Wie viel Nachhaltigkeit erlaubt die Grüne Wirtschaft?

 

Es gibt drei Hauptgruppen der an Rio +20 Beteiligten: die offiziellen Staats- und Regierungsrepräsentanten, die Unternehmer und die Vertreter aus den Völkern. Jede Gruppe ist Träger eines Projektes und einer Vision für die Zukunft.

Die offiziellen Repräsentanten, schlagen wieder gemäß dem „Null-Entwurf“ den abgegriffenen Begriff der nachhaltigen Entwicklung vor, die nun einen grünen Anstrich trägt. Dabei vergaßen sie allerdings einzugestehen, dass die nachhaltige Entwicklung kläglich gescheitert ist. Michail Gorbatschow sagt: „Das aktuelle Modell des Wirtschaftswachstums ist unhaltbar; es verursacht Krisen, soziale Ungerechtigkeit und birgt die Gefahr einer Umweltkatastrophe.“ (O Globo 8/6/2012). Die wesentlichen Elemente, die das Leben aufrechterhalten, haben sich verschlechtert, wie es in der Systemischen Evaluation des Ökosystems des Millenniums von 2005 heißt und im kürzlich erschienenen UNEP-Bericht (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) wiederholt wurde. Der „Null-Entwurf“ von Rio +20 erkennt, dass „nachhaltige Entwicklung weiterhin ein entferntes Ziel bleibt“ (Nr. 13). Doch mit ihrem dogmatischen Festhalten an nachhaltiger Entwicklung, die tatsächlich materielles Wachstum bedeutet, tun sie nichts anderes als immer wieder dasselbe wiederzukäuen.

Auf überzeugende Weise trägt Gorbatschow weiterhin vor: „Zwanzig Jahre nach Rio-20 umgibt uns Zynismus und Hoffnungslosigkeit für viele.“ Leiden die Vertreter des aktuellen Weltsystems an einer Art von Lobotomie? Sie spüren nicht, wie sehr die Umwelt schon bedroht ist. Lieber retten sie das Finanzsystem und die Banken, anstatt das Leben zu sichern und die Erde zu schützen. Schon stehen alle Warnzeichen und Alarmstufen auf Rot.

Die Unternehmer, die eine wichtige Rolle spielen, werden sich der Grenzen der Erde, des Bevölkerungswachstums und der Erderwärmung bewusst. Sie warten nicht auf einen quasi unmöglichen Konsens der UN- und Regierungsversammlungen. Über hundert leitende Unternehmer trafen sich in Rio vor der offiziellen Veranstaltung. Sie beabsichtigen, einen G-0 Gipfel zu schaffen im Gegensatz zu den G-2, G-7 oder G-20. Zuversichtlich erklären sie: „Wir müssen das Kommando übernehmen.“ Ihre gemeinsame Agenda geht in Richtung einer „grünen Wirtschaft“, nicht als Beschönigung, sondern durch Senkung der CO2-Emissionen und größtmöglichen Naturschutz. Allerdings sind dies nur 1 % der Unternehmen mit einem Kapital von über einer Milliarde Dollar, wie die „Financial Times“ kürzlich erwähnte. Sie legen dar, dass das Problem nicht durch das gängige Modell gelöst werden kann, das versucht, Nachhaltigkeit und Profit miteinander zu vereinbaren.  Die Aktionäre wollen nicht im Namen der Nachhaltigkeit auf ihren Gewinn verzichten. Die Nachhaltigkeit wird so geschwächt, dass von ihr kaum noch etwas übrig bleibt. Zumindest haben diese Unternehmen das Problem erkannt: Entweder sie ändern etwas, oder sie werden mit allen anderen zugrunde gehen.

Die dritte Gruppe besteht aus den Vertretern der Völker. Tausende kamen aus den verschiedensten Ländern, die Globalisierungsgegner oder „Altermundialisten“ (deren Ziel eine andere Welt ist), diejenigen, die zeigen möchten, wie sie solidarisch wirtschaften und nach den Richtlinien des Fair Trade handeln, sich für die Bewahrung der traditionellen Samen einsetzen, sich gegen gentechnische Manipulationen wehren, sich für organische Familienbauernhöfe einsetzen, für Öko-Dörfer und alternative Energien. Hier sieht man eine andere Produktions- und Konsumweise, die eher in Einklang mit den Rhythmen der Natur steht und aus einer anderen Blickweise auf eine Erde mit Würde und Rechten resultiert.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass in der ersten Gruppe die Resignation vorherrscht, in der zweiten Gruppe die Agitation und in der dritten Gruppe die Hoffnung.

Meine Vorhersage für den Ausgang von Rio +20: Die offizielle Versammlung durch die UN wird die Grüne Wirtschaft gutheißen, die auf derselben kapitalistischen Produktionsweise beruht. Dies wird den Unternehmen ermöglichen, mit den Schätzen und Gütern der Erde Handel zu treiben. Man wird eine Weltumweltorganisation gründen, die sich an den Richtlinien der Welthandelsorganisation orientiert.

Die Unternehmen werden auf die Regierungen Druck ausüben, damit diese sich nicht in ihre Geschäfte der Grünen Wirtschaft einmischen. Sie wollen freie Hand haben, denn alles dreht sich nur um eine Wirtschaft mit niedrigem CO2 -Ausstoß, die daher als umweltfreundlich gilt, obwohl sie im gängigen Modell verhaftet bleibt.

Die Vertreter der Völker werden eine Alternative zur Grünen Wirtschaft lostreten: die Solidarische Wirtschaft. Sie werden weltweite Initiativen gründen gegen die Vermarktung der Ressourcen und Güter wie Wasser, Böden, Saaten, Urwälder, Meere etc., die als Gemeingüter der ganzen Menschheit verstanden werden.

Noch werden wir keinen großen Schritt in Richtung eines neuen Paradigmas einer Weltgesellschaft machen, doch kommen wir angesichts der auf uns zukommenden Umweltkrisen nicht darum herum. Das kollektive Leiden wird uns bittere Lektionen erteilen. Dieses Leid wird uns die Liebe lehren und die Sorge um das Leben, um die Menschheit und um Mutter Erde. Das sind die Voraussetzungen für die Zukunft, die wir wollen.

 

 

 

 

 

 

Das Fehlen einer neuen Vision in Rio+20

Das hauptsächliche Manko im UNO-Dokument für Rio +20 besteht in der völligen Abwesenheit einer neuen Vision oder einer neuen Weltanschauung, die Grund zur Hoffnung gäbe auf eine „Zukunft, die wir wollen“, wie das Motto dieser großen Zusammenkunft lautet. Doch so wird eine verheißungsvolle Zukunft verwehrt.

Für die Autoren dieses Textes ist die Zukunft von der Wirtschaft abhängig. Dem dazugehörigen Adjektiv „nachhaltig“ oder „grün“ messen sie wenig Bedeutung bei. Vor allem stellt die grüne Wirtschaft („green economy“) einen Anschlag auf die letzte Bastion der Natur dar, indem sie alles zu einer Ware verwandelt und mit einem Preis versieht, was zu den Gemeingütern zählt, was natürlich, lebendig und lebensnotwendig ist, wie das Wasser, die Böden, Fruchtbarkeit, Urwälder, Gene etc. Was zum Leben gehört, ist heilig und darf nicht vermarktet werden. Stattdessen wird es zum Handelsgegenstand gemacht gemäß dem kategorischen Imperativ: Nimm alles, was du willst, handle mit allem, vor allem mit der Natur und ihren Gütern und Dienstleistungen.

Dies ist höchster Egoismus und Arroganz des Menschen oder, wie man es auch nennt, Anthropozentrismus. Die Menschen sehen in der Erde einen Supermarkt, der nur für sie Ressourcen bereithält, ohne zu erkennen, dass wir weder die einzigen Erdbewohner sind noch die Erde besitzen; wir spüren nicht, dass wir ein Teil der Natur sind, sondern fühlen uns als Wesen außerhalb der Natur und ihr überlegen als ihre Herren und Meister. Wir vergessen allerdings, dass es eine ganze sichtbare Lebensgemeinschaft gibt (5 % der Biosphäre) und Quadrillionen über Quadrillionen unsichtbarer Mikroorganismen (95 %), die für die Vitalität und für die Fruchtbarkeit der Erde sorgen. Sie alle gehören zur Erde, zum Kondomium und haben ein Recht zu leben und mit uns zu koexistieren. Ohne eine Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit mit ihnen könnten wir nicht einmal existieren. Diesem Umstand trägt das Rio +20-Dokument nicht Rechnung. Wir können dann davon ausgehen, dass von diesem Papier keine Rettung zu erwarten ist. Es bahnt vielmehr einen Weg zum Abgrund. Solange wir noch Zeit haben, müssen wir dies dringend vermeiden.

Unsere aktuelle Sicht oder Kosmologie ist geprägt von der Eroberung der Welt und von grenzenlosem Wachstum. Es ist eine mechanistische, deterministische, atomisierte und reduktionistische Weltanschauung. Dank dieser Anschauung kontrollieren und konsumieren 20 % der Weltbevölkerung 80 % der Naturschätze, die Hälfte der großen Urwälder wurden zerstört, 65 % landwirtschaftlich bebaubarer Fläche ruiniert, 27.000 bis 100.000 Spezies sterben jedes Jahr aus (Wilson), und mehr als 1.000 synthetische chemische, zumeist giftige, Stoffe werden in die Natur entsorgt. Wir stellen Massenvernichtungswaffen her, die in der Lage sind, alles Menschenleben zu zerstören. Im Endeffekt bringen wir die Erde aus dem Gleichgewicht, was man an der globalen Erwärmung ablesen kann. Mit den sich bisher angesammelten Gasen werden wir bis zum Jahr 2035 auf einen Temperaturanstieg um 3-4°C kommen, was das Leben, wie wir es kennen, praktisch unmöglich macht.

Die aktuelle Wirtschaftsfinanzkrise, die ganze Nationen ins Elend stürzt, vergrößert die Gefahr und wirkt jeglichem nötigen Kurswechsel entgegen.

Im Gegensatz dazu ist die potenziell erlösende Vision oder Weltanschauung der Achtsamkeit und der universellen Verantwortung aufgekommen. Am besten findet sie ihren Ausdruck in der Erd-Charta. Diese ordnet unsere Realität in die Kosmogenese ein, den immensen Evolutionsprozess, der vor ca. 13,7 Milliarden Jahren seinen Anfang nahm. Das Universum breitet sich aus, organisiert sich selbst und erschafft sich beständig selbst. In diesem Universum ist alles durch Netzwerke miteinander verbunden, und nichts existiert außerhalb dieser Beziehungen. Aus diesem Grund sind alle Wesen wechselseitig voneinander abhängig und müssen miteinander kooperieren, um das Gleichgewicht aller Faktoren zu erhalten. Der Auftrag der Menschheit besteht darin, diese sinfonieartige Harmonie zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Was wir brauchen ist nicht die Produktion zur Anhäufung von Privateigentum, sondern dessen, was für alle ausreichend und angemessen ist unter Beachtung der Grenzen und Zyklen der Natur.

Hinter all dem wirkt die Grundenergie, die dem Universum seinen Ursprung verlieh, es aufrechterhält und Neues entstehen lässt. Am spektakulärsten von all dem ist die lebendige Erde und die Menschheit, der bewusste Anteil der Erde, mit ihrem Auftrag, für diese zu sorgen und Verantwortung für sie zu tragen.

Diese neue Vision würde die „Zukunft, die wir wollen“  gewährleisten. Andernfalls werden wir unvermeidlich ins kollektive Chaos getrieben mit verheerenden Konsequenzen. Diese Vision ist inspirierend. Anstatt mit der Natur Geschäfte zu machen, begeben wir uns selbst in ihr Inneres in tiefer Harmonie und Synergie, respektieren ihre Grenzen und streben nach dem „guten Leben“, d. h. nach Harmonie mit allen und mit Mutter Erde. Diese neue Weltanschauung ist mehr durch Achtsamkeit als durch Beherrschung charakterisiert und durch die Anerkennung der intrinsischen Werte aller Wesen und nicht durch deren puren Nutzen für den Menschen, durch Respekt für alles Leben und für die Rechte der Natur anstatt deren Plünderung, und durch die Vermählung ökologischer und sozialer Gerechtigkeit.

Diese Vision steht mehr in Einklang mit den wirklichen menschlichen Bedürfnissen und mit der Logik des Universums selbst. Nähme das Rio +20-Dokument diese Vision zum Hintergrund seiner Überlegungen, entstünde die Gelegenheit zu einer planetaren Zivilisation, in der Achtsamkeit, Kooperation, Liebe, Respekt, Freude und Spiritualität im Mittelpunkt stehen. Eine solche Option würde nicht an den Abgrund führen, sondern in eine Zukunft, die wir wollen: eine Bio-Zivilisation der guten Hoffnung.

Bildung neu erfinden

 

Muniz Sodré, Professor an der Bundesstaatlichen Universität von Rio de Janeiro, ist eine Person von großem Wissen. Doch was ihn von anderen unterscheidet ist, dass er, wie nur wenige andere, über sein Wissen nachdenkt. Die Frucht dieser Überlegungen mündete in das vor kurzem erschienene, bemerkenswerte Buch: Bildung neu erfinden: Vielfalt, Entkolonialisierung und Netzwerke (Reinventando la educación: diversidad, descolonización y redes, Vozes, 2012).

In diesem Buch versucht er, sich den Herausforderungen an Pädagogik und Erziehung zu stellen, die sich von den verschiedenen Formen des Wissens, den neuen Technologien und den vom Kapitalismus vorangetriebenen Transformationen herleiten. Dies alles ausgehend von unserem sozialen Standort: der südlichen Hemisphäre, die, einstmals kolonisiert, einen interessanten Prozess der Neo-Entkolonialisierung durchläuft, und durch eine Konfrontation mit dem geschwächten Neo-Eurozentrismus, der nun durch die Euro-Krise zugrunde gerichtet ist.

Muniz Sodré analysiert verschiedene Strömungen in Pädagogik und Bildung, von der griechischen paideia bis zum Bildungs-Weltmarkt, der für eine grobe Vorstellung einer utilitaristischen Bildung steht, welche die Schule in ein Unternehmen und in einen Marktplatz im Dienste der Weltbeherrschung verwandelt.

Sodré deckt die Mechanismen der wirtschaftlichen und politischen Macht auf, die sich hinter so geläufigen Ausdrücken verbergen wie „Bildungs- und Informationsgesellschaft“. Anders ausgedrückt: der kognitive Informations-Kapitalismus bildet die neue Grundlage für Kapitalanhäufung. Alles ist zum Kapital geworden: Naturkapital, Humankapital, Kulturkapital, intellektuelles Kapital, Sozialkapital, symbolisches Kapital, religiöses Kapital … Kapital und immer mehr Kapital. Dahinter verbirgt sich eine Monokultur mechanischen Wissens, das sich als „Wirtschaft des Wissens“ im Dienste des Marktes ausdrückt.

Inzwischen wurde eine neue Art von Bildung entworfen, deren Ziel es ist, Führungskräfte heranzubilden, die „symbolisch-analytische Dienste“ leisten, Führungskräfte mit einer hohen Begabung, um zu erfinden, Probleme zu erkennen und zu lösen. „Diese Art von Bildung verteilt Wissen in derselben Weise wie in einer Fabrik Einzelteile am Fließband montiert werden.

Auf diese Weise verliert Erziehung ihren bildenden Charakter. Sie muss sich der Kritik von Hannah Arendt stellen, die sagte: „Es gibt Leute, die ein Leben lang nicht aufhören zu lernen, ohne jemals gebildet zu sein. Bildung heißt: lernen zu wissen und zu handeln, doch vor allem lernen zu sein, mit anderen gemeinsam zu leben und Achtsamkeit zu üben. Dazu gehört auch, dem Leben einen Sinn zu verleihen, mit der komplexen Conditio Humana umzugehen wissen und sich selbst angesichts des Verlaufs der Geschichte zu definieren.

Was den Bildungsprozess erschwert, ist die Vorherrschaft des Einheitsdenkens. Nordamerikaner leben nach einem Mythos der „offensichtlichen Bestimmung“. Sie denken, Gott habe für sie ein besonderes Schicksal vorgesehen, und sie halten sich für das „neue auserwählte Volk“, das die Welt mit ihrem Lebensstil, ihren Formen von grenzenloser Produktion und Konsum, ihrer Art von Demokratie und ihren Werte von freier Marktwirtschaft beglückt. Im Namen dieser Einzigartigkeit intervenieren sie in der ganzen Welt und führen Kriege, um ihre imperiale Hegemonie weltweit zu sichern. Auch Europa hat seine Arroganz noch nicht abgelegt. Die Bologna-Erklärung von 1999, die von 29 Bildungsministern ganz Europas abgegeben wurde, bekräftigt, dass nur Europa dieses universale Wissen vermitteln kann, „das seinen Bürgern die notwendigen Kompetenzen für die Herausforderungen des neuen Jahrtausends vermittelt.

Zuvor gründete eine imaginäre Universalität auf den Menschenrechten und sogar auf dem Christentum mit seinem Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein. Mittlerweile ist diese Vision von geringerer Tragweite; nur Europa garantiert unternehmerische Effizienz, Kompetenz, Fähigkeiten und Geschicklichkeit, um die Globalisierung der Geschäfte zu verwirklichen. Die aktuelle Wirtschaftsfinanzkrise zieht diesen Anspruch ins Lächerliche. Die meisten Länder wissen nicht, wie sie die von ihnen geschaffene Krise überwinden sollen. Um ihr spekulatives, grausames und unbarmherziges Finanzsystem zu retten, ziehen sie vor, ihre  Bevölkerung in Arbeitslosigkeit und Elend zu stürzen.

Muniz Sodré wirft diese Fragen im Hinblick auf die brasilianische Realität auf, um aufzuzeigen, welchen Herausforderungen sich unser Bildungssystem in den kommenden Jahren stellen muss. Es ist an der Zeit, dass wir ein freies und kreatives Volk werden und nicht nur die Meinung Anderer nachbeten. Sodré bewahrt die Namen der Erzieher vor der Vergessenheit, die ein unserem Potenzial angemessenes Bildungssystem vorschlugen, wie Joaquim Nabuco, Anisio Teixeira und insbesondere Paulo Freire. Darcy Ribeiro sprach sich mit Begeisterung für eine Neu-Erfindung Brasiliens aus, ausgehend vom Reichtum  aller 60 Völker, die in unser Land kamen und sich untereinander vermischten.

Dieses neu-erfundene Bildungssystem sollte uns bei der Entkolonialisierung helfen und bei der Überwindung des Einheitsdenkens, indem wir von der kulturellen Vielfalt und den sozialen Netzwerken profitieren. Aus dieser Anstrengung können die ersten Ansätze eines neuen Zivilisationsparadigmas entstehen, das das Leben, die Menschheit und die Erde in den Mittelpunkt stellt und von manchen als eine biozentrische Zivilisation bezeichnet wird.

 

Krisenzeiten – Achtsamkeitzeiten

In den kulturellen Überlegungen unserer Zeit ist der Begriff Pflege/Sorge/Achtsamkei1 ein immer wiederkehrendes Thema. Zuerst kam er durch die Medizin und Krankenpflege auf, denn er steht für die natürliche Ethik dieses Tätigkeitsbereichs. Dann wurde er von der Erziehung aufgegriffen und durch feministische Philosophinnen und Theologinnen, vor allem aus Nordamerika, zum Paradigma erhoben. Sie sahen in ihm ein essentielles Element der  „Anima“-Dimension jedes Mannes und jeder Frau. Dies hat, vor allem in den Vereinigten Staaten, eine heftige und noch immer andauernde Debatte ausgelöst zwischen der patriarchalischen Ethik, die auf Gerechtigkeit gründet, und der matriarchalischen Ethik, die ihren Ausdruck in so etwas Essentiellem wie der Achtsamkeit findet.

In der Debatte über Ökologie hat die sorgfältige Achtsamkeit ein besonderes Gewicht erlangt, und in der Erd-Charta nimmt sie einen zentralen Platz ein. Im neuen Diskurs ist die Sorge für die Umwelt, für die knappen Ressourcen, für die Natur und für die Erde zu einem Muss geworden. Schließlich wurde Sorge als essentiell für das Verständnis des menschlichen Seins gesehen, wie Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ schrieb und so mit der Tradition aufräumte, die auf die Griechen, Römer und die frühen christlichen Denken wie dem Hl. Paulus und dem Hl. Augustinus zurückgeht.

Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die Kategorie der Sorge gerade in Krisen-zeiten an Wichtigkeit gewinnt. Sie bewahrt die Krisen davor, sich in verhängnisvolle Tragödien zu verwandeln.

Der Erste Weltkrieg (1914-1918), der zwischen christlichen Staaten ausgetragen wurde, zerstörte den illusorischen Glamour des Viktorianischen Zeitalters und erzeugte eine tiefe metaphysische Hilflosigkeit. Es war in jener Zeit, dass Martin Heidegger (1889-1976) sein geniales Werk „Sein und Zeit“ (1927) schrieb, dessen zentralen Kapitel (§ 39-44) der Sorge als der Ontologie des menschlichen Seins gewidmet sind.

Während des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) erlangte der Kinderarzt und Psychologe D. W. Winnicott (1896-1971) an Berühmtheit. Von der britischen Regierung war er beauftragt, für Waisenkinder zu sorgen, die den Schrecken der Bombenangriffe der Nazis auf London zum Opfer gefallen waren.  Er entwickelte eine komplette Theorie und Praxisanweisung zu den Konzepten der Achtsamkeit (care), der Sorge für den Mitmenschen (concern) und der Gesamtheit der Pflege- und Hilfeleistungen, die für Kinder oder andere verletzliche Personen aufgebracht werden müssen (holding), und die ihre Anwendung auch in den Wachstums- und Erziehungsprozessen finden.

Im Jahr 1972 läutete der Club of Rome die Alarmglocke für die ökologische Situation der Erde.  Der Club of Rome hat den Hauptverursacher ausgedeutet: unser Entwicklungsmodell, vom Konsumdenken geprägt, räuberisch, nachlässig und frei von jeglicher Sorge, sei es um die knappen Ressourcen oder über unseren Umgang mit dem Müll, der großenteils schädlich und von der Natur nicht abbaubar ist. Mehrere, von der UNO in den 1980er Jahren organisierte Zusammenkünfte gipfelten in der Anregung zu nachhaltiger Entwicklung als Ausdruck menschlicher Sorge für die Umwelt, doch dies war hauptsächlich ökonomisch motiviert.

Im Jahr 1991 entwickelten das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der WWF (World Wildlife Fund) und die internationale Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen (IUCN) eine sorgfältige Strategie für die Erhaltung des Planeten unter dem Motto: Sorge um die Erde. In diesem Dokument heißt es:

Die Ethik der Sorge greift sowohl auf internationalem Niveau wie auch auf nationalem und individuellem Niveau; keine Nation kann sich selbst versorgen, alle werden aus der weltweiten Nachhaltigkeit Nutzen ziehen, und alle werden bedroht sein, wenn es uns nicht gelingt, diese zu erreichen.

 

Diesen Gedanken umsetzend wurde nach acht Jahren Arbeit auf weltweitem Niveau im März 2009 die Erd-Charta in Paris fertiggestellt. Die Kategorie der Pflege/Sorge und die auf Nachhaltigkeit beruhende Lebensweise stellen zwei Hauptachsen im neuen ökologischen, ethischen und spirituellen Diskurs dar, der von diesem Dokument vorgestellt wird. Im Jahr 2003 übernahm die UNESCO offiziell die Erd-Charta und präsentierte sie als grundlegendes pädagogisches Instrument für die Gestaltung unserer gemeinsame Zukunft.

 

Im Jahr 2003 entwickelten die Umweltminister und -Sekretäre der lateinamerikanischen und karibischen Länder das beachtliche Dokument „Manifest für Leben, für eine Ethik der Nachhaltigkeit“, das die Kategorie Pflege/Sorge in der Vorstellung einer wirksamen nachhaltigen und konsequent humanen Entwicklung beinhaltet.

 

Pflege ist vor allem an den beiden Extrempunkten des Lebens anzutreffen: bei der Geburt und im Sterben. Das Kind kann nicht ohne Pflege überleben. Der Sterbende braucht Pflege, um dieses Leben in Würde zu verlassen.

 

Wenn irgendeine Gruppe eine Krise verursacht, die Spannungen und Spaltungen mit sich bringt, dann ist die Weisheit der Pflege/Sorge der beste Weg, um die verschiedenen Parteien anzuhören, zum Dialog aufzufordern und nach Einigung zu suchen. Pflege/Sorge ist gefragt, wenn eine Gesundheitskrise entsteht, die einen Krankenhausaufenthalt erforderlich macht. Dann ist die Pflege durch Ärzte und Krankenschwestern und -pfleger, die über die am besten geeignete Behandlung entscheiden, auf den Plan gerufen.

 

Achstsamkeit ist in praktisch allen Bereichen des Lebens absolut notwendig, von der Pflege für den Körper, die Nahrung, das intellektuelle und spirituelle Leben und die Lebensführung im allgemeinen bis hin zum Überqueren einer stark befahrenen Straße. Wie der römische Poet Horaz beobachtete, ist Pflege „wie ein Schatten, der immer mit uns ist und uns niemals verlässt, denn unsere Existenz begann durch Pflege“.

Angesichts der allgemeinen Krise, sei sie sozialer oder ökologischer Art, kommt der Achtsamkeit eine essentielle Rolle zu, um die Ganzheit von Mutter Erde zu bewahren und um das Fortleben unserer Spezies und unserer Zivilisation zu gewährleisten.

1Der im Originaltext verwandte Begriff „cuidado“ lässt sich im Deutschen nicht einheitlich mit einem einzigen Begriff wiedergeben, sondern ist je nach Zusammenhang mit „Sorge“ “Achstsamkeit” oder „Pflege“ zu übersetzen. Wo es sich um die Gesamtheit dieser Aspekte handelte, habe ich den Doppel-Begriff (Pflege/Sorge) gewählt. (Anm. der Übersetzerin Bettina Gold-Hartnack)

Leonardo Boff ist Verfasser von Die Logik des Herzens.Wege zu neuer Achtsamkeit. Patmos 1999.