Eine vulkanartige Energie bahnt sich ihren Weg auf den Straßen


Ich werde versuchen, eine unkonventionelle Überlegung über die Demonstrationen anzustellen, die im Juni dieses Jahres aufkamen. Diese sind anthropologischer und philosophischer Art.

In der anthropologischen und psychoanalytischen Reflexion ist es bekannt, dass es im Menschen eine vulkanartige Energie gibt, die sich durch die Vernunft kaum beherrschen lässt. Einige nennen sie Libido, andere  „élan vital“, wieder andere Prinzip Hoffnung. Wir haben es mit einer konstruktiven und destruktiven Energie zu tun, mit einem Ausgangschaos, das chaotisch und produktiv sein kann. Alle Arbeit der Kultur, der Gesetze, der Religion und der Ethik richtet sich darauf, diese Energie so zu kanalisieren und zu kontrollieren, dass ihre konstruktive Seite die destruktive Seite überwiegt. Das Gleichgewicht ist labil. Zu allen Zeiten und in allen Situationen war diese Energie präsent, sprudelnd und immer bereit, sich freizusetzen und in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Die Kultur, die Religion, die Ethik und die existenziellen Gesetze versuchen, ein Arrangement zu finden, damit diese Energie eine gewisse Stabilität und ein gewisses Gleichgewicht erlangen kann.

 

Doch jedes Arrangement hat Teil an der Unvollkommenheit und der Verwundbarkeit alles Existierenden. Deren Fähigkeit zur Regulierung wird allmählich immer schwächer, bis sie gar nicht mehr dazu in der Lage sind. Und dann, an einem gewissen Punkt angelangt, sprengt der Fluss seine Dämme, tritt über die Ufer, und das Wasser begibt sich auf die Suche nach einem neuen Flussbett.

 

 Große Analytiker der Transformationsdynamik, wie u. a. Toynbee, Jung und Freud, haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Im Jahr 1930, inmitten der Weltwirtschaftskrise, die der heutigen sehr ähnelt, schrieb Freud den berühmten Aufsatz: „Das Unbehagen in der Kultur“, dessen Lektüre sehr lehrreich ist. Er verlässt den streng wissenschaftlichen Pfad der Psychoanalyse, um, zur Verwunderung seiner Schüler, kulturelle Themen mit scharfem Beobachtungsblick aufzugreifen.

In diesem Aufsatz legt Freud die vulkanische Kraft dieser Lebensenergie dar, sowie die Grenzen der Vernunft beim Versuch, diese zu bremsen. Er sagt ausdrücklich, dass es sich um einen Aufeinanderprallen zweier „himmlischer Kräfte“ handelt: die Lebenskraft (Eros) und die Macht des Todes (Thanatos). Das Buch schließt mit einem offenen Ende: „Der ewige Eros muss starke Kräfte aufbringen, um sich angesichts seiner ebenfalls unsterblichen Feinde (Thanatos) zu behaupten. Doch wer kann den Erfolg oder den Ausgang dieses Aufeinandertreffens vorhersagen?“ Und mit dieser Aporie beschließt Freud seine Reflexion.

 

Wir wollen nun diese Erkenntnis auf das Phänomen auf den Straßen Brasiliens übertragen. Eine politische und soziale Anordnung wurde von der Arbeiterpartei (PT) veranlasst, die hart gegen die jahrhundertealte volksfeindliche und elitistische Tradition vorgeht. Die PT steht für das Herauskristallisieren der sozialen Macht, die an der Basis gewachsen war  und sich nun in eine politische Macht verwandelt hatte. Sie eroberte den zentralen Platz der Entscheidungsgewalt über das Geschick des Landes. Sie beanspruchte, die Antwort auf die Frage zu sein, die Jahrzehntelang in Gruppen diskutierte wurde und die Herzen und Gemüter bewegte: „Wie soll das Brasilien aussehen, in dem die große Mehrheit derjenigen, die in der Geschichte verdammt und unterdrückt waren, befreit wird?

 

Nachdem die PT an die Macht gekommen war, reagierte sie auf die dringenden Bedürfnisse des Volkes, die immer geleugnet oder nur unbefriedigend gestillt worden waren. Endlich wurde die Würde der Verdammten, ohne Bürgerrechte zu sein, wiederhergestellt: Sie konnten essen, bekamen ein Minimum an Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen der Moderne wie elektrisches Licht, Zugang zu Wohnraum und zu einer Bankverbindung. Eine Bevölkerungsgruppe, etwa so groß wie Argentinien, wurde aus ihrer Randexistenz in die heutige Gesellschaft integriert. Dies ist ein Schritt von historischer Bedeutung. Die soziale Ungleichheit, unsere größte Wunde, wurde um 17 % verringert.

 

Doch dieses Projekt der ist nach 10 Jahren an die Grenzen des Machbaren gestoßen. Die Illusion der PT war, die Verwirklichung des angestrebten Brasiliens zu verkörpern. Sie gab die Arbeit an der Basis auf und verlor die Verbindung zu den sozialen Bewegungen, die sie geschaffen hatte. An der Basis wurde nicht mehr diskutiert, noch davon geträumt, ein besseres Brasilien zu schaffen.

 

Jetzt aber, nachdem die Leute erwacht sind, wollen sie mehr. Es reicht nicht aus, aus Not und Elend aufzusteigen. Sie fordern ein anderes Brasilien, in dem es keine skandalösen Widersprüche mehr gibt, wie die durch gewisse Interessen gesteuerte Politik, Komplotte und Affären, sowie die Korruption, das Ergebnis einer inzestuösen Beziehung zwischen öffentlichen und privaten Interessen. Die privilegierte Führungselite hat mehr Rechte als die Bürger. Ihrer Meinung nach sind die wichtigsten Investitionen bereits getätigt, und der Rest kann nun für die Bedürfnisse der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden. Dies erklärt die schlechten Zustände im öffentlichen Verkehrswesen der überfüllten Städte und ist die Ursache dafür, dass keine Agrarreform durchgeführt wird, wie auch für das schlechte Gesundheits- und das unqualifizierte Bildungswesen. Darüber hinaus wächst die dumme, aufwändige Bürokratie, die nicht geeignet ist, um den Anforderungen der Menschen gerecht zu werden.

Die Straßen waren voll von der Energie der Empörten. Ihnen geht es nicht um zwanzig Cents, sondern um den Respekt und um das Zugeständnis von bisher verweigerten Ansprüchen. Die Zerstörung selbst des öffentlichen Eigentums ist eine Geste der Verweigerung einer Welt, die den Menschen ablehnt. Will sagen, die historisch-soziale Entente funktionierte nicht mehr. Alles wird abgelehnt: die Regierung, die Parteien und die Organisationen beliebiger Kürzel. So wie es jetzt ist, muss es sich ändern. Dies ist die Gesellschaft eines entstehenden Staates, in dem die öffentlichen  Angelegenheiten, nämlich die aller, im Mittelpunkt stehen.

 

Diese Explosion nicht zu verstehen heißt, die Realität zu verkennen. Nicht die geforderten Veränderungen durchzuführen heißt, der negativen Energie den Triumph zu lassen. Wir müssen dafür arbeiten, dass der ewige Eros gewährleistet, dass der soziale Fluss ein neues Bett findet.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

A erosão do sentido da vida e as manifestações de rua

Está lentamente ficando claro que as massivas manifestações de rua ocorridas nos últimos tempos no Brasil e também pelo mundo afora, expressam mais que reivindicações puntuais, como uma melhor qualidade do transporte urbano, melhor saúde, educação, saneamento, trabalho, segurança  e uma repulsa à corrupção e à democracia das alianças  sustentada por negociatas. Fermenta algo mais profundo, diria quase inconsciente, mas não menos real: o sentimento de uma ruptura generalizada, de frustração, de decepção, de erosão do sentido da vida política, de angústia e medo face a uma tragédia ecológico-social que se anuncia por todas as partes e que pode pôr em risco o futuro comum da humanidade. Podemos ser até uma das últimas gerações a habitar este planeta.

         Não sem razão que 77% dos manifestantes tenham curso superior, quer dizer, gente capaz de sentir este mal estar do mundo e expressá-lo como recusa a tudo o que está ai.

         Primeiro, é um mal-estar face ao mundo globalizado. O que vemos nos envergonha porque significa a racionalização do irracional: o império norteamericano decadente para se manter, precisa vigiar grande parte da humanidade, usar da violência direta contra quem se opõe, mentir descaradamente como na motivação da guerra conra o Iraque, desrespeitar acintosamente qualquer direito e norma internacional como o “sequestro” do Presidente Evo Morales da Bolívia,  feita pelos europeus mas forçados pelos corpos de segurança norteamericanos. Negam os valores humanitários e democráticos de sua história e que inspiravam outros paises.

         Segundo, a situação de nosso Brasil. Não obstante as políticas sociais do governo do PT que aliviaram a vida de milhões de  pobres, há um oceano de sofrimento, produzido pela favelização das cidades, pelos baixos salários e pela ganância da máquina produtivista de cariz capitalista que, devido à crise sistêmica e à concorrência cada vez mais feroz, superexplora a força de trabalho. Só para dar um exemplo: pesquisa feita na Universidade de Brasilia apurou que entre 1996-2005 a cada 20 dias um bancário se suicidava, por causa das pressões por metas, excesso de tarefas e pavor do desemprego. Nem falemos da farsa que representa nossa democracia. Valho-me das palavras do cientista social Pedro Demo, professor da UNB, em sua Introdução à sociologia(2002):”Nossa democracia é encenação nacional de hipocrisia refinada, repleta de leis “bonitas”, mas feitas sempre, em última instância, pela elite dominante para que sirva a ela do começo até o fim. Políitico é gente que se caracteriza por ganhar bem, trabalhar pouco, fazer negociatas, empregar parentes e apaniquados, enriquecer-se às custas dos cofres públicos e entrar no mercado por cima…Se ligássemos democracia com justiça social, nossa democracia seria sua própria negação”(p.330.333). Agora entendemos por quê a rua pede uma reforma política profunda e outro tipo de democracia onde o povo quer codecidir os caminhos do país, coisa que o governo do PT não favoreceu.

         Terceiro, a degradação das instâncias do sagrado. A Igreja Católica ofereceu-nos os principais escândalos que desafiaram a fé dos cristãos: pedofilia de padres, de bispos e até de cardeais. Escândalos sexuais dentro da própria Cúria romana, o órgão de confiança do Papa. Manipulação de milhões de Euros dentro do Banco do Vaticano (IOR), onde altos eclesiásticos se aliaram a mafiosos e a corruptos milionários italianos para lavar dinheiro. Igrejas neopentecostais atraem em seus programas televisivos milhares de fiéis, usando a lógica do mercado e transformando a religiosidade popular num negócio infame. Deus e a Bíblia são colocados a serviço da disputa mercadológica para ver quem atrai mais telespecadores. Setores da Igreja Católica não escapam desta lógica com a espetacularização de showmissas e dos padres-cantores com sua  auto-ajuda fácil e canções melífluas.

         Por fim, não escapa ao mal-estar generalizado a situação dramática do planeta Terra. Todos estão  se dando  conta de que o projeto de crescimento material, tipo nosso PAC, está destruindo as bases que sustentam a vida, devastando as florestas, dizimando a biodiversidade e provocando eventos cada vez mais extremos. A reação da Mãe Terra se dá pelo aquecimento global que não para de subir; se subir nos próximos decênios a 4-6 graus Celsius a mais, por causa de um anunciado aquecimento abrupto, este pode dizimar a vida que conhecemos e impossibilitar a sobrevivência de nossa espécie, com o desaparecimento de nossa civilização.

         Não dá mais para nos iludir, cobrindo a feridas da Terra com esparadrapos. Ou mudamos de curso, preservando as condições de vitalidade da Terra ou o abismo já nos espera.

         Como insiste a Carta da Terra:”nossos desafiios ambientais, econômicos, politicos, sociais e espirituais estão interligados”; é esta interligação real mas, em parte  inconsciente,  que leva milhares às ruas querendo outro mundo possível e agora necessário. Ou aproveitamos a chance para as mudanças ou não haverá futuro para ninguém. O inconsciente coletivo pressente este drama e dai o grito das ruas por mudanças. Sem atender às demandas, poderemos protelar a tragédia mas não a evitaremos. Agora é ouvir e agir.

 

Leonardo Boff é autor de Proteger a Terra e cuidar da vida: como escapar do fim do mundo, Record 2010.

Contra as tramóias da direita: sustentar a Dilma Roussef

É notório que a direita brasileira especialmente aquela articulação de forças que sempre ocupou o poder de Estado e o tratou como propriedade privada (patrimonialismo), apoiada pela midia privada e familiar, estão se aproveitando das manifestações massivas nas ruas para manipular esta energia a seu favor. A estratégia e fazer sangrar mais e mais a Presidenta Dilma e desmoralizar o PT e assim criar uma atmosfera que lhes permite voltar ao lugar que por via democrática perderam.

Se por um lado não podemos nos privar de críticas ao governo do PT (e voltaremos ao tema), mas críticas construtivas, por outro, não podemos ingenuamente permitir que as transformações politico-sociais alcançadas nos últimos 10 anos sejam desmoralizadas e, se puderem, desmontadas por parte das elites conservadoras. Estas visam a ganhar o imaginário dos manifestantes para a sua causa que é inimiga de uma democracia participativa de cariz popular.

Seria grande irresponsabilidade e vergonhosa traição de nossa parte, entregar à velha e apodrecida classe política aquilo que por dezenas de anos  temos construido, com tantas oposições: um novo sujeito histórico,  o PT e partidos populares, com a inserção  na sociedade de milhões de brasileiros. Esta classe se mostra agora feliz com a possibilidade de atuar sem máscara e mostrando suas intenções antes ocultas: finalmente, pensa, temos chance de voltar e de colocar esse povo todo que reclama reformas, no lugar que sempre lhe competiu historicamente: na periferia, na ignorância e no silenciamento. Aí não incomoda nem cria caos na ordem que por séculos construimos mas que, se bem olhrmos, é ordem na desordem ético-social.

Esta pretensão se liga a algo anterior e que fez história. É sabido que com a vitória do capitalismo sobre o socialismo estatal  do Leste europeu em 1989, o Presidente Reagan e a primeira ministra Tatscher inauguraram uma campanha mundial de desmoralização do Estado, tido como ineficiente e da política como empecilho aos negócios das grandes corporações globalizadas e à lógica da acumulação capitalista. Com isso visava-se a chegar ao Estado mínimo, debilitar a sociedade civil e abrir amplo espaço às privatizações e ao domínio do mercado, até conseguir a passagem de uma sociedade com mercado para uma sociedade de puro mercado no qual tudo, mas tudo mesmo, da religião ao sexo, vira mercadoria. E conseguiram. O Brasil sob a hegemonia do PSDB se alinhou ao que se achava o marco mais moderno e eficaz da política mundial. Protagonizou vasta privatização de bens públicos que foram maléficos ao interesse geral.

Que isso foi uma desgraça mundial se comprova pelo fosso abissal que se estabeleceu entre os poucos que dominam os capitais e as finanças e a grandes maiorias da humanidade. Sacrifica-se um povo inteiro como a Grécia, sem qualquer consideração, no altar do mercado e da voracidade dos bancos. O mesmo poderá acontecer com Portugal, com a Espanha e com a Itália.

A crise econômico-financeira de 2008 instaurada no coração dos países centrais que inventaram esta perversidade social, foi consequência deste tipo de opção política. Foram os Estados que tanto combateram que os salvaram da completa falência, produzida por suas medidas montadas sobre a mentira e a ganância (greed is good), como não se cansa de acusar o prêmio Nobel de economia Paul Krugman. Para ele, estes corifeus das finanças especulativas deveriam estar todos na cadeia como criminosos. Mas continuam aí faceiros e rindo.

Então, se devemos criticar  a nossa classe política por ser corrupta e o Estado por ser ainda, em grande parte, refém da macro-economia neoliberal, devemos fazê-lo com critério e senso de medida. Caso contrário, levamos água ao moinho da direita. Esta se aproveita desta crítica, não para melhorar a sociedade em benefício do povo que grita na rua, mas para resgatar seu antigo poder político especialmente, aquele ligado ao poder de Estado a partir do qual garantia seu enriquecimento fácil. Especialmente a mídia privada e familiar, cujos nomes não precisam ser citados, está empenhada fevorosamente neste empreitada de volta ao  velho status quo.

Por isso, as demonstrações devem continuar na rua contra as tramóias da direita. Precisam estar atentas a esta infiltração que visa a mudar o rumo das manifestações. Elas invocam a segurança pública e a ordem a ser estabelecida. Quem sabe, até sonham com a volta do braço armado para limpar as  ruas.

Dai, repetimos, cabe reforçar o governo de Dilma, cobrar-lhe, sim,  reformas políticas profundas, evitar a histórica conciliação entre as forças em tensão e o oposição para juntas novamente esvaziar o clamor das ruas e manterem um status quo que prolonga  benefíciois compartilhados.

Inteligentemente sugeriu o analista politico Jeferson Miolo em Carta Maior (07/7/2013):”Há uma grave urgência política no ar. A disputa real que se trava nesse momento é pelo destino da sétima economia mundial e pelo direcionamento de suas fantásticas riquezas para a orgia financeira neoliberal. Os atores da direita estão bem posicionados institucionalmente e politicamente…A possibilidade de reversão das tendências está nas ruas, se soubermos canalizar sua enorme energia mobilizadora. Por que não instalar em todas as cidades do país aulas públicas, espaços de deliberação pública e de participação direta para construir com o povo propostas sobre a realidade nacional, o plebiscito, o sistema político, a taxação das grandes fortunas e do capital, a progressividade tributária, a pluralidade dos meios de comunicação, aborto, união homoafetiva, sustentabilidade social, ambiental e cultural, reforma urbana, reforma republicana do Estado e tantas outras demandas históricas do povo brasileiro, para assim apoiar e influir nas políticas do governo Dilma”?

Desta forma se enfrentarão as articulações da direita e se poderá com mais força reclamar reformas políticas de base que vão na direção de atender a infra-estrutura reclamada pelo povo nas ruas: melhor educação, melhores hospitais públicos, melhor transporte coletivo e menos violência na cidade e no campo.

Leonardo Boff não é filiado ao PT, é teólogo e escritor, da Comissão da Carta da Terra

Menschenmengen auf der Straße – Wie sind sie zu interpretieren?

 

 Ein Geist des Massenaufstands weht über die Welt und besetzt die einzigen Orte, die den Leuten noch bleiben: die Straßen und die Plätze. Die Bewegung hat gerade erst ihren Anfang genommen, zuerst in Nordafrika, dann in Spanien mit den « Entrüsteten » und in England und in den USA mit den « Occupies » sowie in Brasilien mit den jungen Menschen und anderen sozialen Bewegungen. Niemand schwenkt die klassischen Fahnen des Sozialismus, der Linken, einer Befreiungs- oder einer Revolutionspartei. All diese Optionen sind entweder ausgespielt oder üben nicht genügend Anziehungskraft aus, um die Massen zu bewegen. Das sind jetzt die Themen des täglichen Lebens der Bürger/innen: partizipative Demokratie, Transparenz der öffentlichen Angelegenheiten, klare Zurückweisung jeglicher Art von Korruption, eine mögliche und notwendige neue Welt. Niemand fühlt sich von den politischen Mächten vertreten, die eine Welt der Palastpolitik hervorgebracht haben, indem sie mit dem Rücken zum Volk oder direkt die Bürger/innen manipulieren.

Für jeden Analytiker stellt es eine Herausforderung dar, dieses Phänomen zu interpretieren. Dazu bedarf es nicht nur der reinen Vernunft; es braucht einen holistischen Vernunftansatz, der andere Formen der Intelligenz miteinbezieht, arationale, emotionale und archetypische Problemstellungen, die aus dem historischen Prozess direkt hervorgehen, wenn nicht sogar aus der Kosmogenese. Auf diese Weise hätten wir einen mehr oder weniger vollständigen Rahmen, welcher der Einzigartigkeit dieses Phänomens gerecht werden könnte.

Zunächst müssen wir feststellen, dass dies das erste größere Ereignis ist, ein Resultat der neuen Ära in der menschlichen Kommunikation, die völlig offen ist, eine Demokratie in der Stunde Null, die sich über die sozialen Netzwerke zum Ausdruck bringt. Jeder kann aus der Anonymität heraustreten und seine Meinung kund tun, Gesprächspartner finden, Gruppen und Versammlungen organisieren, ein Programm entwerfen und auf die Straße gehen. Auf ein Mal bilden sich Netzwerke von Netzwerken, die Tausende mobilisieren, über Grenzen von Raum und Zeit hinaus. Dieses Phänomen muss mit Präzision analysiert werden, denn es könnte einen Sprung in der Zivilisation darstellen, welcher der Geschichte eine neue Richtung verleiht, nicht nur einem einzigen Land, sondern der ganzen Menschheit. Die Demonstrationen in Brasilien haben Solidaritätsbekundungen in etlichen anderen Städten der Welt, vor allem in Europa, hervorgerufen. Brasilien besteht plötzlich nicht mehr nur aus Brasilianern. Es handelt sich um einen Teil der Menschheit, der sich als eine Spezies versteht, die gemeinsam in dem einen selben Haus lebt und sich betroffen von kollektiven und universellen Angelegenheiten fühlt.

Warum sind diese Massenbewegungen gerade jetzt in Brasilien ausgebrochen? Dafür gibt es viele Gründe. Ich gehe hier nur auf einen dieser Gründe ein und komme auf die anderen ein andermal zurück.

Mein Gefühl für die Welt sagt mir als erstes, dass es sich um einen Sättigungseffekt handelt: Die Menschen haben die in Brasilien ausgeübte Politik satt, selbst die der Führungsspitze der Arbeiterpartei PT (abgesehen von der Kommunalpolitik, die sich die alte populäre Inbrunst bewahrt hat). Die Menschen haben von Programmen profitiert wie die « bolsa familia » (Familienwohlfahrt), vom « Licht für alle », « mein Haus meines Lebens », « credito consignado » (leichterer Zugang zu Verbraucherkrediten, und sie sind in die Konsumgesellschaft eingetreten. Und nun? Der kubanische Dichter Ricardo Retamar drückt es treffend aus: « Der Mensch hat zwei Arten von Hunger: einen Hunger nach Brot, der unstillbar ist, und einen anderen nach Schönheit, der unstillbar ist. »  Schönheit ist hier zu verstehen als Bildung, Kultur, Anerkennung der Menschenwürde und der Rechte des einzelnen und der Gesellschaft, einen Mindestgrad an Gesundheit und weniger unmenschliche Fortbewegungsmittel.

Dieser zweite Hunger wurde nicht ausreichend von der politischen Macht, weder von der PT noch von anderen Parteien, gestillt. Wem es gelingen konnte, seinen ersten Hunger zu stillen, dem ist daran gelegen, dass auch die anderen Arten von Hunger berücksichtigt werden, nicht zuletzt der Hunger nach Kultur und Partizipation. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein für das tiefgreifende soziale Ungleichgewicht, das für die brasilianische Gesellschaft eine große Stigmatisierung darstellt. Dieses Phänomen wird umso unerträglicher, je mehr die Bürgerschaft und die reale Demokratie sich dessen bewusst werden.

 

In Gesellschaften, in denen die soziale Schere so weit auseinander klafft wie in der unseren, besteht die Demokratie nur formal und wird im Akt des Wählens ausgeübt (was im Grunde genommen in der Möglichkeit besteht, alle vier Jahre seinen neuen Diktator zu wählen, da der Kandidat, wenn er erst einmal gewählt ist, mit dem Rücken zum Volk regiert und eine Palastpolitik praktiziert). Sie zeigt sich als eine kollektive Farce. Diese Farce wurde nun demaskiert. Die Massen wollen an den Entscheidungen über Großprojekte, die sie betreffen, beteiligt werden, doch bis jetzt werden sie nicht einmal dazu befragt. Ganz zu schweigen von der indigenen Bevölkerung, deren Land für die Agro-Industrie oder für Wasserstaudamm-Projekte beschlagnahmt wurde.

Das Phänomen der Menschenmengen auf der Straße erinnert mich an das Stück von Chico Buarque de Hollanda und Paulo Pontes Bridges von 1975: « Der Wassertropfen ». Jetzt haben wir den letzten Tropfen erreicht, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Autoren müssen irgendwie eine Intuition für das aktuelle Phänomen gehabt haben, als sie im Vorwort ihres Buchs schrieben: « Wichtig ist, dass das brasilianische Leben wieder der Tribüne der brasilianischen Öffentlichkeit zurückgegeben werden kann … Unsere Tragödie ist die Tragödie des brasilianischen Lebens. » Nun wird diese Tragödie durch die schreienden Menschenmengen auf der Straße angeprangert. Das Brasilien, wie wir es heute haben, ist nicht für uns. Es schließt uns vom Sozialpakt aus, dessen Löwenanteil immer den Eliten zukommt. Die Menschen wollen ein brasilianisches Brasilien, in dem das Volk ernst genommen wird und in dem sie bei der Neugründung des Landes beitragen können, das auf anderen, eher demokratisch-partizipativen und ethischen Grundlagen basiert und weniger auf schlechten Formen sozialer Beziehungen.

 

Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Schrei nicht gehört, verstanden und befolgt wird. Von nun an ist eine andere Politik möglich.

Übersetzt von Bettina Gold-Harnack