Die notwendige Rettung der sozio-ökologischen Sensibilität

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Vom 19. bis 23. August fand in Kopenhagen der XIX. Internationale Kongress für die Analytische Psychologie C. G. Jungs statt, an dem ich auch teilnahm. Es gab ungefähr 700 Jung-Anhänger, die aus allen Teilen der Erde kamen, sogar aus Sibirien, China und Korea. Die meisten waren sehr erfahrene Analytiker, darunter zahlreiche Autoren wichtiger Büchern dieser Domäne. Vorherrschend war die Tendenz, dass für die Psychologie im Allgemeinen, und für die C. G. Jungs im Besonderen, die Notwendigkeit besteht, den sozialen und ökologischen Kommunitarismus zugänglich zu machen.

 

Dieses Anliegen ist auf die Denkweise C. G. Jungs selbst zurückzuführen. Für ihn gibt es in der Psychologie keine Grenzen zwischen Kosmos und Leben, zwischen Biologie und Geist, zwischen Körper und Verstand, zwischen Bewusstem und Unbewusstem oder zwischen Individuum und Kollektiv. Die Psychologie hat mit dem Leben in seiner Ganzheit zu tun, in seiner rationalen und irrationalen Dimension, symbolisch und virtuell, sozial und individuell, irdisch und kosmisch und in seinen finsteren und hellen Aspekten. Aus diesem Grund interessierte er sich für alles: für  esoterische Phänomene, die Alchimie, die Parapsychologie, die Spiritualität, die fliegenden Untertassen, die Philosophie, die Theologie, die orientalische und abendländische Mystik, die indigenen Völker und für die fortschrittlichsten wissenschaftlichen Theorien. Es gelang ihm, all diese Wissensfelder miteinander zu verknüpfen, indem er die verborgenen Beziehungen aufdeckte, welche überraschende Dimensionen der Wirklichkeit zum Vorschein brachte. Aus alldem zog der Lektionen, Hypothesen und öffnete mögliche Fenster zur Realität. Er entschied sich also nicht für eine einzige Disziplin, weshalb er von vielen lächerlich gemacht wurde.

 

Dieser ganzheitliche und systemische Ansatz muss heute von uns in unserer Lesart der Wirklichkeit übertragen werden. Andernfalls bleiben wir in zerstückelten Visionen verhaftet und verlieren den Blick für das Ganze. In diesem Bemühen ist Jung ein bevorzugter Ansprechpartner, insbesondere für die Erhaltung der empfindsamen Vernunft.

 

Der Versuch, die in den Mythen verborgenen Botschaften zu entziffern und diese wertzuschätzen, ist sein Verdienst. Die Mythen sind die Sprache des kollektiven Unbewussten, das eine gewisse Eigenständigkeit besitzt. Es besitzt uns mehr als dass wir es besitzen. Jeder wird mehr gedacht als dass er selbst denkt. Das Organ, das die Bedeutung der Mythen, der Symbole und der großen Träume wahrnimmt, ist die empfindsame Vernunft oder die Vernunft des Herzens. Diese wird heutzutage skeptisch betrachtet, denn sie könnte die Objektivität des Gedankens beeinträchtigen. Jung hat die exzessive Nutzung der instrumental-analytischen Vernunft kritisiert, denn diese schließt zahlreiche Fenster zur Seele.

 

Der Dialog, den Jung 1924-1925 mit einem Pueblo-Indianer aus Neu-Mexiko führte, ist allgemein bekannt. Dieser Indianer dachte, die Weißen wären verrückt. Jung fragte ihn, wieso die Weißen verrückt wären. „Weil sie sagen“, antwortete der Indianer, „dass sie mit ihrem Kopf denken.“ „Natürlich denken sie mit ihrem Kopf.“ sagte Jung. „Wie denkt ihr denn?“ Und der Indianer antwortete überrascht: „Wir denken hier“, und zeigte dabei auf sein Herz. (Erinnerungen Sonhos, S. 233)

 

Dieser Dialog bewirkte eine Veränderung in der Denkweise Jungs. Ihm wurde klar, dass die Europäer die Welt mit dem Kopf erobert hatten, doch ihre Fähigkeit, mit dem Herzen zu denken und zu fühlen und durch die Seele zu leben, verloren hatten.

 

Selbstverständlich geht es nicht darum, auf die Vernunft zu verzichten. Dies wäre ein Verlust für alle Menschen. Vielmehr geht es darum, ihre eingeschränkte Fähigkeit für das Verständnis abzulehnen. Es ist wichtig, die Empfindsamkeit und das Herz als zentrale Elemente für das Wissen anzuerkennen. Sie ermöglichen uns, die Werte und Bedeutungen, die sich in der Tiefe des gesundes Menschenverstandes befinden, zu erfassen. Der Geist ist immer miteinbezogen und daher von Sensibilität geprägt, nicht nur vom Intellekt.

 

In seinen Erinnerungen sagt er: „Es gibt so viele Dinge, die mich ausfüllen: Pflanzen, Tiere, Wolke, Tag, Nacht und die ewige Präsens im Menschen. Je unsicherer ich mir über mich selbst bin, umso mehr wächst in mir das Gefühl, mit allem verwandt zu sein.“ (361)

 

Das Drama das heutigen Menschen liegt im Verlust seiner Fähigkeit, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu empfinden, das die Religionen immer ermöglichten. Das Gegenteil von Religion ist nicht Atheismus oder die Leugnung eines Göttlichen. Das Gegenteil von Religion besteht in der Unfähigkeit, sich mit allen Dingen verbunden und rückverbunden zu fühlen. Die Menschen von heute sind entwurzelt, von der Erde und der Seele abgeschnitten, die Ausdruck der Sensibilität und Spiritualität ist.

 

Für Jung ist das große Problem nun psychologischer Natur. Nicht die Psychologie als Disziplin oder einfach als eine Seelendimension, sondern Psychologie im integrierenden Sinne, als die Ganzheit des Lebens und des Universums, wie es vom Menschen wahrgenommen und dargestellt wird. In dieser Hinsicht schrieb er: „Es ist meine tiefe Überzeugung, dass von nun an und für eine unbestimmte Zeit in der Zukunft das wahre Problem psychologischer Natur ist. Die Seele ist Vater und Mutter all der ungelösten Schwierigkeiten, mit denen wir uns an den Himmel wenden.“ (Briefe III, 243)

 

Wenn es uns heute nicht gelingt, die empfindsame Vernunft zu retten, die eine essentielle Dimension der Seele darstellt, wird es schwierig sein, Respekt für die Andersartigkeit von Lebewesen aufzubringen, die Erde mit all ihren Ökosystemen zu lieben und Mitgefühl für all diejenigen aufzubringen, die an der Natur und an der Menschheit leiden.

 

 übersetzt von Bettina Gold-Hartnack


 

Herausforderung für Papst Franziskus: die ganze Menschheit annehmen

Als Kommentar zu einem Interview, das die Zeitung „La Libre Belgique“ am 9. August 2013 mit mir geführt hat, schrieb ein Leser (Marc Den Doncker) Folgendes, das wert ist, bedacht zu werden:

 

„Der gute Papst Franziskus kündigt tatsächlich eine Revolution in Richtung einer humaneren Menschheit an. Er sagt: ‘Wenn ein homosexueller Mensch Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, ihn zu richten?’ Man könnte sich vorstellen, dass der Papst in einiger Zeit auch seine Nächstenliebe für einen homosexuellen Menschen zum Ausdruck bringt, der zwar nicht Gott sucht, aber dennoch guten Willens ist. Dies wäre dann der Einfluss des Heiligen Geistes“. Weiter heißt es im Kommentar:

 

„Möglicherweise wird der gute Papst Franziskus im Innern seines Herzens über eine arme Frau nachdenken, die sich mithilfe einer Stricknadeln sich eines Fötus’ entledigt hat, welcher die Frucht einer schlimmen Vergewaltigung war, denn sie konnte es nicht mehr aushalten und war verzweifelt. Und der liebe Gott kann, in seiner unendlichen Güte, dem guten Papst Franziskus dazu verhelfen, Verständnis für das Geschick dieser Frau voller Bestürzung und ohne Lebensmut zu haben. Es könnte sein, dass der liebe Gott in seiner unendlichen Güte Verständnis für ein Paar aufbringt, das sich entschieden hat, keine weiteren Kinder zu bekommen und der Sicherheit halber die Pille nimmt. Und es könnte sein, dass der liebe Gott in seiner unendlichen Güte das Bewusstsein fördert, dass den Frauen dieselbe Gleichheit und Würde zukommt wie dem Mann.“

 

„Es zerreißt mich innerlich“, fährt der Kommentator fort, „die Unzahl an tragischen Ereignissen zu ertragen, die das Leben uns täglich auferlegt. Wäre die Kirche angesichts dieser Lage bereit, einen rutschigen Abhang hinabzugleiten, jedoch in Richtung einer voll und ganz angenommenen Menschheit, animiert durch den Heiligen Geist, der nichts mit den Prinzipien und dieser Kasuistik zu tun hat, die zu nichts führen als dazu, die Nächstenliebe abzutöten? Wir müssen warten.“ Ja, voller Hoffnung warten wir.

 

In der Tat haben nicht wenige in der Kirchenleitung, Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Priester, abgesehen von einigen noblen Ausnahmen, zum größten Teil das rechte Augenmaß verloren und das Gottesbild Jesu Christi vergessen, der ihn sanft Abba, lieber Vater, nannte. Ein Gott, der mütterliche Eigenschaften zeigt, wie den verlorenen Sohn zu erwarten, der sich im Dickicht der Laster verirrt hatte; beim Suchen der im Haus verlorenen Münze; wie eine Henne, die ihre Flügel ausbreitet, um ihre Küken zu beschützen. Sein Hauptcharakteristikum ist die bedingungslose Liebe und die grenzenlose Barmherzigkeit, denn „Er liebt die Undankbaren und die Bösen, lässt die Sonne scheinen und es regnen über Gute und weniger Gute“, wie es in den Evangelien heißt.

 

Für Jesus ist es nicht ausreichend, treu zu sein wie der Sohn, der im Haus des Vaters geblieben und dessen Anweisungen gefolgt ist. Wir sollen Mitgefühl und Barmherzigkeit denjenigen gegenüber  zeigen, die fallen und vom Weg abkommen. Der einzige Vorwurf Jesu galt dem daheimgebliebenen Sohn, der kein Mitgefühl für seinen Bruder zeigte und diesen nicht annehmen konnten, der verloren gegangen und doch zurückgekommen war.

 

Als Papst Franziskus mit den Bischöfen in Rio sprach, verlangte er von ihnen die „Revolution der Zärtlichkeit“ auch als eine uneingeschränkte Fähigkeit zum Verständnis und zur Barmherzigkeit.

 

Sicher muss das zahlreiche Bischöfe und Priester in eine Krise stürzen, zu einer solchen „Revolution der Zärtlichkeit“ herausgefordert zu sein. Sie müssen ihren Umgangsstil mit dem Volk radikal verändern, und zwar nicht bürokratisch und kalt, sondern warmherzig, schlicht und liebevoll.

 

Dies war der Stil des guten Papstes Johannes XXIII. Es gibt ein interessantes Ereignis, das deutlich macht, wie er die Doktrinen verstand und die Wichtigkeit eines herzlichen Umgangs mit den Menschen. Was zählt mehr: die Liebe oder das Gesetz? Die Dogmen oder ein herzlicher Umgang miteinander?

 

Giuseppe Alberigo, ein Laie aus Bologna, der außerordentlich gut informiert und engagiert war in der Erneuerung der Kirche, war einer der größten Historiker des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Sein großes Verdienst liegt in der Veröffentlichung eines kritischen Ausgabe aller offiziellen Lehrtexte der Päpste und der Konzilien seit Beginn der Christenheit:  Oecumenicorum Conciliorum Decreta. Er selbst erzählt in der Zeitung Corriere di Bologna, dass er nach Rom reiste, um stolz sein voluminöses Werk Papst Johannes XXIII zu überreichen. Der Papst nahm es behutsam in seine Hände, setzte sich auf seinen Papstsessel, legte das Werk vorsichtig auf den Boden und stellte seine Füße auf das berühmte Werk.

 

Dies war ein symbolischer Akt. Es ist gut, Doktrinen und Dogmen zu haben, aber sie existieren nur, um den Glauben zu unterstützen, nicht um ihn zu hemmen oder als Instrument der Einengung oder der Verurteilung.

 

Es ist gut möglich, dass der gute Papst Franziskus sich davon animieren lässt, etwas Ähnliches zu tun, vor allem in Bezug auf das Kanonische Recht und andere offizielle Texte des Lehramtes, mit denen den Gläubigen wenig geholfen ist. Zuerst kommt der Glaube, die Liebe, die spirituelle Begegnung und die Hoffnungsschöpfung für die Menschen, die durch so viele Enttäuschungen und Krisen sprachlos geworden sind. Dann erst kommen die Doktrinen. Möge der liebe Gott in seiner unendlichen Güte den Papst Franziskus mit Mut und Schlichtheit in diese Richtung leiten.

 

(Für diejenigen, die die o. g. Informationen nachlesen möchten, ist hier die Quellenangabe: Alberto Melloni, Einführung in das Buch  Ángelo Giuseppe Roncalli, Giovanni XXIII. Agende del Pontefice 1958-1963, Instituto per le Scienze Religiose, Bologna 1978, S. VII).

 

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Um desafio para o Papa Francisco: assumir plenamente a humanidade

Como comentário a uma entrevista que dei ao jornal La Libre Belgique de 9 de agosto de 2013, um leitor (Marc Den Doncker) escreveu estas palavras que considero dignas de serem refletidas. Ai diz ele:

“O bom Papa Francisco anuncia francamente uma revolução na linha de uma humanidade mais plenamente humana. Ele diz: ’se alguém é um homosexual que procura Deus e é de boa vontade, quem sou eu para julgá-lo’? Pode bem ser que em algum tempo, o Papa expressará amor por uma pessoa homosexual que não procura necessariamente Deus mas que é malgrado tudo, alguém de boa vontade. Aí estaria a influência do Espírito Santo”. Continua o comentário:

“Pode bem ser que, em algum tempo, o bom Papa Francisco, refletirá bem no fundo de seu coração sobre uma pobre mulher que se perfura com uma agulha de tricotar para se livrar de um feto, fruto de um violento estupro, porque já não aguenta mais e se encontra desesperada. Pode bem ser que o bom Deus, em algum tempo, em sua infinita bondade, fará o bom Papa entender a situação desesperadora desta mulher que tomada de profunda perturbação deseja morrer. Pode bem ser que o bom Deus, em sua infinita bondade, compreenderá que um casal que decidiu não ter mais filhos, utilize tranquilamente a pílula. Pode bem ser que o bom Deus, em sua infinita bondade, suscitará a consciência de que a mulher goza da mesma igualdade e dignidade que o homem”.

“Dilacero-me interiormente” –  prosegue o comentarista – “porque a vida nos dá dia após dia uma abundância espantosa de fatos trágicos. Face a esta situação real, estaria a Igreja pronta para deslizar por um caminho escorregadio mas na direção de uma humanidade, enfim, plenamente assumida, animada pelo Espírito Santo que não tem nada a ver com  princípios e casuismos que acabam matando o amor ao próximo? É preciso esperar”. Sim, confiantes, esperaremos.

De fato, não poucas autoridades eclesiásticas, Papas, cardeais, bispos  e padres, com  dignas excessões, perderam, em grande parte, o bom senso das coisas,  esqueceram da imagem do Deus de Jesus Cristo, chamado docemente de Abba, Paizinho querido. Esse seu Deus mostrou dimensões maternas ao esperar o filho estraviado pelo vício, ao procurer a moeda perdida na casa e ao recolher  sob suas asas as pessoas como o faz a galinha com seus pintainhos. Sua característica principal é o amor incondicional e a misericórida sem limites pois “Ele ama os ingratos e maus e dá o sol e a chuva aos bons e aos maus” como nos dizem os Evangelhos.

Para Jesus não basta ser bom como o filho fiel que ficou na casa do pai e seguia todas as suas ordens. Precisamos ser compassivos e misericordiosos com os que caem e ficam perdidos nas estradas. O único que Jesus criticou foi esse filho bom mas que não teve compaixão e não soube acolher o irmão que estava perdido mas que voltou para casa.
O Papa Francisco em sua fala aos bispos no Rio  cobrou-lhes uma “revolução da ternura” e a capacidade ilimitada de compreensão e de misericórida.

Seguramente muitos bispos e padres devem estar em crise e são urgidos a enfrentar este desafio da “revolução da ternura”. Devem mudar radicalmente o estilo de relação para com o povo: nada burocrático e frio mas  caloroso, simples e carregado de enternecimento.

Este era o estilo do bom Papa João XXIII. Há um fato curioso que revela como entendia as doutrinas e a importância do encontro cordial com as pessoas. O que conta mais: o amor ou a lei? Os dogmas ou o encontro cordial?

Giuseppe Alberigo,teólogo leigo de Bologna, extremamente erudito e comprometido com a renovação da Igreja, foi um dos maiores historiadores do Concílio Vaticano II (1962-1965). Seu grande mérito foi ter publicado uma edição crítica de todos os textos doutrinários oficiais dos Papas e dos Concílos desde os primórdios do Cristianismo: o Conciliorum Oecumenicorum Decreta. Ele mesmo  conta no Il Corriere di Bologna que em 16 de junho de 1967  viajou, orgulhoso, a Roma para fazer a entrega solene ao Papa João XXIII do volumoso livro. João XXII gentilmente tomou o livro em suas mãos, sentou-se em sua cadeira pontifícia e tranquilamente colocou  o volume no chão. E pôs ambos os pés em cima do famoso volume.

É um  ato simbólico. Tudo bem que haja doutrinas  e dogmas. Existem para sustentar a fé não para inibi-la ou servir de instrumento de enquandramento de todos e de condenação.

Pode bem ser que o bom Papa Francisco se anime a fazer algo parecido, especialmente com referência ao Direito Canônico e a outros textos oficiais do Magistério que pouco ajudam os fiéis. Em primeiro lugar vem a fé, o amor, o encontro espiritual e a criação de  esperança para uma humanidade atordoado por tantas decepções e crises. Depois as doutrinas. Oxalá o bom Deus, em sua infinita bondade, conduza o Papa Francisco  nesta direção corajosa e simples.

(Para os que quiserem veriificar a informação acima, deixo aqui a fonte de referência: Alberto Melloni: Introdução ao livro: Ângelo Giseuppe Roncali, Giovanni XXIII. Agende del Pontefice 1958-1963. Instituto per le Scienze Religiose, Bologna 1978 p. VII).

Weltweite Spionage: die extreme Arroganz einer Weltmacht

Die Entführung des bolivianischen Präsidenten, Evo Morales, bei der sein Flugzeug darin gehindert wurde, den westeuropäischen Luftraum zu überfliegen, und die Aufdeckung der weltweiten Spionage durch die Staatsschutz- und Geheimdienste der nordamerikanischen Regierung (NSA) führen uns dazu, über ein kulturelles Thema von schwerer Tragweite nachzudenken: die Arroganz. Die oben angeführten Fakten zeigen, welchen Level die Arroganz bereits bei den Europäern, die unter dem Druck der USA stehen, erreicht hat. Arroganz ist ein zentrales Thema im antiken Griechenland, das auch unsere Kultur geprägt hat. Heutzutage wurde sie ausführlich von Luigi Zoja, einem italienischen Geisteswissenschaftler studiert, der aus dem Bereich der Ökonomie, Soziologie und der analytischen Psychologie kommt und dessen Buch „Storia dell’arroganza“ (Geschichte der Arroganz), im Jahr 2000 bei Axis Mundi,São Paulo, in Brasilien veröffentlicht wurde.

 

In diesem kompakten Buch wird die Geschichte der Arroganz in den Weltkulturen, vor allem in der des Abendlandes, zurückverfolgt. Die griechischen Denker (Philosophen und Dramatiker) bemerkten, dass die Vernunft, wenn sie von Mythologie befreit ist, von einem Dämon besessen ist, der in einem endlosen Prozess zu ungezügeltem Wissen und Verlangen führen würde. Diese Energie strebt danach, alle Grenzen zu sprengen, und wird schließlich zur Arroganz, der wahren Sünde, die die Götter streng bestraften. Der Exzess auf allen Bereichen wurde als Hybris bezeichnet, und Nemesis war die göttliche Rache, die die Arroganz bestrafte.

 

Der Imperativ im antiken Griechenland lautete: „meden agan“ (Alles in Maßen). Thukydides ließ Perikles, den genialen Politiker aus Athen, sagen: „Wir lieben Schönheit, doch in Einfachheit; wir nutzen Reichtum für aktive Projekte ohne nutzloses Zurschaustellen; wegen Armut muss sich niemand schämen, doch es ist eine Schande, nicht alles zu unternehmen, was im Rahmen des Möglichen ist, um diese zu überwinden.“ Die Griechen strebten nach dem rechten Maß in allen Dingen.

 

Orientalische Ethiken wie die buddhistische und hinduistische predigen das Auferlegen von Grenzen des Verlangens. Bereit das Tao Te King sagte: „Es gibt keine größere Schande als das Unvermögen, zufrieden zu sein.“ (Kap. 47) und „Man hätte besser aufhören sollen, bevor das Glas überlief.“ (Kap 9).

 

 Die Hybris/Selbstüberschätzung/Arroganz ist das ärgste Laster der Macht, sei sie persönlich, die einer Gruppe oder einer Weltmacht. Heutzutage wird diese Arroganz durch die nordamerikanische Weltmacht verkörpert, die sich alles unterwirft, und durch das Ideal grenzenlosen Wachstums, das unserer Kultur und Wirtschaftspolitik zugrunde liegt.

 

 Exzess-Arroganz hat inzwischen in zwei Bereichen einen Höhepunkt erreicht: in uneingeschränkter Wachsamkeit, die sich in der Fähigkeit einer Weltmacht ausdrückt, jeden zu kontrollieren mithilfe von ausgefeilter Informationstechnologie, durch die Verletzung von Souveränitätsrechten eines Landes wie des unveräußerlichen Rechts auf persönliche Privatsphäre. Es ist ein Zeichen von Schwäche und Angst, wenn eine Weltmacht nicht länger durch Argumente überzeugen noch Anziehungskraft durch seine Ideale ausüben kann. Also benutzt sie direkte Gewalt, lügt, indem sie Rechte und international vereinbarte Statuten missachtet. Den großen Kulturhistorikern Toynbee und Burckhard zufolge sind dies unmissverständliche Zeichen für die ungezügelte Dekadenz von Weltmächten. Doch in ihrem Untergang verursachen sie unvorstellbare Zerstörung.

 

Der zweite Bereich der Hybris Selbstüberschätzung besteht im Traum von unbegrenztem Wachstum durch die gnadenlose Ausbeutung von Naturgütern und -diensten. Der Westen schuf und exportierte diese Art von Wachstum in die ganze Welt, die in der Quantität der materiellen Güter (BSP)  gemessen wird. Es bricht mit der Logik der Natur, die sich immer selbst reguliert, während sie die Interdependenz aller mit allem aufrecht erhält. So wächst ein Baum nicht endlos in den Himmel, und ebenso weiß der Mensch um seine physischen und psychologischen Grenzen. Doch diese Entwicklung führt Menschen dazu, ihren arroganten Prozess der Natur aufzuzwingen: so konsumieren sie bis zur Übelkeit, während sie gleichzeitig nach vollkommener Gesundheit und biologischer Unsterblichkeit streben. Da sie die Limits der Erde allmählich zu spüren bekommen, denn diese ist ein kleiner und kranker Planet, nutzen die Menschen neue Technologien, um die Erde zu noch mehr Leistungsfähigkeit zu zwingen. Sie verteidigt sich selbst durch globale Erwärmung mit all deren extremen Auswirkungen. 

 

Zoja sagt ganz richtig: „Endloses Wachstum ist nichts anderes als eine naive Metapher für Unsterblichkeit.“ (S. 11). Samuel P. Huntington bekräftigt in seinem kontroversen Buch „Kampf der Kulturen“, dass die Arroganz des Westens die „größte Gefahr von Instabilität und möglichem globalen Konflikt in einer Welt mit vielfältigen Zivilisationen“ darstellt (s. 397). Das Überschreiten aller Grenzen wird durch den Mangel an sinnvoller Vernunft und an Vernunft des Herzens verschlimmert. Durch sie lesen wir die Daten, indem wir unsere Gefühle mit einbringen, hören auf die Botschaften der Natur und vernehmen das Humane in der dramatischen und hoffnungsvollen Menschheitsgeschichte.

 

Die Akzeptanz von Grenzen macht uns demütig und verbindet uns mit allen Wesen. Gerade durch die Logik dominierender Arroganz distanziert sich die nordamerikanische Weltmacht selbst von allen und schafft eher Misstrauen als Freundschaft und Bewunderung. 

 

Ich schließe mit einer Geschichte von Leo Tolstoi im Stil von João Cabral de Mello Neto: Wie viel Land braucht ein Mensch? Ein Mann schloss einen Pakt mit dem Teufel: Er bekäme so viel Land, wie er zu Fuß umlaufen könne. Er begann zu laufen und lief Tag und Nacht, pausenlos von Tal zu Tal, von Berg zu Berg, bis er vor Erschöpfung tot umfiel. Tolstoi kommentiert: Hätte er um seine Grenzen gewusst, wäre ihm klar gewesen, dass er nur ein paar Meter brauchte, denn mehr brauchte er nicht für sein Grab.

 

Um Bewunderung zu erhalten brauchen die USA nicht mehr als ihr eigenes Territorium und ihr eigenes Volk. Sie bräuchten nicht allen zu misstrauen und im Leben aller herumzuschnüffeln.

 

 

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack