Recyceln von Wertstoffen und von Menschen

 

  In Brasilia (Brasilien) fand vom 28.-30. Oktober das 12. Müll- und Bürgerfestival unter dem Motto: „Recyceln für eine bessere Welt“ statt. Aus allen Teilen des Landes kamen mehr als tausend Sammler von recycelbarem Material, das sie in den städtischen Müllhalden finden. Ich konnte bewegt daran teilnehmen, denn ich habe jahrelang diejenigen begleitet, die verwertbares Material auf den großen Müllkippen von Petropolis aufsammelte.

Angesichts der Vielzahl an Menschen, die einen riesigen Raum füllten, sich gegenseitig umarmten und zum ersten Mal seit langem wiedersahen oder überhaupt zum ersten Mal trafen, glücklich und festlich, in einfacher Kleidung und zum Großteil afrikastämmig, fragte ich mich: Wer sind sie? Woher kommen sie? Und mir schien, als hörte ich eine innere Stimme wie im Buch der Apokalypse, Kapitel 7,14, die zu mir sprach: „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen“, die Überlebenden des harten Überlebenskampfs, geehrt, weil sie sich tapfer und siegreich allein den harten Kämpfen stellen, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu verdienen.

 

In Brasilien gibt es zwischen 800 000 und einer Million Männer und Frauen, die verwertbare Feststoffe recyceln. Der steigende Konsum führt zu vielen verwertbaren Abfällen aller Arten, organisch und fest, wie z. B. Karton, Plastik, Aluminium und Glas. Man schätzt, dass jeder Brasilianer ein Kilogramm Müll pro Tag produziert, vor allem in den städtischen Gebieten. Gemäß dem IBGE (Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik) von 2008 besitzen 50 % der Städte (5507) eine offene Müllkippe. Dort kommen tausende von Menschen, Jung und Alt, zusammen und sammeln, was zu sammeln ist, einschließlich Nahrung. Diese Aktivität ist äußerst gefährlich, denn dort kann man sich viele ansteckende und entzündliche Krankheiten zuziehen. Ich habe dort Leute gesehen, die sich in würdeloser Weise um Schweine und Geier stritten. Dies ist das Ergebnis einer Konsum- und Müll-Gesellschaft, die nicht gelernt hat, nach der 4r-Regel zu leben: reduce (reduzieren), reuse (wieder verwenden), repair (reparieren) und recycle (recyceln).

 

Es ist nicht das Unmenschlichste, Müll-Recycler zu sein und von dem leben zu müssen, was andere wegwerfen, sondern es ist das Stigma, das diesen Arbeitern anhaftet, die oftmals als Bettler und Vagabunden verachtet werden.

 

Erst waren sie völlig unsichtbar. Niemand achtete auf sie oder beachtete sie.  Später, als man sich ihrer mehr und mehr bewusst wurde, stellten sie sich selbst als Arbeiter vor, die durch das tonnenweise Sammeln von Müll eine wichtige Funktion ausübten: die Städte sauber zu halten und die Straßen vor dem Überfluten zu bewahren. Schließlich begannen sie, sich in Kooperativen und Vereinen zusammen zu schließen und sich als Bürger und Aktivisten sozialer und ökologischer Transformation zu sehen. Sie gewannen an Sichtbarkeit und an Anerkennung. Vom 4.-6. Juni 2001 führten sie in Brasilia den 1. Nationalkongress von Recyclern und Recyclerinnen durch, an dem 1600 Personen teilnahmen. Von dort wurde der Brief von Brasilia gestartet, in dem sie ihre Identität begründeten und wichtige Rechte durchsetzten.

 

Es fand dann 2006 in Brasilia ein nennenswerter Marsch von 1200 Personen statt, die den Platz der Drei Gewalten besetzten, um nach Rechten und öffentlicher Anerkennung für ihre Arbeit zu verlangen. Diese wurden 2009 mit dem Cataforte Program erreicht, das am 31. Juli 2013 um 200 Millionen Reais aufgestockt wurde, um mit großen Lagerräumen und Lastwagen das Sammeln der Wertstoffe zu unterstützen. Diese Maßnahmen sowie Druck auf staatliche Einrichtungen sind  zu einem großen Teil dem persönlichen Interesse des Ministers des Generalsekretärs der Präsidentin, Gilberto Carvalho, zu verdanken, der sich schon immer für die Recycler einsetzte. Am 30. Oktober 2013, anlässlich des 12. Müll- und Bürgerfestivals in Brasilia, erneuerte er in seinem Namen und im Namen der Präsidentin Dilma Roussef die Zusage, die jetzigen und zukünftigen Kooperativen und Vereinigungen der Recycler zu stärken.

 

Von großer Bedeutung war das 4. Festival, das vom 5.-9. September 2005 in Anwesenheit von Präsident Lula und Danielle Mitterand, der Witwe des verstorbenen französischen Präsidenten, stattfand. Unterstrichen wurde dort die Wichtigkeit der Grundrechte der Recycler und dass sie die notwendigen Mittel bekommen, um in würdiger Weise und in ausreichender Sicherheit den Müll sammeln und sortieren zu können. Das Itaipu Binacional versorgte sie mit einem elektrischen Fahrzeug, das bis zu drei Tonnen Material bis zu 8 Stunden am Tag transportieren kann.

Der große Kampf dieser Arbeiter besteht darin, zu verhindern, dass sich die großen Unternehmen, die das Müllsammeln als ein hoch rentables Geschäft entdeckt haben, sich mit den Vertretern der Staatsmacht zusammenschließen, um sich die Dienste der Recycler anzueignen und ihnen damit ihre Lebensgrundlage zu entziehen und sie so wieder der Unsicherheit preisgeben. Diese Unternehmen könnten sich nur legitimieren, wenn sie die Recycler einbinden, ohne ihnen ihren Wert zu nehmen, der sie als Solidargemeinschaft auszeichnet, als ein dauerhaftes Band, das sie im Lauf der Zeit entwickelten.

 

Ja, sie kommen aus der großen brasilianischen Bedrängnis. Sie recyceln nicht nur Wertstoffe, sondern Menschen, und zwar dergestalt, dass sie gemeinsam ihre Selbständigkeit errichten, ihre Würde zurückgewinnen und sich als „wahre Umweltpropheten“ in der Gesellschaft integrieren und als Bürger, die über ihre Probleme nachdenken und diskutieren, über ihre gemeinsamen Kämpfe entscheiden und sich unentbehrlich machen innerhalb der Art von Gesellschaft, die wir errichtet haben. Sie verdienen Respekt, Anerkennung und unsere volle Unterstützung.

 

 Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Freundschaft und Liebe bedürfen der Pflege

 

 

Keine zwischenmenschliche Beziehung ist so bereichernd wie die Freundschaft und die Liebe, die wir Menschen erfahren und derer wir uns erfreuen können. Selbst die glühendsten Mystiker vermögen sich mit dem Göttlichen nur über den Weg der Liebe vereinen. Nach den Worten des Hl. Johannes vom Kreuz ist dies die „Erfahrung der Geliebten (Seele), die sich in den Geliebten verwandelt“.

In der Literatur gibt es eine Fülle von Werken über diese zwei Grunderfahrungen. Hier beschränken wir uns auf ein Minimum. Die Freundschaft ist eine Beziehung, die aus einer unbekannten Affinität entsteht, einer völlig unerklärlichen Sympathie, einer liebevollen Nähe, die uns für den anderen ergreift. Zwischen Freunden und Freundinnen entsteht so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Die Freundschaft lebt von der Selbsthingabe, von Vertrauen und Loyalität. Freundschaften sind so tief verwurzelt, dass, wenn Freunde sich nach langer Zeit wieder treffen, ihre Verbindung wieder aufgenommen wird und sie sich sogar an ihr letztes gemeinsames Gespräch erinnern können, das schon lange zurück liegt.

Eine Freundschaft zu pflegen heißt achtsam mit dem Leben des Freundes und mit dessen Freud und Leid umzugehen. Ist er in seiner Verletzlichkeit getroffen und verdeckt seine Betroffenheit ihm den Blick zu seinem Leitstern, so findet er bei uns eine Schulter zum Anlehnen. In leidvollen Situationen, in Existenz-, Berufs- und Beziehungskrisen stellt sich heraus, wer unsere wahren Freunde und Freundinnen sind. Sie sind wie der starke Wehrturm der schwachen Burg unseres Pilgerlebens.

 

Die intensivste Beziehung erleben wir in der Liebe. Sie lässt uns die glücklichsten Momente erfahren sowie die schmerzlichsten Frustrationen. Nichts ist mysteriöser als die Liebe. Sie lebt vom Zusammentreffen zweier Personen, deren Wege sich eines Tages kreuzen, die sich im Blick und in der Gegenwart des anderen wiederfinden, da ein Gefühl der Verliebtheit und des zueinander hingezogen Seins entsteht sowie das Verlangen nach Nähe, bis hin zu dem Wunsch, das ganze Leben miteinander zu teilen, als auch das Schicksal, die schönen und weniger schönen Seiten, die das Leben uns bietet. Nichts ist vergleichbar mit dem Glück, zu lieben und geliebt zu werden. Und nichts ist zerstörerischer, den Worten des Poeten Ferreira Gullar zufolge, als demjenigen, den man liebt, seine Liebe nicht schenken zu können.

All diese Werte, die zu den kostbarsten zählen, sind auch die zerbrechlichsten, denn sie sind den Widersprüchlichkeiten der menschlichen Existenz am stärksten ausgesetzt.

 

Wir alle tragen in uns Licht und Schatten, bringen unterschiedliche persönliche und familiäre Geschichten mit, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden archetypischen Wurzeln unserer Vorfahren, die gezeichnet sind von den guten und tragischen Ereignissen, welche ihre Spuren im genetischen Gedächtnis eines jeden hinterlassen haben.

Die Liebe ist eine subtile Kunst, die all diese Faktoren miteinander verbindet. Sie erfordert die Fähigkeiten des Verstehens, des Verzichts, der Geduld und des Verzeihens, und gleichzeitig schenkt sie die gemeinsame Freude an der Liebe, sexuelle Intimität, gegenseitige Hingabe. Die Erfahrung der Liebe ist die Grundlage, um die Wesensart Gottes zu erkennen. Er ist wesentliche und bedingungslose Liebe.

Doch die Liebe allein reicht nicht aus. Aus diesem Grund zählt der Hl. Paulus in seinem Hohelied der Liebe die Attribute auf, ohne die die Liebe nicht andauern und ausstrahlen kann. „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht  zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach (…) Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,4-7). Auf diese Begleiter der Liebe zu achten, liefert den nötigen Humus, damit die Liebe immer lebendig bleibt und nicht aus Gleichgültigkeit stirbt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Je größer die Fähigkeit zur Selbstaufgabe, umso größer und stärker ist die Liebe. Diese Form steht für einen außerordentlichen Mut und gleicht einer Todeserfahrung für denjenigen, der nichts für sich zurückbehält und ganz im anderen aufgeht. Für einen Mann ist diese extreme Haltung ganz besonders schwierig, was möglicherweise im Erbe des Sexismus begründet ist sowie im Patriarchat und im Rationalismus der Jahrhunderte, die er in sich trägt und der seine Fähigkeit zu einem solch extremen Vertrauen einschränkt.

Die Frau ist radikaler: Sie ist in der Lage, sich in der Liebe rückhaltlos und ohne Einschränkung bis zum Äußersten hinzugeben. Daher ist ihre Liebe vollständig und verwirklicht, und wenn diese frustriert wird, zeigt sich das Leben von seiner tragischen Seite und macht seine tiefen Abgründe sichtbar.

Das größte Geheimnis, wie die Liebe zu pflegen ist, besteht in der Pflege der einfachen Zärtlichkeit. Die Zärtlichkeit lebt von der Freundlichkeit, den kleinen Gesten der Zuneigung, den greifbaren Sakramenten, wie z. B. eine Muschel am Strand aufzuheben und sie dem geliebten Menschen zu bringen und ihm zu sagen, dass man in diesem Moment voll Zärtlichkeit an ihn gedacht hat.

Diese Banalitäten wiegen mehr als die wertvollsten Edelsteine. So wie ein Stern nicht ohne die ihn umgebende Atmosphäre leuchten kann, so kann auch die Liebe nicht ohne die Aura der Zärtlichkeit, der Zuneigung und der Achtsamkeit leben.

Liebe und Achtsamkeit sind ein unzertrennliches Paar. Kommt es zwischen ihnen zur Trennung, stirbt die eine oder andere an Einsamkeit. Liebe und Achtsamkeit sind eine Kunst. Wir geben Acht auf das, was uns wichtig ist. Und wir lieben, worauf wir Acht geben.

Alles was lebt, muss ernährt und gehalten werden. Das Gleiche gilt für die Liebe und die Achtsamkeit. Sie nähren sich von der liebenden gegenseitigen Unterstützung. Der Schmerz und die Freude des einen sind Schmerz und Freude des anderen.

Um die zerbrechliche Eigenschaft der Liebe zu bestärken, brauchen wir jemanden, der größer, zärtlicher und liebevoller ist, auf den wir immer zählen können. Daher ist es wichtig, dass sich die Liebenden Zeit nehmen für die Öffnung hin zu und der Kommunion mit diesem Größeren, dessen Natur die Liebe ist. Diese Liebe bewegt, laut Dante Alighieris Göttlicher Komödie „den Himmel und die Sterne“, und wir fügen hinzu: sie bewegt unsere Herzen.

 

 Siehe auch: Leonardo Boff, „Achtsamkeit: Von der Notwendigkeit, unsere Haltung zu ändern“, Claudius Verlag, München 2013

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Die Welt, in der wir leben, führt zum Ökozid

 

Am 27 September trafen sich Hunderte von Wissenschaftlern in Stockholm zum Weltklimarat (IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change), um das Ausmaß der globalen Erwärmung abzuschätzen. Sie veröffentlichten folgende beunruhigende Ergebnisse: „Die Konzentration von Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und von Distickstoffmonoxid (N2O ), die Hauptverursacher der globalen Erwärmung, überschreiten inzwischen erheblich die bisherigen Höchstmesswerte, die in den Eisbohrkernen aus den vergangenen 800 000 Jahren gewonnen wurden.“ Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % hat der Mensch zu dieser Erwärmung beigetragen. Zwischen 1951 und 2010 stieg die Temperatur um 0,5°C bis 1,3°C an, an manchen Orten sogar um 2°C. Die Vorhersagen für Brasilien sind nicht ermutigend: ab 2050 wird es dort das ganze Jahr über Sommer sein.

 

Diese Temperatur könnte für zahlreiche Ökosysteme sowie für Kinder und alte Menschen schwerwiegende Konsequenzen haben. Die Wissenschaftler des Weltklimarats hielten ein leidenschaftliches Plädoyer für sofortige weltweite Veränderungen im Bereich der Produktion und des Konsums, sodass dieser Prozess gestoppt und seine negativen Auswirkungen reduziert werden können. Einer der Koordinatoren des Abschlussberichts, der Schweizer Thomas Stocker, sagte dazu: „Die wichtigste Frage lautet nicht, wo wir heute stehen, sondern wo wir in 10, 15 oder 30 Jahren sein werden. Und dies hängt davon ab, was wir heute tun.“

 

Offensichtlich wurde sehr wenig oder nichts in einer ausgleichenden und globalen Weise unternommen. Die wirtschaftlichen Interessen zur unbegrenzten Anhäufung, die zur Erschöpfung der natürlichen Güter und Dienstleistungen führen und ihnen Schaden zufügen, haben Vorrang vor der Sorge über die Zukunft des Lebens und das Wohl der Erde.

 

Liest man die 31 Seiten lange Zusammenfassung, gelangt man zur Einschätzung, dass wir in einer Welt leben, die systematisch die Fähigkeit unseres Planeten, das Leben aufrecht zu erhalten, zerstört. Die Art unserer Beziehung zur Natur und zur Erde als Ganzer führt zum Tod der Umwelt und des Planeten. Verfolgen wir weiterhin diese Richtung, so wird es sicher zu einer ökologischen und sozialen Tragödie kommen.

 

Zahlreiche Gruppen, Bewegungen und ihre Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, neue Lebensweisen zu entdecken, sodass das Leben in seiner großen Vielfalt erhalten werden kann und dass wir in Harmonie mit der Erde leben können sowie mit der ganzen Lebensgemeinschaft und dem Kosmos.

 

In über 10jähriger intensiver Forschungsarbeit haben der Pädagoge und Experte in moderner Kosmologie, der Kanadier Mark Hathaway, und ich eine vertiefte Reflexion angestellt, die Beiträge von Ost und West beinhaltet, um zu skizzieren, wie eine mögliche Richtung für uns alle aussehen könnte. Der Titel des Buchs lautet: „Das Tao der Befreiung: Erforschung der Ökologie der Transformation“ (The Tao of Liberation: Exploring the Ecology of Transformation, 2009 Orbis Books). Fritjof Capra hat dazu ein schönes Vorwort verfasst, und die englische Ausgabe des Buchs wurde von der nordamerikanischen wissenschaftlichen Community  wohlwollend aufgenommen. Daher hat das Institut Nautilus uns im Jahr 2010 die Goldmedaille für Wissenschaft und Kosmologie verliehen.

 

Unsere Forschungsarbeit setzte bei folgender Beobachtung an: Es gibt eine akute Pathologie, die dem zurzeit vorherrschenden System inhärent ist, welches die Welt ausbeutet: die Armut, die soziale Ungleichheit, die Verarmung der Erde und das starke Ungleichgewicht des Lebenssystems. Dieselben Kräfte und Ideologien, die die Armen ausbeuten und ausschließen, sind auch für das Ensemble der Lebensgemeinschaft erdrückend und untergraben die ökologische Grundlage, die den Planeten stützt.

 

Um dieser tragischen Situation zu entrinnen, sind wir aufgerufen, uns auf sehr realistische Art und Weise als Spezies neu zu erfinden. Dazu brauchen wir die Weisheit, die uns zu einer tiefen persönlichen Befreiung/Transformation leitet, um nicht mehr Herren über die Dinge, sondern um Brüder und Schwestern der Dinge zu werden. Diese Transformation impliziert ebenfalls eine kollektive Befreiung/Neuerfindung mittels einer anderen ökologischen Sichtweise. Diese kann uns überzeugen, den Rhythmus der Natur zu respektieren und ihm gemäß zu leben. Wir müssen wissen, was wir für unser gemeinsames Überleben von der Natur benötigen und von ihr lernen, denn sie ist auf systemische Art und Weise in Netzen von Beziehungen in Wechselwirkung strukturiert, die die Kooperation und die Solidarität aller mit allen aufrecht erhalten und dem Leben in all seinen Formen, insbesondere dem menschlichen Leben, Nachhaltigkeit verleihen. Ohne diese Kooperation/Solidarität mit der Natur und untereinander werden wir keinen geeigneten Ausweg finden.

 

Ohne eine spirituelle Revolution (die nicht notwendigerweise eine religiöse sein muss), die einen anderen Geist impliziert (eine neue Sichtweise) und ein neues Herz (neue Sensibilität) wird unsere Suche nach rein wissenschaftlichen und technischen Lösungen vergeblich sein. Diese sind unabdingbar, müssen aber in einen anderen Rahmen von Prinzipien und Werten integriert werden, welche die Grundlage eines neuen Zivilisationsparadigma sind.

 

All dies findet sich in den potentiellen Möglichkeiten des kosmogenischen Prozesses sowie in den Möglichkeiten, die den Menschen zur Verfügung stehen. Es ist wichtig, an diese Realitäten zu glauben. Ohne den Glauben und die menschliche Hoffnung wird es uns nicht gelingen, eine Rettungsarche für alle zu bauen.

 

siehe auch: Leonardo Boff/Mark Hathaway „The Tao of Liberation, Exploring the Ecology of Transformation“, 2009 Orbis Books

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Tradition Jesu vs. christliche Religion

Um das Christentum richtig zu verstehen, müssen einige Dinge auseinandergehalten werden, wie es auch die Mehrheit der Gelehrten zu tun pflegt. So ist es wichtig, zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens zu unterscheiden. Unter dem historischen Jesus versteht man den den Prediger und Propheten aus Nazareth, der tatsächlich zur Zeit des Kaisers Augustus und unter Herodes gelebt hat. Der Christus des Glaubens ist Predigtinhalt der Jünger, die in ihm den Sohn Gottes und den Erlöser sehen.

 Eine weitere wichtige Unterscheidung muss zwischen dem Reich Gottes und der Kirche vorgenommen werden. Das Reich Gottes ist die ursprüngliche Botschaft Jesu. Sie bedeutet eine umfassende Revolution, die die Beziehungen zwischen den Menschen und Gott (als Söhne und Töchter), mit den Mitmenschen (als Brüder und Schwestern), der Gesellschaft (der Arme im Mittelpunkt) und dem Universum (die Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde) neu definiert. Weil Jesus abgelehnt wurde und folglich das Reich Gottes nicht realisiert wurde, kam es zur Bildung der Kirche. Bei ihr handelt es sich um eine historische Konstruktion mit dem Ziel, die Sache Jesu in den unterschiedlichen Kulturen und Zeitepochen voranzutreiben. Ihre vorherrschende Ausprägung hat sie in der abendländischen Kultur, doch findet sie sich auch in der orientalischen Kultur, bei den Kopten u. a.

Ebenfalls ist es wichtig, die Tradition Jesu von der christlichen Religion zu unterscheiden. Die Tradition Jesu hat ihren Ursprung noch vor der Niederschrift der Evangelien, selbst wenn sie in diesen enthalten ist. Die Evangelien wurden 30 bis 60 Jahre nach Jesu Hinrichtung verfasst. In der Zwischenzeit waren bereits Gemeinden und Kirchen entstanden mit ihren Spannungen, internen Konflikten und Organisationsformen. Die Evangelien spiegeln dies wider und sind Teil dieser Situation. Sie sind keine Geschichtsbücher, sondern Bücher, die der Auferbauung dienen sowie der Verbreitung des Leben und der Botschaft Jesu als Welterlöser.

Was ist bei all dieser Verwirrung nun unter Tradition Jesu zu verstehen? Sie ist der harte Kern, wie das Innere einer Nussschale, der die ursprüngliche Absicht und Lebenspraxis Jesu (ipsissima intention et acta Jesu) repräsentiert, noch bevor eine Interpretation vorgenommen wurde. Sie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: An erster Stelle steht der Traum Jesu, das Reich Gottes, als eine wahrhafte Revolution der Geschichte und des Universums, ein konfliktbeladener Entwurf, der sich dem Reich Cäsars entgegenstellte. Danach seine persönliche Gotteserfahrung, die er seinen Jüngern vermittelte: Gott ist Vater (Abba), voll Liebe und Sanftmut. Seine Besonderheit ist seine Barmherzigkeit, seine Liebe zu den Undankbaren und Bösen (Lk 6,35). Dann predigt er die bedingungslose Liebe, die für ihn gleichrangig ist mit der Liebe zu Gott. Ein weitere Punkt besteht darin, die Armen und Kleinen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind die Ersten, an die sich die Botschaft vom Reich Gottes richtet und denen es zugute kommt. Nicht wegen ihrer moralischen Bedingungen, sondern weil man ihnen das Leben vorenthält, haben sie eine Vorrangstellung bei Gott. Durch unser Verhalten ihnen gegenüber entscheidet sich, ob wir Erben des Reiches werden oder nicht (Mt 25,46). Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gemeinde. Er wählte die Zwölf aus, um mit ihnen zu leben. Die Zahl Zwölf ist symbolisch: sie steht für die Sammlung der 12 Stämme Israels und die Versöhnung zwischen allen Völkern, die zum Einen Volk Gottes werden. Schließlich geht es um die Machtausübung. Ihr Gebrauch ist nur dann legitim, wenn sie zum Dienst der Gemeinde ausgeübt wird, und wer die Macht inne hat, muss sich selbst immer hintanstellen.

Diese Werte und Visionen bilden die Tradition Jesu. Wie man sehen kann, handelt es sich dabei nicht um eine Institution, eine Doktrin oder eine Disziplin. Jesus wollte lehren, wie man lebt; er wollte keine neue Religion gründen, keine Institution mit frommen Gläubigen. Die Tradition Jesu ist ein guter Traum, ein spiritueller Weg, der verschiedene Formen annehmen und auch Anhänger außerhalb des religiösen und kirchlichen Raums finden kann.

Im Lauf der Geschichte wurde aus der Tradition Jesu die christlichen Religion: eine religiöse Organisation in Form diverser Kirchen, insbesondere der römisch-katholischen Kirche. Kennzeichnend für sie ist, dass es sich bei ihnen um Institutionen mit Doktrinen, Disziplinen, ethischen Beschlüssen, rituellen Zelebrationsformen und einem juristischen Kanon handelt. Die römisch-katholische Kirche wurde speziell um die Kategorie der Heiligen Vollmacht (sacra potestas) strukturiert, die sich in den Händen einer kleinen Elite konzentriert, der Hierarchie mit dem Papst an der Spitze und unter Ausschluss von Laien und Frauen. Sie verfügt über die Entscheidungsgewalt und über das Monopol des Wortes. Dies ist hierarchisch und führt zu großen Ungleichheiten. Zu Unrecht erhebt sie den Anspruch, identisch mit der Tradition Jesu zu sein.

Diese Art geschichtlicher Transformation verdunkelt einen Großteil der Originalität und der Ausstrahlung Jesu. Daher befinden sich alle Kirchen in einer Krise, denn sie bereiten nicht die „Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll“ (Lk 2,11), wie es noch in ihren Anfängen der Fall war.

Jesus selbst sah diese Entwicklung voraus und warnte, dass es zu nichts nütze sei, die Gesetze zu achten und das „Wichtigste im Gesetz außer acht zu lassen: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen“ (Mt 23.23).

Kehren wir zur Gegenwart zurück: Wie kommt es, dass so viele fasziniert sind von der Person und den Worten Papst Franziskus’? Das liegt daran, dass er direkt an der Tradition Jesu anknüpft. Er bekräftigt, dass „die Liebe vor dem Dogma kommt und der Dienst an den Armen vor den Doktrinen steht“ (Civiltà Cattolica). Ohne diesen Einsatz verliert das Christentum „die Frische und den Duft des Evangeliums“. Es verwandelt sich dann in eine religiöse Ideologie und wird zu einer doktrinären Besessenheit.

Es gibt keinen besseren Weg, um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, die die römisch-katholische Kirche verloren hat, als zur Tradition Jesu zurückzukehren. In seiner Weisheit beschreitet Papst Franziskus diesen Weg bereits.

Siehe von L.Boff, Mein Glaube: Christsein in einem neuen Zeitalter, Herder,Freiburg 2013.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack