zweifel und Ängste eines Jesus hinweg, der am Kreuz schreit: „Vater, warum hast du mich verlassen?“ Der Glaube muss durch diese Hölle gehen und zur Hoffnung werden, dass alles einen Sinn hat, der jedoch in Gott verborgen bleibt. Wann wird er sich offenbaren?

Übersezt von Bettina Gold-Hartnacl