Der Papst, der seine Rechnungen selbst bezahlt

Was die Menschen überzeugt, sind die Taten, nicht die Worte. Ideen können erleuchtend sein. Doch es ist das gelebte Beispiel, das uns anzieht und uns bewegt. Es wird sofort von allen verstanden. Die zahlreichen Erklärungen verwirren mehr als sie erhellen. Die Taten sprechen für sich selbst.

Was den neuen Papst Franziskus kennzeichnet, der „vom Ende der Welt kommt“, d. h. von außerhalb des europäischen Umfelds, das von Traditionen besetzt ist, von Palästen, königlichem Spektakel und internen Machtkämpfen, sind die einfachen Gesten, mit denen er dem Volk nahe ist, die für alle selbstverständlich sind, für die der gesunde Sinn des Lebens noch einen Wert besitzt. Er bricht das Protokoll und macht deutlich, dass Macht immer nur eine Maske und Theater ist, wie der Soziologe Peter Berger so gut darstellte, selbst wenn es sich um eine Macht handelt, die vorgibt, göttlicher Herkunft zu sein.

Papst Franziskus folgt ganz einfach dem Gebot Jesu, der ausdrücklich sagte, dass die Großen dieser Welt befehlen und herrschen. „Bei euch soll es aber nicht so sein, sondern wer bei euch groß sei will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mk 10,43-45) Wenn also Jesus so spricht, kann dann der Papst als Garant seiner Botschaft anders handeln?

In der Tat erbte die Institution Kirche mit der Einführung der absolutistischen Monarchie des Papstes, insbesondere ab dem zweiten Jahrtausend, die Symbole der Römischen Imperialmacht und des feudalen Adels: prachtvolle Kleidung (wie die der Kardinäle), Prunk, Kreuze und Ringe aus Gold und Silber und die Hofsitten der Paläste. In den großen  Klöstern des Mittelalters spielte sich das Leben in grandiosen Räumen ab.

In dem Zimmer des Franziskanerklosters von München, wo ich als Student wohnte und das aus der Zeit Wilhelms von Ockham (14. Jh.) stammte, hatte allein das Renaissance-Gemälde an der Wand einen Wert von mehreren Millionen Euro. Wie lassen sich Mitren, Goldkreuze, vergoldete Stolas und Prälatengewänder von heute mit der Armut des Nazareners vereinbaren, der nichts hatte, worauf er sein Haupt hätte betten können? Ehrlich gesagt ist das unmöglich. Und die Leute, die nicht dumm sind sondern aufmerksame Beobachter, sind sich dieses Widerspruchs bewusst. All dieser Prunk hat nichts gemein mit der Tradition von Jesus von Nazareth und seinen Aposteln.

Laut einigen Zeitungen sagte der Papst, als der Sekretär des Konklaves diesem die „Mozzetta“, den reich verzierten Schulterkragen als Symbol der päpstlichen Macht, über die Schultern legen wollte: „Der Karneval ist vorbei; räume diese Kleidung weg.“ Und er trat in seiner weißen Kleidung auf, so wie Dom Helder Camara, der seinen Kolonialpalast von Olinda verließ, um in einem Anbau der Kirche von Las Candelas am Stadtrand zu leben; wie es auch Paulo Evaristo Arns tat, ganz zu schweigen von Don Pedro Casaldáliga, der in einem kleinen armen Haus lebt und sein Zimmer mit einem Gast teilt.

Für mich besteht die schlichteste, ehrlichste und beliebteste Geste von Papst Franziskus darin, zu dem Hotel zu gehen, in dem er gewohnt hatte (er wohnte nie im großen Zentralhaus der Jesuiten in Rom), um dort seine Rechnung über 90 Euro pro Tag zu begleichen. Er ging hinein, nahm selbst seine Kleidung, packte seinen Koffer, verabschiedete sich vom Personal und ging. Welcher weltliche Machthaber, wohlhabende Millionär, welcher berühmte Künstler würde so etwas machen? Ihm populistische Absichten wegen dieser, für Normalsterbliche so selbstverständliche, Geste zu unterstellen, wäre Verrat an den Absichten des Bischofs von Rom.

Handelte er nicht ebenso, als er als Kardinal von Buenos Aires selbst seine Zeitung holen ging, sich die Zutaten für sein von ihm selbst zubereiteten Essen kaufte, den Bus oder die U-Bahn nahm und bevorzugte, sich als „Vater Bergoglio“ vorzustellen?

Frei Betto prägte eine Redensart, die eine große Wahrheit ausdrückt: „Der Kopf denkt je nach dem, wo die Füße stehen.“ Es ist tatsächlich so, dass jemand, der tagtäglich durch Paläste oder prunkvolle Kathedralen geht, sich schließlich die Logik der Paläste und der Kathedralen aneignet. Aus diesem Grund feierte Papst Franziskus am Sonntag die Messe in der Kapelle Santa Anna im Inneren des Vatikan, die als Pfarrkirche des Vatikans gilt. Nach der Messe ging er hinaus und begrüßte die Gläubigen.

Es ist bemerkenswert und voll theologischer Bedeutung, dass er sich nicht als Papst, sondern als „Bischof von Rom“ vorstellte. Er bat nicht darum, für den emeritierten Papst Benedikt XVI zu beten, sondern für den emeritierten Bischof von Rom, Joseph Ratzinger. Damit knüpfte er an die einfachste Tradition der Kirche wieder an, den Bischof von Rom als den „Ersten unter Gleichen“ zu erachten. Dieser Stadt kommt eine besondere Bedeutung zu, da in ihr Petrus und Paulus beerdigt sind. Doch wurde diese symbolische und spirituelle Macht im Sinn der Güte und nicht in Form von juristischer Gewalt über andere Kirchen ausgeübt, wie es im zweiten Jahrtausend aufkam. Es würde mich absolut nicht wundern, wenn der Papst, so wie Johannes Paul I es beabsichtigt hatte, entscheiden würde, den Vatikan zu verlassen, um an einem schlichten Ort zu leben mit einem ausreichen großen Vorplatz, um dort den Besuch der Gläubigen zu empfangen. Die Zeit ist reif für eine solche Art von Revolution in den päpstlichen Bräuchen. Und welch Herausforderung stellt er für die anderen Prälaten der Kirche dar: freiwillig in Einfachheit und geteilter Bescheidenheit zu leben.

Übrsetzt von Bettina Gold-Harnack

War der Kollaps seiner Theologie der eigentliche Grund für den Rücktritt Benedikts XVI?

Es birgt immer gewisse Gefahren, einen Theologen zum Papst zu wählen. Dieser könnte seine ihm eigene Theologie zur allgemein gültigen Theologie der Kirche machen und sie der ganzen Welt aufzwängen. Ich vermute, dies war der Fall bei Benedikt XVI, zunächst als Kardinal, der zum Präfekten der Glaubenskongregation (der ehemaligen Inquisition) ernannt und später dann zum Papst gewählt wurde. Dies war illegitim und führte zu ungerechten Verurteilungen. In der Tat verurteilte er mehr als hundert Theologen und Theologinnen, weil diese nicht auf einer Linie mit seiner theologischen Lesart von Kirche und Welt waren.

Gesundheitliche Gründe und das Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der Schwere der Krise in der Kirche veranlassten ihn zum Rücktritt. Doch nicht nur dies. In seiner Rücktrittserklärung ist die Rede vom „Rückgang körperlicher und geistiger Vitalität“ und „seinem Unvermögen“, sich den Fragen zu stellen, die die Ausführung seiner Mission so schwierig gestalteten. Hinter diesen Worten, so glaube ich, verbirgt sich ein tieferer Grund für seinen Rücktritt: Ihm wurde bewusst, dass sein theologisches Gebäude einzustürzen drohte und die Errichtung seines Kirchenmodells scheitern würde. Eine absolutistische Monarchie ist nicht so absolut, dass sie die Trägheit der gealterten Strukturen der Kurie überwinden könnte.

Mit den zentralen Thesen seiner Theologie haben die Theologen schon immer ihre Schwierigkeiten gehabt. Drei von diesen Thesen wurden schließlich durch die Fakten widerlegt: das Konzept von Kirche als einer „kleinen versöhnten Welt“; dass die Stadt der Menschen nur kraft der Vermittlung der Stadt Gottes einen Wert erlange; und das berühmte „subsistit“, das besagt: Nur in der katholischen Kirche findet sich die wahre Kirche Christi, keine andere Kirche kann sich als Kirche bezeichnen. Dieses enge Verständnis rührt von einer scharfen Intelligenz, die sich selbst zum Opfer fällt, da es ihr an ausreichender inneren Kraft und der nötigen Zustimmung mangelt, um umgesetzt zu werden. Erkannte Benedikt diesen Kollaps und zog durch seinen Rücktritt die Konsequenz? Es gibt Gründe, die für diese Hypothese sprechen

Der emeritierte Papst hatte im Hl. Augustinus seinen Mentor und seine Quelle für Inspiration gefunden. Augustins war das Thema persönlicher Gespräche mit ihm. Von ihm übernahm er seine grundlegende Sichtweise, beginnend mit dessen drittrangigen Lehre von der Erbsünde (die durch den Zeugungsakt übertragen wird). Dadurch fällt die ganze Menschheit der Verdammung anheim. Doch Gott pflanzte durch Christus inmitten der Menschheit einen rettenden Keim, der durch die Kirche repräsentiert wird. Die Kirche ist eine „kleine versöhnte Welt“, die den verlorenen Rest der Menschheit vertritt. Sie braucht nicht viele Mitglieder zu haben. Ein paar Mitglieder reichen, wenn sie nur rein und heilig sind. Ratzinger verkörperte diese Vision und ergänzte sie durch folgende Überlegung: Die Kirche wurde von Christus und seinen Aposteln gegründet. Daher ist sie apostolisch. Sie besteht nur aus dieser kleinen Gruppe. Dies schließt die Jünger, die Frauen und die Menschenmengen, die Jesus von Nazareth folgten, aus. Sie zählen für Ratzinger nicht. Sie werden von der Vertretung, die die „kleine versöhnte Welt“ übernimmt, erreicht.

Dieses Modell von Theologie und Kirche lässt die weite, globalisierte Welt außen vor. Darum wollte Benedikt aus Europa solch eine „kleine versöhnte Welt“ machen, um nochmals die Menschheit zu erobern. Daran scheiterte er, denn niemand setzte dieses Projekt in die Tat um, und viele fanden es lächerlich.

Auch die zweite These ist von Augustinus und dessen Lesart der Geschichte übernommen: die Konfrontation zwischen der Stadt Gottes und der Stadt der Menschen. In der Stadt Gottes gibt es Gnade, und sie ist der einzige Weg zum Heil. Die Stadt der Menschen wurde von Menschenhand erbaut. Doch da ihr ganzer Humanismus und ihre anderen Werte kontaminiert sind, können die Menschen nicht das Heil erlangen, da sie nicht die Vermittlung der Stadt Gottes (die Kirche) durchlaufen haben. Deshalb macht ihr der Relativismus so zu schaffen. Folglich verurteilte Kardinal Ratzinger scharf die Theologie der Befreiung, denn diese zielt auf die Befreiung der Armen durch sich selbst ab und verhalf ihnen dazu, zu autonomen Akteuren ihrer eigenen Geschichte zu werden. Doch da die Theologie der Befreiung nicht innerhalb der Stadt Gottes und ihrer Keimzelle, der Kirche, errichtet wurde, ist sie unzureichend und sinnlos.

Die dritte These ist eine sehr persönliche Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Benedikt über die Kirche Christi. Der erste konziliare Entwurf besagte, die katholische Kirche ist die Kirche Christi. In den um Ökumene ringenden Diskussionen ersetzte man das Wort ist (est) durch subsistiert in (subsistit in), um Raum für andere christliche Kirchen zu schaffen, die auf ihre eigene Weise auch die Kirche Christi verwirklichen. Diese These, die ich in meiner Dissertation unterstützte, erfuhr eine ausdrückliche Verurteilung durch Kardinal Ratzinger in seinem berühmten Schreiben „Dominus Jesus“ (2000), wo er bekräftigt, dass sich das Wort „subsistiert“ von „Subsistenz“ ableitet, sodass es sich nur um eine einzige handeln kann und dass diese in der katholischen Kirche zu finden ist. Die anderen „Kirchen“ verfügen „nur“ über ekklesiastische Elemente. Dieses „nur“ ist ein willkürlicher Zusatz, die er an den offiziellen Konzilstext anhängt. Einige namhafte Theologen wie auch ich haben gezeigt, dass es diese essentialistische Bedeutung im Lateinischen nicht gibt. Die Bedeutung ist stets konkret: „Gestalt annehmen“,  „sich objektiv verwirklichen“. Dies war der „Sensus Patrum“, das was die Konzilsväter im Sinne hatten.

Diese drei zentralen Thesen wurden durch die Fakten widerlegt: Innerhalb der „kleinen versöhnten Welt“ gibt es zu viele Pädophile, selbst unter den Kardinälen, und zu viele Geldräuber in der Vatikan-Bank. Die zweite These, die besagt, dass die Stadt der Menschen über keine heilswirksame Kraft vor Gott verfüge, beruht auf dem Irrtum, den Aktionsradius der Stadt Gottes auf den alleinigen Bereich der Kirche zu begrenzen. Innerhalb der Stadt der Menschen findet sich auch die Stadt Gottes, zwar nicht in Form von religiösem Bewusstsein, sondern in Form von ethischen und humanitären Werten. Das Vatikanum II sagte den irdischen Wirklichkeiten (ein anderer Ausdruck für Säkularisierung) Autonomie zu, die unabhängig von der Kirche über Werte verfügen. Diese gelten auch vor Gott als Werte. Die Stadt Gottes (die Kirche) verwirklicht sich durch den ausdrücklichen Glauben, durch Gottesdienst und Sakramente. Die Stadt der Menschen verwirklicht sich durch Ethik und Politik.

Die dritte These, die katholische Kirche sei die einzige und exklusive Kirche Christi und, mehr noch, außerhalb ihrer gebe es kein Heil, eine mittelalterliche These, von Kardinal Ratzinger wiederbelebt, wurde als Beleidigung der anderen Kirchen einfach ignoriert. Anstelle von „außerhalb der katholischen Kirche kein Heil“ sprachen die Päpste und Theologen nun von der „universellen Heilszusage für alle Menschen und die Welt.“

Ich habe den ernsthaften Verdacht, dass dieses Versagen und der Zusammenbruch seines theologischen Gebäudes ihm die „notwendige körperliche und geistige Vitalität“ so sehr entzogen haben, dass er, wie er bekennt, „sich nicht in der Lage fühlt, sein Amt gut auszuüben“. Als Gefangener seiner eigenen Theologie hatte er keine andere Wahl als ehrenhaft zurückzutreten.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Siehe vom Verfaser Kirche: Charisma und Macht, Düsseldorf, Patmos 1985.

Papst Franziskus ruft zum Wiederaufbau der Kirche auf

Vor kurzem sagte ich in den sozialen Netzwerken voraus, dass der zukünftige Papst „Franziskus“ heißen würde. Und ich habe mich nicht geirrt. Warum Franziskus? Weil der Heilige Franziskus sich  auf den Weg der Bekehrung begab, als er vom Kreuz der Kapelle San Damiano angesprochen wurde: „Geh, Franziskus, und baue mein Haus wieder auf. Du siehst ja, es zerfällt.“ (Hl. Bonaventura, Legenda Maior, II,1). Franziskus nahm diesen Auftrag wortwörtlich und baute die kleine Kirche von Portiunkula wieder auf, die immer noch in Assisi steht und sich im Innern einer riesigen Kathedrale befindet. Später wurde ihm klar, dass dieser Auftrag spirituell zu verstehen war: „die Kirche, die Christus mit seinem Blut erlöst hat“ wieder aufzubauen (a.a.O.).  Von dort aus entstand seine Bewegung der Erneuerung der Kirche, welcher der mächtigste Papst der Geschichte, Innozenz III., vorstand.

Er begann, mit Aussätzigen zusammen zu leben und Arm in Arm mit einem von ihnen das Evangelium zu verkündigen, indem er sich der Sprache des Volkes bediente und nicht auf Latein sprach. Es ist gut zu wissen, dass Franziskus kein Priester war, sondern ein einfacher Laie. Erst gegen Ende seines Lebens, als der Papst den Laien das Predigen verbot, akzeptierte er, Diakon zu werden, doch nur unter der Voraussetzung, keine Vergütung für seine Dienste zu erhalten.

Wieso aber hat der Kardinal Jorge Mario Bergoglio den Namen Franziskus gewählt? Meiner Meinung nach, weil ihm bewusst war, dass die Kirche kurz vor dem Kollaps stand infolge des Autoritätsverlusts durch die diversen Skandale, und da sie das Wertvollste, das sie besessen hatte, einbüßen musste: die Moral und die Glaubwürdigkeit.

Franziskus ist nicht nur ein Name; es ist das Projekt einer Kirche, die arm und einfach ist, die sich am Evangelium orientiert und ihrer Macht beraubt ist. Es ist eine Kirche, die sich mit den Geringsten unter uns auf den Weg begibt, die die ersten Ordensgemeinschaften für Männer und Frauen gründete, die unter den Bäumen das Brevier mit den Spatzen beteten. Es ist eine ökologische Kirche, die alle Lebewesen als „Brüderchen und Schwesterchen“ bezeichnet. Franziskus war der Kirche und dem Papst gegenüber gehorsam und ging doch gleichzeitig seinen eigenen Weg, das Evangelium der Armut unter dem Arm. Der Theologe Joseph Ratzinger schrieb einmal: „Franziskus’ Ablehnung einer solcherart herrschaftlichen Kirche hätte radikaler Nein sein können. Wir würden so etwas als prophetischen Protest bezeichnen.“ (in Zeit Jesu, Herder 1970, 269). Er spricht nicht über das Neue, er lebt es einfach.

Ich glaube, Papst Franziskus hat eine Kirche außerhalb der Paläste im Sinn, die frei von Machtsymbolen ist. Das hat er bei seinem öffentlichen Auftritt gezeigt. Üblicherweise trugen die Päpste, und besonders Ratzinger, die Mozzetta, ein goldbestickter Schulterkragen,  der den Kaisern vorbehalten war. Papst Franziskus trat nur einfach weiß gekleidet auf.

Es lohnt sich, drei Punkte von großer symbolischer Bedeutung aus seiner Antrittsrede hervorzuheben:

Erstens sagte er, er wolle „in der Nächstenliebe präsidieren“, was in der Zeit der Reformation angestrebt wurde, wie auch von den besten Theologen der Ökumene. Der Papst sollte nicht wie ein absolutistischer Monarch präsidieren, ausgestattet mit heiliger Vollmacht, wie es das kanonische Recht vorsieht. Gemäß Jesu Botschaft soll er in Liebe präsidieren, um die Brüder und Schwestern im Glauben zu bestärken.

Zweitens hat er das Volk Gottes in den Mittelpunkt gestellt, wie es das Zweite Vatikanische Konzil vorsieht, was aber die beiden vorangegangenen Päpste zugunsten der Hierarchie außer Acht gelassen hatten. Papst Franziskus bat das Volk Gottes demütig darum, für ihn zu beten und Gott um den Segen für ihn zu bitten. Dann erst segnete er das Volk Gottes. Das bedeutet: Er ist da, um zu dienen und nicht, um bedient zu werden. Er bittet um Hilfe bei der Suche nach einem gemeinsamen Weg und ruft nach Geschwisterlichkeit für alle Menschen, die sich nicht mehr als Brüder und Schwestern erkennen, sondern sich als Gefangene in den Stricken der Ökonomie erleben.

Schließlich vermied er jegliches Spektakuläre, das der Figur des Papstes zu eigen ist. Er erhob nicht die Arme, um das Volk zu grüßen, sondern blieb still, standhaft und ernst, fast würde ich sagen erschrocken. Man sah ihn als eine weiße Gestalt, die sanft die Menschenmenge anschaute. Doch er strahlte Frieden und Vertrauen aus. Er zeigte Humor, als er ohne jegliche offizielle Rhetorik sprach, so wie ein Hirte zu seinen Gläubigen.

Es muss erwähnt werden, dass dies ein Papst ist, der aus dem tiefen Süden kommt, wo die ärmsten Menschen leben und sich 60 % der Katholiken befinden. Mit seiner pastoralen Erfahrung und seiner Sichtweise „von unten“ kann er die Kurie umgestalten, die Verwaltung dezentralisieren und der Kirche ein neues, glaubwürdiges Gesicht  verleihen.

vom selben Autor: Zärtlichkeit und Kraft. Franz von Assisi, mit den Augen der Armen gesehen, Patmos Verlag, 1983.

Übersezt von Bettina Gold-Hartnack

 

 

Gegen das Vergessen des Heiligen Geistes

In einem vorigen Artikel versuchten wir, die Dimension des Geistes aufrecht zu erhalten, die in unserer modernen materialistischen und konsumorientierten Kultur unterzugehen droht. Nun geht es darum, die Gestalt des Hl. Geistes zu retten, die in der Lateinischen Kirche immer an den Rand gedrängt oder gar vergessen wird. Da sie eine Kirche der Macht ist, kommt sie nicht gut mit dem Charisma zurecht, das in den Bereich des Heiligen Geistes fällt. Der Heilige Geist ist die Fantasie Gottes und der Motor für Veränderung; mit beidem kann die alte hierarchische Institution nicht gut leben. Doch der Heilige Geist kommt wieder.

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt ausdrücklich: „Der Geist Gottes leitet den Gang der Geschichte mit bewundernswerter Vorhersehung; er erneuert das Antlitz der Erde und ist in der Evolution gegenwärtig.“ (Gaudium et Spes, 26/281). Der Geist ist immer aktiv. Doch er erstrahlt in größerer Intensität, wenn es Veränderungen gibt, die etwas Neues mit sich bringen. Vier solcher kürzlich eingetretenen Veränderungen sind es wert, genannt zu werden: die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen (Ökumenischen) Konzils (1962-1965),  die lateinamerikanische Bischofskonferenz von Medellin, Kolumbien (1969), das Aufkommen der Theologie der Befreiung und die Entstehung der Charismatischen Katholischen Bewegung.

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) hat die Kirche ihre Gangart an die moderne Welt und deren Freiheiten angepasst. Insbesondere ist die Kirche in Dialog mit der Technoscience getreten, mit der Arbeitswelt, der Säkularisierung, der Ökumene, mit anderen Religionen und fundamentalen Menschenrechten. Der Geist erneuerte mit frischem Atem den vor sich hin dämmernden Bau der Kirche.

In Medellin (1968) betrat die Kirche die Unterwelt des Elends und der Armut, die für Lateinamerika kennzeichnend war und noch immer ist. Erfüllt von der Kraft des Heiligen Geistes stellten sich lateinamerikanische Pfarrer auf die Seite der Armen und damit der Armut entgegen und beschlossen, eine Pastoral der umfassenden Befreiung zu praktizieren: Erlösung nicht nur von unseren persönlichen und kollektiven Sünden, sondern Erlösung von der Sünde der Unterdrückung, von der Sünde der Massenverarmung, der Diskriminierung der indigenen Völker des Kontinents, der Verachtung der Nachkommen afrikanischer Völker, und von der Sünde der patriarchalischen Beherrschung der Frauen durch die Männer seit der Steinzeit.

Daraus entstand die Kirche der Befreiung. Sie zeigt ihr Gesicht, wenn das Volk die Bibel liest, in der neuen Art, in Form von Basisgemeinden Kirche zu sein, in einer anderen Sozialpastoral (der indigenen Völker, der Nachkommen der afrikanischen Völker, der Erde, der Gesundheit, der Kinder u. a.) und in der entsprechenden Reflexion der Theologie der Befreiung.

Diese Kirche der Befreiung hat Christen hervorgebracht, die sich politisch an der Seite der Unterdrückten engagierten, sich den Militärdiktaturen entgegenstellten und Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Mord erlitten. Zweifellos ist sie eine der wenigen Kirchen, die so viele Märtyrer hat wie Schwester Dorothy Stang und sogar Bischöfe wie Enrique Angelleli aus Argentinien und Oscar Arnulfo Romero aus El Salvador.

Die vierte Veränderung war das Aufkommen der Charismatischen Katholischen Bewegung in den Vereinigten Staaten seit 1967 und in Lateinamerika seit den 1970er Jahren. Diese rückte wieder das Gebet, die Spiritualität und das Charisma des Geistes in den Mittelpunkt. Gebetsgemeinschaften wurden gegründet, Gemeinschaften, um die Gaben des Heiligen Geistes zu fördern, den Beistand für die Armen und Kranken. Diese Erneuerung hat dazu beigetragen, die Starre der Organisation der Kirche und deren kalte Lehre zu überwinden. Sie brach das Monopol des Wortes des Klerus und öffnete einen Raum für die freie Meinungsäußerung der Gläubigen.

Diese vier Ereignisse können nur dann theologisch richtig bewertet werden, wenn sie durch den Blickwinkel des Heiligen Geistes betrachtet werden. Der Heilige Geist hat  schon immer in der Geschichte vorangetrieben und in einer innovativen Art und Weise in der Kirche gewirkt, die folglich zum Hoffnungsträger wird und Freude am Leben im Glauben erzeugt.

Was wir zurzeit erleben, ist die vielleicht größte Krise der Menschheitsgeschichte. Es ist die tiefste Krise, denn es könnte die letzte sein. In der Tat haben wir uns selbst den Schlüssel zur Selbstzerstörung in die Hand gegeben. Wir haben eine Todesmaschine gebaut, die uns alle umbringen und unsere ganze Zivilisation zerstören kann, die doch so schmerzhaft über Jahrtausende in schöpferischer Arbeit errichtet wurde. Und der Großteil der Artenvielfalt könnte mit uns zugrunde gehen. Wenn diese Tragödie stattfindet, wird die Erde ihre Reise fortsetzen, bedeckt mit Leichen, verwüstet und verarmt, doch ohne uns.

Aus diesem Grund sagen wir, dass unsere Technologie des Todes eine neue geologische Ära eingeläutet hat: das Anthropozäikum. Das bedeutet, dass der Mensch als ein großer Meteorit erscheint, der das Leben bedroht. Der Mensch mag es vorziehen, sich eher selbst zu zerstören und auf perverse Weise die lebendige Erde Gaia zu ruinieren als seinen Lebensstil zu ändern und sein Verhältnis zur Natur und zu Mutter Erde. So wie damals in Palästina die Juden Barrabas Jesus vorzogen, würden die heutigen Feinde des Lebens Herodes den unschuldigen Kindern vorziehen. Dann allerdings würde der Mensch sich tatsächlich eher als der Satan auf Erden denn als Schutzengel der Schöpfung erweisen.
An dieser Stelle wollen wir flehend und bittend das liturgische Gebet des Pfingsfests laut hinausrufen: Veni, Sancte Spiritus et emite coelitus, Lucis tuae radio: „Komm, Heiliger Geist, und sende uns deinen Lichtstrahl vom Himmel.“

Ohne die Wiederkehr des Geistes laufen wir Gefahr, dass die Krise keine Gelegenheit zur Reinigung bietet, sondern zur unumkehrbaren Tragödie verkommt. In den kirchlichen Basisgemeinden singt man: „Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Antlitz der Erde.“

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack