Warum sind wir dort angekommen, wo wir jetzt sind?

Leonardo Boff

         Zivilisationskrisen gab es schon immer in der Geschichte. Man muss nur Arnold Toynbees 12-bändiges Werk „A Study of History” lesen, in dem er detailliert beschreibt, wie Zivilisationen entstehen, in eine Krise geraten und untergehen. Er unterscheidet zwei grundlegende Kategorien: Herausforderung (challenge) und Antwort (response). Wenn die Herausforderung gering ist, reagiert die Zivilisation darauf und wächst. Wenn die Herausforderung größer ist als ihre Reaktionsfähigkeit, gerät die Zivilisation in eine Krise und verschwindet schließlich. Dies ist eine vereinfachte Darstellung eines komplexen und äußerst gelehrten Werks. Seine größte Einschränkung besteht vielleicht darin, dass es den Klassenkampf nicht berücksichtigt, der, ob wir es wollen oder nicht, in komplexen Gesellschaften immer stattfindet. Bis vor kurzem waren Krisen immer regional begrenzt und betrafen nicht den gesamten Planeten.

Die Einzigartigkeit der Krise unserer Zeit liegt darin, dass sie planetarisch ist und alle Zivilisationen betrifft. Es fehlen uns geeignete Kategorien, die uns eine umfassende Antwort bieten könnten: Wie sind wir zu dieser globalen Krise gekommen, die den Anfang unserer eigenen Zerstörung mit sich bringt, nicht des Planeten als Ganzes, sondern des Lebens in all seinen Formen? Es ist nicht unmöglich und für manche sogar wahrscheinlich, dass unsere Spezies verschwinden könnte, da sie alle Mittel dazu geschaffen hat. Das Ende der Welt wäre nicht das Werk Gottes, sondern das Werk des Menschen selbst. Und es gibt genug Verrückte unter den decisionmakers (Entscheidungsträgern), die Leben gefährden und möglicherweise einen Krieg zwischen den Großmächten mit „gesicherter gegenseitiger Zerstörung” ausrufen könnten. Und mit ihm würde die Menschheit, die mit dem Tod spielt, untergehen, mit der Ausnahme von vielleicht einigen der hundert indigenen Stämme im Amazonasgebiet, die nie Kontakt zu unserer Zivilisation hatten.

Die radikale Frage, die uns herausfordert, lautet: Warum ist weltweit eine schreckliche Welle des Hasses, der Wut und der Gewalt ausgebrochen, die, wenn sie sich fortsetzt, den gesamten Planeten endgültig in Flammen aufgehen lassen könnte? Aus verschiedenen Blickwinkeln werden viele Gründe dafür angeführt. Ich für meinen Teil würde als Hypothese sagen, dass, abgesehen von strukturellen Ursachen, die in der Moderne vorhanden sind und von mir bereits analysiert wurden, eine solche lebensfeindliche Atmosphäre und das Zusammenleben zwischen Menschen aus einer tiefen Enttäuschung resultiert, die zu einer nicht minder tiefen Depression geführt hat.

Die Enttäuschung würde im Scheitern aller Versprechen liegen, die die großen Erzählungen  der Menschheit in den letzten Jahrhunderten gegeben haben. Die Aufklärung versprach der gesamten Menschheit Zugang zu Wissen. Der Kapitalismus entwarf das Ideal, dass alle reich werden sollten. Der Sozialismus versprach, alle Ungleichheiten und das Klassensystem zu beseitigen. Der moderne Industrialismus in seinen verschiedenen Formen, sogar mit Automatisierung und allgemeiner KI, versprach die vollständige Befreiung des Menschen von der Last der Arbeit und den uneingeschränkten Zugang zu allem Wissen, das die Menschheit angesammelt hat, sowie eine uneingeschränkte und freie Kommunikation aller mit allen.

Diese Versprechen wurden nicht erfüllt. Die vorherrschende Logik war die Macht einiger weniger Gieriger, die alle Fortschritte an ihren privaten, wettbewerbsorientierten und unsozialen Anhäufungsinteressen ausrichteten. Statt einer wünschenswerteren und menschenfreundlicheren Welt herrschte eine grausame und gefühllose Welt gegenüber anderen Menschen und ein Raubtier der Natur. Die weit verbreitete Enttäuschung führte zu einer großen kollektiven Depression. Wer ist schon zufrieden mit der Welt, die wir geschaffen haben, und ignoriert dabei die wenigen, die alles kontrollieren und beherrschen (und die ebenfalls von Angst heimgesucht werden)? Die vorherrschende Wahrnehmung ist, dass es so nicht weitergehen kann, da dies uns alle in ein gemeinsames Grab führen könnte.

In kritischen Situationen dieser Intensität treten typischerweise zwei Verhaltensweisen auf: Die einen flüchten sich in eine idealisierte Vergangenheit, in der Ordnung, Disziplin, Religion und strenge Moral die Krise lösen würden. Andere flüchten sich in die Zukunft mit heilsbringenden Utopien oder so radikalen Veränderungen, dass sie eine viel bessere, lebenswertere und naturgerechtere Welt schaffen würden. Beides erscheinen mir als Utopien ohne historische Tragfähigkeit, da sie sich der Herausforderung in ihrer existenziellen Schwere nicht stellen und auch nicht nach tragfähigen Alternativen suchen. Diese Haltung führt letztlich zu tieferer Enttäuschung und Depression.

Gibt es einen Ausweg aus dieser misslichen Lage? Oder sind wir an der Reihe, unseren Evolutionszyklus zu beenden und zu verschwinden? Es ist klar, dass alle Lebewesen nach Millionen von Jahren auf diesem Planeten ihren Höhepunkt erreicht haben und dann plötzlich verschwunden sind. Könnte uns dasselbe Schicksal widerfahren? Ich lasse die Frage offen, denn es erscheint weder unwahrscheinlich noch unmöglich, da wir uns bereits die Mittel zur Selbstzerstörung gegeben haben.

Mein Weltbild sagt mir: Wenn Utopien, selbst kleinste Verbesserungen des herrschenden Systems, verblassen, können wir uns nur auf uns selbst konzentrieren. Wir sind eine unerschöpfliche Quelle an Möglichkeiten und verfügen über eine grenzenlose Fähigkeit zu Beziehungen und Kreativität. Trotz unserer Widersprüche, unserer Licht- und Schattenwelt, unserer Weisheit und unseres Wahnsinns können wir unsere positive Einstellung so weit nutzen, dass wir eine neue Richtung und neue Hoffnung definieren können. Es liegt an uns, diese Alternative, die wir hier nicht im Detail beschreiben können, genauer zu untersuchen, aber wir werden darauf zurückkommen.

Die zukünftige Erde wird kein irdisches Paradies sein, sondern eine wiederbelebte Erde, das Land der Guten Hoffnung, wie manche es bereits genannt haben.

Leonardo Boff,Autor von:  Habitar a Terra. Vozes 2025.

Artikel übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

L’ascesa del fascismo nel mondo

      Leonardo Boff

Nel mondo intero, incluso il Brasile, registriamo l’ascesa di idee fasciste e di atteggiamenti autoritari, che violano tutte le leggi e gli accordi, come si vede chiaramente nelle politiche del presidente degli USA Donald Trump, con il suo sciovinismo MAGA (Make America Great Again). Le promesse delle grandi narrazioni moderne sono fallite. Hanno prodotto enorme insoddisfazione e depressione, più o meno generalizzate, e ondate di rabbia e odio. Cresce la convinzione, soprattutto a causa del clamore ecologico, che il mondo così com’è non possa continuare. O cambiamo rotta o andiamo incontro a una catastrofe biblica. È in questo contesto che vedo il sinistro fenomeno del fascismo e dell’autoritarismo imporsi nella nostra storia.

Il termine fascismo fu usato per la prima volta da Benito Mussolini nel 1915, quando creò il gruppo “Fasci d’Azione Rivoluzionaria“. Il fascismo deriva dal fascio (fasci) di bastoni, strettamente legati insieme, con un’ascia attaccata a un lato. Un bastone può essere spezzato, un fascio è quasi impossibile. Nel 1922/23 fondò il Partito Nazionale Fascista, che durò fino alla sua caduta nel 1945. In Germania, si affermò a partire dal 1933 con Adolf Hitler, che, una volta diventato cancelliere, creò il Nazionalsocialismo, il partito nazista che impose al paese una dura disciplina, la sorveglianza e il terrore delle SS.

La sorveglianza, la violenza diretta, il terrore e lo sterminio degli oppositori sono caratteristiche del fascismo storico di Mussolini e Hitler e, tra noi, di Pinochet in Cile, di Videla in Argentina e nei governi di Figueiredo, Medici e, come tendenza, di Bolsonaro in Brasile.

Il fascismo originario è un derivato estremo del fondamentalismo che ha una lunga tradizione in quasi tutte le culture. S. Huntington, nella sua controversa opera “Lo scontro delle civiltà” (1996), denuncia l’Occidente come uno dei fondamentalisti più virulenti che, nelle sue guerre coloniali, ha mostrato chiari segni di fascismo. Lo si immagina il migliore dei mondi, insieme agli USA, il che gli conferirebbe, secondo loro, uno status eccezionale. Quando il presidente Donald Trump afferma “America first”, in realtà, intende “solo l’America” e al diavolo il resto del mondo.

Conosciamo il fondamentalismo islamico con i suoi innumerevoli attentati e crimini, e altri, anche da parte di gruppi della Chiesa cattolica attuale. Questi credono ancora che sia l’unica ed esclusiva Chiesa di Cristo, fuori della quale non c’è salvezza. Tale visione errata e medievale, pubblicata ufficialmente ancora nell’anno 2000 dall’allora cardinale Joseph Ratzinger, poi Papa Benedetto XVI, nel documento “Dominus Jesus“, ha umiliato tutte le chiese, negando loro il titolo di chiese, definendole semplici comunità con elementi ecclesiali. Grazie a Dio, Papa Francesco, pieno di ragionevolezza e buon senso, ha invalidato tali distorsioni e ha favorito il riconoscimento reciproco delle chiese, tutte unite al servizio dell’umanità e alla salvaguardia del pianeta gravemente minacciato.

Tutti quelli che pretendono di essere portatori esclusivi della verità è condannato a essere un fondamentalista, con una mentalità fascistoide e senza dialogo con gli altri. Il Dalai Lama lo ha detto bene: non insista a dialogare con un fondamentalista. Abbi solo compassione per lui.

Qui vale la pena ricordare le parole del grande poeta spagnolo António Machado, vittima della dittatura di Franco in Spagna: “Non la tua verità. Ma la verità. Vieni con me a cercarla. La tua tienila per te”. Se la cerchiamo insieme, allora, essa sarà più completa.

Il fascismo non è mai scomparso del tutto, poiché ci sono sempre gruppi che, guidati da un archetipo fondamentale disintegrato dalla totalità, cercano l’ordine con ogni mezzo necessario. È il proto-fascismo odierno.

In Brasile, c’è stata una figura più esilarante che ideologica che proponeva il fascismo, in nome del quale giustificava la violenza, l’esaltazione della tortura e dei torturatori, dell’omofobia e della misoginia verso le minoranze LGBTQ+1. Sempre in nome di un ordine da forgiare contro il presunto disordine vigente, usando violenza simbolica e reale.

Sotto il condannato Jair Bolsonaro, il fascismo ha assunto una forma omicida e tragica: si è opposto al vaccino contro il Covid-19, ha incoraggiato gli assembramenti di massa e ha ridicolizzato l’uso delle mascherine e, ancora peggio, ha permesso che più di 300 mila delle 716.626 vittime morissero, senza alcun sentimento di empatia per le loro famiglie e i loro cari. È stata un’espressione criminale di disprezzo per la vita dei suoi compatrioti. Ha lasciato un’eredità sinistra.

Ma alla fine, il leader di questo rude proto-fascismo, Jair Messias Bolsonaro, ha forgiato un’organizzazione criminale con alti ufficiali militari e altri, tentando di organizzare un colpo di stato con l’eventuale assassinio delle massime autorità per imporre la sua rozza visione del mondo. Ma sono stati denunciati, processati e condannati, e così ci siamo liberati da un periodo di oscurità e crimini efferati.

Il fascismo è sempre stato criminale come si è visto di recente nello Utah negli Usa, con l’omicidio del fondamentalista Charlie Kirk, suprematista, anti-islamico e omofobo, falsamente proclamato martire. Sotto Hitler si è creata la Schoah (l’eliminazione di milioni di ebrei e altri). Ha usato la violenza come mezzo di relazionarsi alla società, e per questo mai potrà consolidarsi per lungo tempo. È la più grande perversione della socialità essenziale negli esseri umani.

Il fascismo si combatte con più democrazia e con la gente in piazza. Le motivazioni dei fascisti devono essere affrontate con la ragione sensata e con il coraggio di riaffermare i rischi che tutti corriamo. Si deve combattere duramente chi usa la libertà per eliminare la libertà. Dobbiamo unirci perché non abbiamo un altro pianeta, né un’altra Arca di Noè.

Leonardo Boff ha scritto: Fundamentalismo e terrorismo, Vozes 2009.(Traduzione dal portoghese di Gianni Alioti)

La Terra está viva, es generadora de todos los seres vivos

Leonardo Boff*

En la comunidad científica hay consenso en que la Tierra está viva. Por ejemplo, en un sólo gramo de tierra, o sea, en menos de un puñado, viven cerca de 10 mil millones de microorganismos: bacterias, hongos y virus. Nos lo afirma el gran biólogo E.Wilson en La creación: cómo salvar la vida en la Tierra (2008, p. 26). Son invisibles pero siempre están activos, trabajando para que la Tierra permanezca viva y fértil. La Tierra, así llena de vida, es la madre generadora de todos los seres vivos.

Tal constación no era evidente. Tanto para Einstein como para Bohr “la vida sobrepasa la capacidad de comprensión del análisis científico” (N.Bohr, Atomic Physis and human knowledge, 1956 cp. “Light and Life”, p.6). Sin embargo, la aplicación de la física cuántica, de la teoría de la complejidad (Morin), del caos (Gleick, Prigogine) y de la biología genética y molecular (Maturana, Capra) mostraron que la vida es parte del proceso evolutivo, desde las energías y partículas más originarias, pasando por el gas primordial, las grandes estrellas rojas, las super novas, las galáxias, el polvo cósmico, la geosfera, la hidrosfera, la atmósfera y finalmente la biosfera.

Como afirma Christian de Duve, el premio Nobel en biología de 1974: “el carbono, el hidrógeno, el nitrógeno, el oxígeno, el fósforo y el azufre forman la mayor parte de la materia viva” (Polvo vital: la vida como imperativo cósmico 1995 cp.1).

Fue mérito especial de Ilya Prigogine, premio Nobel de química 1977, mostrar que no basta la presencia de los elementos físico-químicos. Ellos intercambian continuamente energía con el medio ambiente. Consumen mucha energía y por eso aumentan la entropía (desgaste de la energía utilizable). Él las llamó, con razón,  estructuras disipativas (gastadoras de energía). Pero son igualmente estructuras disipativas en un segundo sentido, paradójico, por disipar la entropía, porque metabolizan el desorden y el caos del medio ambiente en órdenes y estructuras complejas. Estas se auto-organizan, huyendo de la entropía, produciendo negentropía: entropía negativa; positivamente: producen sintropía (Order out  of Chaos, 1984).

           Lo que es desorden para uno sirve de orden para otro. Es a través de un equilibrio precario entre orden y desorden (caos: Dupuy, Ordres et Désordres, 1982) como se mantiene la vida (Ehrlich, O mecanismo da natureza, 1993, p. 239-290).

         Baste referirnos a las investigaciones del médico y biólogo inglés James E. Lovelock y de la bióloga Lynn Margulis (Gaia, 1989; 1991; 2006; José Lutzemberger, Gaia, o Planeta Vivo: por um caminho suave, 1990; Lynn Margulis, Microcosmos, 1990) que constataron la existencia de un calibre sutil entre todos los elementos químicos, físicos, entre el calor de la corteza terrestre, la atmósfera, las rocas, los océanos, todos bajo los efectos de la luz solar, de suerte que tornan la Tierra buena e incluso óptima para los organismos vivos. Ella surge así como un inmenso superorganismo vivo que se autorregula, llamado por James E. Lovelock Gaia, nombre que los griegos daban a la Tierra viva.

           Esto vale también para nosotros los humanos. Entre nosotros se originan formas de relación y de vida en las cuales predomina la sintropía (economía de energía) sobre la entropía (desgaste de energía). El pensamiento, la comunicación por la palabra, la solidaridad, el amor son energías fortísimas con escaso nivel de entropía y alto nivel de sintropía. En esta perspectiva tenemos por delante no la muerte térmica sino la transfiguración del proceso cosmogénico que se va revelando, cada vez con más intensidad, en órdenes supremamente ordenados, creativos y vitales. ¿Cuál es el  futuro de este proceso? No lo sabemos. Es totalmente misterioso.

           La articulación sinfónica de las cuatro interacciones básicas del universo (la gravitatoria, la electromagnética, la nuclear fuerte y la nuclear débil) continúan actuando  sinergéticamente para mantener la actual flecha cosmológica del tiempo rumbo a formas cada vez más relacionales y complejas. Muchos científicos sostienen que ellas, en realidad, constituyen la lógica y el dinamismo interno del proceso evolutivo; por así decir, la estructura, o mejor dicho, la mente ordenadora del propio cosmos.

Es oportuno citar la famosa afirmación del físico británico Freeman Dyson (*1923): “cuanto más examino el universo y los detalles de su arquitectura, más evidencias encuentro de que el universo sabía que un día, más adelante, íbamos a surgir” (Disturbing the Universe, 1979, p. 250).

El propio ser humano es un nudo de relaciones dirigidas hacia todas las direcciones. La propia Divinidad se revela panrelacional, como enfatiza el Papa Francisco en su encíclica Laudato Si’ (n. 239). Si todo es relación y no existe nada fuera de la relación, entonces la ley más fundamental es la sinergia, la sintropía, la inter-retro-relación, la cooperación, la solidaridad cósmica, la comunión y la fraternidad/sororidad universales.

           Esta visión de Gaia podría reavivar nuestra convivencia con la Tierra y hacer que vivamos una ética de la sostenibilidad y de la responsabilidad necesaria, de la compasión y del cuidado, actitudes que salvarán la vida en la Casa Común, en la Tierra.

*Leonardo Boff ha escrito Sostenibilidad y cuidado: cómo asegurar el futuro de la vida, Editora Conhecimento Liberta, 2025.

Traduzione di María José Gavito

Die Erde ist lebendig und Quelle allen Lebens

Leonardo Boff*

In der wissenschaftlichen Gemeinschaft herrscht Einigkeit darüber, dass die Erde lebt. So leben beispielsweise in einem einzigen Gramm Erde, also weniger als einer Handvoll, etwa 10 Milliarden Mikroorganismen: Bakterien, Pilze und Viren , wie uns der große Biologe E. Wilson in „Die Schöpfung: Wie man das Leben auf der Erde rettet” (2008, S. 26) erklärt. Sie sind unsichtbar, aber immer aktiv und sorgen dafür, dass die Erde lebendig und fruchtbar bleibt. Die Erde, so voller Leben, ist die Mutter aller Lebewesen.

Diese Schlussfolgerung war nicht selbstverständlich. Sowohl für Einstein als auch für Bohr „übersteigt das Leben das Verständnis wissenschaftlicher Analyse“ (N. Bohr, Atomphysik und menschliches Wissen, 1956, vgl. Licht und Leben, S. 6). Die Anwendung der Quantenphysik, der Komplexitätstheorie (Morin), der Chaostheorie (Gleick, Prigogine) sowie der genetischen und molekularen Biologie (Maturana, Capra) zeigte jedoch, dass das Leben Teil eines Evolutionsprozesses ist, der von den ursprünglichsten Energien und Teilchen über Urgas, große rote Sterne, Supernovae, Galaxien, kosmischen Staub, die Geosphäre, die Hydrosphäre, die Atmosphäre und schließlich die Biosphäre reicht.

Wie Christian du Duve, Nobelpreisträger für Biologie 1974, feststellt: „Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel bilden den größten Teil der lebenden Materie” (Aus Staub geboren. Leben als kosmische Zwangsläufigkeit. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin/Oxford 1995 1995 cp.1).

Es war das besondere Verdienst von Ilya Prigogine, Nobelpreisträger für Chemie 1977, zu zeigen, dass die Anwesenheit physikalisch-chemischer Elemente nicht ausreicht. Sie tauschen kontinuierlich Energie mit der Umwelt aus. Sie verbrauchen viel Energie und erhöhen dadurch die Entropie (Verlust nutzbarer Energie). Er bezeichnete sie zu Recht als dissipative (energieverbrauchende) Strukturen. Aber sie sind auch in einem zweiten, paradoxen Sinne dissipative Strukturen, da sie Entropie dissipieren, indem sie die Unordnung und das Chaos der Umwelt in komplexe Ordnungen und Strukturen umwandeln. Sie organisieren sich selbst, entziehen sich der Entropie und erzeugen Negentropie: negative Entropie; positiv ausgedrückt: sie erzeugen Syntropie (Order out  of Chaos, 1984).

 Was für den einen Unordnung ist, dient dem anderen als Ordnung. Durch ein prekäres Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung (Chaos: Dupuy, Ordres et Désordres, 1982) bleibt das Leben erhalten (Ehrlich, O mecanismo da natureza, 1993, S. 239-290).

Es genügt, auf die Forschungen des englischen Arztes und Biologen James E. Lovelock und der Biologin Lynn Margulis (Gaia, 1989; 1991; 2006; José Lutzemberger, Gaia, der lebende Planet: Auf sanftem Weg, 1990; Lynn Margulis, Mikrokosmos, 1990) zu verweisen. Sie beobachteten die subtile Abstimmung aller chemischen und physikalischen Elemente, der Wärme der Erdkruste, der Atmosphäre, der Gesteine ​​und der Ozeane unter der Einwirkung des Sonnenlichts auf eine Weise, die die Erde für Lebewesen gut, ja sogar hervorragend macht. So entsteht ein riesiger, sich selbst regulierender lebender Superorganismus, den James E. Lovelock Gaia nennt, den Namen, den die Griechen der lebenden Erde gaben.

Dies gilt auch für uns Menschen. Unter uns entstehen Beziehungs- und Lebensformen, in denen Syntropie (Energieerhaltung) über Entropie (Energieverzehr) herrscht. Denken, verbale Kommunikation, Solidarität und Liebe sind äußerst kraftvolle Energien mit niedrigem Entropie- und hohem Syntropie-Niveau. Aus dieser Perspektive stehen wir nicht vor dem Wärmetod, sondern vor der Transfiguration des kosmogenen Prozesses, der sich mit immer größerer Intensität in höchst geordnete, kreative und vitale Ordnungen entfaltet. Wie sieht die Zukunft dieses Prozesses aus? Wir wissen es nicht. Sie ist völlig mysteriös.

Die symphonische Artikulation der vier grundlegenden Wechselwirkungen des Universums (Gravitation, Elektromagnetismus, starke Kernkraft und schwache Kernkraft) wirkt weiterhin synergetisch, um den aktuellen kosmologischen Zeitpfeil in Richtung zunehmend relationaler und komplexer Formen aufrechtzuerhalten. Viele Wissenschaftler argumentieren, dass sie tatsächlich die Logik und innere Dynamik des Evolutionsprozesses darstellen; sozusagen die Struktur oder vielmehr den ordnenden Geist des Kosmos selbst.

Erwähnenswert ist die berühmte Aussage des britischen Physikers Freeman Dyson (*1923): „Je mehr ich das Universum und die Details seiner Architektur untersuche, desto mehr Beweise finde ich dafür, dass das Universum wusste, dass wir eines Tages in ferner Zukunft auftauchen würden“ (Disturbing the Universe, 1979, S. 250).

Der Mensch selbst ist ein Knotenpunkt von Beziehungen, der in alle Richtungen weist. Die Göttlichkeit selbst offenbart sich als panrelational, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si’ (Nr. 239) betont. Wenn alles Beziehung ist und nichts außerhalb der Beziehung existiert, dann ist das universellste Gesetz die Synergie, die Syntropie, die Inter-Retro-Beziehung, die Zusammenarbeit, die kosmische Solidarität, die Gemeinschaft und die universelle Geschwisterlichkeit.

Diese Vision von Gaia kann unser Zusammenleben mit der Erde neu beleben und uns eine Ethik der Nachhaltigkeit und der notwendigen Verantwortung, des Mitgefühls und der Fürsorge leben lassen – Einstellungen, die das Leben in unserem gemeinsamen Zuhause, der Erde, retten werden.

Leonardo Boff,Autor von: Sustentabilida e cuidado: como assegurar o futuro da vida, Editora Conhecimento Liberta,Rio 2025.