Eine vulkanartige Energie bahnt sich ihren Weg auf den Straßen


Ich werde versuchen, eine unkonventionelle Überlegung über die Demonstrationen anzustellen, die im Juni dieses Jahres aufkamen. Diese sind anthropologischer und philosophischer Art.

In der anthropologischen und psychoanalytischen Reflexion ist es bekannt, dass es im Menschen eine vulkanartige Energie gibt, die sich durch die Vernunft kaum beherrschen lässt. Einige nennen sie Libido, andere  „élan vital“, wieder andere Prinzip Hoffnung. Wir haben es mit einer konstruktiven und destruktiven Energie zu tun, mit einem Ausgangschaos, das chaotisch und produktiv sein kann. Alle Arbeit der Kultur, der Gesetze, der Religion und der Ethik richtet sich darauf, diese Energie so zu kanalisieren und zu kontrollieren, dass ihre konstruktive Seite die destruktive Seite überwiegt. Das Gleichgewicht ist labil. Zu allen Zeiten und in allen Situationen war diese Energie präsent, sprudelnd und immer bereit, sich freizusetzen und in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Die Kultur, die Religion, die Ethik und die existenziellen Gesetze versuchen, ein Arrangement zu finden, damit diese Energie eine gewisse Stabilität und ein gewisses Gleichgewicht erlangen kann.

 

Doch jedes Arrangement hat Teil an der Unvollkommenheit und der Verwundbarkeit alles Existierenden. Deren Fähigkeit zur Regulierung wird allmählich immer schwächer, bis sie gar nicht mehr dazu in der Lage sind. Und dann, an einem gewissen Punkt angelangt, sprengt der Fluss seine Dämme, tritt über die Ufer, und das Wasser begibt sich auf die Suche nach einem neuen Flussbett.

 

 Große Analytiker der Transformationsdynamik, wie u. a. Toynbee, Jung und Freud, haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Im Jahr 1930, inmitten der Weltwirtschaftskrise, die der heutigen sehr ähnelt, schrieb Freud den berühmten Aufsatz: „Das Unbehagen in der Kultur“, dessen Lektüre sehr lehrreich ist. Er verlässt den streng wissenschaftlichen Pfad der Psychoanalyse, um, zur Verwunderung seiner Schüler, kulturelle Themen mit scharfem Beobachtungsblick aufzugreifen.

In diesem Aufsatz legt Freud die vulkanische Kraft dieser Lebensenergie dar, sowie die Grenzen der Vernunft beim Versuch, diese zu bremsen. Er sagt ausdrücklich, dass es sich um einen Aufeinanderprallen zweier „himmlischer Kräfte“ handelt: die Lebenskraft (Eros) und die Macht des Todes (Thanatos). Das Buch schließt mit einem offenen Ende: „Der ewige Eros muss starke Kräfte aufbringen, um sich angesichts seiner ebenfalls unsterblichen Feinde (Thanatos) zu behaupten. Doch wer kann den Erfolg oder den Ausgang dieses Aufeinandertreffens vorhersagen?“ Und mit dieser Aporie beschließt Freud seine Reflexion.

 

Wir wollen nun diese Erkenntnis auf das Phänomen auf den Straßen Brasiliens übertragen. Eine politische und soziale Anordnung wurde von der Arbeiterpartei (PT) veranlasst, die hart gegen die jahrhundertealte volksfeindliche und elitistische Tradition vorgeht. Die PT steht für das Herauskristallisieren der sozialen Macht, die an der Basis gewachsen war  und sich nun in eine politische Macht verwandelt hatte. Sie eroberte den zentralen Platz der Entscheidungsgewalt über das Geschick des Landes. Sie beanspruchte, die Antwort auf die Frage zu sein, die Jahrzehntelang in Gruppen diskutierte wurde und die Herzen und Gemüter bewegte: „Wie soll das Brasilien aussehen, in dem die große Mehrheit derjenigen, die in der Geschichte verdammt und unterdrückt waren, befreit wird?

 

Nachdem die PT an die Macht gekommen war, reagierte sie auf die dringenden Bedürfnisse des Volkes, die immer geleugnet oder nur unbefriedigend gestillt worden waren. Endlich wurde die Würde der Verdammten, ohne Bürgerrechte zu sein, wiederhergestellt: Sie konnten essen, bekamen ein Minimum an Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen der Moderne wie elektrisches Licht, Zugang zu Wohnraum und zu einer Bankverbindung. Eine Bevölkerungsgruppe, etwa so groß wie Argentinien, wurde aus ihrer Randexistenz in die heutige Gesellschaft integriert. Dies ist ein Schritt von historischer Bedeutung. Die soziale Ungleichheit, unsere größte Wunde, wurde um 17 % verringert.

 

Doch dieses Projekt der ist nach 10 Jahren an die Grenzen des Machbaren gestoßen. Die Illusion der PT war, die Verwirklichung des angestrebten Brasiliens zu verkörpern. Sie gab die Arbeit an der Basis auf und verlor die Verbindung zu den sozialen Bewegungen, die sie geschaffen hatte. An der Basis wurde nicht mehr diskutiert, noch davon geträumt, ein besseres Brasilien zu schaffen.

 

Jetzt aber, nachdem die Leute erwacht sind, wollen sie mehr. Es reicht nicht aus, aus Not und Elend aufzusteigen. Sie fordern ein anderes Brasilien, in dem es keine skandalösen Widersprüche mehr gibt, wie die durch gewisse Interessen gesteuerte Politik, Komplotte und Affären, sowie die Korruption, das Ergebnis einer inzestuösen Beziehung zwischen öffentlichen und privaten Interessen. Die privilegierte Führungselite hat mehr Rechte als die Bürger. Ihrer Meinung nach sind die wichtigsten Investitionen bereits getätigt, und der Rest kann nun für die Bedürfnisse der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden. Dies erklärt die schlechten Zustände im öffentlichen Verkehrswesen der überfüllten Städte und ist die Ursache dafür, dass keine Agrarreform durchgeführt wird, wie auch für das schlechte Gesundheits- und das unqualifizierte Bildungswesen. Darüber hinaus wächst die dumme, aufwändige Bürokratie, die nicht geeignet ist, um den Anforderungen der Menschen gerecht zu werden.

Die Straßen waren voll von der Energie der Empörten. Ihnen geht es nicht um zwanzig Cents, sondern um den Respekt und um das Zugeständnis von bisher verweigerten Ansprüchen. Die Zerstörung selbst des öffentlichen Eigentums ist eine Geste der Verweigerung einer Welt, die den Menschen ablehnt. Will sagen, die historisch-soziale Entente funktionierte nicht mehr. Alles wird abgelehnt: die Regierung, die Parteien und die Organisationen beliebiger Kürzel. So wie es jetzt ist, muss es sich ändern. Dies ist die Gesellschaft eines entstehenden Staates, in dem die öffentlichen  Angelegenheiten, nämlich die aller, im Mittelpunkt stehen.

 

Diese Explosion nicht zu verstehen heißt, die Realität zu verkennen. Nicht die geforderten Veränderungen durchzuführen heißt, der negativen Energie den Triumph zu lassen. Wir müssen dafür arbeiten, dass der ewige Eros gewährleistet, dass der soziale Fluss ein neues Bett findet.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Menschenmengen auf der Straße – Wie sind sie zu interpretieren?

 

 Ein Geist des Massenaufstands weht über die Welt und besetzt die einzigen Orte, die den Leuten noch bleiben: die Straßen und die Plätze. Die Bewegung hat gerade erst ihren Anfang genommen, zuerst in Nordafrika, dann in Spanien mit den « Entrüsteten » und in England und in den USA mit den « Occupies » sowie in Brasilien mit den jungen Menschen und anderen sozialen Bewegungen. Niemand schwenkt die klassischen Fahnen des Sozialismus, der Linken, einer Befreiungs- oder einer Revolutionspartei. All diese Optionen sind entweder ausgespielt oder üben nicht genügend Anziehungskraft aus, um die Massen zu bewegen. Das sind jetzt die Themen des täglichen Lebens der Bürger/innen: partizipative Demokratie, Transparenz der öffentlichen Angelegenheiten, klare Zurückweisung jeglicher Art von Korruption, eine mögliche und notwendige neue Welt. Niemand fühlt sich von den politischen Mächten vertreten, die eine Welt der Palastpolitik hervorgebracht haben, indem sie mit dem Rücken zum Volk oder direkt die Bürger/innen manipulieren.

Für jeden Analytiker stellt es eine Herausforderung dar, dieses Phänomen zu interpretieren. Dazu bedarf es nicht nur der reinen Vernunft; es braucht einen holistischen Vernunftansatz, der andere Formen der Intelligenz miteinbezieht, arationale, emotionale und archetypische Problemstellungen, die aus dem historischen Prozess direkt hervorgehen, wenn nicht sogar aus der Kosmogenese. Auf diese Weise hätten wir einen mehr oder weniger vollständigen Rahmen, welcher der Einzigartigkeit dieses Phänomens gerecht werden könnte.

Zunächst müssen wir feststellen, dass dies das erste größere Ereignis ist, ein Resultat der neuen Ära in der menschlichen Kommunikation, die völlig offen ist, eine Demokratie in der Stunde Null, die sich über die sozialen Netzwerke zum Ausdruck bringt. Jeder kann aus der Anonymität heraustreten und seine Meinung kund tun, Gesprächspartner finden, Gruppen und Versammlungen organisieren, ein Programm entwerfen und auf die Straße gehen. Auf ein Mal bilden sich Netzwerke von Netzwerken, die Tausende mobilisieren, über Grenzen von Raum und Zeit hinaus. Dieses Phänomen muss mit Präzision analysiert werden, denn es könnte einen Sprung in der Zivilisation darstellen, welcher der Geschichte eine neue Richtung verleiht, nicht nur einem einzigen Land, sondern der ganzen Menschheit. Die Demonstrationen in Brasilien haben Solidaritätsbekundungen in etlichen anderen Städten der Welt, vor allem in Europa, hervorgerufen. Brasilien besteht plötzlich nicht mehr nur aus Brasilianern. Es handelt sich um einen Teil der Menschheit, der sich als eine Spezies versteht, die gemeinsam in dem einen selben Haus lebt und sich betroffen von kollektiven und universellen Angelegenheiten fühlt.

Warum sind diese Massenbewegungen gerade jetzt in Brasilien ausgebrochen? Dafür gibt es viele Gründe. Ich gehe hier nur auf einen dieser Gründe ein und komme auf die anderen ein andermal zurück.

Mein Gefühl für die Welt sagt mir als erstes, dass es sich um einen Sättigungseffekt handelt: Die Menschen haben die in Brasilien ausgeübte Politik satt, selbst die der Führungsspitze der Arbeiterpartei PT (abgesehen von der Kommunalpolitik, die sich die alte populäre Inbrunst bewahrt hat). Die Menschen haben von Programmen profitiert wie die « bolsa familia » (Familienwohlfahrt), vom « Licht für alle », « mein Haus meines Lebens », « credito consignado » (leichterer Zugang zu Verbraucherkrediten, und sie sind in die Konsumgesellschaft eingetreten. Und nun? Der kubanische Dichter Ricardo Retamar drückt es treffend aus: « Der Mensch hat zwei Arten von Hunger: einen Hunger nach Brot, der unstillbar ist, und einen anderen nach Schönheit, der unstillbar ist. »  Schönheit ist hier zu verstehen als Bildung, Kultur, Anerkennung der Menschenwürde und der Rechte des einzelnen und der Gesellschaft, einen Mindestgrad an Gesundheit und weniger unmenschliche Fortbewegungsmittel.

Dieser zweite Hunger wurde nicht ausreichend von der politischen Macht, weder von der PT noch von anderen Parteien, gestillt. Wem es gelingen konnte, seinen ersten Hunger zu stillen, dem ist daran gelegen, dass auch die anderen Arten von Hunger berücksichtigt werden, nicht zuletzt der Hunger nach Kultur und Partizipation. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für das tiefgreifende soziale Ungleichgewicht, das für die brasilianische Gesellschaft eine große Stigmatisierung darstellt. Dieses Phänomen wird umso unerträglicher, je mehr die Bürgerschaft und die reale Demokratie sich dessen bewusst werden.

 

In Gesellschaften, in denen die soziale Schere so weit auseinander klafft wie in der unseren, besteht die Demokratie nur formal und wird im Akt des Wählens ausgeübt (was im Grunde genommen in der Möglichkeit besteht, alle vier Jahre seinen neuen Diktator zu wählen, da der Kandidat, wenn er erst einmal gewählt ist, mit dem Rücken zum Volk regiert und eine Palastpolitik praktiziert). Sie zeigt sich als eine kollektive Farce. Diese Farce wurde nun demaskiert. Die Massen wollen an den Entscheidungen über Großprojekte, die sie betreffen, beteiligt werden, doch bis jetzt werden sie nicht einmal dazu befragt. Ganz zu schweigen von der indigenen Bevölkerung, deren Land für die Agro-Industrie oder für Wasserstaudamm-Projekte beschlagnahmt wurde.

Das Phänomen der Menschenmengen auf der Straße erinnert mich an das Stück von Chico Buarque de Hollanda und Paulo Pontes Bridges von 1975: « Der Wassertropfen ». Jetzt haben wir den letzten Tropfen erreicht, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Autoren müssen irgendwie eine Intuition für das aktuelle Phänomen gehabt haben, als sie im Vorwort ihres Buchs schrieben: « Wichtig ist, dass das brasilianische Leben wieder der Tribüne der brasilianischen Öffentlichkeit zurückgegeben werden kann … Unsere Tragödie ist die Tragödie des brasilianischen Lebens. » Nun wird diese Tragödie durch die schreienden Menschenmengen auf der Straße angeprangert. Das Brasilien, wie wir es heute haben, ist nicht für uns. Es schließt uns vom Sozialpakt aus, dessen Löwenanteil immer den Eliten zukommt. Die Menschen wollen ein brasilianisches Brasilien, in dem das Volk ernst genommen wird und in dem sie bei der Neugründung des Landes beitragen können, das auf anderen, eher demokratisch-partizipativen und ethischen Grundlagen basiert und weniger auf schlechten Formen sozialer Beziehungen.

 

Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Schrei nicht gehört, verstanden und befolgt wird. Von nun an ist eine andere Politik möglich.

Übersetzt von Bettina Gold-Harnack

Zeichen des Geistes in der Welt

 

 Seit einiger Zeit hat sich eine richtige Theologie um die „Zeichen der Zeit“ entwickelt, so als könne man mithilfe dieser Wahrnehmung einen göttlichen Plan für die Geschichte der Menschheit erkennen. Dieses Vorgehen ist jedoch riskant, denn um die Zeichen zu erkennen, muss man zuerst die Zeit erkennen. Und die heutige ist komplex, wenn nicht widersprüchlich. Was für die Einen ein Zeichen des Geistes ist, kann für andere ein Gegenzeichen sein.

 

 Es gibt jedoch gewisse Ereignisse, die von allen ernst genommen werden müssen, tragen sie doch eine Offenkundigkeit in sich selbst. Wegen ihrer hohen Sinndichte werden wir hier auf einige von ihnen eingehen.

 

 Beim ersten geht es zweifellos um den Prozess der Planetisierung. Dieser stellt über die Tatsache hinaus, ökonomisch und politisch unleugbar zu sein, ein historisch-anthropologisches Phänomen dar: Die Menschheit entdeckt sich selbst als Spezies, die im selben und einzigartigen Haus, dem Planeten Erde, lebt und ein gemeinsames Schicksal teilt. Dieser nimmt vorweg, was bereits Pierre Teilhard de Chardin in seinem Kirchenexil in China im Jahr 1933 sagte: Wir befinden uns im Vorzimmer einer neuen Phase der Menschheit: der Phase der Noosphäre, d. h. der Einklang des Geistes mit dem Herzen, welche sich mit der Geschichte der Erde zu einer einzigen Geschichte vereinen. Jener Geist sucht immer die Einheit, die Versöhnung und den Einklang in der Verschiedenheit.

Ein weiteres wichtiges Zeichen wird durch die Weltsozialforen gesetzt, die seit dem Jahr 2000 in Porto Alegre (Brasilien) ihren Ausgang nahmen. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte gelang es den Armen der Welt, als Gegengewicht zum Treffen der Reichen in der schweizerischen Stadt Davos, so viel Energie und Ausdruckskraft zu bündeln, dass sie Tausende vereinten, um ihre Erfahrungen des Widerstands und der Befreiung zu demonstrieren und den gemeinsamen Traum zu nähren, dass eine andere Welt möglich und nötig ist. Hier sieht man die Saat des neuen Paradigmas der Menschheit aufgehen, die in der Lage ist, auf eine andere Weise die Produktion, den Konsum, den Naturschutz und die Einbeziehung aller in einem gemeinsamen Projekt, das die Zukunft des Lebens gewährleistet, zu organisieren.

Mit dem Arabischen Frühling hat der Geist auch ein Zeichen in der Welt gesetzt. Er hat ganz Nordafrika angesteckt und steht unter dem Zeichen der Suche nach Freiheit, nach Achtung der Menschenrechte und der Integration der Frauen, als gleichberechtigte Mitglieder an gesellschaftlichen Prozessen. Diktatoren wurden gestürzt, Demokratien ausprobiert, der religiöse Aspekt wird im Neuaufbau der Gesellschaft mehr und mehr geschätzt, wobei die fundamentalistischen Ansätze eine sekundäre Rolle spielen. Diese historischen Fakten müssen interpretiert werden, und zwar über die weltliche und soziopolitische Lesart hinaus als ein Aufleuchten des Geistes der Freiheit und der Kreativität.

Wer könnte leugnen, dass, nach biblisch-theologischer Lesart, die Krise von 2008, die hauptsächlich das wirtschaftliche und finanzielle Machtzentrum der Welt getroffen hat, in dem sich die großen wirtschaftlichen Konglomerate befinden, die von Spekulationen leben und damit zur Destabilisierung anderer Länder beitragen, was deren Bevölkerung zur Verzweiflung treibt, auch ein solches Zeichen des Geistes ist? Es ist ein Warnzeichen, dass die Bosheit ihre Grenzen hat und dass Gottes strenges Strafgericht über sie kommen kann: ihre komplette Vernichtung.

Als Gegengewicht zu diesem vorigen negativen Zeichen gibt es eine positive Bewegung der Opfer, die sich in Europa als die „Indignados (Empörten)“ in Spanien und England und als „Occupy Wall Street“ in den USA zusammengeschlossen haben.  An ihnen lässt sich eine Energie für den Protest und die Suche nach neuen Formen der Demokratie und der Produktionsweise ablesen, deren Ursprungsquelle, in der Lesart des Glaubens, der Geist ist.

Ein weiteres Zeichen des Geistes in der Welt hat Gestalt angenommen in einem steigenden ökologischen Bewusstsein einer wachsenden Zahl von Menschen auf der ganzen Welt. Die Tatsachen lassen sich nicht leugnen: Wir sind an das Limit der Erde gestoßen, die Ökosysteme sind mehr und mehr erschöpft, die Tage der fossilen Energieträger, des geheimen Motors unseres gesamten Industrieprozesses, sind gezählt, und die globale Erwärmung, die sich nicht stoppen lässt, könnte in wenigen Jahrzehnten die gesamte biologische Artenvielfalt bedrohen.

Wir sind die Hauptverantwortlichen für dieses ökologische Chaos. Wir brauchen dringend ein anderes Zivilisations-Paradigma, das auf einer Linie ist mit den Visionen, die die Menschheit bereits mit dem „Guten Leben“ und dem „Guten Leben mit“ (sumak kawsay) der Andenvölker ausprobiert haben, wie auch mit dem „Glücksindex“ von Butan, dem Ökosozialismus, der solidarischen und biozentrierten Ökonomie, einer richtig verstandenen Grünen Wirtschaft oder mit Projekten, deren Hauptmerkmal auf dem Leben liegt, der Menschheit und der lebendigen Erde.

Schließlich ist der Aufstieg der feministischen und der öko-feministischen Bewegung ein starkes Zeichen des Heiligen Geistes in der Welt. Die Frauen haben nicht nur die weltliche Herrschaft der Männer über die Frauen (Gender-Frage) verurteilt, sondern vor allem die ganze patriarchalische Kultur. Das Eindringen der Frauen in alle Domänen der menschlichen Aktivität, in die Arbeitswelt, in die Zentren des Wissens, in die Domäne der Politik und der Künste, vor allem aber mit einer tiefen Reflexion über die Stellung der Frau und über die ganze Realität, müssen als ein gewaltiger Blitz des Geistes in der Geschichte erachtet werden.

Das Leben auf der Erde ist bedroht. Der Frau ist das Leben eigen, denn sie bringt es seit jeher hervor und sorgt für es. Ich glaube, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Frauen sein, die zusammen mit den Männern mehr und mehr kollektive Verantwortung übernehmen werden. Durch sie werden Werte wie Achtsamkeit, Kooperation, Solidarität, Mitgefühl und bedingungslose Liebe die Grundlage einer neuen zu testenden planetarischen Zivilisation.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Radikal arm sein, um wahrhaft geschwisterlich zu sein

Eines der ersten Worte von Papst Franziskus lautete: „Wie sehr wünschte ich eine arme Kirche, die für die Armen da ist.“ Dieser Gedanke ist auf einer Wellenlänge mit dem Geist des Hl. Franz von Assisi, genannt „der Arme“, „der kleine arme Mann aus Assisi“. Er versuchte nicht, eine arme Kirche für die Armen zu schaffen, denn dies war unter der Herrschaft des Christentums, als die Kirche alle Macht hatte, nicht möglich. Doch er schuf um sich herum eine Bewegung und eine Gemeinschaft der Armen, mit den Armen, als Arme.

Was seine Klassenzugehörigkeit betrifft, so kam Franziskus aus dem reichen, lokalen Bürgertum. Sein Vater war ein reicher Tuchhändler. Als Jugendlicher war Franziskus der Anführer einer Gruppe unbekümmerter Bohémiens – der Jeunesse dorée (vergoldete Jugend) -, die von Fest zu Fest zogen und Lieder der südfranzösischen Troubadoure sangen. Als Erwachsener erlitt er eine tief greifende existenzielle Krise. Während dieser Krise brach in ihm ein unerklärlich großes Mitgefühl und Liebe für die Armen, insbesondere für die Leprakranken, die außerhalb der Stadt leben mussten, auf. Er verließ seine Familie und das Familiengeschäft und wählte ein Leben nach dem Evangelium in radikaler Armut bei und mit den Leprakranken. Jesus, der Arme und Gekreuzigte, sowie die Armen, denen er täglich begegnete, waren der Beweggrund für diese Lebensveränderung. Er verbrachte zwei Jahre in Gebet und Buße, bis er in seinem Innern die Stimme des Gekreuzigten sagen hörte: „Franziskus, geh und richte meine Kirche wieder auf. Sie ist ganz zerfallen.“

Er verstand nicht gleich, dass es nicht um den Aufbau etwas Materiellen ging, sondern um eine spirituelle Mission. Er schlug alle Wege ein, um das Evangelium in den Dörfern in der Sprache des Volkes zu predigen. Und er tat dies mit solch einer Freude, „Grazie“ und Überzeugungskraft, dass er einige seiner ehemaligen Freunde faszinierte. Im Jahr 1209 erhielt er von Papst Innonzenz III die Genehmigung für seine „Verrücktheit“ nach dem Evangelium. Damit begann die franziskanische Bewegung, die innerhalb von weniger als 20 Jahren mehr als 5000 Anhänger gewann. Vier zentrale Prinzipien lagen der Bewegung zugrunde: eine leidenschaftliche Liebe für den gekreuzigten Christus; eine zärtliche und geschwisterliche Liebe für die Armen; „Frau Armut“; echte Einfachheit und tiefe Demut.

Lassen wir andere zentrale Prinzipien beiseite und versuchen wir zu verstehen, wie Franziskus die Armen sah und mit ihnen lebte. Er tat nichts für die Armen (wie z. B. die   Gründung eines Krankenhauses oder einer Krankenstation), sondern er tat vieles mit den Armen, denn er bezog sie in die Verkündigung des Evangeliums mit ein und war so viel wie möglich bei ihnen. Doch er tat noch mehr: Er lebte mit den Armen. Franziskus übernahm ihre Lebensbedingungen, ihre Sitten, er küsste sie, reinigte ihre Wunden und aß mit ihnen. Er machte sich selbst zu einem Armen inmitten der Armen. Und wenn er jemandem begegnete, der noch ärmer war als er, so gab er diesem einige seiner Kleidungsstücke, sodass er wirklich zum Ärmsten der Armen wurde.

Armut besteht nicht darin, nichts zu besitzen, sondern in der Fähigkeit, zu verschenken und noch mehr zu verschenken, bis alles verschenkt worden ist. Es ist kein Weg der Askese, sondern ein Mittel zur unvergleichlichen Vollkommenheit: die Identifikation mit Christus, dem Armen, und mit den Armen, mit denen ihn eine geschwisterliche Freundschaft verband.

Franziskus hatte erkannt, dass sich Besitz zwischen Menschen stellt, sodass diese sich nicht mehr gegenseitig in die Augen sehen und von Herz zu Herzen sprechen können. Es sind solche Interessen (inter-esse „dazwischen Seiendes“), die sich zwischen Menschen schieben und zu Hindernissen für die Geschwisterlichkeit werden. Armut ist das stete Bemühen, sich von Besitztümern und Interessen jeglicher Art zu befreien, sodass  von dort aus wahre Geschwisterlichkeit entstehen kann. Radikal arm sein, um wahrhaftig ein Bruder zu sein, dies war das Projekt des Franziskus, und davon leitet sich die Wichtigkeit der radikalen Armut ab.

Eine solch extreme Armut ist zugegebenerweise schwer und hart. Niemand lebt ausschließlich von mystischen Erfahrungen. Die Existenz in einem Körper und in der Welt hat Bedürfnisse, die nicht geleugnet werden können. Wie kann diese unmenschliche Realität, die diese Art von Armut darstellt, menschlich gestaltet werden? Quellen aus jener Zeit bezeugen, dass die Brüder aussahen wie „Waldmenschen (Wilde), die sehr wenig aßen, barfuß gingen und die schrecklichsten Lumpen trugen.“ Doch zur allgemeinen Überraschung, so heißt es, mangelte es ihnen nie an Freude und an guter Laune.

In diesem Kontext extremer Armut wertete Franziskus die Freundschaft auf. Die Armut des einen ist eine Herausforderung für den anderen, in Form von Spenden oder Arbeit für ihn zu sorgen und dafür, dass er das Lebensnotwendige, Obdach und Sicherheit erhält. Auf diese Weise wird haben ersetzt durch Sicherheit geben. Franziskus wollte, dass jeder Bruder diesen Auftrag erfüllt, für den anderen wie eine Mutter zu sein, denn Mütter wissen, wie man für andere sorgt, vor allem für die Kranken. Nur die gegenseitige Achtsamkeit macht unsere Existenz erst menschlich, wie Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ aufzeigte. Für diejenigen, die völlig schutzlos lebten, bedeutete eine solche Geschwisterlichkeit tatsächlich alles. Der Biograph Thomas von Celano beschrieb die Heiterkeit und Freude in solch großer Armut. Er beobachtete: „Voller Sehnsucht strebten sie danach, einander wieder zu sehen, und waren glücklich, wenn sie zusammen sein konnten. Distanz auszuhalten war schmerzhaft, Abschied war bitter, Trennung traurig.“ Sich von allem zu entledigen ermöglichte ihnen, die Schönheit der Welt zu genießen, da sie diese nicht besitzen, sondern sich nur an ihr erfreuen wollten.

Es gibt viele Lehren, die aus diesem spirituellen Abenteuer gezogen werden können. Lasst uns an dieser festhalten: Für Franziskus muss beim Knüpfen einer menschlichen Beziehung immer bei denen begonnen werden, die weder machtvoll sind, noch nach Macht streben. Sie müssen als Brüder und Schwestern in die Arme geschlossen werden. Nur eine Geschwisterlichkeit, die von unten kommt und von da aus alle mit einschließt, ist wahrhaft menschlich und nachhaltig. Die Kirche, die wir heute haben, wird nie wie die Armen sein. Doch sie kann für die Armen und mit den Armen sein, so wie Papst Franziskus es sich erträumt.

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack