Die schmerzhafte Geburt von Mutter Erde: eine Biozivilisation

Leonardo Boff

Der von Präsident Joe Biden einberufene Klimagipfel ist ein Alarmsignal. Wenn wir die Erwärmung nicht bis zur Grenze von 1,5 Grad stoppen, werden wir eine gefährliche Ausrottung der Artenvielfalt und Millionen von Klima-Migranten erleben, die, da sie sich nicht an die Veränderungen anpassen können und ihre Lebensgrundlage verlieren, sich gezwungen sehen, ihre geliebte Heimat zu verlassen und die Grenzen anderer Länder zu durchbrechen, was zu ernsthaften gesellschaftspolitischen Problemen führt.

CO2 verbleibt etwa 120 Jahre in der Atmosphäre. Wir sind uns seiner toxischen Wirkung auf  lebende Systeme erst spät bewusst geworden. In den letzten Jahren hat sich etwas Beängstigendes ereignet: das schnelle Auftauen des Permafrosts – jenes gefrorenen Teils, der sich von Kanada über Russland erstreckt. Hinzu kommt das schnelle Schmelzen der Polkappen und Grönlands. Dieses Phänomen verschärft die globale Erwärmung, denn Methan ist 25 mal so schädlich wie CO2. Jedes Rind gibt durch Wiederkäuen und Blähungen jährlich zwischen 80-100 kg Methan an die Atmosphäre ab. Stellen Sie sich vor, was eine solche Menge bei allen Rinderherden der Welt bedeutet. Allein in Brasilien ist die Zahl der Rinder größer als unsere Bevölkerung.

Egal was wir tun, aufgrund der übermäßigen Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre werden wir keine Möglichkeit haben, extreme Auswirkungen zu vermeiden. Sie werden kommen: Taifune, lang anhaltende Dürren, extrem heiße Sommer und übermäßiger Schneefall, Erosion der Artenvielfalt und Verlust der Bodenfruchtbarkeit u. a.  Was wir tun können und müssen, ist, uns auf ihren Einbruch vorzubereiten und so die katastrophalen Auswirkungen abzumildern.

Niemand auf dem Klimagipfel hatte den Mut, auf die eigentlichen Ursachen unserer Erderwärmung hinzuweisen: unsere kapitalistische Produktionsweise, in deren DNA das unbegrenzte Wachstum steckt, das den unbegrenzten Abbau natürlicher Ressourcen bis zu dem Punkt fordert, an dem die Nachhaltigkeit des Planeten stark geschwächt wird. Eine endliche Erde kann kein unendliches Projekt vertragen. Hier liegt die Ursache, neben anderen kleineren, der globalen Erwärmung. Jeder weiß, dass hier die eigentliche Frage liegt. Warum prangert sie niemand an? Weil sie direkt antisystemisch ist, weil sie den Kern des modernen techno-wissenschaftlichen Paradigmas der unbegrenzten Entwicklung/des unbegrenzten Wachstums trifft, dem Staaten und Konzerne sich verpflichtet fühlen.

Sie wären gezwungen, etwas zu ändern, was ihrer Logik widersprechen würde. Aber das wollen sie nicht, denn der Profit steht über dem Leben. Nur der argentinische Präsident Alberto Fernández hatte den Mut, anzuprangern: “Umweltverschmutzung ist der Weg zum Selbstmord.“ Seine Aussage deckt sich mit der Aussage der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, die vor einigen Jahren eine Erklärung abgab, die mehr oder weniger in diese Richtung ging: Wenn wir nicht aufpassen, kann die Erwärmung einen “abrupten Sprung” (ein so verwendeter Ausdruck) machen, bis sie in kurzer Zeit etwa 4 Grad Celsius erreicht; bei dieser Hitze, so heißt es, werden sich die Arten kaum anpassen und Millionen werden verschwinden, darunter Millionen und Abermillionen von Menschen.

Praktisch alle bedauern, dass die “Entscheidungsträger” in Politik und Wirtschaft einen gravierenden Mangel an Bewusstsein für die Risiken zeigen, die auf unserem Gemeinsamen Haus lasten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass etwas Ähnliches wie bei Covid-19 passieren wird.

Trotz der Warnung von Virenexperten, dass wir kurz vor dem Eindringen eines schweren Virus stehen, bereiten sich nur sehr wenige auf diese Eventualität vor. Deshalb ist ein Sprung auf eine neue Ebene des kollektiven Bewusstseins, die es uns erlauben würde, eine neue Normalität einzuweihen, die sich von der bisherigen, für die Menschheit und die Natur perversen, unterscheidet, nicht absehbar. Wir fragen uns: Haben wir die Lektionen gelernt, die Mutter Erde durch den Gegenangriff auf die Menschheit durch Covid-19 geschickt hat? In Anbetracht der weit verbreiteten Sorglosigkeit scheint es, dass wir in der Illusion einer Rückkehr zur alten, ungerechten Normalität verharren.

Die Rede unseres Präsidenten Jair Bolsonaro auf dem Gipfel im Weißen Haus war eine reine Gefälligkeit. Er gab eine klare Demonstration, dass er ein legitimer Vertreter der Post-Wahrheit sei, weil er die alte chinesische Weisheit ausführte: “Schau nicht auf den sprechenden Mund eines Politikers, sondern auf seine handelnden Hände.“ Der Mund widersprach völlig dem, was die Hände tun. Der Mund spricht Versprechungen aus, die praktisch nicht realisierbar sind, und die Hände praktizieren durch ihren Anti-Umweltminister die systematische Verwüstung der Wälder und die Demontage der Einrichtungen, die die Ökosysteme erhalten.

So wie der “Ungenannte” Bolsonaro mit Covid-19 verbündet ist, so ist der Umweltminister mit den Holzfällern verbündet, die illegal und kriminell als die Hauptschuldigen für die 357,61 km2 abgeholzten Waldes erscheinen, die schlimmsten der letzten Jahre. Die Hände leugnen, was der Mund sagt.

Trotz aller Sorgen glauben und hoffen wir, dass die Menschheit aus dem Leid und hoffentlich auch aus der Liebe lernen wird: Entweder werden wir uns ändern, oder, um es mit den Worten Sigmunt Baumans zu sagen, die er eine Woche vor seinem Tod sprach, wir werden uns der Prozession derer anschließen, die sich auf dem Weg in ihr eigenes Grab befindet.

Die Menschheits- und Naturgeschichte ist nie linear; sie kennt Brüche und Sprünge nach oben. Sie lädt uns dazu ein, uns neu zu erfinden. Bloße Verbesserungen und das Anlegen von Verbänden über die Wunden des verwundeten Körpers von Mutter Erde sind nicht genug. Wir sind zu einem Neuanfang gezwungen. Nach der Erd-Charta und der Enzyklika von Papst Franziskus “Über die Sorge für unser Gemeinsames Haus” (Laudato Si’ e a Fratelli tutti) “sitzen wir alle in einem Boot: entweder wir retten uns alle oder niemand wird gerettet” (Nr. 35; 54; 137).

Die Erde ist durch 15 große Dezimierungen gegangen, aber das Leben hat immer überlebt. Es wird sich auch jetzt nicht selbst zerstören. Wir stehen vor einer schwierigen Lehre für die gesamte Menschheit, denn wir haben keine andere Wahl als diese: entweder zu leben oder unterzugehen. Freud selbst sehnte sich, obwohl skeptisch, nach dem Triumph des Lebenstriebes über den Todestrieb. Das Leben ist zu mehr Leben und sogar zu ewigem Leben berufen.

In dieser Hoffnung habe ich gerade ein Buch veröffentlicht, mehr optimistisch als pessimistisch, aber von einem machbaren Realismus, der einen vielversprechenden Horizont garantieren soll: “Die schmerzhafte Geburt der Mutter Erde: eine Gesellschaft der Geschwisterlichkeit ohne Grenzen und der sozialen Freundschaft“.

Es ist eine Utopie? Ja, aber eine notwendige, damit wir gehen können. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Utopische zum Realen gehört, das nicht nur aus Daten besteht, die schon immer gemacht wurden, sondern auch aus verborgenen Potenzialen, die darauf warten, zum Ausbruch gebracht zu werden und einen neuen Fußabdruck auf dem Boden der Geschichte zu ermöglichen. Es ist nicht gut, auf Fußabdrücke zu treten, die von anderen gemacht wurden. Wir müssen unsere eigenen Fußabdrücke schaffen. Neue Musik, neue Ohren. Neue Krisen, neue Antworten. Wir haben immer noch eine Zukunft, gestärkt durch den Einen, der angekündigt hat, dass er “der leidenschaftliche Liebhaber des Lebens” ist (Weisheit 11,26). Er wird uns helfen, eine schmerzhafte, aber wahre und glückliche Überfahrt zu machen. So glauben wir und so hoffen wir.

Leonardo Boff, Ökotheologe und Schriftsteller.

Die Welt essen oder bewahren? Zwei Paradigmen

Leonardo Boff

“Die Welt essen oder die Welt bewahren” stellt eine Metapher dar, die häufig von indigenen Anführern verwendet wird und das Paradigma unserer Zivilisation in Frage stellt, deren Gewalt sie fast verschwinden lässt. Jetzt wird es von Covid-19 in Frage gestellt. Das Virus hat wie ein Blitz auf das Paradigma des “Essens der Welt” eingeschlagen, das heißt, grenzenlos alles auszunutzen, was in der Natur existiert, mit der Perspektive endlosen Wachstums/Anreicherung.

Das Virus zerstörte die Mantras, die dieses Paradigma stützen: die Schlüsselrolle des Profits, erreicht durch den härtesten Wettbewerb, der sich privat auf Kosten der Ausbeutung natürlicher Ressourcen angesammelt hat. Wenn wir diesen Mantras gehorchen würden, wären wir sicherlich in einem schlechten Zustand. Was uns rettet, ist das, was im Paradigma “die Welt essen” verborgen und unsichtbar gemacht wird: Leben, Solidarität, gegenseitige Abhängigkeit aller von allen und Sorge für die Natur und füreinander. Es ist das zwingende Paradigma des “Schutzes der Welt”.

Dieses Paradigma des “die Welt essen” hat hohe Vorfahren. Es stammt aus Athen im 5. Jahrhundert v. Chr., als der kritische Geist ausbrach und uns erlaubte, die wesentliche Dynamik des Geistes wahrzunehmen, das Aufbrechen aller Grenzen und die Suche nach dem Unendlichen, ein Zweck, durchdacht von den großen Philosophen, von Künstlern, und zu erkennen auch in den Tragödien von Sophokles, Aischylos und Euripides und ebenfalls von Politikern aufgenommen. Es ist nicht mehr die “medén’gan” des Tempels von Delphi: “nichts im Übermaß”, aber jetzt ist es die unbegrenzte räumliche Expansion (Schaffung von Kolonien und eines Imperiums) und die zeitliche Expansion, die sich der endlosen Zukunft öffnet (unbegrenzte Zukunftsperspektive).

Dieses Projekt des “die Welt essen” nahm in Griechenland selbst Gestalt an in der Gründung des Reichs Alexanders des Großen (356 – 323), der im Alter von nur 23 Jahren ein Reich gründete, das sich von der Adria bis zum Indus-Fluss in Indien erstreckte.

Das “die Welt essen” vertiefte sich im riesigen Römischen Reich, wurde gestärkt im modernen Kolonial- und Industriezeitalter und gipfelte in der heutigen Welt mit der Globalisierung der westlichen Techno-Wissenschaft, die sich in jeden Winkel des Planeten ausdehnt. Es ist das Reich des Unbegrenzten, übersetzt in den (illusorischen) Zweck des Kapitalismus/Neoliberalismus des unbegrenzten Wachstums in die Zukunft. Ein Beispiel für dieses Streben nach unbegrenztem Wachstum ist die Tatsache, dass in der letzten Generation mehr Energieressourcen verbrannt wurden als in allen früheren Generationen der Menschheit. Es gibt keinen Ort, der nicht für die Anhäufung von Gütern ausgenutzt wurde.

Doch nun ist eine unüberwindbare Grenze aufgetaucht: Die begrenzte Erde, als ein Planet, klein, überbevölkert, mit begrenzten Gütern und Dienstleistungen, kann ein unbegrenztes Projekt nicht aushalten. Am 22. September 2020 identifizierten die Erd- und Biowissenschaften The Earth Overshoot (Erdüberlastungstag). Das heißt, die Grenze der erneuerbaren natürlichen Güter und Dienstleistungen, die für die Erhaltung des Lebens von grundlegender Basis sind. Sie wurden erschöpft. Der Konsumismus führt zu Gewalt, indem er keine Grenzen akzeptiert, und entreißt Mutter Erde das, was sie nicht mehr geben kann. Wir konsumieren das Äquivalent von anderthalb Erden. Die Folgen dieser Erpressung zeigen sich in der Reaktion einer erschöpften Mutter Erde: die Zunahme der globalen Erwärmung, die Erosion der biologischen Vielfalt (etwa hunderttausend Arten werden pro Jahr eliminiert und eine Million gefährdet), der Verlust der Bodenfruchtbarkeit und die zunehmende Wüstenbildung u. a. extreme Ereignisse.

Die Überschreitung einiger der neun planetarischen Grenzen (Klimawandel, Artensterben, Ozeanversauerung u. a.) kann einen systemischen Effekt verursachen, ein Einreißen dieser neun Grenzen und damit einen Zusammenbruch unserer Zivilisation herbeiführen.

Das Eindringen von Covid-19 hat alle militaristischen Länder in die Knie gezwungen und Massenvernichtungswaffen nutzlos und lächerlich gemacht. Der Bandbreite der vorhergesagten Viren könnten, wenn wir unsere zerstörerische Beziehung zur Natur nicht ändern, mehrere Millionen Menschen zum Opfer fallen und die Biosphäre, die für alle Lebensformen unerlässlich ist, ausdünnen.

Gegenwärtig wird die Menschheit angesichts unüberwindlicher Grenzen und der Möglichkeit des endgültigen Endes der Spezies von metaphysischem Terror erfasst. Der beabsichtigte Große Reset des Kapitalsystems ist illusorisch. Die Erde wird es scheitern lassen.

In diesem dramatischen Kontext entsteht das andere Paradigma der “Bewahrung der Welt”. Sie wird insbesondere von indigenen Führern in Brasilien wie Ailton Krenak, Davi Kopenawa Yanomani, Sénia Guajajara, Renata Mchado Tupinambé, Cristine Takua, Raoni Metuktire u. a. erhoben. Für sie alle existiert eine tiefe Gemeinschaft mit der Natur, als deren Teil sie sich fühlen. Sie müssen die Erde nicht als die Große Mutter, Pachamama und Tonantzin betrachten, weil sie so fühlen. Natürlich bewahren sie die Welt, weil diese eine Erweiterung ihres eigenen Körpers ist.

Die Tiefenökologie und die Intergrale, wie sie u. a. in der Erd-Charta (2000), den Enzykliken Laudato Si: Die Sorge für das Gemeinsame Haus (2015) und „Fratelli tutti“ (2020) von Papst Franziskus und im Programm Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung des Ökumenischen Kirchenrat verkörpert ist, hat sich die Bewahrung der Welt zur Aufgabe gemacht. Das gemeinsame Ziel ist es, die physikalisch-chemisch-ökologischen Bedingungen zu gewährleisten, die das Leben in all seinen Formen, insbesondere das menschliche Leben, erhalten und fortbestehen lassen. Wir befinden uns bereits im sechsten Massenaussterben und das Anthropozän verschärft es. Wenn wir die Daten der Wissenschaft zu den Bedrohungen unseres Überlebens nicht emotional und mit dem Herzen lesen, werden wir uns kaum für den Schutz der Welt einsetzen.

Papst Franziskus hat in Fratelli tutti ernsthaft gewarnt: “Entweder wir retten uns alle gemeinsam, oder niemand wird gerettet” (Nr. 32). Es ist eine fast verzweifelte Warnung, wenn wir nicht “die Reihen derer anschwellen lassen wollen, die in ihr eigenes Grab gehen” (S. Bauman). Lasst uns den Sprung des Glaubens wagen an das glauben, was im Buch der Weisheit steht: “Gott ist der leidenschaftliche Liebhaber des Lebens” (11,26). Wenn dem so ist, wird Er nicht zulassen, dass wir so kläglich vom Erdboden verschwinden. So glauben wir und so hoffen wir.

Leonardo Boff Philosoph – Theologe – Ökologe -Schrifsteller, Dignitas Terrae:Schrei der Erde-Schrei der Arme, Patmos, Düsseldorf.

Übersetzung von Bettina Gold Hartnack

Heutezutage erleidet die Menschheit einen sträflichen Mangel an Tischgemeinschaft

Gründonnerstag, das Letzte Abendmahl des Herrn, erinnert uns an die Tischgemeinschaft, die heute den Millionen Hungernden in Brasilien und weltweit verwehrt wird als Folge des Eindringens von Covid-19. Leider ist es offensichtlich, dass es eine schmerzhafte Abwesenheit von Solidarität angesichts der hungrigen Massen gibt, die uns daran hindert, zusammen zu essen (Tisch-Gemeinschaft).

Eines der Verdienste von MST (Landlosen-Bewegung) ist, dass sie sich in all ihren Siedlungen nach der Ethik der Solidarität unter ihren Mitgliedern und sogar mit denen außerhalb ihrer Siedlungen organisiert hat. Sie sind vorbildlich darin, ihre ökologisch angebauten Lebensmittel mit Hilfe von vielen Lebensmittelpaketen zu teilen, die an Tausende von Familien an den Peripherien unserer Städte verteilt werden. Sie praktizieren einen der ältesten Träume der Menschheit: Die Tisch-Gemeinschaft, das heißt, jeder kann ausreichend essen und zusammen essen, an einem Tisch sitzen und die Geselligkeit und die Früchte der großzügigen Mutter Erde genießen.

Essen ist mehr als ein materielles Objekt. Es ist ein Sakrament und Symbol der Großzügigkeit von Mutter Erde, die uns zusammen mit menschlicher Arbeit alles bietet, was wir brauchen. Es geht nicht um Ernährung, sondern um Gemeinschaft mit der Natur und mit anderen, mit denen wir Brot teilen. Im Rahmen des gemeinsamen Tisches wird das Essen geschätzt, und es wird darüber gesprochen. Die größte Freude der Köche, die das Essen zubereiten, ist es, die Zufriedenheit derer wahrzunehmen, die es essen und genießen. Eine wichtige Geste am Tisch ist es, das Essen zu servieren oder an den anderen weiterzugeben. Zivilisiertes Verhalten erleichtert jeder und jedem, sich selbst zu helfen, und sorgt dafür, dass es genug Nahrung für alle gibt.

Die zeitgenössische Kultur hat die Logik des Alltags so verändert und sie in Funktionen der Arbeit und Produktivität verwandelt, dass sie den symbolischen Bezug des Tisches geschwächt hat. Er war für Sonntage oder für besondere feierliche Anlässe oder Geburtstage reserviert, wenn Familienmitglieder sich trafen und sich zusammensetzten. Aber in der Regel ist es nicht mehr der Ort, an dem die Familie zusammenkommt.

Der Familientisch wurde durch andere Tische ersetzt, die absolut entweiht wurden: der Verhandlungstisch, der Spieltisch, die Diskussions- und Debattentische, ein Währungswechseltisch und ein Tisch für die Interessenvermittlung u. a. Auch wenn sie entweiht werden, haben diese verschiedenen Tische eine unbestreitbare Referenz: Sie sind ein Treffpunkt für Menschen, egal welche Interessen sie dazu bringen, an diesem Tisch zu sitzen. Sie sitzen am Tisch für Austausch, Verhandlung, Konsultation und Verfassen von Lösungen, die den beteiligten Parteien gefallen. Aber den Tisch zu verlassen, kann auch das Scheitern der Verhandlungen und die Anerkennung des Interessenkonflikts bedeuten.

Trotz dieser schwierigen Dialektik ist es wichtig, dem Tisch Zeit zu reservieren in seinem vollen Sinn für Koexistenz und die Zufriedenheit, gemeinsam essen zu können. Es ist eine der ewigen Quellen, um unser Wesen als Beziehungs-Wesen zu rekonstruieren. Wie sehr wird dies heute den Armen und Hungrigen verwehrt!

Lassen Sie uns ein wenig die Erinnerung an die Tischgemeinschaft wiedererlangen, die in allen Kulturen vorhanden ist und die Jesus beim Letzten Abendmahl mit seinen Aposteln praktiziert hat.

Beginnen wir mit der jüdisch-christlichen Kultur, weil sie uns vertrauter ist. Es gibt ein zentrales Thema – das Reich Gottes, der Hauptinhalt der Botschaft Jesu –, das durch ein Bankett repräsentiert wird, zu dem jeder und jede eingeladen ist.

Jede und jeder, unabhängig von ihrer/seiner moralischen Situation, sitzt am Tisch und wird willkommen geheißen. Der Meister sagt: “Das Himmelreich ist wie ein König, der ein Bankett für die Hochzeit seines Sohnes vorbereitet hat. Er schickte seine Diener, um die Gäste herbeizurufen und sagte zu ihnen: “Geh an die Kreuzung und lade alle, die du triffst, zur Feier ein. Die Knechte gingen die Wege entlang und sammelten alle, die sie fanden, Gute und Böse, und der Raum war voll von Gästen “(Mt 22,2-3; 9-10).

Eine andere Erinnerung kommt aus dem Osten zu uns. Darin stellt das gemeinsame Essen, in Solidarität miteinander, die höchste menschliche Erfüllung dar, den Himmel. Das Gegenteil, der Wunsch zu essen, aber egoistisch, jeder für sich selbst, zeigt die höchste menschliche Frustration, genannt Hölle.

Es gibt eine Legende, die Folgendes besagt: “Ein Schüler fragte den Seher:

-Meister, was ist der Unterschied zwischen dem Himmel mit seiner Gemeinschaft unter allen und seinem Gegenteil?

Der Seher antwortete: “Der Unterschied ist sehr gering, hat aber schwerwiegende Folgen.“

-“Ich sah die Essenden am Tisch sitzen, auf dem es eine sehr große Schüssel Reis gab. Alle waren hungrig, fast verhungert. Jeder versuchte es, konnte aber nicht an den Reis kommen. An ihren Händen befestigt hatten sie lange Gabeln von mehr als einem Meter Länge und versuchten, den Reis einzeln in den eigenen Mund zu bringen. So sehr sie sich auch bemühten, sie schafften es nicht, weil die Gabeln zu lang waren. Und so hungrig und einsam wegen ihres unersättlichen und endlosen Hungers blieben sie unterernährt. Das war die Hölle, die Verweigerung aller Tischgemeinschaft.

“Ich sah ein weiteres wunderbares Szenario”, sagte der Seher. Menschen saßen am Tisch um eine große Schüssel mit dampfendem Reis. Alle hatten Hunger. Aber es ist etwas Wunderbares passiert! Jeder nahm die Gabel mit Reis und führte sie an den Mund des anderen. Sie dienten einander in immenser Herzlichkeit, gemeinsam und solidarisch. Alle ernährten sich gegenseitig. Sie fühlten sich wie Brüder und Schwestern am großen Tisch, wie es im Tao heißt.

Und das war der Himmel, die ganze Tischgemeinschaft der Söhne und Töchter der Erde.“

Diese Parabel bedarf keines Kommentars. Leider ist heute, in der Zeit von Covid-19, ein großer Teil der Menschheit hungrig und verzweifelt, weil es nur sehr wenige Menschen gibt, die ihre Gabeln ausstrecken, um sich gegenseitig mit der reichlichen Nahrung auf dem Tisch der Erde zu sättigen. Die Reichen besitzen dieses Essen als Privateigentum und essen allein, ohne zu schauen, wer ausgeschlossen ist. Es gibt einen kriminellen Mangel an Gemeinschaft unter den Menschen. Deshalb fehlt es uns so an Menschlichkeit. Aber soziale Isolation schafft uns die Möglichkeit, unsere individualistischen Praktiken zu überprüfen und grenzenlose Geschwisterlichkeit und Tischgemeinschaft zu entdecken: Jede und jeder kann essen und in Gemeinschaft essen.

Traduzido por Bettina Goldharnack

Gebet an die verwundete Erde, unsere große und großzügige Mutter

“Wir leben in dramatischen Zeiten unter Covid-19, der sich wie ein Mantel des Leidens und der Traurigkeit über die ganze Menschheit legt. Krankheit und Tod haben sich eingebürgert”, schreibt Leonardo Boff sich auch auf Brasilien beziehend, “angesichts der Ansteckung von Millionen von Menschen” und Hunderttausenden, “die bereits zum Opfer gefallen sind und Familien, Verwandte und Freunde in tiefer Niedergeschlagenheit zurücklassen, weil sie nicht in der Lage sind, Abschied zu nehmen, das Ritual der Totenwache durchzuführen und die notwendige Trauer zu leben.”

“In diesem Zusammenhang müssen wir zu unserer guten und großzügigen Mutter Erde beten, dass sie sich unserer, ihrer Söhne und Töchter, erbarmt, trotz all der Beleidigungen und Aggressionen, die wir ihr seit Jahrhunderten zugefügt haben. Sie ist nicht rachsüchtig. Aber sie erteilt uns strenge Lektionen, wie jetzt mit dem Coronavirus, um eine andere Art zu lernen, das Gemeinsame Haus zu bewohnen, und mit Sorgfalt, Respekt und Verehrung zu ihr, unserer Magna Mater, Großen Mutter, Pacha Mama und Gaia, in Beziehung zu treten.”

“In diesem Geist des demütigen Flehens und mit Augen voller Tränen” hat Leonardo Boff dieses Gebet gemacht:

 “Erde, meine liebe, große Mutter und gemeinsame Heimat! Langsam wurdest Du geboren, vor Millionen und Abermillionen von Jahren, schwanger mit kreativen Energien.

Dein Körper, der aus kosmischem Staub besteht, war ein Samen im Schoß der großen roten Sterne, die später explodierten und Dich in den grenzenlosen Raum katapultierten.

Du hast dich wie ein Embryo im Schoß eines Ursterns in der Milchstraße eingenistet, der sich später in eine Supernova verwandelte. Auch er ist vor lauter Pracht zusammengebrochen. Es war die erste Sonne.

Und dann bist Du im einladenden Schoß eines Nebels gelandet, wo Du, ein erwachsenes Mädchen, auf der Suche nach einem Zuhause umherwandertest. Und der Nebel verdichtete sich und wurde zu unserem Sonnenstern, prächtig mit Licht und Wärme.

Der Sonnenstern hat sich in Dich verliebt, hat Dich angezogen und wollte Dich in seinem Haus haben, zusammen mit Mars, Merkur, Venus und anderen Söhnen und Töchtern, den Planeten. Und sie hat die Verlobung mit Dir gefeiert. Aus Eurer Ehe mit dem Sonnenstern wurden Söhne und Töchter geboren, Früchte Deiner unbegrenzten Fruchtbarkeit, von den winzigsten Bakterien, Viren und Pilzen bis hin zu den größten und komplexesten Lebewesen. Und als edler Ausdruck der Geschichte des Lebens hast Du uns, Männer und Frauen, mit Intelligenz, Liebe, Solidarität, Verehrung und Fürsorge hervorgebracht.

Durch uns fühlst, denkst, liebst, sprichst und ehrst Du, liebe Erde. Und durch unsere Augen betrachtest Du den Sternenhimmel, wo Deine Schwestern und Brüder sind. Und Sie wachsen, obwohl erwachsen, weiter in das Universum hinein, hin zum Großen Anziehungspunkt, der nichts anderes ist als der Schoß des Gott-Vaters-und-Mutter unendlicher Zärtlichkeit. Von Ihm kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück, mit einer Selbstverständlichkeit, die nur Er erfüllen kann. Wir wollen, o Gott, Vater und Mutter des Guten, in Dich eintauchen und in ewiger Gemeinschaft der Liebe mit Dir für immer zusammen mit Mutter Erde sein.

Und nun, geliebte Erde, denke ich an all das Leiden der Welt, die von Covid-19 getroffen ist, und führe die Geste Jesu in der Kraft seines Geistes aus. Wie er, voller Salbung, nehme ich Dich in meine unreinen Hände, um über Dir das heilige Wort zu verkünden, dass das Universum versteckt hat und das du zu hören begehrst:

“Hoc est corpus meum: Das ist mein Körper. Hoc est sanguis meus: Das ist mein Blut” Und dann habe ich es gefühlt: Was Erde war, wurde zum Paradies und was menschliches Leben war, wurde in göttliches Leben verwandelt. Was Brot war, wurde zum Leib Gottes und was Wein war, wurde zum heiligen Blut.

Endlich, Erde, mit Deinen Söhnen und Töchtern bist Du in Gott angekommen. Durch die Teilnahme wurdest Du göttlich. Endlich zu Hause.

“Tut dies meiner Erinnerung.” Deshalb erfülle ich von Zeit zu Zeit, besonders in diesem Moment, in dem alle Ihre Söhne und Töchter unter dem gefährlichem Covid-19 leiden, das Gebot des Herrn. Ich spreche das wesentliche Wort über dich, liebe Mutter, und über das ganze Universum. Und zusammen mit ihm und mit Dir fühlen wir uns als Leib Gottes, in der vollen Pracht seiner Herrlichkeit. Amen, Amen, Hallelujah”.

Übersetzung von https://leonardoboff.org/2020/09/18/oracao-a-terra-ferida-nossa-grande-e-generosa-mae/