Entfesselung der Kategorie “Geist”

In der heutigen Kultur ist der Begriff „Geist“ auf zwei Fronten abgewertet  worden: von der „Bildungs“-Kultur und von der „Volks“-Kultur.

In der vorherrschenden Bildungskultur steht der Begriff „Geist“ für das Gegenteil von Materie. Wir wissen mehr oder weniger, was Materie ist, denn man kann sie messen, wiegen, manipulieren und transformieren, während „Geist“ ist den Bereich des Immateriellen, Undefinierbaren und sogar Nebulösen fällt. Materie ist die Wort-Quelle der zentralen Werte menschlicher Erfahrungen der letzten Jahrhunderte. Die moderne Wissenschaft basiert auf der Erforschung und Beherrschung von Materie. Sie hat die Elementarteilchen bis zu deren letzten Dimensionen durchdrungen, dem Higgs-Teilchen, wodurch die Kondensation der ursprünglichen Energie zu Materie erst möglich wird: nach den Bosonen und Hadronen das langerersehnte sogenannte „Gottesteilchen“. Einstein belegte, dass Materie und Energie äquivalent sind. Materie ist nicht real. Sie ist hoch kondensierte Energie und ein Feld voller Interaktionen.

Im modernen konventionellen Sinn passen die spirituellen Werte, die sich in der Super-Struktur befinden, nicht in wissenschaftliche Schemata. Sie haben ihren Platz in der Welt des Subjektiven und sind der Intimität des Einzelnen oder religiöser Gruppierungen überlassen. Wir können übereinstimmend mit Jose Comblin sagen, der es etwas grotesk, aber nicht zu harsch, folgendermaßen ausdrückte: „Wenn es um „spirituelle Werte“ geht, denkt jeder daran, wie eine gutbürgerliche Person in einem Treffen der Rotary oder der Lions Clubs spricht, nachdem es ein reichhaltiges Abendessen mit feinen Weinen und köstlichen Speisen gab. Denn im allgemeinen sind die „spirituellen Werte“ für die Leute nichts anderes als schöne, aber leere Worthülsen. Oder es gehört zum Repertoire kirchlicher Sprache: moralisierend, vergeistigt und in Feindschaft zur modernen Welt.“

Daher hört man den Begriff „spirituelle Werte“ häufiger aus den Mündern von Priestern und Bischöfen aus dem konservativen Lager. Von ihnen hört man oft, dass die Krise der heutigen Welt auf die Abkehr von der geistigen Welt zurückzuführen ist, d. h. im Fernbleiben vom Gottesdienst oder im Fehlen einer ausdrücklichen Beziehung zu einer hierarchischen Kirche.

Doch angesichts der kürzlichen Skandale, der pädophilen Priester und der Finanzskandale in Verbindung mit der Vatikanbank haben öffentliche Reden über „geistige Werte“ viel an Wirksamkeit eingebüßt. Sie haben nicht ihren Wert verloren, doch die offiziellen Stellen, die sie verkünden, erreichen nur noch wenige.

In der Volkskultur hat der Begriff „Geist“ eine große Bedeutung. Im Gegensatz zur in der Schule erlernten Rationalität knüpft er an ein gewisses magisches Weltbild an. Vor allem für das durch die afro-brasilianische und indigene Kultur geprägte Volk ist die Welt von guten und bösen Geistern bewohnt, welche Einfluss auf bestimmte Lebenssituationen haben wie Gesundheit und Krankheit, Gefühlsleben, Erfolg und Misserfolg, Glück und Unglück. Der Spiritismus hat diese Sicht der Welt mit der Reinkarnation kodifiziert. Er hat mehr Anhänger, als wir ahnen.

Allerdings haben wir in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet, dass eine exzessive Rationalität und eine übertriebene Konsumhaltung zu einer existenziellen Sättigung und zu tiefer Enttäuschung führen. Das Glück findet sich nicht in materiellen Dingen, sondern in Dimensionen, die mit dem Herzen zu tun haben, mit Zuneigung, Liebesbeziehungen, Solidarität und Mitgefühl.

Überall ist man auf der Suche nach neuen spirituellen Erfahrungen, d. h. nach einem Sinn des Lebens, der über die Erfüllung der unmittelbaren Bedürfnisse und dem täglichen Überlebenskampf hinaus geht. Diese Erfahrungen eröffnen eine Perspektive für Hoffnung und Licht inmitten des Marktplatzes der konventionellen Ideen und Vorschlägen, die von den Massenmedien und den sogenannten „Institutionen für den Lebenssinn“ propagiert werden, wie den Religionen, Kirchen und Lebensphilosophien. Durch Fernsehprogramme gewannen sie an Einfluss sowie durch die großen religiösen Shows, die der Logik der Massenveranstaltungen folgen und die sich aus diesem Grund von dem ehrfürchtigen und heiligen Charakter alles Religiösen entfernt haben. In einer Gesellschaft des Marktes wurden Religion und Spiritualität zur Ware degradiert, die für den allgemeinen Konsum  zur Verfügung steht. Und sie bringen viel Geld ein.

Trotz dieser Kommerzialisierung des Religiösen wächst die Faszination an der spirituellen Welt, wenn auch vor allem in Form von esoterischer und Selbsthilfe-Literatur. Doch auch so wurde in der Welt des Profanen und in der grauen Massengesellschaft ein Weg gebahnt. In christlichen Kreisen entstanden die Pfingstkirchen, die charismatischen Bewegungen, und der Figur des Heiligen Geistes kam eine zentrale Bedeutung zu.

Diese Phänomene verweisen auf die Entfesselung der „Geist“-Kategorie in einem positiven und sogar anti-systemischen Sinn. Der „Geist“ ist ein gültiges Bezugssystem und wird nicht mehr von der Moderne kritisch beäugt, die nur das akzeptiert, was vor der Vernunft bestehen kann. Doch ist die Vernunft nicht alles, noch kann sie alles erklären. Es gibt auch das Irrationale und das nicht Rationale. Im Menschen gibt es ein Universum von Leidenschaft, Zuneigung und Gefühlen, das sich durch die emotionale Intelligenz und die Intelligenz des Herzens ausdrückt. Der Geist lehnt den Verstand nicht ab, vielmehr braucht er den Verstand. Und darüber hinaus verallgemeinert er diesen auf einer höheren Ebene, die mit Intelligenz, Kontemplation sowie einem höheren Sinn des Lebens und der Geschichte zu tun hat. In der Sprache der neuen Kosmologie ließe sich sagen: Der Geist ist so ursprünglich wie das Universum, das ja auch den Geist in sich trägt. Befinden wir uns nun im Zeitalter des Geistes?

Vom selben Autor: Feuer vom Himmel: Der Heilige Geist in Universum, Menschheit, Kirchen und Religionen. (Fogo do céu: o Espirito Santo no universo, na humanidade, nas Igrejas e religiões 2013), erscheint demnächst im Verlag Vozes, Petropolis, RJ, Brasilien.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnachk

Auf welchen Papst können wir hoffen, wenn nicht auf einen Benedikt XVII?

Interview mit Leonardo Boff
15.02.2013

1. Wie haben Sie die Ankündigung des Rücktritts von Benedikt XVI aufgenommen?
L.B.: Von Anfang an war ich sehr besorgt um ihn, da ich ihn als jemand Schüchternes kannte und stellte mir vor, wie schwer es ihm fallen müsse, all die Leute zu begrüßen, die Menschen zu umarmen und die Kinder zu küssen. Ich war davon überzeugt, dass er eines Tages aufgrund des Nachlassens der körperlichen und geistigen Kräfte  seinen Rücktritt bekannt geben würde. Obwohl er sich als ein autoritärer Papst erwies, klammerte er sich nicht an dieses Amt. Ich war erleichtert, denn die Kirche war ohne einen Hoffnung und Mut machenden spirituellen Hirten. Wir brauchen eine andere Art von Papst, der mehr Hirte ist als Lehrer, keinen Mann der institutionellen Kirche, sondern einen Repräsentanten Jesu, der sagte: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh 6,37), sei es ein Homosexueller, eine Prostituierte oder ein Transsexueller.

2. Wie würden Sie die Persönlichkeit Benedikts XVI beschreiben, zumal Sie einmal miteinander befreundet waren?
L. B.: Ich lernte Benedikt XVI während meiner Promotionsjahre in Deutschland (1965-1970) kennen. Ich habe viele seiner Vorlesungen  besucht, doch ich war nicht sein Student. Er las meine Doktorabeit: „Der Platz der Kirche in der säkularisierten Welt“, die ihm so gut gefiel, dass er sich bemühte, eine Verlegerin zu finden, die sie herausgab, einen Wälzer von mehr als 500 Seiten. In der Folgezeit arbeiteten wir zusammen für die internationale Zeitschrift „Concilium“. Die Herausgeber trafen sich jedes Jahr in der Woche von Pfingsten an verschiedenen Orten in Europa. Ich war für die Ausgabe in portugiesischer Sprache zuständig. Dies war zwischen 1975 und 1980. Während die anderen ein Mittagsschläfchen hielten, gingen wir zusammen spazieren und sprachen über theologische Themen oder über den Glauben Lateinamerikas, über den Heiligen Bonaventura und den Heiligen Augustinus, seine Fachgebiete. Besonders über diese zog ich ihn des öfteren zu Rate. Später, ab 1984, entstand ein Konflikt zwischen uns. Als mein Richter im Prozess vor der ehemaligen Inquisition wandte er sich gegen mein Buch „Kirche: Charisma und Macht“ (Patmos, 1985). Dort musste ich auf dem selben Stühlchen sitzen, auf dem Galileo Galilei, Giordano Bruno u. a. gesessen hatten.
Mir wurde eine Zeit des „Bußschweigens“ auferlegt, während derer ich weder lehren noch irgendetwas veröffentlichen durfte. Seitdem trafen wir uns nie wieder.
Seine Persönlichkeit würde ich als „feinsinnig“, schüchtern und außerordentlich intelligent beschreiben.

3. Als Kardinal war er nun Ihr Inquisitor, nachdem er Ihr Freund gewesen war. Wie haben Sie diese Situation empfunden?
L. B.: Als er zum Präfekten der Glaubenskongregation (der einstigen Inquisition) ernannt wurde, war ich sehr froh. Ich dachte bei mir: Endlich haben wir einen Theologen an der Spitze einer  Institution, die den denkbar schlechtesten Ruf innehat. Fünfzehn Tage darauf bedankte er sich bei mir und teilte mir mit, er sehe in der Kongregation diverse anhängige Verfahren, die mich beträfen und die dringend abgewickelt werden müssten. Tatsächlich war es so, dass zu praktisch jedem meiner veröffentlichten Bücher Klärungsfragen aus Rom gekommen waren, deren Antwort ich hinauszögerte. Denn aus Rom kommt nichts, was nicht zuvor dorthin geschickt wurde. Wir hatten hier konservative Bischöfe, die die Befreiungstheologen verfolgten und in ihrer theologischen Ignoranz Beschwerden nach Rom schickten unter dem Vorwand, meine Theologie könne den Gläubigen schaden. An diesem Punkt wurde mir klar, dass er vom römischen Virus angesteckt worden war, der alle befällt, die im Vatikan arbeiten und ihnen 1000 gute Gründe liefert, von nun an moderat, wenn nicht konservativ zu werden. Das hat mich nicht nur überrascht, sondern wirklich enttäuscht.

4. Wie haben Sie die Bestrafung des „Bußschweigens“ aufgenommen?
L. B.: Nach dem Verhör und dem Verlesen meiner schriftlichen Verteidigung, die sich übrigens als Anhang in der neuen Ausgabe meines Buchs „Kirche: Charisma und Macht“ (Ausgabe 2008) befindet, legten 13 Kardinäle ihre Meinung dar und gaben ihr Urteil ab. Ratzinger war nur einer von ihnen. Danach wurde die Entscheidung dem Papst unterbreitet. Ich vermute, dass die Entscheidung zu meinen Gunsten ausfiel, denn er kannte auch andere meiner ins Deutsche übersetzten Bücher und hatte mir gesagt, dass er sie mochte und sich auch einmal anlässlich einer Audienz in Rom dem Papst gegenüber löblich darüber geäußert hätte.
Das „Bußschweigen“ nahm ich entgegen, wie es jeder Christ getan hätte, der sich der Kirche verbunden fühlt: Ich nahm es mit aller Ruhe auf. Ich erinnere mich, dass ich sagte: „Es ist besser, mit der Kirche zu gehen als allein mit meiner Theologie.“ Es fiel mir vergleichsweise leicht, die auferlegte Strafe zu akzeptieren, da der Vorsitzende der Brasilianischen Bischofskonferenz mich immer unterstützt hatte und zwei ihrer Kardinäle, Don Aloysio Lorscheider und Don Paulo Evaristo Arns mich nach Rom begleitet hatten und an einem zweiten Teil, dem Gespräch mit Kardinal Ratzinger und mir, teilnahmen. So waren wir drei gegen einen. Einige Male brachten wir Kardinal Ratzinger in Verlegenheit, denn die brasilianischen Kardinäle versicherten ihm, dass er sich bei der Kritik an der Theologie der Befreiung, die er in einem kurz zuvor veröffentlichten Artikel geübt hatte, nicht auf eine objektive Analyse gestützt hätte, sondern auf verleumderische Behauptungen. Und sie baten um ein neues, positives Dokument. Er nahm die Bitte an und setzte sie tatsächlich zwei Jahre später um. Sie baten sogar mich und meinen Bruder Clodovis, der in Rom war, einen Entwurf zu schreiben und bei der Glaubenskongregation einzureichen. Innerhalb eines Tages und einer Nacht schrieben wir diesen und reichten ihn ein.

5. Im Jahr 1992 haben Sie die Kirche verlassen. Sind Sie noch immer verbittert über diese ganze Affaire mit dem Vatikan?

L. B.: Ich habe die Kirche nicht verlassen. Ich ließ eine Funktion innerhalb der Kirche zurück, nämlich das Priesteramt. Ich blieb weiterhin Theologe und Professor der Theologie an mehreren Lehrstühlen hier in Brasilien und anderswo. Wer die Logik eines abgeschlossenen und autoritären Systems durchschaut, das die Kultur des Dialogs und des Austauschs nicht pflegt (lebende Systeme sind in dem Maß lebendig, in dem sich sich öffnen und miteinander austauschen), weiß, dass jemand wie ich, der nicht völlig auf derselben Linie mit diesem System ist, überwacht, kontrolliert und unter Umständen bestraft würde. Das ist so ähnlich wie in den Staatssicherheitssystemen, die es in Lateinamerika unter den Militärdiktaturen von Brasilien, Argentinien, Chile und Uruguay gab. Innerhalb dieser Logik verurteilte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation (das vormalige Heilige Offizium und frühere Inquisition), Kardinal Joseph Ratzinger, mehr als hundert Theologen, erlegte ihnen das Bußschweigen auf, entfernte sie von ihren Lehrstühlen oder versetzte sie. Zwei davon kamen aus Brasilien: der Theologe Ivone Gebara und ich. Da ich die oben genannte Logik durchschaue und bedaure, verstehe ich, dass sie zu dem, was sie in durchaus guter Absicht tun, verdammt sind. Doch, wie Blaise Pascale sagte, wird „das Böse nie so perfekt ausgeübt, als wenn es auf gutem Willen beruht.“ Dieser gute Wille ist natürlich nicht gut, denn durch ihn werden Menschen zu Opfern. Ich hege keine Bitterkeit oder Ressentiments, denn für all diejenigen, die sich innerhalb dieser Logik bewegen, die meiner Meinung nach Lichtjahre vom Zeugnis Jesu von Nazareth entfernt ist, empfinde ich Mitleid und Barmherzigkeit. Darüber hinaus handelt es sich um einen Vorfall aus dem letzten Jahrhundert und ist vorbei. Und ich versuche, nicht zu dieser Zeit zurückzukehren.

6. Wie bewerten Sie das Pontifikat Benedikts XVI? Wusste er mit der inneren und äußeren Krise der Kirche umzugehen?

L. B.: Benedikt XVI war ein herausragender Theologe, aber ein frustrierter Papst. Er hatte nicht das gleiche Charisma, die Gemeinschaft der Gläubigen zu leiten und zu animieren wie Johannes Paul II. Leider wird auf ihm das Stigma eines Pontifikats haften, unter dem die Fälle von Pädophilie zunahmen, Homosexuelle keine Anerkennung erfuhren und Frauen gedemütigt wurden, wie in den USA, wo einem Theologen aus Geschlechtsgründen die Bürgerrechte versagt wurden. Und er wird auch als der Papst in die Geschichte eingehen, der die Befreiungstheologie scharf kritisierte, diese im Licht ihrer Verleumder interpretierte und nicht durch das pastorale und befreiende Zeugnis der Bischöfe, Priester, Theologen, Ordensleute und Laien, die es mit der Option für die Armen ernst meinten und sich im Namen des Lebens und der Freiheit gegen die Armut erhoben. Für ihren Einsatz für eine solch gerechte und noble Sache wurden sie von ihren Glaubensbrüdern missverstanden, viele von ihnen wurden festgenommen, gefoltert und durch staatliche Sicherheitsorgane unter der Militärregierung ermordet. Unter diesen finden sich z. B. Bischöfe wie Enrique Angelelli aus Argentinien und Erzbischof Oscar Romero aus El Salvador. Erzbischof Dom Helder Camara war der Märtyrer, den sie nicht umbrachten. Doch die Kirche ist viel größer als ihre Päpste, und sie wird zwischen Licht und Schatten weiter existieren, der Menschheit ihre Dienste anbieten, um das Vermächtnis Jesu lebendig zu halten und um Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens jenseits dieses Lebens anzubieten.

Durch die Vatileaks wissen wir jetzt, dass die Römische Kurie tief in einen wilden Machtkampf verwickelt ist, vor allem zwischen  Kardinal Tarcisio Bertone, dem aktuellen Staatssekretär, und dem früheren Sekretär, Kardinal Angelo Sodano, der bereits emeritiert ist. Beide haben ihre Verbündete. Unter Ausnutzung der Einschränkungen des Papstes hat Bertone bereits quasi eine Parallel-Regierung aufgestellt. Die Skandale, enthüllt durch die aufgedeckten Geheimdokumente auf dem Schreibtisch des Papstes und der Vatikanbank, derer sich italienische Millionäre, darunter auch Mafia-Mitglieder, bedienen, um ihr Geld zu waschen und ins Ausland zu schaffen, haben den Papst sehr angegriffen. Er wurde immer stärker isoliert. Sein Rücktritt ist auf die Einschränkungen zurückzuführen, die er durch das fortgeschrittene Alter und durch Krankheit erfährt, aber durch die internen Krisen noch verschlimmert worden, die ihn schwächten und die er nicht rechtzeitig aufzuhalten vermochte oder konnte.

7. Papst Johannes XXIII sagte, die Kirche könne kein Museum sein, sondern sollte vielmehr ein Haus mit offenen Türen und Fenstern sein. Glauben Sie, dass Benedikt XVI versuchte, die Kirche in eine Art Museum zurück zu verwandeln?
L. B.: Benedikt XVI sehnt sich nach der mittelalterlichen Synthese zurück Er führte wieder die Messe in Latein ein, wählte die Kleidung der Renaissance-Päpste und aus anderen Epochen der Vergangenheit, hielt sich an Gewohnheiten und Zeremonie-Regeln eines Palasts, denen, die nach der Kommunion verlangten, hielt er den päpstlichen Ring hin, damit sie ihn küssen, bevor er ihnen das Sakrament reichte – eine bereits abgeschaffte Gewohnheit. Seine Sicht der Dinge war restaurativ, und er sehnt sich nach einer Synthese zwischen Kultur und Glauben, die offenbar in seiner bayerischen Heimat existiert, wie er explizit behauptete. Als er an der Münchner Universität, an der wir beide studiert hatten, auf einem Plakat die Ankündigung eines meiner Vorträge als Gastredner über die neuen Grenzen der Befreiungstheologie sah, bat er den Dekan, diese auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Seine theologischen Vorbilder sind der Heilige Augustinus und der Heilige Bonaventura, die allem Weltlichen großes Misstrauen entgegen brachten und es für etwas hielten, das von der Sünde kontaminiert ist und der Rettung durch die Kirche bedarf. Dies ist eine der Erklärungen für seine ablehnende Haltung gegenüber der Moderne, die er unter dem Blickwinkel des Säkularismus und des Relativismus sieht wie auch außerhalb des Einflussbereichs des Christentums, welches zur Entstehung Europas beitrug.

8. Wird Ihrer Meinung nach die Kirche ihre Lehrmeinung zur Verwendung von Kondomen und zur Sexualmoral im allgemeinen ändern?
L. B.: Die Kirche wird an ihren Überzeugungen festhalten müssen, die sie für unverrückbar hält, wie die Ablehnung der Abtreibung und die Manipulation des Lebens. Doch sie muss auf ihren Status der Ausschließlichkeit verzichten, der sie als die einzige Trägerin der Wahrheit hinstellt. Sie muss sich selbst innerhalb des demokratischen Raums verstehen, wo man ihre Stimme als eine Stimme unter anderen wahrnimmt. Und sie muss diese anderen Stimmen respektieren und sogar bereit sein, von ihnen zu lernen. Und wenn sie in ihren Ansichten widerlegt ist, sollte sie ihre Erfahrung und Tradition anbieten, um zu verbessern, was verbessert werden kann, und um die Last des Lebens ein wenig leichter zu machen. Genau genommen muss sie menschlicher und demütiger werden, einen tieferen Glauben haben, d. h. frei von Angst. Das Gegenteil von Glauben ist nicht Atheismus, sondern Angst. Angst lähmt und isoliert die Menschen voneinander. Die Kirche muss ihren Weg gemeinsam mit der Menschheit gehen, denn die Menschheit ist das wahre Volk Gottes. Dies wird ihr zwar mehr und mehr bewusst, doch diese Wirklichkeit ist nicht  ihr alleiniger Besitz.

9. Was sollte der künftige Papst tun, um die Abwanderung vieler der Gläubigen zu anderen Kirchen, vor allem zu den Pfingstkirchen, zu vermeiden?

L. B.: Benedikt bremste die Erneuerung der Kirche, zu der das 2. Vatikanische Konzil aufgerufen hatte. Er konnte die Spaltungen innerhalb der Kirche nicht ertragen, darum bevorzugte er eine Perspektive von linearer Kontinuität, welche die Tradition bestärkt. Daher kommt es, dass die Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts alle modernen Errungenschaften der Demokratie wie Religionsfreiheit und andere Rechte ablehnt. Benedikt versuchte, die Kirche  auf ein Bollwerk gegen die Moderne zu reduzieren, und im Vatikanum II sah er ein Trojanisches Pferd, durch das diese hätte Eintritt finden können. Er leugnete Vatikanum II nicht, doch er interpretierte es im Licht des 1. Vatikanischen Konzils, das sich ganz auf die Figur eines absolutistischen und unfehlbaren Papstes, ausgestattet mit der Macht eines Monarchen, konzentrierte. Dies führte zu einer starken Zentralisierung in Rom unter der Führung eines Papstes, der – armer Papst! – ein katholisches Volk zu leiten hat, das so zahlreich ist wie das chinesische Volk. Dies hat die Kirche und auch ganze Episkopate, wie in Deutschland und Frankreich, in einen großen Konflikt gestürzt. Sie hat die Atmosphäre innerhalb der Kirche mit Misstrauen kontaminiert, was zu Gruppenbildung führte und zur Auswanderung vieler Katholiken aus der Kirche sowie zum Vorwurf des Relativismus und der parallelen Lehre. Mit anderen Worten: Es gab in der Kirche keine richtige und offene Geschwisterlichkeit mehr, kein gemeinsames spirituelles Zuhause aller.
Das Profil des neuen Papstes sollte meiner Meinung nach weder dem eines machtvollen Mannes noch dem eines Mannes der Institution gleichen. Wo Macht ist, gibt es keine Liebe, und Barmherzigkeit geht verloren. Der neue Papst sollte ein Hirte sein, der den Gläubigen und allen Menschen näher ist, unabhängig von ihrer moralischen, politischen und ethnischen Situation. Er sollte als Motto Jesu Worte wählen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“, denn Jesus von Nazareth hieß jeden willkommen, von der Prostituierten wie Magdalena bis zum Theologen wie Nikodemus. Er sollte nicht aus dem westlichen Kulturkreis stammen, was  inzwischen als ein Fehler der Geschichte erachtet wird. Doch er sollte ein Mann der weiten, globalisierten Welt sein, der Mitgefühl für die Leidenden und für den Schrei der Erde verspürt, die durch die Gier des Konsumverhaltens zerstört wird. Er sollte kein Mann der Gewissheiten sein, doch jemand, der alle dazu ermutigt, bessere Wege aufzuspüren.
Ein solcher Papst würde sich folglich durch die Evangelien leiten lassen, doch ohne den Geist eines Proselytenmachers, im Bewusstsein, dass der Heilige Geist immer schon vor dem Missionar ankommt und dass das Wort alle erleuchtet, die das Licht dieser Welt erblicken, wie der Evangelist Johannes sagt.
Er sollte ein zutiefst spiritueller Mann sein, der für alle religiösen Wege offen ist, sodass von diesen zusammen jene heilige Flamme, die in jedem Menschen brennt, am Leben erhalten wird: die mysteriöse Gegenwart Gottes. Und schließlich sollte er von einer großen Güte erfüllt sein, im Stil des Papstes Johannes XXIII, mit Zärtlichkeit für die Demütigen und einer prophetischen Festigkeit, um diejenigen anzuprangern, die Ausbeutung vorantreiben und die Gewalt und Krieg als Instrumente zur Beherrschung ihrer Mitmenschen und der Welt gebrauchen.
Möge sich ein solcher Mann in den Verhandlungen der Kardinäle im Konklave und über die Spannungen der diversen Strömungen durchsetzen! Wie der Heilige Geist wirkt, ist ein Mysterium. Er hat keine andere Stimme und keinen anderen Kopf als die der Kardinäle. Möge dies dem Geist gelingen!

Übersetz von Bettina Gold-Harnack

Obama bereitet den Weg für einen schwarzen Papst

Interview von Joshua Goodman am 19.02.2013
Befreiungstheologe sieht in Obama einen Wegbereiter für einen schwarzen Papst

Katholische Kardinäle sind durch den Wahlsieg Barack Obamas leichter geneigt, den ersten schwarzen Papst zu wählen, meint ein brasilianischer Theologe, dem einst durch Kardinal Joseph Ratzinger das Bußschweigen auferlegt wurde, bevor dieser zum Papst gewählt worden war.
Leonardo Boff sagte, die Chance, dass ein Afrikaner wie der Kardinal Peter Turkson aus Ghana zum nächsten Papst gewählt würde, sei gering, nachdem Papst Benedikt XVI die meisten der 117 Kardinäle ernannt hat, die im nächsten Monat in einem Konklave seinen Nachfolger wählen werden. Dennoch könnte Obamas Wahl zum Präsidenten der USA eine Bereitschaft zum Wandel in der alten Garde des Vatikans bewirken und auch ein Überdenken der Themen Empfängnisverhütung und Zulassung von Frauen zum Priesteramt.
Zweifellos wird Obamas Anwesenheit unter den Kardinälen spürbar sein.“ Boff, ein ehemaliger Franzsikaner, der in den 1960er Jahren mit Ratzinger an der Universität von München studierte, sagte in einem Telefoninterview: „Wir haben bereits einen schwarzen Präsidenten, warum nicht also auch einen schwarzen religiösen Präsidenten?“
Boff war ein Protagonist der Befreiungstheologe, einer Bewegung, die ihren Anfang durch lateinamerikanische Priester während des Kalten Kriegs nahm und sich auf die Seite der Armen der Region stellte. Ratzinger, der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, beschuldigte diese Bewegung marxistischer Tendenzen und verhängte 1985 über Boff das Schweigegebot wegen dessen kritischen Buchs über die kirchliche Hierarchie. Boff kehrte der Kirche 1992 den Rücken und beschuldigte später den zukünftigen Papst des „religiösen Terrorismus“.
Benedikt als Fehlbesetzung
Während der 74-jährige Boff Benedikts Intellekt schätzt, bezeichnet er ihn als „autoritär“ und als Papst eine „Fehlbesetzung“ und nennt dessen Umgang mit dem Skandal der sexuellen Missbrauchsfälle, die zu Pädophilie-Klagen gegen Tausende von Priestern führte und die Kirche in ihrer  Aufgabe als Trägerin der Moral im Kern erschütterte.
„Benedikt stellte nie eine der Ursachen für die Pädophilie infrage, nämlich die Sexualität der Priester und die sexuelle Erziehung in den Seminaren“, sagte Boff am 15. Februar in einem Interview in Araras, einem Bauerndorf und einer Touristenenklave in den von Urwäldern bedeckten Hügeln außerhalb von Rio de Janeiro. „Für ihn ist der Zölibat ein in Stein gemeißeltes Gesetz.“
Ein afrikanischer oder lateinamerikanischer Papst mit lebensnaher Pastoral-Erfahrung hätte mehr Gespür für den Bedarf an Erneuerungen und könnte seine monarchische Macht nutzen, im Handumdrehen die Doktrin über den Zölibat und andere kontroverse Themen abzuändern.
„Es hängt alles von einem Papst aus der Dritten Welt ab“, sagte Boff, der über 60 Bücher über Religion schrieb und Ratgeber für politische Protestgruppen, einschließlich der Landlosenbewegung Brasiliens, ist. „Kontinuität würde nicht mehr ausreichen. Wir hatten jemand Intelligentes, aber als Papst war er eine Fehlbesetzung.“
Reaktion aus dem Vatikan
Ein altgedienter Vertreter des Vatikans meinte, den Papst wegen des Sexskandals in der Kirche als eine Fehlbesetzung zu bezeichnen wäre, als würde man Obama für die Schwäche der Weltwirtschaft beschuldigen. Wenn es auch möglich wäre, dass ein Afrikaner zum Papst gewählt würde, so könne man nicht automatisch davon ausgehen, dass dieser die Lehre über Empfängnisverhütung oder über die Zulassung von Frauen zum Priesteramt revidieren würde. Man könne ebensogut denken, ein Nicht-Katholik könne Papst werden, sagte der Vertreter, der nicht namentlich genannt werden möchte, da die Sitzungen im Vatikan vertraulich behandelt werden müssen.
Das Konklave, das den künfigen Papst wählt, könnte bereits vor dem 15. März stattfinden, wenn alle abstimmenden Kardinäle rechtzeitig in Rom eintreffen. Der Sprecher des Heiligen Stuhls, Federico Lombardi, erklärte am 16. Februar in einer Pressemitteilung, dass die Vertreter des Vatikans den neuen Papst gern schon vor Ostern zu haben wünschen, dem wichtigsten Feiertag der Katholiken, der dieses Jahr auf den 31. März fällt, berichtete die Tageszeitung Repubblica am 17. Februar.
Aus Lateinamerika, nämlich Honduras, käme Oscar Rodriguez Maradiaga infrage, als ein Papst, der die jahrtausendalte Institution modernisieren und eine schwindende Herde neu inspirieren könnte, sagte Boff. Seiner Meinung nach hätte allerdings Turkson aus Ghana eine etwas größere Chance, vom Vatikan gewählt zu werden. Er rangiert zurzeit auf dem zweiten Platz hinter dem Erzbischof von Mailand, Angelo Scola, auf der Liste der möglichen Nachfolger Benedikts, gemäß dem Verlag  Paddy Power Plc. aus Dublin.
„Halb-revolutionär“
Boff sagte zwar, er kenne Turkson nicht persönlich, aber seine Kommentare zugunsten einer afrikanisierten Kirche wären „halb-revolutionär“ für den Heiligen Stuhl. Turkson hatte gesagt, durch die Wahl eines Papstes aus einem der Entwicklungsländer, in denen die Hälfte der 1,2 Milliarde Katholiken lebt, würde bereits ein langes Stück Weg zurückgelegt in Richtung Einflussnahme der Kirche aus den aufstrebenden Nationen.
Während in den Anfängen der Kirche zur Zeit des Römischen Reichs drei Päpste aus Nordafrika stammten, gab es seitdem keinen afrikanischen Papst mehr.
Boff sagte, einen lateinamerikanischen oder afrikanischen Papst zu wählen, könnte auch den Finanzen des Vatikans in einer Zeit zugute kommen, da Pfarrgemeinden in Deutschland und den Vereinigten Staaten noch infolge des sexuellen Missbrauchskandals durch die Prozesskosten und schwindenden Anzahl von Gottesdienstbesuchern geschwächt sind.
„Der Vatikan hat es mit einer enormen Finanzkrise zu tun, denn seine größten Finanzquellen sind am Schrumpfen“, sagte er. „Die Kirche wird, schon aus finanzieller Notwendigkeit, sich dazu entscheiden, eine einfachere Kirche zu sein.“

Welche Art von Papst? die Spannungen in der heutigen Kirche

Ich beabsichtige nicht, ein Werturteil über das Pontifikat des scheidenden Papstes Benedikt XVI, abzugeben. Das haben schon andere mit Sachverstand geleistet. Für die Leser und Leserinnen könnte von größerem Interesse sein, einen Blick auf die Spannung zu werfen, die es schon immer in der Kirche gab und die das Profil eines jeden Papstes prägt. Die zentrale Frage ist folgende: Welches ist die Position und die Aufgabe der Kirche in der Welt?

Wir nehmen an, dass eine ausgewogene Darstellung auf zwei fundamentalen Säulen ruhen sollte: das Reich Gottes und die Welt. Das Reich Gottes ist die zentrale Aussage Jesu, seine Vision einer vollkommenen Revolution, die die Schöpfung mit sich selbst und mit Gott versöhnt. Die Welt ist der Ort, an dem die Kirche ihren Dienst für das Reich Gottes leistet und wo es errichtet wird. Ist die Kirche zu stark auf das Reich Gottes fixiert, läuft sie Gefahr, sich ihn Spiritualisierung und Idealismus zu verlieren. Ist sie zu eng mit der Welt verbunden, so hat sie mit den Versuchungen der Verweltlichung und der Politisierung zu kämpfen. Wichtig ist, den richtigen Standpunkt der Kirche im Spannungsfeld von Gottesreich und Welt zu finden. Die Kirche gehört sowohl dem Reich Gottes an, als auch der Welt. Sie hat eine historische Dimension mit all ihren Widersprüchlichkeiten und auch eine transzendente Dimension.

Wie geht man innerhalb der Welt und der Geschichte am besten mit dieser Spannung um? Wir führen hier zwei unterschiedliche und sich manchmal miteinander in Konflikt befindenden Modelle vor: das Zeugnis und der Dialog.

Das Modell des Zeugnisses bekräftigt: Wir verfügen über den Glauben, der alle notwendigen Wahrheiten für den Heilserwerb beinhaltet; wir haben die Sakramente, die die Gnade vermitteln; wir haben eine wohldurchdachte Morallehre; wir haben die Gewissheit, dass die katholische Kirche die einzig wahre Kirche Christi ist; wir haben einen Papst, der sich der Unfehlbarkeit in Glaubens- und Moralfragen erfreut; wir haben eine Hierarchie, die die Gläubigen lenkt; und wir können uns des beständigen Beistands des Heiligen Geistes gewiss sein. Dies muss der Welt gegenüber bezeugt werden, die nicht weiß, welchen Weg sie einschlagen soll, und die durch sich selbst nie das Heil erlangen wird. Sie ist auf die Mediation der Kirche angewiesen, außerhalb derer das Heil nicht zu finden ist.

Die Christen, die diesem Modell anhängen – vom Papst bis zum einfachen Gläubigen – fühlen sich von einer einzigartigen Heilsmission erfüllt. Hier finden sich Fundamentalisten, und es gibt kaum etwas zu diskutieren. Wozu brauchen wir den Dialog? Wir haben doch schon alles. Dialog dient nur zur Vereinfachung der Kommunikation und ist ein Zeichen der Höflichkeit.

Das Dialog-Modell setzt bei anderen Vorstellungen an: Das Gottesreich ist größer als die Kirche, und es hat auch eine weltliche Komponente, nämlich immer dort, wo sich Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit finden; der auferstandene Christus hat kosmische Dimensionen und führt die Evolution zu einem guten Ende; der Heilige Geist ist in der Geschichte und in Menschen guten Willens immer schon da; er tritt schon vor dem Missionar auf, denn er wirkte schon unter unseren Völkern in Form von Solidarität, Liebe und Mitgefühl. Gott lässt die Seinen nie im Stich und Er bietet jedem die Gelegenheit, das Heil zu erlangen, damit diejenigen, die Seinem Herzen entrissen sind, einst glücklich in Seinem Reich der freien Männer und Frauen leben können.

Die Sendung der Kirche besteht darin, ein Zeichen zu sein für die Geschichte Gottes innerhalb der Menschheitgeschichte und auch ein Instrument, um in Koexistenz mit anderen spirituellen Wegen die Idee des Glaubens umzusetzen. Wenn sowohl das religiöse als auch das weltliche Leben von Gott durchdrungen ist, sollten wir alle miteinander im Dialog stehen: uns miteinander austauschen, voneinander lernen und die Reise des Menschen in Richtung des uns verheißenen Glücks leichter und sicherer gestalten.

Das erstgenannte Modell ist das Zeugnis der traditionellen Kirche, die ihre Mission in Afrika, Asien und Lateinamerika vorantrieb, und so im Namen der Evangelisierung an der Dezimierung und Unterdrückung vieler indigenen Völker teilnahm. Es war das Modell von Papst Johannes Paul II, der die Welt bereiste und ihr das Kreuz als Zeichen der Erlösung entgegen hielt. In noch stärkerer Ausprägung diente es Papst Benedikt XVI als Modell, der den evangelischen Kirchen die Bezeichnung „Kirche“ nicht zugestand, und sie damit zutiefst kränkte; er bekämpfte die Moderne, als stünde sie für den „schlechten“, relativierenden und weltlichen Weg. Natürlich stellte er nicht all ihre Werte infrage, sah deren Quelle jedoch im christlichen Glauben. Er reduzierte die Kirche zu einer abgeschiedenen Insel oder einer Festung, von allen Seiten umgeben von Feinden, gegen die sie sich verteidigen muss.

Das Dialog-Modell war im 2. Vatikanum präsent, bei Papst Paul VI, in Medellin und in Puebla, Lateinamerika. Dort betrachtete man das Christentum nicht als eine Art Archiv, das als ein in sich  geschlossenes System Gefahr läuft, zum Fossil zu werden, sondern als eine Quelle des Lebens, des sprudelnden Wassers, das durch viele kulturelle Zuflüsse gespeist werden kann, ein Ort des gegenseitigen Lernens, denn alle sind Träger des Schöpfergeistes und der Essenz von Jesu Traum.

Das erste Modell, das des Zeugnisses, ängstigte viele Christen, die sich mit ihrem beruflichen Wissen herabgesetzt und entmündigt fühlten; sie spürten, dass die Kirche ihnen kein spirituelles Zuhause mehr bieten konnte. Enttäuscht wendeten sie sich von ihr als Institution ab, nicht vom Christentum als Wert und als großzügige Vision Jesu.

Das zweite Modell, das des Dialogs, ließ die Menschen sich wie zu Hause fühlen, indem es ihnen erlaubte, eine lernende Kirche zu bauen, die offen ist für den Dialog mit allen. Daraus entstand das Gefühl der Freiheit und der Kreativität. So lohnt es sich, Christ zu sein.

Dieses Dialog-Modell braucht die Kirche dringend, will sie die Krise überwinden, die ihr Ansehen im Kern getroffen hat, sowohl moralisch (Pädophile-Fälle) als auch spirituell (Diebstahl von Geheimdokumenten und schwer wiegende Probleme der Transparenz in der Vatikan-Bank).

Wir müssen mit Scharfsinn unterscheiden, welche Methode der christlichen Botschaft inmitten der ökologischen und sozialen Krise mit ihren schwer wiegenden Konsequenzen dienlich ist. Das Hauptproblem ist nicht die Zukunft der Kirche, sondern die Zukunft von Mutter Erde, unseres Lebens und unserer Zivilisation. Wie kann die Kirche aus diesem Engpass heraus helfen? Nur durch Dialog und durch die geeinten Kräfte aller.

übersetzt von Bettna Gold-Hartnack