Covid-19 zwingt uns zum Nachdenken, was wirklich essenziell ist

Der renommierte deutsche Philosoph Jürgen Habermas bekräftigte in einem Interview über Covid-19: “Wir haben noch nie so viel über Unwissenheit gewusst wie jetzt.”  Die Wissenschaft ist für das Überleben und die Erklärung der Komplexität moderner Gesellschaften unverzichtbar, aber sie kann nicht arrogant sein und so tun, als könne sie, wie einige Pseudowissenschaftler postulieren, alle Probleme lösen.  Um die Wahrheit zu sagen: Was wir nicht wissen, ist unendlich größer als das, was wir wissen.  Alles Wissen ist endlich und unvollkommen.  Das wird jetzt in unserer hektischen Suche nach einem wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 bewiesen.  Wir wissen weder, wann ein Impfstoff erhältlich sein wird, noch wann die Pandemie überstanden sein wird.

Das Virus hinterlässt uns mit einem Sonnenuntergangsgefühl am Horizont des Lebens und der Hoffnung und Gelegenheiten, das gut in der Twitter-Nachricht der Richterin und Autorin Andréa Pacha (“Das Leben ist nicht gerecht”) beschrieben wird: „Die Pandemie hat viel Chaos angerichtet.  Manches ist physisch, konkret und endgültig.  Andere Schäden sind subtil, aber verheerend.  Sie stiehlt uns den Wunsch, einfach los zu gehen, zu spielen, Pläne zu haben, auch solche, die utopisch und chimerisch sind, die nie verwirklicht werden, aber die Seele ernähren.”

Wir spüren, dass es eine tiefe kollektive Depression und Melancholie gibt, die uns sogar wütend gegen das Virus macht, über das wir so wenig wissen und gegen das wir so wenig tun können.  Wir alle fühlen uns umgeben vom Gespenst der Kontamination, des Eingesperrtseins und des Todes.

Die Realität ist, dass wir unter einer außergewöhnlichen Notlage wie dem Tsunami in Japan leben, der Atomanlagen betrifft, von denen eine weiterhin Radioaktivität aussendet und die Küsten Indiens, Thailands und sogar die Küsten Kaliforniens betrifft und an den schrecklichen Bränden des Amazonas, des Pantanal und der Wälder Kaliforniens beteiligt ist.  Mit Covid-19 stehen wir vor einer extremen Notlage, die den ganzen Planeten betrifft.  Sie ist eine Folge einer tiefen ökologischen Erosion, die durch die Unersättlichkeit des Big Business verursacht wird, das es nur abgesehen hat auf materiellen Gewinn aus der Zerstörung und Rodung der Wälder, der Ausweitung monokultureller Kulturen wie Sojabohnen oder des Viehweidelands und der exzessiven Urbanisierung der ganzen Welt.

Dieses Eindringen des Menschen in die Natur, ohne jeglichen Sinn für den Respekt vor deren intrinsischem Wert und die Haltung, diese als bloßes Produktionsmittel anzusehen und nicht als etwas Lebendiges, von dem wir ein Teil sind und nicht die Herren und Meister, leugnet in uns die Achtung der Grenzen der Nachhaltigkeit der Natur.  Es hat zur Zerstörung der Lebensräume von Tausenden von Viren in Tieren und Pflanzen geführt, die auf andere Tiere und sogar auf den Menschen übertragen wurden.

Wir müssen neue Konzepte einbeziehen: Zoonose (die Krankheit, die aus der Tierwelt kommt: Vögel, Schweine und Rinder) und Zoonosetransfer (eine Tierplage, die auf den Menschen übertragbar ist).  Ab sofort werden diese nicht nur als wissenschaftliche Begriffe in unser Vokabular eingehen.

Einer der größten Virenspezialisten, David Quammen (Montana, USA), warnt uns in seinem Video „Spillover: the Next Human Pandemic (2015)“ davor.  “Es ist unvermeidlich, dass eine große Pandemie auf uns zukommt.  Sie kann Zehntausende, Hunderttausende oder Millionen von Menschen töten, je nach den Umständen und den Formen unserer Reaktion, aber einige dieser Dinge werden geschehen.  Es wird sicherlich ein Zoonose-Ereignis geschehen.  Es wird von Tieren stammen, nicht von Menschen.  Es wird sicherlich einen Virus geben.”  Lasst uns auf diese Warnung eines berühmten Wissenschaftlers achten.

Angesichts dieser extremen Notlage, die mit dem Mangel an nationaler und internationaler Mobilität, sozialer Isolation, Distanzierung und dem Tragen von Masken verbunden ist, ist es angemessen, dass wir die grundlegendsten Fragen unseres Lebens stellen.  Was zählt am Ende am meisten?  Was ist wirklich essenziell?  Was sind die Gründe, die uns in einen so extremen Notfall gebracht haben?  Was müssen wir tun und was können wir nach der Pandemie tun?  Das sind unvermeidbare Fragen.

Wir werden dann entdecken, dass es keinen größeren Wert als das Leben und die gesamte Gemeinschaft des Lebens gibt.  Das Leben entstand vor etwa 3,8 Milliarden Jahren und die Menschheit vor etwa 8 bis 10 Millionen Jahren.  Das Leben durchlief verschiedene verheerende Momente, überlebte aber immer.  Und mit dem Leben kommen die Lebensgrundlagen, ohne die es sich nicht verteidigen kann, nämlich Wasser, Erde, Atmosphäre, Biosphäre, Klima, Arbeit und die Natur, die uns alles bietet, was wir zum Leben und Überleben brauchen.  Es gibt die menschliche Gemeinschaft, die uns aufnimmt und uns die Grundlagen der sozialen und spirituellen Ordnung bietet, die uns gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährt.  Die Anhäufung materieller Güter, der individuelle Reichtum und der unverminderte Wettbewerb sind wertlos.  Was uns als Lebewesen und soziale Wesen rettet, ist Solidarität, Kooperation, Großzügigkeit und die Sorge füreinander und für die Umwelt.

Das sind die menschlich-spirituellen Werte im Gegensatz zu denen des materiellen Kapitals, für das Covid-19 einen Donnerschlag darstellt, der ihn in Stücke schlägt.  Wir können nicht zu dem zurückkehren, was war, um Mutter Erde und Natur nicht zu provozieren.  Wenn wir unsere Beziehungen nicht auf die Grundlagen der Achtung und Fürsorge stellen, werden wir ein weiteres Virus erhalten, vielleicht ein tödlicheres und allerletztes (The Big One), das die menschliche Spezies dezimieren könnte.

Diese Zeit der erzwungenen Abgeschiedenheit ist eine Zeit der Reflexion und der ökologischen Umkehr, eine Zeit, um zu entscheiden, welche Art von gemeinsamem Zuhause wir für die Zukunft wollen.  Wir müssen in Solidarität und Liebe zu der ganzen Schöpfung wachsen, besonders zu unseren mitmenschlichen Brüdern und Schwestern.  

Wir werden “Solidaritätsmänner und -frauen” sein, der Beginn einer neuen Ära, in der das Leben und seine Vielfalt zentral sein werden und alles andere dem untergeordnet sein wird.  Gemeinsam werden wir uns über die fröhliche Feier des Lebens freuen.


Leonardo Boff 27.10.2020

Gib alles auf, um alles zu gewinnen: die Salzpuppe

In jüngerer Zeit haben wir unsere Reflexionen fast ausschließlich Covid-19 gewidmet, in seinem Kontext, der eine ungeheure Ausbeutung der lebendigen Erde und der Natur durch den globalisierten Kapitalismus darstellt, einschließlich dessen von China.  Erde und Natur haben sich verteidigt, indem sie ein Gama von Viren (Zika, Ebola, Vogelgrippe und Schweinepest u. a.) geschickt haben und jetzt dieses, das die gesamte Menschheit angreift, mit Ausnahme anderer Lebewesen.  Der rücksichtslose Kurs der ungezügelten Akkumulation ist in eine Krise geraten, und wir mussten damit aufhören, um uns in soziale Isolation zu begeben, den Kontakt zu Gruppen zu vermeiden und unbequeme Masken zu verwenden.  Wir akzeptieren diese Einschränkungen in Solidarität miteinander und mit denen, die weltweit leiden.

Diese ernste Situation veranlasst uns, nicht nur darüber nachzudenken, was nach der Pandemie kommen kann, sondern auch über uns selbst, über die täglichen Fragen nach der weiteren Entwicklung unserer Identität und der Formgebung unseres Lebenssinns.  Es ist eine nicht enden wollende Aufgabe, auch in Zeiten sozialer Isolation.  Zwei Themen unter vielen anderen sind ständig präsent und erfordern unsere Erklärung: die Akzeptanz unserer persönlichen Grenzen und die Fähigkeit, sich selbst zu verleugnen.

Wir alle leben in einer bestehenden Vereinbarung, die ihrem Wesen nach in ihren Möglichkeiten begrenzt ist und zahlreiche Barrieren aufzwingt; berufs-, intellektuell, gesundheitsbezogen, wirtschaftlich, zeitlich u. a.  Es gibt immer eine Kluft zwischen den Wunsch und dessen Verwirklichung.  Und manchmal fühlen wir uns ohnmächtig angesichts dessen, was wir bemerkenswerterweise verändern können, wie die Anwesenheit einer Person mit den Höhen und Tiefen einer unheilbaren Krankheit.  Wir müssen uns damit abfinden, dass es solche unvermeidlichen Einschränkungen gibt. 

Das sollte uns nicht traurig machen oder uns die Möglichkeit nehmen, daran zu wachsen. Unter den Resignierten sind die kreativen Resignierten.  Statt nach außen können wir nach innen wachsen dahingehend, dass wir eine Mitte schaffen, von der aus die Dinge vereint werden können, und wir entdecken, wie wir von allem lernen können.  Die alte Weisheit bringt es treffend auf den Punkt: “Wenn jemand intensiv an eine andere Person denkt, wird diese es wahrnehmen, selbst Tausende von Kilometern entfernt.”  Wenn ihr euer inneres Selbst ändert, wird in euch eine Lichtquelle geboren, die auf andere ausstrahlt.

Die andere Aufgabe besteht in der Suche nach der Selbstverwirklichung. Im Wesentlichen ist dies die Fähigkeit, zu verzichten.  Der Zen-Buddhismus stellt uns als Test der persönlichen Reife und der inneren Freiheit die Fähigkeit zum Verzicht und zum Verlassen vor Augen.  Wenn wir genau hinsehen, gehört das Weggeben zur Logik des Lebens.  Wir verlassen den Mutterschoß und danach die Kindheit, die Jugend, die Schule, unser Vaterhaus, die Eltern und das Persönliche. 

Was bedeutet dieser langsame Ausstieg aus der Welt?  Ist es ein bloßes unabänderliches Schicksal des universellen Gesetzes der Entropie?  So viel ist unumstritten, aber bleibt da nicht noch ein existenzieller Sinn in der Suche nach dem Geist?  Wenn wir in der Tat ein endloses Projekt und eine abgrundtiefe Leere sind, die nach Fülle schreit, ist dann dieser Akt des Zurücklassens nicht das Schaffen der Voraussetzungen, damit ein Größerer kommen kann, um uns zu füllen?  Wird es das Höchste Wesen sein, eines der Liebe und Barmherzigkeit, das kommt und alles nimmt, damit wir in der Lage sind, alles gewinnen können, wenn wir uns auf der anderen Seite befinden, nachdem unser Streben schließlich vorbei ist, wie das unruhige Herz des Hl. Augustinus?

Wenn wir verlieren, gewinnen wir, und wenn wir uns selbst leeren, werden wir gefüllt.  Es heißt, dies soll  der Weg Jesu gewesen sein, der Weg Buddhas, Franz von Assisis, Gandhis, Mutter Teresas, Schwester Dulces und ich glaube auch der von Papst Franziskus, dem besten Menschen der heutigen Zeit.

Vielleicht kann eine Geschichte der alten spirituellen Meister das Gefühl des Verlustes erklären, das Reichtum hervorbringt.   

“Es gab einmal eine Puppe aus Salz.  Nach dem Durchstreifen trockener Länder entdeckte sie das Meer, das sie noch nie zuvor gesehen hatte und das sie aus diesem Grund nicht verstand. Die Puppe aus Salz fragte: ‘Wer bist du?’  Und das Meer antwortete: ‚Ich bin das Meer.‘  Die Salzpuppe fragte: “Und was ist das Meer?”, worauf das Meer antwortete: “Ich bin das Meer”.  “Ich verstehe es nicht”, sagte die Salzpuppe, “aber ich würde dich sehr gerne verstehen. Wie kann ich das tun?’  Das Meer sagte einfach: ‘Berühre mich’.

Dann berührte die Salzpuppe zaghaft das Meer mit der Fußspitze.  Sie stellte fest, dass sie begann, das Meer zu verstehen, aber bald wurde ihr bewusst, dass ihre Zehen verschwunden waren.  “Oh, Meer, schau, was mir passiert ist”, sagte sie.  Und das Meer antwortete: “Du hast etwas von dir gegeben, und ich habe dir Verständnis gegeben. Ihr müsst alles von euch geben, um mich vollkommen zu verstehen.”

Die Puppe aus Salz begann, langsam und feierlich in die Tiefen des Meeres hinabzusteigen, als ob sie das Wichtigste ihres Lebens tat.  Und je mehr sie sich auflöste, umso besser verstand sie das Meer.  Und die Puppe fragte immer wieder: ‘Was ist das Meer?’  Bis die Wellen sie vollständig bedeckten.  Jedoch war sie im letzten Augenblick, ehe sie mit dem Meer verschmolz, in der Lage zu sagen: “Ich bin.'”

Indem sie alles aufgab, gewann sie alles: ihr wahres Selbst.

Leonardo Boff
12.11.2020
Theologe, Philosoph und Ökologe
Autor u.a. von: „Sehnsucht nach dem Unendlichen“, Butzon & Bercker; 1., Edition (1. März 2011)

Die politische Dimension von Glauben heute

Vor den bevorstehenden Kommunalwahlen wäre es eine gute Idee, die Relevanz des christlichen Glaubens gegenüber der Politik sowohl in parteilicher als auch sozialer Hinsicht zu analysieren.

Glaube ist kein Akt wie alle anderen. Er ist eine Haltung, die alles umfasst: Handlungen, alle Menschen, zusammen mit ihren Gefühlen, Intelligenz, Willen und Lebensmöglichkeiten. Und es ist eine grundlegende Erfahrung der Begegnung mit dem Geheimnis, das wir den lebendigen Gott nennen, und mit dem auferstandenen Jesus. Diese Begegnung verändert das Leben und die Art und Weise, alles zu sehen. Durch den Glauben sehen wir, dass alles vereint und mit Gott verbunden ist. Gott ist der Vater/die Mutter, die alles erschaffen hat und die mit uns auf dem Weg ist und alle anzieht, damit alle in einem geschwisterlichen Geist leben können, indem sie sich umeinander und um die Natur kümmern. Diese soziale Liebe ist die zentrale Botschaft der neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus. Der Glaube ist nicht nur für die Ewigkeit gut, sondern für diese Welt.

In diesem Sinne umfasst Glaube auch die Politik mit einem großen P (Sozialpolitik) und einem kleinen p (Parteipolitik).  Man kann sich immer fragen: Inwieweit ist Politik, ob sozial oder parteilich, ein Instrument zur Verwirklichung der Werte des Himmelreichs wie soziale Liebe, Geschwisterlichkeit, die keine Grenzen kennt, persönliche und soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz? Inwieweit schafft die Politik Bedingungen, damit die Menschen eher offen für Kooperation sind statt für gegenseitige Zerstörung und ohne Gemeinschaft miteinander und mit Gott? Der jüngsten Enzyklika von Papst Franziskus zufolge ist die beste Politik die, die das Herz umfasst sowie Sorgfalt und Höflichkeit, so überraschend das erscheinen mag.

Glaube ist wie ein Fahrrad

Glaube ist nicht nur eine persönliche Erfahrung der Begegnung mit Gott und mit Christus im Geist. Er wird konkret ins Leben übersetzt. Er ist wie ein Fahrrad mit zwei Rädern, auf denen er geerdet ist: das Rad der Religion und das Rad der Politik.  

Das Rad der Religion findet sich in Meditation, Gebet, Liturgien, weltlicher und biblischer Lektüre, Wallfahrten, Sakramenten oder in einem Wort: im Gottesdienst.

Viele reduzieren die Religion nur auf dieses Rad, vor allem auf katholischen Fernsehsendern. Dies ist im Allgemeinen ein Christentum, das vor allem andächtig ist, geprägt von Messen, den Heiligen, Rosenkränzen und einer Familienethik.  Fast nie geht es um soziale Gerechtigkeit, das Drama von Millionen Arbeitsloser, den Schrei der Unterdrückten oder das Stöhnen der Erde.  Die Menschen auf dieser Seite versuchen, der Realität so vieler Kämpfe zu entkommen. Diese Art des Christentums hat Schwierigkeiten zu verstehen, warum Jesus festgenommen, gefoltert, verurteilt und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde.  Diese Art von Christentum ist ein bequemes Christentum, als ob Jesus als alter Mann gestorben wäre, umgeben von seinen Anhängern.

Schlimmer noch ist die Art des Glaubens, welche die neopfingstlichen Kirchen über ihre Fernseh- und Medienprogramme proklamieren. Dort hört man nie die Botschaft des Reiches der Liebe, der Gerechtigkeit, der Geschwisterlichkeit und der Vergebung.  Man hört nie das grundlegende Werk Jesu: “Selig sind die Armen, ihrer ist das Himmelreich… Wehe euch Reichen, denn ihr habt ein unbeschwertes Leben gehabt!” (Lukas6,20.24).  Stattdessen gibt es eine Art der Lektüre des Alten Testaments (selten von den Propheten), wo materieller Reichtum hervorgehoben wird.  Ihnen geht es nicht um das Evangelium des Reiches Gottes, sondern um ein Evangelium materiellen Wohlstands.

Die Mehrheit ist arm und braucht logischerweise eine grundlegende materielle Versorgung.  Es gibt einen echten Hunger, der Millionen von Gläubigen das Martyrium bringt.  Aber “nicht nur durch Brot lebt der Mensch”, sagte der Meister.  Die Menschen haben einen weiteren primären Hunger: einen Hunger der Anerkennung, die den Frauen, den Niedrigen, den Schwarzen und der LGBT-Gemeinschaft verwehrt wird. Es gibt einen Hunger nach Schönheit und Transzendenz, einen Hunger nach dem lebendigen Gott, der ein Gott der Zärtlichkeit und der Liebe für die Verlassensten ist.  All dies, das Wesen der Botschaft des historischen Jesus, ist nicht aus dem Mund der Pfarrer zu hören.  Die meisten von ihnen sind Wölfe im Schafspelz, da sie den einfachen Glauben der Niedrigen zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Schlimmer noch, sie sind politisch konservativ, reaktionär, normalerweise parteiisch, unterstützen Politiker mit zweifelhaftem Verhalten und mischen sich, wie es heute in Brasilien der Fall ist, in die Agenda der Regierung ein und benennen Einzelpersonen für hohe Positionen.  Sie respektieren nicht die Verfassung, die einen säkularen Staat fordert.  Der eigentliche Präsident, der einst Katholik war, wird für die Bequemlichkeit dieser neopfingstlichen Kirchen als Basis für ihre schräge, reaktionäre, autoritäre, faschistische Regierung genutzt.

Ihnen verbunden fühlt sich eine Gruppe nostalgischer Katholiken, die der Vergangenheit zugewandt sind, Konservative, die sich gegen den Papst stellten, in der Pan-Amazon-Synode offensichtliche Lügen verbreiten und andere Angriffe über Youtube lancierten.  Sie können konservative Katholiken sein, aber niemals Christen, die für Jesus ähnlich sind, denn in seinem Vermächtnis gibt es keinen Platz für den Hass, die Lügen und die Verleumdung, die sie verbreiten. 

Der Glaube hat ein zweites Rad: das Rad der Politik, das seine praktische Seite ist. Glaube kommt zum Ausdruck durch die Praxis der Gerechtigkeit, der Solidarität, der Offenlegung von Unterdrückung, der Proteste über Grenzen hinweg, der sozialen Liebe und der universellen Geschwisterlichkeit, wie der Papst in Fratelli tutti (N. 6) unterstreicht.  Wie man sieht, ist Politik hier gleichbedeutend mit Ethik.  Wir müssen lernen, uns auf beiden Rädern zu balancieren, um richtig vorzugehen.

Unter denen, die eine Ethik der Solidarität, des Respekts und der Suche nach der Wahrheit leben, gibt es viele, die sich Atheisten nennen.  Sie bewundern die Gestalt Jesu für seine tiefe Menschlichkeit und seinen Mut, soziale Übel anzuprangern und dafür Verfolgung zu erleiden und gekreuzigt zu werden.  Papst Franziskus bringt dies gut zum Ausdruck: Ich bevorzuge diese ethischen Atheisten den Christen, die dem menschlichen Leid und den schallenden Ungerechtigkeiten der Welt gleichgültig gegenüberstehen. Diejenigen, die Gerechtigkeit und Wahrheit suchen, sind auf dem Weg, der in Gott mündet, denn die wahre göttliche Realität ist Liebe und Wahrheit.  Solche Werte sind mehr wert als viele Gebete, wenn diese in Ermangelung von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe gesagt werden.  Wer taub ist für menschliche Leiden, hat nichts zu Gott zu sagen, und Er hört diese Gebete nicht.

In der jüdisch-christlichen Schrift scheint das Rad der Politik (Ethik) wichtiger als das Rad der institutionellen Religion (Anbetung, Mt 7,21-22; 9,13; 12,7; 21,28-31; Gal 5:6 und die Propheten des Alten Testaments).  Ohne Ethik ist der Glaube leer und wirkungslos.  Es ist Leistung und nicht Predigt, was für Gott zählt.  Es ist wertlos, “Herr, Herr” zu sagen und eine Religion des Aerobic zu zelebrieren; es ist wichtiger, den Willen des Vaters zu tun, der aus Liebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Vergebung besteht, alles praktische Dinge und aus diesem Grund ethische (siehe Mt 7:21).  Mit Ethik in der Politik ist die Dimension der Verantwortung gemeint, die Entschlossenheit, Beziehungen der Teilhabe aufzubauen, und nicht Ausgrenzung in allen gesellschaftlichen Kreisen.  Dies erfordert Transparenz und Verachtung für Korruption.  Derzeit sind Hungerprobleme, Arbeitslosigkeit, allgemeiner Rückgang der Lebensqualität und Ausschluss der großen Mehrheiten sind sozialer und politischer Natur und betreffen daher das Ethos.  Hier muss der Glaube seine Macht der Mobilisierung und der Transformation offenbaren (Fratelli tutti, 166).

Sozialpolitik (P) und Parteipolitik (p)

Wie wir bereits gesagt haben, gibt es zwei Arten von Politik: eine mit einem großen P und die andere mit einem kleinen p: Sozialpolitik (P) und Parteipolitik (p).

Sozialpolitik (P) umfasst alles, was das Gemeinwohl der Gesellschaft betrifft; das Gute ist die Teilhabe der Menschen am gesellschaftlichen Leben.  Sozialpolitik hat zum Beispiel mit öffentlichen Gesundheits-, Schul- und Verkehrssystemen, Straßeninfrastruktur und -wartung, Wasser und Abwasser usw. zu tun. In ähnlicher Weise umfasst die Sozialpolitik den Kampf für ein Nachbarschaftsgesundheitszentrum oder für eine Buslinie zu einem Berggipfel.  Wir können dies kurz definieren, indem wir sagen, dass Sozialpolitik oder die mit einem großen P die gemeinsame Suche nach dem Gemeinwohl ist.

Parteipolitik (p) ist der Kampf um die Staatsmacht, um die Stadt- und Bundesregierung zu gewinnen.  Politische Parteien existieren, um Staatsmacht zu erlangen, sei es, die Dinge durch einen freien Prozess zu ändern oder verfassungsmäßige Macht auszuüben (um den Status quo aufrechtzuerhalten).  Die Partei ist, wie das Wort selbst sagt, ein fester Bestandteil der Gesellschaft und nicht alles, was die Gesellschaft ist.  Jede Partei wird von Interessen von Gruppen und Klassen unterstützt, die ein Projekt im Namen der gesamten Gesellschaft ausarbeiten.  Wenn Parteien an die Staatsmacht kommen, werden sie öffentliche Politik nach ihren jeweiligen Programmen und ihrer Vision von Problemen betreiben.

In Bezug auf die Parteipolitik ist es wichtig, dass die Person des Glaubens die folgenden Punkte berücksichtigt:

Was besagt das Parteiprogramm?

Wie ist das Volk in diesem Programm involviert?

Wurde es öffentlich diskutiert?

Befriedigt es die realen und dringenden Bedürfnisse des Volks? 

Sieht es die Beteiligung der Bevölkerung vor durch seine Bewegungen und Organisationen?

Wurden diese Gruppen angehört von der Planung, über die Umsetzung und bis zur Kontrolle dieses Programms?

Wer sind die Kandidaten, die das Programm vertreten?  Welche Hintergründe haben sie?  Haben sie immer einen engen Kontakt zu ihren Wählern gehalten?  Sind sie wahre Verbündete und Repräsentanten für die Sache der Gerechtigkeit und des sozialen Wandels und der Achtung der Rechte?  Oder streben sie danach, die sozialen Beziehungen so fortzusetzen, wie sie sind, mit ihren Widersprüchen und inhärenten Übeln?

In diesen Tagen, vor dem Aufstieg des konservativen und faschistischen Denkens in Brasilien und anderen Ländern der Welt, müssen gewissenhafte und engagierte Christen zusammenkommen, um die Demokratie zurückzugewinnen, die Gefahr läuft, demontiert zu werden.  Es ist auch erforderlich, dass sie zu den gesundheitlichen, persönlichen und sozialen Rechten und den Rechten der Natur zurückkehren, die von der Gier des brasilianischen und des Weltkapitalismus, der unter anderem für die extremen Brände des Amazonas und des Pantanal verantwortlich ist, zerstört werden.

Diese einfachen Kriterien reichen aus, um die einfache Form der Partei und der Kandidaten der Rechten zu verstehen (wenn sie das Verhältnis zu den Mächten, die ihre Dauerhaftigkeit an der Macht begünstigen, unverändert beibehalten wollen); und der Linken (wenn sie substanzielle Veränderungen wollen, um die perversen Strukturen zu überwinden, die die Mehrheiten an den Rand drängen) oder der Mitte (jene Parteien, die die Rechte und die Linke ausbalancieren, immer auf der Suche nach Vorteilen für sich selbst und für die Gruppen, die sie repräsentieren).

Für Christen ist es notwendig zu analysieren, inwieweit diese Programme im Einklang mit dem Projekt Jesu und der Apostel stehen, wie sie zur Befreiung der Unterdrückten und Ausgegrenzten beitragen und inwieweit sie Raum für die Teilnahme aller eröffnen.  Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die parteipolitische Entscheidung eine Frage des Gewissens eines jeden ist und dass ein Christ weiß, welche Richtung eingeschlagen werden soll.

Angesichts der Verbindung der sozialen Ausgrenzung aufgrund der Logik des Neoliberalismus, der Finanzierung der Wirtschaft und des Marktes weist der Glaube auf eine parteipolitische Politik hin, die eine populäre und freie, wie sie in der Enzyklika Fratelli tutti (N. 141-151) proklamiert wird, darstellen sollte.  Diese Politik zielt auf eine andere Art von Demokratie ab: nicht nur auf eine repräsentative/delegierte Demokratie, sondern auf eine partizipative Demokratie, durch die die Menschen und ihre Organisationen helfen, soziale Agenden zu diskutieren, zu entscheiden und zu lenken.

Schließlich ist es wichtig, eine sozial-ökologische Demokratie einzuführen, die Bürger einbezieht, welche die Rechte der Erde, der Ökosysteme und unserer Mitgeschöpfe respektieren, mit denen wir in Beziehungen gegenseitiger Abhängigkeit leben.  Wir sind alle Brüder und Schwestern nach den Enzykliken von Papst Franziskus: „Laudato Si: über die Sorge unseres gemeinsamen Hauses“ und die neuste Enzyklika „Fratelli tutti“ von 2020.

Parteipolitik hat mit Macht zu tun, die, um stark zu sein, immer mehr Macht anstrebt. Darin besteht eine Gefahr, und zwar die des Totalitarismus in der Politik, die Politisierung aller Fragen, das Sehen nur der politischen Dimensionen des Lebens.  In der Opposition müssen wir sagen, dass alles politisch ist, aber dass Politik nicht alles ist.  Das menschliche, persönliche und gesellschaftliche Leben hat andere Dimensionen, wie das Affektive, das Ästhetische, das Angenehme und das Religiöse.

Fazit: Die gefährliche Erinnerung an Jesus

Christen können und sollten sich auf allen Ebenen an der Politik beteiligen, an der mit einem großen P und einem kleinen p.  Ihr Handeln ist inspiriert vom Traum Jesu, der einen Impuls der Transformation sozialer und ökologischer Beziehungen mutig und im Rahmen der Enzyklika Fratelli tutti impliziert.  Nichtsdestotrotz dürfen wir nie vergessen, dass wir Erben der gefährlichen und befreienden Erinnerung an Jesus sind.  Durch sein Engagement für das Projekt des Reichs der Liebe, der Gerechtigkeit und der kindlichen Intimität mit dem Vater und, vor allem wegen seines Mitgefühls mit den Demütigen und Verletzten, wurde er zum Tod am Kreuz verurteilt.  Er ist auferstanden, um im Namen des Gottes des Lebens den Aufstand gegen die Partei- und Sozialpolitik zu beleben, die die Ärmsten benachteiligt, die Propheten eliminiert und diejenigen verfolgt, die Gerechtigkeit predigen. Er stärkt alle, die eine neue Gesellschaft wollen: eine Gesellschaft der geschwisterlichen und fürsorglichen Beziehung zur Natur und zu allen Wesen, die als Menschen geliebt werden, und zum Gott der Zärtlichkeit und der Güte.

Leonardo Boff
Theologe, Philosoph und Ökologe
02.11.2020

Fratelli tutti: Politik als Zärtlichkeit und Zuneigung

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus, die am 3. Oktober am Grab von Franz von Assisi in der Stadt Assisi unterzeichnet wurde, wird ein wegweisendes Dokument in der Soziallehre der Kirche sein.  Ihre Themen sind breit gefächert und detailliert, immer darauf ausgerichtet, Werte zu betonen und den Liberalismus scharf zu kritisieren. Sie wird sicherlich von Christen und Nichtchristen analysiert werden, da sie sich an alle Menschen guten Willens richtet. An dieser Stelle möchte ich auf das hinweisen, was ich im Lichte früherer Lehren der Päpste für innovativ halte.   

In erster Linie muss klar sein, dass der Papst eine Paradigmenalternative zu unseren Lebensformen in unserem Gemeinsamen Zuhause vorschlägt, welches zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt ist.  Er beschreibt die “dunklen Wolken”, die er, wie er selbst in verschiedenen Verlautbarungen behauptet hat, mit einem allmählichen Dritten Weltkrieg gleichsetzt.  Im Moment gibt es keinen gemeinsamen Plan für die Menschheit (Nr. 18).  Aber ein roter Faden ist in der Enzyklika zu erkennen: “Die Erkenntnis, dass niemand allein gerettet wird; wir können nur gemeinsam gerettet werden” (N. 32).  Das ist der neue Plan, der in diesen Worten zum Ausdruck kommt: “Ich biete diese soziale Enzyklika als bescheidenen Beitrag zur Reflexion in der Hoffnung an, dass wir angesichts der heutigen Versuche, andere zu beseitigen oder zu ignorieren, in der Lage sein könnten, mit einer neuen Vision von Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft zu reagieren“. (N.6)

Wir müssen diese Alternative gut verstehen.  Wir sind an dem Paradigma angelangt und befinden uns immer noch in dem Paradigma, das der Moderne zu Grunde liegt.  Es ist anthropozentrisch.  Es ist die Herrschaft des Herrn: der Mensch als Herr und Meister der Natur und der Erde, die nur in dem Maße Bedeutung haben, wie sie für ihn wertvoll sind.  Er hat das Antlitz der Erde verändert und viele Vorteile errungen, aber er hat das Wesentliche der Selbstzerstörung geschaffen. Eigentlich ist es die Sackgasse der “dunklen Wolken”.  Angesichts dieser kosmischen Vision schlägt die Enzyklika Fratelli tutti ein neues Paradigma vor: das des Bruders und des Fraters, eine universelle Geschwisterlichkeit und eines der sozialen Freundschaft.  Es verschiebt den Mittelpunkt: von einer individualistischen und technologisch-industriellen Zivilisation hin zu einer Zivilisation der Solidarität, der Bewahrung und der Fürsorge für alles Leben.  Das ist die natürliche Absicht des Papstes.  Hierin liegt unsere Errettung: wir werden die apokalyptische Vision der drohenden Vernichtung unserer Spezies überwinden durch eine Vision der Hoffnung, dass wir den Kurs ändern können und müssen.

Um dies zu erreichen, müssen wir Hoffnung nähren.  Der Papst sagt: “Ich lade alle zu erneuerter Hoffnung ein, die zu uns von etwas spricht, das tief in jedem menschlichen Herzen verwurzelt ist, unabhängig von den Umständen und den historischen Bedingungen, unter denen wir leben” (N.55).  Hier erklingt das Hoffnungsprinzip, das mehr als die Tugend der Hoffnung ist, sondern ein Prinzip, ein innerer Beweger, um neue Träume und Visionen zu projizieren, was Ernst Bloch so gut formulierte. Er betont: “Die Aussage, dass wir als Menschen Brüder und Schwestern sind, was keine Abstraktion ist, sondern ein Konzept, das konkret wird und Gestalt annimmt, stellt uns vor eine Reihe von Herausforderungen, die uns verlagern und uns zwingen, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen und neue Antworten zu entwickeln” (N.128).  Wie sich daraus ergibt, haben wir es mit einem neuen Weg zu tun, mit einem paradigmatischen Kurswechsel.

Wo soll man anfangen?  Hier offenbart der Papst seine Grundhaltung mit häufigen Verweisen auf soziale Bewegungen: “Wir sollten nicht auf irgendetwas von den gegenwärtigen Regierungen erhoffen, denn es ist immer dieselbe Geschichte oder schlimmer; beginnt bei euch selbst”.  Aus diesem Grund schlägt er vor: “Wir können von unten beginnen und von Fall zu Fall auf der konkretesten und lokalen Ebene handeln und uns dann auf die entlegensten Bereiche unserer Länder und unserer Welt ausdehnen” (N.78).  Der Papst regt nun ökologische Diskussionen an.  Unsere lokale Erfahrung muss sich “im Gegensatz” und “im Einklang mit” den Erfahrungen anderer entwickeln, die in unterschiedlichen Kontexten leben (N. 147).

Es gibt lange Überlegungen über Wirtschaft und Politik, aber er sagt: “Politik darf der Wirtschaft nicht untergeordnet sein, und die Wirtschaft darf auch nicht dem Diktat eines effizienzgetriebenen Paradigmas der Technokratie unterworfen werden” (N.177).  Er übt eine harsche Kritik am Markt.  Der Markt allein kann nicht jedes Problem lösen, so sehr von uns verlangt wird, auch an dieses Dogma des neoliberalen Glaubens zu glauben.  Was auch immer die Herausforderung ist, diese armselige und sich wiederholende Denkschule bietet immer die gleichen Rezepte.  Der Neoliberalismus reproduziert sich einfach, indem er auf die magischen Theorien von “Spillover” oder “Trickle” – ohne den Namen zu verwenden – als einzige Lösung für gesellschaftliche Probleme zurückgreift” (N.168).  Die Globalisierung bringt uns näher, aber nicht mehr als Brüder und Schwestern (n.12).  Es schafft nur Partner, aber keine Brüder und Schwestern (N. 101).

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gibt es eine rigorose Analyse der verschiedenen Akteure, die auf die Bühne kommen, und sie gilt für die politische Ökonomie, die in der Frage gipfelt: “Mit wem identifiziert ihr euch (mit dem Verwundeten auf der Straße, mit dem Priester, mit dem Leviten oder mit dem Fremden, dem Samariter, der von den Juden verachtet wird)?  Das ist eine unverblümte, direkte und resolute Frage.  Mit welchem von ihnen identifiziert ihr euch” (n.64)?  Der barmherzige Samariter ist ein treffendes Modell von sozialer und politischer Liebe (n.66).

Das neue Paradigma der Geschwisterlichkeit und der sozialen Liebe zeigt sich in öffentlich gezeigten Akten der Liebe, in der Fürsorge für die Schwächsten, in der Art des Dialogs und der Begegnung, in gewöhnlicher Zärtlichkeit und Zuneigung.  In Bezug auf die Kultur der Begegnung erlaube ich mir, den brasilianischen Dichter Vinicius de Moraes in seinem Samba of Blessing aus seiner Welt von 1962 “Encontro Au bon Gourmet” zu zitieren, wo er sagt: “Das Leben ist die Kunst der Begegnung, obwohl es so viele Divergenzen im Leben geben kann” (Nr. 215).  Politik darf nicht auf Machtstreitigkeiten und Gewaltenteilung reduziert werden.  Überraschenderweise sagt er: “Selbst in der Politik gibt es einen Ort der zärtlichen liebevollen Fürsorge: für die Jüngsten, die Schwächsten, die Ärmsten; sie müssen uns berühren und sie haben das “Recht”, uns an Körper und Seele zu erfüllen. Ja, sie sind unsere Schwestern und Brüder, und wir müssen sie lieben und ihnen als solchen vertrauen: (194).  Und wenn jemand fragt, was Zärtlichkeit ist, hier ist die Antwort: “Liebe, die nah und konkret ist; es ist eine Bewegung, die aus dem Herzen kommt und die Augen, die Ohren, die Hände erreicht” (n. 196).  Hier erinnern wir uns an die Worte Gandhis, eine der Inspirationen des Papstes, neben dem Hl. Franziskus, Martin Luther King und Desmond Tutu: Politik ist eine Geste der Liebe zu den Menschen, der Sorge um gemeinsame Angelegenheiten.

Gemeinsam mit Zärtlichkeit kommt die Höflichkeit, die an den Propheten Höflichkeit erinnert, der allen Passanten auf den Straßen von Rio de Janeiro verkündete “Höflichkeit erzeugt Höflichkeit” und “Gott ist Höflichkeit” im Stil des Hl. Franziskus.  Und Höflichkeit ist definiert als: “ein Geisteszustand, der nicht scharf, unhöflich oder hart ist, sondern angenehm und zart, der stärkt und ermutigt; eine Person, die diese Qualität hat, hilft anderen, ihre Lasten zu lindern” (N.223).  Dies ist eine Herausforderung für Bischöfe und Priester: eine Revolution der Zärtlichkeit zu schaffen. Solidarität ist eine der Grundlagen des menschlichen und sozialen Lebens.  Sie findet im Dienst einen konkreten Ausdruck, der eine Vielzahl von Formen annehmen kann, um sich um andere zu kümmern: zum großen Teil kümmert sie sich um die menschliche Verletzlichkeit” (N.115).  Diese Solidarität war abwesend, und doch ist nur sie wirksam im Kampf gegen COVID -19.  Solidarität vermeidet die Verzweigung der Menschheit in “meine Welt” und die “anderen”, die “sie” sind.  Viele gelten nicht mehr als Menschen mit einer unveräußerlichen Würde und werden nur noch “sie” (Nr. 27).  Der Papst schließt mit einem tiefen Wunsch: “dass wir nicht mehr in den Begriffen ‚sie’ denken, sondern nur noch im Begriff ‘uns'” (Nr. 35).


Damit diese Herausforderung eines Traums von universeller Geschwisterlichkeit und sozialer Liebe erfüllt werden kann, ruft er alle Religionen auf, “einen reichen Beitrag zum Aufbau der Geschwisterlichkeit und zur Verteidigung der Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu leisten” (N.271).


Schließlich erinnert er an die Figur des Kleinen Bruders Jesus Charles de Foucauld, der “definitiv der universelle Bruder” unter der muslimischen Bevölkerung in der Wüste Nordafrikas sein wollte (N.287).  Papst Franziskus fügt diesem Beispiel hinzu: “Nur wenn man sich mit dem Geringsten identifiziert, kann man ein Bruder oder eine Schwester aller sein. Möge Gott diesen Traum in jedem von uns entfachen. Amen” (n.288).


Wir stehen vor einem Mann, Papst Franziskus, der sich nach seiner inspirierenden Quelle, Franz von Assisi, auch zu einem universellen Mann gemacht hat, der alle umarmt und sich mit den Verletzlichsten und Unsichtbarsten unserer grausamen Welt identifiziert.  Er entfacht die Hoffnung, dass wir den Traum von der Geschwisterlichkeit der universellen und Liebe ohne Grenzen nähren können und müssen.   

Er hat seinen Teil dazu beigetragen.  Nun liegt es an uns, den Traum nicht nur als Traum zu belassen, sondern dass er zum Samen einer neuen Form des gemeinsamen Lebens wird, als Schwestern und Brüder und die Umwelt, im selben Gemeinsamen Haus. Werden wir die Zeit und die Weisheit haben, diesen Sprung zu machen?  Die “dunklen Wolken” werden sicherlich weiterbestehen.  Aber wir haben eine Lampe in dieser Enzyklika der Hoffnung von Papst Franziskus.  Es zerstreut nicht alle Wolken.  Aber es genügt, den von allen einzuschlagenden Weg gut zu erkennen.

Leonardo Boff
Ökologe, Theologe und Philosoph
Autor von u.a.: „Franziskus aus Rom und Franz von Assisi: Ein neuer Frühling für die Kirche“, Butzon & Bercker (1. Januar 2014)