“Gentileza-Gefälichkeit- ist das Heilmittel gegen alle Übel“

Leonardo Boff

Wir leben in Zeiten allgemeiner Gewalt und Brutalität in persönlichen, sozialen und internationalen Beziehungen, die durch die neuen Formen der digitalen Kommunikation noch verstärkt werden. Es scheint, dass sich Unmenschlichkeit eingebürgert hat, wenn wir Verbrechen gegen die Menschlichkeit und regelrechten Völkermord, wie sie im Gazastreifen im Konflikt zwischen der Hamas und der israelischen Regierung stattfinden, als Referenz nehmen. Sie werden in den Zeitungen und verschiedenen Medien kaum noch erwähnt. Das ist nichts Neues: Das Leben spielt keine Rolle.

Das Verhalten von US-Präsident Donald Trump läutet eine Zeit der Verrohung und Arroganz ein, die sich in der ganzen Welt ausbreitet.  Es ist zu Recht gesagt worden, dass er sich wie ein umgekehrter Pfadfinder verhält. Der Pfadfinder hat sich vorgenommen, jeden Tag eine gute Tat zu tun. Trump vollbringt jeden Tag eine neue schlechte Tat gegen die Welt. Er stellt nicht nur Amerika „an die erste Stelle“, sondern „nur Amerika zählt“. Es scheint, dass die Welt sich seinen Träumen von unbegrenzter Macht unterordnen muss, einschließlich der Tötung aller.

In diesem düsteren Kontext kommt uns der Prophet Gentileza in den Sinn. Anlässlich des Brandes des nordamerikanischen Zirkus in Niterói am 17. November 1961, bei dem 500 Menschen ums Leben kamen, hatte er ein spirituelles Erlebnis. Pedro da Trino, so sein Name, musste seine Arbeit als Lastwagenfahrer und seine ganze Familie verlassen und zum Brandort gehen, um die Menschen zu trösten. Er machte das Gelände platt und verwandelte es in einen Blumengarten. Er schlief in seinem Lastwagen. Vier Jahre lang tröstete er alle, die zum Ort des Geschehens kamen, um ihre Toten zu betrauern, indem er ihnen sagte: „Ihre Körper sind tot, aber ihre Geister sind in Gott“.

Nach vier Jahren begann er, sich in einen weißen Mantel voller Applikationen zu kleiden, mit einem Stab, einem langen Banner mit seinen Botschaften, gekrönt von Blumen, die ihn an den Garten Eden erinnern sollten. Er reiste durch das Land, in den Nordosten und Norden, und verkündete seine Botschaft: „Freundlichkeit erzeugt Freundlichkeit“. Schließlich ließ er sich in Rio nieder und reiste wie ein skurriler Don Quijote mit seinem Evangelium der Freundlichkeit durch die Stadt. Er gewann die Sympathie vieler, wurde von Musikern besungen und von Künstlern zitiert. Er starb 1996 in Mirandópolis, São Paulo. Es waren 35 Jahre konsequenter prophetischer Mission. Diese Zahl regt zu einigen aktuellen Überlegungen an.

            Der Prophet Gentileza zeigt eine in der christlichen Geschichte seltene trinitarische Mystik des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Er fügt immer ein viertes weibliches Element hinzu, die Natur oder Maria. Der Psychoanalytiker C.G. Jung hat gezeigt, dass 3 und 4 nicht als Zahlen, sondern als Archetypen betrachtet werden sollten: 3 symbolisiert eine innere Totalität (die Trinität selbst) und 4 eine äußere Totalität (die Trinität), die die Schöpfung und das Weibliche einschließt. Oder die Summe von 3 und 4, die 7 ergibt, würde die Gesamtheit des Geheimnisses des dreifaltigen Gottes zusammen mit seiner Schöpfung darstellen. 

Wie jeder Prophet, prangert Gentileza an und verkündet. Er prangert diese Welt an, die „vom Kapital des Teufels regiert wird, der alles verkauft und alles zerstört“. Er sieht den zerstörten Zirkus als Metapher für den Weltzirkus, der ebenfalls zerstört werden wird. Aber er verkündet die „Freundlichkeit, die das Heilmittel gegen alle Übel ist“. Gott ist „Güte, denn er ist Schönheit, Vollkommenheit, Güte, Reichtum, Natur, unser Schöpfervater“.

Ein Refrain taucht immer wieder auf, vor allem auf den 56 Säulen mit Inschriften am Eingang des Busbahnhofs Novo Rio in Caju: „Freundlichkeit erzeugt Freundlichkeit, Liebe“. Auf der Eco 92, dem Gipfeltreffen der Völker zum Thema Entwicklung und Ökologie, rief er den Staatsoberhäuptern zu: „Freundlichkeit erzeugt Freundlichkeit“ und forderte alle auf, freundlich und dankbar zu sein. In der Tat kündigte er ein Gegenmittel gegen die Brutalität unseres Beziehungssystems an. In der Sprache des Volkes und der Religion ist dies der Vorläufer eines neuen Zivilisationsparadigmas, das die gesamte Menschheit dringend braucht und das nicht auf der Gier nach Bereicherung, sondern auf dem Geist der Freundlichkeit und der Feinheit beruht. Dies erinnert uns an Blaise Pascal (1623-1662), den großen Mathematiker und Denker, der in den Fragmenten seiner Pensées zwischen dem „Geist der Geometrie“ (esprit de géometrie) und dem „Geist der Finesse“ (esprit de finesse) unterscheidet. Ersterer, der „Geist der Geometrie“, der für die aufkommende Moderne typisch ist, konzentriert sich auf das Kalkül und das Interesse, während letzterer, der „Geist der Finesse“ und der menschlichen Sensibilität, die freien und uneigennützigen Beziehungen zwischen den Menschen kennzeichnet. Er sagte voraus, dass der erstere in der Geschichte vorherrschen würde, und das hat er auch getan.

Heute müssen wir gegen die vorherrschende Barbarei, Grobheit und Dummheit die Werte der Freundlichkeit, der Sensibilität gegenüber anderen, des Respekts vor Unterschieden und des allgemeinen Wohlwollens verteidigen. Pascal erkannte im Geist der Finesse die Qualität des „honnête homme“ des „guten Menschen“. Heutzutage sind „gute Menschen“ Menschen, die sich selbst als „Patrioten“ bezeichnen, aber Lügen, Verleumdungen und die Verbreitung von Fehlinformationen nutzen, um ihr autoritäres und altmodisches Machtprojekt durchzusetzen. Für diese Menschen ist das „Evangelium der Güte“ mehr wert als für andere.

Wir glauben mit dem Propheten Gentileza, dass „Sanftmut“, wie er verkündete, „das Heilmittel gegen alle Übel ist“. Denn hinter dem Wort „Freundlichkeit“ verbirgt sich das Vornehmste und Edelste im Menschen, die Freundlichkeit/Gefälichkeit, die in den schlechten Tagen, in denen wir leben, so fehlt und so notwendig ist.

Leonardo Boff   schrieb  Das Recht des Herzens, Herder 2024

Überzetzung von Bettina Goldhartnack

Die Hälfte der Menschheit kann in einigen Jahrzenten sterbem:die nicht Nachhaltigkeit der Erde

  Leonardo Boff

Wenn wir uns die Häufigkeit der Umwälzungen auf der Erde ansehen, insbesondere bei zunehmender globaler Erwärmung, und dazu noch die Tatsache, dass die Leugner so mächtig sind wie der amerikanische Präsident Trump, lohnt es sich, ernsthaft zu fragen, ob der Planet noch zukunftsfähig ist oder auf eine phänomenale Tragödie zusteuert.

Nehmen wir als Warnung die vom Institute and Faculty of Actuaries der Universität Exeter (UK) veröffentlichten Daten, die für ihre Seriosität bekannt sind: Sie besagen, dass bei Temperaturen, die 3°C über dem vorindustriellen Niveau liegen, die Hälfte der Menschheit, etwa vier Milliarden Menschen, sterben könnten“, und zwar nicht in ferner Zukunft, sondern in einigen Jahrzehnten.

 Wir brauchen ein breiteres Konzept der Nachhaltigkeit als das berühmte des Brundland-Berichts (1987), das sich nur auf den Menschen konzentrierte und die Natur aussparte. Ich schlage ein umfassenderes Konzept vor: „Nachhaltige Entwicklung ist jede Maßnahme, die darauf abzielt, die energetischen, informationellen, physikalischen und chemischen Bedingungen zu erhalten, die alle Lebewesen, insbesondere die lebende Erde, die Natur und das menschliche Leben, im Hinblick auf ihren Fortbestand und auch auf die Befriedigung der Bedürfnisse der gegenwärtigen und der künftigen Generationen in einer Weise unterstützen, dass das Naturkapital in seiner Fähigkeit zur Regeneration, Reproduktion und Koevolution erhalten und bereichert wird“.

 Was kann getan werden, um diese Art von Nachhaltigkeit zu gewährleisten? Ich bin davon überzeugt, dass die Narrative der Vergangenheit uns nicht mehr in eine hoffnungsvolle Zukunft führen. Das heißt aber nicht, dass wir aufgeben, die Situation zu verbessern. Das Prinzip der Hoffnung, das in uns brennt, kann minimalistische Utopien entwerfen, die das Leben erleichtern und die Natur erhalten. Dazu müssen wir von unten anfangen, vom Territorium, wo Nachhaltigkeit im Rahmen der ökologischen Bedingungen aufgebaut werden kann, die die Natur mit ihren Wäldern, ihren Flüssen, ihren Menschen und ihren religiösen Traditionen vorgibt.

   Es liegt an uns, ob wir uns ändern oder auf demselben Weg weitergehen wollen. Es kommt der Zeitpunkt, an dem wir keine andere Wahl haben, als an uns selbst zu glauben, zu vertrauen und zu hoffen. Wir müssen aus unserer eigenen Quelle trinken. Darin liegen die Grundsätze und Werte, die, wenn sie aktiviert werden, uns retten können.     Hier sind einige der wichtigsten davon.

Erstens: die Fürsorge. Wir wissen aus der Antike (Hyginus’ Mythos der Fürsorge) und aus der Neuzeit (Heidegger), dass das Wesen des Menschen in der Fürsorge liegt, der Voraussetzung für das Leben und Überleben. Hätten nicht alle Elemente der Evolution eine subtile Fürsorge füreinander, würde der Mensch nicht entstehen. Da er keine spezialisierten Organe hat, braucht er Pflege, um zu leben und zu überleben. Genauso verkümmert die Natur, wenn man sich nicht um sie kümmert.

Wie die Biologen (Watson/Krick) gezeigt haben, gehört die Liebe zur menschlichen DNA. Zu lieben bedeutet, eine Beziehung der Gemeinschaft, der Gegenseitigkeit, mit allen Dingen herzustellen und impliziert, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen.

Von grundlegender Bedeutung ist die Solidarität. Die Bioanthropologie hat gezeigt, dass die Suche nach Nahrung, die gemeinschaftlich konsumiert wird, den Sprung von der Tierwelt zum Menschen ermöglicht hat. Was in der Vergangenheit galt, gilt heute umso mehr.

Wir sind auch Wesen des Mitgefühls: Wir können uns in die Lage des anderen hineinversetzen, mit ihm weinen, seinen Kummer teilen und ihn nie allein lassen. Das ist eine der Tugenden, an denen es heutzutage am meisten mangelt.

Wir sind immer noch schöpferische Wesen: Wir erfinden ständig Dinge, um unsere Probleme zu lösen. Heute ist Innovation dringender denn je, wenn wir beim Schutz des Lebens und der Natur nicht ins Hintertreffen geraten wollen.

Seit den Anfängen unserer Vorfahren, als das limbische Gehirn vor 200 Millionen Jahren entstand, sind wir Wesen des Herzens, der Zuneigung und der Sensibilität. Das empfindsame Herz ist das Zentrum des Gefühls, der Spiritualität und der Ethik. Heute müssen wir mehr denn je Verstand und Herz, Rationalität und Sensibilität vereinen, denn das gesamte wissenschaftliche Gebäude wurde errichtet, indem die Zuneigung unter Verdacht gestellt wurde. Aus humanitärem Einfühlungsvermögen heraus verurteilen wir heute den perversen Völkermord unter freiem Himmel im Gazastreifen an mehr als 13.000 unschuldigen Kindern und mehr als 60.000 Zivilisten.

Wir sind im tiefsten Inneren unseres Menschseins spirituelle Wesen. Die Spiritualität gehört zur menschlichen Natur, mit demselben Bürgerrecht wie Intelligenz, Wille und Libido. Sie muss von der Religiosität unterschieden werden, obwohl sie zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken können. Aber nicht notwendigerweise. Die natürliche Spiritualität ist jedoch ursprünglicher. Religiosität setzt Spiritualität voraus und speist sich aus ihr. Spiritualität lebt von bedingungsloser Liebe, Solidarität, Mitgefühl, Fürsorge für die Schwächsten und für die Natur. Mehr noch: Als spirituelle Wesen sind wir in der Lage, jene kraftvolle und liebevolle Energie zu erkennen, die alle Dinge und das gesamte Universum erhält und der wir uns ehrfürchtig öffnen können. Entweder wir integrieren die natürliche Spiritualität und leben als Brüder und Schwestern mit der Natur zusammen, oder wir verurteilen uns dazu, die Vergangenheit mit all den Risiken zu wiederholen, die unsere Existenz heute bedrohen.

Eine Öko-Zivilisation, die auf diesen Werten und Prinzipien beruht, kann die Nachhaltigkeit unseres gemeinsamen Hauses garantieren. In ihr gibt es verschiedene kulturelle Welten, die friedlich koexistieren können und müssen. Eine Utopie? Ja, aber eine notwendige Utopie, wenn wir noch eine nachhaltige Zukunft zusammen mit Mutter Erde haben wollen.

Leonardo Boff schrieb Zukunft für Mutter Erde, Claudius Verlag, München 2021.

Bildung im Angesicht der ökologischen Gefahr

                               Leonardo Boff

Egal wie viele es gibt, die dies leugnen, die Tatsache, dass sich die Erde und die Menschheit verändert haben, kann nicht bestritten werden. Zunächst einmal wird vorausgesetzt, dass ein kleiner Planet mit begrenzten Gütern und Dienstleistungen (Ressourcen) wie die Erde kein unbegrenztes Entwicklungs-/Wachstumsprojekt unterstützen kann. Der theoretische und praktische Motor, der die gesamte Moderne in Gang gesetzt hat, ist die bekannte Überlastung der Erde (Earth Overshoot). Chinas Deep Seek, die fortschrittlichste und frei zugänglichste Plattform überhaupt, verkündete die „menschliche Unhaltbarkeit und historische Überholtheit des neoliberalen westlichen Wirtschaftsmodells“. Es ist dazu bestimmt zu verschwinden, egal wie sehr es die Qual durch Gewalt, Aggression und Kriege verlängert. Diese Ankündigung versetzte die Eigentümer der großen Plattformen in große Panik und sie verloren von einem Moment auf den anderen insgesamt eine Billion Dollar.

Mit anderen Worten: Die Erde als lebendiger Superorganismus fühlt sich durch die Art und Weise, wie sich die Menschen im Westen in den letzten drei Jahrhunderten zur Erde und zur Natur verhalten, systematisch angegriffen: durch die maximale Ausbeutung im Hinblick auf eine unbegrenzte Anhäufung privaten materiellen Reichtums, die durch härtesten Wettbewerb erreicht wird. Daher reagiert sie immer häufiger. Sie sendet Signale aus, beispielsweise eine große Bandbreite an Viren und Bakterien – das am weitesten verbreitete davon ist das Coronavirus –, sowie Extremereignisse wie schwere Dürren, verheerende Überschwemmungen, den Verlust der Artenvielfalt und in jüngster Zeit auch Brände. Damit läutet sie neben dem aktuellen Anthropozän und Nekrozän eine neue geologische Ära ein, die vielleicht gefährlichste überhaupt: das Pyrozän (auf Griechisch das Zeitalter des Pyros, des Feuers).

Die empfindlichste und heftigste Reaktion von Gaia ist jedoch die globale Erwärmung. Wir sind nicht auf dem Weg dorthin. Wir sind bereits mittendrin. Die im Pariser Abkommen von 2015 vereinbarte Reduzierung der Treibhausgasemissionen, damit die globale Erwärmung bis 2030 nicht die Marke von 1,5 Grad Celsius erreicht, wurde nicht eingehalten. Das Datum wurde vorverlegt. Das Jahr 2024 war das heißeste in der bekannten Geschichte. Die Temperaturen erreichten durchschnittlich 1,55ºC und an manchen Orten sogar 2ºC oder mehr. Wissenschaftler erkennen: Die Wissenschaft kam zu spät. Sie kann diese Erwärmung nicht mehr umkehren. Sie kann allenfalls vor dem Eintreten extremer Ereignisse warnen und deren schädliche Auswirkungen abmildern. Um diese Feststellung zu treffen, brauchen wir keine wissenschaftlichen Erkenntnisse mehr: Überall ereignen sich Extremereignisse, die uns bewusst machen, dass der Planet Erde sein Gleichgewicht verloren hat und auf der Suche nach einem neuen ist. Dieses wärmere Klima könnte große Teile der Biosphäre zerstören und Millionen von Menschen das Leben kosten, die sich nicht an ein wärmeres Klima anpassen können.

Wie kommen wir aus dieser planetaren Krise heraus? Wir sehen keinen anderen realistischen Weg, als ein anderes Paradigma in der Beziehung zur Natur und zur lebendigen Erde einzuführen: zu versuchen, jenen Wert zu leben, der in allen Kulturen vorhanden ist und dem ich zwei Bücher gewidmet habe: „Die Suche nach dem richtigen Maß“: wie viel wir der Natur für unseren Lebensunterhalt entnehmen und wie viel wir von ihr bewahren müssen, damit sie sich regenerieren und uns weiterhin das bieten kann, was wir zum Leben brauchen.

Während das vorherrschende Paradigma das des „Dominus“ war, also des Menschen als Herrn und Eigentümer der Natur, der sich nicht als Teil dieser Natur fühlt, was uns in die gegenwärtige systemische Krise geführt hat, drängt sich jetzt das auf, was uns der gesunde Menschenverstand und die Biologie selbst gelehrt haben: das des „Frater“ (Bruder und Schwester). Alle Lebewesen verfügen über denselben genetischen Grundcode, wie Watson und Krick in den 1950er Jahren zeigten, als sie die Formel für die Konstruktion des Lebens entdeckten, die uns objektiv zu Brüdern und Schwestern macht. Ein solches Paradigma hätte die Kraft, ein kollektives Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir einander, Menschen untereinander und mit allen anderen Lebewesen in der Natur, wie Brüder und Schwestern behandeln müssen. Fürsorge, Zusammenarbeit, Solidarität, Mitgefühl und Liebe würden die Grundlage dieser neuen Art, den Planeten Erde zu bewohnen, bilden. Wir würden das Risiko der Selbstzerstörung vermeiden und die Voraussetzungen für die Kontinuität unseres Lebens auf diesem Planeten schaffen. Andernfalls könnten wir den Weg kennen lernen, den bereits die Dinosaurier gegangen waren, die sich vor 67 Millionen Jahren nicht an die Veränderungen auf der Erde anpassen konnten und für immer verschwanden.

In diesem Zusammenhang wird es dringend notwendig, die Erziehung mit dem Wert der Fürsorge, mit der Ethik der Solidarität, mit einem Gefühl der Liebe zu allen Wesen und mit einer Einführung in die natürliche Spiritualität zu bereichern. Wie Hannah Arendt sagte: Wir können uns unser ganzes Leben lang informieren, ohne uns jemals zu bilden. Heute müssen wir uns auf eine Art und Weise bilden, die den sich vollziehenden Veränderungen angemessen ist. Es geht nicht darum, den Kopf mit allen möglichen Informationen voll zu haben, sondern einen gut gemachten Kopf. Bei der Bildung geht es nicht darum, ein leeres Gefäß zu füllen, sondern darum, ein Licht im Geist einzuschalten.

Die Erd-Charta warnt uns: „Wie nie zuvor in der Geschichte ruft uns unser gemeinsames Schicksal zu einem Neuanfang auf. Dies erfordert einen neuen Geist und ein neues Herz“. Mit anderen Worten: anzunehmen, dass die Erde lebt und unsere große Mutter ist; die Rechte des Herzens wiederzuerlangen: das Band der Liebe zu allen Lebewesen und die Überwindung ihrer utilitaristischen Nutzung, denn jedes hat einen Wert an sich. Die intellektuelle Vernunft, die in der heutigen Zeit so weit entwickelt ist, mit der Sensibilität des Herzens zu bereichern, die uns dazu bringt, uns wirklich als Brüder und Schwestern zu fühlen, mit dem ethischen Gebot, das heilige Erbe, das die Erde, unser einziges gemeinsames Haus, ist, zu schützen und zu pflegen.

Neben anderen Werten möchte ich einen hervorheben, der oft vergessen wird: die Rückgewinnung der natürlichen Spiritualität. Sie ist kein Derivat der Religionen, sondern sie speist sich aus dieser Quelle, die ursprünglicher ist. Die natürliche Spiritualität gehört zur menschlichen Natur wie Intelligenz, Wille, Kraft und Libido. Die natürliche Intelligenz äußert sich in der Liebe, die niemanden ausschließt, in der Solidarität, in der affektiven Verbundenheit mit allen Lebewesen, im Mitleid mit den Leidenden. Diese Spiritualität muss bereits in der Schule, von der frühen Kindheit an, präsent sein. Auf diese Weise werden wir nicht zu Konsumenten und Nutzern der technischen Medien, sondern zu bewussten, kritischen, sensiblen und zutiefst humanitären Bürgern.

Leonardo BoffTheologe, Philosoph, Autor von: Die Suche nach dem rechten Maß: Wie der Planet Erde wieder ins Gleichgewicht kommt, LIT Verlag, 2023

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Die Globalisierung ist nicht von Trump aufzuhalten

         Leonardo Boff

         So sehr der Möchtegern-„Weltherrscher“ Donald Trump „America first“ an die erste Stelle setzt, was im Grunde bedeutet, dass „nur Amerika“ zählt und der Rest nur das Feld seines Expansionismus ist, liegt es nicht in seiner Macht, einen Prozess zu unterbrechen, der sich seiner arroganten Verstellung entzieht. Es ist der unaufhaltsame Prozess der Globalisierung.   

Sie wurde fast ausschließlich als wirtschaftlich-finanzielles Phänomen betrachtet. Es ist das eiserne Zeitalter, wie Edgar Morin sagt. Aber dieser Prozess stellt eine viel grundlegendere, politische, kulturelle und spirituelle Realität dar: eine neue Phase für die Menschheit und für die Erde selbst, die als ein lebender Superorganismus namens Gaia verstanden wird. Sie bildet eine einzige, große und komplexe Einheit mit der Menschheit, wie die Astronauten, die die runde Erde von ihren Raumschiffen aus sahen, bezeugen konnten.

Die Menschheit ist vor etwa 7-8 Millionen Jahren in Afrika entstanden. Unsere Vorfahren blieben dort für etwa 2 Millionen Jahre. Dort wurden die grundlegenden Strukturen, die uns zu Menschen machen, in ihren Köpfen und Herzen gebildet. Daher sind wir alle, Weiße und Schwarze, Westliche und Östliche, alle Afrikaner der Herkunft nach.

         Nach einer langen Zeit begann die große Ausbreitung über die ganze Erde, beginnend in Eurasien und schließlich auf allen Kontinenten. Jetzt gibt es ein neues Phänomen: Diese wandernden Völker machen sich auf den Weg zurück. Sie treffen sich an einem einzigen Ort: auf dem Planeten Erde, der als gemeinsame Heimat und Mutterland verstanden wird. Wie werden sie zusammenleben? Welche Bedeutung werden die eigenen Kulturen der Völker haben? Welche Funktion erfüllen die Nationalstaaten noch?

All diese Realitäten müssen von dieser neuen menschlichen Ebene und dem neuen Zustand des planetarischen Bewusstseins aus, den langsam das allgemeine Bewusstsein übernimmt, neu definiert werden. Das Coronavirus hat dies deutlich gezeigt, da es die nationale Souveränität nicht respektierte und die Erde und die Menschheit in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellte.

         Diese neue Stufe des anthropogenen Prozesses zeigt uns, dass wir alle ein und dasselbe gemeinsame Schicksal haben. Es verlangt nach einer ihm angemessenen Governance.  Es werden politische Institutionen und Rechtsformen gesucht, die die Führung der irdischen Republik – der bereits 1795 von Kant angedachten „Weltrepublik“ – übernehmen und sich um das gemeinsame Erbe der Biosphäre und der Menschheit kümmern. Bis diese Gremien entstehen, ist es Aufgabe der Staaten, im Geiste der globalen Partnerschaft nach Lösungen für den gesamten Planeten und die Menschheit zu suchen. Er ist in einem eisernen Käfig gefangen – manifest destiny – eine politische Erfindung, um den arroganten Anspruch zu verdecken, die Herren und Meister der Welt zu sein.

Trotz Trumps Leugnung ist es wichtig zu erkennen, dass die Kategorie des Nationalstaats allmählich obsolet wird. Dies zeigt sich im wachsenden Bewusstsein für die planetarische Bürgerschaft – „die Erde ist meine Heimat“ – Bewegungen wie das Weltsozialforum und andere internationale Organisationen, die sich mit Gesundheit und der Erhaltung des gemeinsamen natürlichen und kulturellen Erbes der Menschheit und der Biosphäre befassen, nehmen sie der Sorge um die gemeinsame Zukunft der Erde und der Menschheit an.

         Die Globalisierung hat noch nicht ihren institutionellen Ausdruck gefunden. Sie wird sicherlich ökozentrisch sein. Sie wird nicht dieses oder jenes Land oder diesen oder jenen geopolitischen und wirtschaftlichen Block (eine unipolare oder multipolare Welt), diese oder jene Kultur in den Mittelpunkt stellen, sondern die Ökologie und die Erde, verstanden als ein organisches Makrosystem, dem alle Instanzen dienen und untergeordnet sein müssen. Zu diesem Zentrum gehört die Menschheit, die sich aus Söhnen und Töchtern der Erde zusammensetzt, die Menschheit verstanden als die Erde selbst, die das Stadium des Fühlens, des reflektierenden Denkens, der Verantwortung und der Verliebtheit erreicht hat. Wir sind eine lebendige und bewusste Erde.

         Aus diesen Forderungen wird deutlich, dass alles davon abhängt, die Erde zu schützen und die Bedingungen für ihr Leben und ihre Fortpflanzung zu erhalten. Dieses Anliegen ist jetzt, da wir uns mitten in der globalen Erwärmung und der brutalen Erosion der biologischen Vielfalt befinden, besonders dringend. Wir bewegen uns über das Anthropozän (der menschliche Aggressor) hinaus, gehen durch das Nekrozän (das Aussterben der Arten) und erreichen den Höhepunkt des Pyrozäns (das Feuer der großen Brände). Wir sind wirklich in Gefahr, nicht länger auf diesem Planeten bleiben zu können.

Das Bewusstsein für diese neue Wahrnehmung ist noch weit davon entfernt, kollektiv geteilt zu werden, da das herrschende System immer noch die Illusion einer unbegrenzten Entwicklung/eines unbegrenzten Wachstums (ein immer höheres BIP) inmitten eines kleinen und begrenzten Planeten verfolgt. Wenn wir nicht aufwachen, besteht die Gefahr, die Sigmunt Bauman eine Woche vor seinem Tod anprangerte: „Wir müssen uns solidarisch zeigen, sonst reihen wir uns in die Prozession derer ein, die auf ihr eigenes Grab zusteuern“. Wachen wir auf und vertreiben wir den Alptraum vom möglichen Ende der Spezies aufgrund unserer eigenen Verantwortungslosigkeit. Der Sinn des Lebens ist zu leben, zu strahlen und sich zu verewigen.

Leonardo Boff Autor von: Cuidar da Casa Comum:pistas para protelar o fim do mundo, Vozez 2024

Übersetzung von Bettina Golfdhartnack