Inmitten der Pandemie: Die Dringlichkeit des Geistes des Lebens

Leonardo Boff

Inmitten der Pandemie, die täglich Tausende von Toten fordert, feiern wir das Pfingstfest, das Fest des lebensspendenden und heilenden Geistes. Sein Wirken mit all denen, die im Kampf gegen Covid-19 an vorderster Front stehen, ist dringend notwendig, um sie am Leben zu erhalten, beschützt und gewappnet mit dem heldenhaften Geist, um ihre Mission, Leben zu retten, fortsetzen zu können, wobei sie  ihr eigenes aufs Spiel setzen.

Der liturgische Hymnus des heutigen Festes spricht von ihm als den “großen Tröster und süßen Erquicker”. Mehr denn je muss er sich mit diesen Gaben allen zur Verfügung stellen, die in Krankenhäusern arbeiten

Lasst uns einen Moment über das Wesen des Heiligen Geistes und seine Bedeutung für das Leben und den gegenwärtigen dramatischen Moment nachdenken.

Zuallererst ist es wichtig zu sagen, dass der Geist der erste war, der in diese Welt kam und immer noch kommt. Er kam und schlug seine Zelte bei Maria von Nazareth auf. Das heißt, er richtete seine ständige Wohnstätte in ihr ein (Lk 1,35) und erhob das Weibliche auf die Höhe des Göttlichen.

Aus dieser Gegenwart ist die heilige Menschheit des Gottessohnes entstanden. Das Wort schlug sein Zelt auf (Joh 1,14) in dem von Maria empfangenen Menschen Jesus. In einem Moment der Geschichte ist sie, die einfache Frau von Nazareth, der Tempel des lebendigen Gottes: Zwei göttliche Personen wohnen in ihr: der Geist, der sie “gesegnet unter allen Frauen” (Lk 1,42) macht, und der Sohn Gottes, der in ihr heranwächst und dessen Mutter sie wahrhaftig ist.

Dann kam der Geist bei der Taufe durch Johannes den Täufer auf Jesus herab und entzündete ihn für seine befreiende Mission. Er kam auf die erste Gemeinde herab, die sich am Pfingstfest, das wir heute feiern, in Jerusalem versammelte, und gebar die Kirche. Er kam weiterhin herab, unabhängig davon, ob die Menschen Christen waren und sich taufen ließen oder nicht, wie es bei dem römischen Beamten Kornelius geschah, als er noch ein Heide war (Apg 11,45).

Und im Laufe der Geschichte ist er immer schon vor den Missionaren gekommen und hat dafür gesorgt, dass in den Herzen der Menschen die Liebe herrschte, die Gerechtigkeit gepflegt und das Mitgefühl gelebt wurde. Einmal in die Geschichte eingetreten, hat er sie nie wieder verlassen. Er nimmt, was zu Jesus gehört, gibt es weiter, verkündet aber auch “Neues, das kommt” (Joh 16,13).

Es geschieht mithilfe des Geistes, dass Propheten hervorbrechen, Dichter singen, Künstler geschaffen werden und Menschen das praktizieren, was gut, gerecht und wahr ist. Vom Geist werden die Heiligen geformt, besonders jene, die ihr Leben für das Leben anderer geben, wie jetzt jene, die fast bis zur Erschöpfung in den Krankenhäusern Brasiliens und der Welt arbeiten.

Es ist ebenfalls auf den Geist zurückzuführen, dass alte und schrumpfende Institutionen sich plötzlich erneuern und den Gemeinden den nötigen Dienst erweisen, wie es Papst Franziskus tut und auch andere christliche Kirchen.

Die Welt geht schwanger mit dem Geist, auch wenn der Geist der Ungerechtigkeit beharrlich sein Werk fortsetzt, feindlich gesonnen gegenüber dem Leben und allem, was heilig und göttlich ist. Dies geschieht in unserem Land mit einer Regierung, die dem Tod freundlicher gesonnen ist als dem Leben.

Die Armen fühlen sich in diesem Moment am meisten bestraft, ohne ein angemessenes Haus zum Leben, ohne zu wissen, was sie am nächsten Tag essen werden, ohne Arbeit und ohne jegliche Sicherheit gegenüber den Angriffen des tödlichen Virus.

Heute gibt es Millionen von ihnen. Die Armen schreien auf. Und Gott ist der Gott des Schreis, d.h. derjenige, der auf den Schrei der Unterdrückten hört. Er verlässt seine Transzendenz und kommt herab, um ihnen zuzuhören und sie zu befreien, wie im Fall der Gefangenschaft in Ägypten (vgl. Ex 4,3). Es ist der Geist, der uns dazu bringt, “Abba, lieber Vater” zu rufen (Röm 8,15; Gal 4,6). Deshalb ist der Geist der Vater und der Pate der Armen (pater pauperum), wie die Kirche heute an diesem Fest singt.

Er tut es sicher nicht auf wundersame Weise, aber er gibt ihnen Mut und Widerstand, den Willen zu kämpfen und zu siegen. Er lässt die Arme nicht sinken. Er schickt das Licht in die Herzen der Armen, damit sie die richtigen Initiativen entdecken, damit sie ausharren und tatsächlich bis heute lebendig werden; wenn die Ureinwohner nicht völlig ausgerottet werden konnten und jetzt, wegen der Nachlässigkeit der offiziellen Behörden, ernsthaft gefährdet sind, wenn die Afro-Nachfahren nicht der Last der Sklaverei erliegen konnten, dann deshalb, weil in ihnen eine Energie des Widerstands und der Befreiung war, das, was der Hymnus die Gaben und das Licht der Herzen nennt: der Heilige Geist, egal welchen Namen wir ihm geben.

Den Verzweifelten zeigt er sich als ein Tröster ohnegleichen. Er steht ihnen nicht von außen bei. Er ist gekommen, um als Gast in ihnen zu wohnen, um ihnen zu helfen und sie zu beraten, denn das ist seine Mission. In den großen Schwierigkeiten und Krisen verkündet er sich als Bezugspunkt des Friedens, der Ruhe: ein Erquicker, denn so sagt es der Pfingsthymnus, den ich hier wörtlich zitiere.

Er erscheint als der große Tröster. Wie oft treiben uns in diesen dunklen Zeiten die Nöte des Lebens Tränen in die Augen! Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, ohne uns zu verabschieden und ohne die notwendige Trauerarbeit zu leisten, oder wenn wir tiefe Frustrationen erleben, affektiv oder beruflich, oder wenn wir arbeitslos sind, scheinen wir in einen Abgrund zu fallen. Es sind diese Momente, in denen wir flehen müssen: “Komm, Geist, sei unser Trost; wische unsere Tränen ab und kühle unser Schluchzen.

Der Heilige Geist kam einmal und kommt noch immer ständig. Aber in dramatischen Momenten wie dem unseren, unter Covid-19, müssen wir rufen: “Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Antlitz der Erde und rette unser Land und die Welt.

Wenn der Geist nicht kommt, werden wir dazu verdammt sein, die vom Propheten Ezechiel (c.37) beschriebene Landschaft zu sehen: die Erde bedeckt mit Leichen und Knochen überall. Aber wenn er kommt, werden die Leichen mit Leben bekleidet, und die Wüste wird zu einem Garten. Die Armen werden ihre Gerechtigkeit erhalten, die Kranken werden Gesundheit erlangen, und die Sünder, die wir alle sind, werden Vergebung und Gnade empfangen.

Das ist unser Glaube und mehr noch, unsere unsterbliche Hoffnung, verbunden mit einer tiefen Solidarität mit allen Opfern von Covid-19.

Leonardo Boff Theologe und Autor von “Der Heilige Geist: Feuer Gottes – Lebensquell – Vater der Armen“, 2014, Herder.

Übersetzt von Bettina Gold-Harnack

Debate com o partido Die Linke (A Equerdaq) da Alemanha

No contecto so ökumenischer Kirchentag de maio na Alemanha com o tema “Solidariedade e Justiça em tempos de Pandemia” participei de um debate como a Vice-presidente do partido Die Linke Petra Pau. Transcrevo as perguntas feitas por ela e minhas respostas. Tivemos ampla convergência de visões.

Questões levantadas por Petra Pau

.Wir leben im 21. Jahrhundert, einem historisch besonderen:Meine Negativthese ist: Die Menschheit ist rasant auf dem Weg, sich selbst und überhaupt alles Leben zu vernichten.

Meine Positive these: Erstmals gibt es mit der Solaroption und der Digitalisierung zwei Produktivkräfte, die im Marx`schen Sinne über den Kapitalismus hinaus weisen.Meine Frage ist: Teilen Sie meine Negativthese und was ist dagegen zu tun?

Minha resposta para a pergunta negativa

Zu erst, begrüße icj

ganz herzlich die Vizepräsidentin des Bundestags DIE LINKE, Petra Pau nd und auch Dr. Cornelia Hildebrandt, die die Vermittlung möglich gemacht hat, und alle aus Ihrer Fraktion DER LINKE und die, die uns vielleicht in dieser LIVE begleiten werden.

Zu Ihrer ersten Frage, nämlich Ihrer negativen These, dass die Menschheit auf dem Weg in ihre eigene Zerstörung ist, würde ich Folgendes sagen.

Um eine fundierte Antwort zu geben, würde ich sagen, dass wir zunächst einmal den Kontext betrachten müssen, in dem das Coronavirus aufgetreten ist. Jeder ist besorgt über Wissenschaft, Impfstoffe und Einschränkungen. Das ist richtig und notwendig.

Aber wir müssen sagen, dass das Virus die Frucht des Anthropozene ist. Das heißt, seine Hauptursache ist die uneingeschränkte Ausplünderung der Ressourcen der Natur durch den Kapitalismus. Sie ist zerstörerisch in die Natur eingedrungen und hat den Lebensraum für eine Reihe von Viren wie Ebola, Zika, Chikungunya und jetzt Covid-19 zerstört.

 Ich verstehe das Eindringen des Virus als eine Art Gegenangriff der Erde auf die Menschheit. Die Erde hat ihre Grenze erreicht. Sie verfügt über begrenzte Ressourcen, die ein unbegrenztes Wachstums-/Entwicklungsprojekt nicht zulassen. Dies ist die DNA des Kapitalismus.

Ich mache mir die Worte des großen französischen Naturforschers Jacob Monod zu eigen:

Wir sind zu sinnlosem und wahnsinnigem Verhalten fähig. Von nun an können wir alles, wirklich alles, fürchten, einschließlich der Auslöschung der menschlichen Rasse. Es wäre der gerechte Preis für unsere Torheiten und unsere Grausamkeiten“.

Hier ist meine Antwort: Entweder wir ändern unsere Beziehung zur Natur, nicht mehr aggressiv und zerstörerisch für das ökologische Gleichgewicht, zu einer Beziehung des Respekts für ihre Grenzen und der Sorge um die Erhaltung ihrer Vitalität, oder wir werden keine Zukunft haben.

Das Schicksal der Erde und der Menschheit liegt in unseren Händen. Wir haben keine andere Alternative: Entweder wir ändern das Paradigma, dessen Zentrum das Leben und nicht der Profit ist, und Wissenschaft und Technologie, um dem Leben und nicht dem Markt zu dienen, oder wir werden uns in den Zug derer einreihen, die auf ihr eigenes Grab zusteuern.

Resposta para a pergunta positiva

In Bezug auf Ihre zweite These, die positive, möchte ich  ehrlich Ihnem sagen, dass ich sie nicht so positiv finde.

Natürlich ist es wichtig, durch  alternative Energien wie Solar, Wind, Geothermie und andere das Kohlendioxid zu reduzieren. Auch neue Technologien wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Arbetiswelt total verändern werden können.

Aber diese Lösungen befinden sich immer noch innerhalb des vorherrschenden Paradigmas, das  die Coronavirus-Katastrophe ermöglichte.

Sie verändern aber  nicht das Verhältnis des Menschen zur Natur. Hierin liegt das ganze Problem. Die Gründer des modernen Paradigmas, wie  Descartes und Francis Bacon, bechteteten den Menschen als Herren und Meister der Natur und nicht als Teil von ihr und auch nicht als di Hüter  ihrer Integrität  und Lebensfähigkeit. Ich vermute, dass  die kapitalistisch Unersättlichkeit an den natürlichen Ressourcen fortfahren wird mit den gefährlichen Auswirkungen, die wir kennen. Eine notwendige Wende müssen wir schaffen, wenn wir eine Zukunft haben wollen.

Ich befürchte was die Eigentümer der Finanzwelt, die großen Vermögen und Megakonzerne planen: der Menschheit eine Art kybernetischen Despotismus aufzuerlegen.

Mit künstlicher Intelligenz und ihren Milliarden von Algorithmen können sie jeden Menschen und die gesamte Menschheit kontrollieren, um ihr Vermögen und ihre Privilegien zu sichern.

Sie bilden die 0,1 % der Menschheit. Der Rest lebt am Ramde und würde als Untermenschen betrachtet werden.

Das heißt, wir hätten nichts von den Lektionen gelernt, die Covid-19 uns beibringen wollte. Wir können nicht zur früheren Normalität zurückkehren, denn das wäre zu pervers, mit zwei Ungerechtigkeiten: eine ökologische, die die Ökosysteme ausplündert, und eine soziale, die Millionen und Abermillionen von armen und miserablen Menschen schafft.

Das gemeinsame Schicksal ruft uns zu einem Neuanfang und nicht zu einer Wiederholung der Vergangenheit. Wenn wir es verlängern wollen, werden wir, wie gesagt, mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Wie der Papst Franziskus mit Rechrt sagte: Diesmal retten wir uns alle zusammen oder keiner wird gerettet.

Zum Schluss: wie sehen Sie die Zukunft?

Es scheint, dass meine Position hoffnungslos ist. Im Gegenteil: Ich nähre viel Zuversicht und Hoffnung.

Wenn wir uns die Geschichte der menschlichen Evolution anschauen, sehen wir, dass sie durch viele gefährliche Krisen gegangen ist. Aber es hat sich immer gehalten. Die gegenwärtige paradigmatische Krise ist vielleicht die gefährlichste, aber wir glauben, dass sie nicht die letzte und auch nicht die endgültige sein wird.

Wir nähren nicht die Skepsis des alten Martin Heidegger, der schrieb: “Nur noch ein Gott kann uns retten.

Ich glaube eher an den Vers von Hölderin: Wo die Gefahr groß ist, ist die Chance auf Rettung noch größer.

Deshalb hege und pflege ich die Hoffnung, dass wir durch diese gegenwärtige Krise mit Schmerzen und strenger Belehrung gehen werden.

Eines Tages wurden wir im Herzen der großen roten Sterne geboren. Wenn wir Söhne und Töchter der Sterne sind, ist das ein Zeichen dafür, dass wir auf dieser Welt sind, um zu leuchten und nicht durch den Cvid-19 zu sterben. Und wir werden glänzen. Außerdem glaube ich an die Worte der jüdisch-christlichen Schrift, die uns Gott als “den großen Liebhaber des Lebens” vorstellt. Wenn Gott so ist, wird er nicht zulassen, dass wir wegen eines gefährlichen und unsichtbaren Virus so elendig verschwinden.

Wir werden leben und leuchten.

Vielen, vielen Dank

Prof.Dr.Dr.Leonardo Boff

Es reicht nicht, gut zu sein, man muss barmherzig sein

Die goldene Regel, die in allen Religionen und spirituellen Wegen präsent ist, lautet: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: “Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu”.

Das Christentum verkörpert diese Minimalethik und schreibt sich damit in diese uralte Tradition ein. Es schafft jedoch alle Grenzen der Liebe ab, so dass sie wirklich universell und bedingungslos ist. Diese Ethik lautet: “Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters seid. Denn er lässt die Sonne aufgehen über Bösen und Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? (Mt 5,44-47).

Die Version, die uns das Lukasevangelium gibt, ist lehrreich: “Ihr aber sollt eure Feinde lieben … Liebt eure Feinde. So werdet ihr Söhne und Töchter des Höchsten sein, denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist” (Lk 6,35-36).

Diese Aussage ist zutiefst tröstlich. Wer fühlt sich nicht manchmal “undankbar und böse”? Dann trösten uns diese ermutigenden Worte: Der Vater ist gütig, trotz unserer Schlechtigkeit, und so werden wir von der Last unseres Gewissens befreit, die uns überallhin verfolgt. Hier erklingen die tröstlichen Worte des ersten Johannesbriefes: “Wenn unser Herz uns anklagt, so wisst, dass Gott größer ist als unser Herz” (1 Joh 3,20). Diese Worte sollten jedem sterbenden Gläubigen ins Ohr geflüstert werden.

Ein solches göttliches Verständnis bringt uns zurück zu den Worten eines der ermutigendsten Psalmen der Bibel, Psalm 103: “Der Herr ist reich an Barmherzigkeit. Er klagt nicht immer an, noch hegt er einen ewigen Groll. Je höher der Himmel über der Erde ist, desto mehr überwiegt seine Barmherzigkeit. Wie ein Vater sich über seine Söhne und Töchter erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn lieben; denn er kennt unser Wesen und weiß, dass wir Staub sind (Ps 103,9-14).

Eine der Eigenschaften des biblischen Gottes ist seine Barmherzigkeit, denn er weiß, dass wir zerbrechlich und vergänglich sind “wie die Blumen auf dem Felde; der Hauch des Windes genügt, dass wir nicht mehr sind” (103,15). Trotzdem hört er nie auf, uns als geliebte Söhne und Töchter zu lieben und unsere moralischen Schwächen zu bemitleiden.

Eine der grundlegenden Eigenschaften des Gottesbildes, die uns der Meister vermittelt hat, ist gerade seine grenzenlose Barmherzigkeit.  Für ihn reicht es nicht, gut zu sein. Er muss auch barmherzig sein.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn illustriert dies mit seltener menschlicher Zärtlichkeit. Der Sohn war von zu Hause weggegangen, hatte sein ganzes Erbe in einem ausschweifenden Leben vergeudet und beschloss plötzlich aus Heimweh, nach Hause zurückzukehren. Der Vater stand lange und wartete auf ihn, schaute an der Straßenecke, ob er auftauchen würde. Siehe da, “als er noch weit weg war”, wie es im Text heißt, “sah der Vater seinen Sohn und lief, von Mitleid ergriffen, zu ihm und küsste ihn auf den Hals” (15,20). Es ist genug, wieder im Haus des Vaters zu sein. Und er bereitete für ihn, voller Freude, ein großes Fest.

Dieser barmherzige Vater repräsentiert den himmlischen Vater, der die Undankbaren und Bösen liebt. Er nahm mit unendlicher Barmherzigkeit den Sohn auf, der seinen Weg im Leben verloren hatte. Der einzige Sohn, der kritisiert wird, ist der gute Sohn. Er diente seinem Vater in allem, arbeitete, hielt alle Gebote. Er war gut, sehr gut. Aber für Jesus war es nicht genug, gut zu sein. Er musste auch barmherzig sein. Und das war er nicht. Deshalb ist er der einzige, der eine Zurechtweisung erhält, weil er seinen Bruder, der zurückkehrte, nicht verstand.

Aber es ist wichtig, einen Punkt zu betonen, der die Einzigartigkeit der Botschaft des Nazareners zeigt. Er will über die bloße Nächstenliebe hinausgehen, den wir lieben sollen wie uns selbst. Wer ist der Nächste für Jesus? Es ist nicht mein Freund und auch nicht derjenige, der neben mir steht. Ein Nächster für Jesus ist jeder, dem ich mich nähere, unabhängig von seiner Herkunft oder seinem moralischen Zustand. Es reicht aus, ein Mensch zu sein.

Sinnbildlich ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37). Ein Niemand liegt am Straßenrand, “halbtot”, das Opfer eines Raubüberfalls. Ein Priester geht vorbei, vielleicht zu spät zu seinem Dienst im Tempel; auch ein Levit geht vorüber, der sich beeilt, den Altar vorzubereiten. Sie sahen ihn beide und “gingen vorbei”. Ein Samariter kommt vorbei, ein Ketzer in den Augen der Juden; “er nahm sich seiner an und erbarmte sich seiner”, heilte seine Wunden und brachte ihn in eine Herberge, und bezahlte alles, was nötig war, und darüber hinaus. “Wer von den dreien war der Nächste?”, fragt der Meister. Es war der Ketzer, der sich dem Opfer der Räuber näherte. Die Liebe macht keine Unterschiede, jeder Mensch ist der Liebe und Barmherzigkeit würdig. Sicherlich waren der Priester und der Levit gute Menschen, aber es fehlte ihnen das Wichtigste: Barmherzigkeit, ein Herz, das vom Schmerz anderer bewegt wird.

Kurz gesagt, wenn Jesus uns sagt, wir sollen unseren Nächsten lieben, dann meint er damit, dass wir die Unbekannten und Diskriminierten lieben sollen; er impliziert, dass wir die Unsichtbaren, die sozialen Nullen, die, die niemand ansieht und an denen jeder vorbeigeht, lieben sollen, die er am jüngsten Tag, wenn alles ausgelöscht wird, “meine kleinen Geschwister” nennt. “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan” (Mt 25,40).

Der heilige Franziskus von Assisi war derjenige, der dieses einzigartige “Mehr” der Botschaft Jesu am besten verstanden hat. Deshalb bittet er in seinem Gebet: “dass ich mehr zu trösten suche, als getröstet zu werden, mehr zu verstehen, als verstanden zu werden, und mehr zu lieben, als geliebt zu werden.

Covid-19 zeigt vor allem in den Peripherien, unter den kritisierten Mitgliedern der Landlosen- und Obdachlosenbewegung und anderen, dass die Botschaft der barmherzigen Liebe, die vom Sohn Gottes gelebt wird, nicht erloschen ist und immer noch lebendig ist und brennt.

Leonardo Boff ist Theologe und Autor von „Jesus Christus, der Befreier“, Herder Verlag 1992.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Die schmerzhafte Geburt von Mutter Erde: eine Biozivilisation

Leonardo Boff

Der von Präsident Joe Biden einberufene Klimagipfel ist ein Alarmsignal. Wenn wir die Erwärmung nicht bis zur Grenze von 1,5 Grad stoppen, werden wir eine gefährliche Ausrottung der Artenvielfalt und Millionen von Klima-Migranten erleben, die, da sie sich nicht an die Veränderungen anpassen können und ihre Lebensgrundlage verlieren, sich gezwungen sehen, ihre geliebte Heimat zu verlassen und die Grenzen anderer Länder zu durchbrechen, was zu ernsthaften gesellschaftspolitischen Problemen führt.

CO2 verbleibt etwa 120 Jahre in der Atmosphäre. Wir sind uns seiner toxischen Wirkung auf  lebende Systeme erst spät bewusst geworden. In den letzten Jahren hat sich etwas Beängstigendes ereignet: das schnelle Auftauen des Permafrosts – jenes gefrorenen Teils, der sich von Kanada über Russland erstreckt. Hinzu kommt das schnelle Schmelzen der Polkappen und Grönlands. Dieses Phänomen verschärft die globale Erwärmung, denn Methan ist 25 mal so schädlich wie CO2. Jedes Rind gibt durch Wiederkäuen und Blähungen jährlich zwischen 80-100 kg Methan an die Atmosphäre ab. Stellen Sie sich vor, was eine solche Menge bei allen Rinderherden der Welt bedeutet. Allein in Brasilien ist die Zahl der Rinder größer als unsere Bevölkerung.

Egal was wir tun, aufgrund der übermäßigen Anhäufung von Treibhausgasen in der Atmosphäre werden wir keine Möglichkeit haben, extreme Auswirkungen zu vermeiden. Sie werden kommen: Taifune, lang anhaltende Dürren, extrem heiße Sommer und übermäßiger Schneefall, Erosion der Artenvielfalt und Verlust der Bodenfruchtbarkeit u. a.  Was wir tun können und müssen, ist, uns auf ihren Einbruch vorzubereiten und so die katastrophalen Auswirkungen abzumildern.

Niemand auf dem Klimagipfel hatte den Mut, auf die eigentlichen Ursachen unserer Erderwärmung hinzuweisen: unsere kapitalistische Produktionsweise, in deren DNA das unbegrenzte Wachstum steckt, das den unbegrenzten Abbau natürlicher Ressourcen bis zu dem Punkt fordert, an dem die Nachhaltigkeit des Planeten stark geschwächt wird. Eine endliche Erde kann kein unendliches Projekt vertragen. Hier liegt die Ursache, neben anderen kleineren, der globalen Erwärmung. Jeder weiß, dass hier die eigentliche Frage liegt. Warum prangert sie niemand an? Weil sie direkt antisystemisch ist, weil sie den Kern des modernen techno-wissenschaftlichen Paradigmas der unbegrenzten Entwicklung/des unbegrenzten Wachstums trifft, dem Staaten und Konzerne sich verpflichtet fühlen.

Sie wären gezwungen, etwas zu ändern, was ihrer Logik widersprechen würde. Aber das wollen sie nicht, denn der Profit steht über dem Leben. Nur der argentinische Präsident Alberto Fernández hatte den Mut, anzuprangern: “Umweltverschmutzung ist der Weg zum Selbstmord.“ Seine Aussage deckt sich mit der Aussage der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, die vor einigen Jahren eine Erklärung abgab, die mehr oder weniger in diese Richtung ging: Wenn wir nicht aufpassen, kann die Erwärmung einen “abrupten Sprung” (ein so verwendeter Ausdruck) machen, bis sie in kurzer Zeit etwa 4 Grad Celsius erreicht; bei dieser Hitze, so heißt es, werden sich die Arten kaum anpassen und Millionen werden verschwinden, darunter Millionen und Abermillionen von Menschen.

Praktisch alle bedauern, dass die “Entscheidungsträger” in Politik und Wirtschaft einen gravierenden Mangel an Bewusstsein für die Risiken zeigen, die auf unserem Gemeinsamen Haus lasten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass etwas Ähnliches wie bei Covid-19 passieren wird.

Trotz der Warnung von Virenexperten, dass wir kurz vor dem Eindringen eines schweren Virus stehen, bereiten sich nur sehr wenige auf diese Eventualität vor. Deshalb ist ein Sprung auf eine neue Ebene des kollektiven Bewusstseins, die es uns erlauben würde, eine neue Normalität einzuweihen, die sich von der bisherigen, für die Menschheit und die Natur perversen, unterscheidet, nicht absehbar. Wir fragen uns: Haben wir die Lektionen gelernt, die Mutter Erde durch den Gegenangriff auf die Menschheit durch Covid-19 geschickt hat? In Anbetracht der weit verbreiteten Sorglosigkeit scheint es, dass wir in der Illusion einer Rückkehr zur alten, ungerechten Normalität verharren.

Die Rede unseres Präsidenten Jair Bolsonaro auf dem Gipfel im Weißen Haus war eine reine Gefälligkeit. Er gab eine klare Demonstration, dass er ein legitimer Vertreter der Post-Wahrheit sei, weil er die alte chinesische Weisheit ausführte: “Schau nicht auf den sprechenden Mund eines Politikers, sondern auf seine handelnden Hände.“ Der Mund widersprach völlig dem, was die Hände tun. Der Mund spricht Versprechungen aus, die praktisch nicht realisierbar sind, und die Hände praktizieren durch ihren Anti-Umweltminister die systematische Verwüstung der Wälder und die Demontage der Einrichtungen, die die Ökosysteme erhalten.

So wie der “Ungenannte” Bolsonaro mit Covid-19 verbündet ist, so ist der Umweltminister mit den Holzfällern verbündet, die illegal und kriminell als die Hauptschuldigen für die 357,61 km2 abgeholzten Waldes erscheinen, die schlimmsten der letzten Jahre. Die Hände leugnen, was der Mund sagt.

Trotz aller Sorgen glauben und hoffen wir, dass die Menschheit aus dem Leid und hoffentlich auch aus der Liebe lernen wird: Entweder werden wir uns ändern, oder, um es mit den Worten Sigmunt Baumans zu sagen, die er eine Woche vor seinem Tod sprach, wir werden uns der Prozession derer anschließen, die sich auf dem Weg in ihr eigenes Grab befindet.

Die Menschheits- und Naturgeschichte ist nie linear; sie kennt Brüche und Sprünge nach oben. Sie lädt uns dazu ein, uns neu zu erfinden. Bloße Verbesserungen und das Anlegen von Verbänden über die Wunden des verwundeten Körpers von Mutter Erde sind nicht genug. Wir sind zu einem Neuanfang gezwungen. Nach der Erd-Charta und der Enzyklika von Papst Franziskus “Über die Sorge für unser Gemeinsames Haus” (Laudato Si’ e a Fratelli tutti) “sitzen wir alle in einem Boot: entweder wir retten uns alle oder niemand wird gerettet” (Nr. 35; 54; 137).

Die Erde ist durch 15 große Dezimierungen gegangen, aber das Leben hat immer überlebt. Es wird sich auch jetzt nicht selbst zerstören. Wir stehen vor einer schwierigen Lehre für die gesamte Menschheit, denn wir haben keine andere Wahl als diese: entweder zu leben oder unterzugehen. Freud selbst sehnte sich, obwohl skeptisch, nach dem Triumph des Lebenstriebes über den Todestrieb. Das Leben ist zu mehr Leben und sogar zu ewigem Leben berufen.

In dieser Hoffnung habe ich gerade ein Buch veröffentlicht, mehr optimistisch als pessimistisch, aber von einem machbaren Realismus, der einen vielversprechenden Horizont garantieren soll: “Die schmerzhafte Geburt der Mutter Erde: eine Gesellschaft der Geschwisterlichkeit ohne Grenzen und der sozialen Freundschaft“.

Es ist eine Utopie? Ja, aber eine notwendige, damit wir gehen können. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Utopische zum Realen gehört, das nicht nur aus Daten besteht, die schon immer gemacht wurden, sondern auch aus verborgenen Potenzialen, die darauf warten, zum Ausbruch gebracht zu werden und einen neuen Fußabdruck auf dem Boden der Geschichte zu ermöglichen. Es ist nicht gut, auf Fußabdrücke zu treten, die von anderen gemacht wurden. Wir müssen unsere eigenen Fußabdrücke schaffen. Neue Musik, neue Ohren. Neue Krisen, neue Antworten. Wir haben immer noch eine Zukunft, gestärkt durch den Einen, der angekündigt hat, dass er “der leidenschaftliche Liebhaber des Lebens” ist (Weisheit 11,26). Er wird uns helfen, eine schmerzhafte, aber wahre und glückliche Überfahrt zu machen. So glauben wir und so hoffen wir.

Leonardo Boff, Ökotheologe und Schriftsteller.