Warum sind wir dort angekommen, wo wir jetzt sind?

Leonardo Boff

         Zivilisationskrisen gab es schon immer in der Geschichte. Man muss nur Arnold Toynbees 12-bändiges Werk „A Study of History” lesen, in dem er detailliert beschreibt, wie Zivilisationen entstehen, in eine Krise geraten und untergehen. Er unterscheidet zwei grundlegende Kategorien: Herausforderung (challenge) und Antwort (response). Wenn die Herausforderung gering ist, reagiert die Zivilisation darauf und wächst. Wenn die Herausforderung größer ist als ihre Reaktionsfähigkeit, gerät die Zivilisation in eine Krise und verschwindet schließlich. Dies ist eine vereinfachte Darstellung eines komplexen und äußerst gelehrten Werks. Seine größte Einschränkung besteht vielleicht darin, dass es den Klassenkampf nicht berücksichtigt, der, ob wir es wollen oder nicht, in komplexen Gesellschaften immer stattfindet. Bis vor kurzem waren Krisen immer regional begrenzt und betrafen nicht den gesamten Planeten.

Die Einzigartigkeit der Krise unserer Zeit liegt darin, dass sie planetarisch ist und alle Zivilisationen betrifft. Es fehlen uns geeignete Kategorien, die uns eine umfassende Antwort bieten könnten: Wie sind wir zu dieser globalen Krise gekommen, die den Anfang unserer eigenen Zerstörung mit sich bringt, nicht des Planeten als Ganzes, sondern des Lebens in all seinen Formen? Es ist nicht unmöglich und für manche sogar wahrscheinlich, dass unsere Spezies verschwinden könnte, da sie alle Mittel dazu geschaffen hat. Das Ende der Welt wäre nicht das Werk Gottes, sondern das Werk des Menschen selbst. Und es gibt genug Verrückte unter den decisionmakers (Entscheidungsträgern), die Leben gefährden und möglicherweise einen Krieg zwischen den Großmächten mit „gesicherter gegenseitiger Zerstörung” ausrufen könnten. Und mit ihm würde die Menschheit, die mit dem Tod spielt, untergehen, mit der Ausnahme von vielleicht einigen der hundert indigenen Stämme im Amazonasgebiet, die nie Kontakt zu unserer Zivilisation hatten.

Die radikale Frage, die uns herausfordert, lautet: Warum ist weltweit eine schreckliche Welle des Hasses, der Wut und der Gewalt ausgebrochen, die, wenn sie sich fortsetzt, den gesamten Planeten endgültig in Flammen aufgehen lassen könnte? Aus verschiedenen Blickwinkeln werden viele Gründe dafür angeführt. Ich für meinen Teil würde als Hypothese sagen, dass, abgesehen von strukturellen Ursachen, die in der Moderne vorhanden sind und von mir bereits analysiert wurden, eine solche lebensfeindliche Atmosphäre und das Zusammenleben zwischen Menschen aus einer tiefen Enttäuschung resultiert, die zu einer nicht minder tiefen Depression geführt hat.

Die Enttäuschung würde im Scheitern aller Versprechen liegen, die die großen Erzählungen  der Menschheit in den letzten Jahrhunderten gegeben haben. Die Aufklärung versprach der gesamten Menschheit Zugang zu Wissen. Der Kapitalismus entwarf das Ideal, dass alle reich werden sollten. Der Sozialismus versprach, alle Ungleichheiten und das Klassensystem zu beseitigen. Der moderne Industrialismus in seinen verschiedenen Formen, sogar mit Automatisierung und allgemeiner KI, versprach die vollständige Befreiung des Menschen von der Last der Arbeit und den uneingeschränkten Zugang zu allem Wissen, das die Menschheit angesammelt hat, sowie eine uneingeschränkte und freie Kommunikation aller mit allen.

Diese Versprechen wurden nicht erfüllt. Die vorherrschende Logik war die Macht einiger weniger Gieriger, die alle Fortschritte an ihren privaten, wettbewerbsorientierten und unsozialen Anhäufungsinteressen ausrichteten. Statt einer wünschenswerteren und menschenfreundlicheren Welt herrschte eine grausame und gefühllose Welt gegenüber anderen Menschen und ein Raubtier der Natur. Die weit verbreitete Enttäuschung führte zu einer großen kollektiven Depression. Wer ist schon zufrieden mit der Welt, die wir geschaffen haben, und ignoriert dabei die wenigen, die alles kontrollieren und beherrschen (und die ebenfalls von Angst heimgesucht werden)? Die vorherrschende Wahrnehmung ist, dass es so nicht weitergehen kann, da dies uns alle in ein gemeinsames Grab führen könnte.

In kritischen Situationen dieser Intensität treten typischerweise zwei Verhaltensweisen auf: Die einen flüchten sich in eine idealisierte Vergangenheit, in der Ordnung, Disziplin, Religion und strenge Moral die Krise lösen würden. Andere flüchten sich in die Zukunft mit heilsbringenden Utopien oder so radikalen Veränderungen, dass sie eine viel bessere, lebenswertere und naturgerechtere Welt schaffen würden. Beides erscheinen mir als Utopien ohne historische Tragfähigkeit, da sie sich der Herausforderung in ihrer existenziellen Schwere nicht stellen und auch nicht nach tragfähigen Alternativen suchen. Diese Haltung führt letztlich zu tieferer Enttäuschung und Depression.

Gibt es einen Ausweg aus dieser misslichen Lage? Oder sind wir an der Reihe, unseren Evolutionszyklus zu beenden und zu verschwinden? Es ist klar, dass alle Lebewesen nach Millionen von Jahren auf diesem Planeten ihren Höhepunkt erreicht haben und dann plötzlich verschwunden sind. Könnte uns dasselbe Schicksal widerfahren? Ich lasse die Frage offen, denn es erscheint weder unwahrscheinlich noch unmöglich, da wir uns bereits die Mittel zur Selbstzerstörung gegeben haben.

Mein Weltbild sagt mir: Wenn Utopien, selbst kleinste Verbesserungen des herrschenden Systems, verblassen, können wir uns nur auf uns selbst konzentrieren. Wir sind eine unerschöpfliche Quelle an Möglichkeiten und verfügen über eine grenzenlose Fähigkeit zu Beziehungen und Kreativität. Trotz unserer Widersprüche, unserer Licht- und Schattenwelt, unserer Weisheit und unseres Wahnsinns können wir unsere positive Einstellung so weit nutzen, dass wir eine neue Richtung und neue Hoffnung definieren können. Es liegt an uns, diese Alternative, die wir hier nicht im Detail beschreiben können, genauer zu untersuchen, aber wir werden darauf zurückkommen.

Die zukünftige Erde wird kein irdisches Paradies sein, sondern eine wiederbelebte Erde, das Land der Guten Hoffnung, wie manche es bereits genannt haben.

Leonardo Boff,Autor von:  Habitar a Terra. Vozes 2025.

Artikel übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die Erde ist lebendig und Quelle allen Lebens

Leonardo Boff*

In der wissenschaftlichen Gemeinschaft herrscht Einigkeit darüber, dass die Erde lebt. So leben beispielsweise in einem einzigen Gramm Erde, also weniger als einer Handvoll, etwa 10 Milliarden Mikroorganismen: Bakterien, Pilze und Viren , wie uns der große Biologe E. Wilson in „Die Schöpfung: Wie man das Leben auf der Erde rettet” (2008, S. 26) erklärt. Sie sind unsichtbar, aber immer aktiv und sorgen dafür, dass die Erde lebendig und fruchtbar bleibt. Die Erde, so voller Leben, ist die Mutter aller Lebewesen.

Diese Schlussfolgerung war nicht selbstverständlich. Sowohl für Einstein als auch für Bohr „übersteigt das Leben das Verständnis wissenschaftlicher Analyse“ (N. Bohr, Atomphysik und menschliches Wissen, 1956, vgl. Licht und Leben, S. 6). Die Anwendung der Quantenphysik, der Komplexitätstheorie (Morin), der Chaostheorie (Gleick, Prigogine) sowie der genetischen und molekularen Biologie (Maturana, Capra) zeigte jedoch, dass das Leben Teil eines Evolutionsprozesses ist, der von den ursprünglichsten Energien und Teilchen über Urgas, große rote Sterne, Supernovae, Galaxien, kosmischen Staub, die Geosphäre, die Hydrosphäre, die Atmosphäre und schließlich die Biosphäre reicht.

Wie Christian du Duve, Nobelpreisträger für Biologie 1974, feststellt: „Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel bilden den größten Teil der lebenden Materie” (Aus Staub geboren. Leben als kosmische Zwangsläufigkeit. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin/Oxford 1995 1995 cp.1).

Es war das besondere Verdienst von Ilya Prigogine, Nobelpreisträger für Chemie 1977, zu zeigen, dass die Anwesenheit physikalisch-chemischer Elemente nicht ausreicht. Sie tauschen kontinuierlich Energie mit der Umwelt aus. Sie verbrauchen viel Energie und erhöhen dadurch die Entropie (Verlust nutzbarer Energie). Er bezeichnete sie zu Recht als dissipative (energieverbrauchende) Strukturen. Aber sie sind auch in einem zweiten, paradoxen Sinne dissipative Strukturen, da sie Entropie dissipieren, indem sie die Unordnung und das Chaos der Umwelt in komplexe Ordnungen und Strukturen umwandeln. Sie organisieren sich selbst, entziehen sich der Entropie und erzeugen Negentropie: negative Entropie; positiv ausgedrückt: sie erzeugen Syntropie (Order out  of Chaos, 1984).

 Was für den einen Unordnung ist, dient dem anderen als Ordnung. Durch ein prekäres Gleichgewicht zwischen Ordnung und Unordnung (Chaos: Dupuy, Ordres et Désordres, 1982) bleibt das Leben erhalten (Ehrlich, O mecanismo da natureza, 1993, S. 239-290).

Es genügt, auf die Forschungen des englischen Arztes und Biologen James E. Lovelock und der Biologin Lynn Margulis (Gaia, 1989; 1991; 2006; José Lutzemberger, Gaia, der lebende Planet: Auf sanftem Weg, 1990; Lynn Margulis, Mikrokosmos, 1990) zu verweisen. Sie beobachteten die subtile Abstimmung aller chemischen und physikalischen Elemente, der Wärme der Erdkruste, der Atmosphäre, der Gesteine ​​und der Ozeane unter der Einwirkung des Sonnenlichts auf eine Weise, die die Erde für Lebewesen gut, ja sogar hervorragend macht. So entsteht ein riesiger, sich selbst regulierender lebender Superorganismus, den James E. Lovelock Gaia nennt, den Namen, den die Griechen der lebenden Erde gaben.

Dies gilt auch für uns Menschen. Unter uns entstehen Beziehungs- und Lebensformen, in denen Syntropie (Energieerhaltung) über Entropie (Energieverzehr) herrscht. Denken, verbale Kommunikation, Solidarität und Liebe sind äußerst kraftvolle Energien mit niedrigem Entropie- und hohem Syntropie-Niveau. Aus dieser Perspektive stehen wir nicht vor dem Wärmetod, sondern vor der Transfiguration des kosmogenen Prozesses, der sich mit immer größerer Intensität in höchst geordnete, kreative und vitale Ordnungen entfaltet. Wie sieht die Zukunft dieses Prozesses aus? Wir wissen es nicht. Sie ist völlig mysteriös.

Die symphonische Artikulation der vier grundlegenden Wechselwirkungen des Universums (Gravitation, Elektromagnetismus, starke Kernkraft und schwache Kernkraft) wirkt weiterhin synergetisch, um den aktuellen kosmologischen Zeitpfeil in Richtung zunehmend relationaler und komplexer Formen aufrechtzuerhalten. Viele Wissenschaftler argumentieren, dass sie tatsächlich die Logik und innere Dynamik des Evolutionsprozesses darstellen; sozusagen die Struktur oder vielmehr den ordnenden Geist des Kosmos selbst.

Erwähnenswert ist die berühmte Aussage des britischen Physikers Freeman Dyson (*1923): „Je mehr ich das Universum und die Details seiner Architektur untersuche, desto mehr Beweise finde ich dafür, dass das Universum wusste, dass wir eines Tages in ferner Zukunft auftauchen würden“ (Disturbing the Universe, 1979, S. 250).

Der Mensch selbst ist ein Knotenpunkt von Beziehungen, der in alle Richtungen weist. Die Göttlichkeit selbst offenbart sich als panrelational, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si’ (Nr. 239) betont. Wenn alles Beziehung ist und nichts außerhalb der Beziehung existiert, dann ist das universellste Gesetz die Synergie, die Syntropie, die Inter-Retro-Beziehung, die Zusammenarbeit, die kosmische Solidarität, die Gemeinschaft und die universelle Geschwisterlichkeit.

Diese Vision von Gaia kann unser Zusammenleben mit der Erde neu beleben und uns eine Ethik der Nachhaltigkeit und der notwendigen Verantwortung, des Mitgefühls und der Fürsorge leben lassen – Einstellungen, die das Leben in unserem gemeinsamen Zuhause, der Erde, retten werden.

Leonardo Boff,Autor von: Sustentabilida e cuidado: como assegurar o futuro da vida, Editora Conhecimento Liberta,Rio 2025.

Der Aufstieg des Faschismus in der Welt

Leonardo Boff

         Weltweit und auch in Brasilien ist ein Anstieg faschistischer Ideen oder autoritärer Haltungen zu beobachten, die alle Gesetze und Vereinbarungen brechen, wie dies deutlich in der Politik des US-Präsidenten Donald Trump mit seinem MAGA-Patriotismus (Make Amerika Great Again) zu sehen ist. Die Versprechen der großen modernen Narrative sind gescheitert. Sie haben zu einer enormen, mehr oder weniger allgemeinen Unzufriedenheit und Depression sowie zu Wellen der Wut und des Hasses geführt. Vor allem aufgrund der ökologischen Forderungen wächst die Überzeugung, dass die Welt so, wie sie ist, nicht weiterbestehen kann. Entweder wir ändern unseren Kurs oder wir steuern auf eine biblische Katastrophe zu. In diesem Zusammenhang sehe ich das unheimliche Phänomen des Faschismus und Autoritarismus, das sich in unserer Geschichte durchsetzt.

Das Wort Faschismus  wurde erstmals 1915 von Benito Mussolini bei der Gründung der Gruppe „Fasci d’Azione Revolucionaria” verwendet. Faschismus leitet sich vom Bündel (fasci) fest zusammengebundener Stöcke mit einer daran befestigten Axt ab. Ein einzelner Stock kann zerbrochen werden, ein Bündel ist fast unmöglich zu zerbrechen. 1922/23 gründete er die Nationale Faschistische Partei, die bis zu ihrem Sturz 1945 Bestand hatte. In Deutschland  etablierte sich der Faschismus ab 1933 mit Adolf Hitler, der nach seiner Ernennung zum Reichskanzler den Nationalsozialismus gründete, die Nazi-Partei, die dem Land strenge Disziplin, Überwachung und den Terror der SS auferlegte.

Überwachung, direkte Gewalt, Terror  und die Auslöschung von Oppositionellen sind Merkmale des historischen Faschismus von Mussolini und Hitler  und bei uns von Pinochet in Chile, Videla in Argentinien und in der Regierung von Figueiredo, Médici und tendenziell auch von Bolsonaro in Brasilien.

Der ursprüngliche Faschismus ist eine extreme Ausprägung des Fundamentalismus, der in fast allen Kulturen eine lange Tradition hat. S. Huntington prangert in seinem umstrittenen Werk „Kampf der Kulturen“ (1997) den Westen als einen der virulentesten Fundamentalisten an, der in den Kolonialkriegen deutliche Anzeichen von Faschismus gezeigt habe. Man stellt sich die beste aller Welten vor, zusammen mit den USA, was ihnen ihrer Meinung nach ihre Einzigartigkeit verleihen würde. Wenn Präsident Donald Trump „America first“ sagt, meint er „nur Amerika“, und der Rest der Welt kann sich selbst helfen.

Wir kennen den islamischen Fundamentalismus mit seinen zahllosen Anschlägen und Verbrechen, aber auch andere Gruppen innerhalb der modernen katholischen Kirche. Diese Gruppen glauben noch immer, die Kirche sei die einzige Kirche Christi, außerhalb derer es kein Heil gebe. Diese irrige und mittelalterliche Sichtweise, die im Jahr 2000 vom damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., in einem Dokument mit dem Titel „Dominus Jesus“ offiziell veröffentlicht wurde, erniedrigte alle Kirchen, indem sie ihnen den Titel einer Kirche absprach und sie lediglich als Gemeinschaften mit kirchlichen Elementen betrachtete. Gott sei Dank hat Papst Franziskus voller Vernunft und gesundem Menschenverstand solche Verzerrungen entkräftet und die gegenseitige Anerkennung der Kirchen befürwortet, die sich alle im Dienst der Menschheit und dem Schutz unseres ernsthaft bedrohten Planeten vereinen.

Wer behauptet, allein die Wahrheit zu kennen, ist dazu verdammt, ein Fundamentalist zu sein, mit faschistischer Mentalität und ohne Dialog mit anderen. Der Dalai Lama hat es treffend ausgedrückt: Bestehen Sie nicht auf einem Dialog mit einem Fundamentalisten. Haben Sie einfach Mitgefühl mit ihm.

Hier lohnt es sich, an die Worte des großen spanischen Dichters António Machado zu denken, der ein Opfer der Franco-Diktatur in Spanien war: „Nicht deine Wahrheit. Sondern die Wahrheit. Komm mit mir, um sie zu suchen. Behalte deine für dich.“ Wenn wir sie gemeinsam suchen, wird sie vollständiger sein.

Der Faschismus ist nie ganz verschwunden, denn es gibt immer wieder Gruppen, die, getrieben von einem fundamentalen Archetyp, der von der Gesamtheit abgelöst ist, mit allen Mitteln nach Ordnung streben. Dies ist der heutige Protofaschismus.

In Brasilien gab es eine eher komische als ideologische Figur, die den Faschismus propagierte und in dessen Namen Gewalt, die Verherrlichung von Folter und Folterern, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und LGBTQ+-Personen rechtfertigte. Immer im Namen einer Ordnung, die gegen die vermeintliche Unordnung der Zeit geschmiedet werden sollte, und zwar mit symbolischer und realer Gewalt.

Unter dem verurteilten Jair Bolsonaro nahm der Faschismus eine mörderische und tragische Form an: Er lehnte den Covid-19-Impfstoff ab, ermutigte zu Versammlungen und verhöhnte das Tragen von Masken. Schlimmer noch: Er ließ mehr als 300.000 der 716.626 Opfer sterben, ohne jegliches Mitgefühl für ihre Familien und Angehörigen. Es war ein krimineller Ausdruck der Verachtung für das Leben seiner Landsleute. Er hinterließ ein finsteres Erbe.

Doch letztlich gründete der Anführer dieses primitiven Protofaschismus, Jair Messias Bolsonaro, eine kriminelle Organisation mit hochrangigen Militärs und anderen, die einen Staatsstreich mit der Ermordung höchster Autoritäten plante, um seine primitive Weltanschauung durchzusetzen. Doch sie wurden denunziert, vor Gericht gestellt und verurteilt, und so entgingen wir einer Zeit der Dunkelheit und abscheulicher Verbrechen.

Faschismus war schon immer ein Verbrechen, wie sich kürzlich im US-Bundesstaat Utah mit der Ermordung des Fundamentalisten Charlie Kirk zeigte – eines rassistischen, islamfeindlichen und homophoben Menschen, der fälschlicherweise zum Märtyrer erklärt wurde. Unter Hitler entstand die Schoah-Bewegung (die die Vernichtung von Millionen Juden und anderen Menschen zum Ziel hatte). Sie nutzte Gewalt als Mittel der Interaktion mit der Gesellschaft, weshalb sie sich nie dauerhaft etablieren kann und wird. Sie ist die größte Perversion der menschlichen Sozialfähigkeit.

Faschismus bekämpft man mit mehr Demokratie und Menschen auf der Straße. Man muss den Argumenten der Faschisten mit vernünftigen Argumenten und dem Mut begegnen, die Risiken, denen wir alle ausgesetzt sind, erneut zu betonen. Man muss hart gegen diejenigen vorgehen, die die Freiheit nutzen, um die Freiheit zu beseitigen. Wir müssen uns zusammenschließen, denn wir haben weder einen anderen Planeten noch eine andere Arche Noah.

Leonardo Boff Autor von: Fundamentalism, Terrorism and the Future of Humanity, SPCK Publishing 2006

Übersetzung von Bettina Gold-Hartnack

Der Fall Bolsonaro: Uns obliegt die Gerechtigkeit, Gott die Rache

Leonardo Boff              

Mein verstorbener Vater, ein Lehrer, der eine ähnliche Methode wie Paulo Freire anwandte, unterrichtete die Schüler und Schülerinnen von Planalto-Concórdia-SC und gab ihnen immer folgenden Rat mit auf den Weg: „Rächt euch niemals; die Rache gehört Gott; und vertraut immer auf die göttliche Vorsehung”. Diese Lehre bleibt als unvergängliches Vermächtnis für seine Schüler, Schülerinnen und seine elf Kinder bestehen. Die Heilige Schrift bekräftigt immer wieder: „Die Rache gehört Gott.“ Es ist das endgültige Urteil dessen, der tatsächlich endgültig über unser Lebensprojekt urteilt. Es steht uns nicht zu, über Menschen zu urteilen, denn sie besitzen etwas Geheimnisvolles, das nur Gott durchdringen kann. Es steht uns zu, konkrete Taten zu beurteilen, denn diese sind objektiv und können beurteilt werden. Dies gilt für den Aufsehen erregenden Fall des Prozesses gegen die kriminelle Organisation, die einen Staatsstreich unter der Führung des ehemaligen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro geplant hatte. Sie wurden angeklagt und verurteilt. Es gab keinen Rachegeist seitens der Richter, sondern die strikte Anwendung  der Gesetze und der Verfassung: 27 Jahre und drei Monate Haft in einem geschlossenen Gefängnis. Er wurde nur für fünf objektiv nachgewiesene Verbrechen verurteilt, von den vielen, die er begangen hatte.

So sehr wir auch suchen, er hat kein positives Vermächtnis hinterlassen. Während seiner Regierungszeit brach ein Reich der offiziellen und populären Boshaftigkeit aus. Sein Motto kam bei einem Treffen mit der ultra-konservativen US-Gruppe Tea-Party deutlich zum Ausdruck: „Ich habe nicht vor, etwas aufzubauen, sondern alles zu zerstören, um eine neue Geschichte zu beginnen.“ Und genau das tat er auch: Er zerstörte alles, was er konnte, ohne etwas Positives für das Volk aufzubauen.

Ich würde sagen, dass die verschiedenen Schatten, die unsere Geschichte beflecken, durch ihre böswilligen Praktiken ihre volle Dichte erreicht haben: (1) Der Makel des Völkermords an den Indigenen: Hunderte von Yanomami und anderen wurden dem Tod überlassen; (2) der Makel der 350-jährigen Sklaverei: Seine Worte lauteten: „Schwarze Menschen wurden aufgrund ihres Körpergewichts legal versklavt”; die Quilombolas „sind zu nichts zu gebrauchen, nicht einmal als Fortpflanzungsmittel”; (3) der Makel des Kolonialismus: Das Brasilien, das Bolsonaro verehrt, ist das koloniale Brasilien, unterwürfig und devot, das vor der amerikanischen Flagge salutiert, das die Folter und Erschießung von Feinden verherrlicht, das unser größtes Naturerbe, den Amazonas und das Pantanal, völlig vernachlässigt hat; (4) Das Stigma der Besetzung des Staates durch die herrschende Klasse: Bolsonaro, der nichts zu verwalten versteht, übertrug der Legislative Aufgaben, die eigentlich der Exekutive obliegen, wie die Verwaltung des Haushalts; er gab nicht nur den wohlhabenden Klassen auf dem Land und in der Stadt freie Hand, sondern militarisierte auch einen Großteil des Staatsapparats; (5) Schändlich waren seine Leugnungen des Impfstoffs gegen Covid-19, wodurch er für 430.000 vermeidbare Todesfälle von insgesamt 716.626 Opfern verantwortlich ist; er beleidigte die Opfer, indem er den Tod eines von ihnen nachahmte, mit offenem Mund, verzweifelt nach Sauerstoff suchend; Er betrachtete die Pandemie als „eine kleine Grippe” und behandelte den Schmerz derer, die Angehörige verloren hatten, als „bloßes Gejammer”; er verspottete die Familienangehörigen, die ihre Toten nicht zu den improvisierten Friedhöfen begleiten konnten; (6) Er hatte eine souveräne Verachtung für die Armen, „Sie haben nur einen Nutzen, nämlich den, dass sie wahlberechtigt sind und einen  Dummkopf-Abschluss haben… Sie taugen zu nichts, die meisten von ihnen sind für die  Zukunft unseres Landes nutzlos”; (7) Er zeigte sich als Feind der Wissenschaft, der Bildung, der Menschenrechte und der wissenschaftlichen Forschung und versetzte das Land in die Zeit vor der Aufklärung zurück; (8) Zu den  perversesten Handlungen gehörten diejenigen, die das Volk verdummten, mit vulgären Ausdrücken, offenem Hass gegen LGBTQ+1 und klarer Frauenfeindlichkeit, bis hin zur Scham, eine Tochter zu haben, „die Frucht einer Schwäche“; er verbreitete Fake News und eine Welle des Hasses, die Familien spaltete und soziale Beziehungen vergiftete; (9) Er manipulierte explizit die religiöse Rede, indem er durch sein wahrhaft pharisäisches Verhalten und zu rein wahltaktischen Zwecken der religiösen Botschaft widersprach, was im Widerspruch zum säkularen Charakter des Staates steht. (10) Schließlich war etwas Unerhörtes und Äußerst Grausames in unserer 135-jährigen Geschichte als Republik die Absicht, den Minister des Obersten Bundesgerichts Alexandre de Moraes zu ermorden und Präsident Lula und seinen Vizepräsidenten Geraldo Alckmin zu vergiften. 

Diese Taten verdienen die Abscheu selbst eines nur halbwegs menschlichen und sensiblen Geistes. Hier kommt die Gerechtigkeit ins Spiel, die nach dem Gesellschaftsvertrag urteilt, der in der Verfassung von 1988 und dem Strafgesetzbuch verankert ist. Ich weiß, dass der Begriff der Gerechtigkeit, von den griechischen Klassikern mit Sokrates, Platon und Aristoteles bis hin zu den modernen John Rowls und MacIntyre, umstritten ist. Es ist hier nicht angebracht, eine Version oder Definition zu übernehmen. Im Fall Bolsonaro ist die Anwendung der Verfassung und des Strafgesetzbuches, die die von ihm und seiner kriminellen Organisation begangenen Taten als Verbrechen definieren, ausreichend. Es ist wichtig zu betonen, dass es hier nicht um Berechnung, sondern um Prinzipien geht, um die schlichte und einfache Anwendung von Strafen.

Die Verfassung von 1988 definiert klar: „Gewaltsame Abschaffung des demokratischen Rechtsstaats. Art. 359-L: Versuch, den demokratischen Rechtsstaat durch Gewaltanwendung oder ernsthafte Drohung abzuschaffen und die Ausübung der verfassungsmäßigen Macht zu verhindern oder einzuschränken: Staatsstreich. Art. 359-M: Versuch, die rechtmäßig eingesetzte Regierung durch Gewalt oder ernsthafte Drohung zu stürzen.“ Das Urteil des Ersten Senats des Obersten Bundesgerichts (STF) war in Bezug auf die von Jair Messias Bolsonaro und der kriminellen Organisation begangenen Taten eindeutig. All dies war als gescheiterter Versuch organisiert und geplant, der an sich schon ein Verbrechen darstellt. Das Urteil war den Taten angemessen und daher gerecht: „Ich verurteile den Angeklagten JAIR MESSIAS BOLSONARO wegen der Verbrechen der bewaffneten kriminellen Vereinigung, der versuchten gewaltsamen Abschaffung des demokratischen Rechtsstaats, des Staatsstreichs, der Sachbeschädigung von Bundeseigentum und der Sachbeschädigung von denkmalgeschütztem Eigentum zu einer Freiheitsstrafe von 27 Jahren und 3 Monaten“ (Oberster Bundesgerichtshof, 11. September 2025).

         Zum ersten Mal in unserer Geschichte von Putschen und Gegenputschen wurden ein ehemaliger Präsident, mehrere hochrangige Militärs und weitere Komplizen vor Gericht gestellt. Ausländische Zeitungen, insbesondere die US-amerikanischen, kommentierten, dass sich die brasilianische Demokratie und ihre Institutionen als solider erwiesen als die der Vereinigten Staaten, die stets als Maßstab galten. Für die Rechtsgemeinschaft und das höchste Gericht war klar: „Es kann keine Begnadigung, keine Amnestie, keine gerichtliche Begnadigung für jemanden geben, der versucht hat, die Demokratie zu stürzen.“ Das Land machte einen Quantensprung in Richtung Solidität und Reife. Die große Mehrheit der Bevölkerung atmete tief durch. Endlich war Gerechtigkeit geübt worden!

Leonardo Boff Theologe, Philosoph und Schriftsteller von: Brasil: concluir a refundação ou prolongar a dependência, Vozes 2018. (Brasilien: die Neugründung abschließen oder die Abhängigkeit verlängern.)