Die „Versuchung“ des Franz von Assisi und die mögliche „Versuchung“ des Franziskus von Rom

Wir brauchen uns den Lebensweg der Heiligen nicht als gerade und komplikationslos vorzustellen, sondern so wie das Leben eines jeden Menschen: voll Freude und Frustration, mit gefährlichen Versuchungen und mutiger Selbstüberwindung. Das war für den Heiligen Franziskus nicht anders, der uns beschrieben wird als der höfliche und „stets fröhliche Bruder“, der in einer mystischen Einheit mit allen Geschöpfen lebte, die er als seine Brüder und Schwestern betrachtete. Gleichzeitig war er erfüllt von leidenschaftlich großer Wut, als er sah, wie seine Ideale von seinen Brüdern verraten wurden. Sein erster Biograph, Thomas von Celano, beschrieb mit schonungslosem Realismus, dass Franziskus unter Versuchungen „heftigen Verlangens“ litt, diese jedoch symbolisch zu sublimieren wusste.

 

Es gibt allerdings einen Umstand, den die fromme franziskanische Historiografie verschweigt, der jedoch in der historischen Kritik dokumentiert wird und als „die große Versuchung“ bekannt ist. Die letzten fünf Lebensjahre Franziskus‘ (er starb 1226) waren geprägt von großer Furcht bis fast hin zur Verzweiflung und von ernsten Krankheiten, die ihn ereilten, wie Malaria und Erblindung. Das Problem war offenkundig: sein Lebensideal bestand darin, in äußerster Armut und radikaler Einfachheit zu leben, jeglicher Macht entledigt und als einzige Stütze die Lektüre des Evangeliums, frei von jeglicher Interpretation, die so oft dessen revolutionären Charakter verschleiert.

 

So kam es, dass innerhalb von wenigen Jahren sein Lebensstil Tausende von Anhängern anzog, insgesamt mehr als fünftausend. Wo sollte man sie unterbringen? Wie sie verpflegen? Viele von ihnen waren Priester und Theologen, wie der Heilige Antonius. Seine Bewegung hatte weder eine Struktur, noch eine rechtliche Grundlage. Sie war ein purer Traum, der im Leben verwirklicht werden sollte. Franziskus verstand sich selbst als „novellus pazzus“, als „neuer Narr“, den Gott für die sehr reiche Kirche wollte, die von Papst Innonzenz III, dem mächtigsten Papst der Geschichte, gelenkt wurde,.

 

Ab dem Sommer 1220 schrieb er verschiedene Versionen einer Regel, die jedoch alle von den Versammlungen der Brüder abgelehnt wurden. Sie waren zu utopisch. Frustriert und mit dem Gefühl, nutzlos zu sein, beschloss er, auf die Leitung der Bewegung zu verzichten. Angsterfüllt und ohne zu wissen, was er noch tun könne, fand er für zwei Jahre Zuflucht in den Wäldern, wo er nur von seinem guten Freund und Mitbruder Leo besucht wurde. Er wartete vergeblich auf eine göttliche Erleuchtung. In der Zwischenzeit wurde eine Ordensregel verfasst, die unter dem Einfluss der römischen Kurie und des Papstes geprägt wurde und die aus der Bewegung einen religiösen Orden machte: den Orden der Minderbrüder mit klar definierten Strukturen und Richtlinien. Es fiel ihm schwer, doch Franziskus akzeptierte diese demütig. Doch er brachte klar zum Ausdruck, dass er nicht mehr darüber diskutieren wolle, sondern weiterhin Beispiele für diesen Traum des einfachen Lebens geben. Das Gesetzt triumphiert über das Leben, die Macht hält das Charisma in Schach.

 

Doch der franziskanische Geist überdauerte: der Geist der Armut, der Einfachheit, der universellen Geschwisterlichkeit, der uns bis auf den heutigen Tag inspiriert. Franziskus starb unter großer persönlicher Enttäuschung, ohne jedoch seine Freude zu verlieren. Im Sterben sang er provenzalischen Liebeslieder und Psalmen.

 

Franziskus von Rom wird gewiss mit seiner eigenen „großen Versuchung“ konfrontiert werden, nicht weniger als Franz von Assisi. Er muss die römische Kurie, die tausend Jahre alte Institution, reformieren. In ihr hat sich die sakrale Macht (sacra potestas) zu einem Verwaltungsapparat verhärtet. Immerhin handelt es sich um die Organisation einer Institution, deren Mitgliederzahl so hoch ist wie die Bevölkerungszahl Chinas: eine Milliarde zwei Hundert Millionen Katholiken. Aber Vorsicht: Wo es Macht gibt, haben Liebe und Barmherzigkeit es schwer. Dies ist ein Reich der Doktrin, von Gesetz und Ordnung, das naturgegebenerweise ein- oder ausschließt, gutheißt oder verdammt.

 

Wo es Macht gibt, vor allem in absolutistischen Monarchien wie im Vatikanstaat, kommt es immer auch zu Gegenmacht-Intrigen, zu Emporkömmlingen und zu Machtkämpfen. Thomas Hobbes sagte dies ausdrücklich in seinem berühmten Leviatan (1651): „Machterhaltung kann nur durch das Streben nach immer mehr Macht gewährleistet werden.“ Franziskus von Rom, der aktuelle Ortsbischof und Papst, muss in diese Macht eingreifen, die von tausenden Tricks und manchmal auch durch Korruption geprägt ist. Wir wissen durch vorige Päpste, die auch vorschlugen, die Kurie zu reformieren, welch Widerstand und Frustration sie zu ertragen hatten, einschließlich des Verdachts der körperlichen Vernichtung eines Papstes durch Mitglieder der Kirchenverwaltung. Franziskus von Rom ist vom franziskanischen Geist geprägt: Er ist für Armut, Einfachheit und für Machtverzicht. Doch glücklicherweise ist er ein Jesuit mit einem anderen Hintergrund und versehen mit der berühmten Fähigkeit des Jesuiten-Ordens zur „Unterscheidung der Geister“. In allen Handlungen des Franziskus von Rom zeigt sich eine Zärtlichkeit, doch er kann auch eine ungewöhnliche Härte zeigen, wie sie einem Papst gebührt, dessen Auftrag es ist, die moralisch marode Kirche zu restaurieren.

 

Franz von Assisi hatte wenige Berater, Träumer wie er selbst, die nicht wussten, wie sie ihm hätten helfen können. Franziskus von Rom hat sich von Beratern umgeben, die aus allen Kontinenten stammen, reich an Lebensjahren sind und dadurch an Erfahrung in der Ausübung der sakralen Macht. Dieser Papst muss sich nun ein anderes Profil zulegen: näher am Dienen als am Befehlen, sich der Symbole einer prunkvollen Macht eher entledigen als sich mit ihnen zu zieren, mehr nach dem „Geruch des Lamms“ riechen als nach dem Duft der Blumen am Altar. Der Träger der sakralen Macht muss zuerst ein Hirte sein, bevor er Träger kirchlicher Autorität wird; in der Güte präsidieren und weniger mit Hilfe des kanonischen Rechts, muss Bruder unter Brüdern sein, wenn auch mit unterschiedlichen Verantwortungen.

 

Wird Franziskus von Rom seiner „große Versuchung“ standhalten, inspiriert durch seinen Namensvetter aus Assisi? Ich schätze, er wird wissen, wo er sich mit fester Hand durchsetzen muss, und es wird ihm nicht am Mut mangeln, dem zu folgen, was ihm seine “Unterscheidung der Geister” als Notwendigkeit diktiert, um effizient die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherzustellen und zur Faszination der Person des Jesus von Nazareth zurückzukehren.   

 

Übersetz von Bettina Gold-Harnack
 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 


 

 

 

 

 

 

Der Mensch als Knäuel der Gesamtheit von Beziehungen

Im Jahr 1845 schrieb Karl Marx seine berühmten 11 Thesen über Feuerbach, die erst im Jahr 1888 durch Engels veröffentlicht wurden. In seiner sechsten These sagt Marx etwas Wahres, wenn auch Reduktionistisches: „Das menschliche Wesen ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ In der Tat können wir uns das menschliche Wesen nicht außerhalb von gesellschaftlichen Verhältnissen denken. Doch es ist viel mehr als das, denn es ist das Ergebnis der Gesamtheit seiner Beziehungen.

 

Will man das menschliche Wesen beschreiben, ohne zu versuchen es zu definieren, erscheint dieses wie ein Knäuel von Beziehungen in alle möglichen Richtungen: nach unten, nach oben, nach innen und nach außen. Das ist wie ein Wurzelstock, eine Zwiebel, aus der Wurzeln in alle Richtungen wachsen. Das menschliche Sein definiert sich in dem Maße, wie aktiv dieses Ensemble an komplexen Beziehungen ist, und nicht nur an sozialen Beziehungen.

 

Mit anderen Worten: das menschliche Sein ist gekennzeichnet durch eine uneingeschränkte Offenheit: gegenüber sich selbst, der Welt, dem Anderen und gegenüber allem. In seinem Inneren spürt er einen unendlichen Drang, doch er findet nur endliche Objekte  vor.  Daher erklärt sich seine ständige Unvollkommenheit und Unzufriedenheit. Dies ist kein psychologisches Problem, das ein Psychoanalytiker oder ein Psychiater lösen könnte. Es handelt sich um sein  ontologisches Markenzeichen, nicht um einen Defekt.

 

Marx‘ Aussage zufolge spielt sich ein Großteil des menschlichen Seins tatsächlich in der Gesellschaft ab. Deshalb ist es so wichtig, die soziale Ausformung zu berücksichtigen, die die besten Bedingungen schafft, damit er sich mehr und mehr in den unterschiedlichen Beziehungen entfalten kann.

 

Ohne dies gebührend zu rechtfertigen,  sagen wir, dass die beste soziale Ausformung in der Demokratie besteht: gemeinschaftlich, sozial, repräsentativ, von unten nach oben, aufsteigend und alles ausnahmslos integrierend. Gemäß der Formulierung von Bonaventura de Souza Santos  muss Demokratie endlos sein. Wir haben es mit einem offenen Projekt zu tun, das sich stets weiter entwickelt und das mit den Beziehungen in der Familie beginnt, in der Schule, der Gemeinde, den Vereinen, den Bewegungen, den Kirchen und das in der staatlichen Organisation gipfelt.

 

Wie ein Tisch sich auf vier Beine stützt, so sehe ich eine minimale und wahre Demokratie, so wie es auch Herbert de Souza (Betinho) schon so oft im Lauf seines Lebens unterstrich und wie wir zusammen in Konferenzen und Debatten versucht haben, es unter den Bürgermeistern und Machthabern zu verbreiten.

 

Das erste Bein besteht aus der Partizipation: das menschliche Wesen, das intelligent und frei ist, möchte von einem Prozess nicht nur profitieren, sondern aktiv an diesem teilnehmen. Erst dann wird er zum Subjekt und zum Staatsbürger. Diese Beteiligung muss von unten kommen und darf niemanden ausschließen.

 

Das zweite Bein ist die Gleichheit. Wir leben in einer Welt von Ungleichheiten aller Art. Jeder Mensch ist einzigartig und unterschiedlich. Doch die wachsende Teilnahme an allem kann verhindern, dass die Unterschiedlichkeit zur Ungleichheit wird und kann so die Gleichheit sich ausbreiten lassen.  Die Anerkennung der gleichen Würde jeder Person und der Respekt vor ihren Rechten bringen soziale Gerechtigkeit voran. Durch die Gleichheit entsteht Angemessenheit: die richtige Proportion, die jeder für seine Mitarbeit an der Konstruktion des sozialen Ensembles erhält.

 

Das dritte Bein ist die Unterschiedlichkeit. Sie ist naturgegeben. Jedes Wesen, vor allem der Mensch, Mann wie Frau, ist unterschiedlich. Dies sollte akzeptiert und respektiert werden wie ein Ausdruck der den Individuen, Gruppen und Kulturen je eigenen potenziellen Möglichkeiten.  Es sind diese Unterschiede, die aufzeigen, dass die Menschen  verschieden sein können, ganz menschlich, und daher würdig, respektiert und akzeptiert zu werden.

 

Das vierte Bein entsteht durch die Gemeinschaft: der Mensch besitzt Subjektivität, die Fähigkeit, mit seinem Inneren zu kommunizieren und mit der Subjektivität der anderen; er ist Träger von Werten wie die Solidarität, das Mitgefühl, der Schutz des Schwächeren und der Dialog mit der Natur und dem Göttlichen. Hier sehen wir die Spiritualität als eine Dimension des Bewusstseins, durch die wir uns als Teil des Ganzen und als das Ensemble der unantastbaren Werte fühlen, die unserem persönlichen und sozialen Leben einen Sinn verleihen und damit dem ganzen Universum.

 

Diese vier Beine gehören immer zusammen und belassen den Tisch im Gleichgewicht, denn sie sind die Stützen einer wahrhaften Demokratie. Sie lehren uns, Mitwirkende am Bau des Gemeinwohls zu sein, und in seinem Namen lernen wir, unser Verlangen einzuschränken zugunsten des Gemeinwohls und zur Befriedigung der kollektiven Bedürfnisse.

 

Diesen Tisch mit vier Beinen könnte es nicht geben, wenn er sich nicht auf den Boden und auf die Erde stützte. Genauso wäre eine Demokratie nicht vollkommen, wenn sie die Natur, die alles ermöglicht, nicht beinhaltete. Sie ist es, die uns die physikalisch-chemische und ökologische Grundlage bietet, die das Leben und jeden von uns erhält. Dadurch dass sie per se  Träger von Werten sind, unabhängig vom Gebrauch, den wir davon machen, haben alle Lebewesen Anspruch auf Rechte. Sie sind es wert, weiterhin zu existieren, und wir müssen auf sie hören und sie als Staatsbürger respektieren. Sie werden in einer sozio-kosmischen, endlosen Demokratie miteinbezogen sein. Das menschliche Sein verwirklicht sich, indem es sich in allen Dimensionen entfaltet. Dies ist ein unbegrenzter, endloser Prozess.

Übersetz von Bettina Gold-Harnack

„Nur ein Gott kann uns retten“

                    

Die Krise unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation verlangt nach mehr als einer historischen und soziologischen Erklärung. Es bedarf einer philosophischen Reflexion, die zu einer theologischen Frage führt. Es war Martin Heidegger (1889-1976), der dies klar erkannte, noch bevor die ökologischen Alarmglocken erklangen. In einer berühmten Vortragsreihe in München im Jahr 1955, an der u. a. auch Werner Heisenberg und Jose Ortega y Gasset teilnahmen, legte er in seiner Rede über „Die Frage nach der Technik“ klar das Risiko dar, das die Naturwelt und die Menschheit laufen, indem letztere sich völlig von der intrinsischen Logik der Denk- und Handelsweise durchziehen lässt, welche für das Erringen persönlicher oder sozialer Vorteile in alle Aspekte der Naturwelt eingreift und diese manipuliert. Die wissenschaftlich-technische Kultur hat unser Verständnis unserer selbst so tief durchdrungen, dass wir weder einander verstehen noch leben können, ohne diese Prothese in uns selbst und in unsere Seinsweise in dieser Welt zu verinnerlichen.

Hier spiegelt sich die Konvergenz zweier Traditionen der abendländischen Philosophie wider: die platonische Philosophie, durch christliche Tendenzen mit einem idealistischen Beigeschmack versehen, und die des Aristoteles, die eher empirisch und die Grundlage der Wissenschaft ist. Mit Descartes verschmolzen beide im 17. Jahrhundert und bildeten die Basis für die moderne Techno-Wissenschaft, das aktuell vorherrschende Paradigma. Diese Seinsweise fragt danach, wie Dinge sind, wie sie funktionieren und wie sie nützlich für uns sein können. Das Wunder, das die Dinge, verglichen mit dem Nichts, darstellen, interessiert sie nicht. Wir spalten uns von der Naturwelt ab, um in die tiefsten Tiefen der künstlichen Welt einzutauchen. Wir haben die organische Beziehung zu den Dingen, Pflanzen, Tieren, Bergen und zu den Menschen selbst verloren.

Alles wird zum Werkzeug instrumentalisiert, das irgendwelchen Zwecken dienlich sein soll.  Wir sehen in den Lebewesen nicht mehr den ihnen anhaftenden Selbstzweck, sondern nur seinen physischen oder geistigen Nutzen, den es auszubeuten gilt. Wenn etwas machbar ist, so wird es ohne jegliche ethische Rechtfertigung durchgeführt. Wenn wir ein Atom spalten können, gibt es keinen Grund, dies nicht zu tun und keine Atombombe daraus zu machen. Wenn wir diese Bombe über Hiroshima oder Nagasaki abwerfen können, wer sollte uns daran hindern? Wenn ich den genetischen Code manipulieren kann, gibt es keine moralischen oder ethischen Grenzen, die dies verhindern würden. Und wir führen Experimente durch, die uns interessieren und nützlich für den Markt und für einen bestimmten Lebensstil sein könnten.

Heidegger warnt uns, dass die Techno-Wissenschaft in uns einen Mechanismus (ein Gestell) geschaffen hat, d. h. eine Sichtweise, die alles als einen uns zur Verfügung stehenden Gegenstand erachtet. Er hat alle Bereiche kolonisiert und sich alles Wissen unterworfen. Er hat sich in einen Motor verwandelt, der sich auf eine solche Weise von selbst beschleunigt, dass wir nicht wissen, wie wir ihn noch stoppen können. Wir haben uns zu seinen Geiseln gemacht. Er diktiert uns, was wir zu tun und was wir zu lassen haben. Hier zeigt Heidegger auf, welch großes Risiko wir als natürliche Wesen und als Spezies eingehen.

Die Techno-Wissenschaft schadet den Grundlagen, die das Leben bewahren, und hat eine Zerstörungskraft entwickelt, die in der Lage ist, uns alle auszulöschen. Die Mittel dazu wurden bereits entwickelt und stehen uns zur Verfügung. Wer hält die Hand zurück, die den Armageddon für Natur und Menschheit auslöst? Dies ist die Frage aller Fragen, die uns sowohl als Individuen als auch als Menschheit beschäftigen sollte; mehr als Wachstum und Zinssätze.

Heideggers Antwort darauf ist die „Kehre“, eine Umkehr oder Umwandlung. Dies ist der Endzweck all seines Denkens, wie es einem Brief an Karl Jaspers zu lesen ist: ein Museumswärter zu sein, der die Ausstellungsstücke abstaubt, sodass sie besser zu sehen sind. Als Philosoph bot er sich selbst an (wie schade, dass es in einer so furchtbar komplizierten Sprache ausgedrückt wurde), all das zu entfernen, das unser gewöhnliches und alltägliches Leben bedeckt. Was kommt dadurch zum Vorschein? Nichts, außer allem, was uns umgibt und was unser Sein-in-der-Welt-mit-anderen und mit der Landschaft, dem blauen Himmel, mit dem Regen und mit der Sonne ausmacht. Um zu ermöglichen, dass all diese Dinge als das gesehen werden, was sie sind, unterdrücken sie uns nicht, sondern sie sind einfach da, ruhig, mit uns, zu Hause.

Für diese Seinsweise suchte er bei den Vorsokratikern nach Inspiration, vor allem bei Heraklit, die dieses ursprüngliche Denken lebten, bevor es durch Platon und Aristoteles in Metaphysik, die Grundlage der Techno-Wissenschaft, verwandelt wurde. Doch Heidegger fürchtet, es könne schon zu spät sein. Wir sind dem Abgrund schon zu nahe, um noch umkehren zu können. In seinem letzten Interview im Jahr 1976 mit dem Spiegel, das post-mortem veröffentlicht wurde, sagte er: „Nur noch ein Gott kann uns retten.

Die philosophische Frage nach dem Geschick unserer Kultur hat sich in eine theologische Frage gedreht. Wird Gott eingreifen? Wird Gott zulassen, dass die Spezies sich selbst zerstört?

Als christlicher Theologe sage ich mit Paulus: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen“ (Röm 5,5), denn „Gott ist der Freund des Lebens“ ( Weish 11,26). Ich weiß nicht, wie. Aber ich hoffe.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Ökologischer Konstitutionalismus in Lateinamerika

Die modernen Verfassungen basieren auf anthropozentrischen Gesellschaftsverträgen. Sie beziehen den natürlichen Vertrag nicht mit ein; die Vereinbarung und Wechselseitigkeit, die zwischen Mensch und lebendiger Erde bestehen muss, welche uns mit allem versorgt und für die wir sorgen und die wir erhalten. Aus diesem Grund wäre es selbstverständlich anzuerkennen, dass sowohl die Erde als auch die Lebewesen, die sie beinhaltet, einen Rechtsanspruch besitzen. Die klassischen Kontraktualisten wie Kant und Hobbes jedoch sprachen nur den Beziehungen zwischen Menschen einen Anspruch auf Ethik und Recht zu. Eine Verpflichtung der Menschen gegenüber anderen Lebewesen, vor allem gegenüber Tieren, erkannten sie nur im Sinn von Nichtzerstörung an oder der Verpflichtung, diese nicht unnötigen Qualen oder Grausamkeiten zu unterwerfen.

Durch das Fehlen der Anerkennung des jedem Wesen innewohnenden intrinsischen Wertes, der unabhängig von seinem Nutzen für die Menschen und seinem rationellen Nutzen ist, und dass er einen Rechtsanspruch darauf hat, innerhalb desselben gemeinsamen Hauses, dem Planeten Erde, zu leben, wurde ein Weg geebnet, die Natur als bloßes Objekt zu behandeln, sie bedenkenlos und teilweise bis zur Auslaugung auszubeuten. Nun aber fiel es Lateinamerika zu, wie Eugenio Raul Zaffaroni, ein bekannter Kriminalist und Richter am Obersten Gerichtshof Argentiniens, in seinem Werk „Pachamama und der Mensch“ (La Pachamama y el Humano, Verlag Colihue 2012) aufzeigt, eine konstitutionelle Theorie zu entwickeln, in der der Erde und allen natürlichen Lebewesen, insbesondere den Tiere und anderen Lebewesen, ein Rechtsanspruch zugebilligt wird. Sie müssen in den modernen Verfassungen berücksichtigt werden, die den tief verwurzelten Anthropozentrismus und das Dominus-Paradigma des Menschen als den Herren und dominierenden Herrscher über die Natur und über die Erde hinter sich gelassen haben.

Die neuen lateinamerikanischen Konstitutionalisten kombinieren zwei Strömungen: die traditionelle der indigenen Völker, die die Erde (Pacha) als Mutter (Mama) betrachtet, daher der Name Pachamama, und der Rechte zustehen, denn sie ist lebendig und gibt uns alles, was wir brauchen, und schließlich, weil wir ein Teil von ihr sind und genauso zu ihr gehören wie die Tiere, die Wälder, die Urwälder, die Gewässer, die Berge und die Landschaften. Ihnen allen steht ein Existenzrecht zu und das Recht, mit uns zu koexistieren, und sie bilden so die große Gemeinschaft und die kosmische Demokratie.

Sie verknüpfen diese Tradition ihrer Urahnen, eine Tradition der Anden-Kultur, die sich von Patagonien bis nach Mittelamerika erstreckt, mit dem neuen Verständnis, das sich von der zeitgenössischen Kosmologie, der Genetik und der Molekularbiologie herleitet und von der Systemtheorie, die die Erde als einen lebenden Superorganismus erachtet, der sich in einer Weise selbst reguliert (Maturana-Varela und Capras Autopoiesis), dass er stets danach strebt, das Leben und die Möglichkeit der Fortpflanzung zu erhalten und dass sich dieses gemeinschaftlich entfaltet. Diese Erde, genannt Gaia, umfasst alle Wesen und erzeugt und erhält das Netz des Lebens mit seiner unermesslichen Artenvielfalt. Die Erde muss wie eine großzügige Mutter respektiert werden, ihre Möglichkeiten und Grenzen müssen akzeptiert werden, und darum auch ihr Rechtsanspruch – ihre Dignitas Terrae – , denn dies ist die Grundlage für die Ermöglichung und Förderung aller anderen persönlichen und sozialen Rechte.

Zwei lateinamerikanische Länder, Ecuador und Bolivien, haben eine wahrhaft ökologische Verfassung formuliert. In dieser Beziehung sind sie allen anderen sogenannten entwickelten Ländern voraus.

Die Montecristi Verfassung der Republik Ecuador von 2008 besagt ausdrücklich in ihrer Präambel: „Wir feiern die Natur, unsere Pachamama, von der wir ein Teil sind und die für uns von existenzieller Wichtigkeit ist.“ Im Folgenden betont sie, dass die Republik „eine neue Form des Zusammenlebens der Bürger gestalten will, in Vielfalt und in Harmonie mit der Natur, um das Gute Leben oder das Sumach Kawsay (die Fülle des Lebens) zu erreichen“. In Artikel 71, Kapitel VII heißt es: „Die Natur, bzw. Pachamama, in der das Leben reproduziert wird und Bewusstsein erlangt, hat ein Recht darauf, dass ihre Existenz in vollem Umfang respektiert wird, ihre Lebenszyklen erhalten und wiederhergestellt werden sowie ihre Evolutionsstruktur, -funktionen und -prozesse; alle Personen, Gemeinschaften, Völker oder Nationen können von den offiziellen Autoritäten verlangen, dass die Natur geschützt wird und dass der Respekt für alle Elemente, die ein Ökosystem bilden, gefördert wird.“

Die Worte der Präambel der Politischen Verfassung des Staates Bolivien, über die im Jahr 2009  abgestimmt wurde, sind bewegend: „In Erfüllung des Mandats unseres Volkes, mit der Stärke unserer Pachamama und in Dankbarkeit vor Gott gründen wir Bolivien neu.“  Artikel 33 lautet: „Die Menschen haben ein Recht auf eine gesunde Umgebung, auf Schutz und auf eine Umwelt, die sich im Gleichgewicht befindet. Die Ausübung dieses Rechts muss jedem Einzelnen und allen Gemeinden der gegenwärtigen und künftigen Generationen, einschließlich anderer Lebewesen, ermöglichen, sich in einer normalen und dauerhaften Weise zu entfalten.“ In Artikel 34 heißt es: „Jede Person, ob als Individuum oder als Vertreter einer Gemeinschaft, hat das Recht, legale Aktionen zum Schutz der Umwelt zu unternehmen.“

Hier haben wir es mit einem wahrhaft ökologischen Konstitutionalismus zu tun, der Form und Gestalt in den genannten Verfassungen annimmt. Solche Visionen sind Vorläufer für alle künftigen Konstitutionen der Menschheit. Nur mit einer solchen Einstellung und Bereitschaft werden wir ein glückliches Geschick auf diesem Planeten gewährleisten können.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack