Papst Franziskus und die „Entheidnisierung“ des Papsttums

 

       Die Innovationen in den Gewohnheiten und Ansprachen von Papst Franziskus hat die konservativen Kreise, die den Anweisungen der beiden vorherigen Päpste strikt Folge leisteten, in eine tiefe Krise gestürzt. Für sie war es vor allem inakzeptabel, dass der Papst einen der Initiatoren der „verdammungswürdigen“ Befreiungstheologie, den Peruaner Gustavo Gutiérrez, in einer Privataudienz empfing. Sie sind verblüfft über die Aufrichtigkeit des Papstes, mit der er die Fehler und Irrtümer der Kirche und seine eigenen zugibt und die Karrieresucht zahlreicher Prälaten anprangert, sowie den höfischen und einschmeichelnden Geist vieler Machthaber, die er als „vatikanozentrisch“ bezeichnet, als „leprös“ ablehnt. Was sie aber wirklich schockiert hat, ist die Umkehrung, die er vornahm, indem er der Liebe, der Barmherzigkeit, der Sanftmut, dem Dialog mit der Moderne und der Toleranz mit den Menschen, selbst mit den Geschiedenen und den Homosexuellen, den Vorrang gibt und Doktrinen und kirchliche Disziplinen hintanstellt.

 

      Die radikalsten Stimmen kann man schon vernehmen, die, „zum Wohle der Kirche“ (der Ihren natürlich), den Papst meinend, beten: „Herr, illuminiere ihn oder eliminiere ihn“. Die Beseitigung unbequemer Päpste war in der langen Geschichte des Papsttums keine Seltenheit. Zwischen den Jahren 900 und 1000 gab es eine Zeit, die als „Ära der Pornokratie“ bezeichnet wurde, des Papsttums, währenddessen fast alle Päpste vergiftet oder ermordet wurden.

 

    Die häufigsten Kritikpunkte, die in den sozialen Netzwerken dieser von der Geschichte überholten und rückständigen Kreise zirkulieren, beschuldigen den aktuellen Papst, er entheilige die Figur des Papstes, indem er sie verweltliche und banalisiere. Tatsächlich kennen sie nicht die Geschichte und sind einer weltlichen Tradition verhaftet, die wenig mit dem historischen Jesus und dem Lebenswandel der Apostel gemein hat, sondern vielmehr mit der allmählichen Heidnisierung und Verweltlichung der Kirche gemäß dem Stil der heidnischen römischen Kaiser und der Renaissancefürsten.

 

    Die ersten Schritte in diese Richtung wurden in der Zeit Konstantins (274-337) eingeleitet, der das Christentum anerkannte, und mit Theodosius (379-395), als das Christentum die einzige anerkannte Religion im römischen Reich wurde. Mit dem Untergang des römischen Reichs entstanden Bedingungen, unter denen die Bischöfe, vor allem der Bischof von Rom, Leitungs- und Kontrollfunktionen übernahmen. Genau dies geschah unter Papst Leo I. „der Große“ (440-461), der zum Bürgermeister Roms ernannt wurde, um der Invasion der Hunnen zu begegnen. Er war der erste, der den Namen „Papst“ benutzte, was einst den Kaisern vorbehalten war. Noch mehr Macht erhielt Papst Gregor der Große (540-604), ebenfalls Bürgermeister von Rom. Schließlich kulminierte der Machtgewinn mit Gregor VII. (1021-1085), der sich die absolute Macht auf religiösem und weltlichem Gebiet aneignete: vielleicht die größte Revolution im Bereich der Ekklesiologie.

 

    Die aktuellen kaiserlichen, fürstlichen und höfischen Gewohnheiten in der ganzen Hierarchie der Kardinäle und Päpste sind insbesondere auf Papst Silvester (334-335) zurückzuführen. Zu seiner Zeit entstand eine Fälschung, die sogenannte „Konstantinische Schenkung“, mit dem Ziel, die päpstliche Macht zu stärken. Diesem Dokument zufolge hätte Kaiser Konstantin dem Papst die Stadt Rom und den westlichen Teil des Reichs übereignet. Diese „Schenkung“, die durch Kardinal Nikolaus von Kues (1400-1460) als Fälschung aufgedeckt wurde, schloss auch die Verwendung der kaiserlichen Insignien und die purpurne Kleidung ein, den Papsttitel, den goldenen Hirtenstab, die mit Hermelin besetzte und mit Seide gesäumte Monzetta für die Schultern, die Errichtung eines Gerichts und das Leben in einem Palast.

 

    Von dort stammen die aktuellen fürstlichen und höfischen Gewohnheiten der römischen Kurie, der Hierarchie der Kirche und der Kardinäle, insbesondere des Papstes. Sie haben ihre Quelle im Stil der heidnischen römischen Kaiser und den fürstlichen Prunk aus der Renaissance. Daraus leitet sich ein Prozess der Heidnisierung und der Verweltlichung der Kirche als hierarchische Institution ab.

 

    Denjenigen, die zur rituellen Tradition um die Figur des Papstes zurückkehren wollen, ist dieser veraltete und abgeschlossene Prozess nicht einmal bewusst. Sie bestehen auf etwas, das den Maßstäben der Evangelien und dem Lebensstil Jesu nicht standhält.

 

     Was macht Papst Franziskus? Er ist dabei, dem Papsttum und der ganzen Hierarchie wieder zu ihrem  wahrhaften Stil gemäß der Tradition Jesu und der Apostel zu verhelfen. Genau damit kehrt er zu der ursprünglichsten Tradition zurück und entheidnisiert das Papsttum im Geist des Evangeliums, wie es der Hl. Franz von Assisi dank seiner Inspiration so sinnbildlich vorgelebt hat.

 

    Die authentische Tradition befindet sich auf Papst Franziskus’ Seite. Die Traditionalisten sind einfach nur Traditionalisten, nicht aber traditionell. Sie sind dem Palast des Herodes und des Kaisers Augustus näher als dem Stall von Bethlehem und dem Handwerker aus dem Hause Nazareth.

 

     Ihnen gegenüber steht die Lebenspraxis Jesu und seine Worte über Schlichtheit und Einfachheit, Demut und Macht als ein Dienst; nicht so, wie es die heidnischen Fürsten zu tun pflegen und die Großen, die sich andere unterordnen und dominieren wollen. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22,26). Papst Franziskus spricht von dieser ursprünglichen Tradition und der ältesten, nämlich der Tradition Jesu und der Apostel. Aus diesem Grund verunsichert er die Konservativen, denen ihrerseits die Argumente ausgehen.

 

   Siehe auch: Leonardo Boff, „Kirche: Charisma und Macht: 25 Jahre Befreiungstheologie“, Gütersloher Verlagshaus, 2009

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Offener Brief an Papst Franziskus: Einberufung einer Versammlung zum Schutz des Lebens

Lieber Papst Franziskus,


wir, die unterzeichneten Christen sowie Personen anderer Religionen und Menschen guten Willens, richten diesen offenen Brief an Sie mit einer ganz besonderen Petition. Wir möchten gern, dass Sie zu einem weltweiten Ereignis aufrufen, eine Art Versammlung zum Schutz des Lebens auf der Erde.
Das Leben ist heute tödlich verletzt: durch Hunger (900 Millionen Menschen weltweit), durch Durst (1,2 Milliarden Menschen mangelt es an täglichem sauberen Trinkwasser, und 2,4 Milliarden Menschen haben keine elementare sanitäre Einrichtung), durch Krieg, durch Zerstörung der Umwelt (Boden, Wasser, Artenvielfalt, Luft) und vor allem sind die Menschheit und alle Lebensarten durch den unglaublichen Klimawandel bedroht. Wie das Aparecida Dokument sagt, erleben wir nicht nur eine Epoche des Wandels, sondern einen Wandel der Epoche (DAP 44). Eine am Konsum orientierte und raffgierige Gesellschaft wie die heutige kann der Menschheit als Ganze keine Zukunft bieten.

Als Gott die Welt schuf, vertraute Gott die Erde den Männern und Frauen an, „um sie zu bebauen und zu bewahren“ (Gen 2,15). Nach der Flut, als Noah mit seiner Familie und all den Tieren die Arche verließ, schloss Gott mit ihnen einen ureigenen Bund mit den Worten: „Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind.“ (Gen 9,9-10) Der Apostel Paulus sagt uns: „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ Das heißt, Gott liebt alles von Gott Geschaffene und hat uns beauftragt, für diese göttliche Schöpfung Sorge zu tragen.

Die autochthonen und indigenen Völker sowie vor kurzem auch die Wissenschaftler warnten uns, dass alle Lebensarten auf dem Antlitz der Erde in Gefahr sind. Noch gibt es keine Antwort von der politischen und ökonomischen Seite, die auf Augenhöhe mit der Herausforderung dieses historischen Augenblicks wäre. Wie Sie selbst sagten, können wir nicht einfach passiv die Globalisierung der Gleichgültigkeit hinnehmen.

Sie sind eine moralische und spirituelle Instanz und besitzen daher die Autorität der Menschheit gegenüber, zu dieser dringend notwendigen Debatte und zu den noch dringenderen notwendigen Schritten aufzurufen. Diese Petition ist unser Mittel, zur Effizienz Ihrer Gesten beizutragen, die uns aufrufen, für das bedrohte Leben zu sorgen und es zu beschützen. Sie brachten diese Gestern auf Ihrer Reise nach Lampedusa zum Ausdruck, während des Weltjugendtags in Brasilien, während Ihres Besuchs bei den Immigranten in Italien und durch das Fasten gegen den Krieg. Falls Sie zu einer Versammlung zum Schutz des Lebens in seiner Fülle aufrufen, so hören Sie nicht nur auf die Spezialisten, sondern auch auf die autochthonen Völker, die durch die Zerstörung ihrer Umwelt in Mitleidenschaft gezogen wurden, und auf diejenigen, die vom Klimawandel betroffen sind und sich seinetwegen auf der Flucht befinden, auf die Opfer von Hunger und Durst. Ganz gewiss wird ein Großteil der Menschheit diesem Aufruf nachkommen.

Dies wünschen auch wir, die Unterzeichneten. Mit Respekt und einer geschwisterlichen Umarmung, im Geist des Hl. Franz von Assisi, in Gemeinschaft mit allen Lebensarten und der ganzen Menschheit bekräftigen wir unsere Petition.

Brasilia-DF, den 16. September 2013

 

Diejenigen, die diesen Brief unterzeichnen möchten, gehen bitte auf folgende  e-mail: robertomalvezzi@oi.com.br

oder direkt auf den Link von Avaaz: http://www.avaaz.org/po/petition/Convocacao_para_a_defesa_da_vida_na_Terra_Carta_Publica_ao_Papa_Francisco/?wjKSWdb

 

 

 

Tod und Begräbnis der Kleinen Schwester Geneviève, Hebamme des Tapirapé-Volks

Am 24. September 2013 starb im Dorf der Tapirapé, in der Nähe des Flusses Araguaia, die Kleine Schwester Jesu, Geneviève, aus Frankreich. Sie und ihre Gefährtinnen machten eine Erfahrung, die der Anthropologe Darcy Ribeiro als eine der beispielhaftesten in der Geschichte der Anthropologie erachtet: die Begegnung und das Zusammenleben einer Weißen mit der indigenen Kultur.

 

Canuto, der das Leben und Werk der Kleinen Schwester Geneviève kennt, beschreibt ihren Tod folgendermaßen:

 

„Am Morgen des Dienstag, 24. September, ging es Geneviève gut. Sie hatte Ton angerührt, um das Haus zu reparieren. Sie aß in aller Ruhe mit Schwester Odile. Als sie sich ausruhten, beklagte sie sich über Schmerzen im Brustkorb. Odile organisierte sogleich ein Auto, um sie zum Krankenhaus von Confresa zu bringen. Auf dem Weg dorthin wurde Genevièves Atmung immer mühsamer. Sie starb noch vor ihrer Ankunft im Krankenhaus.

 

Im Dorf herrschte große Bestürzung. Geneviève hatte während der 61 Jahre ihres gemeinsamen Lebens mit ihnen bei fast 100 % der Geburten der Apyãwa (wie sich die Tapirapé früher nannten und auch heute wieder selbst nennen) Beistand geleistet. Die  Apyãwa wollten sie nach ihrem eigenen Ritus beerdigen, so als handele es sich um eine der Ihren. Die Trauerlieder, begleitet von den sich im Rhythmus befindlichen Schritten, dauerten lange an, die ganze Nacht hindurch und am folgenden Tag. Viel Jammern und Weinen war zu hören.

Dem Ritus der  Apyãwa gemäß wurde Geneviève im Innern des Hauses begraben, in dem sie gelebt hatte. Das Grab wurde sorgfältig von den  Apyãwa ausgehoben, begleitet von rituellen Gesängen. Auf ca. 40 cm Bodenhöhe wurde an jeder Extremität des Grabs je ein Querbalken platziert. An diesen beiden Enden wurde ihre Hängematte befestigt, so als schliefe sie darin. Darüber wurden Bretter gelegt. Auf die Bretter folgte Erde, die zuvor, der Tradition gemäß, von den Frauen gesiebt worden war. Am darauf folgenden Tag wurde die Erde befeuchtet und so bearbeitet, dass sie dick und fest wurde wie gestampfte Erde. All dies wurde von rituellen Gesängen begleitet.  

 

In der Hängematte, in der sie täglich schlief, hält Geneviève nun den ewigen Schlaf inmitten derer, die sie als ihr Volk ausgewählt hatte.

 

Die Nachricht ihres Todes breitete sich schnell in der ganzen Region aus sowie in  Brasilien und in der ganzen Welt. Viele Vertreter aus Kirchengemeinden kamen. Die Koordinatoren des CIMI (Rat der Indigenen Missionare) aus Cuiabá kamen nach einer Reise von mehr 1100 km, als der Leichnam bereits im Grab lag und vorerst nur mit Brettern bedeckt war. Damit diejenigen, die gekommen waren, um sie ein letztes Mal in ihrer Hängematte zu sehen, einen letzten Blick auf sie werfen konnten, nahmen die  Apyãwa die Bretter nochmals heraus.

 

Unter die Gesänge der Tapirapé mischten sich andere Gesänge und Schilderungen des christlichen Lebenswegs der Kleinen Schwester Geneviève. Zum Abschluss sagte das Oberhaupt, die  Apyãwa seien alle sehr betrübt über den Tod der Schwester. Indem er auf Portugiesisch und in der Sprache der Tapirapé sprach, brachte er den Respekt zum Ausdruck, mit dem die Apyãwa während der sechzig Jahre gemeinsamen Lebens mit den Schwestern immer behandelt worden waren. Und er erinnerte daran, dass die  Apyãwa ihr Überleben den Schwestern zu verdanken hätten, denn als diese kamen, waren die  Apyãwa nicht sehr zahlreich. Heute hingegen bestehen sie aus fast 1000 Personen.

 

 In die Erde der Tapirapé eingebettet, ruht Geneviève als ein Denkmal für Kohärenz, Stille und Demut, Respekt und Anerkennung des Anderen und als Zeugnis, dass es möglich ist, mit einfachen und kleinen Gesten das Leben eines ganzen Volkes zu retten.

 

Ein letzter Gruß, Canuto“

 

 ***

Im September 2002 schrieb ich nach einem Treffen mit Schwester Geneviève einen kleinen Artikel für eine Zeitung in Brasilien, den ich hier auszugsweise wiedergebe:

 

Die Kleinen Schwestern von Foucauld zeugen von einer neuen Form der Evangelisierung, von der viele in Lateinamerika träumen: statt die Menschen zu bekehren, ihnen Doktrinen zu geben und Kirchen zu bauen, beschlossen sie, sich ganz in die Kultur der indigenen Völker einzuleben und mit ihnen zu leben und  zu sein.Nur danach hat einen Sinn von Evangelium zu reden.

In unserem Zeitalter wurde dieser Weg  von Bruder Charles de Foucauld beschritten, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Moslems in die algerische Wüste zog, nicht um zu verkündigen, sondern um mit ihnen zu leben und die Unterschiedlichkeit ihrer Kultur und ihrer Religion offen anzunehmen. Das Gleiche taten die Kleinen Schwestern Jesu bei den Tapripé, den Indios im Nordwesten des Mato Grosso in der Nähe des Flusses von Araguaia. Am 17. September 2002 nahm ich an der Feier des 50. Jahrestags ihrer Anwesenheit bei den Tapirapé teil. Da war die Pionierin noch da, die Kleine Schwester Geneviève, die im Oktober 1952 begann, mit dem dortigen Volk zu leben.

 

Wie kamen sie dorthin? Die Kleinen Schwestern erfuhren durch die französischen Dominikanerbrüder, die im Land des Araguaia missionierten, dass sich die Tapirapé in Gefahr befänden. Ihre frühere Anzahl von 1500 war durch die Überfälle der Kayapós, die Krankheiten der Weißen und durch den Mangel an Frauen auf 47 Personen geschrumpft. So beschlossen sie im Geiste des Bruders Charles de Foucauld, zusammen zu leben statt zu bekehren, sich dem leidenden Volk anzuschließen.

 

Bei ihrer Ankunft hörte die Kleine Schwester Geneviève das Oberhaupt Marcos sagen: „Die Tapirapé werden untergehen. Die Weißen werden uns auslöschen. Die Erde hat einen Wert, die Fische haben einen Wert, die Jagd hat einen Wert. Nur der Indio ist wertlos.“ Sie hatten verinnerlicht, wertlos zu sein und sogar, dass sie unausweichlich zum Aussterben verdammt seien.

Die Kleinen Schwestern standen ihnen zur Seite und baten um eine Unterkunft. Sie begannen, mit ihnen das Evangelium der Geschwisterlichkeit zu leben: auf den Feldern, im Kampf ums tägliche Maniok, im Erlernen ihrer Sprache und in der Ermutigung zu allem, was ihnen eigen war, einschließlich ihrer Religion. Dies geschah auf einem Weg der Solidarität ohne Umkehr. Mit der Zeit wurden sie als Stammesmitglieder aufgenommen. 

Das Selbstwertgefühl der Tapirapé kam zurück. Durch die Vermittlung der Kleinen Schwestern, wurde es möglich, Karajá-Frauen dazu zu bringen, Tapirapé-Männer zu heiraten und so deren Volk zu Nachkommen zu verhelfen. Aus den damaligen 47 sind inzwischen fast 1000 geworden. In 50 Jahren haben sie nicht ein einziges Stammesmitglied bekehrt. Doch sie erreichten viel mehr: Sie wurden zu Hebammen eines Volkes im Lichte dessen, der seine Mission verstand als „das Leben zu geben, und es in Überfülle zu geben“: Jesus.

 

Als ich das Gesicht der Tapirapé-Frauen sah und das gealterte Gesicht von Schwester Geneviève, dachte ich: Hätte sie ihre weißen Haare mit  Tucum gefärbt, hätte man sie voll und ganz für eine Tapirapé-Frau halten können. Sie setzte tatsächlich die Prophezeiung der Begründerin um: „Die Kleinen Schwestern werden Tapirapé sein, um von hier aus auf die anderen zu zu gehen und sie zu lieben, doch sie werden immer Tapirapé sein.“ 

 

Ist es nicht genau dieser Weg, den das Christentum einschlagen muss, wenn es in dieser globalisierten Welt eine Zukunft haben will: den Weg eines Evangeliums des sanften und geschwisterlichen Zusammenlebens und frei von Macht? 

 

 

 

 Übersezt von Bettina Gold-Hartnack

 

Papst Franziskus spricht mit einem Nicht-Gläubigen von Mensch zu Mensch

Franziskus, Bischof von Rom, hat sich aller Titel und Machtsymbole entledigt, die nur dazu dienen, Menschen voneinander abzugrenzen, und hat einen offenen Brief in der größten Zeitung Roms, „La Repubblica“, veröffentlicht, um dem ehemaligen Chefredakteur und berühmten Intellektuellen und Nicht-Gläubigen, Eugenio Scalfari, zu antworten. Dieser hatte öffentlich Fragen an den Bischof von Rom gestellt. Franziskus beging damit eine Tat von außergewöhnlicher Wichtigkeit, nicht nur, weil es in einer noch nie da gewesenen Art und Weise geschah, sondern vor allem, weil er seine Antworten gab wie jemand, der in Offenheit von Mensch zu Mensch spricht und sich mit seinem Gesprächspartner auf Augenhöhe begibt.

Franziskus, der sich bekannterweise lieber Bischof von Rom nennen lässt als Papst, antwortete Eugenio Scalfari wirklich auf herzliche Weise mit warmherziger Intelligenz und freundschaftlichem Herzen, nicht mit kalten Doktrinen. Heutzutage geht es der Philosophie darum, die emotionale Intelligenz aufzuwerten, die die intellektuelle Intelligenz bereichert und erweitert, die sich direkt an den anderen wendet, ihn in der Tiefe anspricht, ohne sich hinter Doktrinen, Dogmen oder Institutionen zu verstecken.

In diesem Sinne handelt Franziskus, für den es nicht maßgeblich ist, ob Scalfari gläubig ist oder nicht, denn jeder hat seine persönliche Geschichte und seinen existenziellen Weg, der respektiert werden muss. Was zählt, ist die Fähigkeit der beiden, dem anderen in Offenheit zuzuhören. Um es mit den Worten des großen spanischen Poeten Antonio Machado auszudrücken: „Deine Wahrheit? Nein, DIE Wahrheit. Lass uns sie gemeinsam suchen. Die Deine kannst du für dich behalten.“ Wichtiger als das eigene Wissen ist es, niemals die Lernfähigkeit zu verlieren. Dies ist der Sinn des Dialogs.

In seinem Brief zeigt Franziskus, dass wir eine vollständigere und weitere Wahrheit suchen, eine, die wir noch nicht besitzen. Um sie zu finden, reicht es nicht, die Dogmen allein zu betrachten oder die abstrakt formulierten Doktrinen. Es besteht Konsens darüber, dass noch nicht alle Antworten gefunden sind und dass alles vom Mysterium umgeben ist. Bei dieser Suche befinden wir uns alle auf demselben Niveau: Glaubende und Nicht-Glaubende, selbst die Kirchentreuen. Alle haben ein Recht darauf, ihre Sichtweise auszudrücken.

Wir alle leben in einem schrecklichen Widerspruch, der Glaubende und Atheisten umtreibt: Warum lässt Gott die großen Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu? Dies ist die Frage, die Papst Benedikt XVI bestürzt beim Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz stellte. Für einen Moment legte er seine Papstrolle ab und sprach wie ein Mensch mit offenem Herzen: „Gott, wo warst du, als diese Gräueltaten stattfanden? Warum hast du dazu geschwiegen?“

Wir Christen müssen zugeben, dass es keine Antwort darauf gibt und dass diese Frage offen bleibt. Wir können nur Trost in der Vorstellung finden, dass Gott unseren Verstand übersteigt. Die intellektuelle Intelligenz schweigt dazu, da sie nicht auf alles eine Antwort hat. Die Genesis befindet sich, laut dem Philosophen Ernst Bloch, nicht an ihrem Beginn, sondern an ihrem Ende. Aus der Sicht von Glaubenden wird alles einmal gut ausgehen. Erst am Ende wird uns gewissermaßen der Sinn unserer Existenz aufgehen. Erst dann werden wir sagen können „Es ist gut“ und das endgültige „Amen“ aussprechen können. Doch solange wir leben, ist nicht alles gut.

Wahrheiten? Absolute und relative Wahrheiten? Ich ziehe es vor, zu antworten wie der große Poet, Mystiker und Pfarrer, der Bischof Don Pedro Casaldáliga im tiefen Amazonien: „Das Absolute? Nur Gott und der Hunger.“

Ich bin sehr zuversichtlich, dass Franziskus mit seinem Dialog Großes für das Wohl der Menschheit erreichen kann. Er begann, weitreichende Reformen des Papsttums durchzuführen, und bald wird die Kurie reformiert werden. Bei mehreren Gelegenheiten verdeutlichte er, dass alle Themen diskutiert werden können, was noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen wäre. Themen wie der Zölibat der Priester, das Priesteramt für Frauen, die Sexualmoral und das Phänomen der Homosexualität durften bis vor kurzem von Theologen und Bischöfen nicht angesprochen werden.

 Mir scheint, dies ist der erste Papst, der keine monarchische und absolutistische Regierung möchte, keine „Macht“, wie Scalfari sagte. Stattdessen möchte er dem Evangelium so nah wie möglich sein, das für die Prinzipien der Barmherzigkeit und des Mitgefühls steht, indem für ihn der Referenzpunkt die Menschheit ist.

Gewiss könnte dieser Dialog mit den Nicht-Gläubigen wirklich ein neues Fenster zu einer Ethik der Moderne erweitern und öffnen, die nicht nur der Technologie Rechnung trägt, sondern auch der Wissenschaft und der Politik, und die auch dazu führen könnte, die Ausgrenzung zu überwinden, die ein typisches Verhaltensmerkmal der katholischen Kirche darstellt, mit anderen Worten, die Arroganz, die sich in der Annahme verbirgt, die einzige wahrhafte Erbin der Botschaft Jesu zu sein. Es ist immer wieder gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Gott seinen Sohn in die ganze Welt gesandt hat und nicht nur zu den Getauften. Er erleuchtet alle Geborenen, nicht nur die Glaubenden, wie der Hl. Johannes im Prolog seines Evangeliums bekräftigt.

In diesem Sinne habe ich Papst Franziskus in einem Brief vorgeschlagen, ein ökumenisches Konzil der ganzen Christenheit, aller Kirchen, einzuberufen, einschließlich Atheisten, die durch ihre Weisheit und ihre Ethik dazu beitragen können, die Gefahren, die unserem Planeten drohen, zu analysieren und ihnen zu begegnen. Und zuallererst die Frauen, Erzeugerinnen des Lebens, denn das Leben selbst ist gefährdet.

Das Christentum hat sich als ein abendländisches Phänomen gezeigt und muss jetzt seinen Platz in der neuen Phase der Menschheit, der planetarischen Phase, finden. Nur so wird es für alle und jeden da sein.

Bei Franziskus, so wie er sich schon in Argentinien gezeigt hat, kann ich absolut keine Eroberungsabsicht oder Ansätze zur Proselytenmacherei erkennen, sondern, wie Scalfari bekräftigt, den Willen, Zeuge der Botschaft Jesu und Weggefährte für die anderen zu sein. Bevor das Christentum eine Institution wurde, war es eine Bewegung, die Bewegung Jesu und der Apostel. In dieser Perspektive ist es wichtiger, die Erfahrung der Dimension der Menschenwürde, der Ethik und der Grundrechte zu machen, als einfach einer Kirche beizutreten. Dies ist der Fall für Eugenio Scalfari. Es ist wichtiger, die Dimension des Lichtes als die der Dunkelheit der Geschichte zu betrachten, wie Brüder und Schwestern im einen, gemeinsamen Haus zu leben, der Mutter Erde, die Entscheidungen eines jeden zu respektieren unter dem großen Regenbogen, der das Symbol der Transzendenz des menschlichen Wesens ist.

Der lange Winter der Kirche ist vorbei. Wir erwarten einen sonnigen Frühling voller Blumen und Früchte, wo es sich lohnt, Mensch und Christ zu sein auch in der Form der katholischen Kirche.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack