Weihnachten gibt uns immer wieder die Gelegenheit, zum ursprünglichen Christentum zurückzufinden. Zuerst haben wir da die Botschaft Jesu: Gott zu erfahren als einen Vater mit mütterlichen Eigenschaften; bedingungslose Liebe, Gnade und völlige Hingabe an einen Traum: den Traum vom Reich Gottes. Zweitens haben wir die Jesus-Bewegung: diejenigen, die sich, ohne einer Konfession oder einem Dogma anzuhängen, von Seiner großzügigen und radikal menschlichen Saga begeistern lassen und Ihn als gültiges Leitbild wählen. Drittens gibt es die Theologien über Jesus, die sich in den Evangelien finden, die 40-50 Jahre nach Seiner Hinrichtung am Kreuz niedergeschrieben wurden. Die Gemeinden, die jedem dieser Evangelien zugrunde liegen, erarbeiteten ihre Interpretationen über das Leben Jesu, Seine Praktiken, Seine Konflikte mit den Autoritäten, Seine Gotteserfahrung und über die Bedeutung Seines Todes und Auferstehung. Jedoch verdunkelten sie seine Person mit so vielen Doktrinen, dass es schwierig ist zu wissen, wer der historische Jesus, der unter uns lebte, wirklich war. Und letztlich gibt es da Kirchen, die versuchen, das Vermächtnis Jesu fortzuführen. Eine dieser Kirchen, die katholische Kirche, beansprucht, die einzig wahre Hüterin Seiner Botschaft und deren ausschließliche Auslegerin zu sein. Ein solcher Anspruch macht einen ökumenischen Dialog und eine Einheit der Kirchen, die nicht durch Beckehrung zustande käme, praktisch unmöglich.
Wir neigen heute dazu zu behaupten, dass keine der Kirchen Jesus für sich allein beanspruchen kann. Er gehört der ganzen Menschheit und ist ein Geschenk Gottes für alle aus allen Teilen der Erde.
Nimmt man die katholische Kirche als Bezugsgröße, so lässt sich feststellen, dass sich in ihrer jahrtausendealten Geschichte zwei Tendenzen – neben anderen weniger ausgeprägten – lange durchgehalten und entwickelt haben. Die erste beruht sehr stark auf den Begriffen von Schuld, Sünde und Buße. In der katholischen Kirche schwebt über diesen Wirklichkeiten das Schreckgespenst der Hölle, des Fegefeuers und der Angst.
Grundsätzlich können wir sagen, dass Angst einer der fundamentalen Faktoren im Vordringen des Christentums war, wie Jean Delumeau in seinem Klassiker „Die Angst im Abendland“ (La peur en occident, 1978) aufzeigte. Die Vorgehensweise zur Zeit Karls des Großen war: Entweder du bekehrst dich zum Christentum, oder wir helfen mit dem Schwert nach. Liest man die ersten Katechismen Lateinamerikas, wie z. B. den ersten von Fray Pedro de Cordoba, Doctrina cristiana (Christliche Doktrin) von 1510 und 1544, kommt diese Tendenz klar zum Vorschein. Er beginnt mit einer idyllischen Beschreibung des Himmels, gefolgt von einer schrecklichen Schilderung der Hölle, „wo sich all eure Vorfahren, Väter, Mütter, Großeltern, Verwandte befinden … und wohin auch ihr kommt, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ In manchen Teilen der Kirche bedient man sich noch heute dieser Kategorien von Angst und Hölle.
Eine andere, zeitgemäßere Tendenz, die meiner Meinung nach Jesu Botschaft näher kommt, legt den Schwerpunkt auf Mitgefühl und Liebe, die ursprüngliche Gerechtigkeit und auf ein gutes Ende für die Schöpfung. Sie versteht die Heilsgeschichte so, dass sie innerhalb der Geschichte der Menschheit aufkommt und nicht alternativ zur Menschheitsgeschichte. Diese Tendenz beschreibt ein fröhlicheres Christentum, das im Dialog mit den modernen Kulturen und Werten steht.
Das Weihnachtsfest steht in Verbindung zu dieser letzteren Tendenz des Christentums. Was gefeiert wird, ist das Gott-Kind, das weinend zwischen Ochs und Esel liegt und das weder Angst auslöst noch irgendjemanden richtet. Es ist gut, das sich das Christentum auf dieses Kind besinnt. Es repräsentiert den archetypischen Puer aeternus, das ewige Kind, das wir im Grunde unseres Herzens immer selbst geblieben sind.
Eine der besten Schülerinnen C. G. Jungs, Marie-Louise von Franz, analysierte diesen Archetypus ausführlich in ihrem Buch, Puer Aeternus, 1987. Es beschreibt einen gewissen Zwiespalt. Lassen wir das Kind hinter uns, so wird eine regressive Energie frei, die bestimmt ist von Sehnsüchten nach einer Welt, die es nicht mehr gibt und die niemals ganz überwunden und verinnerlicht worden war. Wir bleiben dann weiterhin kindlich.
Doch wenn wir das Ewige Kind vor uns stellen, lässt es in uns eine Erneuerung des Lebens aufstrahlen, eine Unschuld, und neue, auf die Zukunft hin ausgerichtete Handlungsmöglichkeiten.
Dies sind nun die Gefühle, die wir an diesem Weihnachtsfest nähren wollen, inmitten einer düsteren Situation für die Erde und die Menschheit: das Gefühl, dass wir immer noch eine Zukunft haben und uns retten können, da der Stern großmütig und das Kind ewig ist, denn Er nahm in ihm Gestalt in dieser Welt an und wird nicht zulassen, dass alles untergeht. Die Menschlichkeit und Fröhlichkeit des Gottes aller Nationen hat sich in ihm manifestiert. Alles andere ist sinnlos.
Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack