Herausforderung für Papst Franziskus: die ganze Menschheit annehmen

Als Kommentar zu einem Interview, das die Zeitung „La Libre Belgique“ am 9. August 2013 mit mir geführt hat, schrieb ein Leser (Marc Den Doncker) Folgendes, das wert ist, bedacht zu werden:

 

„Der gute Papst Franziskus kündigt tatsächlich eine Revolution in Richtung einer humaneren Menschheit an. Er sagt: ‘Wenn ein homosexueller Mensch Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, ihn zu richten?’ Man könnte sich vorstellen, dass der Papst in einiger Zeit auch seine Nächstenliebe für einen homosexuellen Menschen zum Ausdruck bringt, der zwar nicht Gott sucht, aber dennoch guten Willens ist. Dies wäre dann der Einfluss des Heiligen Geistes“. Weiter heißt es im Kommentar:

 

„Möglicherweise wird der gute Papst Franziskus im Innern seines Herzens über eine arme Frau nachdenken, die sich mithilfe einer Stricknadeln sich eines Fötus’ entledigt hat, welcher die Frucht einer schlimmen Vergewaltigung war, denn sie konnte es nicht mehr aushalten und war verzweifelt. Und der liebe Gott kann, in seiner unendlichen Güte, dem guten Papst Franziskus dazu verhelfen, Verständnis für das Geschick dieser Frau voller Bestürzung und ohne Lebensmut zu haben. Es könnte sein, dass der liebe Gott in seiner unendlichen Güte Verständnis für ein Paar aufbringt, das sich entschieden hat, keine weiteren Kinder zu bekommen und der Sicherheit halber die Pille nimmt. Und es könnte sein, dass der liebe Gott in seiner unendlichen Güte das Bewusstsein fördert, dass den Frauen dieselbe Gleichheit und Würde zukommt wie dem Mann.“

 

„Es zerreißt mich innerlich“, fährt der Kommentator fort, „die Unzahl an tragischen Ereignissen zu ertragen, die das Leben uns täglich auferlegt. Wäre die Kirche angesichts dieser Lage bereit, einen rutschigen Abhang hinabzugleiten, jedoch in Richtung einer voll und ganz angenommenen Menschheit, animiert durch den Heiligen Geist, der nichts mit den Prinzipien und dieser Kasuistik zu tun hat, die zu nichts führen als dazu, die Nächstenliebe abzutöten? Wir müssen warten.“ Ja, voller Hoffnung warten wir.

 

In der Tat haben nicht wenige in der Kirchenleitung, Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Priester, abgesehen von einigen noblen Ausnahmen, zum größten Teil das rechte Augenmaß verloren und das Gottesbild Jesu Christi vergessen, der ihn sanft Abba, lieber Vater, nannte. Ein Gott, der mütterliche Eigenschaften zeigt, wie den verlorenen Sohn zu erwarten, der sich im Dickicht der Laster verirrt hatte; beim Suchen der im Haus verlorenen Münze; wie eine Henne, die ihre Flügel ausbreitet, um ihre Küken zu beschützen. Sein Hauptcharakteristikum ist die bedingungslose Liebe und die grenzenlose Barmherzigkeit, denn „Er liebt die Undankbaren und die Bösen, lässt die Sonne scheinen und es regnen über Gute und weniger Gute“, wie es in den Evangelien heißt.

 

Für Jesus ist es nicht ausreichend, treu zu sein wie der Sohn, der im Haus des Vaters geblieben und dessen Anweisungen gefolgt ist. Wir sollen Mitgefühl und Barmherzigkeit denjenigen gegenüber  zeigen, die fallen und vom Weg abkommen. Der einzige Vorwurf Jesu galt dem daheimgebliebenen Sohn, der kein Mitgefühl für seinen Bruder zeigte und diesen nicht annehmen konnten, der verloren gegangen und doch zurückgekommen war.

 

Als Papst Franziskus mit den Bischöfen in Rio sprach, verlangte er von ihnen die „Revolution der Zärtlichkeit“ auch als eine uneingeschränkte Fähigkeit zum Verständnis und zur Barmherzigkeit.

 

Sicher muss das zahlreiche Bischöfe und Priester in eine Krise stürzen, zu einer solchen „Revolution der Zärtlichkeit“ herausgefordert zu sein. Sie müssen ihren Umgangsstil mit dem Volk radikal verändern, und zwar nicht bürokratisch und kalt, sondern warmherzig, schlicht und liebevoll.

 

Dies war der Stil des guten Papstes Johannes XXIII. Es gibt ein interessantes Ereignis, das deutlich macht, wie er die Doktrinen verstand und die Wichtigkeit eines herzlichen Umgangs mit den Menschen. Was zählt mehr: die Liebe oder das Gesetz? Die Dogmen oder ein herzlicher Umgang miteinander?

 

Giuseppe Alberigo, ein Laie aus Bologna, der außerordentlich gut informiert und engagiert war in der Erneuerung der Kirche, war einer der größten Historiker des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Sein großes Verdienst liegt in der Veröffentlichung eines kritischen Ausgabe aller offiziellen Lehrtexte der Päpste und der Konzilien seit Beginn der Christenheit:  Oecumenicorum Conciliorum Decreta. Er selbst erzählt in der Zeitung Corriere di Bologna, dass er nach Rom reiste, um stolz sein voluminöses Werk Papst Johannes XXIII zu überreichen. Der Papst nahm es behutsam in seine Hände, setzte sich auf seinen Papstsessel, legte das Werk vorsichtig auf den Boden und stellte seine Füße auf das berühmte Werk.

 

Dies war ein symbolischer Akt. Es ist gut, Doktrinen und Dogmen zu haben, aber sie existieren nur, um den Glauben zu unterstützen, nicht um ihn zu hemmen oder als Instrument der Einengung oder der Verurteilung.

 

Es ist gut möglich, dass der gute Papst Franziskus sich davon animieren lässt, etwas Ähnliches zu tun, vor allem in Bezug auf das Kanonische Recht und andere offizielle Texte des Lehramtes, mit denen den Gläubigen wenig geholfen ist. Zuerst kommt der Glaube, die Liebe, die spirituelle Begegnung und die Hoffnungsschöpfung für die Menschen, die durch so viele Enttäuschungen und Krisen sprachlos geworden sind. Dann erst kommen die Doktrinen. Möge der liebe Gott in seiner unendlichen Güte den Papst Franziskus mit Mut und Schlichtheit in diese Richtung leiten.

 

(Für diejenigen, die die o. g. Informationen nachlesen möchten, ist hier die Quellenangabe: Alberto Melloni, Einführung in das Buch  Ángelo Giuseppe Roncalli, Giovanni XXIII. Agende del Pontefice 1958-1963, Instituto per le Scienze Religiose, Bologna 1978, S. VII).

 

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Die sozio-ökologische Verantowrung der Konzerne: eine ständige Herausforderung

 

 

Wir haben bereits die Wirtschaftstheorie des Nobelpreisträgers Milton Friedman hinter uns gelassen, der in der September-Ausgabe 1970 des Time Magazines sagte: „Die soziale Verantwortung der Konzerne besteht in der Maximierung der Ausschüttungen an die Aktionäre.“ Noam Chomsky ist realistischer: „Konzerne sind am ehesten mit totalitären Institutionen vergleichbar.“ Sie brauchen der Öffentlichkeit oder der Gesellschaft keine Erklärungen abzugeben. Sie handeln wie Raubtiere, und ihre Beute sind die anderen Konzerne.“ Um ihre eigenen Interessen zu vertreten, kann sich die Öffentlichkeit nur auf ein einziges Instrument verlassen: den Staat. Es gibt jedoch einen nicht außer Acht zu lassenden Unterschied: „Während z. B. General Electric keinem gegenüber Rechenschaft schuldig ist, muss der Staat in regelmäßigen Abständen dem Volk Rede und Antwort stehen.“ (Le Monde Diplomatique, Brasilien, Nr. 1, August 2007, S. 6)

 

Vor Jahrzehnten wurde den Konzernen bewusst, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind und soziale Verantwortung in dem Sinn haben, dass sie kooperieren müssen, wenn alle eine bessere Gesellschaft wollen.

 

Man könnte es folgendermaßen definieren: Soziale Verantwortung ist die Verpflichtung, die der Konzern eingehen muss, wenn er Ziele anstrebt, die mittel- und langfristig sowohl dem Business dienen als auch der Gesellschaft als Ganzes.

 

Diese Definition darf nicht mit der sozialen Verpflichtung verwechselt werden, d. h. mit dem Einlösen der gesetzlichen Verpflichtungen: dem Zahlen der Steuern und dem Erfüllen ihrer Pflichten im Hinblick auf ihre Arbeiter. Das ist nur, was das Gesetz verlangt. Es ist auch nicht die soziale Antwort: die Fähigkeit eines Unternehmens, auf die Veränderungen zu antworten, die von der globalisierten Wirtschaft und Gesellschaft hervorgebracht sind, wie z. B. die Veränderungen in der Wirtschaftspolitik der Regierungen, eine neue Gesetzgebung und das veränderte Profil der Konsumenten. Die soziale Antwort besteht in dem, was das Unternehmen tun muss, um sich anzupassen und um sich zu vergrößern.

 

Soziale Verantwortung geht über all dies hinaus: Es geht um das, was das Unternehmen tut, nachdem es all seine gesetzlichen Verpflichtungen erfüllt hat, um die Gesellschaft zu verbessern, deren Teil sie ist, um eine Umwelt- und Lebensqualität zu gewährleisten. Es ist nicht nur das, was es für die Gemeinschaft tut –  das wäre philanthrop – sondern was es mit der Gemeinschaft tut, unter der Teilnahme seiner Mitglieder in Projekten, die gemeinsam geplant und überwacht werden. Dies bedeutet Befreiung.

 

Dank dem erwachten ökologischen Gewissen durch das Ungleichgewicht des Erdsystems und des Lebenssystems, kam in den letzten Jahren das Thema der sozio-ökologischen Verantwortung auf. Das Schlüsselereignis war am 2. Februar 2007, als ein UN Gremium, bestehend aus 2500 Wissenschaftlern aus mehr als 135 Ländern, der unabhängig Expertengruppe über Klimawechsel (dem Weltklimarat), nach sechs Jahren der Forschung seine Ergebnisse der Öffentlichkeit vorstellte. Wir sind nicht unterwegs in Richtung einer Erderwärmung und eines tiefgreifenden Klimawandels. Wir sind bereits mitten darin. Der Zustand der Erde hat sich verändert. Das Wetter wird sich zutiefst verändern. Wenn wir nichts unternehmen, könnte die Temperatur bis zu 4-6 Grad Celsius ansteigen. Diese Veränderung, die zu 90 % sicher ist, ist anthropogen, d. h. von Menschen gemacht, genau genommen von der Produktions- und Konsumweise, die bereits seit drei Jahrhunderten besteht und die nun globalisiert wurde. Die Treibhausgase, insbesondere Kohlendioxid  und Methanol, sind die Hauptverursacher der Erderwärmung.

 

Folgende Frage wurde den Konzernen gestellt: In welchem Ausmaß werden sie zur Regeneration des Planeten beitragen, indem sie ein neues Paradigma der Produktion, des Konsums und des Müllrecyclings einführen, im Einklang mit dem Rhythmus der Natur und dem Lebensnetzwerk, und ohne die Naturgüter und -dienste zu opfern?

 

Dieses Thema wird in allen großen multinationalen Konzernen diskutiert, besonders nach dem Bericht von Nicolas Stern, dem ehemaligen Ökonomisten der Weltbank, dem ehemaligen Vize-Präsidenten der USA, Al Gore: Eine unbequeme  Wahrheit und mehrere Konventionen über Erderwärmung durch die UNO. Wenn wir künftig nicht ca. 450 Milliarden US Dollar pro Jahr investieren, um das Klima der Erde zu stabilisieren, wird es bis 2030-2040 zu spät sein, und die Erde wird in eine Ära großer Artenauslöschung eintreten, die in großem Ausmaß die menschliche Spezies betreffen wird. Bei einem kürzlichen Treffen der Internationalen Energie-Behörde wurde darauf hingewiesen, dass die Entscheidungen jetzt getroffen werden müssen, nicht erst 2020. Das Jahr 2015 wird unsere letzte Chance sein. Danach wird es zu spät sein, und wir werden dem Unaussprechlichen entgegen gehen.

 

Diese ökologischen Probleme sind so wichtig, dass sie Vorrang vor der einfachen Frage nach der sozialen Verantwortung haben. Wenn wir nicht zuerst für unseren Planeten Erde mit seinen Ökosystemen Sorge tragen, wird es keine Möglichkeit geben, die Gesellschaft und all ihre  Konzerne zu retten. In der Konsequenz heißt dies: sozio-ökologische Verantwortung!

 

 

 

übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

Weltweite Spionage: die extreme Arroganz einer Weltmacht

Die Entführung des bolivianischen Präsidenten, Evo Morales, bei der sein Flugzeug darin gehindert wurde, den westeuropäischen Luftraum zu überfliegen, und die Aufdeckung der weltweiten Spionage durch die Staatsschutz- und Geheimdienste der nordamerikanischen Regierung (NSA) führen uns dazu, über ein kulturelles Thema von schwerer Tragweite nachzudenken: die Arroganz. Die oben angeführten Fakten zeigen, welchen Level die Arroganz bereits bei den Europäern, die unter dem Druck der USA stehen, erreicht hat. Arroganz ist ein zentrales Thema im antiken Griechenland, das auch unsere Kultur geprägt hat. Heutzutage wurde sie ausführlich von Luigi Zoja, einem italienischen Geisteswissenschaftler studiert, der aus dem Bereich der Ökonomie, Soziologie und der analytischen Psychologie kommt und dessen Buch „Storia dell’arroganza“ (Geschichte der Arroganz), im Jahr 2000 bei Axis Mundi,São Paulo, in Brasilien veröffentlicht wurde.

 

In diesem kompakten Buch wird die Geschichte der Arroganz in den Weltkulturen, vor allem in der des Abendlandes, zurückverfolgt. Die griechischen Denker (Philosophen und Dramatiker) bemerkten, dass die Vernunft, wenn sie von Mythologie befreit ist, von einem Dämon besessen ist, der in einem endlosen Prozess zu ungezügeltem Wissen und Verlangen führen würde. Diese Energie strebt danach, alle Grenzen zu sprengen, und wird schließlich zur Arroganz, der wahren Sünde, die die Götter streng bestraften. Der Exzess auf allen Bereichen wurde als Hybris bezeichnet, und Nemesis war die göttliche Rache, die die Arroganz bestrafte.

 

Der Imperativ im antiken Griechenland lautete: „meden agan“ (Alles in Maßen). Thukydides ließ Perikles, den genialen Politiker aus Athen, sagen: „Wir lieben Schönheit, doch in Einfachheit; wir nutzen Reichtum für aktive Projekte ohne nutzloses Zurschaustellen; wegen Armut muss sich niemand schämen, doch es ist eine Schande, nicht alles zu unternehmen, was im Rahmen des Möglichen ist, um diese zu überwinden.“ Die Griechen strebten nach dem rechten Maß in allen Dingen.

 

Orientalische Ethiken wie die buddhistische und hinduistische predigen das Auferlegen von Grenzen des Verlangens. Bereit das Tao Te King sagte: „Es gibt keine größere Schande als das Unvermögen, zufrieden zu sein.“ (Kap. 47) und „Man hätte besser aufhören sollen, bevor das Glas überlief.“ (Kap 9).

 

 Die Hybris/Selbstüberschätzung/Arroganz ist das ärgste Laster der Macht, sei sie persönlich, die einer Gruppe oder einer Weltmacht. Heutzutage wird diese Arroganz durch die nordamerikanische Weltmacht verkörpert, die sich alles unterwirft, und durch das Ideal grenzenlosen Wachstums, das unserer Kultur und Wirtschaftspolitik zugrunde liegt.

 

 Exzess-Arroganz hat inzwischen in zwei Bereichen einen Höhepunkt erreicht: in uneingeschränkter Wachsamkeit, die sich in der Fähigkeit einer Weltmacht ausdrückt, jeden zu kontrollieren mithilfe von ausgefeilter Informationstechnologie, durch die Verletzung von Souveränitätsrechten eines Landes wie des unveräußerlichen Rechts auf persönliche Privatsphäre. Es ist ein Zeichen von Schwäche und Angst, wenn eine Weltmacht nicht länger durch Argumente überzeugen noch Anziehungskraft durch seine Ideale ausüben kann. Also benutzt sie direkte Gewalt, lügt, indem sie Rechte und international vereinbarte Statuten missachtet. Den großen Kulturhistorikern Toynbee und Burckhard zufolge sind dies unmissverständliche Zeichen für die ungezügelte Dekadenz von Weltmächten. Doch in ihrem Untergang verursachen sie unvorstellbare Zerstörung.

 

Der zweite Bereich der Hybris Selbstüberschätzung besteht im Traum von unbegrenztem Wachstum durch die gnadenlose Ausbeutung von Naturgütern und -diensten. Der Westen schuf und exportierte diese Art von Wachstum in die ganze Welt, die in der Quantität der materiellen Güter (BSP)  gemessen wird. Es bricht mit der Logik der Natur, die sich immer selbst reguliert, während sie die Interdependenz aller mit allem aufrecht erhält. So wächst ein Baum nicht endlos in den Himmel, und ebenso weiß der Mensch um seine physischen und psychologischen Grenzen. Doch diese Entwicklung führt Menschen dazu, ihren arroganten Prozess der Natur aufzuzwingen: so konsumieren sie bis zur Übelkeit, während sie gleichzeitig nach vollkommener Gesundheit und biologischer Unsterblichkeit streben. Da sie die Limits der Erde allmählich zu spüren bekommen, denn diese ist ein kleiner und kranker Planet, nutzen die Menschen neue Technologien, um die Erde zu noch mehr Leistungsfähigkeit zu zwingen. Sie verteidigt sich selbst durch globale Erwärmung mit all deren extremen Auswirkungen. 

 

Zoja sagt ganz richtig: „Endloses Wachstum ist nichts anderes als eine naive Metapher für Unsterblichkeit.“ (S. 11). Samuel P. Huntington bekräftigt in seinem kontroversen Buch „Kampf der Kulturen“, dass die Arroganz des Westens die „größte Gefahr von Instabilität und möglichem globalen Konflikt in einer Welt mit vielfältigen Zivilisationen“ darstellt (s. 397). Das Überschreiten aller Grenzen wird durch den Mangel an sinnvoller Vernunft und an Vernunft des Herzens verschlimmert. Durch sie lesen wir die Daten, indem wir unsere Gefühle mit einbringen, hören auf die Botschaften der Natur und vernehmen das Humane in der dramatischen und hoffnungsvollen Menschheitsgeschichte.

 

Die Akzeptanz von Grenzen macht uns demütig und verbindet uns mit allen Wesen. Gerade durch die Logik dominierender Arroganz distanziert sich die nordamerikanische Weltmacht selbst von allen und schafft eher Misstrauen als Freundschaft und Bewunderung. 

 

Ich schließe mit einer Geschichte von Leo Tolstoi im Stil von João Cabral de Mello Neto: Wie viel Land braucht ein Mensch? Ein Mann schloss einen Pakt mit dem Teufel: Er bekäme so viel Land, wie er zu Fuß umlaufen könne. Er begann zu laufen und lief Tag und Nacht, pausenlos von Tal zu Tal, von Berg zu Berg, bis er vor Erschöpfung tot umfiel. Tolstoi kommentiert: Hätte er um seine Grenzen gewusst, wäre ihm klar gewesen, dass er nur ein paar Meter brauchte, denn mehr brauchte er nicht für sein Grab.

 

Um Bewunderung zu erhalten brauchen die USA nicht mehr als ihr eigenes Territorium und ihr eigenes Volk. Sie bräuchten nicht allen zu misstrauen und im Leben aller herumzuschnüffeln.

 

 

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

 

Ein Konzil für alle Christen?

 

 

Wir haben den 50. Todestag von Papst Johannes XXIII (1881-1963) begangen, dem wohl bedeutendsten Papst des 20. Jahrhunderts. Ihm ist die Erneuerung der katholischen Kirche zu verdanken, deren Ziel es war, der Kirche einen Platz in der modernen Welt zu verleihen. Ohne Vorankündigung erklärte er am 25. Januar 1959 den erstaunten Kardinälen, die sich in der Benediktinerabtei St. Paul vor den Mauern versammelt hatten, dass er ein ökumenisches Konzil einberufen wolle. Auf eigene Faust hatte er eine kritische Analyse der Lage der Welt und der Kirche unternommen und festgestellt, dass wir uns in einer neuen historischen Phase befanden: in der Moderne mit ihrer Wissenschaft, dem technischen Fortschritt, Freiheiten und Rechten. Die Kirche hatte sich in dieser neu aufkommenden Realität positiv zu positionieren. Die damalige Haltung bestand in Misstrauen und Verdammung. Der Papst erkannte, dass dieses Verhalten die Kirche in eine Isolation führen und in einen destruktiven Stillstand münden würde.

 

Er wiederholte das alte Sprichwort: Vox temporis vox Dei (die Stimme der Zeit ist Gottes Stimme). Damit wollte er nicht sagen, „dass alles in der Welt, wie sie sich heute zeigt, das Wort Gottes ist. Es heißt vielmehr, dass alles eine Botschaft von Gott in sich trägt. Ist es gut, so sollten wir dem folgen. Ist es schlecht, so sollten wir es ändern.“

 

Also fand das Zweite Vatikanische Konzil in Rom statt (1962-1965). Der Papst eröffnete es, doch er starb, bevor es endete (1963). Jedoch war es sein Geist, der das ganze Ereignis prägte und dessen Auswirkungen noch bis heute zu spüren sind.

 

Es gab zwei Hauptthemen: Aggiornamento und Hirtenamt. Aggiornamento bedeutet, das Neue zu bejahen, die Kirche bezüglich ihrer Sprache, Struktur und der Art, wie sie sich der Welt präsentierte, zu aktualisieren. Folglich ging es nicht darum, die Moderne und die „Nouvelle Théologie“ zu verurteilen, wie dies zuvor heftig geschah. Anstelle von Doktrinen gab es Dialoge, gegenseitiges Lernen und gemeinsamen Austausch.

 

Vielleicht fasst diese Aussage Johannes XXIII seine Geisteshaltung gut zusammen: „Das Leben eines Christen ist keine Sammlung von Antiquitäten. Es geht nicht darum, ein Museum oder eine Akademie der Vergangenheit zu besuchen. Dies kann zweifellos nützlich sein – so wie die Besichtigung eines alten Denkmals – doch dies reicht nicht aus. Leben heißt Fortschritt machen, das Beste aus der Praxis und aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu ziehen, immer nach vorn den Weg zu gehen, den Unser Herr uns weist.“

 

Tatsächlich brachte das Konzil die Kirche in die moderne Welt, indem sie an deren Wechselfällen und erbrachten Leistungen Anteil nahm. Der Kirche Lateinamerikas wurde bald bewusst, dass nicht nur die moderne Welt existiert, sondern auch eine Teilwelt, von der im Konzil wenig die Rede war. In Medellin (1969) und Puebla (1979) wurde erkannt, dass die Mission der Kirche in dieser Unterwelt von Armut und Unterdrückung darin besteht, soziale Gerechtigkeit und Befreiung voranzubringen.

 

Seit dem Konzil sind nun 50 Jahre vergangen. Die Welt als auch jene Teilwelt haben sich sehr verändert. Neue Herausforderungen sind entstanden: die Wirtschafts-Finanz-Globalisierung und in deren Folge ein planetarisches Bewusstsein, die Auflösung des Sowjetreichs, neue Formen sozialer Kommunikation (Internet, soziale Netzwerke u. a.), die die Welt vereinen, die Erosion der Biodiversität, ein Bewusstsein der Grenzen der Erde und der Möglichkeit einer Ausrottung der menschlichen Spezies und damit das Auslöschen des humanen planetarischen Projekts.

 

Die Kategorien des Zweiten Vatikanischen Konzils konnten diese neue und bedrohliche Realität noch nicht ansprechen. Alles weist auf die Notwendigkeit eines neuen Ökumenischen Konzils hin. Jetzt ist es nicht damit getan, nur die Bischöfe der katholischen Kirche einzuberufen. Durch die Gefahren, mit denen wir konfrontiert sind, ist das ganze Christentum mit seinen Kirchen bedroht. Wenn wir das Leben auf dem Planeten retten wollen, müssen wir das Bündnis zwischen den Kirchen, Religionen und der Techno-Science  ernst nehmen, das der große Biologe E. Wilson vorschlug (siehe: Die Schöpfung: Ein Aufruf, das Leben auf der Erde zu retten [La creación, Salvemos la vida en la Tierra, 2006]). Wie können die religiösen Kräfte dazu beitragen, dass wir noch eine Zukunft haben können? Es kommt einzig darauf an, dass das Leben auf der Erde überlebt. Ansonsten verschwindet alles, und nichts macht mehr Sinn. Christen müssen ihre Unterschiede vergessen und ihre Polemik aufgeben und sich für diese lebensrettende Mission vereinen.

 

Papst Franziskus wäre in der Lage, die Christen aller Denominationen, Männer wie Frauen, zusammen zu bringen, unterstützt durch gelehrte Personen von Ansehen, einschließlich Nicht-Religiöser, um die Art der Kooperation herauszuarbeiten, die wir bieten können, auf einer Linie mit dem neuen Bewusstsein des Respekts, der Verehrung, der Achtsamkeit für alle Ökosysteme, Mitgefühl, Solidarität, gemeinsamer Genügsamkeit und Verantwortung ohne Restriktionen, denn wir hängen alle voneinander ab.

 

Mit seiner Art zu sein und zu denken erweckt Papst Franziskus in uns allen die kluge, spirituelle Vernunft des Herzens. Zusammen mit der intellektuellen Vernunft werden wir dieses einzigartige Gemeinsame Haus, das das Universum und Gott uns zuteil werden ließ, beschützen, für es sorgen und es lieben. Nur auf diese Weise werden wir unser weiteres Dasein auf der Erde gewährleisten.

 

 

Ubersetzt von Bettina Gold-Hacker