Zärtlichkeit – das Lebenselixier der Liebe

 

Die Wege, die das Herz eines Mannes mit dem Herzen einer Frau verbinden, sind rätselhaft. Ebenso rätselhaft sind die Wege zwischen den Herzen zweier Männer und genauso zwischen den Herzen zweier Frauen, die einander finden und sich gegenseitig ihre Liebe bekennen. Aus solchen Verbindungen entsteht Verliebtsein, Liebe und schließlich Ehe oder eine dauerhafte Beziehung. Da dies in Freiheit geschieht, sind die Paare unwägbaren Ereignissen ausgesetzt.

Unser Geschick ist nie ein für allemal festgelegt. Es steht in ständigem Dialog mit der Umgebung. Dieser Austausch lässt niemanden unberührt. Jeder ist ihm ausgesetzt. Gegenseitige Treue steht auf dem Prüfstand. In der Ehe folgt auf die Leidenschaft der Alltag mit seiner eintönigen Routine. In ihrem gemeinsamen Leben erfahren die beiden Trennungen, vulkanartige Ausbrüche der Begeisterung für eine andere Person. Nicht selten folgt auf die Ekstase die Enttäuschung. Es kommt zu Komplikationen, Vergebung, Erneuerung von Versprechen und Versöhnung. Doch die Wunden bleiben und hinterlassen auch nach ihrer Heilung noch Narben, die daran erinnern, was einst weh tat.

 

Liebe ist eine flackernde Flamme, die brennt, die aber auch schwinden und allmählich mit Asche bedeckt werden kann, bis sie schließlich erlischt. Es muss nicht einmal soweit kommen, dass die Menschen einander hassen. Vielmehr werden sie einander gleichgültig. Dies ist der Tod der Liebe. Im 11. Vers des spirituellen Liedes des Mystikers Johannes vom Kreuz, der Lieder über die Liebe zwischen der Seele und Gott dichtete, heißt es mit feiner Beobachtungsgabe: „Der Schmerz der Liebe verheilt nur durch Präsenz und Nähe“. Platonische, virtuelle Liebe oder Liebe auf Distanz reicht nicht aus. Liebe verlangt nach Präsenz und Nähe. Liebe braucht die konkrete Nähe, die aus mehr als nur der körperlichen Nähe besteht, sondern des Blicks von Aug in Aug bedarf sowie des Herzens, das den Herzschlag des anderen spürt.

 

Der mystische Poet drückt dies treffend aus: Liebe ist eine Krankheit, die nur durch das geheilt werden kann, was ich als essentielle Zärtlichkeit bezeichnen würde. Zärtlichkeit ist das Lebenselixier der Liebe. Wenn wir unsere Liebe schützen, bestärken und ihr Nachhaltigkeit verleihen wollen, müssen wir zärtlich mit unserem Partner/unserer Partnerin umgehen. Ohne den Balsam der Zärtlichkeit fehlt der heiligen Flamme der Liebe die Nahrung. Sie erlischt.

 

Was ist Zärtlichkeit? Wir wollen gleich zu Beginn psychologische und oberflächliche Konzepte außer acht lassen, die Zärtlichkeit als bloße Emotion und Erregung beim Fühlen der Anwesenheit des anderen identifizieren. Sich nur auf Gefühle zu konzentrieren, schafft Sentimentalität. Sentimentalität ist das Ergebnis unzureichend entwickelter Subjektivität. Solche Personen verschließen sich in sich selbst und zelebrieren die Gefühle, die der andere in ihnen hervorrief. Sie können nicht aus sich herausgehen.

 

Im Gegensatz dazu entsteht Zärtlichkeit dann, wenn jemand nicht nur um sich selbst kreist, sondern sich auf den anderen zu bewegt, den anderen als anderen wahrnimmt, an dessen Leben teilnimmt und es sich gestattet, sich von der Lebensgeschichte des anderen berühren zu lassen. Der andere prägt ihn, indem er im anderen verweilt, nicht wegen der Gefühle, die dadurch in ihm entstehen, sondern aus Liebe, aus Anerkennung für den anderen und für sein Leben und sein Ringen. „Ich liebe dich nicht etwa, weil du schön bist. Du bist schön, denn ich liebe dich.“

 

Zärtlichkeit ist die Zuneigung, die wir für die anderen um ihretwillen hegen. Zärtlichkeit ist Achtsamkeit ohne Besessenheit. Zärtlichkeit ist weder unmännlich noch verweichlicht. Es ist eine Zuneigung, die auf ihre eigene Weise den anderen zugänglich macht. Als Papst Franziskus mit den Bischöfen in Rio de Janeiro sprach, bat er sie um die „Revolution der Zärtlichkeit“ als die Bedingung für wahre pastorale Begegnung.

 

In Wirklichkeit kennen wir einander nur dann gut, wenn wir einander mögen und die Person, mit der wir eine Gemeinschaft gründen wollen, uns etwas bedeutet. Zärtlichkeit kann und sollte mit außerordentlichem Engagement Hand in Hand gehen können, wie es der Revolutionär par excellence, Ernesto Che Guevara, (1928-1968) vormachte. Seine inspirierenden Worte sind uns noch heute wertvoll: „Wir müssen uns abhärten, ohne die Zärtlichkeit zu verlieren“. Zärtlichkeit impliziert Kreativität und Selbstverwirklichung unseres Mitmenschen und durch die von uns geliebte Person.

 

Eine von Zärtlichkeit geprägte Beziehung ist frei von Angst, denn sie strebt nicht nach ihrem Vorteil und nach Beherrschung. Zärtlichkeit ist die dem Herzen eigene Stärke, sie ist der tiefe Wunsch, den Weg mit dem anderen gemeinsam zu gehen. Die Angst des anderen ist meine eigene Angst, sein Erfolg ist auch mein Erfolg, und sein Wohl bzw. seine Not sind auch mein Wohl oder meine Not und im Grunde genommen nicht nur meines sondern das aller.

 

Blaise Pascal (1623-1662), der französische Philosoph und Mathematiker des 17. Jh., traf eine wichtige Unterscheidung, die uns hilft, die Zärtlichkeit besser zu verstehen: Er unterscheidet zwischen dem Esprit de Finesse und dem Esprit de Géométrie. Der Esprit de Finesse ist der Geist der Reinheit, der Sensibilität, der Achtsamkeit und der Zärtlichkeit. Der Geist denkt und räsoniert nicht nur. Er geht darüber hinaus: der Vernunft fügt er die Sensibilität hinzu, die Intuition und die Fähigkeit zu tiefen Gefühlen. Aus dem Geist der Reinheit entstand die Welt der Begabungen, der großen Träume, der Werte und Zugeständnisse, in die Zeit und Energie zu investieren sich lohnt.

 

Der Esprit de Géométrie ist der Geist des Rechnens und der Arbeit, dem es um Effizienz und Macht geht. Doch wo Macht sich konzentriert, gibt es weder Zärtlichkeit noch Liebe. Aus diesem Grund sind autoritäre Personen so hart und ohne Zärtlichkeit und manchmal auch gnadenlos. Doch dies ist die Lebensweise, die unsere Moderne beherrscht. Sie findet alles verdächtig und lässt außer acht, was mit Zuneigung und Zärtlichkeit zu tun hat.

Von hier stammt das furchtbare Vakuum unserer „geometrischen“ Kultur mit ihrem Übermaß an Sensationen und dem Mangel an tief gehenden Erfahrungen; mit fantastischen Anhäufungen von Wissen, doch einem Mangel an Weisheit; mit einem Zuviel an Muskelkraft, aber Mangel an Zärtlichkeit oder Achtsamkeit für den anderen, die Erde und deren Söhne und Töchter, für die gemeinsame Zukunft aller.

 

Die Liebe und das Leben sind zerbrechlich. Ihre unbesiegbare Kraft schöpfen sie aus der Zärtlichkeit, mit der wir sie umgeben und für immer nähren.

 

 übersetzrt von Bettina Gold-Hartnack

 

Der eigentliche Grund für die Umweltkrise: der Bruch in der universellen Beziehun

 

Es gibt viele Gründe, die zur aktuellen Umweltkrise führten. Wir kommen hier jedoch auf die eigentliche Ursache zu sprechen: die beständige Abkehr des Menschen von seiner grundlegenden Verbindung mit dem übrigen Universum und dessen Schöpfer. Diesen Bruch hat der Mensch verursacht und für dessen Dauer und Fortbestand gesorgt.

 

Es gibt eine zutiefst mysteriöse und tragische Dimension in der Geschichte der Menschheit und des Universums. Die jüdisch-christliche Tradition nennt diese fundamentale Frustration die „Sünde der Welt“, und in der Theologie heißt sie, gemäß dem Hl. Augustinus, der diesen Ausdruck prägte, „Erbsünde“ oder „Sündenfall“. Die Vorsilbe „Erb“ hat nichts mit den historischen Wurzeln dieses Anti-Phänomens oder folglich mit der Vergangenheit zu tun. Vielmehr bezieht es sich auf das, was dem Menschen eigen ist, was die fundamentale und radikale Ursache seiner menschlichen Existenz betrifft und damit die aktuelle Conditio Humana.

 

Noch weniger kann Sünde auf eine rein moralische Dimension oder auf menschliches Versagen reduziert werden. Sie bezieht sich auf eine allgemeine Haltung und damit auf eine Unterwanderung aller menschlichen Beziehungen. Es geht um eine ontologische Dimension des Menschen, verstanden als ein Netz von Beziehungen. Dieses Netz ist verzerrt und korrumpiert, was allen Arten von Beziehungen schadet.

 

Es ist wichtig hervorzuheben, dass es sich bei der Erbsünde um die Interpretation einer fundamentalen Erfahrung handelt, einer Antwort auf die Herausforderung eines Rätsels. Beispielsweise kann es in Japan einen wunderschön blühenden Kirschbaum geben, während gleichzeitig ein alles zerstörender Tsunami in Fukushima wütet. Auf der einen Seite haben wir eine Mutter Teresa von Kalkutta, die sich um die gestrandeten Menschen auf der Straße kümmert, und auf der anderen Seite einen Hitler, der sechs Millionen Juden in die Gaskammern schickt. Warum dieser Widerspruch? Philosophen und Theologen haben lange nach einer Antwort gesucht. Bisher jedoch ohne Erfolg.

 

Ohne all die möglichen Interpretationen zu vertiefen, gehen wir von derjenigen aus, die sich unter den religiösen Denkern einer wachsenden Zustimmung erfreut: Sie sieht die Unzulänglichkeit als einen Moment im Evolutionsprozess. Gott schuf kein Universum, das augenblicklich fertiggestellt und gleich perfekt war. Vielmehr löste Gott einen zu vervollkommnenden Prozess aus, dessen Ende noch offen ist und der sich in Richtung immer komplexerer, subtiler und perfekter Formen bewegt. Wir hoffen, dass er einst seinen Omega-Punkt erreichen wird.

 

Unzulänglichkeit ist kein Defekt, sondern ein sich in Entwicklung befindlicher Prozess. In ihr drückt sich nicht Gottes eigentlicher Plan für Seine Schöpfung aus, sondern ein Moment inmitten eines immensen Prozesses. Mit dem irdischen Paradies ist nicht die Nostalgie für ein verlorenes goldenes Zeitalter gemeint, sondern das Versprechen für eine noch vor uns liegende Zukunft. Die erste Seite der Bibel ist tatsächlich ihre letzte. Zu Beginn wird eine Art Miniaturmodell der Zukunft vorgestellt, um die Leser und Leserinnen mit der Hoffnung auf ein gutes Ende für die ganze Schöpfung zu erfüllen.

 

Der Hl. Paulus sah den traurigen Zustand der Schöpfung als eine Unterwerfung unter die Vergänglichkeit (mataiótes) und zwar nicht aufgrund des Menschen, sondern aufgrund Gottes selbst. Die exegetische Bedeutung des Wortes „Vergänglichkeit“ weist auf den Reifungsprozess hin. Die Natur hat ihre Reife noch nicht erreicht. Aus diesem Grund befindet sie sich zurzeit immer noch weit von ihrem letzten Ziel entfernt. Deshalb „seufzt die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag und liegt in Geburtswehen“ (Röm 8,22). Der Mensch nimmt teil an diesem Reifungsprozess und seufzt ebenfalls (Röm 8,23). Alle Geschöpfe erwarten bangend die volle Ausreifung der Söhne und Töchter Gottes, denn zwischen ihnen und dem Rest der Schöpfung besteht eine tiefe Interdependenz und Verbindung. Ist der Reifezustand erreicht, wird auch die Schöpfung an der glorreichen Freiheit der Kinder Gottes teilhaben (siehe Röm 8,20).

 

Dann wird der letzte Plan Gottes erfüllt sein, und erst dann wird Gott in der Lage sein, die ersehnten Worte auszusprechen: „Und Er sah, alles war gut.“ Noch sind diese Worte Prophezeiungen und Versprechen für die Zukunft, denn nicht alles ist gut. Ernst Bloch, der Philosoph des Prinzips Hoffnung, drückte dies so aus: „Genesis steht am Ende, nicht am Anfang.“ Der Verzug im Reifungsprozess des Menschen impliziert einen Verzug in der Schöpfung. Die Fortschritte des Menschen bedeuten einen Fortschritt für das Ganze. Die Menschheit kann ein Instrument zur Befreiung oder aber ein Hindernis auf dem Evolutionsprozess darstellen.

 

Und hierin befindet sich das Drama: Als die Evolution den Level der Menschheit erreichte, erlangte sie einen Zustand des Bewusstseins und der Freiheit. Der Mensch wurde als ein Schöpfer geschaffen. Menschen können zu einem guten Zweck in die Natur eingreifen und für sie sorgen, oder sie für einen schlechten Zweck zerstören. Es begann vielleicht mit dem Entstehen des Homo habilis vor 2,7 Millionen Jahren, als Werkzeuge geschaffen wurden, mit denen die Menschen in der Lage waren, in die Natur einzugreifen, ohne deren Rhythmus zu berücksichtigen. Zu Beginn kann dies ein simpler Akt gewesen sein. Doch seine Wiederholung schuf eine Haltung von mangelnder Achtsamkeit. Anstatt gemeinsam auf einer Stufe mit allem zu sein und zu leben, stellte der Mensch sich über die Dinge und dominierte sie. Und so ging es stets weiter bis zum heutigen Tag.

 

Damit fielen die Menschen aus der natürlichen Solidarität mit allen Lebewesen heraus. Sie verstießen gegen den Plan des Schöpfers, der den Menschen als Mit-Schöpfer gewollt hat, dessen Genie die unvollkommene Schöpfung hätte vervollkommnen sollen. Doch stattdessen nahm der Mensch den Platz Gottes ein. Die Stärke der menschlichen Intelligenz und seines Willens versetzte ihn in die Lage, sich als ein „kleiner Gott“ zu fühlen und sich so zu verhalten, als wäre er tatsächlich Gott.

 

Dies ist die große Spaltung von der Natur und dem Schöpfer, die der ökologischen Krise zugrunde liegt. Das Problem liegt in der Art des menschlichen Wesens, das im Lauf der Geschichte eher eine „geophysikalische Zerstörungskraft“ (E. Wilson) entwickelte statt eine Kraft der Achtsamkeit und der Bewahrung.

 

Die Lösung dieses Problems besteht darin, sich wieder mit allen Dingen zu verbinden. Es ist nicht notwendig, religiöser zu werden, sondern bescheidener, eher ein Teil der Natur, verantwortlich für deren Nachhaltigkeit, und achtsamer in jeglicher menschlichen Aktivität. Die Menschheit muss zur Erde zurückkehren, von der sie sich selbst exiliert hat, und deren Bewahrer werden. Dann wird der natürliche Vertrag wiederhergestellt. Auch durch die Öffnung hin zum Schöpfer wird der unlöschbare Durst des Menschen gestillt. Die Frucht dafür wird der Friede sein.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Harnack

 

 

 

 

 

Eine Anatomie der menschlichen Seele: die Psalmen

Die Psalmen stellen eine der am weitesten entwickelten Gebetsformen dar, die die Menschheit je hervorbrachte. Millionen von Menschen, Juden, Christen und religiöse Menschen aller Traditionen rezitieren und singen täglich Psalmen, vor allem Nonnen, Mönche und Priester beim täglichen Stundengebet.

Wir wissen nicht genau, wer ihre Autoren waren, denn diese zeichneten die Gebete auf, die im Volk kursierten. Einige Psalmen stammen sicherlich von David (10. Jh. v. Chr.), der als der Psalmist schlechthin gilt. Er war Schafhirte, Krieger, Prophet, Musiker, König und ein zutiefst religiöser Mensch. Er eroberte den Berg Zion in Jerusalem und führte dort um die Bundeslade einen Kult  sowie die Psalmen ein.

 

Wenn man von den „Psalmen Davids“ spricht, bedeutet das gemeinhin „im Stil Davids komponierte Psalmen“. Die Psalmen tauchten während einer Zeitspanne von knapp 1000 Jahren an den Kultorten auf und wurden vom Volk rezitiert, bis sie in der Epoche der Makkabäer im 2. Jh. v. Chr. als Sammlung zusammengestellt wurden. Das Psalter ist ein historischer Mikrokosmos, der einer mittelalterlichen Kathedrale gleicht, die jahrhundertelang von mehreren Generationen und durch Tausende Hände gebaut wurde und die architektonischen Stiländerungen der unterschiedlichen Epochen beinhaltet. Ebenso gibt es Psalmen, die unterschiedliche Gottesbilder reflektieren, da sie aus verschiedenen, uns fremdartigen Epochen stammen und von Rachegelüsten und dem Verlangen nach einem unerbittlichen Zornesgericht Gottes sprechen.

 

Die Psalmen zeugen von der zutiefsten Überzeugung, dass Gott, wenngleich in unzugänglichem Lichte, in unserer Mitte zugegen ist, sozusagen in einer Art Zelt lebt (shekinah). Wir können uns ihm mit Anrufungen, Klagen, Lobliedern und in Dankbarkeit nähern. Er hat stets ein offenes Ohr für uns.

 

Der Ort, an dem sich seine Gegenwart verdichtet, ist der Tempel, in dem die Psalmen gesungen werden. Doch als Schöpfer der Erde und des Himmels befindet er sich auch an allen Orten, wenngleich keiner davon ihn völlig in sich aufnehmen könnte.

 

Völlig zu Recht behaupten die Hebräer voller Stolz: „Niemand hat einen Gott, der so nah ist wie der Unsere“, jedem nahe und inmitten des Volkes. Die Psalmen sprechen vom Bewusstsein der Nähe Gottes und seinem tröstlichen Schutz. Aus diesem Grund findet man in den Psalmen eine persönliche Nähe zu Gott, ohne jedoch in einen privaten Individualismus zu verfallen. Es gibt eine kollektive Gebetsform, die das persönliche Erleben nicht ausschließt. Eine Dimension verstärkt die andere, da in beiden eine Wahrheit liegt. Es gibt keine Personen ohne das Volk, dem sie angehören, und es gibt kein Volk ohne die freien Menschen, die es bilden.

 

Wenn wir die Psalmen nachbeten, finden wir in ihnen unser spirituelles, persönliches und kollektives Röntgenbild. In ihnen finden wir unsere eigene Gemütsverfassung wieder: Verzweiflung und Freue, Angst und Vertrauen, Trauer und Tanz, Rachegelüste und Bereitschaft zur Vergebung, unser Inneres und die Faszination von der Weite des Sternenhimmels. Der Reformator Johannes Calvin (1509-1564) drückte dies gut im Vorwort seines wunderbaren Psalmen-Kommentars aus:

 

„Ich pflege das Psalmbuch nicht ohne Grund eine Anatomie aller Teile der Menschenseele zu nennen; denn es findet sich kein Gefühl im Menschen, dessen Bild nicht in diesem Spiegel zu finden ist. Alle Schmerzen, alle Traurigkeit, alle Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, ja auch alle die gemischten Regungen schließlich, die den Menschengeist umtreiben, hat hier der heilige Geist nach dem Leben geschildert.“

 

Dadurch, dass die Psalmen unsere spirituelle Autobiographie wiedergeben, repräsentieren sie sowohl die Worte, die der Mensch an Gott richtet, als auch die Worte Gottes an den Menschen. Schon immer diente das Psalter als ein Buch des Trostes und als geheime Sinnquelle, insbesondere wenn der Mensch sich von Verlassenheit, Verfolgung, Ungerechtigkeit und Todesbedrohung bedrückt sieht. Der französische Philosoph Henri Bergson (1859-1941) hinterließ uns ein unverhofftes Zeugnis: „Von den Hunderten von Büchern, die ich las, vermochte mir keines so viel Licht und Trost zu verschaffen wie diese Verse des Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. … Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir.“

 

Ich möchte folgendes Beispiel nennen: Da war ein Jude, der, umgeben von Kindern, in die Gaskammer von Auschwitz geschoben wurde. Er wusste, dass er dem Tod entgegen ging. Dennoch betete er mit lauter Stimme den Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte … Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir.“ Der Tod vermag die Gemeinschaft mit Gott nicht zu durchbrechen. Er ist ein Schritt, wenngleich ein schmerzhafter, hin zur großen Umarmung mit dem ewigen Frieden.

 

Somit handelt es sich bei den Psalmen um religiöse und mystische Poesie in ihrer höchsten Ausdrucksweise. Wie alle Poesie erschaffen sie die Realität neu durch Metaphern und durch Bilder, die dem Imaginären entstammen. Diese gehorcht einer eigenen Logik, die sich von der der Rationalität unterscheidet. Durch das Imaginäre verwandeln wir Situationen und Fakten, indem wir in ihnen einen verborgenen Sinn und göttliche Botschaften entdecken. Deshalb sagen wir, dass wir nicht nur prosaisch in dieser Welt leben, indem wir den offenkundigen Sinn im Lauf der Ereignisse erfassen. Wir leben auch poetisch in dieser Welt, indem wir die andere Seite der Dinge sehen und hinter dieser Welt eine andere Welt voller Schönheit und Bezauberung wahrnehmen.

 

Die Psalmen lehren uns, poetisch in der Wirklichkeit zu leben. Diese wird dadurch in ein großes Sakrament Gottes verwandelt, voller Weisheit, Ermahnungen und Lektionen, die unsere Pilgerschaft zur Quelle sicherer gestalten, wie es so schön im Psalm heißt: „Gehe ich auch mitten durch große Not, du erhältst mich am Leben .. deine Rechte hilft mir“ (Ps 138,7-8).

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Der Platz des Religiösen in der heutigen Welt

So verweltlicht die Gesellschaft auch geworden ist und so materialistisch sie sich in mancher Hinsicht zeigt, lässt sich doch nicht leugnen, dass eine starken Rückkehr in Richtung Religiosität, Mystizismus und Esoterik zu verzeichnen ist. Die Menschen scheinen der exzessiven Rationalisierung und Funktionalisierung unserer komplexen Gesellschaft müde zu werden. Die Rückkehr zur Religiosität zeigt, dass der Mensch auf der Suche nach etwas Größerem ist. Wir würden gern die unsichtbare Seite dieser sichtbaren Welt aufdecken. Darin liegt möglicherweise ein geheimer Sinn, der unser unermüdliches Streben nach dem, was wir nicht benennen können, erfüllt. Vor diesem nicht-konfessionellen Hintergrund kann es sinnvoll sein, vom Religiösen oder dem Spirituellen zu sprechen. Es musste schon alle Arten von Attacken über sich ergehen lassen, doch ist es ihm stets gelungen zu überleben. Die frühe Moderne sah in ihm etwas Vormodernes, ein fantastisches Wissen, das dem positiven und kritischen Wissen Platz machen müsse (Auguste Comte). Die folgende Lesart war die einer Krankheit: ein Opium, eine Entfremdung und ein falsches Bewusstsein für diejenigen, die sich selbst noch nicht gefunden haben oder, wenn sie sich gefunden hatten, sich wieder verloren haben (Karl Marx). Danach wurde es interpretiert als eine Illusion des neurotischen Geistes, der danach sucht, sein Verlangen nach Sicherheit zu befriedigen und unsere widersprüchliche Welt erträglich zu machen (Sigmund Freud). Später wurde es als eine Realität interpretiert, die aufgrund des Rationalisierungsprozesses und der Desillusionierung der Welt allmählich verschwinden würde (Max Weber). Für einige schließlich war es etwas Absurdes, da es weder belegt noch widerlegt werden kann (Karl Popper und Rudolf Carnap).

Meiner Meinung nach liegt der große Irrtum diverser Interpretationen darin, dass das Religiöse an der falschen Stelle verortet wurde, nämlich innerhalb der Vernunft. Die Gründe hierfür liegen in der Vernunft selbst. Die Vernunft an sich ist nicht vernunftbedingt. Sie ist etwas Unbekanntes. In den Upanishaden heißt es schon weise: „Das, wodurch jeder Gedanke gedacht wird, kann nicht gedacht werden.“ Vielleicht liegt die Wiege des Religiösen in diesem „Nicht-Gedachten“, d. h. in diesen von der modernen Rationalität exorzierten Instanzen wie der Fantasie, dem Imaginären, dem Beweggrund des Verlangens, dem alle Träume und Utopien entspringen, die unsere Gedanken beschäftigen, unsere Herzen mit Enthusiasmus erfüllen und die Rakete für die großen Transformationen der Geschichte zünden. Sein Platz findet sich in dem, was der Philosoph Ernst Bloch als das Prinzip Hoffnung bezeichnete.

Es ist diesen Instanzen – Utopie, Fantasie, Imaginäres – eigen, dass sie sich nicht mit konkreten, rationalen Daten zufrieden geben. Vielmehr bestreiten sie solche Daten, die sie verdächtigen, immer nur Fakten zu sein; Daten und auch Fakten sind nicht alles, was existiert. Die Wirklichkeit ist größer als das. Zur Wirklichkeit gehört auch das Potenzial dessen, was noch nicht ist, aber einmal sein könnte. Deshalb steht Utopie nicht im Widerspruch zur Wirklichkeit; sie deckt deren Potenzial und deren ideale Dimension auf. Wie Emile Durkheim so weise am Schluss seines berühmten Buchs über „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ sagte: „Die ideale Gesellschaft befindet sich nicht außerhalb der realen Gesellschaft; sie ist ein Teil von ihr.“ Und er endet mit den Worten: „Nur der Mensch besitzt die Fähigkeit, das Ideal wahrzunehmen und es der Wirklichkeit hinzuzufügen“. Ich würde sagen: es inmitten der Wirklichkeit aufzudecken und sicherzustellen, dass diese Wirklichkeit, in der sich das Ideal befindet, immer größer ist als alle Daten, die uns zur Verfügung stehen.

Gerade inmitten der Erfahrung des Potenzials, der Utopie, taucht das Religiöse auf. Deshalb sagt Ruben Alves, der am gründlichsten in Brasilien das „Rätsel der Religion“ (mit dem gleichnamigen Buchtitel) studierte: „Die Absicht der Religion besteht nicht darin, die Welt zu erklären. Religion entsteht gerade aus dem Protest gegen diese Welt, die sich von der Wissenschaft beschreiben und erklären lässt. Die wissenschaftliche Beschreibung heiligt die etablierte Ordnung, indem sie sich rigoros innerhalb der Grenzen der gegebenen Wirklichkeit bewegt. Im Gegensatz dazu ist die Religion die Stimme eines Bewusstseins, das sich mit der Welt, wie sie ist, nicht zufrieden geben kann und versucht, diese zu transzendieren.“

Aus diesem Grund ist das Religiöse die älteste und systematischste Organisation der utopischen Dimension, die dem Menschen inhärent ist. Bloch drückte dies sehr schön aus: „Wo Religion ist, da ist Hoffnung“, dass noch nicht alles verloren ist. Diese Hoffnung ist die Liebe für das, was noch nicht da ist, „Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“, wie es im Hebräerbrief (11,1) heißt, die aber das Fundament dessen sind, worauf man hofft.

Es war der Philosoph und Mathematiker Ludwig Wittgenstein, der mit Klarheit dieses einzigartige Charakteristikum des Religiösen erkannte und sagte: Der Mensch nimmt nicht nur die rationale und wissenschaftliche Haltung ein, die immer danach fragt, wie die Dinge sind, und nach einer Antwort auf alles sucht. Er hat auch die Fähigkeit zur Ekstase: „Ekstase kann nicht als Frage ausgedrückt werden; darum gibt es auf sie auch keine Antwort.“ Das Mystische existiert: „Das Mystische liegt nicht darin, wie die Welt ist, sondern in der Tatsache, dass sie existiert.“ Die Begrenztheit der Vernunft und des wissenschaftlichen Geistes hat ihren Grund darin, dass es nichts gibt, worüber sie zu schweigen hätten.

Das Religiöse und das Mystische hüllt sich letztlich in nobles Schweigen, denn es findet sich in keinem Wörterbuch ein Begriff, um es zu definieren.

Bisher haben wir über das Religiöse in seiner guten, gesunden Ausprägung gesprochen. Es kann allerdings auch krank werden, und dann entsteht die Krankheit des Fundamentalismus, des Dogmatismus und des exklusiven Wahrheitsanspruchs. Da jede Krankheit den Bezug zur Gesundheit herstellt, muss das Religiöse von seinem gesunden Standpunkt aus analysiert werden, nicht von seiner Krankheit. Folglich macht uns das gesunde Religiöse sensibler und menschlicher. Es ist heute an der Zeit, dass es zu seinem gesunden Zustand zurückkehrt, denn es hilft uns, das Unsichtbare zu lieben und das zu verwirklichen, was noch nicht ist, aber einmal sein kann.

 

 übersetzt von Bettina Gold-Hartnack