Papst Franziskus spricht mit einem Nicht-Gläubigen von Mensch zu Mensch

Franziskus, Bischof von Rom, hat sich aller Titel und Machtsymbole entledigt, die nur dazu dienen, Menschen voneinander abzugrenzen, und hat einen offenen Brief in der größten Zeitung Roms, „La Repubblica“, veröffentlicht, um dem ehemaligen Chefredakteur und berühmten Intellektuellen und Nicht-Gläubigen, Eugenio Scalfari, zu antworten. Dieser hatte öffentlich Fragen an den Bischof von Rom gestellt. Franziskus beging damit eine Tat von außergewöhnlicher Wichtigkeit, nicht nur, weil es in einer noch nie da gewesenen Art und Weise geschah, sondern vor allem, weil er seine Antworten gab wie jemand, der in Offenheit von Mensch zu Mensch spricht und sich mit seinem Gesprächspartner auf Augenhöhe begibt.

Franziskus, der sich bekannterweise lieber Bischof von Rom nennen lässt als Papst, antwortete Eugenio Scalfari wirklich auf herzliche Weise mit warmherziger Intelligenz und freundschaftlichem Herzen, nicht mit kalten Doktrinen. Heutzutage geht es der Philosophie darum, die emotionale Intelligenz aufzuwerten, die die intellektuelle Intelligenz bereichert und erweitert, die sich direkt an den anderen wendet, ihn in der Tiefe anspricht, ohne sich hinter Doktrinen, Dogmen oder Institutionen zu verstecken.

In diesem Sinne handelt Franziskus, für den es nicht maßgeblich ist, ob Scalfari gläubig ist oder nicht, denn jeder hat seine persönliche Geschichte und seinen existenziellen Weg, der respektiert werden muss. Was zählt, ist die Fähigkeit der beiden, dem anderen in Offenheit zuzuhören. Um es mit den Worten des großen spanischen Poeten Antonio Machado auszudrücken: „Deine Wahrheit? Nein, DIE Wahrheit. Lass uns sie gemeinsam suchen. Die Deine kannst du für dich behalten.“ Wichtiger als das eigene Wissen ist es, niemals die Lernfähigkeit zu verlieren. Dies ist der Sinn des Dialogs.

In seinem Brief zeigt Franziskus, dass wir eine vollständigere und weitere Wahrheit suchen, eine, die wir noch nicht besitzen. Um sie zu finden, reicht es nicht, die Dogmen allein zu betrachten oder die abstrakt formulierten Doktrinen. Es besteht Konsens darüber, dass noch nicht alle Antworten gefunden sind und dass alles vom Mysterium umgeben ist. Bei dieser Suche befinden wir uns alle auf demselben Niveau: Glaubende und Nicht-Glaubende, selbst die Kirchentreuen. Alle haben ein Recht darauf, ihre Sichtweise auszudrücken.

Wir alle leben in einem schrecklichen Widerspruch, der Glaubende und Atheisten umtreibt: Warum lässt Gott die großen Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu? Dies ist die Frage, die Papst Benedikt XVI bestürzt beim Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz stellte. Für einen Moment legte er seine Papstrolle ab und sprach wie ein Mensch mit offenem Herzen: „Gott, wo warst du, als diese Gräueltaten stattfanden? Warum hast du dazu geschwiegen?“

Wir Christen müssen zugeben, dass es keine Antwort darauf gibt und dass diese Frage offen bleibt. Wir können nur Trost in der Vorstellung finden, dass Gott unseren Verstand übersteigt. Die intellektuelle Intelligenz schweigt dazu, da sie nicht auf alles eine Antwort hat. Die Genesis befindet sich, laut dem Philosophen Ernst Bloch, nicht an ihrem Beginn, sondern an ihrem Ende. Aus der Sicht von Glaubenden wird alles einmal gut ausgehen. Erst am Ende wird uns gewissermaßen der Sinn unserer Existenz aufgehen. Erst dann werden wir sagen können „Es ist gut“ und das endgültige „Amen“ aussprechen können. Doch solange wir leben, ist nicht alles gut.

Wahrheiten? Absolute und relative Wahrheiten? Ich ziehe es vor, zu antworten wie der große Poet, Mystiker und Pfarrer, der Bischof Don Pedro Casaldáliga im tiefen Amazonien: „Das Absolute? Nur Gott und der Hunger.“

Ich bin sehr zuversichtlich, dass Franziskus mit seinem Dialog Großes für das Wohl der Menschheit erreichen kann. Er begann, weitreichende Reformen des Papsttums durchzuführen, und bald wird die Kurie reformiert werden. Bei mehreren Gelegenheiten verdeutlichte er, dass alle Themen diskutiert werden können, was noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen wäre. Themen wie der Zölibat der Priester, das Priesteramt für Frauen, die Sexualmoral und das Phänomen der Homosexualität durften bis vor kurzem von Theologen und Bischöfen nicht angesprochen werden.

 Mir scheint, dies ist der erste Papst, der keine monarchische und absolutistische Regierung möchte, keine „Macht“, wie Scalfari sagte. Stattdessen möchte er dem Evangelium so nah wie möglich sein, das für die Prinzipien der Barmherzigkeit und des Mitgefühls steht, indem für ihn der Referenzpunkt die Menschheit ist.

Gewiss könnte dieser Dialog mit den Nicht-Gläubigen wirklich ein neues Fenster zu einer Ethik der Moderne erweitern und öffnen, die nicht nur der Technologie Rechnung trägt, sondern auch der Wissenschaft und der Politik, und die auch dazu führen könnte, die Ausgrenzung zu überwinden, die ein typisches Verhaltensmerkmal der katholischen Kirche darstellt, mit anderen Worten, die Arroganz, die sich in der Annahme verbirgt, die einzige wahrhafte Erbin der Botschaft Jesu zu sein. Es ist immer wieder gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Gott seinen Sohn in die ganze Welt gesandt hat und nicht nur zu den Getauften. Er erleuchtet alle Geborenen, nicht nur die Glaubenden, wie der Hl. Johannes im Prolog seines Evangeliums bekräftigt.

In diesem Sinne habe ich Papst Franziskus in einem Brief vorgeschlagen, ein ökumenisches Konzil der ganzen Christenheit, aller Kirchen, einzuberufen, einschließlich Atheisten, die durch ihre Weisheit und ihre Ethik dazu beitragen können, die Gefahren, die unserem Planeten drohen, zu analysieren und ihnen zu begegnen. Und zuallererst die Frauen, Erzeugerinnen des Lebens, denn das Leben selbst ist gefährdet.

Das Christentum hat sich als ein abendländisches Phänomen gezeigt und muss jetzt seinen Platz in der neuen Phase der Menschheit, der planetarischen Phase, finden. Nur so wird es für alle und jeden da sein.

Bei Franziskus, so wie er sich schon in Argentinien gezeigt hat, kann ich absolut keine Eroberungsabsicht oder Ansätze zur Proselytenmacherei erkennen, sondern, wie Scalfari bekräftigt, den Willen, Zeuge der Botschaft Jesu und Weggefährte für die anderen zu sein. Bevor das Christentum eine Institution wurde, war es eine Bewegung, die Bewegung Jesu und der Apostel. In dieser Perspektive ist es wichtiger, die Erfahrung der Dimension der Menschenwürde, der Ethik und der Grundrechte zu machen, als einfach einer Kirche beizutreten. Dies ist der Fall für Eugenio Scalfari. Es ist wichtiger, die Dimension des Lichtes als die der Dunkelheit der Geschichte zu betrachten, wie Brüder und Schwestern im einen, gemeinsamen Haus zu leben, der Mutter Erde, die Entscheidungen eines jeden zu respektieren unter dem großen Regenbogen, der das Symbol der Transzendenz des menschlichen Wesens ist.

Der lange Winter der Kirche ist vorbei. Wir erwarten einen sonnigen Frühling voller Blumen und Früchte, wo es sich lohnt, Mensch und Christ zu sein auch in der Form der katholischen Kirche.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Papst Franziskus holt die Dritte Welt in den Vatikan

Die zahlreichen Innovationen, die Papst Franziskus, oder der Bischof von Rom, wie er sich gern nennen lässt, eingeführt hat, sind weithin bekannt. Sie beziehen sich auf seine Gewohnheiten und seine Art, der Kirche in Sanftmut, Verständnis, Dialog und Mitgefühl vorzustehen.

 

Manche sind verblüfft darüber, denn sie sind an den klassischen Papststil gewohnt und vergessen, dass dieser ein Erbe der heidnischen römischen Kaiser ist, vom Namen „Papst“ bis zur Mozetta, dem reich verzierten Schulterkragen, Symbol der absolutistischen kaiserlichen Macht, die Franziskus schnell ablehnte. 

 

Wir dürfen nicht vergessen, dass der aktuelle Papst von außen, also aus der Peripherie der zentralen europäischen Kirche, stammt. Er hat einen anderen kirchlichen Erfahrungshintergrund mit neuen Gewohnheiten und einer anderen Art, die Welt mit ihren Widersprüchlichkeiten wahrzunehmen. Er hat dies bewusst in seinem ausführlichen Gespräch mit der Jesuiten-Zeitschrift Civiltà cattolica zum Ausdruck gebracht: „Die jungen Kirchen entwickeln eine Synthese aus Glauben, Kultur und Leben im Werden. Sie unterscheiden sich von darin von der Synthese der älteren Kirchen.“  Diese sind nicht so sehr vom Denken für die Zukunft geprägt, sondern von der Stabilität, und es fällt ihnen schwer, neue Elemente der modernen weltlichen und demokratischen Kultur aufzunehmen.

 

An dieser Stelle insistiert Papst Franziskus auf der Unterschiedlichkeit. Ihm ist bewusst, dass er eine andere Erfahrung von Kirche-Sein mitbringt, die sich in der sogenannten Dritten Welt entwickelt hat. Er wurde geprägt von der tiefen sozialen Ungerechtigkeit, der absurden Anzahl von Slums, die fast alle Städte umgeben, von den indigenen Kulturen, die noch immer gering geschätzt werden, und von der Diskriminierung, die die Nachkommen einstiger afrikanischer Sklaven noch heute erfahren. Die Kirche hat begriffen, dass sie sich nicht mit ihrem spezifischen religiösen Missionsauftrag zufrieden geben kann, sondern dass es ihr auch um eine dringende soziale Mission auf Seiten der Schwachen und Unterdrückten gehen muss und um den Kampf für deren Befreiung. In mehreren Bischofsversammlungen des lateinamerikanischen Kontinents und der Karibik (CELAM) reifte die Option für die Armen und gegen deren Armut sowie für die Evangelisierung der Befreiung.

 

Papst Franziskus kommt aus dieser kirchlichen und kulturellen Schmelztiegel. Hier finden sich ganz selbstverständlich diese Optionen mit ihren theologischen Reflexionen, mit einer Art, den Glauben in einem Netz von Gemeinschaften zu leben und im Gottesdienst den Gebeten aus dem Volk einen Platz zu geben. Dies ist nicht der Fall für die Kirche der alten europäischen Christenheit, die von Traditionen geprägt ist, von Theologien, Kathedralen und einer Weltsicht, die vom hellenistisch-römisch-germanischen Stil geprägt ist, die christliche Botschaft zu transportieren. Da Franziskus aus einer Kirche stammt, die die Armen in ihren Mittelpunkt stellt, besuchte er zuerst die Flüchtlinge auf der Insel Lampedusa, ging dann nach Rom zum Zentrum der Jesuiten und anschließend zu den Arbeitslosen Korsikas. Für ihn ist dies selbstverständlich, doch für die anderen europäischen Christen ist dies beinahe skandalös und unerhört. Die Option für die Armen, von den Vorgängerpäpsten noch bekräftigt, war nichts als rhetorisch und konzeptuell. Es gab keine wirklichen Begegnungen mit den Armen und dem Leid. Mit Franziskus erleben wir das genaue Gegenteil: die Verkündigung besteht in affektiver und effizienter Praxis.

 

Vielleicht machen diese Worte Franziskus’, seine Art zu leben und den Auftrag der Kirche zu sehen, verständlich: „Ich sehe die Kirche als ein Krankenhaus auf dem Land nach einer Schlacht. Es ist unwesentlich, einen Schwerverletzten zu fragen, ob er einen erhöhten Cholesterin- oder Zuckerspiegel hat! Die Wunden müssen versorgt werden. Danach kann man über anderes reden.“ „Die Kirche“, fährt er fort „hat sich manchmal in Kleinigkeiten eingeschlossen, in kleine Grundsätze”.

“Am wichtigsten ist aber die erste Ankündigung: „Jesus hat dich erlöst!“ Folglich müssen die Diener der Kirche an erster Stelle Diener der Barmherzigkeit sein. Strukturelle und organisatorische Reformen sind zweitrangig, d. h. sie müssen anschließend durchgeführt werden. Die erste Reform gilt der Haltung. Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, mit ihnen durch die Nacht zu gehen, den Dialog aufzugreifen und ebenfalls in ihre Dunkelheit aufzubrechen, ohne sich zu verirren. Das Volk Gottes“, sagt er abschließend, „braucht Hirten, nicht Beamte oder Kleriker des Staates.“ In Brasilien wandte er sich an die lateinamerikanischen Bischöfe und gab ihnen den Auftrag, die „Revolution der Sanftmut“ durchzuführen”.

 

“Daraus folgt, dass im Mittelpunkt nicht die Doktrin oder die Disziplin steht, die in der vorigen Periode so dominant waren, sondern der Mensch auf seiner Suche, ob gläubig oder nicht gläubig”. Dies zeigte sich im Dialog, den Franziskus mit dem Nicht-Gläubigen und ehemaligem Chefredakteur der römischen Tageszeitung „La Repubblica“, Eugenio Scalfari, führte. Dies ist ein neuer Impuls, der von den neuen Kirchen der Peripherie kommt und der ganzen Kirche einen frischen Wind verleiht.

Der Frühling ist wirklich eingetroffen, und er ist viel versprechend.

 

 

 

 

 

Papst Franziskus spricht mit einem Nicht-Gläubigen von Mensch zu Mensch

 

 

Franziskus, Bischof von Rom, hat sich aller Titel und Machtsymbole entledigt, die nur dazu dienen, Menschen voneinander abzugrenzen, und hat einen offenen Brief in der größten Zeitung Roms, „La Repubblica“, veröffentlicht, um dem ehemaligen Chefredakteur und berühmten Intellektuellen und Nicht-Gläubigen, Eugenio Scalfari, zu antworten. Dieser hatte öffentlich Fragen an den Bischof von Rom gestellt. Franziskus beging damit eine Tat von außergewöhnlicher Wichtigkeit, nicht nur, weil es in einer noch nie da gewesenen Art und Weise geschah, sondern vor allem, weil er seine Antworten gab wie jemand, der in Offenheit von Mensch zu Mensch spricht und sich mit seinem Gesprächspartner auf Augenhöhe begibt.

 

Franziskus, der sich bekannterweise lieber Bischof von Rom nennen lässt als Papst, antwortete Eugenio Scalfari wirklich auf herzliche Weise mit warmherziger Intelligenz und freundschaftlichem Herzen, nicht mit kalten Doktrinen. Heutzutage geht es der Philosophie darum, die emotionale Intelligenz aufzuwerten, die die intellektuelle Intelligenz bereichert und erweitert, die sich direkt an den anderen wendet, ihn in der Tiefe anspricht, ohne sich hinter Doktrinen, Dogmen oder Institutionen zu verstecken.

 

In diesem Sinne handelt Franziskus, für den es nicht maßgeblich ist, ob Scalfari gläubig ist oder nicht, denn jeder hat seine persönliche Geschichte und seinen existenziellen Weg, der respektiert werden muss. Was zählt, ist die Fähigkeit der beiden, dem anderen in Offenheit zuzuhören. Um es mit den Worten des großen spanischen Poeten Antonio Machado auszudrücken: „Deine Wahrheit? Nein, DIE Wahrheit. Lass uns sie gemeinsam suchen. Die Deine kannst du für dich behalten.“ Wichtiger als das eigene Wissen ist es, niemals die Lernfähigkeit zu verlieren. Dies ist der Sinn des Dialogs.

 

In seinem Brief zeigt Franziskus, dass wir eine vollständigere und weitere Wahrheit suchen, eine, die wir noch nicht besitzen. Um sie zu finden, reicht es nicht, die Dogmen allein zu betrachten oder die abstrakt formulierten Doktrinen. Es besteht Konsens darüber, dass noch nicht alle Antworten gefunden sind und dass alles vom Mysterium umgeben ist. Bei dieser Suche befinden wir uns alle auf demselben Niveau: Glaubende und Nicht-Glaubende, selbst die Kirchentreuen. Alle haben ein Recht darauf, ihre Sichtweise auszudrücken.

 

Wir alle leben in einem schrecklichen Widerspruch, der Glaubende und Atheisten umtreibt: Warum lässt Gott die großen Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu? Dies ist die Frage, die Papst Benedikt XVI bestürzt beim Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz stellte. Für einen Moment legte er seine Papstrolle ab und sprach wie ein Mensch mit offenem Herzen: „Gott, wo warst du, als diese Gräueltaten stattfanden? Warum hast du dazu geschwiegen?“

 

Wir Christen müssen zugeben, dass es keine Antwort darauf gibt und dass diese Frage offen bleibt. Wir können nur Trost in der Vorstellung finden, dass Gott unseren Verstand übersteigt. Die intellektuelle Intelligenz schweigt dazu, da sie nicht auf alles eine Antwort hat. Die Genesis befindet sich, laut dem Philosophen Ernst Bloch, nicht an ihrem Beginn, sondern an ihrem Ende. Aus der Sicht von Glaubenden wird alles einmal gut ausgehen. Erst am Ende wird uns gewissermaßen der Sinn unserer Existenz aufgehen. Erst dann werden wir sagen können „Es ist gut“ und das endgültige „Amen“ aussprechen können. Doch solange wir leben, ist nicht alles gut.

 

Wahrheiten? Absolute und relative Wahrheiten? Ich ziehe es vor, zu antworten wie der große Poet, Mystiker und  Bischof Don Pedro Casaldáliga im tiefen Amazonien: „Das Absolute? Nur Gott und der Hunger.“

 

Ich bin sehr zuversichtlich, dass Franziskus mit seinem Dialog Großes für das Wohl der Menschheit erreichen kann. Er begann, weitreichende Reformen des Papsttums durchzuführen, und bald wird die Kurie reformiert werden. Bei mehreren Gelegenheiten verdeutlichte er, dass alle Themen diskutiert werden können, was noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen wäre. Themen wie der Zölibat der Priester, das Priesteramt für Frauen, die Sexualmoral und das Phänomen der Homosexualität durften bis vor kurzem von Theologen und Bischöfen nicht angesprochen werden.

 

Mir scheint, dies ist der erste Papst, der keine monarchische und absolutistische Regierung möchte, keine „Macht“, wie Scalfari sagte. Stattdessen möchte er dem Evangelium so nah wie möglich sein, das für die Prinzipien der Barmherzigkeit und des Mitgefühls steht, indem für ihn der Referenzpunkt die Menschheit ist.

 

Gewiss könnte dieser Dialog mit den Nicht-Gläubigen wirklich ein neues Fenster zu einer Ethik der Moderne erweitern und öffnen, die nicht nur der Technologie Rechnung trägt, sondern auch der Wissenschaft und der Politik, und die auch dazu führen könnte, die Ausgrenzung zu überwinden, die ein typisches Verhaltensmerkmal der katholischen Kirche darstellt, mit anderen Worten, die Arroganz, die sich in der Annahme verbirgt, die einzige wahrhafte Erbin der Botschaft Jesu zu sein. Es ist immer wieder gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Gott seinen Sohn in die ganze Welt gesandt hat und nicht nur zu den Getauften. Er erleuchtet alle Geborenen, nicht nur die Glaubenden, wie der Hl. Johannes im Prolog seines Evangeliums bekräftigt.

 

In diesem Sinne habe ich Papst Franziskus in einem Brief vorgeschlagen, ein ökumenisches Konzil der ganzen Christenheit, aller Kirchen, einzuberufen, einschließlich Atheisten, die durch ihre Weisheit und ihre Ethik dazu beitragen können, die Gefahren, die unserem Planeten drohen, zu analysieren und ihnen zu begegnen. Und zuallererst die Frauen, Erzeugerinnen des Lebens, denn das Leben selbst ist gefährdet.

 

Das Christentum hat sich als ein abendländisches Phänomen gezeigt und muss jetzt seinen Platz in der neuen Phase der Menschheit, der planetarischen Phase, finden. Nur so wird es für alle und jeden da sein.

 

Bei Franziskus, so wie er sich schon in Argentinien gezeigt hat, kann ich absolut keine Eroberungsabsicht oder Ansätze zur Proselytenmacherei erkennen, sondern, wie Scalfari bekräftigt, den Willen, Zeuge der Botschaft Jesu und Weggefährte für die anderen zu sein. Bevor das Christentum eine Institution wurde, war es eine Bewegung, die Bewegung Jesu und der Apostel. In dieser Perspektive ist es wichtiger, die Erfahrung der Dimension der Menschenwürde, der Ethik und der Grundrechte zu machen, als einfach einer Kirche beizutreten. Dies ist der Fall für Eugenio Scalfari. Es ist wichtiger, die Dimension des Lichtes als die der Dunkelheit der Geschichte zu betrachten, wie Brüder und Schwestern im einen, gemeinsamen Haus zu leben, der Mutter Erde, die Entscheidungen eines jeden zu respektieren unter dem großen Regenbogen, der das Symbol der Transzendenz des menschlichen Wesens ist.

 

Der lange Winter der Kirche ist vorbei. Wir erwarten einen sonnigen Frühling voller Blumen und Früchte, wo es sich lohnt, Mensch und Christ zu sein. 

 

 

 

(Telefon-Interview durchgeführt von Vera Schiavazzi von Romano Canavese, Turin, am 15. September 2013)

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack


 

 

 

Die notwendige Rettung der sozio-ökologischen Sensibilität

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Vom 19. bis 23. August fand in Kopenhagen der XIX. Internationale Kongress für die Analytische Psychologie C. G. Jungs statt, an dem ich auch teilnahm. Es gab ungefähr 700 Jung-Anhänger, die aus allen Teilen der Erde kamen, sogar aus Sibirien, China und Korea. Die meisten waren sehr erfahrene Analytiker, darunter zahlreiche Autoren wichtiger Büchern dieser Domäne. Vorherrschend war die Tendenz, dass für die Psychologie im Allgemeinen, und für die C. G. Jungs im Besonderen, die Notwendigkeit besteht, den sozialen und ökologischen Kommunitarismus zugänglich zu machen.

 

Dieses Anliegen ist auf die Denkweise C. G. Jungs selbst zurückzuführen. Für ihn gibt es in der Psychologie keine Grenzen zwischen Kosmos und Leben, zwischen Biologie und Geist, zwischen Körper und Verstand, zwischen Bewusstem und Unbewusstem oder zwischen Individuum und Kollektiv. Die Psychologie hat mit dem Leben in seiner Ganzheit zu tun, in seiner rationalen und irrationalen Dimension, symbolisch und virtuell, sozial und individuell, irdisch und kosmisch und in seinen finsteren und hellen Aspekten. Aus diesem Grund interessierte er sich für alles: für  esoterische Phänomene, die Alchimie, die Parapsychologie, die Spiritualität, die fliegenden Untertassen, die Philosophie, die Theologie, die orientalische und abendländische Mystik, die indigenen Völker und für die fortschrittlichsten wissenschaftlichen Theorien. Es gelang ihm, all diese Wissensfelder miteinander zu verknüpfen, indem er die verborgenen Beziehungen aufdeckte, welche überraschende Dimensionen der Wirklichkeit zum Vorschein brachte. Aus alldem zog der Lektionen, Hypothesen und öffnete mögliche Fenster zur Realität. Er entschied sich also nicht für eine einzige Disziplin, weshalb er von vielen lächerlich gemacht wurde.

 

Dieser ganzheitliche und systemische Ansatz muss heute von uns in unserer Lesart der Wirklichkeit übertragen werden. Andernfalls bleiben wir in zerstückelten Visionen verhaftet und verlieren den Blick für das Ganze. In diesem Bemühen ist Jung ein bevorzugter Ansprechpartner, insbesondere für die Erhaltung der empfindsamen Vernunft.

 

Der Versuch, die in den Mythen verborgenen Botschaften zu entziffern und diese wertzuschätzen, ist sein Verdienst. Die Mythen sind die Sprache des kollektiven Unbewussten, das eine gewisse Eigenständigkeit besitzt. Es besitzt uns mehr als dass wir es besitzen. Jeder wird mehr gedacht als dass er selbst denkt. Das Organ, das die Bedeutung der Mythen, der Symbole und der großen Träume wahrnimmt, ist die empfindsame Vernunft oder die Vernunft des Herzens. Diese wird heutzutage skeptisch betrachtet, denn sie könnte die Objektivität des Gedankens beeinträchtigen. Jung hat die exzessive Nutzung der instrumental-analytischen Vernunft kritisiert, denn diese schließt zahlreiche Fenster zur Seele.

 

Der Dialog, den Jung 1924-1925 mit einem Pueblo-Indianer aus Neu-Mexiko führte, ist allgemein bekannt. Dieser Indianer dachte, die Weißen wären verrückt. Jung fragte ihn, wieso die Weißen verrückt wären. „Weil sie sagen“, antwortete der Indianer, „dass sie mit ihrem Kopf denken.“ „Natürlich denken sie mit ihrem Kopf.“ sagte Jung. „Wie denkt ihr denn?“ Und der Indianer antwortete überrascht: „Wir denken hier“, und zeigte dabei auf sein Herz. (Erinnerungen Sonhos, S. 233)

 

Dieser Dialog bewirkte eine Veränderung in der Denkweise Jungs. Ihm wurde klar, dass die Europäer die Welt mit dem Kopf erobert hatten, doch ihre Fähigkeit, mit dem Herzen zu denken und zu fühlen und durch die Seele zu leben, verloren hatten.

 

Selbstverständlich geht es nicht darum, auf die Vernunft zu verzichten. Dies wäre ein Verlust für alle Menschen. Vielmehr geht es darum, ihre eingeschränkte Fähigkeit für das Verständnis abzulehnen. Es ist wichtig, die Empfindsamkeit und das Herz als zentrale Elemente für das Wissen anzuerkennen. Sie ermöglichen uns, die Werte und Bedeutungen, die sich in der Tiefe des gesundes Menschenverstandes befinden, zu erfassen. Der Geist ist immer miteinbezogen und daher von Sensibilität geprägt, nicht nur vom Intellekt.

 

In seinen Erinnerungen sagt er: „Es gibt so viele Dinge, die mich ausfüllen: Pflanzen, Tiere, Wolke, Tag, Nacht und die ewige Präsens im Menschen. Je unsicherer ich mir über mich selbst bin, umso mehr wächst in mir das Gefühl, mit allem verwandt zu sein.“ (361)

 

Das Drama das heutigen Menschen liegt im Verlust seiner Fähigkeit, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu empfinden, das die Religionen immer ermöglichten. Das Gegenteil von Religion ist nicht Atheismus oder die Leugnung eines Göttlichen. Das Gegenteil von Religion besteht in der Unfähigkeit, sich mit allen Dingen verbunden und rückverbunden zu fühlen. Die Menschen von heute sind entwurzelt, von der Erde und der Seele abgeschnitten, die Ausdruck der Sensibilität und Spiritualität ist.

 

Für Jung ist das große Problem nun psychologischer Natur. Nicht die Psychologie als Disziplin oder einfach als eine Seelendimension, sondern Psychologie im integrierenden Sinne, als die Ganzheit des Lebens und des Universums, wie es vom Menschen wahrgenommen und dargestellt wird. In dieser Hinsicht schrieb er: „Es ist meine tiefe Überzeugung, dass von nun an und für eine unbestimmte Zeit in der Zukunft das wahre Problem psychologischer Natur ist. Die Seele ist Vater und Mutter all der ungelösten Schwierigkeiten, mit denen wir uns an den Himmel wenden.“ (Briefe III, 243)

 

Wenn es uns heute nicht gelingt, die empfindsame Vernunft zu retten, die eine essentielle Dimension der Seele darstellt, wird es schwierig sein, Respekt für die Andersartigkeit von Lebewesen aufzubringen, die Erde mit all ihren Ökosystemen zu lieben und Mitgefühl für all diejenigen aufzubringen, die an der Natur und an der Menschheit leiden.

 

 übersetzt von Bettina Gold-Hartnack