Der Frieden von Papst Leo XIV.: Ist Frieden unter den heutigen Bedingungen möglich?

Leonardo Boff

Wir befinden uns immer noch im Kontext der Wahl des neuen Papstes Leo XIV., der in seiner Antrittsrede sechsmal über den Frieden sprach, ein dringendes Thema.  Doch eine globale Welle des Hasses, der Diskriminierung und des Krieges wütet überall. Nach Donald Trumps Vorrang der Gewalt vor der Diplomatie und dem Einsatz gewaltsamer Mittel, um die neue Weltordnung zu etablieren, verstehen wir die Bedeutung, die der aktuelle Papst dem Frieden beimisst.

Lassen Sie uns das Thema Frieden ein wenig näher beleuchten. Ich möchte zunächst an den Briefwechsel zwischen Einstein und Freud über Krieg und Frieden vom 30. Juli 1932 erinnern. Einstein fragte Freud: „Gibt es einen Weg, den Menschen von der Fatalität des Krieges zu befreien? Ist es möglich, die psychische Entwicklung so zu lenken, dass der Mensch fähiger wird, der Psychose des Hasses und der Zerstörung zu widerstehen?“ Freud antwortete: „Es gibt keine Hoffnung, die Aggression der Menschen direkt unterdrücken zu können.“ Nach Überlegungen, die dem Lebenstrieb und damit dem möglichen Frieden eine gewisse Hoffnung gaben, endete Freud skeptisch und resigniert mit dem berühmten Satz: „Wenn wir verhungern, denken wir an die Mühle, die so langsam mahlt, dass wir vielleicht vor Hunger sterben, bevor wir das Mehl erhalten“, mit anderen Worten: Der Frieden bleibt im Bereich der hoffnungsvollen Erwartung und muss Tag für Tag aufgebaut werden.

Trotz dieser harten Erkenntnis streben wir weiterhin nach Frieden und werden ihn niemals aufgeben, auch wenn es sich dabei nicht um einen dauerhaften Zustand handelt, der den Sterblichen verwehrt bleibt. Zumindest pflegen wir ständig einen Geist oder eine Lebensweise, die uns den Dialog der Konfrontation vorziehen lässt, die Win-Win-Strategie der Win-Lose-Strategie und die herzliche Suche nach Gemeinsamkeiten der konfliktreichen Konfrontation. Dies ist das Erbe, das uns der verstorbene Papst Franziskus hinterlassen hat und das der neue Papst erneuert.

Wir wagen es in der Hoffnung, einige Voraussetzungen zu schaffen, die den Frieden auf die eine oder andere Weise oder für einen Moment erreichbar machen. Ich sehe vier Voraussetzungen:

Die erste besteht darin, mit äußerster Ernsthaftigkeit die Polarität zwischen Sapiens und Demens, zwischen Liebe und Hass, zwischen Gut und Böse sowie zwischen Licht und Schatten als Teil der Struktur der universellen Realität und als inhärentes Merkmal der menschlichen Existenz zu akzeptieren: Wir sind die lebendige Einheit der Gegensätze. Dies stellt keinen Defekt der Evolution dar. Sondern die konkrete Situation der menschlichen Existenz, wie sie heute besteht. Dies gilt sowohl für das Persönliche als auch für das Gesellschaftliche.

Der Mensch entstand aus der ersten Singularität, einer unvorstellbaren Gewalt, dem Urknall, gefolgt von der extrem gewalttätigen Konfrontation zwischen Materie und Antimaterie, die ein Minimum an Materie übrig ließ, etwa 0,00000001 %, wodurch das heute bekannte Universum entstand. Das Geräusch dieses Knalls, eine sehr schwache magnetische Welle, die kosmische Hintergrundstrahlung, wurde 1964 von Arno Penzias und Robert Wilson entdeckt. Anhand der am weitesten entfernten Galaxie auf der Fluchtroute konnte das Alter des Universums auf 13,7 Milliarden Jahre datiert werden.

Die zweite besteht darin, den positiven und leuchtenden Pol dieses Widerspruchs auf jede erdenkliche Weise zu verstärken, sodass er den negativen Pol unter Kontrolle halten, begrenzen und in den positiven integrieren kann und so für einen Moment einen fragilen, aber möglichen Frieden herbeiführen kann, der jedoch immer von der Auflösung bedroht ist. Am 12. Mai sprach Papst Leo XIV. zu Journalisten und brachte seine klare Aussage zum Ausdruck: „Der Frieden beginnt bei jedem Einzelnen von uns, in der Art und Weise, wie wir andere betrachten, ihnen zuhören und über sie sprechen.“

Die dritte besteht darin, den natürlichen Vertrag mit der Natur, der verletzt wurde, wiederherzustellen und die Beziehungsmatrix zu retten, die zwischen allen Wesen besteht und uns zu Beziehungswesen in allen Richtungen macht. Wir sind nur in dem Maße verwirklicht, wie wir diese Beziehungen leben und erweitern. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass „dieses Wesen, der Mensch, sehr kreativ, unruhig, aggressiv und nicht sehr maßliebend ist. Aus diesem Grund wird er das Gesicht des Planeten verändern, aber er ist dazu bestimmt, ein kurzes Leben auf der Erde zu haben“, sagt der ökologische Ökonom Georgescu-Roegen (The entropy law and the economic process. Cambridge: Harvard Univ.Press, 1971, S.127).

Trotz dieses „historischen Scheiterns“ müssen wir anerkennen, dass aus dieser geretteten Beziehungsstruktur Frieden entstehen kann, so wie es die Erd-Charta in ihrer berühmten Definition verstanden hat: „Frieden ist die Fülle, die aus richtigen Beziehungen mit sich selbst, mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderem Leben, mit der Erde und mit dem großen Ganzen, von dem wir ein Teil sind, entsteht“ (Nr. 16 b). Der Friede hat also seine Grundlage in unserer eigenen Beziehungswirklichkeit, wie zerbrechlich und fast immer zerbrochen sie auch sein mag. Beachten Sie, dass der Friede nicht aus sich selbst heraus existiert. Er ist das Ergebnis richtiger Beziehungen, soweit sie für die erniedrigten Söhne und Töchter von Adam und Eva möglich sind.

Die vierte Bedingung ist die Gerechtigkeit. Was die Beziehungsstruktur am meisten stört, ist Ungerechtigkeit.  Ethik ist im Grunde Gerechtigkeit. Sie bedeutet: das Recht und die Würde eines jeden Menschen und jedes Wesens in der Schöpfung anzuerkennen und entsprechend dieser Anerkennung zu handeln. Mit anderen Worten: Gerechtigkeit ist jenes Minimum an Liebe, das wir dem anderen und den anderen widmen müssen, ohne das wir uns von allen anderen Wesen trennen und damit Ungleichheiten, Hierarchien, Ausgrenzung und Unterwerfung einführen und zu einer Bedrohung für andere Arten werden. In einer Gesellschaft der Ungerechtigkeit wird es niemals Frieden geben. Diejenigen, denen Unrecht widerfährt, reagieren, rebellieren und führen Kriege auf der Mikro- und Makroebene.

Wie der mexikanische Revolutionär Emilio Zapata warnte: „Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, sollte man der Regierung keinen Frieden geben.“ Brasilien wird niemals Frieden haben, solange es eine der ungleichsten, d. h. ungerechtesten Gesellschaften der Welt bleibt.

Dieser Weg des Friedens wurde von wenigen Menschen beschritten und von den besten gegenwärtigen spirituellen Führern wie Gandhi, Papst Johannes XXIII., Dom Helder Câmara, Martin Luther King Jr. und Papst Franziskus bezeugt. Der gegenwärtige Papst Leo XIV. hat ihn nachdrücklich wieder aufgegriffen, ganz zu schweigen von anderen in der Geschichte, insbesondere von Franz von Assisi.

In der Theologie heißt es oft, dass der Friede ein eschatologisches Gut sei, das heißt, dass er hier seinen Ursprung hat, aber erst dann wirklich verwirklicht wird, wenn die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht. Lassen Sie uns daher weiterhin diesen Samen eines möglichen Friedens säen.

Leonardo Boff, Autor von: Dass ich liebe, wo man hassst Das Friedensgebet des Franz von Assisi, Topos 2018.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Der Frieden von Papst Leo XIV.: Ist Frieden unter den heutigen Bedingungen möglich?

Leonardo Boff

Wir befinden uns immer noch im Kontext der Wahl des neuen Papstes Leo XIV., der in seiner Antrittsrede sechsmal über den Frieden sprach, ein dringendes Thema.  Doch eine globale Welle des Hasses, der Diskriminierung und des Krieges wütet überall. Nach Donald Trumps Vorrang der Gewalt vor der Diplomatie und dem Einsatz gewaltsamer Mittel, um die neue Weltordnung zu etablieren, verstehen wir die Bedeutung, die der aktuelle Papst dem Frieden beimisst.

Lassen Sie uns das Thema Frieden ein wenig näher beleuchten. Ich möchte zunächst an den Briefwechsel zwischen Einstein und Freud über Krieg und Frieden vom 30. Juli 1932 erinnern. Einstein fragte Freud: „Gibt es einen Weg, den Menschen von der Fatalität des Krieges zu befreien? Ist es möglich, die psychische Entwicklung so zu lenken, dass der Mensch fähiger wird, der Psychose des Hasses und der Zerstörung zu widerstehen?“ Freud antwortete: „Es gibt keine Hoffnung, die Aggression der Menschen direkt unterdrücken zu können.“ Nach Überlegungen, die dem Lebenstrieb und damit dem möglichen Frieden eine gewisse Hoffnung gaben, endete Freud skeptisch und resigniert mit dem berühmten Satz: „Wenn wir verhungern, denken wir an die Mühle, die so langsam mahlt, dass wir vielleicht vor Hunger sterben, bevor wir das Mehl erhalten“, mit anderen Worten: Der Frieden bleibt im Bereich der hoffnungsvollen Erwartung und muss Tag für Tag aufgebaut werden.

Trotz dieser harten Erkenntnis streben wir weiterhin nach Frieden und werden ihn niemals aufgeben, auch wenn es sich dabei nicht um einen dauerhaften Zustand handelt, der den Sterblichen verwehrt bleibt. Zumindest pflegen wir ständig einen Geist oder eine Lebensweise, die uns den Dialog der Konfrontation vorziehen lässt, die Win-Win-Strategie der Win-Lose-Strategie und die herzliche Suche nach Gemeinsamkeiten der konfliktreichen Konfrontation. Dies ist das Erbe, das uns der verstorbene Papst Franziskus hinterlassen hat und das der neue Papst erneuert.

Wir wagen es in der Hoffnung, einige Voraussetzungen zu schaffen, die den Frieden auf die eine oder andere Weise oder für einen Moment erreichbar machen. Ich sehe vier Voraussetzungen:

Die erste besteht darin, mit äußerster Ernsthaftigkeit die Polarität zwischen Sapiens und Demens, zwischen Liebe und Hass, zwischen Gut und Böse sowie zwischen Licht und Schatten als Teil der Struktur der universellen Realität und als inhärentes Merkmal der menschlichen Existenz zu akzeptieren: Wir sind die lebendige Einheit der Gegensätze. Dies stellt keinen Defekt der Evolution dar. Sondern die konkrete Situation der menschlichen Existenz, wie sie heute besteht. Dies gilt sowohl für das Persönliche als auch für das Gesellschaftliche.

Der Mensch entstand aus der ersten Singularität, einer unvorstellbaren Gewalt, dem Urknall, gefolgt von der extrem gewalttätigen Konfrontation zwischen Materie und Antimaterie, die ein Minimum an Materie übrig ließ, etwa 0,00000001 %, wodurch das heute bekannte Universum entstand. Das Geräusch dieses Knalls, eine sehr schwache magnetische Welle, die kosmische Hintergrundstrahlung, wurde 1964 von Arno Penzias und Robert Wilson entdeckt. Anhand der am weitesten entfernten Galaxie auf der Fluchtroute konnte das Alter des Universums auf 13,7 Milliarden Jahre datiert werden.

Die zweite besteht darin, den positiven und leuchtenden Pol dieses Widerspruchs auf jede erdenkliche Weise zu verstärken, sodass er den negativen Pol unter Kontrolle halten, begrenzen und in den positiven integrieren kann und so für einen Moment einen fragilen, aber möglichen Frieden herbeiführen kann, der jedoch immer von der Auflösung bedroht ist. Am 12. Mai sprach Papst Leo XIV. zu Journalisten und brachte seine klare Aussage zum Ausdruck: „Der Frieden beginnt bei jedem Einzelnen von uns, in der Art und Weise, wie wir andere betrachten, ihnen zuhören und über sie sprechen.“

Die dritte besteht darin, den natürlichen Vertrag mit der Natur, der verletzt wurde, wiederherzustellen und die Beziehungsmatrix zu retten, die zwischen allen Wesen besteht und uns zu Beziehungswesen in allen Richtungen macht. Wir sind nur in dem Maße verwirklicht, wie wir diese Beziehungen leben und erweitern. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass „dieses Wesen, der Mensch, sehr kreativ, unruhig, aggressiv und nicht sehr maßliebend ist. Aus diesem Grund wird er das Gesicht des Planeten verändern, aber er ist dazu bestimmt, ein kurzes Leben auf der Erde zu haben“, sagt der ökologische Ökonom Georgescu-Roegen (The entropy law and the economic process. Cambridge: Harvard Univ.Press, 1971, S.127).

Trotz dieses „historischen Scheiterns“ müssen wir anerkennen, dass aus dieser geretteten Beziehungsstruktur Frieden entstehen kann, so wie es die Erd-Charta in ihrer berühmten Definition verstanden hat: „Frieden ist die Fülle, die aus richtigen Beziehungen mit sich selbst, mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderem Leben, mit der Erde und mit dem großen Ganzen, von dem wir ein Teil sind, entsteht“ (Nr. 16 b). Der Friede hat also seine Grundlage in unserer eigenen Beziehungswirklichkeit, wie zerbrechlich und fast immer zerbrochen sie auch sein mag. Beachten Sie, dass der Friede nicht aus sich selbst heraus existiert. Er ist das Ergebnis richtiger Beziehungen, soweit sie für die erniedrigten Söhne und Töchter von Adam und Eva möglich sind.

Die vierte Bedingung ist die Gerechtigkeit. Was die Beziehungsstruktur am meisten stört, ist Ungerechtigkeit.  Ethik ist im Grunde Gerechtigkeit. Sie bedeutet: das Recht und die Würde eines jeden Menschen und jedes Wesens in der Schöpfung anzuerkennen und entsprechend dieser Anerkennung zu handeln. Mit anderen Worten: Gerechtigkeit ist jenes Minimum an Liebe, das wir dem anderen und den anderen widmen müssen, ohne das wir uns von allen anderen Wesen trennen und damit Ungleichheiten, Hierarchien, Ausgrenzung und Unterwerfung einführen und zu einer Bedrohung für andere Arten werden. In einer Gesellschaft der Ungerechtigkeit wird es niemals Frieden geben. Diejenigen, denen Unrecht widerfährt, reagieren, rebellieren und führen Kriege auf der Mikro- und Makroebene.

Wie der mexikanische Revolutionär Emilio Zapata warnte: „Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, sollte man der Regierung keinen Frieden geben.“ Brasilien wird niemals Frieden haben, solange es eine der ungleichsten, d. h. ungerechtesten Gesellschaften der Welt bleibt.

Dieser Weg des Friedens wurde von wenigen Menschen beschritten und von den besten gegenwärtigen spirituellen Führern wie Gandhi, Papst Johannes XXIII., Dom Helder Câmara, Martin Luther King Jr. und Papst Franziskus bezeugt. Der gegenwärtige Papst Leo XIV. hat ihn nachdrücklich wieder aufgegriffen, ganz zu schweigen von anderen in der Geschichte, insbesondere von Franz von Assisi.

In der Theologie heißt es oft, dass der Friede ein eschatologisches Gut sei, das heißt, dass er hier seinen Ursprung hat, aber erst dann wirklich verwirklicht wird, wenn die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht. Lassen Sie uns daher weiterhin diesen Samen eines möglichen Friedens säen.

Leonardo Boff, Autor von: Dass ich liebe, wo man hassst Das Friedensgebet des Franz von Assisi, Topos 2018.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Leo XIV.: Die große Herausforderung,die Entwestlichung und Entpatriarchalisierung der Kirche

            Leonardo Boff

Ich muss gestehen, dass ich von der Ernennung des nordamerikanisch-peruanischen Kardinalprobstes zum obersten Pontifikat der Kirche überrascht war. Dies lag an meiner Unwissenheit. Als ich später besser informiert war und mir YouTube-Videos und seine Reden vor den Menschen ansah, wie er mitten in einer Überschwemmung in einer peruanischen Stadt stand und wie er sich besonders um die indigene Bevölkerung (die Mehrheit der Peruaner) kümmerte, wurde mir klar, dass er wirklich die Garantie für die Kontinuität des Erbes von Papst Franziskus sein kann. Er wird nicht über dessen Charisma verfügen, aber er wird er selbst sein, zurückhaltender und schüchterner, aber sehr konsequent mit seinen gesellschaftlichen Positionen, einschließlich der Kritik an Präsident Trump und seinem Vizepräsidenten. Nicht ohne Grund hat Papst Franziskus ihn aus seiner Diözese der Armen in Peru abberufen und ihm eine wichtige Rolle in der vatikanischen Verwaltung übertragen. Leo XIV. verbrachte einen Großteil seines Lebens außerhalb der Vereinigten Staaten, viele Jahre als Missionar und dann als Bischof in Peru, wo er zweifellos umfangreiche Erfahrungen mit einer anderen Kultur und der schlechten sozialen Lage der Mehrheit der Bevölkerung sammelte. Er bekannte ausdrücklich, dass er sich mit diesen Menschen so sehr identifizierte, dass er sogar peruanischer Staatsbürger wurde.

Seine erste öffentliche Rede widersprach meinen anfänglichen Erwartungen. Es war eine fromme Rede und für das interne Publikum der Kirche bestimmt. Das Wort „arm“ kam nie vor, geschweige denn Befreiung, Bedrohung des Lebens und der ökologische Aufschrei. Das wichtige Thema war der Frieden, insbesondere „entwaffnet und entwaffnend“, eine sanfte Kritik an dem, was heute auf dramatische Weise geschieht, wie etwa der Krieg in der Ukraine und der offene Völkermord an Tausenden unschuldiger Kinder und Zivilisten im Gazastreifen. Es scheint, als liege dem neuen Papst all dies nicht auf dem Gewissen. Aber ich glaube, dass all dies bald wiederkehren wird, denn solche Tragödien waren in den Reden von Papst Franziskus, seinem großen Freund, so stark vertreten, dass sie dem neuen Papst noch immer in den Ohren klingen müssen.

Papst Franziskus verfügte als Jesuit über ein seltenes Gespür für Politik und Machtausübung und zwar durch die berühmte „Unterscheidung des Geistes“, eine zentrale Kategorie der ignatianischen Spiritualität. Ich gehe davon aus, dass er den Kardinalpropst als möglichen Nachfolger ansah. Er gehörte nicht zum alten und bereits dekadenten europäischen Christentum, sondern kam aus dem Großen Süden und verfügte über pastorale und theologische Erfahrungen, die er an der Peripherie der Kirche gesammelt hatte, insbesondere in Peru, wo mit Gustavo Gutiérrez die Befreiungstheologie geboren wurde und sich entwickelte.

Mit seiner sanften Art und seiner Vorliebe für das Zuhören und den Dialog wird er sicherlich die von Papst Franziskus übernommenen Herausforderungen und Neuerungen weiterführen, die hier nicht aufgezählt werden sollen.

Aber er wird meines Erachtens noch andere Herausforderungen zu bewältigen haben, die durch die Interventionen früherer Päpste nie ernst genommen wurden: Wie kann die katholische Kirche angesichts der neuen Phase der Menschheit entwestlicht und entpatriarchalisiert werden? Diese ist gekennzeichnet durch die Vollendung der Menschheit (nicht nur im wirtschaftlichen Sinne, der jetzt durch Trump gestört wird), die sich in politischer, sozialer, technologischer, philosophischer und spiritueller Hinsicht in immer schnellerem Tempo vollzieht. In diesem beschleunigten Prozess erscheint die katholische Kirche in ihrer Institutionalisierung und in ihrer hierarchischen Struktur als eine Schöpfung des Westens. Das ist unbestreitbar. Dahinter steht das klassische römische Recht, die Macht der Kaiser mit ihren Symbolen, Riten und ihrer Art der Machtausübung, die in einer höchsten Autorität, dem Papst, zentralisiert ist, „mit gewöhnlicher, höchster, voller, unmittelbarer und allgemeiner Macht“ (Kanon 331), Attribute, die in Wahrheit nur Gott zukommen. Darüber hinaus ist er in Glaubens- und Moralfragen unfehlbar. Weiter konnte man nicht gehen. Papst Franziskus hat sich bewusst von diesem Paradigma entfernt und hat begonnen, ein anderes Modell einer einfachen, armen Kirche, die in die Welt hinausgeht, einzuführen.

Das hat nichts mit dem historischen Jesus zu tun, dem Armen, dem Prediger eines absoluten Traums, des Reiches Gottes, und dem scharfen Kritiker aller Macht. Aber genau das ist passiert: Mit dem Niedergang des Römischen Reiches übernahmen die Christen, die zu einer Kirche wurden und über ein hohes Moralbewusstsein verfügten, die Neuordnung des Römischen Reiches, was Jahrhunderte lang andauerte. Aber das ist eine Schöpfung der westlichen Kultur. Die ursprüngliche Botschaft Jesu, sein Evangelium, erschöpft sich nicht in dieser Art von Inkarnation und wird auch nicht mit ihr identifiziert, denn die Botschaft Jesu ist eine Botschaft der totalen Offenheit gegenüber Gott als Abba (lieber Vater), der grenzenlosen Barmherzigkeit, der bedingungslosen Liebe auch zu den Feinden, des Mitgefühls für die Gefallenen auf den Straßen des Lebens und des Lebens als Dienst am Nächsten. Der derzeitige Papst Leo XIV. wird sich dieser Herausforderung nicht entziehen können. Wir wollen seinen Mut und seine Tapferkeit, sich den Traditionalisten entgegenzustellen und Schritte in diese Richtung zu unternehmen, sehen und unterstützen.

Eine große, immense Herausforderung für jeden Papst besteht darin, diese Art der Organisation des Christentums zu relativieren, damit es in den verschiedenen menschlichen Kulturen neue Gesichter annehmen kann. Papst Franziskus hat große Schritte in diese Richtung unternommen. Der derzeitige neue Papst hat in seiner Antrittsrede zu diesem Dialog aufgerufen. Solange diese Entwestlichung nicht fest im Gange ist, wird das Christentum für viele Länder immer eine westliche Angelegenheit sein. Es war mitschuldig an der Kolonialisierung Afrikas, Amerikas und Asiens und wird von den Geheimdiensten der kolonisierten Länder noch immer als Komplize betrachtet.

Eine weitere, nicht geringere Herausforderung ist die Entpatriarchalisierung der Kirche. Dies wurde oben bereits erwähnt. In der Führung der Kirche gibt es ausschließlich Männer, die im Zölibat leben und das Sakrament der Weihe (vom Priester bis zum Papst) empfangen haben. Der patriarchalische Faktor zeigt sich in der Verweigerung des Weihesakraments für Frauen. Sie stellen bei weitem die Mehrheit der Gläubigen dar und sind die Mütter und Schwestern der anderen Hälfte, der Männer der Kirche und der Menschheit. Dieser sexistische Ausschluss schadet der Kirche und stellt die Universalität der Kirche in Frage. Solange sie den Frauen nicht, wie in fast allen Kirchen geschehen, den Zugang zum Priesteramt eröffnet, zeigt sich darin das tief verwurzelte Patriarchat und die Prägung eines Westens, der sich in der Weltgeschichte immer mehr als ein Zufall/Unfall herausstellt.

Darüber hinaus radikalisiert die gesetzlich verankerte Zölibatspflicht (die zum Gesetz gemacht wurde) den patriarchalischen Charakter noch weiter und begünstigt den in weiten Teilen der kirchlichen Hierarchie spürbaren Antifeminismus. Da es sich lediglich um ein menschliches und historisches Gesetz und nicht um ein göttliches handelt, steht seiner Abschaffung und der Zulassung des optionalen Zölibats nichts im Wege.

Der neue Papst wird sich diesen und vielen anderen Herausforderungen stellen müssen, da der evangelische Sinn für Partizipation (Synodalität) und die gleiche Würde und Rechte aller Menschen, Männer und Frauen, immer mehr im Bewusstsein der Gläubigen wächst. Warum sollte es in der katholischen Kirche anders sein?

Diese Überlegungen sollen eine ständige Herausforderung für diejenigen sein, die für den höchsten Dienst der Belebung des Glaubens und der Lenkung der Wege der christlichen Gemeinschaft auserwählt wurden, wie zum Beispiel die Person des Papstes. Es wird die Zeit kommen, in der die Kraft dieser Veränderungen so groß wird, dass es dazu kommen wird. Dann wird es ein neuer Frühling der Kirche sein, die umso universeller wird, je mehr sie sich universeller Fragen annimmt und ihren Beitrag zu humanisierenden Antworten leistet.

Leonardo Boff  Theologe, Autor von: Eclesiogênese:a reinvenção da Igreja, Record 2008.

Übersetzt von Bettina Goldhartnack

Konflikte im Konklave: Spiegel der Weltkonflikte

Leonardo Boff

Wir leben in einem Wirbelsturm von Konflikten und Bedrohungen, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit selten gegeben hat. Zwei skandalöse Tatsachen erfüllen uns mit Empörung und Scham: der Völkermord unter freiem Himmel, der in Netanjahus grausamem Krieg gegen das palästinensische Volk im Gazastreifen weitergeht. Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird von einer Koalition von Kräften verübt, deren Wurzeln im Christentum liegen: die europäische Gemeinschaft und ein ehemaliger katholischer Präsident, Joe Biden, und ein anderer, der sich ebenfalls als Katholik präsentiert, von der perversesten Art, Donald Trump. Künftige Geschichtsbücher (wenn es überhaupt noch Geschichte geben wird) werden diese unsägliche Grausamkeit schonungslos anprangern.

Wir wissen nicht, ob die andere Tatsache lächerlicher ist als ein unlustiger Scherz oder ob es sich um eine wahre Aussage handelt: Donald Trump hat sich zum Präsidenten der USA und der Welt, ich wiederhole, zum Präsidenten der Welt, ausgerufen. Wir haben den Eindruck, dass wir uns in den dekadenten Zeiten der römischen Kaiser befinden, von denen die meisten verrückt waren und zu solchen Dummheiten fähig.

Trump führt einen Krieg gegen die gesamte Menschheit, denn er hat mit allen gebrochen, mit Freund und Feind gleichermaßen, und will sich als Herr der Welt aufspielen, ohne jede Chance auf Erfolg, denn die Menschheit ist weise und wird sich gegen eine solche Arroganz zu wehren wissen.

Ich erwähne diese unheilvollen Ereignisse, weil wir uns im Kontext eines Konklaves der Kardinäle befinden, die zusammengekommen sind, um den Nachfolger von Papst Franziskus zu wählen. Seien wir nicht naiv: Trotz der geheimnisvollen Gegenwart des Heiligen Geistes brechen auch im Inneren, verschlossen, Konflikte auf. Sie sind in gewisser Weise natürlich, denn die katholische Kirche als religiöse Institution ist nicht um das Buch der Evangelien herum organisiert, sondern um die sacra potestas (heilige Macht). Seit dem 3. Jahrhundert ist die Macht, ein Erbe der römischen Kaiser, die zentrale Kategorie, die die kirchliche Institutionalität prägt. Und dieser Zustand hält bis heute an, und zwar so sehr, dass der kleine Vatikanstaat die einzige noch existierende absolute Monarchie ist. Sehen Sie, was das Kirchenrecht in Kanon 331 über das Oberhaupt der Kirche sagt: „Der Hirte der Universalkirche (der Papst) hat die ordentliche, höchste, volle, unmittelbare und universelle Macht in der Kirche.“ Diese Macht wird später noch durch die Eigenschaft verstärkt, dass der Papst in Fragen der Lehre und Moral unfehlbar sei. Kann ein sterblicher und sündiger Mensch wie jeder andere alle diese Eigenschaften in sich tragen, die in Wahrheit nur Gott zustehen?

Diejenigen, die sich von der Macht leiten lassen, ganz gleich, wie sie bezeichnet wird, ob politisch, wirtschaftlich oder religiös, gehorchen dieser Logik, die der große Machttheoretiker Hobbes so gut formuliert hat:

„Ich stelle als allgemeine Tendenz aller Menschen ein immerwährendes und rastloses Verlangen nach Macht und mehr Macht fest, das erst mit dem Tod aufhört. Der Grund dafür liegt nicht in einem intensiveren Vergnügen, das man sich erhofft, sondern in der Tatsache, dass die Macht nur durch das Streben nach noch mehr Macht gesichert werden kann.“ Ich stelle fest: Das alles hat nichts mit Papst Franziskus zu tun, der in seiner ersten Verkündigung klar gesagt hat, dass er die Kirche nicht durch das kanonische Recht (can. 331), sondern durch die Liebe und das Evangelium führen wird.

Das Thema der Macht findet auch im Konklave seinen Widerhall. Da sind die Ultrakonservativen wie Kardinal Robert Sarah aus Guinea, Kard. Leo Burke aus den USA und Kardinal Gerhad Müller aus Deutschland, die eine extrem konservative Kirche postulieren, eine regelrechte Zisterne mit totem Wasser. Sie sind gegen alle Reformen, die bereits durchgeführt wurden und offiziell sind. Es gibt eine ganze Reihe von Konservativen, die sich dafür einsetzen, dass die Strukturen der Kirche so bleiben, wie sie sind, mit der Ausgrenzung der Frauen und dem Gehorsam der anderen Christen. Sie würden gerne zur lateinischen Messe und dem Priester mit dem Rücken zum Volk zurückkehren. Zum Erstaunen aller gibt es auch eine verschwörerische Organisation namens Red Hat Report, die von konservativen US-Katholiken, von Tycoons, die mit Trump und dem ultrakonservativen Bennan in Verbindung stehen, finanziert wird und die die Dienste der CIA und des FBI in Anspruch nimmt, um Daten über das Privatleben progressiver Kardinäle zu sammeln, mit der Absicht, sie zu manipulieren und das Konklave zu stören. Ihr Interesse besteht darin, die Wahl eines progressiven Papstes zu verhindern, der mit der Ausrichtung der Regierung unzufrieden ist, und einen Konservativen zu bevorzugen, der mit der autoritären Politik der derzeitigen Regierung im Einklang steht.

Und es gibt eine ganze Reihe von Orientierungen: Einige Kardinäle sind fortschrittlicher in dem Sinne, dass sie mit der modernen Welt gehen, andere sind fortschrittlich, aber kritisch gegenüber der Moderne, weil sie befürchten, die Gläubigen mit Gedanken zu kontaminieren, die nicht mit dem offiziellen Christentum übereinstimmen. Wieder andere sind offen franziskanisch, setzen sich für die Armen ein, verteidigen eine flexiblere Moral in Bezug auf Geschiedene, heißen Menschen mit anderen sexuellen Optionen willkommen und sind offen für den Dialog mit allen, so wie Papst Franziskus es war. Es ist von allem ein bisschen dabei.

Wie werden sich die Kardinäle aus so vielen verschiedenen Ländern und Kulturen kennen lernen? In der ersten Woche des Konklaves werden die internen Probleme der Kirche und der Welt erörtert: Es werden die wichtigsten Herausforderungen identifiziert und die grundlegende Frage aufgeworfen: Welcher der Kardinäle wäre am besten geeignet, diese enorme Aufgabe zu übernehmen? Da ist Kardinal Tagle aus Manila, der ganz im Sinne von Papst Franziskus für eine arme Kirche und vor allem für die Armen eintritt. Da ist Kardinal Zuppi aus Bologna, der in einer christlichen Gemeinschaft lebt, mit dem Fahrrad zum Palast fährt und der sich eindeutig für alle Randgruppen der Gesellschaft einsetzt und eine Kirche für alle ohne jegliche Diskriminierung befürwortet. Da ist Kardinal Pietro Parolin, Staatsoberhaupt und enger Freund von Papst Franziskus, ein wenig konservativ in der Doktrin, aber völlig offen für eine Kirche, die sich den Herausforderungen der neuen planetarischen Phase stellt.

Wohin wird die Wahl von so vielen Kardinälen mit so vielen theologischen und pastoralen Linien führen? Niemand weiß es. Die Hypothese ist jedoch bekannt: Wenn selbst unter den „papabili“ ein gewisser Konsens nicht erreicht wird, wird jemand gesucht, der diskreter ist, der fähig ist, einen Dialog mit den verschiedenen Parteien zu führen und einen Konsens herzustellen. Ich schlage den Namen von Kardinal Leonardo Ulrich Steiner von Manaus vor, einem Franziskaner und Verwandten von Kard. Paulo Evaristo Arns. Er hat eine gute Welterfahrung, spricht fließend Portugiesisch, Italienisch und Deutsch und verfügt über eine gesicherte theologische und geistliche Ausbildung. Und das Entscheidende: Er ist der einzige Kardinal aus dem riesigen Amazonas-Biom. Der Amazonas wird angesichts der ökologischen Unruhen und der globalen Erwärmung sicherlich eines der zentralen Themen in den Debatten zwischen den Kardinälen sein. Kardinal Leonardo hat sich einen Namen gemacht, indem er die Ureinwohner, die Fluss- und Waldbewohner verteidigt hat. Er war hart gegen den früheren Präsidenten Bolsonaro, weil er viele Covid-19-Opfer sterben ließ, vor allem weil er Krankenhäuser ohne Sauerstoff beließ. Vom Temperament her ist er heiter und sanft, und sein Blick ist tief auf die Menschen gerichtet, vor allem auf die, die am meisten leiden. Wer weiß, vielleicht ist er die Konsensfigur? Wenn dem so ist, würde es mich nicht wundern, wenn er folgenden Namen annimmt: Papst Franziskus II.

Möge der Geist in diese Richtung wehen und auf diesem Kardinal ruhen.

Leonardo Boff Ökotheologe und Schriftsteller

Übersetzt von Bettina Goldharnack