Weihnachten: die Verwirklichung der PUER AETERNUS, des Ewigen Kindes

Weihnachten gibt uns immer wieder die Gelegenheit, zum ursprünglichen Christentum zurückzufinden. Zuerst haben wir da die Botschaft Jesu: Gott zu erfahren als einen Vater mit mütterlichen Eigenschaften; bedingungslose Liebe, Gnade und völlige Hingabe an einen Traum: den Traum vom Reich Gottes. Zweitens haben wir die Jesus-Bewegung: diejenigen, die sich, ohne einer Konfession oder einem Dogma anzuhängen, von Seiner großzügigen und radikal menschlichen Saga begeistern lassen und Ihn als gültiges Leitbild wählen. Drittens gibt es die Theologien über Jesus, die sich in den Evangelien finden, die 40-50 Jahre nach Seiner Hinrichtung am Kreuz niedergeschrieben wurden. Die Gemeinden, die jedem dieser Evangelien zugrunde liegen, erarbeiteten ihre Interpretationen über das Leben Jesu, Seine Praktiken, Seine Konflikte mit den Autoritäten, Seine Gotteserfahrung und über die Bedeutung Seines Todes und  Auferstehung. Jedoch verdunkelten sie seine Person mit so vielen Doktrinen, dass es schwierig ist zu wissen, wer der historische Jesus, der unter uns lebte, wirklich war.  Und letztlich gibt es da Kirchen, die versuchen, das Vermächtnis Jesu fortzuführen. Eine dieser Kirchen, die katholische Kirche, beansprucht, die einzig wahre Hüterin Seiner Botschaft und deren ausschließliche Auslegerin zu sein. Ein solcher Anspruch macht einen ökumenischen Dialog und eine Einheit der Kirchen, die nicht  durch Beckehrung zustande käme, praktisch unmöglich.

Wir neigen heute dazu zu behaupten, dass keine der Kirchen Jesus für sich allein beanspruchen kann. Er gehört der ganzen Menschheit und ist ein Geschenk Gottes für alle aus allen Teilen der Erde.

Nimmt man die katholische Kirche als Bezugsgröße, so lässt sich feststellen, dass sich in ihrer jahrtausendealten Geschichte zwei Tendenzen – neben anderen weniger ausgeprägten – lange durchgehalten und entwickelt haben. Die erste beruht sehr stark auf den Begriffen von Schuld, Sünde und Buße. In der katholischen Kirche schwebt über diesen Wirklichkeiten das Schreckgespenst der Hölle, des Fegefeuers und der Angst.

Grundsätzlich können wir sagen, dass Angst einer der fundamentalen Faktoren im Vordringen des Christentums war, wie Jean Delumeau in seinem Klassiker „Die Angst im Abendland“ (La peur en occident, 1978) aufzeigte. Die Vorgehensweise zur Zeit Karls des Großen war: Entweder du bekehrst dich zum Christentum, oder wir helfen mit dem Schwert nach. Liest man die ersten Katechismen Lateinamerikas, wie z. B. den ersten von Fray Pedro de Cordoba, Doctrina cristiana (Christliche Doktrin) von 1510 und 1544, kommt diese Tendenz klar zum Vorschein. Er beginnt mit einer idyllischen Beschreibung des Himmels, gefolgt von einer schrecklichen Schilderung der Hölle, „wo sich all eure Vorfahren, Väter, Mütter, Großeltern, Verwandte befinden … und wohin auch ihr kommt, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ In manchen Teilen der Kirche bedient man sich noch heute dieser Kategorien von Angst und Hölle.

Eine andere, zeitgemäßere Tendenz, die meiner Meinung nach Jesu Botschaft näher kommt, legt den Schwerpunkt auf Mitgefühl und Liebe, die ursprüngliche Gerechtigkeit  und auf ein gutes Ende für die Schöpfung. Sie versteht die Heilsgeschichte so, dass sie innerhalb der Geschichte der Menschheit aufkommt und nicht alternativ zur Menschheitsgeschichte. Diese Tendenz beschreibt ein fröhlicheres Christentum, das im Dialog mit den modernen Kulturen und Werten steht.

Das Weihnachtsfest steht in Verbindung zu dieser letzteren Tendenz des Christentums. Was gefeiert wird, ist das Gott-Kind, das weinend zwischen Ochs und Esel liegt und das weder Angst auslöst noch irgendjemanden richtet. Es ist gut, das sich das Christentum auf dieses Kind besinnt. Es repräsentiert den archetypischen Puer aeternus, das ewige Kind, das wir im Grunde unseres Herzens immer selbst geblieben sind.

Eine der besten Schülerinnen C. G. Jungs, Marie-Louise von Franz, analysierte diesen Archetypus ausführlich in ihrem Buch, Puer Aeternus, 1987. Es beschreibt einen gewissen Zwiespalt. Lassen wir das Kind hinter uns, so wird eine regressive Energie frei, die bestimmt ist von Sehnsüchten nach einer Welt, die es nicht mehr gibt und die niemals ganz überwunden und verinnerlicht worden war. Wir bleiben dann weiterhin kindlich.

Doch wenn wir das Ewige Kind vor uns stellen, lässt es in uns eine Erneuerung des Lebens aufstrahlen, eine Unschuld, und neue, auf die Zukunft hin ausgerichtete Handlungsmöglichkeiten.

Dies sind nun die Gefühle, die wir an diesem Weihnachtsfest nähren wollen, inmitten einer düsteren Situation für die Erde und die Menschheit: das Gefühl, dass wir immer noch eine Zukunft haben und uns retten können, da der Stern großmütig und das Kind ewig ist, denn Er nahm in ihm Gestalt in dieser Welt an und wird nicht zulassen, dass alles untergeht. Die Menschlichkeit und Fröhlichkeit des Gottes aller Nationen hat sich in ihm manifestiert. Alles andere ist sinnlos.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Weihnachten: ein wahrer christlicher Mythos

Vor einigen Wochen hat sich der Papst nach ausführlicher Vorbereitung und Betrachtung der Umstände erneut als Theologe präsentiert und ein Buch über die Kindheit Jesu veröffentlicht. In diesem stellt er die klassische und traditionelle Vision dar, die in diesen idyllischen Bildern eine historische Begebenheit sieht. Dieses Buch hat so manchen Theologen perplex gemacht, hat doch die biblische Exegese über diese Texte bereits seit über 50 Jahren gezeigt, dass es sich hier nicht um historische Sachverhalte handelt, sondern um wohldurchdachte Theologie auf hohem Niveau, die von Matthäus und Lukas erarbeitet wurde (bei Markus und Johannes wird nichts über die Kindheit Jesu gesagt), um den Beleg zu erbringen, dass Jesus der Messias gewesen sein muss, der Sohn Davids und Sohn Gottes.

Aus diesem Grund haben wir es hier mit einer literarischen Gattung zu tun, die zwar einen historischen Aspekt besitzt, aber tatsächlich literarische Ausdrucksformen beinhaltet, wie zum Beispiel die Weisen aus dem Morgenland (um die Heiden zu benennen), die Hirten (die Ärmsten, die als Sünder erachtet wurden, denn sie befanden sich immer im Umfeld der Tiere), der Stern und die Engel (um die Göttlichkeit Jesu zu zeigen), Bethlehem – was nicht als geografischer Hinweis gedacht ist, sondern als ein theologischer Ort: der Ort, von dem der Messias kommen sollte – und nicht aus Nazareth, das völlig unbekannt war, wo aber Jesus vermutlich tatsächlich geboren wurde. Doch dies ist nicht wichtig, denn dieses Thema verlangt nach einer außergewöhnlichen Nachforschung.

Wichtig ist, dass wir sagen können, dass wir angesichts der rührenden Weihnachtsgeschichte vor einem grandiosen Mythos stehen – im positiven Sinne, so wie es in der Anthropologie verwendet wird: der Mythos als eine Übermittlung einer so tiefen Wahrheit, dass sie sich nur in einer mythischen, figurativen und symbolischen Sprache adäquat ausdrücken lässt. Dies ist die Aufgabe des Mythos. Er ist wahr, wenn der Sinn, den er vermitteln möchte, wahr ist und die ganze Gemeinde erleuchtet. Daher ist Weihnachten ein christlicher Mythos, voller Wahrheit über die Nähe Gottes und seine Gnade.

Wir benutzen heutzutage andere Mythen, um die Wichtigkeit Jesu auszudrücken. Für mich ist ein antiker Mythos von großer Bedeutung, den die Kirche benutzt hat, um die kosmische Erschütterung vor Jesu Geburt zu beschreiben. Dort heißt es: „Als die Nacht ihren Höhepunkt erreichte, breitete sich eine tiefe Stille aus, das Laub hörte auf zu rascheln, als wäre es erstorben; der Wind, der zuvor noch flüsterte, blieb still in der Luft stehen; der Hahn verstummt mitten in seinem Gesang; das Wasser des Flüsschens unterbrach seinen Lauf; die Schafe hörten auf, umherzulaufen; der Schäfer, der seinen Hirtenstab erhob, blieb wie versteinert. Nun war alles erstarrt, alles verharrte in Stille, alles blieb in der Schwebe, denn Jesus war geboren, der Retter der Menschheit und der Welt.“

Weihnachten will uns hier die Vorstellung von einem Gott mitteilen, der nicht die strenge Person ist, die mit durchdringendem Blick unser Leben kontrolliert. Er erscheint als Kind. Kinder richten nicht. Sie wollen nur geliebt werden und spielen können.

Hier kommt von der Krippe eine Stimme, die mir zuflüstert: „Oh, menschliche Kreatur, warum hast du Angst vor Gott? Siehst du nicht, dass seine Mutter seinen kleinen zerbrechlichen Körper in Windeln gewickelt hat? Merkst du nicht, dass er niemanden bedroht noch richtet? Hörst du nicht sein leises Wimmern? Mehr als dass er helfen könnte, benötigt er selbst der Hilfe und Zärtlichkeit. Weißt du nicht, dass er der Gott-mit-uns wie-wir ist? An dieser Stelle hören wir auf zu denken und öffnen unser Herz, damit es fühlt, mitfühlt und liebt. Wie sonst könnten wir reagieren angesichts des Kindes, von dem wir wissen, dass in ihm Gott Mensch geworden ist?

Vielleicht hat niemand besser als der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa Weihnachten und das Jesuskind beschrieben, der sagt: „Er ist das ewige Kind, der Gott, der uns fehlte. Er ist der lachende und spielende Gott. Er ist ein so menschliches Kind, dass er göttlich ist.“

Später wurde aus dem Jesuskind der Heilige Nikolaus und schließlich der Weihnachtsmann gemacht. Das ist nicht so schlimm, denn im Grunde geht es auch hier um den Geist der Güte und der Nähe und des göttlichen Geschenks.

Der Leitartikelschreiber der „New York Sun“ Francis Church hat dies geahnt, als er 1897 auf den Brief der 8-jährigen Virginia antwortete, die ihn fragte: „Lieber berühmter Journalist, sage mir die Wahrheit: Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?“ Weise antwortete er:

„Ja, Virginia, gewiss gibt es den Weihnachtsmann, genauso sicher, wie es die Liebe, Großzügigkeit und Zuneigung gibt. Und du weißt, dass es dies alles wirklich gibt und es mehr Schönheit und Freude in unser Leben bringt. Wie schade wäre es, wenn es den Weihnachtsmann nicht gäbe! Das wäre so traurig, als gäbe es keine Kinder wie dich. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die unser Leben leichter und erträglicher machen. Aber dafür müssen wir lernen, mit den Augen des Herzens und der Liebe zu sehen. Ob es den Weihnachtsmann gibt? Gott sei Dank gibt es ihn, und es wird ihn geben, solange es große und kleine Kinder gibt, die gelernt haben, mit den Augen des Herzens zu sehen.“

Versuchen wir, an diesem Fest mit den Augen des Herzens zu sehen, so wie wir alle gelernt haben, mit den Augen der Vernunft zu sehen. Darum sind wir sonst so kalt. Heute wollen wir dem Herzen sein Recht zuteil werden lassen: Wir wollen uns erlauben, uns mit unseren Kindern ergreifen lassen, erlauben, dass sie träumen und vor Zärtlichkeit erzittern angesichts des göttlichen Kindes, das Freude und Glück empfand, als es beschloss, durch die Menschwerdung einer von uns zu werden.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Der ethische und humanistische Kommunismus Oscar Niemeyers

Ich hatte zwar nicht viele Begegnungen mit Oscar Niemeyer, doch wenn wir uns trafen, waren diese lang und intensiv. Worüber sonst sollten ein Architekt und ein Theologe miteinander reden, wenn nicht über Gott, Religion, Ungerechtigkeit den Armen gegenüber und über den Sinn des Lebens? In unseren Gesprächen spürte ich, dass ich es mit jemandem zu tun hatte, der eine starke Sehnsucht nach Gott verspürte. Er beneidete mich, denn als intelligenter Mensch (für den er mich hielt) glaubte ich doch an Gott, wozu er nicht in der Lage war. Ich beruhigte ihm, indem ich sagte: Was zählt, ist nicht so sehr, an Gott zu glauben oder nicht zu glauben, sondern ethisch zu leben, in Liebe, Solidarität und Mitgefühl für diejenigen, die am meisten zu leiden haben. Denn das ist, was zählt, wenn sich unser Leben dem Ende zuneigt. Und dies traf durchaus auf ihn zu. Sein Blick verlor sich in der Weite, mit einem sanften Schimmern in den Augen.

Er war einmal sehr beeindruckt, als ich ihm diesen Satz eines mittelalterlichen Theologen zitierte: „Würde Gott so existieren, wie Dinge existieren, dann existierte er nicht.“ Woraufhin er fragte: „Was bedeutet das?“ Ich antwortete: „Gott ist kein Objekt, das man irgendwo finden kann. Wäre es so, dann wäre Gott ein Teil der Welt und nicht Gott.“ Auf seine Frage: „Was für ein Gott ist das?“, antwortete ich, nahezu flüsternd: „Gott ist eine Art kraftvolle und liebende Energie, die solche Bedingungen schafft, dass Dinge existieren können. Gott ist in etwa wie das Auge: es sieht, doch es kann sich selbst nicht sehen. Oder wie der Gedanke: die Kraft, mithilfe derer er denkt, kann nicht gedacht werden.“ Er blieb nachdenklich, doch fragte weiter: „Und das besagt die christliche Theologie?“ Und ich gab zur Antwort: „Das tut sie, doch sie schämt sich, es zu sagen, denn dann müsste sie schweigen anstatt zu reden. Doch sie redet ständig, vor allem die Päpste.“ Doch zum Trost fiel mir der Satz des großen Argentiniers Jorge Luis Borges ein: „Die Theologie ist eine kuriose Wissenschaft: in ihr ist alles wahr, denn alles ist erfunden.“ Dieser Satz gefiel Niemeyer gut. Und noch mehr gefiel ihm das Bonmot des berühmten Straßenkehrers Gari Sorriso aus Rio de Janeiro: „Gott ist der Wind und der Mond; er ist die Dynamik des Wachsens. Er besteht im Applaudieren für den, der hinaufsteigt, und in der Hilfe für den, der herabsteigt.“ Ich vermute, Oscar hatte kein Problem damit, sich einen solchen Gott vorzustellen, der sich so menschlich und so nah zeigt. Er lächelte sanft, und bei der Gelegenheit sagte ich: „Ist es in deiner Architektur nicht genauso? In der Architektur ist alles einfach und schön, nicht weil es rationell ist, sondern weil alles erfunden ist und Frucht der Vorstellungskraft.“ Er war der gleichen Meinung und fügte hinzu, dass er mehr Inspiration für Architektur in der Lektüre von Gedichten, Romanen und Science Fiction findet als in der Hingabe an intellektuelle Tüftelei. Ich sagte: „In der Religion ist es mehr oder weniger so: Die Größe der Religion ist die Fantasie und die utopische Fähigkeit, Reiche der Gerechtigkeit und Himmel des Glücks zu projizieren. Und große moderne Denker wie Bloch, Goldman, Durkheim, Michael Löwy, Rubem Alves u. a. sagen nichts anderes: Unser Fehler war, die Religion in der Vernunft zu verankern, während sich ihr natürliches Umfeld im Imaginären und im Prinzip Hoffnung befindet. Dort offenbart die Religion ihre Wahrheiten und kann uns auf der Suche nach dem Sinn des Lebens inspirieren.“

Für mich besteht Oscar Niemeyers Größe nicht nur in seiner Genialität, die weltweit anerkannt und geschätzt wird, sondern auch in seinem Lebenskonzept und in der Tiefe seines Kommunismus’. Für ihn war „das Leben eine Windböe“, hell und flüchtig, doch in aller seiner Fülle zu leben. Vor allem bestand das Leben für ihn nicht nur aus reiner Freude, sondern aus Kreativität und Arbeit. Er arbeitete bis an sein Lebensende, wie Picasso, und schuf mehr als 600 Werke. Und als authentische Persönlichkeit interessierte er sich für Kunst, Literatur und Wissenschaft. Noch im hohen Alter begann er, Kosmologie und Quantenphysik zu studieren. Die unermessliche Größe des Universums erfüllte ihn mit Bewunderung und Staunen.

Doch über alles kultivierte er Freundschaften, Solidarität und den Respekt vor jeder Person. „Architektur ist nicht das Wichtigste,“ wiederholte er immer wieder. „Was zählt, ist das Leben.“ Doch nicht irgendein Leben; ein Leben gelebt in der Suche nach den notwendigen Veränderungen, um die Ungerechtigkeit gegenüber den Armen zu überwinden, ein Leben, das diese verdrehte Welt verbessert, ein Leben, das zu Solidarität und Freundschaft führt. In der Zeitung „Jornal do Brasil“ vom 21.04.2007 bekannte er: „Es ist von grundlegender Wichtigkeit zu erkennen, dass das Leben ungerecht ist und dass wir das Leben nur dann besser leben können, wenn wir einander als Brüder und Schwestern helfend die Hände reichen.“

Sein Kommunismus ähnelt stark dem Kommunismus der frühen Christen, wie er in der Apostelgeschichte in den Kapiteln 2 und 4 beschrieben wird. Dort heißt es, dass die Christen alles miteinander teilten und es keine Armen unter ihnen gab. Folglich war es kein ideologischer Kommunismus, sondern ein ethischer Kommunismus mit menschlichem Antlitz: zu teilen, in Bescheidenheit zu leben. Dies pflegte Oscar immer zu tun und schenkte denen von seinem Geld, die es brauchten. Alles sollte allen gehören. Einem Journalisten, der ihn befragte, ob er eine Tablette nehmen würde, die ihm ewige Jugendlichkeit verleihen könnte, antwortete er: „Ich würde sie nehmen, wenn es für jeden in der Welt eine gäbe; Unsterblichkeit für mich allein möchte ich nicht.“

Eine Begebenheit, die mir unvergesslich ist, trug sich zu Beginn der 1980er Jahre zu. Oscar war in Petropolis, wo ich wohne und lud mich zum Essen ein. An diesem Tag kam ich gerade aus Kuba zurück, wo ich seit mehreren Jahren, gemeinsam mit Frei Betto, auf Wunsch Fidel Castros mit Regierungsvertretern unterschiedlicher Ranghöhe im Dialog stand (stets unter Beobachtung durch den Geheimdienst), um zu versuchen, sie von ihren dogmatischen und strengen Konzepten zu lösen, die dem sowjetischen Marxismus eigen waren. Dies waren ruhige Zeiten in Kuba. Mit der Unterstützung durch die Sowjetunion konnte das Land großartige Projekte für Gesundheit, Bildung und Kultur durchführen. Ich teilte Oscar mit, dass wohin auch immer ich in Kuba gegangen war, ich niemals Slums gesehen hätte, sondern eine würdevolle Armut. Ich erzählte ihm tausend Dinge über Kuba, das laut Frei Betto zu diesem Zeitpunkt wie “der zchwartze Budestaat Bahia war“. Seine Augen glänzten. Er aß fast nichts. Er war so begeistert zu erfahren, dass irgendwo in dieser Welt sein Traum von Kommunismus zumindest teilweise Wirklichkeit geworden war und der Mehrheit der Bevölkerung diente.

Mein Erstaunen war groß, als ich zwei Tage später einen Artikel von ihm in der Folha de São Paulo mit einem hübschen Bild der drei Berge mit Gipfelkreuz sah. An einer Stelle im Artikel hieß es: „Als ich vom Hochland von Petropolis nach Rio de Janeiro herunterkam, betete ich, der ich Atheist bin, zum Gott von Bruder Boff, dass die Lebenssituation des kubanischen Volkes einst Realität in Brasilien werden.“ Das war die warme, sanfte und radikal menschliche Güte Oscar Niemeyers.

Mir bleibt eine immerwährende Erinnerung an ihn. Von Darcy Ribeiro, der ihm ein brüderlicher Freund war, erwarb ich ein kleines Appartment nahe des Alto de Boa-Vista im Vale Encantado. Von dort aus kann man die ganze Barra de Tijuca sehen bis zum Ende des Recreio de los Bandeirantes. Oscar hatte dieses Appartment für seinen Freund umgebaut, sodass Darcy (der von kleiner Statur war) immer das Meer sehen konnte. Er baute eine Plattform von ca. 50 cm Höhe und, anders konnte es ja nicht sein, eine schöne Kurve über der Ecke wie eine Meereswelle auf dem Körper einer geliebten Frau. Dorthin ziehe ich mich zurück, wenn ich schreiben oder ein bisschen meditieren möchte, denn auch ein Theologe muss sich um sein Seelenheil kümmern.

Zweimal bot er an, für das Grundstück in Araras in Petropolis, auf dem ich lebe, das Modell einer kleinen Kirche zu entwerfen. Ich lehnte dies ab, denn es erschien mir ungerecht, meinen Besitz mit dem Werk eines Genies wie Niemeyer aufzuwerten. Letztlich ist Gott weder im Himmel noch auf der Erde zu finden, sondern dort, wo offene Türen einladen.

Das Leben ist nicht dazu bestimmt, mit dem Tod zu verschwinden, sondern um durch den Tod alchimistisch verwandelt zu werden. Oscar Niemeyer ist nur auf die andere Seite des Lebens gegangen, auf die unsichtbare Seite. Doch die unsichtbare Seite ist ein Teil der sichtbaren. Aus diesem Grund ist er nicht abwesend, sondern anwesend, er ist nur unsichtbar. Doch stets mit derselben Milde, Sanftheit, Solidarität und Liebe, die ihn immer gekennzeichnet haben. Und wo auch immer er jetzt ist, so wird er sich Welten ausdenken, projizieren und erschaffen, die schön sind, kurvenreich und von Leichtigkeit erfüllt.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

Entrevista no Spiegel: Ein Würgeengel der Kirche?

No número 50 do dia 10.12.2012 saiu uma entrevista minha na revista semanal alemã DER SPIEGEl sobre a situção atual da Igreja Católica e sobre a Teologia da Libertação. Não há tradução em portugues porque a entrevista foi dada diretamente em alemão.Lboff

SPIEGEL-GESPRÄCH
RAFAEL SANCHEZ FABRÉS / DER SPIEGEL

„Ein Würgeengel der Kirche“

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff über das Zerwürfnis mit Joseph Ratzinger und ein Gebet mit Kubas Revolutionär Fidel Castro
Es ist fast ein Garten Eden, den der weißhaarige Alte, für viele ein Hei- liger, mit seiner Familie bewohnt: Bambussträucher und Papyrusbäume, ein Teich mit Karpfen, eine wilde Wiese, auf der Hühner gackern. Das Haus aus Na- turstein nahe Petrópolis, zwei Fahrstun- den von Rio de Janeiro entfernt, ist voll- gestopft mit Büchern, mehr als 80 hat er selbst geschrieben oder herausgegeben.

Leonardo Boff, 73, wurde als eines von elf Kindern im südbrasilianischen Con- córdia geboren, seine Vorfahren stammen aus Norditalien. Er trat 1958 dem Fran- ziskaner-Orden bei, studierte in Brasilien Philosophie und Theologie und promo- vierte 1970 in München. Zurückgekehrt nach Brasilien, geriet Boff bald in Streit mit der Amtskirche, weil er sich – auch mit marxistischen Thesen – an der Seite der Armen gegen die Ausbeutung durch Südamerikas Militärdiktaturen engagier- te. 1992 gab er, vom Vatikan gedrängt, sein Priesteramt auf. Gastprofessuren führten ihn nach Lissabon, Salamanca, Basel, Harvard und Heidelberg, zuletzt lehrte er Ethik in Rio de Janeiro. Heute engagiert sich Boff hauptsächlich für Sozialarbeit und Umweltschutz. Als in- offizieller Berater der Regierung ist er einflussreich geblieben.

„Mit dem SPIEGEL muss ich aufpassen, nach meinem letzten Interview mit Ihnen vor zwei Jahrzehnten reagierte der da- malige Kardinal Ratzinger sehr gereizt“, sagt Boff in seinem immer noch fließen- den Deutsch. „Aber andererseits: Ich habe nichts mehr zu verlieren.“

SPIEGEL: Herr Professor, im nächsten Jahr wird Papst Benedikt XVI. Brasilien besu- chen. Wenn er Sie einlädt, gehen Sie hin – und was werden Sie ihm sagen?
Boff: Das wird er nicht tun, aber käme es dazu, würde ich mich einer Diskussion natürlich nicht entziehen. Meine Bot- schaft wäre klar: Hören Sie auf, Angst unter den Gläubigen zu verbreiten, stop- pen Sie Ihre fundamentalistische Rigoro- sität! Begreifen Sie sich nicht als doktri- närer Lehrer, sondern endlich als Hirte, als Mutmacher der Gläubigen, denn das ist Ihre Hauptaufgabe als Papst! Aber ich habe wenig Hoffnung, dass er mich ver- stünde. Als er Pontifex maximus wurde, habe ich gesagt: Es wird schwer werden, diesen Papst zu lieben. In den sieben Jahren, die er jetzt sein Amt ausübt, habe ich nichts gefunden, was mich ermutigen würde. Es ist alles noch schlimmer ge- kommen.

SPIEGEL: Was werfen Sie ihm vor?
Boff: Er verbreitet keine Aufbruchstim- mung in der Weltkirche, er ist ein Brem- ser, der nur Disziplin einfordert, Gehor- sam und nichts als Gehorsam. Es geht ihm primär darum, den Machtapparat des Vatikans zu festigen. Fast melancholisch wiederholt er auf seinen Reisen die alte Leier, predigt sein Nein zu Verhütungs- mitteln, sein Nein zu Frauen im Priester- amt, sein Nein zur Homosexualität. An den wahren theologischen Problemen geht er vorbei.

SPIEGEL: Und die wären?
Boff: Die zentrale Frage lautet doch: Wie kann man einem Gott glauben, der in ei- ner Welt voller Elend ein gütiger Vater sein soll – und was lehrt uns Jesus? Sollen wir die Ver- hältnisse einfach nur ertragen oder sie positiv verändern? Schauen Sie, ich lebe in Latein- amerika, ich kenne die Not der Menschen. Eine Kirche, die sich als Erbe von Jesus Christus versteht, der ja selbst ein Armer war und nicht an Altersschwäche ge- storben ist, sondern für uns alle am Kreuz – sie muss die natür- liche Alliierte einer Bewegung von unten sein. Die Kirche von heute hat den Menschen in ih- rem Alltagsleben nichts mehr zu sagen. Dieser Papst wird zum Würgeengel der Kirche.

SPIEGEL: Benedikt versteht sich doch primär als Seelsorger.
Boff: Es ist eine Illusion zu glauben, durch doktrinäre Dokumente und durch doktrinäres Verhalten das Leben der Gläubigen bestimmen zu können. Benedikt fehlt es an Charisma, er ist ein eher schüchterner und hochintelligenter Professor, der unter seinem öffentlichen Amt zu leiden scheint und Schwierigkeiten hat, auf Menschen zuzugehen; der sich lieber in wissenschaft- liche Arbeiten vertiefen würde, als hinaus in die Welt zu gehen, wo er sich unwohl fühlt. Er strahlt Tristesse aus.

SPIEGEL: Dafür kommt er er- staunlich gut an. Ob beim Welt- jugendtag in Deutschland und in Spanien oder bei seinem Besuch in Brasilien 2007: Viele Men- schen, gerade Jugendliche, ju- beln ihm zu.
Boff: Es gibt eine spirituelle Sehn- sucht. Aber ich glaube, die Be- geisterung bleibt oberflächlich, sie ist eine Art Pop-Phänomen ohne Substanz. Benedikt und die Kirche, wie er sie versteht, haben den Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags sehr wenig zu bieten.

SPIEGEL: Anlässlich des Zweiten Vatikani- schen Konzils 1962 fragte ein junger Mann provozierend: „Soll die antimodernisti- sche Geisteshaltung der Defensive fort- gesetzt werden, oder will die Kirche ein neues Blatt aufschlagen und in eine posi- tive Begegnung mit der Welt von heute treten?“ Wissen Sie, wer das war?
Boff: Das könnte ich gewesen sein. Aber ich weiß, dass es Joseph Ratzinger war, ich kenne jede seiner Äußerungen. Entschuldigung, wenn ich Ihnen jetzt eine Pointe verdorben habe.

SPIEGEL: Warum tickte Ratzinger als Kon- ferenzteilnehmer vor einem halben Jahr- hundert so ganz anders? Warum hat er damals vehement Reformen eingefordert,
mit einem Aufbruch der Kirche sympathisiert und unterdrückt ihn heute? Was ist mit diesem Mann passiert?
Boff: Damals war das eine Mehrheitsmei- nung unter den deutschen Bischöfen. Ich kenne ihn seit nunmehr vier Jahrzehnten, und glauben Sie mir, er war früher an- ders, zumindest intellektuell offener, zugänglicher, gar nicht doktrinär. Aber ich weiß nicht, ob Ratzinger wirklich ein Re- former war oder sich aus eher taktischen Gründen auf diese Seite schlug.

SPIEGEL: Sie haben in München bei dem Theologen Karl Rahner studiert. Profes- sor Ratzinger hat Sie bei der Veröffentlichung Ihrer Doktorarbeit unterstützt – er war ein wichtiger Mann in Ihrem Leben.
Boff: Ja, und ich habe ihm viel zu verdan- ken. Er hat meine Dissertation damals
sehr gelobt und sich dafür ein- gesetzt, dass sie gedruckt werden konnte. Ich weiß noch genau, 14 000 Mark Zuschuss, die hatte ich ihm zu verdanken. Daraus ist eine Art Kameradschaft entstan- den, wir haben uns jedes Jahr an Pfingsten getroffen.

SPIEGEL: Ist Ihr persönlicher Kon- takt dann abgebrochen, als er nach Rom ging? Boff: Nein. Als Papst Johannes Paul II. ihn 1981 zum Präfekten der Glaubenskongregation im Vatikan machte, habe ich ihm noch gratuliert und ihm geschrie- ben, wie froh ich über diese Er- nennung war: „Glückwunsch, endlich ein bedeutender Theolo- ge im Vatikan“. Ich setzte wirk- lich Hoffnungen in ihn.

SPIEGEL: Und dann?
Boff: Ich habe Schwierigkeiten, mir zu erklären, was am Heiligen Stuhl mit ihm passiert ist. Aber ich habe vergleichbare Rückent- wicklungen auch bei anderen be- obachtet, die nach Rom gegan- gen sind – es muss so etwas wie ein vatikanisches Virus geben, das die Leute da befällt. Ratzin- ger jedenfalls hat es zerfressen.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie etwas verbittert sind?
Boff: Ach, lassen wir diese psy- chologische Ebene. Ich habe gute Gründe für meine Kritik an Rat- zinger. Er hat mich bald nicht mehr eingeladen nach Rom, son- dern mich vorgeladen.

SPIEGEL: Sie hatten den Vatikan herausgefordert und eine radikal andere Kirche verlangt. Gemeinsam mit dem peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez entwi- ckelten Sie die „Theologie der Befreiung“ und veröffentlichten als leitender Mitarbeiter des größten katholischen Verlags Lateinamerikas provozierende Artikel und Bücher.Ist die Befreiungstheologie nicht viel mehr eine sozialrevolutionäre Bewe- gung als eine christlich-katho- lische?
Boff: Die katholische Kirche hat sich in ihrer Geschichte prak- tisch immer sehr gut mit den Reichen verstanden, sie konnte mit der Mittelschicht noch ei- nigermaßen, doch mit den Un- terprivilegierten fand sie kaum Gemeinsamkeiten. Sie hat zu lange zu real existierenden Phänomenen wie Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrü- ckung geschwiegen – und sich zum Komplizen der Herrschen- den gemacht. Unser Konzept der Befreiungstheologie ent- stand durch die Arbeit mit den Ärmsten auf dem Land, durch die Selbstorganisation katholi- scher Basisgemeinden. Sie müssen den Kontext sehen: Nach dem Militärputsch in Brasilien 1964 wa- ren, von den USA militärisch und öko- nomisch gestützt, fast überall in Latein- amerika Militärdiktatoren an die Macht gekommen. Wir Befreiungstheologen verstanden uns als Sprachrohr der Unterdrückten, ganz im Einklang mit dem, was in der Bibel steht.

SPIEGEL: Worauf genau beziehen Sie sich?
Boff: Gott hat das Elend seines Volkes ge- sehen und „das Geschrei über ihre Be- dränger gehört“, heißt es in der Bibel. Und bei Lukas im Neuen Testament: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Ich habe die Erlösung als Zentralbegriff der biblischen Heilsbotschaft auch als eine sozialpolitische und ökonomisch revolu- tionäre Veränderung verstanden.

SPIEGEL: So interpretiert, wird Jesus zum Sozialrevolutionär. Man hat Ihnen immer vorgeworfen, Marxist zu sein.
Boff: Natürlich habe ich Karl Marx gelesen, diese Lektüre hätte auch keinem Papst geschadet. Von Marx stammen allenfalls die theoretischen Kriterien für unsere Sicht, wie es um die Gesellschaft wirklich bestellt war. Er hat uns gezeigt, dass die Armen nicht von Natur aus arm sind, sondern un- terdrückt werden. Aber natürlich sahen wir auch die Unvollkommenheit des real existierenden Sozialismus.

SPIEGEL: Sie haben nach einer Reise in die Sowjetunion anerkennende Worte über das politische System dort gefunden.
Boff: Sie müssen den Kontext sehen. Ich fand nicht die Verhältnisse im Ostblock gut, aber ich fand wichtig, dass es neben dem kapitalistischen Modell auch noch ein Gegenmodell gab. In El Salvador wurde 1980 der katholische Erzbischof und Be- freiungstheologe Oscar Romero von Schergen des Militärregimes erschossen, viele Priester und Gläubige in anderen la- teinamerikanischen Staaten starben unter Folter. Für mich war der Marxismus in der Befreiungstheologie immer eine Nebensache, Marx stand nicht Pate für unsere Sozialarbeit. Allerdings sah ich auch die praktizierte katholische Soziallehre als we- nig hilfreich an, da sie sich vor der Kon- frontation mit der Realität gedrückt hat.

SPIEGEL: Sie gerieten damit in scharfen Gegensatz zu Ratzinger und auch zu Papst Johannes Paul II., der in Polen mit dem real existierenden Sozialismus und dessen Unmenschlichkeit konfrontiert worden war. Kann es sein, dass da auch ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen eine Rolle spielten?
Boff: Möglich. Johannes Paul sagte immer: Lasst mich in Ruhe mit Marxismus, ich weiß, was Marxismus bedeutet. Für mich gab es diese Berührungsängste nicht. SPIEGEL: Für Ihre ketzerischen Thesen hat der Vatikan Sie dann abgestraft.
Boff: Anfang 1984 hat mir Ratzinger einen persönlichen Brief geschickt, mit kriti- schen Anfragen zu meinem Buch „Kirche: Charisma und Macht“. Im Septem- ber wurde ich offiziell zu einem Gespräch in den Vatikan vorgeladen. Ich musste in demselben dunklen und hässlichen „Befragungszimmer“ im Vatikan auf dem- selben Stuhl Platz nehmen wie einst Galileo Galilei.

SPIEGEL: Illustre Gesellschaft.
Boff: Ich hatte mir gar nicht träumen lassen, dass ein so unbedeutender Theologe aus der Peripherie dasselbe Geschick er- leiden würde wie der berühmte Galilei. Ich war auf eine intellektuelle Auseinan- dersetzung vorbereitet. Aber es gab dann unmittelbar vor der Befragung Streit, Rat- zinger war außer sich vor Empörung. Zwei brasilianische Kardinäle, Anhänger der Befreiungstheologie, hatten darauf bestanden, mich nach Rom zu begleiten, und wollten auch mitdiskutieren.

SPIEGEL: Wie wurde das gelöst?
Boff: Mit einem typisch vatikanischen Kompromiss. Ratzinger erlaubte eine ge- meinsame Gesprächsrunde. Aber in dem Inquisitionszimmer wollte er sich mich allein vorknöpfen. Es war eine sehr höf- liche, aber auch unversöhnliche Diskus- sion. Am Ende blieb der Vorwurf, meine Gedanken würden „zur Zerstörung des authentischen Sinns der Sakramente“ führen. Mir wurde ein unbefristetes „Bußschweigen“ auferlegt und der Lehrstuhl für Theologie entzogen.

SPIEGEL: Warum haben Sie das akzeptiert?
Boff: Ich wollte weiter helfen, die Kirche von innen heraus zu reformieren. Aber ich habe die Vorschrift flexibel ausgelegt: Ich habe selten so viel kommuniziert wie gerade in jenem Jahr. Ich wurde dann noch mehrfach vom Vatikan gemaßregelt, meine Bücher sollten vorzensiert werden. Mir wurde die Leitung der katholischen Zeitung „Revista Vozes“ entzogen, ich musste das von mir geführte Theologie- seminar in Petrópolis verlassen.

SPIEGEL: Der Kardinalstaatssekretär des Vatikans, Angelo Sodano, verglich Sie mit Judas, dem Verräter.
Boff: Was der Tiefpunkt war. 1992 habe ich dann die Konsequenzen gezogen. Ich trat aus dem Franziskaner-Orden aus und legte mein Priesteramt nieder. Aber na- türlich blieb ich meinen Themen treu. Ich habe die Schützengräben gewechselt, nicht die Schlacht.

SPIEGEL: Mit Papst Johannes Paul II. kam es dann noch zu einer Art Versöhnung. Boff: Er war anders als Ratzinger ein Ch rismatiker, allerdings ein schwacher Theo- loge. Er konnte auf Menschen zugehen und sich ihrer Probleme annehmen. Er hatte eben nur diese Marxismus-Phobie die er mit sich herumschleppte. Aber spä- testens nach dem Fall der Berliner Mauer spielte nicht einmal für die radikalsten der Befreiungstheologen der real existie- rende Sozialismus eine Rolle mehr. Auch Johannes Paul konnte sich eine unver- stelltere Sicht der Dinge aneignen. Bei einem Besuch brasilianischer Bischöfe in Rom sagte er dann wenige Jahre vor sei- nem Tod, er verstehe uns endlich. Und er bestätigte das gegenüber dem Kardinal Evaristo Arns: „Unter den Umständen von Unterdrückung kann die Befreiungs- theologie nicht nur nützlich, sondern so- gar notwendig sein.“
SPIEGEL: Sie wurden für die Linke weltweit zum Helden. Hatten Sie nie Angst, in- strumentalisiert zu werden? Fidel Castro beispielsweise …
Boff: : … hat mich nach Havanna eingela- den, eine ganze Woche lang begleitete er mich durchs Land, fast immer waren wir dabei allein. Ich habe ihm meine Meinung über die Unfreiheit in Kuba gesagt. Und ich habe mit ihm auf seinen Wunsch hin unter vier Augen gebetet.

SPIEGEL: Dieser Fidel Castro, der sogar Weihnachten auf der Insel verbieten ließ?
Boff: Er ist von Jesuiten erzogen worden, die Beschäftigung mit dem Glauben hat ihn nie losgelassen.

SPIEGEL: Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben beide Kuba besucht.
Boff: Fidel hat mir gesagt, er finde es verblüffend, wie gut er mit den Päpsten auskomme. Ich antwortete ihm: Warum sollten sich Vertreter autoritärer Regime nicht blendend verstehen?

SPIEGEL: Nach Ihrem Abschied aus dem Amt ging es mit der Befreiungstheologie abwärts.
Boff: Während seiner Zeit als Leiter der Glaubenskongregation hat Ratzinger mehr als hundert Theologen verurteilt. Und als Papst wurde die Bewegung für ihn erst recht eine Obsession. Er hat fast alle Bastionen der Befreiungstheologie geschleift und nur Konservative seiner Denkschule in wichtigen Positionen ver- ankert. Aber wir Befreiungstheologen haben eher gewonnen als verloren.”Ich wünsche der Kirche nur das Beste“

SPIEGEL: Wieso?
Boff: Die Befreiungstheologie hat tief in die Politik und das Leben der Menschen hineingewirkt. 2003 ist der Gewerk- schaftsführer Lula da Silva Präsident un- seres Landes geworden, seit 2011 ist die Ex-Guerillera Dilma Rousseff seine Nach- folgerin. Beide sind von unserer Art des christlichen Denkens beeinflusst, ich habe gute Kontakte in Brasília.

SPIEGEL: Sie haben den Kapitalismus immer als ein System des Bösen an- geprangert, das zwangsläufig zur Aus- beutung führen müsse, zur Akkumulation des Superreichtums, zur Verar- mung der Massen. Lula und Rousseff be- treiben eine industriefreundliche Politik und sind nur dadurch in der Lage, ein- drucksvolle Sozialprogramme zu finan- zieren.
Boff: Ja, das stimmt. Ihr sozialdemokratischer Weg zeigt sich als der richtige, wenngleich noch viel zu tun ist. Vor allem in den Favelas. Und eines hat sich nicht verbessert, in Brasilien nicht, im Rest der Welt womöglich noch weniger: der Raub- bau an der Natur. Für mich ist die Öko- logie zum Hauptthema der Menschheit geworden.

SPIEGEL: Ihre neuen Bücher handeln vor allem von ökologischer Spiritualität. Bleiben Sie da nicht notwendigerweise – ähn- lich wie der Dalai Lama – oft im Unge- fähren, im Esoterischen?
Boff: Nein, das glaube ich nicht. Ich ver- suche, konkrete Anleitungen zu geben. Wir brauchen eine neue Ethik, die den verzweifelten Schrei der Erde hört.

SPIEGEL: Sie haben den organisierten Katholizismus hinter sich gelassen. Erfüllt es Sie manchmal nicht mit klammheim- licher Freude, wenn Sie von den Schwie- rigkeiten des Vatikans hören, etwa von den offensichtlich nicht zu bewältigenden Missbrauchsskandalen?
Boff: Ich bitte Sie. Die katholische Kirche ist meine spirituelle Heimat. Ich wünsche ihr nur das Beste. Aber was die zahlrei- chen Fälle von Pädophilie angeht: Ich denke, das hat mit unterdrückter Sexua- lität zu tun.

SPIEGEL: Sie sehen einen Zusammenhang von Zölibat und Pädophilie?
Boff: Ja. Und ich finde es beschämend, wie halbherzig der Vatikan mit der Auf- arbeitung dieses Skandals umgeht.

SPIEGEL: Wie sähe Ihre ideale Kirche aus?
Boff: Der Papst betrachtet die Kirche wie ein Schiff, das fest verankert im Hafen liegt, das kontrolliert werden muss. Er ist besessen von Kontinuität und sucht nicht die Wahrheit, sondern nur die Si- cherheit. Für mich ist die Kirche ein Schiff, das gebaut ist, um es draußen auf dem Meer mit den Wellen aufzunehmen und sich, wenn nötig, einen neuen Kurs zu suchen.

SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 50/2012 155
RAFAEL SANCHEZ FABRÉS / DER SPIEGEL