Die Ursprünge der monarchisch-absolutischen Macht des Papstes

Wir haben schon beschrieben, dass die Krise der institutionellen, hierarchischen Kirche ihre Wurzeln in der absoluten Machtkonzentration in der Person des Papstes hat, der die Macht in einer absolutistischen Form ohne Beteiligung der Christen ausübt. Dies stellt praktisch unüberwindbare Hindernisse für einen ökumenischen Dialog mit anderen Kirchen dar.

Dies war nicht von Anfang so. Zu Beginn war die Kirche eine geschwisterliche Gemeinschaft, und die Figur des Papstes existierte noch nicht. Die Kirche wurde eher vom Kaiser gelenkt als von den Bischöfen Roms oder Konstantinopels, den beiden Hauptstädten des Römischen Reichs, denn der Kaiser war der Oberhirte (Pontifex Maximus). Daher war es Kaiser Konstantin, der im Jahr 325 zum ersten ökumenischen Konzil von Nizäa aufrief, um die Frage nach der Göttlichkeit Christi zu klären. Im 6. Jh. wiederum beanspruchte Kaiser Justinian, der das Westliche und das Östliche Reich wiedervereinigte, für sich das Jurisdiktionsprimat und nicht den Titel des Bischofs von Rom. Da sich jedoch die Gräber von Petrus und Paulus in Rom befinden, hatte die Römische Kirche eine besondere Stellung. Ihr Bischof hatte vor allen anderen den „Vorsitz in der Liebe“ inne, übte „die Dienste Petri“ im Sinne einer „Bestärkung des Glaubens“ aus, nicht aber als leitende Vormachtstellung.

Mit Papst Leo I. (440-461), einem großen Juristen und Staatsmann, wurde alles anders. Er  machte sich das Machtmodell Roms zu eigen, das sich im kaiserlichen Absolutismus und Autoritarismus ausdrückte, und begann, die drei Texte des Neuen Testaments, die sich auf Petrus beziehen, rein juristisch zu interpretieren: Petrus als der Fels, auf dem die Kirche errichtet würde (Mt 16,18), Petrus als derjenige, der die anderen im Glauben bestärkt (Lk 22,32), und Petrus als der Hirte, der sich um seine Herde zu kümmern hat (Joh 21,15). Die biblische und jesuanische Bedeutung geht in eine ganz andere Richtung: die der Liebe, des Dienens und des Verzichts auf jegliche Ehrentitel. Doch die absolutistische Lesart des Römischen Gesetzes gewann die Überhand. Folglich übernahm Leo I. den Titel des Pontifex Maximus und des Papstes im eigentlichen Sinne. Von da an beanspruchten die nachfolgenden Päpste für sich die kaiserlichen Insignien und Gewänder, Purpur, Mitra, einen goldenen Thron, Hirtenstab, Stola, Pallium und Umhang. Es wurden Paläste mit dazugehörigen Höfen errichtet und Hofsitten eingeführt, die die Kardinäle und Bischöfe bis heute beibehalten haben. Darüber empören sich nicht wenige Christen, die in den Evangelien lesen, dass Jesus von Nazareth ein armer Arbeiter war und ohne Pomp lebte. So kam es dazu, dass die kirchliche Hierarchie mehr dem Palast des Herodes glich als dem Stall von Bethlehem.

Es gibt aber noch ein schwer nachvollziehbares Phänomen: in der Eile, diese Strukturwandlung zu legitimieren, um die absolute Macht des Papstes zu garantieren, wurde eine Reihe von Dokumenten gefälscht. Zuerst ein angeblicher Brief des Papstes Clemens (+96), Petri Nachfolger in Rom, adressiert an Jakobus, den Bruder des Herrn, den großen Hirten von Jerusalem, der besagt, dass Petrus vor seinem Tode bestimmt hätte, dass er, Clemens, und folglich alle, die nach diesem kämen, seine einzigen rechtmäßigen Nachfolger wären. Eine noch größere Fälschung war die berühmte Konstantinische Schenkung, ein Dokument, das zur Zeit Leo I. erstellt wurde und demzufolge Konstantin dem Papst von Rom die Oberherrschaft über das gesamte Römische Reich geschenkt hätte. In der Folge, während der Streitigkeiten mit den französischen Königen, gab es ein anderes großes Machwerk, die pseudoisidorischen Dekretalen, eine Sammlung falscher Dokumente und Briefe, die das Jurisdiktionsprimat des Papstes von Rom bestärken und angeblich aus den ersten Jahrhunderten stammen sollten. All dies kulminierte im 13. Jh. im Decretum Gratiani, das man für die Grundlage des kanonischen Rechts hält, das allerdings auf Fälschungen und Regeln beruht, die weit mehr als die wahren Kanones, die unter den Kirchen Gültigkeit hatten, die zentrale Macht Roms bestärkten. Natürlich wurde dies alles im Laufe der Zeit aufgedeckt, doch hatte dies nicht den geringsten Einfluss auf die absolutistische Stellung der Päpste. Dies ist allerdings erbärmlich, und ein mündiger Christ sollte wissen, welche Tricks benutzt und angewandt wurden, um eine Machtstellung zu errichten, die den Idealen Jesu diametral entgegengesetzt ist und die faszinierende christliche Botschaft verdunkelt, welche Träger einer neuen Art der Machtausübung ist, nämlich einer dienstbaren und partizipativen.
 
In der Folgezeit nahm die Macht der Päpste immer weiter zu: Gregor VII. (+1085) ernannte sich selbst in seinem Dictatus Papae zum absoluten Herrscher über Kirche und Welt; Innozenz III. (+1216) bezeichnete sich als Stellvertreter und Repräsentant Christi, und Innozenz IV. (+1254) schließlich erhob sich selbst zum Repräsentanten Gottes. Als solcher wurde der Papst unter Pius IX. im Jahr 1870 als unfehlbar in Fragen der Lehre und Moral proklamiert.

Kurioserweise wurde keiner dieser Exzesse jemals durch die Kirchenhierarchie widerrufen oder korrigiert, denn diese profitiert schließlich davon. Sie sind nach wie vor ein Skandal in den Augen derjenigen, die noch an den Nazarener als einen armen, demütigen Handwerker und mediterranen Bauern glauben, der verfolgt, gekreuzigt und auferweckt wurde, um gegen jede Form von Streben nach Macht und immer mehr Macht aufzustehen, selbst innerhalb der Kirche.

Diese Selbstverständnis begeht ein unverzeihliches Versäumnis: die wahren Stellvertreter und Repräsentanten Christi sind laut dem Evangelium Jesu von Nazareth (Mt 25,45) die Armen, die Dürstenden und die Hungernden. Und die Hierarchie der römisch-katholischen Kirche existiert, um diesen zu dienen, nicht um deren Platz einzunehmen.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Ist die Kirche noch zu retten?

In seinem kürzlich erschienenen Buch desselben Titels „Ist die Kirche noch zu retten?“ (Piper,2012) wirft der Schweizer Hans Küng, einer der bekanntesten und schöpferischsten Theologen im katholischen Raum, diese Frage auf. Wie sein Kollege von der Universität Tübingen, Joseph Ratzinger, setzte er sich leidenschaftlich für die Erneuerung der Kirche ein. Küng hat zahlreiche Bände über Kirche, Ökumene, Religionen und andere wichtige Themen geschrieben. Da er in einem seiner Bücher die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellte, wurde er von der früher Inquisition genannten Glaubenskongregation hart bestraft.

Er trat nicht aus der Kirche aus, doch wie wenig andere setzt er sich durch das Schreiben von Büchern, offenen Briefen, Aufrufen an die Bischöfe und an die christliche Gemeinschaft für ihre Erneuerung ein, damit  ein Dialog über die moderne Welt und die neue Situation der Menschheit auf diesem Planeten eröffnet wird. Die Söhne und Töchter unserer Zeit lassen sich nicht zum Evangelium bekehren, indem man ihnen ein Modell von Kirche vorführt, die zu einer Bastion des Konservatismus und Autoritarismus geworden ist und als eine Festung erscheint, die sich von der Moderne fürchtet, welche sie für alle Formen des Relativismus verantwortlich macht.

Im übrigen stammt die harsche Kritik, die der aktuelle Papst am Relativismus übt, aus dem gegensätzlichen Lager, einem unbezwingbaren Absolutismus. Dies ist der Ton, der von den letzten beiden Päpsten, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. angeschlagen wurde: NEIN zu Reformen und eine Kehrtwende zur Tradition und strikter Disziplin, die durch die kirchliche Hierarchie eingefordert wird.

Das vorliegende Buch „Ist die Kirche noch zu retten?“ liest sich wie ein fast verzweifelter Schrei nach Verwandlung und gleichzeitig wie eine großzügige Demonstration von Hoffnung, dass, will man einen bedauerlichen institutionellen Kollaps vermeiden, eine solche Wandlung möglich und notwendig ist.

Um von Anfang an klarzustellen: Wenn Küng und ich von Kirche reden, meinen wir die Gemeinschaft derer, die von der Person und der Sache Jesu von Nazareth ergriffen sind, dessen Anliegen die bedingungslose Liebe ist, der Einsatz für die Armen und Unbedeutenden, die Geschwisterlichkeit aller Menschen und die Erkenntnis, dass wir Söhne und Töchter Gottes sind, denn es war Jesus selbst, der durchscheinen ließ, dass er der Sohn Gottes war, der unser widersprüchliches Menschsein auf sich nahm. Dies ist die ursprüngliche und wahre Bedeutung von Kirche. Doch im Lauf der Geschichte hat die Hierarchie sich den Namen Kirche angeeignet (vom Papst bis zur Kurie), die sich ganz einfach selbst als Kirche identifiziert und sich als die Kirche präsentiert.

Nun also ist es dieses zweite Konzept von Kirche, das sich in einer tiefen Krise befindet und das Küng als „das Römische System“ bezeichnet, diese „hierarchisch-institutionelle Kirche“ oder die „monarchisch-absolutistische Machtstruktur“ mit Sitz im Vatikan und im Mittelpunkt die Figur des Papstes mit dem ganzen Apparat, der ihn umgibt: die Römische Kurie. Diese Krise entstand vor hunderten von Jahren, und die Rufe nach Wandel hallten durch die ganze Kirchengeschichte und kulminierten in der Reformation des 16. Jahrhunderts und im 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) unserer Zeit. Bezüglich der Kirchenstruktur waren die strukturellen Reformen immer nur oberflächlich, wurden vertagt oder einfach abgebrochen.

In letzter Zeit hat sich die Krise jedoch besonders verschärft. Die Institution Kirche (Papst, Kardinäle, Bischöfe, Kurie), ich wiederhole, nicht die große Gemeinschaft der Gläubigen, ist in ihrem Herzen getroffen, in ihrem höchsten Anspruch: „moralisches Leitbild und Morallehrer“ für die ganze Menschheit zu sein. Einige bereits bekannte Fakten haben diesem Anspruch Einhalt geboten und die institutionelle Kirche in Misskredit gebracht, was zu einem Massenaustritt der Gläubigen geführt hat:

Die Finanzskandale, in die die Vatikanbank (IOR) verwickelt ist, die in eine Art Offshore-Geldwäscherei verwandelt wurde; die geheimen Dokumente, die womöglich durch den Sekretär des Papstes von dessen Schreibtisch entwendet und an Zeitungen verkauft wurden, wodurch die Machtintrigen unter den Kardinälen ans Tageslicht kamen; und insbesondere die Frage nach den pädophilen Priestern, tausende von Fällen in mehreren Ländern, einschließlich Priester, Bischöfe und sogar Hans Hermann Groër, Kardinal von Wien. Besonders schwer wiegt die Anordnung des damaligen Kardinals Ratzinger an alle Bischöfe, den sexuellen Missbrauch Minderjähriger unter päpstliche Geheimhaltung zu stellen, um pädophile Priester davor zu bewahren, bei staatlichen Behörden angezeigt zu werden. Letztlich musste der Papst anerkennen, dass es sich bei Pädophilie um eine kriminelle Eigenschaft handelt, und die Rechtsprechung durch das Zivilgericht akzeptieren.

Mit historisch unwiderlegbarer Stichfestigkeit zeigt Küng auf, wie die Päpste schrittweise ihren Status änderten, angefangen von dem des Nachfolgers Petri über den Stellvertreter Christi bis hin zum Repräsentanten Gottes auf Erden. Die Titel, die der Canon 331 des Kirchenrechts dem Papst verleiht, sind von solcher Größenordnung, wie sie in Wirklich nur Gott gebühren. Eine absolute päpstliche Monarchie mit goldenem Bischofsstab passt nicht zum Holzstab des Guten Hirten, der sich in Liebe um seine Schafe kümmert und sie im Glauben bestärkt, wie es der Meister forderte (Lk 22,32).

Ins Deusche übersetz von Bettina Gold-Hartnack

Die Tiefdimension: Geist und Spiritualität

Menschen haben nicht nur ein äußeres Erscheinungsbild, d. h. ihre körperliche Erscheinung. Sie bestehen auch nicht nur aus Innerlichkeit, d. h. ihrem inneren psychischen Universum. Menschen sind auch mit Tiefe versehen, ihrer spirituellen Dimension.

Der Geist ist nicht nur ein weiterer Teil des Menschen neben anderen Teilen. Er ist das ganze menschliche Wesen, das mithilfe des Bewusstseins entdeckt, dass er/sie zu einem Ganzen gehört und integraler Bestandteil dieses Ganzen ist. Durch den Geist sind wir in der Lage, hinter das zu schauen, was wir äußerlich wahrnehmen, was wir sehen, hören, worüber wir nachdenken und was wir lieben. Wir begreifen die andere Seite der Dinge, ihre Tiefe. Dinge sind nicht nur „Dinge“. Der Geist erfasst Symbole und Metaphern einer anderen Wirklichkeit, die in ihnen gegenwärtig, aber nicht durch sie begrenzt ist, denn sie dehnt sich über sie hinaus in alle Richtungen aus. Die Dinge erinnern uns an eine andere Dimension, die wir Tiefe nennen, beschreiben diese und führen in diese hinein.

So gesehen ist ein Berg nicht einfach nur ein Berg. Durch sein Berg-Sein vermittelt er ein Gefühl von Erhabenheit. Das Meer lässt an Großartigkeit denken, der Sternenhimmel an Endlosigkeit, die tiefen Falten im Gesicht eines alten Mannes an den harten Kampf des Lebens und strahlende Kinderaugen an das Mysterium des Lebens.

Es ist dem Menschen, als dem Träger des Geistes, eigen, den Werte und die Bedeutungen wahrzunehmen und nicht nur Fakten und Handlungen aufzuzählen. Letztlich geht es uns Menschen nicht so sehr darum, was geschieht, sondern was diese Ereignisse für unser Leben bedeuten und welche Art wichtiger Erfahrung sie uns bieten.

Alles, was geschieht, trägt existentiell eine symbolische, oder wir können auch sagen, eine sakramentale Eigenschaft. Wie Goethe geschickt beobachtete: „Alles Vergängliche ist nur ein Zeichen“. Ein Merkmal des Zeichens im Sakrament ist, dass es eine weitere, transzendente Bedeutung darstellt, die in der Person erfahren wird und zum Erfahrungsgegenstand wird. In diesem Sinn erinnert uns jedes Ereignis an das, was wir erfahren haben, und nährt unsere Tiefe.

Aus diesem Grund füllen wir unser Zuhause mit Fotos und liebgewonnenen Gegenständen unserer Eltern, Großeltern, Verwandten und Freunde; von jedem, der in unser Leben trat und etwas für uns bedeutet. Es kann sich dabei um das letzte Hemd handeln, das unser Vater trug, der plötzlich mit nur 54 Jahren an einem Herzinfarkt starb, um den Holzkamm der geliebten Großmutter, die vor vielen Jahren von uns ging, um das getrocknete Blatt ein einem Buch, das uns ein Geliebter voller Nostalgie schickte. Diese Dinge sind nicht einfach nur Objekte; sie sind Sakramente, die zu unserer Tiefe sprechen, sie erinnern uns an geliebte Menschen oder an bedeutungsvolle Ereignisse unseres Lebens.

Der Geist ermöglicht uns, ein nicht-dualistisches Erlebnis zu machen, das sehr gut im Zen-Buddhismus beschrieben ist: „Du bist die Welt, du bist das Ganze.“ sagen die Upanishaden aus Indien, während der Guru zum Universum zeigt. Oder „Du bist alles“, wie viele Yogis sagen. „Das Reich Gottes (Malkuta d’Alaha oder „Das Leitende Prinzip von Allem“) ist in dir“, verkündet Jesus von Nazareth. Diese Aussagen führen uns eher zu einer lebendigen Erfahrung als zu einer einfachen Doktrin.

Die Grunderfahrung besteht darin, dass wir untereinander und alle gemeinsam mit der Ur-Quelle verbunden und rück-verbunden sind (die Herkunft des Wortes „Re-ligion“). Ein Strahl von Energie, Leben und Bedeutung zieht sich durch alle Lebewesen und führt sie zum Kosmos statt ins Chaos, zu einer Sinfonie, statt in eine Kakofonie. Blaise Pascal, der nicht nur ein Mathematik-Genie war, sondern auch ein Mystiker, sagte ausdrücklich: „Das Herz, nicht der Verstand, spürt Gott.“ (Pensées, Frag. 277). Diese Art von Erfahrung verwandelt alles. Alles ist von Verehrung und   Salbung durchdrungen.

Religionen leben von dieser spirituellen Erfahrung und sind auf sie zurückzuführen. Diese Erfahrung drücken sie in Lehrsätzen, Riten, Zelebrationen und ethischen und spirituellen Wegen aus. Ihre Hauptfunktion ist, die notwendigen Bedingungen zu schaffen und anzubieten, die allen Menschen und Gemeinschaften ermöglichen, in die göttliche Wirklichkeit einzutauchen und den Schöpfergeist persönlich zu erfahren. Leider sind viele Religionen am Fundamentalismus erkrankt und an Doktrinen, die eine spirituelle Erfahrung erschweren.

Diese Erfahrung, gerade weil sie eine Erfahrung und nicht eine Doktrin ist, strahlt Gelassenheit und tiefen Frieden aus, einhergehend mit Angstlosigkeit. Wir fühlen uns geliebt, umarmt und am Herzen Gottes Willkommen geheißen. Was uns passiert, geschieht innerhalb der Göttlichen Liebe. Der Tod selbst ängstigt uns nicht. Wir nehmen ihn an als einen Teil des Lebens und als den großen alchemistischen Moment der Transformation, der uns ermöglicht, wirklich Teil des Ganzen zu sein, im Herzen Gottes. Wir müssen durch den Tod gehen, um mehr und besser zu leben.

Ins Deutsche übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die kosmiche Sichtweise gibt uns Hoffnung

Wir wollen für eine Sekunde unsere herkömmliche Betrachtungsweise der Dinge ändern und versuchen, unsere gegenwärtige Krise in den Rahmen der kosmischen Zeit zu stellen. Vielleicht können wir sie besser verstehen, indem wir sie so relativieren, und sie besser in den Griff kriegen, und zwar in einem hoffnungsvollen Kontext.

Die Zeit des Kosmos

Wir wollen uns vorstellen, dass die ca. 13 Milliarden Jahre des Universums auf ein einziges Jahrhundert komprimiert wären. Jedes „kosmische Jahr“ entspräche 113 Millionen Erdjahren.

Aus diesem Gesichtspunkt wurde die Erde im Jahr 70 des kosmischen Jahrhunderts geboren, und das Leben entstand in den Meeren zu unserer Überraschung irgendwann nach dem 73. Jahr. Fast zwei kosmische Jahrzehnte lang war Leben auf einzellige Bakterien beschränkt.

Eine neue schöpferische Phase begann im Jahr 93 mit der Entstehung sexueller Fortpflanzung lebender Organismen. Dies war, zusammen mit anderen Kräften, ausschlaggebend dafür, dass sich das Gesicht der Erde veränderte, denn es verwandelte auf radikale Weise die Atmosphäre, die Ozeane und die Geologie der Erde, wodurch unserem Planeten die Aufrechterhaltung komplexerer Lebensformen ermöglicht wurde. Ein Großteil der Biosphäre ist die Schöpfung solcher Mikroorganismen.

In dieser neuen Phase beschleunigte sich der Evolutionsprozess rasant. Zwei Jahre später, im Jahr 95, entstanden die ersten mehrzelligen Organismen. Ein Jahr darauf, im Jahr 96, erleben wir die Entstehung von Nervensystemen, und im Jahr 97 die ersten Wirbeltiere. Säugetiere tauchten in der Mitte des Jahres 98 auf, d. h. zwei Monate nach den Dinosauriern und einer immensen Pflanzenvielfalt.

Vor fünf kosmischen Monaten fielen Asteroide auf die Erde und zerstörten viele Spezies einschließlich der Dinosaurier. Kurz darauf jedoch produzierte die Erde, als wolle sie sich revanchieren, eine Lebensvielfalt wie nie zuvor.

In dieser Ära, als die Blumen entstanden, betraten unsere Urahnen die Bühne der Evolution. Dann wurden sie zu Aufrechtgängern (vor 12 kosmischen Tagen), und mit homo habilis begannen sie, Werkzeuge zu benutzen (vor 6 kosmischen Tagen), während homo erectus das Feuer kontrollierte (gerade mal vor einem kosmischen Tag). Vor 12 kosmischen Stunden erschienen Neuzeit-Menschen (homo sapiens).

Während des Nachmittags und der Nacht unseres ersten kosmischen Tages lebten wir in Harmonie mit der Natur, und wir achteten ihre Rhythmen und waren uns der Gefahren bewusst. Unsere Anwesenheit hatte  bis vor 40 Minuten kaum Einfluss auf die biologische Lebensgemeinschaft, als wir begannen, Pflanzen und Tiere zu züchten und die Landwirtschaft zu entwickeln. Danach intensivierte sich unser Eingreifen in die Natur, und vor 20 Minuten begannen wir, Städte zu bauen und zu bewohnen.

Vor nur 2 Minuten wurde unser Einfluss wirklich bedrohlich. Europa verwandelte sich selbst in eine technologische Gesellschaft und erweiterte seine Macht durch koloniale Ausbeutung. In dieser Phase wurde das Welt-Projekt gebildet: mit einem Zentrum und mehreren Peripherien und einem Graben zwischen Arm und Reich.

In den letzten 12 Sekunden (seit 1950) hat sich der Rhythmus der Erforschung und der Zerstörung der Umwelt dramatisch beschleunigt. In dieser kurzen Zeit haben wir fast die Hälfte der größten Urwälder zerstört. In den nächsten 12 kosmischen Sekunden, wird die Erd-Temperatur um 0,5° C ansteigen, und innerhalb kurzer Zeit könnte sie um 5° C steigen und damit den Großteil der Biosphäre und Millionen von Menschen in Gefahr bringen. In den letzten 5 kosmischen Sekunden hat die Erde Boden eingebüßt im Ausmaß allen fruchtbaren Lands von Frankreich und China und wurde mit Zehntausenden neuer Chemikalien überschwemmt, von denen viele hochgradig giftig sind und die Lebensgrundlagen bedrohen.

Wir rotten zurzeit 27 bis 100 Tausend Spezies pro Jahr aus. Manche Wissenschaftler schätzen, dass in den nächsten 7 kosmischen Sekunden 20-50 % aller Spezies aussterben werden. Wann wird dies aufhören? Und warum so viel Zerstörung?

Unsere Antwort lautet: Dafür, dass ein kleiner Teil der Menschheit privat oder unternehmerisch in den Genuss der „Erträge“ dieses Zivilisationsprojektes  kommt. 20 % der Reichsten verdienen zurzeit das Zweihundertfache der 20 % der Ärmsten. Zu Beginn des Jahres 2008, vor der gegenwärtigen Wirtschaftsfinanzkrise, hatten wenige Tausend Millionäre zusammen in etwa das Doppelte des gesamten Jahreseinkommens der ärmsten 50 %. Auf das Einkommen bezogen bedeutet das, dass das reichste Prozent der Menschheit soviel besitzt wie die 57 ärmsten Prozent verdienen.

Die Zeit der Erde

Unser Planet, der die Frucht von mehr als vier Milliarden Jahren Evolution ist, wird von einer kleinen Minderheit von Menschen aufgezehrt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Entwicklung der Menschheit verursacht eine solche Minderheit und, in geringerem Ausmaß wir alle, die oben besprochenen Probleme. Die Gefahren, die daraus resultieren, bedrohen unsere Zukunft und unsere Lebensweise.

Jedoch wollen wir nicht, indem wir auf der Ernsthaftigkeit der Krise beharren, eine derart apokalyptische Vision projizieren, die Lähmung und Hoffnungslosigkeit hervorruft. So wie wir diese Probleme selbst verursacht haben, können wir sie auch lösen, wenngleich manche nicht mehr rückgängig zu machen sind. Das bedeutet, es gibt Hoffnung auf eine zufriedenstellende Lösung der Krise.

Wer letzten Juli an der Großen Völkerversammlung in Rio de Janeiro oder an den Weltsozialforen teilnahm, ist sich dessen bewusst, dass es Tausende und Abertausende von mitdenkenden und kreativen Menschen auf der ganzen Welt gibt, die daran arbeiten, praktische Alternativen zu entwickeln, die es der Menschheit ermöglichen, in Würde zu leben und ohne die Gesundheit der Ökosysteme und von Mutter Erde anzugreifen.

Wir verfügen über ausreichend Informationen und Wissen, um die gegenwärtige Krise zu überwinden. Dazu müssen wir die Intelligenz des Herzens und der Gefühle aktivieren, die die notwendigen Träume hervorruft, Solidarität, Mitgefühl und ein Gespür für unsere gegenseitige Abhängigkeit (Interdependenz) und universelle  Verantwortung.
Es ist wichtig zu erkennen, dass die Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind, Symptome einer chronischen kulturellen und spirituellen Krankheit sind. Dies betrifft uns alle, vor allem die 20 % von uns, die den Großteil des Reichtums der Welt verbrauchen. Diese Krise zwingt uns, ein anderes Zivilisationsparadigma zu entwerfen, denn das aktuelle ist zu zerstörerisch. Darüber schreiben wir oft in unseren Artikeln.

Krisenzeiten können auch schöpferische Zeiten sein, Zeiten, in denen neue Visionen und neue Gelegenheiten entstehen. Das chinesische Schriftzeichen für Krise, weiji, resultiert aus der Kombination der Schriftzeichen für Gefahr und Gelegenheit. Dies ist kein simpler Widerspruch oder Paradoxon; die tatsächlichen Gefahren zwingen uns, nach den tieferen Gründen zu suchen und Alternativen zu entwickeln, um die Gelegenheiten nicht zu versäumen.

In unserer Kultur leitet sich das Wort Krise aus dem Sanskrit-Wort kri ab, das reinigen und aufdecken bedeutet. D. h. es geht um einen sehr schmerzhaften, aber überaus positiven Prozess der Reinigung unserer Sichtweise, der als eine Feuerprobe unserer ethisch-spirituellen Haltungen dient. Beide Bedeutungen, sowohl die chinesische als auch die aus dem Sanskrit, sind aufschlussreich.

Unsere Zeit

Wir müssen die Weisheitsquellen der zahlreichen Kulturen der Menschheit wieder aufgreifen. Manche sind althergebracht und werden uns durch diverse kulturelle und spirituelle Traditionen überliefert. Die Kategorie vom „guten Leben“ der Andenkulturen ist fundamental. Andere wiederum sind moderner, wie die tiefgreifende Ökologie, der Feminismus und der Öko-Feminismus, die transpersonale Psychologie und die neue Kosmologie, die sich von den komplexen Wissenschaften, der Astrophysik und den neuen Erkenntnissen über das Leben und die Erde herleitet.

Zum Abschluss ein Zitat von zwei bedeutenden nordamerikanischen Umweltschützerinnen und Erzieherinnen, Joanna Macy und Molly Young Brown: „Das außergewöhnlichste Charakteristikum dieses gegenwärtigen historischen Moments der Erde ist nicht, dass wir dabei sind, unseren Planeten zu zerstören, denn dies tun wir bereits seit langer Zeit, sondern dass wir beginnen, von einem tausend Jahre alten Traum erwachen zu einer neuen Art von Beziehung mit der Natur, mit dem Leben, mit der Erde, mit den anderen und mit uns selbst. Dieses neue Verständnis wird die Große Transformation, nach der wir uns so lange sehnen, ermöglichen.“ (Joanna Macy und Molly Young Brown, Nossa vida como Gaia, 2004, 37) Die Große Transformation wird kommen, durch die Gnade der Evolution und durch die Gnade Gottes.

Ins Deutsche übersetzt von Bettina Gold-Hartnack